Warum war so einer Kommunist? - null woiferl - E-Book

Warum war so einer Kommunist? E-Book

null woiferl

0,0

Beschreibung

1977 tritt der Autor in die SDAJ (Jugend der DKP) ein. Später wird er auch in die DKP aufgenommen. Angezogen durch das Beispiel der alten Antifaschisten, die Hitlers KZs überlebt hatten, macht er sich auf die Welt zu verändern. Friedensbewegung, Schülerbewegung, Häuserkampf, Anti-Atom-Aktivitäten sind die politischen Brennpunkte dieser Zeit. In den späteren 80ern folgt dann die Erkenntnis, dass diese Art des Sozialismus und der undemokratische Aufbau der Orgbanisationen nicht der Weg zur Veränderung hin zu einer freien Gesellschaft sind.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 86

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



woiferl

Warum war so einer Kommunist?

Jungkommunist in den 80er-Jahren in der BRD

 

 

 

Dieses eBook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Kampf ums Paradies

Vorwort

Wie alles anfing

Die Junge Mannschaft

Wir sind die junge Garde

Der reale Sozialismus

Die Schülerbewegung

Häuserkampf

Die Friedensbewegung

Spektakuläres

Hoch die internationale Solidarität

Betriebsarbeit

Der Funktionär

Die Perestroika und die deutschen Kommunisten

Narreteien und echte Politik

Alles hat ein Ende

Impressum

Der Kampf ums Paradies

Ich hab geträumt der Winter wär’ vorbei. 

Du warst hier und wir waren frei. 

Und die Morgensonne schien. 

Es gab keine Angst und nichts zu verlieren. 

Es war Friede bei den Menschen und unter den Tieren. 

Das war das Paradies. 

Der Traum ist aus, 

der Traum ist aus. 

Aber ich werde alles geben, 

dass er Wirklichkeit wird. 

Ich hab geträumt der Krieg wär’ vorbei. 

Du warst hier und wir waren frei. 

Und die Morgensonne schien 

Alle Türen waren offen, 

die Gefängnisse leer. 

Es gab keine Waffen und keine Kriege mehr. 

Das war das Paradies. 

Der Traum ist aus, 

der Traum ist aus. 

Aber ich werde alles geben, 

dass er Wirklichkeit wird. 

Gibt es ein Land auf der Erde, 

wo der Traum Wirklichkeit ist? 

Ich weiß es wirklich nicht. 

Ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: 

Dieses Land ist es nicht! 

Dieses Land ist es nicht! 

Der Traum ist aus. 

In dieser Zeit. 

Doch nicht mehr lange, 

mach Dich bereit für den Kampf ums Paradies. 

Wir haben nichts zu verlieren außer unserer Angst. 

Es ist unsere Zukunft unser Land. 

Gib mir Deine liebe, gib mir Deine Hand. 

Der Traum ist aus. 

Der Traum ist aus. 

Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird. 

Vorwort

Hier habe ich einen wichtigen Teil meines früheren Lebens aufgeschrieben. Es ist sicherlich nicht vollständig, manche Episoden sind ausführlicher geschildert, manch andere haben sich in der Erinnerung nicht so festgesetzt. Weil ich nichts dazudichten wollte sind manche Schilderungen etwas kürzer geraten. Für das hier Geschilderte kann ich versichern, dass ich alles so erlebt habe. Es ist keine wissenschaftliche Analyse, es ist einfach ein Erlebnisbericht. 

Absichtlich werden keine Namen genannt (außer von historischen oder toten Personen). Ich möchte niemanden kompromittieren oder ihm gar Schaden zufügen. Auch mein Name ist ein Pseudonym. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich verstecken will. Wenn mich aus meinem Umfeld jemand anspricht, dann kann er von mir gerne erfahren, was ich früher gemacht habe. Nur will ich selbst entscheiden, wann und mit wem ich darüber spreche. Es gibt einige meiner ehemaligen Genossen, die ihre Vergangenheit leugnen. Dazu gibt es für mich keinen Grund. 

Ohne die Bewegungen der 70er und 80er Jahre gäbe es heute kein allgemeingesellschaftliches Friedensbewusstsein und ebenso keine Sensibilität in ökologischen Fragen. Zu vielen unserer Aktivitäten kann ich auch heute noch stehen, auch wenn sich eine Menge unserer Anschauungen im Nachhinein als falsch erwiesen haben. Der größte Irrtum bestand darin, dass unsere vermeintliche gesellschaftliche Alternative, der Sozialismus, sich von der ursprünglichen Konzeption von Karl Marx zu einem autoritären, menschen- und naturverachtenden System entwickelt hatte. Diese Entwicklung war aus meiner heutigen Sicht gesetzmäßig. 

Leider ist der heutige Kapitalismus nun ohne Konkurrenz. So kann er sich ungestört wieder von seiner rein profitorientierten Seite zeigen und die demokratischen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte Schritt für Schritt über Bord werfen. Demokratie besteht darin, alle vier Jahre zwischen zwei großen, wenig unterschiedlichen Blöcken zu wählen und dazwischen darf man aus einem bunten Warenangebot wählen. Unsere Gesellschaft entwickelt sich immer stärker zu einer Oligarchie. Die natürlichen Lebensgrundlagen werden Schritt für Schritt zerstört, der Wald stirbt weiter. Der Kohlendioxidausstoß ist vor allem Dank der Amerikaner und George Bush kaum zu begrenzen. Die Welt ist leider auch nicht friedlicher geworden. 

Doch auch heute gibt es Menschen, die sich einsetzen für Frieden, Umwelt und soziale Gerechtigkeit. Es gibt eine Reihe von Ansätzen, für nachhaltiges Wirtschaften, das auch die Interessen der armen Länder berücksichtigt. Heute halte ich es für wichtig, mit Veränderungen bei sich selbst anzufangen. Das Verhalten zu den Mitmenschen, zur Natur und zu Tieren, die einem begegnen. Der Bezug von Öko-Strom oder der Einkauf von regionalen Produkten erscheint zunächst nicht unbedingt als die große politische Aktion. Aber sobald viele Menschen sich beteiligen, wird sich auch im Ganzen das Kräfteverhältnis verschieben. Es sind immer zunächst wenige, die den Anfang machen. 

Wie alles anfing

In Bayern gab es seit jeher einen Einparteienstaat unter dem großen Landesvater Franz Strauß. Kritik an ihm wurde wie in jeder anderen anständigen Monarchie als Majestätsbeleidigung oder Gotteslästerung geahndet. Und nahezu alles was mit den herrschenden Vorstellungen nicht übereinstimmte war Kritik am großen Landesvater. So eckte man als junger, selbstständig denkender Mensch schnell mit dem herrschenden Establishment an. Jeder der abweichende Meinungen oder Vorstellungen äußerte (und jede eigene Vorstellung war eine abweichende), wurde als Ratte oder Schmeißfliege bezeichnet oder als Revoluzzer oder Terrorist, der die herrschende Ordnung stürzen will tituliert. 

Zugespitzt hatte sich das noch auf dem Höhepunkt einer hysterischen Terroristenhatz. Eine Gruppe von pseudolinken Spinnern war der Meinung, man müsse den Guerillakrieg, den schon Che Guevara in Bolivien nicht gewinnen konnte, nach Europa tragen. Durch Gewaltaktionen wollte man den Staat zwingen, zu reagieren und ihm so das demokratische Mäntelchen herunterreißen. Anfangs als Baader-Meinhof-Gruppe und später als Rote Armee Fraktion wurden einige Anschläge verübt. Es traten weitere Grüppchen in Erscheinung die sich dann „Bewegung 2. Juni“ oder „Kommando Holger Meins“ nannten. Mitte der 70er kamen Ermordungen und Entführungen von Repräsentanten des Staates und der Wirtschaft dazu. Höhepunkte waren die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer und die Entführung des Flugzeuges „Landshut“ und dessen blutige Befreiung in Mogadischu. In der Folge kamen Andreas Baader und Ulrike Meinhof unter etwas mysteriösen Umständen im Hochsicherheitsgefängnis ums Leben. Den offiziellen Selbstmord nahm man den Staatsorganen nicht ganz ab. Es ist auch ziemlich schwierig, in Isolationshaft eine Pistole zu schmuggeln und sich dann selbst ins Genick zu schießen. 

Eine logistische Glanzleistung der terroristischen Szene war das fachgerechte Sprengen eines Gefängnisneubaus. Es gab auch eine illustre Sympathisantenszene unter anarchistischen Gruppierungen. Bei ihnen gab es den Spruch: „Wir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen.“ Will heißen, dass immer einige im Knast saßen und das natürlich nur wegen ihrem heldenhaften Kampf gegen das „Schweinesystem“. 

Für den Staat Bundesrepublik war jetzt die willkommene Gelegenheit gekommen gegen alles Unabhängige und Linke vorzugehen. Eine beispiellose Hetze gegen alle, die angeblich nicht für die so genannte freiheitliche Grundordnung einstanden setzte ein. Alle linken und unabhängigen Denker waren jetzt Terroristensympathisanten. Außerdem wurde ein umfangreicher Überwachungsstaat installiert und für diejenigen, die das Pech hatten den Exekutivorganen als terrorismusverdächtig in die Hände zu fallen wurden nahezu alle Bürgerrechte ausgehebelt (Einzelhaft, Unterbindung von Anwaltskontakt etc.). Als beredte Zeugnisse für die hysterische Stimmung seien hier die Filme „Deutschland im Herbst“ oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ genannt. Schon die sozialliberale Koalition hatte 1972 den so genannten „Radikalenerlass“ eingeführt. Dieser sollte extremistischen Elementen den Zugang zu Staatsämtern verwehren. Eigentlich traf er nur die Kommunisten, weil auch die neue (West-)Deutsche Republik nach dem zweiten Weltkrieg auf dem rechten Auge blind war. So konnten dann bekannte Kommunisten nicht Lehrer, Lokführer oder Briefträger werden. Wahrscheinlich hätten sie sofort die Lokomotiven nach Moskau gesteuert oder die Briefe alle dem KGB zugeleitet. 

Wenn man schon radikal war, wenn man seine eigene Meinung vertreten wollte, dann konnte man ja gleich richtig radikal sein. Wenn man kein Terrorist werden wollte, dann gab es da ja noch die in Bayern nicht besonders zahlreichen Kommunisten. Die SPD kam für mich nach den Erfahrungen, die meine Eltern gemacht hatten nicht in Frage. Die SPD in Bayern ist zwar fast genauso klein, wie es damals die DKP war, aber das allein genügt noch nicht radikal anders zu sein. Sie war und ist seit jeher bemüht, die bessere CSU abzugeben. Das hat sie teilweise auch durch einen sehr gewichtigen Vorsitzenden versucht. 

Meine Eltern waren beide in der SPD, wurden aber der kommunistischen Unterwanderung des Ortsvereins bezichtigt. Zwei führende Köpfe der örtlichen SPD hatten fast nichts anderes mehr zu tun, als diese Unterwanderung nachzuweisen. Diese bestand vor allem darin, dass neben anderen Künstlern auch kommunistische Künstler bei uns ein und aus gingen. Über einen Kulturkreis in unserem Ort fanden Lesungen und Ausstellungen statt. Unter den Künstlern waren halt auch Kommunisten. Beide traten nach einigem Hin und Her aus der SPD aus. 

Die Kommunisten hatten Beharrlichkeit und widerstanden auch schon den Nazis und sie propagierten ein anderes Gesellschaftsmodell. Dass sich dieses eigentlich schon damals selbst diskreditiert hatte und ca. 15 Jahre später ganz zu existieren aufhören würde konnte ich zu der Zeit noch nicht überblicken. Für mich zählten die Bespiele der alten Antifaschisten, die teilweise 12 Jahre in Hitlers KZs zugebracht hatten und heute noch ihre Überzeugungen aufrechterhielten. Sie saßen sogar in der neuen Bundesrepublik wieder im Gefängnis, als 1951 die FDJ (in der BRD) und 1956 die KPD verboten wurden. Die KPD arbeitete illegal weiter und 1968 wurde dann die DKP gegründet. Die Lebensläufe dieser alten Kämpfer beeindruckten mich. Einer dieser alten Kämpfer war Richard Scheringer, der in den 20ern als Leutnant von Ulm aus dem Gefängnis heraus eine Erklärung gegen Hitler verlesen ließ. Nach dem Krieg begründete er eine kommunistische Familiendynastie in Kösching bei Ingolstadt. Er war einer der wenigen kommunistischen Gemeinderäte. Ein weiterer alter Kämpfer war Oskar Neumann, der mit weißem Haarschopf und Gitanes rauchend die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten leitete. Ein wichtiges Vorbild für die bayerischen Kommunisten war Hans Beimler, dem es 1934 gelang aus dem KZ Dachau zu fliehen und der sein Leben dann im spanischen Bürgerkrieg verlor. Auch Ernst Thälmann wurde immer auf einen Sockel gestellt. Er war seit Mitte der 20er Vorsitzender der KPD und auch noch während des Faschismus. Er wurde 1944 im KZ Buchenwald ermordet.