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Dieses Buch erzählt, wie ich den Vater meiner beiden Töchter kennen lerne und wie diese unglaubliche Geschichte endet. Ein Abenteuer, in welches ich mich auf der Suche nach der wilden Romantik bewusst gestürzt habe - hoffnungslos verliebt. In diesen drei turbulenten Jahren, geprägt von physischer und psychischer Gewalt, hat sich mein Leben grundlegend verändert. In meinem geliebten Mexiko werden mir die harten Seiten eines Lebens in Armut aufgezeigt. Es lehrt mich Demut und Dankbarkeit. Der Verlauf der Dinge lässt mich nach und nach die nur schwer entwirrbare Verstrickung von Verlust der Selbstachtung und vermeintlichen Abhängigkeiten erkennen. Unter erschwerten und ungewohnten Lebensbedingungen gelingt es mir dennoch, entsprechend zu handeln. Die Eskalation der Geschehnisse befeuert meine innere Kraft, selbst in den scheinbar aussichtslosesten Momenten nicht aufzugeben. Kommen Sie mit auf die Achterbahn der Gefühle und lassen Sie sich von dieser wahren Geschichte mitreissen!
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Nur wer Geschichten schreibt, hat auch gelebt. Wenn ich meine Geschichte erzähle, lasse ich sie los.
(inspiriert von einer Filmszene aus »Outlander«)
Sibylle Enguel, geboren 1971 in Zürich, schrieb als Kind gerne Geschichten für ihre jüngere Schwester. Und es zog sie schon immer in die Ferne. Nach der Matura absolvierte sie einen kaufmännischen Bildungsgang und war für sieben Jahre in der Versicherungsbranche tätig. Danach drückte sie nochmals die Schulbank und erlangte das Primarlehrerdiplom. Sie lebte zeitweise in Israel, später arbeitete sie als Primarlehrerin in Mexiko. Heute verdient sie den Lebensunterhalt als kaufmännische Allrounderin und lebt zusammen mit ihren beiden Töchtern in Zürich. Die Liebe zum Schreiben begleitet sie bis heute. Die Autobiografie »Warum nicht Mexiko.« ist ihr Erstlingswerk.
für meine beiden Töchter Milena & Natalia
Prolog
Día libre – Waschtag
Bajo el mismo techo – Übergangslösung
Bienvenido en México – Willkommen in der Realität
TEIL EINS: SCHWEIZ
Mirada atrás – Rückblende
1. Sueños de niña – Mädchenträume
2. Aretes – Geschenk am Weihnachtsmarkt
Somos novios – ein wunderschönes Paar
3. Príncipe azúl – verrückte Liebe
4. La primera vez – mein erstes Mal
5. Que pasa? – fassungslos und konsterniert
6. México de nuevo – Landleben
Amor loco – ist das Liebe?
7. Esfuerzo – mittendrin verstrickt
8. Felíz navidad y próspero año nuevo – die besten Wünsche
9. Desesperada – unerträgliche Situation
10. Visita de Doña Tere – Hoffnungsschimmer
11. Demasiado tarde – Vorbereitungen
TEIL ZWEI: MÉXICO
México lindo – wir kommen!
1. Primeros días – Ankunft
2. Tranquilización – Alltag
3. Nacimiento – das grösste Wunder
4. Un mes magnífico – Geschenk von Mamma
Vida rural – Leben im Indiodorf
5. Felíz cumpleaños – Geburtstag einmal anders
6. Mi casa es su casa – Gastfreundschaft auf mexikanisch
7. Amigas – langjährige und neue Freundschaften
8. Trátame bien! – Frauenrechte
Erupción – Befreiungsschlag
9. Perder los estribos – völlig ausgetickt
10. Chivearse - Fluchtplan
11. Estar clavada – düstere Aussichten
12. Depuración – unerwarteter Lichtblick
Riesgo – nicht ohne meine Tochter
13. Fracaso – gescheiterter Versuch
14. Ayuda – Hilfe von unbekannt
15. Pinchazo de adrenalina – wie im Film
16. Adiós – One-way-Ticket
Epilog
Danksagung
Glossar
Speisen & Esskultur
Karte
Wie viele Kleidungsstücke warten noch darauf, von mir von Hand geschrubbt zu werden? Es ist schon erleichternd, dass wir über ein genau zu diesem Zweck mit Rillen ausgestattetes Waschbecken verfügen. Noch drei Männerjeans, verschmutzt mit Kuhdreck, dazu einige wirklich arg strapazierte Maurerhosen und T-Shirts – und dann sind da noch ein paar Umstandskleider von mir. Das wird noch eine Weile dauern…
Die tropische Hitze trägt dazu bei, dass mir Strähnen meines dunklen Lockenschopfs im Gesicht kleben. Ich halte kurz inne, Schweisstropfen bahnen sich ihren Weg von der Stirn über die Nase, um dann auf die eingeseifte Wäsche vor mir zu tropfen. Ich richte meinen über dem Waschbecken gebeugten, von der stundenlangen Schrubberei geschundenen Rücken auf, wische meine Hände an der luftigen Haremshose ab, massiere die schmerzende Partie auf der Höhe des fünften und sechsten Lendenwirbels und lasse meinen Blick über den Patio bis an den Horizont schweifen.
Oh ja, ich liebe diesen Blick durch die tropische Vegetation hin zu den Hügelzügen von Xochicalco in der Ferne! Dieses Flirren in der Luft, das ganz spezielle helle Licht, der Duft nach Tamales und Elotes, die Rufe exotischer Vögel – diese Sensation aller Sinne betört mich vom ersten Tag an. Wenn ich jeweils an meinen drei Arbeitstagen pro Woche den eineinhalbstündigen Weg mit dem Bus von Cuernavaca zurück nach Alpuyeca antrete, fühle ich stets ein freudiges Kribbeln, wenn sich der Bus mit übersetzter Geschwindigkeit in halsbrecherischer Manier den Weg über den Periferico runter freihupt, um mich dann auf der einzigen Strasse übers Land in unveränderter Fahrweise an mein Ziel zu bringen. Die Schlaglöcher der ungeteerten, staubigen Strasse durch Felder und Wälder, vorbei an steilen ungeschützten Abgründen und durch wilde Wasserläufe stören mich nicht. Ein Blick nach links, da ist er: der majestätische, bläulich schimmernde Popocatepetl in der Ferne, der mich über weite Strecken auf dem Heimweg begleitet – wie der Mond, der auf nächtlichen Autofahrten beim Anblick mitzureisen scheint. Dies zaubert mir jedes Mal ein zufriedenes Lächeln auf mein Gesicht.
Mein Arbeitsweg durch diese so wunderschöne Gegend entschädigt mich Tag für Tag erneut dafür, dass ich an meinem freien Tag zwölf Stunden am Waschbecken stehe und Wäsche für vier Personen von Hand wasche – hochschwanger.
Und lässt mich weiterhin positiv denken: ich müsste mir nur mehr Mühe geben! Hart, anders, ungewohnt ist das Leben auf dem Land in einem Indiodorf, das noch nicht über geteerte Strassen verfügt und wo der Esel als Hauptverkehrsmittel dient, in welchem ausser mir noch nie eine Europäerin lebte, in welchem jeder seine Behausung und Familie mit einem abschliessbaren Zaun vor Eindringlingen zu schützen versucht, in welchem noch die Blutfehde gilt und es jedes Wochenende Auseinandersetzungen mit Toten gibt, deren Köpfe danach im Dorfbach gefunden werden.
Also stutze ich nachts im Schein der Taschenlampe die Äste der hochgewachsenen Tamarinden, damit die Sonne das kürzlich vom Nachbarn erworbene Landstück, welches wir mit gekauften Rasenrollen zu einem schönen Garten umzugestalten gedenken, ins richtige Licht rücken kann.
Der Auslauf für die Hühner auf der linken Seite ist behelfsmässig mit Maschendraht begrenzt. Der hintere Bereich soll für die sechs Kälber schön und sicher abgetrennt werden. Die dafür verwendeten Paletten hieve ich ganz selbstverständlich von unserem Ford Pick-up – ja, wir sind stolze Besitzer eines fahrbaren Untersatzes. Die Kühe weiden auf einem weiteren Grundstück, etwa zehn Minuten Autofahrt von unserem Wohnort entfernt, wo wir unser eigenes Haus zu errichten gedenken – das Gras steht kniehoch, beherbergt Schlangen und ist nicht ohne die Machete zu betreten.
Das lässt nun meinen sonst unerschütterlichen Optimismus doch ein wenig ins Straucheln geraten. Dieses Projekt muss wohl noch ein wenig rausgeschoben werden.
Wir dürfen ja netterweise bei Mama Tere wohnen – im Durchgang zwischen den zwei Haupträumen des Hauses, welcher uns auf 15 Quadratmetern ein Zuhause bietet: ein Bett, zwei Gestelle voller Kleider und sonstiges Hab und Gut, ein Pult und viele Kisten mit aufbewahrten Kleinoden und Vergessenem aus vergangenen Zeiten. Das rosa Haus mit dem abbröckelnden Verputz von Teresa besteht aus einem Hauptraum, der Wohnbereich, Essecke und Küche vereint. In einem separaten Raum gegenüber der Kochecke sind WC und Dusche untergebracht.
Ein schmaler Anbau mit separatem Zugang ist der ganze Stolz der Familie: hier ist das Zahntechnikerlabor untergebracht und soll – aufgerüstet mit Zahnarztzubehör von Qualität erster Güte aus der Schweiz – das Mutter-Sohn-Unternehmen im Dorf in Schwung bringen.
Unsere Privatsphäre beschränkt sich auf diese Verbindung zwischen Wohnraum und Praxis, wobei der Durchgang zur Praxis nicht über eine Türe verfügt. Licht fällt durch die Scheiben der Eingangstüre ein, die wegen der Hitze tagsüber stets offensteht. Der Durchgang zwischen Wohn- und Praxisraum weist ein grosses Fenster auf, das aus gläsernen Lamellen besteht und so stets die Luftzufuhr geregelt werden kann. Die Dusche verfügt der Einfachheit halber bloss über eine Aussparung in der Wand, welche mit Eisenstäben armiert den Einstieg für ungebetene Gäste verwehren soll.
Des Nachts – und insbesondere in der Regenzeit – finden Kakerlaken, Skorpione, Spinnen, Ameisen und weiteres Ungeziefer problemlos den Weg in die schützenden vier Wände. Ich lernte schnell von Mama Tere, wie man insbesondere die hellen und somit giftigeren Skorpione an der Decke mit dem Besenstiel killt und cucarachas mit chanclas erschlägt. Spinnen und Killerameisen macht man mit Insektenspray unschädlich: erstere springen einen nämlich an und sind giftig, letztere kommen in Scharen und schaffen es, innert wenigen Stunden sämtliche Pflanzen kahl zu fressen.
So geschehen mit unseren frisch gepflanzten Hecken – wir wollten ja einen schönen Patio mit Wiese und Hecken… Ich wurde Augenzeugin, wie die Hecken von den Viechern in Beschlag genommen wurden und wir mit auch noch so vielen Insektenspraydosen der Masse nicht Herr wurden.
Auch wenn ich kein Spinnenfreund bin, schien mir zu Beginn das Vorgehen mit der Spraydose zu rigoros. Ich wollte die Spinne – kleiner als eine Zimmermannspinne, ein wenig kräftiger, schwarz mit roter Zeichnung auf dem Körper – nach herkömmlicher Art, wie ich es von meiner Mutter gelernt hatte, einfangen und ins Freie spedieren. Ich überwand also meine Abscheu und machte mich mutig daran, ausgerüstet mit Glas und dem Couvert der Telefonrechnung von Telmex und einem Stuhl, der Spinne an der Wand über der offenen Eingangstür den Kampf anzusagen.
Als Mama Tere meine Absicht erkannte, hielt sie mich zurück, holte den Spray, machte der Spinne den Garaus und zerdrückte sie im Anschluss daran noch mit ihren Hausschuhen. Dies sei eine »schwarze Witwe« – ob ich noch bei Sinnen sei?! Ich freundete mich mit dem Insektenspray schneller an als ich dachte.
Nur einmal sah ich Mama Tere wie gelähmt vor Schreck, den blanken Horror in ihren Augen gespiegelt: ein höchstgiftiger Tausendfüssler hatte es sich in der Praxis zwischen Behältern mit Zahnprothetik-Zubehör gemütlich gemacht. Aufgescheucht von der stets fleissig arbeitenden Mama Tere bewegte sich dieses 20 Zentimeter lange Exemplar auf seinen unzähligen Füssen schnell über den Boden. Ich wurde im Wohntrakt zu bleiben geheissen, Juan Carlos solle den puren Alkohol bringen – und ein Einmachglas.
Ich wurde also nicht instruiert und auch nicht Zeugin davon, wie dieses Tier, dessen Biss respektive dessen Gift seine tödliche Wirkung innert Sekunden entfaltet, zur Strecke gebracht wurde. Das tote Ungeziefer im Einmachglas wurde für alle gut sichtbar in ein Regal in der Praxis hingestellt und erinnerte mich stets daran, dass ich meine Tochter in einem Land zur Welt bringen werde, wo uns die Insekten täglich zur Vorsicht, Kontrolle und wenn nötig zu Massnahmen zwangen.
Ist das wirklich das, was ich schon immer wollte? Um ehrlich zu sein, ich habe mir die Zeit nach unserer Ankunft Ende Juli 2003 schon ein wenig anders vorgestellt. Erst mal wirklich hier wohnhaft und nicht mehr nur ferienhalber hier wie in den vergangenen eineinhalb Jahren – dachte ich, oder redete es mir erfolgreich ein – wird Juan Carlos die Verantwortung für seine neue Familie dann schon wahrnehmen und ebenfalls mit anpacken.
Schliesslich sind wir jetzt in seiner Heimat, jetzt bin ich die Fremde – angewiesen auf seine Hilfe. Zudem haben wir seine Zahnarztpraxis mit tollen Geräten aus der Schweiz ausgerüstet, dem Start steht somit eigentlich nichts im Wege. Ich verstehe es durchaus, dass er im ersten Monat natürlich alle seine Freunde besuchen will und viel Zeit mit ihnen verbringt.
Und während ich mich noch darin übe, für die ein wenig andere Realität Verständnis aufzubringen, nehme ich auf Schuljahresbeginn in der Schweizerschule in Cuernavaca meine Arbeit als Lehrerin auf – im siebten Monat schwanger.
Seit ich mich erinnern kann, liebe ich die lateinamerikanische Musik. Ein erstes prägendes Stück war »el condor pasa«. Die Panflöte nahm stets einen Teil meiner Seele mit auf den Flug durch die Lüfte, und weckte in mir eine grosse Sehnsucht – ich war ungefähr acht Jahre alt. Der Film »Panamericana – Traumstrasse der Welt«, den ich zusammen mit meinen Eltern und meinen Geschwistern mehrere Male im Kino Morgental gesehen habe, steuerte das Seine bei: die Hochkulturen der Azteken, Mayas und Incas faszinieren mich, ich interessiere mich für die Menschen von Mexico bis Feuerland – und ich fühle seither Macchu Picchu als Kraftort, den ich irgendwann in meinem Leben besuchen muss.
In jener Zeit vergrub ich mich zusammen mit meinem Vater in Sachbücher, wollte alles über diese vergangenen Hochkulturen in Erfahrung bringen; damals wollte ich dezidiert Archäologin werden. Die Faszination und Neugierde liessen mich auch später nicht los – im Gymnasium konnte ich bei der Vorbereitung diverser Präsentationen rund um diese mich brennend interessierenden Themen meinen Wissensdurst stillen.
Schon als Kind sog ich sämtliche Songs in spanischer Sprache, die am Radio ausgestrahlt wurden, wie ein Schwamm auf. So erweiterte ich das Repertoire meiner Mutter von Julio Iglesias und Mercedes Sosa um Songs wie »que sera mi vida« und »Cuba, quiero bailar la Salsa« von den Gibson Brothers. Als Teenager hörte ich Gloria Estefan und war vom ersten Moment an auf der »Latino-Welle«, tanzte dazu nach Gefühl – dies entspricht meiner Vorstellung von Ausdruck der Gefühle wie Lebensfreude, Sehnsucht, Leidenschaft. Ich wollte die verschiedenen Tanzstile wie Salsa, Merengue, Cumbia, Tango lernen; genauso wie die spanische Sprache.
Als es Ende des zweiten Jahres im Gymnasium um die Wahl des Maturitätstypus ging, war für mich klar, dass ich mich auf neuere Sprachen konzentrieren wollte. Damals gab es das neusprachliche Gymnasium noch nicht, also würde ich den Typus B wählen: weg von Latein, dafür Italienisch und Spanisch. Aufgrund mangelnden Interesses kam keine Klasse für Spanisch zustande – das Erlernen der Sprache wurde in den Hintergrund gedrängt.
In der Clique tanzten wir zu typischem Mitte 80er-Jahre-Sound. Dazu schwang ich meine Hüften immer noch in meinem mir ganz eigenen, nie richtig gelernten und leicht latino-angehauchten Stil. In unserem Wohnquartier wurde ein Tanzkurs angeboten. Die Kursleiterin, meine Nachbarin, konnte Spanisch – jedoch lernten wir Rock’n’Roll. Zusammen mit einem mir bekannten Jungen aus Leimbach schwang ich zwei Jahre das Tanzbein und bestritt einige Auftritte an lokalen Festivitäten. Bevor der Akrobatik-Kurs begann, stieg ich aus: Es waren die lateinamerikanischen Tänze, die mich seit früher Kindheit faszinierten und die ich erlernen wollte.
Wer hätte schon etwas gegen einen feurigen, gut durchtrainierten Latino mit kaffeebrauner Haut, langem pechschwarzem Haar und markanten Gesichtszügen, der einem beim Tanzen ein verführerisches »te quiero mucho« ins Ohr flüstert und dabei mit seinen schönen dunklen Augen vielsagend zwinkert? Dies war damals, mit knapp zwanzig, das Bild meines Traumprinzen. Ich müsste mich nur für einen Tanzkurs anmelden, schon würde ich ihn, meinen »príncipe azúl«, in der Menschenmenge erblicken.
Meine Mutter erzählte mir später, dass ich ihr schon als kleines Mädchen im Alter von vier Jahren damit in den Ohren lag, dass ich einen Indianer heiraten wolle. Ich konnte das Wort nicht einmal richtig aussprechen: ich pflegte »Anianer« zu sagen.
Durchgefroren trotz wintertauglicher Kleidung gehe ich schnellen Schrittes an den unzähligen Ständen am Weihnachtsmarkt im Zürcher Niederdorf vorbei Richtung Central. Ich will nur noch so schnell als möglich in ein Tram steigen können, das mich nach Hause bringt. Ich mag den Winter nicht, eigentlich die Jahreszeiten vor- und nachher ebenso wenig, denn bei Temperaturen unter 20 Grad friere ich an Händen und Füssen, egal wie gut ich mich einpacke.
Schon oft habe ich mich gefragt, weshalb ich auf der nördlichen Hemisphäre und so weit weg vom Äquator geboren wurde, wenn ich das Klima ja doch nicht ertrage… Aus solchen Überlegungen zweifelte ich als Kind sogar die Verwandtschaft mit meinen Eltern an – was allerdings unübersehbar ist und in keiner Weise geleugnet werden kann.
Leise fluche ich vor mich hin, während der Schnee leise vom Himmel rieselt. Auch das noch! Ich ziehe die Mütze noch tiefer, während sich die Schneeflocken auf meine langen schwarzen Locken setzen und in der Abendbeleuchtung glitzern – fast schon kitschig schön.
Kurz vor dem Hirschenplatz, bei der Tina-Bar erhascht meine Nase den Duft des feinen, gebratenen Fleisches vom Pepito-Stand und lässt mich meinen Kopf nach rechts drehen, dabei streift mein Blick einen der typischen Schmuckstände eines Weihnachtsmarktes: hauptsächlich Silber, viele Ohrringe, Ketten mit Anhänger, Ringe. Mein Blick erhascht ein Paar grosse schöne Silberohrringe – ich wollte meine Lieblingsschmuckstücke, wovon ich einen verloren habe, ersetzen respektive mir selber ein schönes Weihnachtsgeschenk machen.
Es ist der 23. Dezember 2001. Ich bin mittlerweile fast 31 Jahre alt, habe vor einem halben Jahr meine Zweitausbildung als Primarlehrerin abgeschlossen und unterrichte in Leimbach die 5. Klasse – in demselben Schulhaus, wo ich schon meine Primarschulzeit verbrachte und zum Teil noch die gleichen Lehrer wie damals arbeiteten. Da habe ich mir einen Mädchentraum erfüllt: seit dem Kindergarten wollte ich Lehrerin werden.
In den Jahren, während ich als Versicherungsfachfrau gearbeitet habe und immer unglücklicher wurde in dieser taffen und teilweise falschen Welt, fasste ich den Entschluss, nochmals für drei Jahre die Schulbank zu drücken – damals gab es noch nicht die Möglichkeit des Quereinsteigens. Ich hatte meine eigene Wohnung, ein Auto, meinen Lebensstandard – all das wollte ich nicht aufgeben, also arbeitete ich nebenher in jeder freien Minute in diversen Nebenjobs. Schon während der Ausbildung fokussierte ich auf das Unterrichten von fremdsprachigen Kindern und trug mich mit dem Gedanken, mich nach Abschluss der Ausbildung im Ausland zu engagieren.
Was war da naheliegender als die Schweizerschule in Mexiko? Prompt war eine Stelle ausgeschrieben, worauf ich mich bewarb und zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Da ich mich aber verpflichtet hatte, den vor einem halben Jahr übernommenen Klassenzug zu beenden und bis Ende der 6. Klasse zu bleiben, erhielt ich vom Colegio Suizo eine Absage. Dann halt eben später, dachte ich mir.
Ich habe mich eben erfolgreich aus einer jahrelangen, unmöglichen on-off-Beziehung verabschiedet – dieses Mal definitiv. Ich geniesse das Single-Dasein: endlich wieder tun und lassen, was und wie ich will!
Das ist ja eine meiner Schwächen: So stark und selbstständig ich auch bin, in einer Beziehung passe ich mich zu sehr an, vernachlässige meine Interessen, akzeptiere Unmögliches, lasse mir Vieles vorschreiben, verliere mein Ich… Klar, man soll in einer Beziehung aufeinander zugehen, Kompromisse eingehen, aber so kann das langfristig nicht funktionieren. Da muss ich definitiv daran arbeiten, das kann und darf ein nächstes Mal nicht wieder so sein.
Jetzt, wo ich mir die Zeit zur Reflexion nehme, muss ich eingestehen, dass sich das seit meiner ersten Beziehung bis zur eben beendeten so durchzieht, mit ansteigendem Grad der Unzumutbarkeit.
Theoretisch wissen wir alle, dass wir so lange an gleiche oder ähnliche Situationen geführt werden, bis wir aus der erteilten Lektion gelernt haben und die Erkenntnis daraus auf den weiteren Weg mitnehmen und unser Verhalten ändern. Und mit jedem Mal wird es heftiger, wenn wir es noch nicht gelernt haben. Eben, theoretisch weiss ich das natürlich – praktisch sah das anders aus.
Meinen Schwarm sah ich das erste Mal mit 11 Jahren, als er auf dem Mofa auf der Strasse vor meinem Zimmerfenster vorbeifuhr. Ich erzählte gleich meinem Vater, dass ich diesen Jungen einmal heiraten würde. Mein Vater lachte herzhaft. Ich brachte in Erfahrung, dass er der Cousin des Schulfreundes meines Bruders ist und in Wädenswil wohnte. Obwohl er blonde Haare und blaue Augen hatte und somit eigentlich überhaupt nicht in mein Beuteschema passte, heiratete ich ihn mit 20 Jahren – der italienische Familienname gefiel mir sehr.
Hauptproblem: Alkohol – Austicker mit Gewaltandrohung mit Waffen. Eineinhalb Jahre später waren wir geschiedene Leute.
Meine zur Entspannung gedachte Reise nach Israel liess mich in ein neues Abenteuer stürzen: der Geschäftsführer des Hotelrestaurants war verdammt gutaussehend, gebildet, weitgereist, sprachgewandt und unglaublich charmant. Der palästinensische Israeli arabischer Herkunft zog mich total in den Bann, es folgten häufige Reisen nach und schliesslich ein halbes Jahr in Eilat, welches mir knallhart die arabische Mentalität und Realität aufzeigte: auch wenn der Mann weitgereist ist und in Europa gearbeitet hat – zurück in der Heimat muss alles richtig laufen, besonders beim ältesten und erstgeborenen Sohn. Dass ich mich als Frau nicht ohne Erlaubnis des Mannes draussen bewegen kann, ist glasklar. Er als Mann hingegen kann tun und lassen, was er will – Lippenstift an Hemdkragen waren untrügliche Beweise.
Zurück in der Schweiz und in Gesprächen für einen Job in der Tourismusbranche in Eilat, die leider erfolglos blieben, wurde klar, dass ich meine nähere Zukunft in der Schweiz verbringen werde. Ich flog ein letztes Mal nach Eilat, um meine Sachen zu holen – da wurde ich von einem Meer von Blumen und Stofftierchen überrascht. Ich solle nicht gehen. Ich blieb standhaft. Da wurde ich in die kleine Wohnung eingeschlossen. Als unerschütterliche Optimistin, die stets an das Gute glaubt, appellierte ich an seinen Menschenverstand; er liess mich ziehen.
Hauptproblem: Mentalität, Fremdgehen.
Zurück in der Schweiz lernte ich durch meine Schwester den Mann kennen, der mich für die folgenden Jahre beschäftigte. Woran mag es gelegen sein, dass ich mich in meinem Gedankengut so manipulieren und mir so viele Lügen auftischen liess, dass ich mich nach seinem Gusto veränderte und mich sogar von meinen Freunden bewusst abwendete? Weshalb liess ich diese subtile, stets präsente psychische Gewalt zu? Der Indio mit langem schwarzen Haar und typischer Physiognomie weckte ein in mir schon länger vorhandenes Bild des Traummannes und liess mich nicht mehr rational mit dem Wissen einer erwachsenen 23-jährigen Frau handeln – obwohl ich wusste, dass er verheiratet war und zwei kleine Kinder hatte.
Mit Liedern der grossen Namen von damals wie Juan Gabriel, die »Diva von Mexiko«, zusammen mit Rocío Dúrcal oder den grossen Hits des mexikanischen Sängers Luis Miguel entführte er mich in eine sehnsüchtige Romantik. »Vivir lo nuestro«, das Duett vom damals blutjungen Marc Anthony zusammen mit La India wurde unser Lied. Die 1997 auf den Markt gekommene CD mit dem geschichtsträchtigen und zur Marke gewordenen Titel »Buena Vista Social Club« kreierte eine nostalgische Insel, auf die wir uns zurückzogen. Alle 14 Lieder, die vom amerikanischen Gitarristen Ry Cooder bei einem Projekt mit Altmeistern kubanischer Musik der 1940er und 1950er Jahre aufgenommen wurden, spiegeln die lateinamerikanische Musik in Höchstform wider. Das Lied »veinte años«, interpretiert von Omara Portuondo und Ibrahim Ferrer, rührte mich schon zu Tränen, bevor ich den gesungenen Text verstand, welcher die nur schwer zu akzeptierenden Tatsachen einer unerwiderten Liebe auf den Punkt bringt.
Der spanische Sender TVE strahlte jeweils um 16 Uhr die besten Telenovelas aus. Da diese vor Romantik triefenden Fernsehserien aus Lateinamerika hohes Suchtpotential aufwiesen, nahm ich die Episoden täglich auf VHS-Kassetten auf, um sie an meinen einsamen Abenden nach der Arbeit schauen zu können. In diese Geschichten konnte ich eintauchen, während ich mich in meiner eigenen verlor. Sie versüssten mir meine langen Zeiten des Wartens und nährten meine Sehnsucht nach der grossen Liebe.
