Warum tust Du Dir das an? - Wulf Beeck - E-Book

Warum tust Du Dir das an? E-Book

Wulf Beeck

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Beschreibung

Diese wirklich nicht alltägliche Autobiographie führt uns durch das wechselvolle Leben des Autors. Von der zunächst unbeschwerten Kindheit während des Zweiten Weltkrieges, der Zeit nach der Flucht von der Insel Rügen und seiner Schulzeit in Celle bis hinein in sein außergewöhnliches Berufsleben werden wir Zeuge dieser einmaligen Zeitgeschichte.

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Seitenzahl: 606

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Wulf Beeck

Warum tust

Du Dir das an?

Vom Schiffsjungen zum Starfighter-Piloten

2012

© Wulf Beeck

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden

Inhalt:

Vorwort

1. Kapitel:

Meine Kindheit auf Rügen

2. Kapitel:

Besuchsreisen zu Oma und Opa nach Saal

3. Kapitel:

Die Übersiedlung nach Celle

4. Kapitel:

Als junger Segelflieger in der Flugsport-Vereinigung Celle

5. Kapitel:

Der Wechsel vom Gymnasium zur Oberrealschule

6. Kapitel:

Schulfreundinnen und Cliquen

7. Kapitel:

Als Schiffsjunge zur „Christlichen Seefahrt

8. Kapitel:

Bei der Luftwaffensportfluggruppe in Faßberg

9. Kapitel:

Wehrerfassung und meine Matrosen-Prüfung

10. Kapitel:

An der Seefahrtschule Hamburg

11. Kapitel:

Erster Kontakt mit der Bundeswehr und das Ende meiner Seefahrtzeit

12. Kapitel:

Mein Wechsel zur Bundesmarine

13. Kapitel:

Fliegerische Ausbildung beim FAR Uetersen

14. Kapitel:

Flugausbildung auf der T-37 in Texas

15. Kapitel:

Flugausbildung auf der T-38

16. Kapitel:

Ein Jugendtraum wird wahr: meine Starfighter Ausbildung in Arizona

17. Kapitel:

Beim Marinefliegergeschwader 2

18. Kapitel:

Starfighter Absturz von Joachim von Hassel

19. Kapitel:

Als Bergungsleiter bei der Segel-Olympiade in Kiel

20. Kapitel:

NATO - Staffelaustausch nach Lossiemouth/ Schottland

21. Kapitel:

NATO - Staffelaustausch nach Tanagra/ Griechenland

22. Kapitel:

Der Sauerstoffzwischenfall

23. Kapitel:

Als Hörsaalleiter an der Marineschule-Mürwik

24. Kapitel:

Inspektionschef bei der Marineflieger-Lehrgruppe in Westerland auf Sylt

25. Kapitel:

Als Kompaniechef der Schweren Sicherungskompanie in Tarp

26. Kapitel:

Bootsoffizier an der Marineschule-Mürwik

27. Kapitel:

Als Lehrer in England beim TTTE Cottesmore

28. Kapitel:

Zurück in Deutschland

29. Kapitel:

Noch einmal Dienst an der Marineschule-Mürwik

30. Kapitel:

Mein letzter Dienstposten: IT-Sicherheitsoffizier der Flotte

31. Kapitel:

Nach der Pensionierung als Skipper auf der „Blue Fascination”

32. Kapitel:

Unser Urlaub in Amerika

33. Kapitel:

Noch einmal an Bord der „Blue Fascination“

34. Kapitel:

Wieder aktiv bei der „Christlichen“ Seefahrt

Hinweise auf YouTube

Vorwort

In meinem Leben ist so viel Interessantes passiert, dass ich mich entschlossen habe, auch anderen davon zu erzählen. Alleine meine Kindheit auf Rügen und die Schulzeit nach dem zweiten Weltkrieg in Celle haben bei mir so viele Eindrücke hinterlassen, dass ich einfach darüber berichten möchte. Der eine oder andere Leser mag sich an ähnliche Erlebnisse erinnern, wenn er meine Erinnerungen in Händen hält. Nach meiner Schulzeit in Celle und nach der danach folgenden Zeit als Seemann bei der Hamburg-Amerika-Linie begann für mich der wohl spannendste Lebensabschnitt: ich wurde Jetpilot bei der Marine. Selbst nach meiner über dreißig Jahre dauernden Zugehörigkeit zur Marine hatte ich mit gerade einmal 57 Jahren noch so viel Schwung und Energie, dass ich mich förmlich noch einmal in einen neuen, wenn auch relativ kurzen Lebensabschnitt stürzte. Das war die Zeit, als ich eine private Megayacht um die halbe Welt segeln durfte. Und dann war da wieder der Wunsch, noch einmal als Nautiker zurückzukehren zur Handelsmarine oder auch nur als Passagier irgendwo hin mitzureisen.

Hüllerup, Februar 2012Wulf „Buddy“ Beeck

Kapitel 1

Meine Kindheit auf Rügen

Am ersten Mai 1939 erblickte ich im Kreiskrankenhaus in Bergen auf Rügen das Licht der Welt. Das Kreiskrankenhaus wird im Verlauf meines Lebens keine weitere Rolle spielen. Meine Mutter war hübsch und jung, verheiratet mit einem sportlichen Junglehrer und voller Hoffnung auf ein erfolgreiches Leben. Sie hatte auch Pädagogik studiert und bereits ihr Staatsexamen in der Tasche. Allerdings war das Leben für meine Eltern zu dieser Zeit alles andere als angenehm. Mein Vater hatte gerade den Posten eines Dorflehrers in dem gottverlassenen Nest Breege auf Rügen angenommen. Obwohl: für ihn war Breege bereits eine berufliche Steigerung. Vorher war er Lehrer in Varsnewitz auf Rügen, einem Gutshof mit nur wenigen strohgedeckten Katen drum herum und mit noch weniger Schulkindern. Den Ort Varsnewitz gibt es heute nicht mehr. Er wurde irgendwann zu DDR-Zeiten völlig eingeebnet, nachdem die Gebäude jahrzehntelang ihrem Verfall überlassen worden waren. Nur ein paar große Bäume und wenige Fundamentreste sind bis heute übrig geblieben. Zur Lehrerzeit meines Vaters war die örtliche „Schule“ in Varsnewitz eine der damals durchaus üblichen einklassigen Lehranstalten, in denen Kinder vom ersten bis zum vierten Schuljahr in einem einzigen Raum gleichzeitig unterrichtet wurden. Manchmal gab es von einem Schülerjahrgang nur ein oder zwei Kinder. So passten alle Schulkinder dieses einsamen Dorfes in eine Stube.

Das Schulhaus in Breege war dagegen schon eine echte berufliche Steigerung für meinen Vater. Es gab ein richtiges Klassenzimmer mit Schulbänken, nicht nur eine Stube. Sogar einen Hausmeister gab es dort. Der wohnte oben. Im Schulgebäude lag auch unsere Wohnung. Die war kalt und klein und das Klo war für alle draußen über den Hinterhof zu erreichen. Jedoch sagte das Kaff Breege meiner Mutter nie so recht zu. Sie war in der Stadt Minden an der schönen Porta Westfalika in der „Pionierkaserne“ aufgewachsen, wo ihr Vater, also mein Großvater, als Kompaniefeldwebel bei einer Pioniereinheit Dienst tat, und, wie damals beim Militär durchaus üblich, mit seiner Familie in seiner Kaserne auf seinem Flur mit seiner Einheit zu wohnen hatte. Meine Mutter war also eher lange und breite Flure und städtisches Leben gewohnt, als es dieses enge Schulgebäude in Breege auf Rügen zu bieten hatte. Heute beherbergt dieses Gebäude übrigens den örtlichen Kindergarten. Auch dieser Ort Breege, im nordöstlichen Teil der Insel Rügen am gleichnamigen Bodden gelegen, spielt in meinem zukünftigen Leben fast keine Rolle mehr.

Als der zweite Weltkrieg kurz nach meiner Geburt begann, änderte sich quasi über Nacht alles Bisherige. Mein Vater meldete sich freiwillig zur Wehrmacht. Alte Fotos zeigen ihn anfangs stolz und hoch zu Ross, meine Mutter aber schnappte meinen Bruder Ontje und mich und wir zogen auf Wunsch und Anraten meiner Großeltern von Breege nach Göhren um. Das war gar kein Problem. Göhren liegt auch auf der schönen Insel Rügen und mein Großvater, Hermann Berner, war dort nach seiner Zeit als Feldwebel und später als Postbeamter in Scherfede nun endlich auch Postmeister in Göhren geworden. Seine Dienstwohnung lag über den Räumen des Postbüros und über der großen Schalterhalle. Von der Straße kommend mussten Postbesucher zunächst einige Stufen hinauf auf eine Art Rampe, die zur offenen Seite hin mit einem eisernen Geländer gesichert war. Nach Ersteigen der ersten beiden Stufen konnte man einen außen in die Hauswand eingelassenen, öffentlichen Briefkasten erreichen. Dieser rampenähnliche Vorbau setzte sich ein wenig nach innen zur Hausmitte fort, bildete also eine Art halb „überdachten“ Eingangsplatz zu den Räumen. Geschützt vor Regen hingen hier zwei in die Außenmauer eingelassene Briefmarkenspender. Wenn man lange genug an der Kurbel drehte, ich konnte auf Zehenspitzen stehend dort gerade so herankommen, klingelte das so nett. Briefmarken kamen aber wohl schon seit längerer Zeit keine mehr zum Vorschein. Es war ja inzwischen Krieg.

Die Post in Göhren. Das geöffnete Fenster im ersten Stock gehörte zum Schlafzimmer meiner Großeltern.

Die Briefmarken verkaufte stattdessen drinnen Fräulein Schmidt, eine wirklich liebe und rührende Person, die immerzu lachte und uns Kindern etwas Süßes schenkte, sobald wir im Schalterraum auftauchten. Sie wusste zu der Zeit nicht, dass ich gerade draußen schaufelweise Matsch in den Briefkasten befördert hatte. Das kostete meinen Großvater die nächste Nacht, weil er alle Adressen neu schreiben musste, nachdem er die Briefe erst einmal in der Bratröhre eines Kachelofens in unserer Wohnung getrocknet hatte. Oben in der Dienstwohnung meines Großvaters gab es viel Platz. Wir Kinder, also mein Bruder und ich, hatten sogar ein eigenes Zimmer. Auch meine Mutter hatte einen eigenen Raum. Es sollte letztlich in Göhren eine insgesamt sorgenfreie Kindheit für mich werden.

Die ersten wirklichen Erinnerungen an Geschehenes stammen aus dem Jahr 1944. Ich war eben erst fünf Jahre alt geworden. Mein Vater hatte Fronturlaub bekommen. Aus diesen Tagen stammen übrigens auch einige wirklich gut gelungene Familien-Portraits, die damals Foto Bitterling in Göhren gemacht hat, und über die ich mich noch heute freue. Typische Bilder aus damaliger Zeit: Eltern, ins rechte Fotolicht gerückt, mit den beiden Söhnen jeweils auf dem Schoß, nett angezogen und brav anzuschauen. Ich bin meinen Eltern sowieso sehr dankbar, dass sie seinerzeit so viel geknipst haben. Sie kennen sicherlich noch diese Miniatur-Schwarz-Weiß-Bilder mit den gezackten Rändern aus Großmutters Zeiten.

An der Strandpromenade in Göhren. Mein Vater auf Heimaturlaub.

2. Kapitel

Besuchsreisen zu Oma und Opa nach SAAL

Während des Krieges fuhren „Oma Göhren“, meine Mutter, mein Bruder Ontje und ich regelmäßig nach Saal in Vorpommern, wo die Eltern meines Vaters und unser Onkel Hans Hass und Tante Else wohnten. Sie bewirtschafteten in zehnter Generation auf der „langen Bauernreihe“ einen Bauernhof. Tante Else war eine Schwester meiner Göhrener Oma. Eine Reise von Göhren nach Saal war stets ein Tagesunternehmen. In der Wohnung über der Post in Göhren konnte meine Oma am Pfeifen der Lokomotive hören, wo sich der Zug gerade befand. Wir machten uns zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof, wenn die Kleinbahn bei der Abfahrt in Baabe pfiff. So kamen wir immer rechtzeitig unten am Bahnhof an und der „Rasende Roland“ brachte uns pünktlich durch die wunderschöne Landschaft „meiner“ Insel Rügen nach Putbus. Rattatat – rattatat - rattatat - rattatatatt machten die Räder auf den schmalen Schienen und die Puffer unter den Plattformen der Waggons wackelten im Rhythmus des Klackerns nach rechts und links. Reisende standen gerne draußen auf den Plattformen. Man musste sich nur vor den Funken und dem Ruß der Lokomotive in Acht nehmen. Die Lokomotive qualmte besonders heftig, wo die Bahntrasse in einer ziemlichen Steigung ums Jagdschloss Granitz herum und durch die herrlichen Wälder führte. Enorme Rauchschwaden aus der fauchenden Lokomotive verteilten sich dann durch die Blätter der Bäume.

In Putbus mussten wir schließlich in die „Großbahn“ umsteigen, die uns dann bis nach Stralsund brachte. Von dort gab es zwei Möglichkeiten, nach Saal weiterzureisen. Entweder wieder mit einer Kleinbahn über Barth nach Saal, oder mit der „Großbahn“ Richtung Rostock über Ribnitz-Damgarten. Wenn wir die erste Strecke über Barth nutzten, konnte man schon eine Station vor Saal aussteigen, um zum Hof von Tante Else und Onkel Hans zu gelangen. Diese Station hörte auf den Namen „Staben“. Es war nur ein einfacher Haltepunkt mitten auf freiem Feld. Man konnte von dort ringsum ungehindert bis zum Horizont blicken. Die sonst eingleisige Schmalspurstrecke hatte hier ein kurzes Parallelgleis, auf dem immer ein Güterwaggon abgestellt war. Von dort mussten wir etwa eine halbe Stunde zu Fuß in südlicher Richtung quer über die Felder zum Hof auf der „langen Bauernreihe“ laufen. Auf halbem Wege dorthin passierten wir noch das kleine Gehöft des Bauern Karl Rohde. Ich erinnere mich nicht, dort jemals einen Menschen gesehen zu haben. Nur das Bellen eines Hundes schlug uns im Vorbeigehen entgegen. Manchmal fuhren wir aber auch direkt durch bis nach Saal. Das lag nur eine Station weiter.

Der „rasende Roland“ in den Wäldern der Granitz.

Die zweite Möglichkeit, von Stralsund nach Saal zu kommen, war mit der „Großbahn“ bis Ribnitz-Damgarten zu fahren und dort in dieselbe Kleinbahn nach Saal umzusteigen. Das war dann die Gegenrichtung zu Barth. Aber nicht immer klappte das mit dem Anschluss. Dann war guter Rat teuer. Aber irgendwie kamen wir dann doch in Saal an. Manchmal hinten auf einem Leiterwagen, mit viel Glück auch mit einem Auto, das zufällig in unsere Richtung fuhr, meist sogar mit „Umsteigen“ auf den wenigen Kilometern bis nach Saal. Im Ort Saal wohnten die Eltern meines Vaters, „Oma und Opa Saal“. „Opa Saal“ war Kantor und Küster an der kleinen Dorfkirche, die keinen eigenen Glockenturm besaß, dafür aber mit einem riesigen roten Dach versehen war. Ein hölzerner und viel zu niedriger Glockenturm stand als eigenständiges Bauwerk ein ganzes Stück neben der Kirche, gleich am Eingang zum Friedhof rechts. In der Kirche gab es eine Orgel, die von einem Blasebalg mit dem nötigen Wind versorgt wurde. Diesen Blasebalg bewegte man über zwei schwere Holzbalken per Fußantrieb, indem man abwechselnd den einen Balken bestieg und mit seinem Körpergewicht herunterdrückte, danach auf den anderen Balken wechselte und dann diesen herunter trat. Diese Technik war früher bei vielen alten Orgeln so üblich. Wir Kinder waren aber einzeln gar nicht schwer genug, um die Balken wirklich hinunterzutreten. Auch war der Höhenunterschied zum zweiten Balken zu groß, um mit unseren kurzen Beinchen da problemlos übersteigen zu können. Unser „Opa Saal“ ließ uns dennoch beide, meinen Bruder Ontje und mich, auf den Balken herumturnen, aber genug Wind zum Orgelspielen haben wir nicht wirklich erzeugen können. Sein Gehilfe musste dann letztlich doch ran, wenn „Opa Saal“ schließlich richtig aufs Manual trommelte und an den Registern zog. Hinter dem Pfarrhaus, in dem meine Großeltern wohnten, gab es ein sumpfiges Gewässer mit einem weitläufigen, herrlichen Schilfgürtel drum herum. Dorthin gelangte man durch die Hintertür des Hauses, die gleich neben der riesigen Küche nach draußen führte.

Die Saaler Kirche

Auf diesem sandigen Hof, die Hühner pickten jegliches Grün schon im Ansatz weg, wuchs eine riesige Eibe. Am stärksten Ast hatte mein „Opa Saal“ eine Schaukel aufgehängt, an der wir Kinder die tollsten Kunststücke vollführen konnten. Von dort führte ein langer, gerader Weg durch einen riesigen Garten, den mein Großvater liebevoll pflegte. Eine kleine Pforte versperrte zunächst den Eingang zum Garten. Der Weg führte danach geradewegs bis zum Ende des Gartens, wo der breite Schilfgürtel begann. Riesige Obstbäume standen im Garten. Äpfel, Birnen und Kirschen gab es dort reichlich und ich bin oft in den Bäumen herumgeklettert. Aber am liebsten kroch ich unter die Obststräucher. Stachelbeeren, Himbeeren und andere Sorten wuchsen dort. Auf der anderen Seite des Mittelweges gab es Kartoffeln und Gemüse jeglicher Art, welches „Oma Saal“ in der großen aber dunklen Küche putzte und weiter verarbeitete. Vieles wurde eingekocht und in einer großen Speisekammer aufbewahrt. Es gab in dieser Wohnung ein sogenanntes Herren- oder Rauchzimmer. Das war ein gemütlicher Raum mit einem bequemen Sofa und einem schweren, geschnitzten Schreibtisch. Es roch dort herrlich nach frischem Tabak, den mein Großvater selber anbaute. Nach dem Ernten hing er die großen Tabakblätter erst einmal an extra dafür gespannten Wäscheleinen auf dem riesigen Dachboden des Hauses zum Trocknen auf. So an der Luft getrocknete Tabakblätter wurden von Zeit zu Zeit im Herrenzimmer mit einer riesigen Schere kleingeschnitten. Der gebrauchsfertige Tabak wurde danach in einer großen Tabaksdose aufbewahrt. An der Wand, seitlich hinter dem Sofa, hingen in einer speziellen Wandhalterung zwei oder drei ganz lange Imkerpfeifen mit weißen Tonköpfen. Wenn ich eine davon aus Spaß in den Mund nehmen wollte, ging das nur, wenn ich mich auf das Sofa hinstellte. Selbst dann reichte die längste Pfeife noch immer bis knapp über den Fußboden. Diese Pfeife muss wahrscheinlich sogar länger gewesen sein, als ich damals an Körpergröße maß.

„Opa Saal“ hatte nebenbei seine eigene Bienenzucht und versorgte unsere Familien mit bestem Honig. Im Sommer durfte ich die Honigschleuder drehen, die draußen im Hof stand und aus der wunderbar schmeckender Honig tropfte. Man musste nur lange und schnell genug drehen. Schell genug, das konnte ich damals noch nicht. Das gusseiserne Rad mit dem hölzernen Kurbelgriff daran war für mich viel zu schwer zu drehen.

Den Hof an der langen Bauernreihe erreichte man von Saal aus über eine zunächst sehr gute Betonstraße, die Onkel Hans in seiner Eigenschaft als stellvertretender Landrat des preußischen Landkreises Franzburg–Barth und Bürgermeister von Saal noch kurz vor dem Krieg hat bauen lassen. Leider wurde der Weiterbau zu Kriegsbeginn eingestellt. So endete diese Betonstraße bereits nach wenigen hundert Metern etwa dort, wo rechter Hand die erste Lehmkuhle der Saaler Ziegelei lag. Aus der Erde dieser Lehmkuhle wurden rote Ziegel gebrannt.

Das Pfarrhaus in Saal.

Im Hintergrund der Glockenturm.

Ein rostiger Schürfbagger holte quietschend das Erdreich von unten herauf und auf einer Schienenstrecke, auf der von einer kleinen Diesellok gezogene Loren fuhren, wurde das Material in die Ziegelei gefahren. Man hatte vor dem Krieg sogar die Idee gehabt, die fertigen Ziegelsteine von Saal aus in Transportschuten auf dem Wasserwege über den Saaler Bodden abzutransportieren. Den Wassergraben für diese Lastkähne, die allerdings nie kamen, hatte man bereits so gut wie fertig gestellt. Diesen durch ein landschaftlich traumhaft schönes Schilfgebiet führenden Graben nannte man den „Möllerpuhl“. Von der Ortschaft Saal kommend ging es stets zu Fuß über diese Betonstraße in Richtung Gut Hessenburg, einem der ältesten Siedlungsorte Vorpommerns, vorbei an weiteren Lehmkuhlen der Ziegelei.

Die Ziegelei in Saal.

Der „Möllerpuhl“. Links die Saaler Kirche, rechts der Schornstein der Ziegelei.

Ich glaube, die meisten der lange vorher schon abgebauten Lehmkuhlen hatten sich über die Jahre hinweg mit Grundwasser gefüllt und somit in tiefe Seen verwandelt. Nur eine noch trockene Abbaustelle war damals ständig in Betrieb und lieferte das Rohmaterial für die Ziegelei. Dort, wo die Betonstraße jäh endete, führte ein schnurgerader Feldweg weiter in Richtung Osten. Dieser Weg schien mir endlos zu sein und das Auge konnte die rechts am Wege stehenden Telegraphenpfähle bis zum Horizont hin verfolgen. „Ihr könnt hören, wie sich die Leute über das Telefon unterhalten. Ihr müsst nur ein Ohr an einen Telegraphenmast halten“ sagte meine Oma zu uns Kindern. Ich konnte deutlich ein Summen hören. Nur richtig verstanden habe ich die Telefonierer nicht. Bei regnerischem Wetter verwandelte sich der Weg zu Onkel Hans und Tante Else in tiefe Matschlöcher. Selbst mit einem Pferdefuhrwerk war es dann sehr schwierig, durch diese schweren Lehmmassen zu kutschieren. Manchmal sackten die Räder so tief weg, dass ein Pferd es schwer hatte, überhaupt weiterzukommen. Dicke Lehmkluten setzten sich zwischen den Holzspeichen der großen Wagenräder fest. In der sommerlichen Hitze dagegen wurde der Lehmweg steinhart. Dann war es für Fuhrwerke bisweilen richtig gefährlich, dort zu fahren. Es konnte auf dem mit tiefen Fahrspuren durchzogenen, steinharten Lehmboden sehr leicht ein Wagenrad brechen. Automobile habe ich dort nie fahren sehen. Höchstens tuckerte einmal ein Trecker durch den Matsch und dann weiter auf eines der bis zum Horizont reichenden, riesigen Felder. Tante Else, die nur „Frau Rat“ genannt wurde, eben weil Onkel Hans vor und auch noch während des zweiten Weltkrieges in diesem Kreis stellvertretender Landrat war, stellte eine vornehme Bäuerin in Reinkultur dar. Sie regierte und dirigierte mit unüberhörbarer Stimme das eigene Gesinde und die Tagelöhner, die aus der Umgebung angeworben wurden, um bei der Feldarbeit und während der Erntezeiten zu helfen. Die Arbeiter kamen gerne zu Onkel Hans, wurden sie doch reichlich mit Naturalien entlohnt. Dafür mussten sie allerdings auch schwer mit anpacken beim Hacken auf den Kohlfeldern, beim Zusammenbinden und Aufstellen des frisch gemähten Getreides zu Kornhocken. Vor allen Dingen aber wurde beim Dreschen des Korns mit dem riesigen Dreschkasten viel Einsatzkraft von allen gefordert. Wenn wieder einmal Stromsperre war und der Elektromotor nicht zum Einsatz kommen konnte, holte Onkel Hans seinen Lanz Bulldog aus dem Schuppen. Mit einer laut fauchenden Lötlampe wurde erst vorne am Trecker der Glühkopf vorgeglüht, dann der Lenker mit einem Teil seiner Achse vom Fahrersitz abgenommen und seitlich in ein Schwungrad des Traktormotors eingesteckt. Mit ziemlichem Kraftaufwand wurde dann der Lenker samt Schwungrad erst nach rechts, dann zurück nach links, wieder nach rechts und wieder nach links gedreht, bis der Schwung ausreichte, den Motor zu starten. Mit einem gewaltigen und immer schneller werdendem „töff töff töff“ kam der Motor schließlich von selbst in Schwung. Der ganze Trecker bebte nun im Takt seines Einzylinder Motors. Aus dem senkrecht nach oben weisenden Auspuffrohr schossen bisweilen perfekt runde Ringe aus Rauch in die Höhe. Mein „Opa Saal“ konnte auch manchmal solche Ringe beim Pfeife rauchen zaubern, natürlich nur viel kleinere.

Frau „Rat“ und Onkel Hans

Ein langer, breiter Transmissionsriemen um das Schwungrad an einer Seite des Trecker Motors und am anderen Ende um das kleine Antriebsrad am Dreschkasten gespannt, versetzte die Dreschmaschine schließlich in ihre rüttelnde Arbeit. Fleißige Mägde, die oben auf dem Dreschkasten standen, fütterten die Maschine mit frischem Getreide. Unten wurde das Korn in Jutesäcken aufgefangen. Diese wurden mit Garn zugebunden und auf einem bereitstehenden Leiterwagen aufgeladen. Etliches Korn lagerte auch auf einem Kornboden. Der befand sich oben unter dem Dach einer kleineren Scheune, die seitlich rechts vor dem Wohngebäude stand. Das Korn lagerte dort lose aufgeschüttet und war sicherlich ein Paradies für Mäuse.

Auf dem „Lanz Bulldog“ mit Ute und meinem Bruder Ontje. Ich sitze auf dem Fahrersitz.

Während dieser Besuche in Saal haben wir stets draußen in der „Langen Bauernreihe“ bei Tante Else übernachtet, oben im „blauen“ Zimmer mit Blick über den Innenhof. Falls wir vorher erst in Saal bei den Großeltern ausstiegen, bedeutete das dann stets einen nachmittäglichen Fußmarsch von etwa zwei Kilometern von Saal raus zum Hof. Das war damals für meine kleinen Füße ganz schön weit. Ich war zwar von den langen Wanderungen mit „Opa Göhren“ das Laufen gewohnt, aber dieses lange Stück Fußmarsch bis zum Hof war für mich doch sehr anstrengend. Wegen des Lehmbodens, und dem Matsch bei feuchter Witterung, kam man nie mit sauberen Schuhen auf dem Hof an. Vor dem Eingang hinter dem Haus gab es aber draußen einen gusseisernen Fußabtreter, an dem man erst die Schuhsohlen abkratzen musste. Im Haus durfte sowieso niemand mit Straßenschuhen herumlaufen. Die dreckigen Schuhe blieben stets im Windfang stehen. Bei Tante Else gab es immer gut und viel zu Essen. Die Butter wurde dort noch selbst gemacht. Milch und Sahne dafür lieferten die eigenen Kühe im Stall. Auch Käse und Schinken gab es reichlich. Vor allen Dingen aber kochte Tante Else eigenhändig eine sehr gut schmeckende Milchsuppe mit „Klüten“, das waren Mehlklöße. Mit verrührtem Zucker schmeckte diese Suppe besonders lecker. Ein riesiger, aus weißen Kacheln gemauerter Herd, stand in der sehr geräumigen Küche. Die gusseiserne Platte oben drauf hatte mindestens vier Kochstellen, deren Öffnungen man mit ebenfalls gusseisernen Ringen größer oder kleiner machen konnte, je nachdem, welcher Kochtopf gerade benötigt wurde. Die passenden Kochtöpfe besaßen auf ihrer halben Höhe so eine Art „Bauchring“. Dieser verhinderte, dass der Topf durch das beringte Loch ins Feuer hineinfallen konnte. Ringe, Töpfe und Deckel waren immer heiß und Topflappen waren daher ein Standardwerkzeug am Herd. An der linken Seite des Herdes befand sich zusätzlich ein rechteckiger Kupferkessel in der Herdplatte, in dem stets frisches Wasser fast kochte. Mit einem Schöpftopf konnte bei Bedarf schnell heißes Wasser umgefüllt werden. Einen Spaß machten wir Kinder uns, indem wir mit nur einer wischenden Handbewegung ganz viele Fliegen auf einmal einfangen konnten. Die tummelten sich direkt hinter dem Herd an der stets warmen Kachelwand. Ich bin sicher, dass es sich um dieselben Fliegen handelte, die auch im Plumpsklo wohnten, welches man über den Hof erreichen konnte. Das „richtige“ Badezimmer war damals nicht zu benutzen und diente stattdessen als Lagerraum. Wasser gab es im Haus ausschließlich von einer großen, gusseisernen Schwengelpumpe, die an einer Wand in der Küche stand. Zur Familie Hass gehörte ihr Sohn Hans-Christian, mein Vetter also. Er war ein sehr hoch aufgewachsener, kräftiger Mensch, mit einem „Kopf wie ein Pferd“, sagte meine Oma immer. Er hatte schon im jugendlichen Alter sehr viel Kraft und verrichtete schwerste Arbeit auf dem Hof. Hans-Christian war zehn Jahre älter als ich. Dann gab es noch meine Cousine Hannelore, seine kleine Schwester. Sie war ein Jahr jünger als ich. Mit Hannelore tobte ich stundenlang auf einer großen Strohmiete herum, die neben einem kleinen Tümpel hoch aufgestapelt war. Wir konnten nie nicht genug bekommen von der Herumbalgerei. Mit im Bunde war mein eineinhalb Jahre älterer Bruder Ontje. Den haben wir zu gerne „veräppelt“. Er wurde dann manchmal ganz schön jähzornig. Wir konnten ihm aber mit unseren flinken Beinen immer rechtzeitig entkommen und uns irgendwo in einer Scheune verstecken. Gegen Hannelore und mich hatte er nie eine Chance.

Ich kletterte einmal zusammen mit Hannelore in einen leeren Güllekessel, der hinten in der Nähe der Jauchekuhle im Gras abgelegt war. Das war so ein langer, verzinkter, runder Tank, nicht sehr hoch im Durchmesser. Wir passten beide gerade durch den aufklappbaren Deckel hinein. Richtig umdrehen konnte man sich da drinnen nicht. Aber unser Sprechen und Herumalbern hallte so schön in dieser Röhre. Urplötzlich schlug der Deckel zu und es war schlagartig stockfinster. Hannelore fing augenblicklich erbärmlich und schrecklich laut an zu schreien. Sie muss in diesem Moment eine panische Angst gehabt haben. Ich war mir unserer Situation noch gar nicht so recht bewusst, als der Deckel wieder aufging. In Panik kletterten wir aus dem Behälter. Ein schadenfrohes Grinsen von Hans-Christian schlug uns entgegen. Wahrscheinlich wegen dieses furchtbaren Erlebnisses vermeide ich seither enge Räume.

Auf dem Hof lebte seit den letzten Kriegsjahren ein geistig etwas zurückgebliebener Junge. Der muss so etwa in Hans-Christians Alter gewesen sein. Genau wusste das niemand. Er nannte sich Hanne und muss irgendwo auf einem Flüchtlingstreck verloren gegangen sein. Eines Tages tauchte er völlig erschöpft und alleine auf dem Hof auf. Er wurde fortan als Knecht beschäftigt und gehörte später quasi mit zur Familie. Mit seiner hohen Fistelstimme, dazu auch noch sehr schnell sprechend, konnte ich ihn nur schwer verstehen. Er war aber immer nett, zuvorkommend und sehr arbeitsam. Selbst die gröbste Arbeit, die man ihm auftrug, machte ihm nichts aus. Vorbildlich versorgte er die großen Tiere. Ich erinnere mich an drei Pferde, etwa zehn Milchkühe und einen ganzen Stall voller Schweine. Das Stallhaus befand sich seitlich links vor dem Wohnhaus. Ich habe „uns Hanning“ zu gerne beim Schweinefüttern zugesehen. Ein höllisches Gequieke begann jedes Mal, sobald er mit den Futtereimern klappernd auch nur in die Stallnähe kam. Und, sobald das Futter in den Trögen verteilt war, verwandelte sich das Gequieke augenblicklich in lautes Geschmatze. Zu schön! Ich konnte mir das gar nicht oft genug ansehen.

Einmal durfte ich mit aufs Feld zum Pflügen. Hans Christian ließ mich sogar am Lenkrad des Lanz Bulldogs sitzen und steuern. Ich musste mit dem linken Vorderrad immer in der Furche des vorangegangenen Pflugdurchganges bleiben. Im Schritttempo ging es kilometerweit über die abgeernteten Kornfelder. Hoch oben vom Trecker und von dem blechernen Treckersitz aus konnte ich fast bis zum Ende der Welt sehen. Die offenen, weitläufigen Felder dort waren einfach riesig. Nur ganz hinten am Horizont war ein Strich Wald zu erkennen. An wenigen Stellen in dieser Weite ragten höhere Baumgruppen auf. Dort lagen in großen Abständen die Höfe der anderen Bauern. Krentzin und Pahlmann waren die nächsten Nachbarn zu Onkel Hans. Es waren stets herrliche und unbeschwerte Wochen in Saal und natürlich ganz besonders draußen auf dem Bauernhof bei Tante Else und Onkel Hans.

Eine der Rückfahrten von Saal nach Göhren ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Irgendwie hatte die „Großbahn“ Verspätung, und als wir in Putbus umsteigen wollten, pfiff der Schaffner der Kleinbahn nach Göhren gerade zur Abfahrt. Über den gesamten Bahnsteig hinweg brüllte meine Oma den Schaffner lauthals und dermaßen energisch an, er solle gefälligst den Zug warten lassen, bis sie mit uns Kindern umgestiegen sei, dass der Zugschaffner tatsächlich die Kelle senkte und nicht abfahren ließ. Erst als wir unter der Unterführung durch und in den „rasenden Roland“ eingestiegen waren, rief sie ihm durchs offene Abteilfenster zu, er könne nun getrost abfahren. Der Schaffner gehorchte und wir ratterten los. Die Mitreisenden schmunzelten. Es gab gekochte Eier und Schinkenbrot aus Saal. „Oma, ich muss mal“…

Im Dezember 1944 luden die Soldaten der Horchstation alle Kinder aus der Nachbarschaft in ihre Villa zu einer Weihnachtsfeier ein. Ich sehe uns noch heute brav am langen Tisch sitzen. Hinter der Tür zu diesem Zimmer, ich denke, es handelte sich um das frühere Wohnzimmer dieser Jugendstilvilla, standen mehrere Panzerfäuste, diese langen Dinger mit dem Sprengkopf vorne drauf.

Irgendwann danach kam eine Zeit, als kurz vor dem Ortsschild „Göhren“ im Wald an der einzigen Straße, die damals in den Ort Göhren führte, Bäume geschlagen wurden, um gegen die immer näher heranrückenden Russen eine Panzersperre zu bauen. Alte Männer aus Göhren schufteten tagelang mit Handsägen, Schaufeln und Spitzhacken. Mein Opa war auch mit seiner Schaufel dabei und ich durfte einmal sogar mitgehen und zuschauen. Die wenigen Autos, die es im Ort gab, fuhren ab da nicht mehr und der große Postbus mit seinem Gepäckanhänger blieb ebenfalls in der riesigen Garage hinten auf dem Hof des Postamtes eingeschlossen stehen. Der Gepäckanhänger dieses Postbusses taucht gleich noch einmal in meiner Erinnerung wieder auf. Der Krieg näherte sich nun Gott sei Dank seinem Ende zu. Die Bombenangriffe auf Peenemünde und Stralsund, die wir bei strahlend blauem Himmel am helllichten Tage mit ansehen konnten, zumindest sah man die Kondensstreifen der Flugzeuge und hörte in der Ferne die Flak schießen, sind mir bis heute in meiner Erinnerung geblieben. Über unser Radio, das im Wohnzimmer stand, wurde die Luftlage angekündigt.

Das Radio in unserer Wohnstube. Mein 1 1/2 Jahre älterer Bruder Ontje und ich. (1941 - 1942)

Kurz darauf heulten die Sirenen im Dorf. Ich glaube, wir hatten eine Luftschutzsirene direkt auf dem Dach der Post. Tagsüber gingen wir bei Fliegeralarm immer auf den Balkon. Unser Notgepäck war zu dieser Zeit fertig gepackt und stand griffbereit im Flur. Einmal durfte ich während eines Fliegeralarms mit einem Fernglas zu den Bombern und Jagdflugzeugen hinaufschauen. Mein Großvater zeigte mir ein Flugzeug, das brennend aus großer Höhe abstürzte. Ich konnte durchs Fernglas das Feuer sehen und den langen Schweif aus schwarzem Rauch, der die Trudelbahn markierte. Es gab so eine Art Abschussfreude auf unserem Balkon. Noch am gleichen Tag stellte sich dann allerdings heraus, dass ein deutsches Jagdflugzeug abgeschossen worden war. Im Mönchgut zerschellte es auf einer Wiese und brannte dort völlig aus.

Flugzeuge am Himmel über Göhren! Mein Vater war gerade auf Urlaub.

Unser letztes Familienfoto aus Göhren, 1944.

Zu dieser Zeit tauchten im Ort immer mehr Flüchtlinge aus Ostpreußen mit ihren Pferdetrecks auf. Ein Pferd tat mir so leid, weil es einen Schuss in den Kopf abbekommen und dabei ein Auge verloren hatte. Ich empfand den Anblick eines so sehr geschundenen und halb verhungerten Tieres schon damals äußerst erschreckend. In diesen Tagen wurde viel an unserer Wohnungstür im ersten Stock geklingelt. Ein Drehknopf, der innen an der Tür eine Art Fahrradklingel betätigte, schreckte meine Oma mehrfach am Tag hoch. Ich erinnere mich an die unangenehmen Gerüche, die diese bettelnden Leute mit in unsere Wohnung schleppten, wenn meine Oma sie manchmal zu uns hineinließ und nicht nur an der Wohnungstür abfertigte. Irgendwie hatten wir damals Sirup gekocht und in der Küche standen unzählige Dosen und Töpfe und sonstige Behältnisse voller Sirup, hergestellt aus Zuckerrüben. Einmal kam ein Bettler in einem zerrissenen Militärmantel an die Tür. Der Mantel hatte überhaupt keine Knöpfe mehr. Meine Oma gab ihm Brot und dazu Sirup als einzigen Aufstrich. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Immer wieder drückte sie den Brotlaib gegen ihre Schürze und schnitt beherzt und wie mit Leichtigkeit eine neue Scheibe ab, gab sie dem Mann und wieder Sirup dazu. Ich wurde währenddessen ermahnt, nicht auch nach Brot zu fragen, es sei schließlich noch keine Essenszeit. Ich hatte jedoch schon alleine vom Zusehen Hunger bekommen. Allerdings haben wir nie wirklich gehungert. Zwar wurde die Verpflegung knapp und knapper, im Kaufmannsladen gab es nun fast nichts mehr, aber Frau „Rat“ hat uns immer rechtzeitig vom Bauernhof in Saal mit Nachschub an Butter, Speck und Eiern versorgt. Die Eier kamen stets in einer kleinen Holzkiste, die mit Sägespänen gefüllt war. Man fingerte die Eier vorsichtig aus der Kiste. Vielleicht lag es an meinem Großvater, dem Postmeister in Göhren, dass noch immer Päckchen und Pakete aus Saal bei uns unversehrt ankamen.

Noch einmal mit dem Roller vor dem Postamt Göhren. Herbst 1944.

Die Nachrichten vom Vormarsch der Russen verdichteten sich. Der Rügendamm sei nun aber von der Wehrmacht gesprengt worden und die Russen könnten bestimmt nicht auf die Insel Rügen herüberkommen. Meine Großeltern und meine Mutter saßen vor dem Radio und lauschten den Sondermeldungen. Der Großdeutsche Rundfunk berichtete über Bomberströme in diese und jene Richtung und im Anflug auf die eine oder andere Stadt. Die Sirenen heulten schon wieder, aber bei uns im Ort blieb alles ruhig.

Zu dieser Zeit noch immer, aber auch schon lange davor, gingen meine Mutter und meine Oma ins Kino. Meinen Bruder und mich nahmen sie mit. In Göhren gab es ein Lichtspielhaus. Das lag zwei Straßen von der Post aus nach links in der Seitenstraße. Ich durfte dort die Wochenschau mit ansehen und erinnere mich noch an den Vorspann mit dem Reichsadler und dem Hakenkreuz und der markanten Eingangsmelodie. Nach der Wochenschau brachte Oma uns Kinder wieder nach Hause, meine Mutter blieb im Kino und schaute sich anschließend den Spielfilm alleine an. Noch heute erinnere ich mich an einige Szenen dieser Wochenschauen, wenn ich mir im Fernsehen historische Filme über das Dritte Reich anschaue.

Es kam, wie es schließlich kommen musste. Trotz des gesprengten Rügendammes und der Panzersperre am Ortseingang marschierten die Russen eines Tages in Göhren ein. Ich sehe noch heute, wie im ganzen Ort in wenigen Minuten die Hakenkreuzfahnen von allen Häusern eingeholt wurden. Rote Betten wurden auseinander geschnitten und in hastiger Eile als rote Fahnen gehisst. Auch weiße Fahnen waren nun überall in den Straßen Göhrens zu sehen. Wie ein Lauffeuer wurde der Standort der herannahenden Truppen durchgesagt, dann tauchten sie auf. Wir standen alle wie gebannt hinter zugezogenen Gardinen oben in der Wohnung über dem Postamt. Meine Oma fiel in Ohnmacht. Meine Mutter ermahnte uns Kinder zum wiederholten Male: „wehe ihr wackelt an den Gardinen“. Sie kamen in einer geschlossenen Formation und zu sechs oder acht nebeneinander schneidig einmarschiert, dabei bewegten sie die Arme zackig im Rhythmus bis vor die Brust. Sie sangen ein Marschlied, dessen Anfangsmelodie ich heute noch nachsingen kann.

Genau gegenüber der Post, auf der anderen Straßenseite, befand sich zu dieser Zeit ein Juwelier- und Uhrengeschäft, ich glaube der Besitzer hieß Thomsen oder Thomas. Ich bin dort als kleiner Bub gerne hineingegangen, weil alles so voller glitzernder Lichter war, besonders aber deshalb, weil an der Eingangstür ein so nettes Glockenspiel ertönte, sobald sich die Tür bewegte, bimmelimmelim - bimmelimmelim, und die Tür war wieder zu. Bimmelimmelim, Tür auf, bimmelimmelim, Tür zu. „Machst du wohl, das du rauskommst“, schallte es hinter mir her. Ich hatte damals schon schnelle Beine. Genau vor diesem Geschäft musste man etwa zwei oder drei Stufen vom Bürgersteig aus hochsteigen, um vor die Schaufenster zu gelangen, und genau auf diesen Stufen setzte sich nun dieser Trupp russischer Soldaten nieder. Ich sehe noch ihre über den Hosen getragenen Feldjacken, Gürtel außen herum, eine stramm gerollte Decke über der Schulter getragen und auf dem Rücken Rucksäcke und ihre Gewehre umgehängt. Die straffe Marschkolonne hatte sich inzwischen in einen lockeren Haufen müder Soldaten verwandelt. Da saßen sie nun und der Ort Göhren erstarrte. Es passierte zunächst einmal absolut gar nichts, wir schauten gebannt durch die Gardinen, drüben saßen die Russen. Der Krieg war in Göhren zu Ende. Plötzlich tauchte unser Dorfbäcker auf und ging direkt auf die Soldaten zu. Seine Bäckerei lag direkt neben der Post. Früher ließ meine Oma bei ihm immer unsere Plattenkuchen in seinem Ofen backen. Die Kuchen wurden vorher in unserer eigenen Küche fein vorbereitet. Der große gemauerte Backofen bei ihm in der Backstube garantierte wohl einen gut ausgebackenen Kuchen. In beiden Armen trug er mehrere Brote, ging auf die Soldaten zu und unterhielt sich lange mit Ihnen, während er das Brot austeilte. Später erfuhr ich, dass er ein gebürtiger Weißrusse war, aber schon seit ewigen Zeiten mit seiner Familie im Ort wohnte und lange Jahre als Dorfbäcker arbeitete.

Was an diesem Tag später noch alles passierte, erinnere ich nicht mehr. Aber offensichtlich begann nun eine völlig neue Zeitrechnung. Am nächsten Tag bereits besetzte ein Russe mit seinem Maschinengewehr die Straßenkreuzung direkt an der Post. Sein Quartier hatte er im Postanhänger aufgeschlagen, den er von hinten vom Hof nach vorne an die Einfahrt gerollt hatte. Wir Kinder durften schließlich sogar hinunter zu ihm. Der Soldat war sehr freundlich und er zeigte mir seinen Schlafsack, den er fein säuberlich im Postanhänger ausgerollt hatte. Und er zeigte mir seine Handgranaten. Das Maschinengewehr stand derweil einsam mitten auf der Kreuzung auf den Pflastersteinen der Dorfstraße, in keine Richtung zeigend. Es war erstaunlich ruhig im Ort und auch in unserer Wohnung. Man sprach nur wenig und eine eigenartige Stimmung lag in der Luft. Selbst ich als nun sechsjähriger konnte das spüren.

Erst etwas später wurde es unangenehm. Nun kamen andere russische Einheiten und fremde Zivilpersonen in unseren Ort. Diese Leute aber waren ganz anders als die ersten Soldaten, die wohl schon wieder fort waren. Fortan fanden nun fast ständig Hausdurchsuchungen statt. Alles Wertvolle hatte bereits in den ersten Tagen unter Androhung der Todesstrafe bei Nichtbefolgung abgegeben werden müssen. So schleppte denn mein Opa das Radio, sein Fernglas, ein Jagdgewehr und andere Dinge hinüber ins Gemeindebüro. Die vielen Bücher aus der Zeit des ersten Weltkrieges, „seines“ Krieges, hatte er Tage vorher bereits hinter der Post auf dem Hof verbrannt. Das waren ganz dicke und sehr schwere Bücher mit Goldaufdruck. Ich habe gerne darin geblättert, weil so viele Bilder darin waren. Mein Opa hatte aber einige Tage vor dem Einmarsch der Russen vorsorglich noch eines getan: er ließ den Töpfermeister Herrn Grau kommen. Der musste den Kachelofen im Herrenzimmer halb aufstemmen. Dann wurde in einen Luftzug des großen Ofens fein säuberlich und fest verpackt unser gesamtes Familiensilber und der Schmuck eingemauert. Hinterher war nicht zu erkennen, dass die Fugen relativ frisch waren. Meine Oma fiel von nun an regelmäßig in Ohnmacht, wenn wieder einmal Hausdurchsuchungen stattfanden.

Einer meiner etwas älteren Spielfreunde aus Göhren, Friedrich-Wilhelm Bresin, hatte zu dieser Zeit einen schrecklichen Unfall. Er wohnte im Haus Waldesheim. Gleich um die Ecke verlief die Waldpromenade, auch ein beliebter Spielplatz damals für uns Kinder. Dort hatte er eine Handgranate gefunden, die schließlich explodierte. Er bekam zwei Splitter in den Rücken und von da an war er teilweise gelähmt. Er blieb mir seither als Schwerstbehinderter in Erinnerung. Als dieser schreckliche Unfall passierte, war er gerade einmal acht Jahre alt. Von einer zufälligen Begegnung mit ihm Mitte der neunziger Jahre wird später noch zu erzählen sein.

Irgendwann in dieser Zeit wurde eine mit Reet gedeckte alte Scheune ganz in unserer Nähe zu einem Pferdestall umgebaut. Diese Scheune lag auf dem Wege von der Post zum Strand auf halbem Wege rechts an der Strandstraße. Es wurden dort Pferdeboxen eingerichtet, getrennt durch an Ketten hängenden Rundhölzern. Der Stall selber sowie die Wände und die Hölzer wurden ganz bunt bemalt. Meine Mutter wurde dort auch zum Wände streichen zwangsverpflichtet. Es sah im Stall nun so bunt aus wie in einem Zirkus. Ich kannte damals zwar noch keinen Zirkus, aber später konnte ich diesen Vergleich ziehen. Die Stallungen dienten einer russischen Reitereinheit als Unterkunft. Das waren Kosaken, die hier allerdings auch nur kurz stationiert waren. Eine der alten Prachtvillen von Göhren, das letzte Haus links bevor man den steilen Weg zum Strand hinuntergeht beziehungsweise nach links zum Bahnhof abbiegt, wurde zur russischen Kommandantur umfunktioniert. Ein torähnlicher, hölzerner Überbau überspannte dort die Dorfstraße. Irgendein Spruch in kyrillischer Schrift prangte von oben herab. Dass es nicht unsere Schrift war, konnte ich mit meinen sechs Jahren bereits erkennen. Ich hatte ja schon fast ein Jahr Schulunterricht bei meiner Mutter in der Göhrener Volksschule. Meine Mutter war dort irgendwann noch Lehrerin geworden. Ihr Staatsexamen hatte sie ja noch vor dem Krieg in Greifswald abgelegt.

Wie sich das Leben dann im Ort weiter entwickelt hat, erinnere ich nicht mehr, aber von nun an war irgendwie alles anders als vorher. Wir fuhren nun weder mit dem Bollerwagen noch mit dem luftbereiften Roller und auch nicht mehr mit unserem Tretauto durch den Ort. Meine Oma hatte im Sommer 1945 auch keinen Strandkorb mehr gemietet und ich kann mich nicht daran erinnern, jemals wieder durch die Strandburgen gelaufen zu sein.

3. Kapitel

Die Übersiedlung nach Celle

Ich erinnere mich an einen Tag, als meine Mutter und meine Oma vor Freude weinend in der Küche am Fenster standen. Meine Mutter hatte einen Brief von meinem Vater erhalten, den er aus englischer Gefangenschaft geschrieben hatte. Offensichtlich hatte meine Mutter sehr, sehr lange Zeit überhaupt nichts mehr von ihm oder über ihn gehört. Nun also war die Freude groß. Mein Vater hatte den Krieg tatsächlich überlebt. Später, es mögen Monate gewesen sein, fuhr meine Mutter von Göhren aus alleine nach Celle, um dort meinen Vater endlich wiederzusehen. Offensichtlich war seit seinem ersten Lebenszeichen aus der Gefangenschaft ab und zu wieder neue Nachricht von meinem Vater angekommen. Schließlich konnte er meiner Mutter per Brief seine glückliche Entlassung aus der Gefangenschaft mitteilen. Das muss Anfang 1946 gewesen sein. Sein neuer Aufenthaltsort war die Stadt Celle in Niedersachsen. Dort wohnten entfernte Verwandte von uns. Das war der Buchhändler Julius Beeck mit seiner Familie. Vor und während des Krieges betrieb Julius mitten in der Innenstadt von Celle in der Poststraße ein großes Buchgeschäft. Ich denke, meine Mutter sollte sich vor Ort die Möglichkeit ansehen, mit uns Kindern dorthin umzusiedeln. Als meine Mutter wieder zurück in Göhren war, wurde darüber auch mit uns Kindern häufig gesprochen. Schließlich wurde entschieden, dass meine Mutter mit meinem Bruder und mir zusammen nach Celle umziehen sollte. Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen siebenten Geburtstag am 1. Mai 1946. Alle meine Freunde waren gekommen. An jenem sonnigen Maifeiertag begingen wir meinen allerletzten Geburtstag in Göhren. Es gab Kuchen und wir Kinder tobten über den großen Hof hinter dem Postgebäude. Meine Mutter machte sogar noch ein Foto von uns allen, wie wir vor dem großen Garagentor mit dem Postbus dahinter in einer Reihe nebeneinander aufgestellt in den Knipskasten lächelten. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich bei dieser Gelegenheit meinen Freunden die frischen, gerade aus der Erde hervorschauenden Sprießlinge von Kastanien-bäumen gezeigt habe, die mein Bruder und ich unter Anleitung meines Großvaters direkt am Zaun unseres Gartens im Herbst davor gepflanzt hatten. Auch von diesen Bäumen wird später noch einmal zu erzählen sein.

Bereits einen Tag später, dem 2. Mai 1946, begann unsere abenteuerliche Umzugs-Reise von Göhren nach Celle. Sie sollte volle drei Tage dauern. Zunächst ging es in einem klapperigen Personenwagen nach Putbus. Dieses Auto hatte hinten einen riesigen, senkrecht stehenden Kessel angebracht. Heute weiß ich, dass dieses Auto damals mit Holzgas angetrieben wurde, weil es kein Benzin gab. In Putbus angekommen warteten wir zusammen mit hunderten anderen Bahngästen auf die „Großbahn“, dem Zug nach Stralsund. Die Kleinbahn von Göhren nach Putbus schien zu dieser Zeit den Betrieb eingestellt zu haben. Da standen wir also im dichten Gedränge und warteten. Als Gepäck musste ich vorne auf der Brust einen Kinderrucksack tragen, auf dem Rücken hatte man mir eine Emaille Waschschüssel provisorisch umgebunden. Ob in der Schüssel auch noch etwas verstaut war, erinnere ich nicht mehr. Irgendwann kam dann tatsächlich ein Zug und es gab ein unvorstellbares Gewühle. Die Waggons hatten an jedem Abteil eine eigene Einstiegstür und über die ganze Wagenlänge zwei übereinanderliegende Trittbretter. Aber die wenigsten Abteile wurden geöffnet. Gepäck aller Art wurde durch geöffnete Fenster hineinbugsiert und auf gleichem Wege bin ich selber auch in ein Abteil gelangt: durch ein Fenster. Über die Köpfe der Menschen hinweg wurde ich immer weitergereicht und dann schließlich durchs Fenster in ein Zugabteil geschoben. Irgendwann tauchte schließlich auch meine Mutter mit meinem Bruder in diesem Abteil auf. Das Abteil war so überfüllt, dass wirklich niemand umfallen konnte. Schließlich trillerte „der Mann mit der roten Mütze“, und der Zug setzte sich ruckelnd in Bewegung. Die Stöße der Schienen erzeugten ein einschläfernd wirkendes klackklack – klackklack – klackklack, vermischt mit einem heulenden Windgeräusch unter dem Wagen. Manchmal hörte sich das an, als wenn die Schottersteine des Gleisbettes sämtlich lose durcheinander flogen. Selbst bis heute weiß ich noch nicht, wie dieses Geräusch zustande kam. Draußen vor dem Abteilfenster spielten die Telegraphendrähte. Ich war fasziniert davon, wie sie sich scheinbar senkten, kurz innehielten um wieder langsam in die Höhe zu steigen. Zack, ein Telegraphenmast sauste vorbei und die Drähte senkten sich wieder, stiegen aufs Neue in die Höhe und zack, der nächste Mast sauste vorbei.

Wie lange die Reise gedauert hat, weiß ich nicht mehr. Aber der Zug hielt plötzlich auf freier Strecke an und alles stieg aus. Entlang dem Bahngleis trottete diese mehr als überbepackte Menschenmenge nun zu Fuß in Richtung Rügendamm weiter. Der Zug hatte unmittelbar vor der einzigen festen Verbindung vom Festland zur Insel gestoppt. Wir marschierten mit all den anderen mit. Ich erinnere mich an die zerstörte Rügendammbrücke und an eine außen daran angebrachte, abenteuerlich schief hängende Holzkonstruktion, die das gesprengte Brückenteil ersetzen sollte. Man durfte nur in kleinen Gruppen und nur ganz vorsichtig über diese Notbrücke gehen. Danach ging es weiter zu Fuß in Richtung Festland, bis wir endlich in der durch Bomben ziemlich zerstörten Stadt Stralsund ankamen. Irgendwie und irgendwann erreichten wir dann auch den Stralsunder Bahnhof. Das Gedränge der Menschen wiederholte sich hier in noch verstärktem Maße. Wann wir und letztlich auch wie wir von dort weitergekommen sind, weiß ich nicht mehr.

Insgesamt habe ich aber zwei Nächte in Erinnerung, in denen wir mit unendlich vielen anderen Reisenden auf Bahnhöfen und auf den Bahnsteigen zwischen unserem Gepäck verbrachten. Züge fuhren 1946 sehr selten und man war häufig für lange Stunden auf irgendeinem Bahnhof gestrandet. Ich glaube, die erste Nacht lagen wir auf dem Bahnhof in Schwerin fest. Ich erinnere mich gut an die dick beschmierten Stullen, die meine Oma uns für diese beschwerliche Reise mitgegeben hatte. Und hartgekochte Eier gab es und sogar Salz dazu. Das Salz war in kleinen Stückchen Papier eingewickelt. Wir aßen dort, wo wir gerade auf und zwischen unserem Gepäck saßen. Ein kleiner Junge, etwa in meinem Alter, kam plötzlich bei uns vorbei und bettelte um ein Stück Brot. Offensichtlich hatte er uns beobachtet. Meine Mutter reichte erst mir eine ordentliche Scheibe, die ich ihm abgeben durfte. Er stolperte hocherfreut über Gepäckstücke hinweg davon, selig, bei uns etwas Essbares ergattert zu haben. Aber nach ganz kurzer Zeit kam er noch einmal zu uns zurück, mit einem Buch in der Hand. Das schenkte er mir. Meine Mutter musste etwas helfen, weil ich diese Geste des Dankes erst gar nicht verstand. Das Buch habe ich noch heute bei mir im Regal stehen: „Casper-Ohm un ick“, ein plattdeutsches Buch von John Brinkmann.

Wann und wie es dann wirklich weiterging, habe ich vergessen. In Erinnerung geblieben sind mir die vielen Zwischenhalte der Eisenbahn, oft verbunden mit dem Aussteigen auf freier Strecke und anschließenden Fußmärschen, bis man irgendwann und irgendwo wieder in einem Zug saß, der dann auch irgendwann weiterfuhr. Ich nehme an, dass Bahnstrecken oder Eisenbahnbrücken in dieser frühen Nachkriegszeit deshalb noch immer teilweise unpassierbar waren, weil sie in den letzten Kriegstagen von der Wehrmacht gesprengt oder von Flugzeugen zerschossen worden waren. Es ist auch möglich, dass zu dieser Zeit damit begonnen wurde, die seinerzeit zweigleisigen Bahntrassen auf nur eine Spur zurückzubauen. Die Russen ließen die demontierten Schienen nach Russland bringen. Züge mussten auf den nun eingleisigen Strecken oft lange auf einen Gegenzug warten. Es waren so viele Reisende unterwegs, dass die Waggons auch draußen mit Trauben aus Menschen behangen waren. Sie klammerten sich auf den Trittbrettern stehend an den Haltegriffen fest und selbst auf den Puffern zwischen den Wagen versuchten Leute, mitzukommen und nicht herunterzufallen. Ich sehe noch immer ein Plakat vor mir, das einen abstürzenden Mann zwischen zwei sich begegnenden Zügen zeigt. „Vorsicht“ stand unter dem gruseligen Bild. In den Abteilen waren etliche Fenster notdürftig mit Pappe oder ähnlichem zugemacht. Die Scheiben fehlten und waren bestimmt während des Krieges bei Luftangriffen zerbrochen und bislang noch nicht ersetzt worden. 1946 gab es noch nicht viel Material, mit dem man Kriegsschäden hätte reparieren können.

Die zweite Nacht verbrachten wir auf einem Bahnsteig in Kreiensen. Irgendwann und viele Kilometer vor Kreiensen hatten wir wieder einmal den Zug auf freier Strecke verlassen müssen. Es folgte ein abenteuerlicher Fußmarsch durch Wälder und über Koppelzäune. Erst Jahre später ist mir bewusst geworden, dass dieses die Strecke über die Zonengrenze war.

Überfüllte Züge, 1946

In Kreiensen aber beeindruckte mich die Lokomotive des einlaufenden Zuges, der uns kurz darauf weiterbefördern sollte. Sie war sehr groß, vorne herum ganz rund und sah sehr stromlinienförmig aus. Wir waren nun endlich im Westen und in der Britischen Zone angekommen. Dieser Zug war nicht mehr so überfüllt wie die anderen vorher. Auch hingen nun keine Fahrgäste mehr außen an den Wagen. Beeindruckend für mich waren die Durchfahrten durch größere Bahnhöfe. Überall waren Gleisanlagen noch vom Krieg völlig zerstört. Man sah Bombentrichter und völlig verbogene Schienen krumm und schief. Auf irgendwelchen Rangiergleisen standen in langen Reihen völlig zerbombte und ausgebrannte Dampflokomotiven und Personenzugwaggons. Ausgebrannte Güterwagen lagen teils ohne Achsen auf den Seiten, und nur noch als Gerippe erkennbare Viehwagen standen zusammengeschoben und rostend in den ansonsten verwaisten Güterbahnhöfen. Der Hauptbahnhof von Hannover bot ein besonders trostloses Bild. Der größte Teil der Bahnhofskonstruktion war bis zur Unkenntlichkeit verbogen, verbrannt und zerstört. Ein Wunder, dass es überhaupt eine befahrbare Schiene gab. Unser Zug lief nach drei langen und beschwerlichen Reisetagen endlich in Celle ein. Auch hier standen sehr viele völlig ausgebrannte und vor sich hin rostende Dampflokomotiven auf einem Abstellgleis. Der Celler Bahnhof und die unmittelbare Umgebung hatte kurz vor Kriegsende auch noch einen Bombenangriff über sich ergehen lassen müssen. Eine Fliegerbombe war genau in der Mitte der Bahnunterführung eingeschlagen, unter der die Bahnhofstrasse hindurch in die Neustadt führte. Ein riesiges Loch war dort zu erkennen. Die Bombe hatte bei ihrer Explosion Teile des Bahnsteigs und die darunter liegende Betonkonstruktion der Unterführung glatt durchschlagen. Angeblich hatten sich während dieses Luftangriffes sehr viele Menschen unter der bogenförmigen Straßenunterführung in Sicherheit gewähnt. Das war für die meisten Schutzsuchenden ein fataler Irrtum. Die Unterführung war auch im Mai 1946 noch immer nur provisorisch mit Balken abgesichert, ansonsten aber für alle Fahrzeuge gesperrt. Nur Fußgänger konnten auf einer Seite des Tunnels, unter einer Holzkonstruktion hindurch, zum anderen Ende gelangen.

Eine stromlinienförmige Lokomotive (1946)

So ganz genau erinnere ich mich nicht mehr an die ersten Tage in Celle. Aber die Wohnung von Julius Beeck und seiner Frau Grete habe ich als sehr dunkel und bedrückend in Erinnerung. Hier oben in der Wohnung trafen wir unseren Vater wieder. Dieser Moment war genauso ein bedrückendes Erlebnis, wie diese ganze Situation überhaupt, in der wir uns gerade befanden. Ich glaube, Grete Beeck wollte uns ohnehin schnellstmöglich wieder loswerden. Meinen Vater sah ich als einen für mich völlig fremden Menschen vor mir. Ich hatte ihn ja auch seit einer sehr langen Zeit nicht mehr gesehen und konnte mich an sein Aussehen kaum und nur noch vage erinnern. Seinen Siebenender hatte ich aber nicht vergessen. Wo und wie wir dort geschlafen haben, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls blieben wir dort in der Poststraße tatsächlich nur sehr kurz.

Das nächste, was in meiner Erinnerung geblieben ist, war die Blumläger Schule in Celle. Mein Vater hatte oder sollte dort wieder eine Tätigkeit als Volksschullehrer aufnehmen. Wir „zogen“ in ein Klassenzimmer ein. Außer den Schulbänken gab es keine Möbel. Geschlafen wurde quasi vor den Schulbankreihen auf Strohsäcken auf dem Fußboden. Wie lange dieser Zustand dauerte, weiß ich auch nicht mehr. Meine Mutter war todunglücklich. Ich erinnere mich an das Haus Blumlage 46 (oder 42?). In diesem uralten und in keinem guten Zustand direkt an der Blumlage gelegenen Fachwerkhaus wurde im Obergeschoß eine leerstehende Dreizimmerwohnung für uns hergerichtet. Ich schaute einem Maler zu, wie er Kreidetünche an den Wänden aufbrachte, die später in trockenem Zustand abfärbte, wenn man sich dagegen lehnte. Auf diese Tünche wurde dann mit einer Rolle ein zartes, leicht farbiges Muster aufgerollt. Dadurch wirkten die Wände nicht mehr ganz so fad. Als die Wohnung bezugsfertig war, zogen wir aus dem Klassenzimmer aus und dort ein. Es gab nur ein einziges Problem: wir hatten kein einziges Stück Möbel, kein Bett, keinen Stuhl kein Geschirr, kein Besteck, keinen Herd und auch sonst rein gar nichts. Nur eine Emaille Schüssel, die ich von Göhren auf Rügen bis nach Celle als Gepäckstück auf meinem Rücken getragen hatte, war vorhanden. Mein Vater muss dann wohl alle Schulkinder gebeten haben, zu Hause nachzufragen, ob die Eltern irgendetwas Brauchbares übrig hätten. Die Resonanz war verblüffend. Am kommenden Tag besaßen wir diverse verschiedene Schüsseln, Teller aller Art und Größe, Besteck, zum Teil aus Aluminium, einige Hocker ohne Lehne, ein doppelstöckiges Militärbett mit Drahtmatratzen, einen Stuhl, einen Gartentisch und einige Aluminiumtöpfe mit mehr oder weniger tiefen Beulen daran. Mein Vater organisierte einen Gasherd, im Haus lag Gasanschluss. In der Abstellkammer, die unsere Küche werden sollte, wurde eine ehemalige Munitionskiste, die innen eine Zinkwanne besaß und von einem massiven Holzdeckel zum Klappen verschlossen wurde, auf zwei Hockern zum Küchentisch umfunktioniert. In aufgeklapptem Zustand konnte in „meiner“ Emaille Schüssel der Abwasch getätigt werden. Wasser gab es in der Ecke aus einem Wasserhahn, der immer in den darunterliegenden gusseisernen und viel zu kleinen Eckausguss tropfte. Im Verlaufe der kommenden Tage vervollständigte sich unser Haushalt zusehend. Ein besonderes Stück Besteck wurde zwischen allem Sammelsurium besonders gehütet: das war ein Esslöffel mit in der halben Länge abgesägtem Stiehl. Die fehlende Hälfte wurde durch einen Holzgriff ersetzt. Das per Hand geschnitzte Stück Holz besaß eine Art Schlitz, in den man den abgesägten Löffel einfach einklemmte. Diesen Löffel hatte mein Vater aus der englischen Gefangenschaft mitgebracht. Ich denke mir, dass die Kriegsgefangenen nur solche Löffel besitzen durften, um sich damit nicht ernsthaft verletzen zu können oder sonst etwas Unerwünschtes damit anstellen konnten. Den Löffel und diese Munitionskiste gab es noch bis in die späten siebziger Jahre im Haushalt meiner Eltern. Irgendwie kam dann im Laufe von Wochen bei uns in der Blumlage doch noch so eine Art Wohnkultur zustande. Es gab schließlich einen richtigen Esstisch, einige zwar unterschiedliche Stühle mit Rückenlehne, aber man konnte auf denen nun wenigstens ordentlich am Esstisch sitzen. Die Küche wurde schließlich um einen hintenherum „besorgten“ alten Küchenschrank vervollständigt und sie wurde dadurch erst wirklich funktionsfähig. Die Küche war aber eher ein Loch als ein Ort zum Anrichten von Speisen. Mit dem Gasherd, dem Küchenschrank und der Munitionskiste auf den beiden Hockern konnte man sich nur mit einer Person darin bewegen. Auf der Kiste stand vieles aufgestapelt, was in der Küche schnell und ständig gebraucht wurde. Man musste das erst alles runterräumen, wenn es ans Abwaschen ging. Etwas Wasser wurde im Teekessel auf einer Gasflamme erhitzt, in die Waschschüssel in der Kiste gegossen und kaltes Wasser wurde bei Bedarf nachgefüllt. Das gewaschene Geschirr kam in eine zweite Waschschüssel, die wir inzwischen geschenkt bekommen hatten. Das gewaschene Geschirr wurde danach aus dieser Schüssel genommen und abgetrocknet. Wenn alles fertig war, kam das Wasser in den Ausguss, der Deckel der Munitionskiste wurde wieder geschlossen und alle Utensilien kamen zurück auf den Deckel.