Was kommt nach der Queen? - Mareile Höppner - E-Book

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Mareile Höppner

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Beschreibung

Was geschieht, wenn die Regentschaft der Queen endet Die beliebte ARD-Royal-Expertin Mareile Höppner über das britische Königshaus zwischen Tradition und Moderne: Pracht und Perfektion, prunkvolle Krönungen und Geburtstagsfeierlichkeiten – und doch gilt das britische Königshaus dank Queen Elizabeth II. als Wohlfahrts- und Familienmonarchie. Und fasziniert über die Landesgrenzen hinaus: Wir verlieben uns regelmäßig in ihre Prinzen und Prinzessinnen. Amüsieren oder empören uns über vermeintliche Skandale. Weinen leise Tränen der Rührung bei ihren Hochzeiten und Taufen. Mareile Höppner geht der großen Faszination für die britische Krone nach. Und einer Frage: Was wird geschehen, wenn die lange, stabile Regentschaft der Queen endet?

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Seitenzahl: 354

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mareile Höppner

Was kommt nach der Queen?

Das englische Königshaus zwischen Boulevard und Buckingham Palace Mit einem Vorwort von Rolf Seelmann-Eggebert

 

 

 

Über dieses Buch

Die beliebte ARD-Royal-Expertin Mareile Höppner über das britische Königshaus zwischen Tradition und Moderne.

 

Pracht und Perfektion, prunkvolle Krönungen und Geburtstagsfeierlichkeiten – und doch gilt das britische Königshaus dank Queen Elizabeth II. als Wohlfahrts- und Familienmonarchie. Und fasziniert über die Landesgrenzen hinaus: Wir verlieben uns regelmäßig in ihre Prinzen und Prinzessinnen. Amüsieren oder empören uns über vermeintliche Skandale. Weinen leise Tränen der Rührung bei ihren Hochzeiten und Taufen …

 

Mareile Höppner geht der großen Faszination für die britische Krone nach. Und der Frage: Was wird geschehen, wenn die lange, stabile Regentschaft der Queen endet?

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, November 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlaggestaltung zero-media.net, München

Umschlagabbildung Sean Gallup / Getty Images

ISBN 978-3-644-40409-0

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

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www.rowohlt.de

Danksagung

Ich danke dem Rowohlt Verlag, der mich auf dieser Reise durchs britische Königshaus unterstützt hat, insbesondere meinen engsten Begleiterinnen dort: Ricarda Saul und Antje Röttgers.

Ferner gilt mein größter Dank Rolf Seelmann-Eggebert, der mir den Schlüssel zu den Königshäusern gegeben hat und weiter schützend und mit seinem großen Wissen die Hand über mich hält. Danke meinem Freund Rolf Seelmann-Eggebert.

Und Dank nicht zuletzt den handelnden Akteuren, dass sie es zulassen, dass wir auch mal hinter die Palastmauern blicken dürfen.

 

Das Buch widme ich meinem Sohn Jakob, der mich in dieser Zeit oft mit Prinzen und Prinzessinnen teilen musste.

Vorwort

von Rolf Seelmann-Eggebert

 

Am liebsten spricht sie mit Kindern vor der Kamera. Aber auch für Marktfrauen und Ministerpräsidenten fallen ihr die richtigen Fragen ein. Egal, ob sie in Abendgarderobe oder Jeans auftritt: Immer umweht sie ein Hauch von unaufdringlicher Eleganz. Lange war sie Gastgeberin einer Talkshow beim MDR. Jetzt ist Mareile Höppner selbst begehrter Talkshowgast, ein Hansdampf in allen Gassen der ARD.

Ich selber habe mit Mareile Höppner stundenlange Livesendungen von königlichen Hochzeiten, Staatsbesuchen und Krönungen kommentiert. Jedes Mal war ich überrascht, wie gut sie ihre Schularbeiten gemacht hatte und mit den Ereignissen der Vergangenheit jonglierte wie ein Zirkusclown.

Mit einer Queen, die zügig auf ihren 95. Geburtstag zusteuert, mit einem Prinzgemahl, dem man wünscht, dass er die hundert noch erreicht, neigt sich das zweite elisabethanische Zeitalter seinem Ende zu. Gleichzeitig treiben das Vereinigte Königreich und der europäische Kontinent dank Brexit auseinander.

Mareile Höppner hätte für ihr Buch keinen geeigneteren Zeitpunkt wählen können.

Kapitel 1Wenn die Queen stirbt – Das Ende einer Ära

Kann ein Buch mit der Annahme beginnen, die Queen wäre nicht mehr da? Verstorben? Eine Frau so berühmt wie Mickey Mouse? Ja, durchaus ...

Leise schließt der Privatsekretär der Queen die Flügeltüren. Für einen Moment verharrt er. Den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen, glaubt, die goldene Klinke nicht loslassen zu können. Dann strafft er die Schultern, atmet tief ein und zwingt sich, die Hand von der Klinke zu lösen. Er hat eine Aufgabe zu erfüllen.

Der Bann ist gebrochen. Hastig eilt er die Gänge des Palastes hinunter, vorbei an mannshohen Porträts britischer Regenten. An Queen Victoria – der Königin, der seine Chefin an Amtsjahren den Rang abgelaufen hat. Vorbei an George V., der der Dynastie in den frühen Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit dem Namen Windsor ein neues Branding verpasst hatte – und vorbei auch an Georg VI., dem Vater der Queen, der unfreiwillig König wurde, nachdem sein Bruder der Liebe wegen abgedankt hatte.

In seinem Büro, das Telefon schon in der Hand, hält der Privatsekretär noch einmal inne. Er weiß, wenn er die Worte ausspricht, wird es kein Zurück mehr geben. Er wird eine Kette von Ereignissen auslösen, die nicht mehr umzukehren sind. Er wählt. Das Freizeichen ertönt, einmal, zweimal … «Downing Street.» Er will etwas sagen, doch ein irritierendes Bild taucht vor seinem inneren Auge auf: Er, noch ein Junge, wie er bäuchlings auf einem Teppich liegt, die Augen auf einen Dominostein gerichtet, und den Finger langsam ausstreckt. Er atmet durch. «London Bridge is down.» Am anderen Ende der Verbindung entsteht eine Pause. «Bitte wiederholen Sie.» Er sieht den Stein wackeln. «London Bridge is down.» Und fallen. Die Queen – Elizabeth II. – ist tot.

 

Genau für diesen Tag hat Ihre Majestät höchstpersönlich jeden Schritt vorbereitet. Nicht nur das, die Pläne wurden bereits veröffentlicht. Vom ersten informierenden Telefonanruf bis zur Thronfolge – die Monarchie will, im Gegensatz zur Politik, eines unter allen Umständen vermeiden: Unklarheit. Denn das ist das große Geheimnis der Monarchie: ihre Verlässlichkeit. Was also passiert, wenn im Buckingham Palace nur noch der Tod von Her Majesty festgestellt werden kann?

Wie ein Journalist des Londoner Guardian kürzlich offenlegte, arbeitet der Palast schon seit den frühen sechziger Jahren mit verschiedenen Akteuren zusammen, um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein. Wenn die Queen stirbt, bleiben ihnen nur wenige Tage, um eine enorme Aufgabe zu stemmen: den Fortbestand der Monarchie zu sichern und ein Staatsbegräbnis riesigen Ausmaßes zu organisieren. Ein so großzügiger Vorlauf für die Planung einer königlichen Beerdigung ist dabei nicht unüblich. Schon seit dem Tod Queen Victorias hat die Planungswut der Monarchen Tradition. Die «Großmutter Europas» bereitete ihre Beerdigung minuziös vor und hinterließ detaillierte Anweisungen zum Ablauf der Feierlichkeiten. Natürlich haben die Mitglieder der königlichen Familie auch heute bei der Planung ein Wörtchen mitzureden, und sie entwickeln auch eigene, andere Vorstellungen. So ist beispielsweise bekannt, dass sich Prinz Philip eine «no-fuss-funeral» wünscht – eine Beerdigung ohne großes Aufheben.

Ganz anders im Falle der Queen!

Wenn die bekannteste Frau der Welt stirbt, wird im Palast, bei der Polizei, der Feuerwehr, im Parlament und anderen Behörden hektisches Treiben ausbrechen. Auf der Agenda steht dann: Die Nachricht an die Mitgliedsstaaten des Commonwealth weitergeben, die Presse informieren, den Kronrat einbestellen, den neuen König ausrufen lassen, eine Ansprache des Premierministers ansetzen, dazu eine Ansprache des Thronfolgers. Einladungen verschicken, die Zimmer im Palast für die Beerdigungsgäste vorbereiten, die große Prozession durch London organisieren, Westminster Hall für die Aufbahrung vorbereiten und Westminster Abbey für den Gottesdienst, die Regimenter benachrichtigen und und und … aber fangen wir ganz von vorne an.

Stunde 0 – Die Lawine rollt

Ist der Tag gekommen, erfahren zuerst der Premierminister und die nächsten Angehörigen vom Tod der Queen. Danach wird sich die Nachricht wie ein Lauffeuer über die ganze Welt ausbreiten: Beamte des britischen Auswärtigen Amtes informieren die zweiundfünfzig Staatsoberhäupter der Nationen des Commonwealth, in fünfzehn dieser Staaten ist die Queen aktuell das Staatsoberhaupt: Von London aus erreicht die Nachricht deshalb Kanada, die herrlichen karibischen Inselstaaten – die Bahamas und Jamaika, die Inseln unter dem Winde: St. Kitts und Nevis, Antigua und Barbuda, St. Lucia, Barbados, St. Vincent und die Grenadinen und Grenada. Sie erreicht die grüne Küste Zentralamerikas und damit Belize, und die Salomonen und Tuvalu, zwei schmale Inselketten, verloren inmitten des Pazifischen Ozeans. Sie trifft in Papua-Neuguinea ein, in Australien und der benachbarten grünen Insel – Neuseeland. In all diesen Staaten wird der Union Jack auf halbmast wehen, und die Menschen werden sich in lange Warteschlangen einreihen, um sich in Kondolenzbücher für ihre Monarchin einzutragen.

Während ihrer bis heute sechsundsechzig Jahre andauernden Regentschaft hat die Queen den Mitgliedsstaaten des Commonwealth so zahlreiche Besuche abgestattet, dass sie auf ihrem Meilenkonto etwa zwei Millionen Reisekilometer verbuchen kann, ein Stand, der knapp fünfzig Weltumrundungen entspricht und jeden Möchtegern-Abenteurer vor Neid erblassen lässt.

Während sich die Nachricht über den Globus verbreitet, wird in London ein Diener auf den rosa Kies vor dem Buckingham Palace hinaustreten und eine einfache schwarz gerandete Nachricht am Tor der Residenz aufstellen, wie es schon andere Diener vor ihm getan haben. Wann immer der Palast etwas zu verkünden hat – sei es die Geburt eines Thronfolgers, die Verlobung eines Familienmitgliedes oder das Ableben eines Königs –, wird die Nachricht erst durch eine dieser unscheinbaren Notizen am Tor der Londoner Residenz offiziell.

Nur wenig später gibt das Pressebüro der Queen die Nachricht an die Press Association weiter. Und was dann folgt, wird sich zu einer der größten Medienlawinen aller Zeiten auswachsen. Eins ist sicher: Noch Jahre später werden Sie sich daran erinnern, wo Sie waren, als Sie vom Tod der Queen erfuhren.

Push-Nachrichten, Facebook-Benachrichtigungen, Tweets und Trending Topics: #LondonBridgeIsDown, #RIPQueen oder #RIPElizabeth wird auf Smartphones und Tablets aufleuchten, feierliche Musik auf allen Radiokanälen laufen. Wenn die Nachricht die Radiosender erreicht, wird in den Londoner Studios ein blaues Licht aufblinken, das den DJs anzeigt, zur Musik der Kategorie Stimmung 1 oder Stimmung 2 überzugehen, bevor die Nachricht dann verkündet wird. Wie wird sie wohl lauten? 1952, als der Vater der Queen starb, war es John Snagge, ein Sprecher der BBC, der die Nachricht mit fester Stimme vortrug: «Hier spricht London. Mit größtem Bedauern geben wir Folgendes bekannt. Aus Sandringham erreichte uns heute, am 6. Februar 1952, um 10:45 Uhr die Meldung, dass der König, der sich gestern bei gewohntem Gesundheitszustand zu Bett begab, am frühen Morgen friedlich im Schlaf verstorben ist.»[1]

Während die ersten Berichte im Radio laufen, wird in den Redaktionen der Tageszeitungen längst hektisches Treiben herrschen. Überall auf der Welt werden Banner über die Websites der großen Medien laufen: +++EILMELDUNG+++ +++Briten trauern um Queen Elizabeth II.+++ +++EILMELDUNG+++ +++Queen Elizabeth II. in der Nacht verstorben+++. Auch in Deutschland werden Redakteure ihre virtuellen Schubladen aufziehen und eine passende Version aus den schon lange vorbereiteten Artikeln auswählen. Chefredakteure werden Redaktionssitzungen einberufen, um Sonderausgaben und Specials auf den Weg zu bringen.

Und das Fernsehen? In Großbritannien wird die BBC das geplante Programm stoppen: «Hier spricht BBC One. Wir unterbrechen unser Programm für eine wichtige Mitteilung», und ein wahrscheinlich äußerst nervöser Nachrichtensprecher wird mit einer eilig um den Hals gebundenen schwarzen Krawatte die Nachricht verkünden: «Sie sehen die Nachrichten der BBC. Der Buckingham Palace hat soeben den Tod von Königin Elizabeth II. verkündet.»

Auch die ARD wird über das Ereignis berichten. Schon seit Jahren liegt ein Beitrag zum Tod der Queen bereit, der immer wieder aktualisiert wird, um ihn bei Bedarf sofort einspielen zu können.

Eins ist sicher: Die Tage, die auf den Tod der Queen folgen, werden uns eine mediale Schlacht der Bilder bescheren. In den Radio- und Fernsehredaktionen werden Mitarbeiter das vorhandene Bild- und Tonmaterial zusammenklauben und Praktikanten mit dem Auftrag ins Archiv schicken, historische Aufnahmen auszugraben.

Noch einmal werden wir sie sehen – Fotos von der kleinen Prinzessin Elizabeth Alexandra Mary Windsor. Mit nur drei Jahren zierte sie das Cover des Time Magazine: im aufgerüschten gelben Kleidchen. Wie eine propere Putte schaut sie darauf nachdenklich in die Ferne und setzte ganz nebenbei ihr erstes Fashion-Statement – überall in Amerika verstauten Mütter die rosa Kleidchen ihrer Töchter im Schrank und stürmten die Geschäfte auf der Suche nach leuchtend gelber Babymode. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die Queen ein kleiner Kinderstar war. Dabei stand sie bei ihrer Geburt nur auf Platz drei der Thronfolge.

Schon mit vierzehn Jahren saß Prinzessin Elizabeth zusammen mit ihrer kleinen Schwester Margaret vor einem Mikrophon der BBC und hielt inmitten des Zweiten Weltkriegs ihre erste Ansprache. Mit piepsiger Stimme wünschte sie allen Kindern, die aufs Land evakuiert und dadurch von ihren Eltern getrennt wurden: «Gute Nacht und viel Glück euch allen!»[2] Damals wusste das kleine Mädchen schon, dass sie Königin eines Reiches werden würde, das einst ein Viertel der Landmasse der Erde ausmachte. Als sie von ihrem Schicksal erfuhr, soll sie übrigens umgehend angefangen haben, für einen kleinen Bruder zu beten, und auf die Frage ihrer Schwester: «Heißt das, du wirst Königin?», lautete ihre trockene Antwort: «Ja. Ich denke, das heißt es.»[3]

Wussten Sie schon, dass …

es bei der Geburt der Queen in der Presse noch hieß: «Bis der Prinz von Wales heiratet und Kinder hat, wird die kleine Prinzessin an dritter Stelle der Thronfolge stehen – so lange, bis die Zukunft ihr einen Bruder beschert.»[4] Es sollte anders kommen. Innerhalb von nur einem Jahr wendete sich das Blatt für Prinzessin Lilibet: Der amtierende König, George V., starb. Sein Nachfolger Edward VIII., der Onkel der Queen, dankte noch im selben Jahr der Liebe wegen ab und Elizabeths Vater – von der Familie liebevoll Bertie genannt – fand sich unfreiwillig als George VI. auf dem Thron wieder. Mit nur zehn Jahren rückte Elizabeth auf Platz eins der britischen Thronfolge vor. Man könnte die Queen also durchaus als royalen Underdog bezeichnen.

Mit knapp einundzwanzig Jahren spielte die herangewachsene Thronfolgerin kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges ausgelassen mit Marineoffizieren an Deck der HMS Vanguard. Es war die erste große Reise, die sie unternahm – endlich frei, endlich raus aus dem Muff von Schloss Windsor, wo sie und ihre Schwester während des Krieges untergebracht waren. Ursprünglich hatte die königliche Familie zu ihrem Schutz außer Landes gebracht werden sollen, doch der König intervenierte, und so kam es zu dem berühmten Ausspruch von Queen Mum: «Die Kinder werden ohne mich nicht gehen, ich werde ohne den König nicht gehen. Und der König wird niemals gehen.»[5] Damit war die Sache erledigt. Es muss eine nicht immer leichte Jugend gewesen sein. Selbst Elizabeths Vater schrieb einst seufzend in sein Tagebuch: «Die Ärmsten, sie hatten nie Spaß.»[6]

An ihrem 21. Geburtstag wandte sich Elizabeth ernst und pflichtbewusst in einer Fernsehansprache an die Menschen des Empires und des Commonwealth und leistete einen Schwur, der sie für immer an die Geschicke des Reiches binden würde: «Ich erkläre vor Ihnen allen, dass mein ganzes Leben, mag es lang oder kurz sein, dem Dienst an Ihnen und dem Dienst an unserer großen imperialen Familie gewidmet sein soll, der wir alle angehören. Ich allein werde nicht die Kraft haben, diesen Entschluss in die Tat umzusetzen, es sei denn, Sie schließen sich mir an, wozu ich Sie hiermit einladen möchte. Ich weiß, dass ich mir Ihrer Unterstützung stets sicher sein kann. Gott helfe mir, meinen Schwur zu erfüllen und Gott segne all jene von Ihnen, die bereit sind, ihn mit mir zu teilen.»[7]

Wenig später schritt Prinzessin Elizabeth in ihrem Hochzeitskleid zum Altar, wo Prinz Philip schon auf sie wartete. Frauen aus allen Ecken des Landes hatten ihr Kleidermarken geschickt – 1947 war Kleidung als Folge des Krieges in Großbritannien noch Mangelware und rationiert. Annehmen durfte sie die Marken nicht, aber sie bedankte sich bei jeder Einzelnen für die Zuwendung. Das Parlament genehmigte ihr stattdessen zweihundert Extra-Marken. Und die reichten aus für einen Traum aus elfenbeinfarbenem Duchesse-Satin, besetzt mit Tausenden Perlen und Pailletten, einer seidenen Schleppe mit filigranen Stickereien aus Silberfäden und üppigem floralen Muster. Die Prinzessin heiratete ihre große Liebe.

Nur sechs Jahre später schritt Elizabeth denselben Gang in Westminster Abbey hinunter, diesmal in ihrer Krönungsrobe. Das Hochzeitskleid war den nationalen Symbolen des United Kingdom gewichen – der Tudor-Rose für England, der Distel für Schottland, der Narzisse für Wales und dem Kleeblatt für Nordirland. Die Queen hatte darauf bestanden, dass der Designer die Symbole der Länder des Commonwealth ebenfalls auf das Kleid stickte – eine Tradition, die sich bis heute fortsetzt. Während ihrer Amtszeit traten dem Verbund fünfundvierzig Staaten bei. Schon damals belegte die Wahl ihrer Garderobe, wie ernst die Queen ihre Rolle im Commonwealth nehmen würde, und die zahlreichen Besuche, die sie den Mitgliedern während ihrer Regentschaft abstattete, zeugen von ihrer Hingabe an den Gedanken einer großen Staatenfamilie, die über alle Grenzen und Unterschiede hinweg füreinander eintritt. Über den Rand der königlichen Loge linste damals übrigens schon der kleine Thronfolger Prinz Charles und beobachtete staunend, wie seine Mutter, die sechsundzwanzigjährige Elizabeth Alexandra Mary, als Elizabeth II. den Thron von England bestieg. Es war der Beginn eines neuen Elisabethanischen Zeitalters, das länger währen sollte als jede andere Regentschaft eines britischen Monarchen.

Die Königin ist tot, lang lebe der König

Die Fahnen werden auf halbmast hängen, überall in London werden die Glocken läuten und Salutschüsse durch die Straßenschluchten schallen – es ist äußerst unwahrscheinlich, dass die Londoner es nicht mitbekommen, wenn die Queen stirbt. Überall in der Stadt wird man es hören und sehen.

Der Tod der Queen wird DAS Gesprächsthema sein. Noch ist nicht abzusehen, wie die Briten auf den Tod ihrer Königin reagieren werden, aber wer schon einmal während eines königlichen Großereignisses in London war, der weiß, dass die Beziehung zum Königshaus für viele Briten eine hochemotionale Angelegenheit ist. Die Beliebtheitswerte von Elizabeth II. halten sich – anders als bei den meisten Ministern, die sie hat kommen und gehen sehen – seit Jahren auf einem Allzeithoch. Die großen Krisen – die Finanzkrise in den Sechzigern, die Scheidungen ihrer Kinder in den Neunzigern, der Tod von Lady Di – sind offenbar überwunden. Die Reaktionen werden wahrscheinlich emotionaler ausfallen, als wir es uns in Deutschland vorstellen können.

Als der Vater der Queen 1952 starb, brachen die Menschen auf der Straße unvermittelt in Tränen aus, Fremde kamen miteinander ins Gespräch, und viele versammelten sich vor den Toren des Buckingham Palace, um sich von der Echtheit der Nachricht zu überzeugen. «Londoner erschüttert über die plötzliche Nachricht vom Tod des Königs»[8], titelten die Zeitungen.

Durchaus möglich, dass die Menschen früher von der Arbeit nach Hause gehen werden, dass Museen und Theater schließen und das öffentliche Leben für einen Moment zum Erliegen kommen wird.

Während den Londonern die Nachricht noch in den Knochen steckt, werden hinter den Kulissen die Arbeiten an der Umsetzung des Plans weitergehen. In Ministerien und Behörden wird emsig gearbeitet werden.

Innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach dem Tod der Queen wird der Kronrat im St. James’s Palace zusammentreten, um einen neuen König auszurufen. Es ist der erste Teil eines uralten Rituals, das die Kontinuität der Krone sicherstellt. Erst beim zweiten Teil muss der neue König anwesend sein, um zu schwören, die schottische Kirche zu verteidigen. Als Prinzessin Elizabeth 1952 Königin wurde, befand sie sich übrigens gerade auf einem entlegenen Baumhaus in Kenia und erfuhr wohl als eine der Letzten davon. Erst zwei Tage nach dem ersten Teil der Zeremonie traf sie in England ein, legte den Eid ab, und ihr Name wurde vom Balkon des St. James’s Palace verkündet. Auf die Frage, welchen Namen sie als Königin tragen wolle, antwortete sie übrigens gewohnt trocken: «Meinen eigenen natürlich»[9], und meinte damit den ersten ihrer Vornamen. Auch der neue König wird aus seinen Vornamen den auswählen, unter dem er regieren möchte. So alles glattläuft, werden schon am Tag nach dem Ableben der Queen die Fahnen für kurze Zeit wieder gehisst. Über Friary Court erklingen dann Fanfaren und ein Mann in mittelalterlich anmutender Uniform wird auf den Balkon des St. James’s Palace treten. Kameramänner werden hektisch auf die Schriftrolle in den Händen des sogenannten Garter King of Arms zoomen: «Während es dem allmächtigen Gott gefallen hat, unser seliges Staatsoberhaupt Queen Elizabeth II. –gesegneten und ruhmreichen Gedenkens – in seiner Gnade zu sich zu rufen, ist die Krone durch ihren Tod ausschließlich und rechtmäßig an den würdigen und mächtigen …»

Ja, wie wird er lauten, der Name des Thronfolgers?

Nach der Proklamation über Friary Court wird der Text jedenfalls noch an weiteren zentralen Plätzen der Stadt verlesen, und über Hyde Park und vom Tower of London werden Salutschüsse für den neuen König erschallen. Auch in Edinburgh, Cardiff, Belfast und in Übersee werden Redner hervortreten und den Namen des neuen Königs verkünden, der sich direkt nach der Proklamation zu einer Reise durch England, Wales, Schottland und Nordirland aufmacht.

Danach werden die Fahnen wieder auf halbmast wehen. Der Fortbestand der Krone ist gesichert, und die Zeit der Trauer kann anbrechen. Dies alles wird anmuten wie ein seltsames Zwischenspiel, ein farbenfroher Traum, der in eine unsichere Zeit hineinbricht. Am Abend werden der Premierminister und der zukünftige König die Gelegenheit ergreifen und eine Ansprache halten. Als der Vater der Queen starb, war es Winston Churchill, der zu den Menschen sprach und genau den richtigen Ton traf:

«Meine Freunde, als uns der Tod des Königs am gestrigen Morgen verkündet wurde, schlug das eine tiefe und ernste Note in unseren Leben an, die nah und fern widerhallte. In vielen Ländern hat sie das Rumpeln und die Betriebsamkeit des 20. Jahrhunderts zum Erliegen gebracht und Millionen und Abermillionen von Menschen dazu bewegt, innezuhalten und sich umzusehen.»[10]

Trauer in London

Auch beim Tod der Queen werden die Menschen Gelegenheit erhalten, innezuhalten und sich an sie zu erinnern. Der Sarg mit der Königin wird in einer Prozession in die geschichtsträchtige Westminster Hall gebracht werden.

Dies ist der Auftakt zu einer dreistufigen Trauerphase und einem Staatsbegräbnis, wie es in Großbritannien zuletzt Winston Churchill zuteilwurde, der unter dem Vater der Queen wie auch unter der Queen selbst Premierminister war. Seine Beisetzung im Jahr 1964 war das letzte große Staatsbegräbnis, das die Briten miterlebt haben. Traditionell ist die Prozession eine recht militärische Angelegenheit, und entlang der Strecke wird den Menschen sehr bewusst werden, dass Elizabeth II. in ihrer Funktion als Königin auch «Head of the Armed Forces» –  Anführerin der Streitkräfte – war. Im Jahr 2002, bei der Beerdigung von Queen Mum, erstreckte sich der Tross über mehr als eine Meile, und etwa 1500 Menschen waren daran beteiligt. Der Thronfolger wird von seiner viertägigen Reise durch die Staaten der Union zurück sein und der Prozession unter den Augen von unzähligen Besuchern vorangehen. Hinter dem Sarg wird die engste Familie folgen – die Kinder der Queen, ihre Enkel, vielleicht auch ihre Urenkel. Die Zuschauer hinter den Barrieren entlang der Strecke werden nicht nur Zeugen einer Trauerveranstaltung, sondern auch einer Präsentation der Traditionen und des Fortbestehens der Monarchie: Überall auf den Straßen werden rote Uniformen aufleuchten, blank polierte goldene Knöpfe, flauschige Grenadiermützen und Orden – Orden über Orden. Dann werden die Trommeln erklingen und die einsetzende Musik der Dudelsäcke. Und meine Kollegen und ich werden alle Hände voll zu tun haben, die aus allen Ecken der Welt angereisten Regimenter einzuordnen, die Dienstgrade aufzuzählen und die Traditionen für die Zuschauer aus Deutschland zu entschlüsseln: Warum zum Beispiel wird der Kanonenwagen, auf dem der Sarg der Queen dann liegt, von Matrosen gezogen? – Die Antwort: Bei der Beerdigung der Ururgroßmutter der Queen kam es zu einem Materialschaden, sodass die Pferde den Wagen nicht mehr durch die Straßen ziehen konnten, beherzt sprangen die Matrosen der Royal Navy in ihren maritimen blau-weißen Uniformen ein und zogen den Wagen an langen Tauen entlang der Prozessionsroute bis zur Westminster Hall. Bis heute setzt sich diese Tradition fort.

Auf dem Sarg der Queen wird ihre Krone liegen – die Imperial Crown. 1953 trug Elizabeth dieses schwere Schmuckstück bei ihrer Krönung und danach immer dann, wenn sie das Parlament eröffnete. Erst kürzlich plauderte sie in einem ihrer seltenen Interviews darüber, wie es war, die Kronjuwelen zu tragen. Die Krone sei so schwer, dass man sich bei einer falschen Bewegung das Genick brechen könne.

Wenn der Sarg die Kirche erreicht hat, werden sich nach einer kurzen Andacht die Tore für die wartenden Menschen öffnen. Als die Mutter der Queen im Jahr 2002 in Westminster Hall aufgebahrt lag, zog sich die Schlange der Trauernden über vier Kilometer durch die Stadt. Etwa eine Viertelmillion Menschen harrten Stunde um Stunde aus, ehe sie in das Halbdunkel der altehrwürdigen Halle eintraten und am Sarg der Königinmutter und der Krone vorübergingen. Laut dem Journalisten Sam Knight rechnet der Palast beim Tod der Queen mit doppelt so vielen Menschen. Und nur einige wenige von ihnen werden beobachten können, wie ein außergewöhnlicher Wachwechsel am Sarg der Monarchin stattfindet: Für etwa zwanzig Minuten werden die Enkel oder die Kinder der Queen an ihrem Sarg wachen, und zum ersten Mal werden an dieser Wache mit der Tochter der Königin oder ihren Enkelinnen vielleicht auch Frauen teilhaben. Die sogenannte Vigil of the Princes wurde 1936 von Elizabeths Vater begründet, als George V. in der Westminster Hall aufgebahrt wurde, um die Menschen an dessen Beerdigung teilhaben zu lassen.

Woran werden sich die Menschen erinnern, wenn sie am Sarg der Queen vorüberziehen? An all die Rollen, die diese kleine Person im Laufe ihres Lebens ausfüllte, und die sie mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg vermitteln konnte? Sicherlich auch an ihre bunten Hüte und Kleider, die jedem schon aus der Ferne verrieten: Hier kommt die Queen. Für Generationen war sie nicht einfach nur irgendein Kind, sie war DAS Kind, nicht eine Heranwachsende, sondern DIE Heranwachsende, DIE junge Frau, DIE Ehefrau, DIE Mutter, DIE Königin, mit der sie sich identifizierten oder an der sie sich rieben. Was muss das für ein Leben gewesen sein? Wie ein Tanz auf dem Drahtseil: Wann immer ihre Art, die ihr zugedachte Rolle auszufüllen, sich zu weit von den Vorstellungen der Gesellschaft entfernte, kam es zu Konflikten zwischen dem Palast und der Gesellschaft, oder man könnte auch sagen: zwischen dem Palast und dem Publikum.

Keine andere Monarchie übt eine solche Anziehungskraft auf die Menschen aus wie die Dynastie der Windsors, keine andere Monarchie steht in vergleichbarem Maße im Fokus der Öffentlichkeit und löst derart starke Gefühle aus. Egal welches Großereignis auch ansteht, überall auf der Welt schalten Zuschauer die Fernseher ein und beobachten, wie Prinzen und Prinzessinnen auf den Altar zuschreiten und einander das Ja-Wort geben, wie die Queen ihren Hochzeitstag oder das Diamantene Thronjubiläum begeht, oder in einem Spot für die Olympischen Spiele gemeinsam mit Daniel Craig scheinbar aus einem Flugzeug in das Stadion springt, um die Spiele zu eröffnen. Viele Menschen teilen die Ansicht, dass die Monarchie heute nur noch reines Theater sei, eine leere Formel der Vergangenheit, nicht mehr als ein großes Schauspiel, einzig künstlich in die Länge gezogen, um die Massen bei Laune zu halten. Aber wann immer ich in London bin, um über ein royales Großereignis zu berichten, spüre ich noch etwas anderes. Ob bei der Hochzeit von Prinz William und Herzogin Kate, dem Thronjubiläum der Queen oder der Hochzeit von Harry und Meghan, immer ist da eine tiefe Verbundenheit, ein großes Gemeinschaftsgefühl und auch Stolz. Stolz auf eine Monarchie, die wie der Fünf-Uhr-Tee, wie Shortbread und die Pub-Kultur, wie Fish and Chips und die britische Höflichkeit Jahrhunderte überdauert und immer wieder das Bild von Großbritannien und seinen Traditionen geprägt hat. Bei diesen Anlässen kann man es spüren: Die britische Monarchie ist für uns ein modernes Märchen, aber für die Briten ist sie mehr. Sie hat gesellschaftliche Relevanz, die in der Vergangenheit und in der Gegenwart den Gemeinschaftssinn stärkt und Menschen unzähliger Nationen einander näherbringt. In Zeiten des Wandels, da Großbritannien der EU den Rücken kehrt, hat die Queen es geschafft, die Monarchie als eine Konstante zu etablieren, sie hat Schritt gehalten mit den Veränderungen des letzten Jahrhunderts und die Krone modernisiert, ohne an deren Kern zu rühren.

Das Lebensende der Queen wird deshalb auch das Ende einer Ära markieren, die geprägt war von großen politischen, gesellschaftlichen und technologischen Umbrüchen. Die Queen hat sie alle miterlebt. Wir werden uns deshalb an eine Frau erinnern, deren Existenz eine Brücke schlägt zwischen Welten, die inzwischen untergegangen sind und an deren Stelle neue Welten gerückt sind. Was für Meilensteine es da gab: Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Elizabeth und ihre Schwester Margaret noch zu Hause unterrichtet, wie es sich für Kinder des Hochadels gehörte – 1970 war Prinz Charles der erste britische Thronfolger überhaupt, der seinen Universitätsabschluss machte. 1931 war das Statut von Westminster ein Meilenstein beim Übergang vom Empire zum Commonwealth of Nations – heute sind alle ehemaligen Kolonien Englands unabhängig und das Commonwealth eine Gemeinschaft von dreiundfünfzig gleichberechtigten Staaten. 1936 dankte Edward VIII. ab, weil er mit Wallis Simpson eine geschiedene Amerikanerin heiraten wollte – vor wenigen Monaten heiratete Prinz Harry Meghan Markle, eine geschiedene Amerikanerin.

Kurz nach dem Krieg gab Prinzessin Elizabeth Prinz Philip das Ja-Wort. Sie legte das Versprechen ab, ihm zu gehorchen – 1981 versprach die zwanzigjährige Diana in der Kathedrale St. Pauls stattdessen, ihren Verlobten Prinz Charles zu lieben, zu trösten, zu ehren und zu umsorgen.

1948 kam Prinz Charles noch im Buckingham Palace zur Welt. Während Elizabeth in den Wehen lag, spielte Prinz Philip Squash und schwamm danach unruhig ein paar Bahnen im Pool – dagegen kam Charles’ und Dianas Sohn Prinz William 1982 in einem öffentlichen Krankenhaus und im Beisein seines Vaters zur Welt.

1957 sahen die Briten der sichtlich angespannten jungen Königin bei ihrer ersten TV-Ansprache zu – 2017 erinnerte die Queen an dieses Ereignis und hob hervor, wie viele Menschen ihre Ansprachen heute auf Smartphones, Laptops und Tablets verfolgten.

Die Swinging Sixties bescherten England und der Welt die Rolling Stones, die Beatles und den Minirock – die Queen hat man zwar nie im Minirock gesehen, doch 1970 trug sie Hosen zu einem offiziellen Termin, ein höchst seltener Anblick – erst kürzlich nahm sie neben Anna Wintour in der Front Row der Londoner Fashion Week Platz.

Im Mai 1965 besuchte die Queen zum ersten Mal nach dem Krieg Deutschland und wurde frenetisch gefeiert, im gleichen Monat war im Frankfurter Auschwitz-Prozess die Beweisaufnahme abgeschlossen worden. 2015 wiederholte sie den Besuch und legte in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers in Bergen-Belsen einen Kranz nieder. 1972 trat Großbritannien der Europäischen Gemeinschaft bei und stimmte nur zwei Jahre später zum ersten Mal über den Verbleib ab – während ich dies schreibe, verhandelt Theresa May in Brüssel über die Austrittsbedingungen aus der EU.

Statt eines alten Mannes mit Zylinder und Zigarre saß der Queen 1979 mit Margaret Thatcher zum ersten Mal eine Frau bei der wöchentlichen Audienz mit ihrem Premier gegenüber. Im gleichen Jahr erreichte der Nordirland-Konflikt einen traurigen Höhepunkt: Die IRA tötete siebzehn britische Soldaten, nur Stunden zuvor hatte ein Terrorist der Organisation einen tödlichen Anschlag auf den Cousin der Queen, Lord Mountbatten, verübt – 2005 legte die IRA die Waffen nieder. In den Neunzigern fiel in Deutschland die Mauer, in Großbritannien brannte Schloss Windsor, und die Queen zahlte zum ersten Mal Steuern – auf freiwilliger Basis. Verfolgt von Paparazzi starb Prinzessin Diana 1997 bei einem Autounfall in Paris, bei ihrer Trauerfeier versprach ihr Bruder, alles zu tun, um ihre Söhne vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren – heute fechten William und Harry regelmäßig ihre Kämpfe mit der Presse aus, und die Regeln zum Schutz der Privatsphäre sind schärfer geworden.

Als erstes Mitglied der königlichen Familie outete sich Lord Ivar Mountbatten 2016 als homosexuell, und in ihrer Eröffnungsrede zum parlamentarischen Jahr 2017 versprach die Queen: «Meine Regierung wird weitere Anstrengungen unternehmen, um das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern und die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Rasse, ihres Glaubens, ihres Geschlechts, ihrer Behinderung oder sexuellen Orientierung zu bekämpfen.»[11]

All diese Revolutionen, Umbrüche und Schicksalsschläge hat Elizabeth II. in ihrem so langen Leben miterlebt, manchmal erlitten, wohl auch, häufiger, als wir es ahnen, mitgestaltet. Und daran werden sich die Menschen in Großbritannien zurückerinnern und einander davon erzählen, wenn sie sich in die lange Schlange vor Westminster Hall einreihen, um ihr – DER Queen – die letzte Ehre zu erweisen.

Der Schlussakt

Vier Tage lang werden die Menschen Gelegenheit haben, Abschied zu nehmen von einer Frau, die mit ihrer puren Existenz drei Jahrhunderte miteinander verband und die Leben unzähliger Menschen berührte und beeinflusste.

Dann, am letzten Tag der Trauerphase, werden die Menschen in Großbritannien pünktlich um neun Uhr zum Klang der Glocke von Big Ben einen nationalen Feiertag begehen. Die Straßen und Wege entlang der geplanten Prozession werden von Zelten und Schlafsäcken gesäumt sein, von all denen, die sich eine möglichst gute Sicht auf das historische Ereignis sichern wollen. Es wird Tee aus Thermoskannen ausgeschenkt werden, und man wird sich Geschichten von der Queen erzählen. Wo sonst betriebsame Londoner auf dem Weg zur Arbeit die Gehwege entlanghasten, die Geschäfte nach und nach ihre Tore öffnen und die ersten Touristen die Stadt überrennen, wird seltsame Ruhe herrschen.

Westminster Abbey, die Kirche, in der Prinzessin Elizabeth und Prinz Philip 1947 heirateten und in der sie sechs Jahre später zur Queen Elizabeth II. gekrönt wurde, wird eine ihrer letzten Stationen sein. Nach und nach werden die etwa 2000 geladenen Gäste eintreffen: Neben den Staatsoberhäuptern des Commonwealth und weiterer Staaten, der aktuellen Premierministerin oder dem aktuellen Premierminister und anderen Würdenträgern wird auch der erweiterte Familienkreis an der Feier teilnehmen – die gekrönten Häupter Europas.

Wussten Sie schon, dass …

die Ururgroßmutter der Queen eine gewiefte Kupplerin war? Als es vollbracht war, muss Königin Victoria sich zufrieden auf die Schulter geklopft haben. Für sechs ihrer neun Kinder hatte sie eine gute Partie gefunden und sie in europäische Königshäuser verheiratet. Zu Recht wird sie deshalb heute auch die Großmutter Europas genannt: Sie hatte mehr als vierzig Enkel und fast neunzig Urenkel, weshalb sich noch heute in nahezu allen europäischen Königshäusern Verwandte der Queen finden. Um nur einige zu nennen: König Harald V. von Norwegen ist ein Cousin zweiten Grades der Queen, zu ihrer Cousine dritten Grades – Königin Margrethe II. von Dänemark – soll sie ein freundschaftliches Verhältnis pflegen. Noch engere Beziehungen bestehen zum spanischen Königshaus – König Juan Carlos von Spanien wird von der Queen mit «Juanito» angesprochen, während er sie bei ihrem Spitznamen «Lilibet» ruft. Ihre Ururgroßmutter teilt sich die Queen übrigens auch mit ihrem Ehemann Prinz Philip, der ihr Cousin dritten Grades ist.

Derweil wird die große Glocke von Westminster Abbey einmal für jedes Lebensjahr der Queen erklingen, ehe die Stimmen der Kinderchöre die heiligen Hallen füllen. Bis in die letzte Ecke wird sie ausgeleuchtet sein, damit den Kameras für die weltweite Berichterstattung nichts entgeht.

Erst seit dem Aufkommen der Massenmedien zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind royale Beerdigungen zu einem Medienereignis geworden. Beim Tod Georges V. verfolgten die meisten Menschen die Beerdigung noch über das Radio. Sechzehn Jahre später, als Queen Elizabeths Vater starb, wurde die Zeremonie schon live im Fernsehen übertragen, und 1997 sollte diese Entwicklung bei der Beerdigung von Prinzessin Diana ihren traurigen Höhepunkt finden: Zwei Milliarden Fernsehzuschauer auf der ganzen Welt verfolgten, wie zwei Jungen mit hängenden Köpfen hinter dem Sarg ihrer Mutter herschritten. Ein Strauß Rosen lag darauf, darüber der Schriftzug: Mummy. Noch heute gilt die Aufzeichnung von Lady Dianas Beerdigung als das meistgesehene TV-Ereignis in der Geschichte des Fernsehens.

Und bei der Totenfeier für die Queen? Die Position der Kameras ist längst beschlossene Sache, aber nach der Berichterstattung um Lady Dianas Tod werden die Kameras keine Nahaufnahmen der Anwesenden zeigen dürfen. Überall in London werden große Leinwände aufgestellt sein, auf denen die Menschen die Zeremonie verfolgen können.

Zuletzt wird man die Queen in der St. George’s Chapel auf Schloss Windsor im Kreise ihrer Vorfahren zu Grabe legen. Und damit wird ihre Zeit zu Ende sein.

Über sechsundsechzig Jahre wird die Queen die Krone durch persönliche, politische und mediale Krisen in ein neues Jahrhundert geführt haben. Wenn die Tage der Trauer vorüber sind, wird die letzte persönliche Verbindung zu einer längst vergangenen Zeit abbrechen, und eine neue Generation wird übernehmen.

Nur wenige Monate nach der Beerdigung werden sich einmal mehr die Türen zum Balkon des Buckingham Palace öffnen, und unter den Rufen der wartenden Menschen wird sich ein neuer König zeigen. Wer ist der Mann, der das Erbe der Queen antritt? Und: Wird er die Monarchie verändern?

Kapitel 2Der ewige Azubi – Kann Charles König?

Prinz Charles wurden unlängst auf einer seiner Reisen nach Australien Ameisen zum Essen angeboten. Der Prinz lehnte auf seine berühmt-zurückhaltende und charmante Art ab, und seine Frau Camilla verwies darauf, dass man ihn mit regionalen Produkten glücklich machen könnte. Schließlich sei ihr Mann Biobauer, und sie lachte. Biobauer, ewiger Thronfolger, sozial engagiert, kritischer Denker – aber auch König?

Hatte ihn der König gerade wirklich rausgeschmissen? Er hatte damit gerechnet, dass die Treffen anders verlaufen würden als mit der Queen, und weiß Gott, er hatte sie gemocht und respektiert, ja, auch ein wenig gefürchtet. Ein einziger langer Blick hatte genügt, und er hatte sich wie ein Schuljunge gefühlt, der beim Nasebohren erwischt worden war. Aber Charles? Der war doch selbst gerade noch ein unsicherer Schuljunge gewesen, der mit Wasserfarben malte und homöopathische Kügelchen zur Beruhigung einnahm. «Das Recht, konsultiert zu werden, das Recht zu ermutigen, das Recht zu warnen.» Und das war’s. So war es schon bei Walter Bagehot nachzulesen, der in seiner Regierungslehre aus dem 19. Jahrhundert die Befugnisse eines Königs zusammengefasst hatte. «Ich schütze die einzigartige Kraft und Lebensweise dieses Landes.» – Was dachte sich dieser alternde Mann eigentlich, wer er war? Aber gut, wenn er seine kurze Zeit auf dem Thron weiter beschneiden wollte – ihm sollte es recht sein.

 

Als die BBC im letzten Jahr den schwarzhumorigen Film «Charles III.» ankündigte, ging ein angeregtes Raunen durch das Land. Schon im Vorfeld hieß es, der Film «verunglimpfe und untergrabe» die königliche Familie, er sei «geschmacklos» und «außergewöhnlich unsensibel». Die Geschichte ist schnell erzählt: König Charles III. löst durch seinen Unwillen, ein Gesetz zur Einschränkung der Pressefreiheit zu unterzeichnen, eine konstitutionelle Krise aus und wird schließlich gezwungen abzudanken. Nach nur wenigen Wochen im Amt löst Prinz William seinen Vater als König ab.

Zwar wurde der Film von der Kritik hoch gelobt, doch die Aufregung vor der Veröffentlichung zeigt, dass er offensichtlich nicht nur den Geschmack der Kritiker, sondern auch einen Nerv getroffen hatte, griff er doch eine Frage auf, die in der Presse lange Zeit ein Dauerbrenner war: Kann Charles wirklich König? Eine Frage, auf die meist schon die nächste folgt: Wäre sein so besonnener Sohn William nicht die bessere Wahl? Während dem Prinzen und seiner jungen Familie die Herzen zufliegen, kämpfte Charles über Jahre mit dem Image des ewigen Weltverbesserers und des vorlauten Kritikers bis hin zum Architektur-Nörgler. Und das sind nur einige der negativen Etiketten, die Prinz Charles in seinem Leben aufgedrückt wurden. In den siebziger Jahren war der Ruf des Prinzen noch ein gänzlich anderer. Da wurde Prinz Charles als eine Art Action-Typ dargestellt: Bilder des sonnenbebrillten, exquisit gekleideten Lebemannes erschienen in den Zeitungen – eines surfenden Prinzen voll im Leben. Charles cruiste in einem windschnittigen Aston Martin zu Polo-Matches, Partys und Presseterminen, nicht selten mit einer jungen Schönheit an seiner Seite. Zu seinem Dreißigsten widmete ihm das Time Magazine die Titelstory und schrieb über den Prinzen, er sei «weniger ein wartender Regent» als «ein Mann seiner Zeit».[12]

Wussten Sie schon, dass …

auch Prinz Charles einen Sinn für Mode hat? Unter Anzugträgern ist es schon lange kein Geheimnis mehr – der Prinz von Wales hat sich über die Jahre zu einer waschechten Stilikone gemausert. Der berühmte Londoner Maßschneider Edward Sexton, die Vogue, die GQ – sie alle sind sich einig: Der Prinz zählt zu den bestangezogenen Menschen der Welt. Prinz Charles sieht es gelassen und rät den Lesern der Vogue zu Vintage – natürlich um die Umwelt zu schonen.

Heute laufen ihm die jungen Royals den Rang ab, aber damals war der Prinz der beliebteste unter den Royals und sorgte mit seinen medienwirksamen Auftritten für ein «Popstar»-Image.

Als der «begehrteste Junggeselle der Welt» mit Diana Anfang der Achtziger das Paradebeispiel einer zukünftigen Prinzessin datete, war es um die Medien, den Palast und den Rest der Welt geschehen. Anstelle seiner großen Liebe Camilla gab der Prinz 1981 dem Mädchen das Ja-Wort, in das sich Palast und Presse verliebt hatten. Diese Heirat sollte sich als der schlimmste Fehler seines Lebens erweisen. Nach außen hin mimten beide das perfekte Paar, aber hinter den Palastmauern brodelte es. Die Medien stürzten sich mit einer nie da gewesenen Vehemenz auf die blutjunge Diana, die mit ihrer schüchternen und doch zugewandten Art die Herzen der Menschen im Sturm eroberte. Und Prinz Charles? Der verschwand zunehmend im langen Schatten seiner Frau. Als die Ehe Anfang der Neunziger ebenso medienwirksam zerbrach, wie sie angefangen hatte, ging Diana als Siegerin aus der Schlammschlacht hervor: Sie war die Prinzessin der Herzen, eine moderne, unprätentiöse junge Frau, die sich aus den Fängen einer dysfunktionalen Familie befreit hatte. Prinz Charles dagegen erschien wie der «kalte Fisch», der sich für so abseitige Dinge wie Buddhismus und Öko-Landwirtschaft begeisterte und in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs gegen die Concorde wetterte. In seinen maßgeschneiderten Anzügen wirkte er wie «eine Art Gentleman aus dem 18. Jahrhundert, der zweihundert Jahre zu spät geboren wurde»[13]. Nach der Trennung von Diana sanken seine Beliebtheitswerte ins Bodenlose. Nur noch etwa vierzig Prozent der Befragten waren der Ansicht, Charles würde einen guten König abgeben – vor der Trennung hatten das noch über achtzig Prozent geglaubt.[14]

Der Öko-Prinz

Charles’ eigentliche Arbeit, seine vielen persönlichen Talente standen lange im Schatten seiner Ehe und der Skandale, die auf das Auseinanderbrechen der Beziehung mit Diana folgten. Aber schon ab den siebziger Jahren hatte der Prinz seine Finger in so vielen Charitys, dass selbst seine Mitarbeiter zwischenzeitlich den Überblick verloren haben sollen. 1978 hatte der Prinz bei einer Rede an der Universität von Cambridge gesagt: «Mein großes Lebensthema ist, dass ich nicht wirklich weiß, was meine Rolle im Leben ist. Im Moment habe ich keine. Aber irgendwie muss ich eine finden.»[15]

Dabei hatte Charles schon 1976 mit dem Prince’s Trust seine erste und bis heute erfolgreichste Hilfsorganisation auf die Beine gestellt. Ziel des Trusts war und ist es, das Selbstvertrauen und die Fähigkeiten verletzlicher junger Menschen zu stärken und ihnen dabei zu helfen, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Bis heute hat der Prince’s Trust fast einer Million jungen Menschen geholfen. Charles gründete die Organisation zu einem Zeitpunkt, da er zum ersten Mal wirklich frei entscheiden konnte, was er mit seinem Leben als Prinz anfangen wollte. Als erster Thronfolger in der Geschichte der britischen Monarchie hatte er ein paar Jahre zuvor, wie es sich für einen modernen Prinzen gehört, einen Universitätsabschluss gemacht und war dann auf Drängen seines Vaters zur Marine gegangen, wo sich der musisch interessierte junge Mann, der lieber in der Natur herumstreifte, völlig fehl am Platze fühlte und sich selbst in einem Brief an einen Freund als «offensichtlich ungeeignet» einstufte.[16] Der Prinz hatte nur wenig Einfluss auf seinen Werdegang, den sein Vater Prinz Philip vorgezeichnet hatte. Und der hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den schüchternen, musisch interessierten Jungen auf sein Amt vorzubereiten, indem er ihn auf ein Internat an einem der nördlichen Zipfel des Landes schickte. Es lässt tief blicken, dass Prinz Charles bei seinem ersten Projekt beschloss, jungen Menschen zu helfen, die früh auf eine Rolle festgelegt worden waren, aus der sie sich aus eigener Kraft nicht befreien konnten. In einem Interview mit dem Observer sagte er: «Ich denke, es ist falsch, dass so viele junge Menschen glauben, dass sie nicht dazugehören, weil sie nicht das Gefühl haben, von Nutzen zu sein, hilfreich zu sein, zu etwas beizutragen.»[17]