Was wir weitergeben - Margit Fischer - E-Book

Was wir weitergeben E-Book

Margit Fischer

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Beschreibung

Margit Fischer erzählt ihre Geschichte - und damit auch die Geschichte dieser Republik. Sie schildert ihre frühe Kindheit in Schweden, dem Land, das ihren Eltern Schutz vor den Nationalsozialisten gab und ihr zur zweiten Heimat wurde. Sie beschreibt das Aufwachsen im beengten Wien der Nachkriegszeit. Sie erzählt, wie sie ihren Mann, Heinz Fischer, kennen - und lieben lernte und an seiner Seite Politik über fünfzig Jahre aus nächster Nähe miterlebte ohne sich selbst aus den Augen zu verlieren. Margit Fischer ist keine Persönlichkeit, die das Licht der Öffentlichkeit sucht. Aus der zweiten Reihe beobachtet sie vieles - und hinterlässt ihre Spuren. Ihre Erinnerungen sind ein Stück Zeitgeschichte, ihre Gedanken zur Gegenwart machen nachdenklich. Die Autobiografie einer hochpolitischen und sehr klugen Frau.

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Margit Fischer — WAS WIR WEITERGEBEN

Margit Fischer

WAS WIR WEITERGEBEN

Für meine EnkeltöchterAnna, Una und Julia

Inhalt

VORWORT

Familienstammbaum

I     MEINE FAMILIENGESCHICHTE – Was mich prägte

II    EXIL UND HEIMAT – Was ich suchte & fand

III   BILDUNG – Was uns weiterbringt

Fototeil

IV   PARTNERSCHAFT – Was wir brauchen

V    EMANZIPATION – Was wir wollen

VI   LERNEN AUS DER GESCHICHTE – Was wir weitergeben

Abkürzungsverzeichnis

Personenregister

Bildnachweis

VORWORT

Als ich die Einladung des Brandstätter Verlages erhielt, ein Buch über mein Leben und meine Lebenserfahrungen zu schreiben, fiel mir zunächst Rosa Jochmann – eine große Frau, die ich sehr bewundere – ein, die auf eine ähnliche Frage mit dem Satz geantwortet haben soll: „Das was ich schreiben kann, will ich nicht schreiben und das, was ich schreiben will, kann ich nicht schreiben“. Dann überlegte ich: Bei mir stimmt das so nicht. Ich bin nicht bereit, einen solchen Gegensatz zwischen Können und Wollen beim Schreiben eines Buches zu akzeptieren. Ich kann sehr wohl schreiben, was ich schreiben will und sollte es etwas geben, was ich nicht schreiben will, dann schreibe ich es eben nicht.

Auf eine weitere Frage musste ich eine Antwort finden: Welche Geschichte habe ich zu erzählen, was habe ich zu sagen, das Leserinnen und Leser interessieren könnte und dem sie ein ganzes Buch lang folgen? Ich bin von meiner Jugend an politisch sehr interessiert, aber keine berühmte Politikerin; ich liebe die Kunst, bin aber keine bedeutende Künstlerin; keine Powerfrau aus dem Bereich der Wirtschaft; keine renommierte Wissenschafterin – und schon gar kein Medienstar. Ich bin kaum je auf der Titelseite einer Zeitung zu finden. Was Leserinnen und Leser aber vielleicht interessiert, ist die Lebensgeschichte einer Frau, die während des Zweiten Weltkrieges geboren wurde, aber nicht in Österreich – der Heimat ihrer Eltern –, sondern in Stockholm, wo ihre Eltern auf der Flucht vor den Nationalsozialisten Asyl gefunden haben. „Asyl“ ist für mich ein wichtiges Stichwort, das mich gerade jetzt wieder sehr beschäftigt und auf das ich in diesem Buch einige Male zurückkommen werde.

Leserinnen und Leser sind vielleicht auch interessiert an der Biografie einer Frau, deren Eltern aus überaus bescheidenen Verhältnissen kommen und die heute Gattin des Bundespräsidenten ist. Meine Mutter war Küchenhilfe auf Schutzhütten im Salzburgischen und Kellnerin im Salzburger Stieglbräu, mein Vater stammte aus dem assimilierten jüdischen Kleinbürgertum und er hat eine für das österreichische Judentum nicht untypische Biografie, die in diesem Buch sichtbar gemacht wird. Otto Binder wurde als 28-Jähriger verhaftet und ins KZ verschleppt, wo er jeder Menschenwürde beraubt täglich um sein Überleben kämpfen musste, ehe er doch noch nach Schweden emigrieren konnte. Und damit erzählt mein Leben auch ein Kapitel europäischer Exilgeschichte.

Und Leserinnen und Leser sind vermutlich auch daran interessiert, wie ich die letzten elf Jahre als Gattin des Bundespräsidenten der Republik Österreich erlebt habe.

Ich nutze die Einladung dieses Buch zu schreiben aber auch dazu, den Lebensweg einer Frau zu beschreiben, die gesellschaftspolitische Entwicklungen immer genau verfolgt hat und am politischen Geschehen sehr interessiert ist. Die Probleme der Vereinbarkeit oder Nichtvereinbarkeit von Beruf und Familie habe ich in vielfacher Weise kennen gelernt und am eigenen Leib verspürt. Ich weiß, wie viel auf dem Gebiet der Familienpolitik im weitesten Sinn des Wortes noch zu tun ist. Und in unmittelbarer Nachbarschaft zur Familienpolitik ist auch die Bildungspolitik angesiedelt.

Mit meinen eigenen Initiativen bemühe ich mich, unsere Gesellschaft im Kleinen zum Besseren zu verändern, nämlich unseren Horizont erweitern beim Österreichischen Frauenrat (ÖFR), selbstbestimmtes Lernen beim Science-Center-Netzwerk (SCN) zu fördern und bei der Österreichischen Volkshilfe (ÖVH) den in Not Geratenen eine Stimme zu geben.

Mein Leben besteht aus so vielen Erinnerungen und Erfahrungen, dass ich sie gerne weitergeben möchte. Familie ist natürlich auch ein großes Thema, die Schule, der Alltag zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Dabei geht es immer auch um Chancen und Möglichkeiten, die man ergreift – oder auch nicht. Es geht um Freiräume und Restriktionen, um Grenzen, deren Verschiebung wir Frauen oft als erste spüren. Ich glaube ein feines Sensorium für diese Entwicklungen im gesellschaftlichen Selbstverständnis zu haben. Sei es, weil ich von meiner Familie her früh für politische Fragen des Alltags sensibilisiert wurde, sei es, weil mich die schwedische Gesellschaft und ihre Modernität faszinierte und zu Vergleichen anregte. Es geht aber auch um Zeitgeschichte und Politik.

Was ich weiterzugeben habe, ist ein Stück österreichische Zeitgeschichte aus Sicht einer Frau, die in der zweiten Reihe stand und steht, aber vieles aus erster Hand erfahren und erleben durfte. Meine Geschichte erzählt von den wichtigsten Herausforderungen des Lebens: Sich selbst treu zu bleiben, den Blick fürs Neue nicht aus den Augen zu verlieren und dafür zu sorgen, dass auch die nächsten Generationen die Chance haben, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei Barbara Blaha, die die Initiative für dieses Buch ergriffen hat und bei Barbara Tóth, die an der Konzeption des Buches maßgeblich beteiligt war. Dann gibt es noch eine dritte Barbara, nämlich Frau Barbara Streicher, die den Verein SCN als Geschäftsführerin in so umsichtiger Weise mit dem Vorstand aufgebaut hat und führt.

Bedanken möchte ich mich aber auch bei meinem Mann, Heinz Fischer, der mich nicht nur während der Entstehung dieses Buches unterstützt hat, sondern während unserer ganzen schönen Partnerschaft gefördert, bestärkt und meine Interessen sowie mein Bedürfnis nach Freiräumen voll respektiert hat.

Wien, im September 2015

Margit Fischer

Familienstammbaum

IMEINE FAMILIENGESCHICHTE – Was mich prägte

Wo anfangen? Wenn man über sich nachdenkt, taucht recht bald die Frage auf „Woher komme ich?“ Ich könnte darauf antworten: Meine Mutter stammt aus dem Pinzgau. Oder: Ich bin eine Österreicherin. Genauso gut: Ich bin am 28. Juni 1943 in Stockholm geboren. Vielleicht auch: Meine Familie väterlicherseits stammt ursprünglich aus Mähren und war jüdisch, meine Familie mütterlicherseits war eine Eisenbahnerfamilie aus Saalfelden.

All diese Aussagen sind richtig. Aber wenn ich über meine Familie und meine Wurzeln nachdenke, dann kommt mir vor allem ein Gedanke in den Sinn: Ich stamme aus einer sozialdemokratischen österreichischen Familie. Doch diese Sozialdemokratie und ihr spezielles Milieu, in dem mein Vater und meine Mutter in ihrer Jugendzeit für ihr Leben geprägt wurden und das später auch mich noch formte, gibt es heute in dieser Form nicht mehr.

Meine Familiengeschichte ist zugleich ein Stück mitteleuropäischer Geschichte, weil sich in ihr die Brüche und Kontinuitäten dieses Kontinents im 21. Jahrhundert spiegeln. Zwei Weltkriege, die Schrecken des Holocaust, die Armut und Aussichtslosigkeit dazwischen; aber auch der Glaube und die Hoffnung an eine bessere Zukunft, die meine Eltern in den Idealen der Sozialdemokratie suchten und letztlich fanden. Manchmal denke ich, das Leben meiner Vorfahren ist dermaßen dicht und voll von Schicksalen, dass man sich aus heutiger Sicht gar nicht mehr vorstellen kann, was alles an Leid, Glück, Zufällen, Angst, Mut und Hoffnung in nur wenigen Jahrzehnten möglich und zu verkraften war. Es war tatsächlich ein Zeitalter der Extreme, wie der britische Historiker Eric Hobsbawm, das „kurze Jahrhundert“ von 1914 bis 1991 beschreibt. Wie privilegiert meine Generation und die unserer Kinder doch ist, dass sie in einem Zeitalter des Friedens aufwachsen dürfen – und das in Österreich seit mehr als sieben Jahrzehnten. Möge der Friede erhalten bleiben.

Im Fall meines Vaters Otto Binder führte dieses extreme Zeitalter dazu, dass – bis auf einen inzwischen verstorbenen Onkel in Kalifornien und eine ebenfalls schon verstorbene Tante in Buenos Aires – niemand außer ihm in seiner Familie den Holocaust überlebt hat. Seine Mutter, seine Schwester und alle Verwandten wurden ermordet. Sein Vater entging wohl nur deshalb der Ermordung durch die Nazis, weil sein Leben bereits im Ersten Weltkrieg ein Ende fand.

Mein Vater hat noch zu Lebzeiten die Gräber meiner Urgroßeltern in der israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofes mit Steinplatten decken und darauf „In Memoriam“ die Namen jener 14 Verwandten eingravieren lassen, die ihr Leben in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts verloren hatten. Zwei Tote waren es im Ersten Weltkrieg. Und 12 im Zweiten. Er und meine Mutter Anni liegen in einem anderen Grab beieinander, aus einem besonderen Grund, den ich später erzählen werde.

Gleichzeitig sorgte dieses extreme Zeitalter dafür, dass mein Vater – er war ein Nachfahre einer jüdischen Schneiderfamilie aus Mikulov, die in den 1850er Jahren wie viele tausende andere Juden auch in die Kaiserstadt Wien eingewandert waren – und meine Mutter – sie war die Tochter eines Eisenbahners und einer Gasthausköchin aus Saalfelden – sich in den 1930er Jahren in einem Jugendlager der sozialistischen Arbeiterjugend in Salzburg kennen lernten und ineinander verliebten. Der aus kleinbürgerlichen, jüdischen Verhältnissen stammende Versicherungsangestellte Otto Binder aus Wien und die knapp vier Jahre jüngere Kellnerin Anni Pusterer hätten sich wohl außerdem nicht kennen gelernt, wenn sie sich nicht so intensiv für die Sache der Sozialdemokratie begeistert hätten.

Wo genau sich meine Eltern kennen gelernt haben, ist in unserer Familiengeschichte nicht restlos geklärt. Es war jedenfalls 1931, aber ob das Treffen der Sozialistischen Arbeiterjugend in Schwarzach oder in St. Johann stattgefunden hat, ist nicht überliefert. Sehr oft hat mein Vater aber jenen besonderen Moment beschrieben, der ihn und meine Mutter für immer zusammenschweißte. Es war der 10. April 1938, der Tag der Volksabstimmung über den sogenannten Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich. Am Nachmittag dieses Tages verabschiedeten Otto und Anni sich am Westbahnhof in Wien in der festen Absicht, dennoch immer zusammenzubleiben. Sie gingen auf unbestimmte Zeit auseinander, weil zusammenzubleiben zu diesem Zeitpunkt bedeutet hätte, sich gegenseitig zu gefährden. Jemanden, den man liebt, zu verlassen, um sein Überleben zu sichern – wer von uns nach dem Krieg in Österreich Geborenen und Aufgewachsenen kann sich dieses Gefühl vorstellen? (Wenn ich jetzt allerdings über das Schicksal von Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan oder Libyen lese, dann drängt sich wieder stark die Biographie meiner Eltern in mein Gedächtnis.)

Die Volksabstimmung vom April 1938 war natürlich eine von den Nazis inszenierte Farce. Trotzdem wurde sie zur Tragödie. Mit „Nein“, also gegen den Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland zu stimmen, hätte unabsehbare Konsequenzen gehabt. Die Stimmzettel wurden nicht in eine verschlossene Urne geworfen, sondern daneben gestapelt, in der Reihenfolge der Stimmabgabe. Meine Mutter Anni musste abstimmen, sie war katholisch und keine Jüdin. Mein Vater Otto durfte nicht abstimmen, er war jüdisch. Immer wieder hatte meine Mutter meinem Vater in den Tagen davor erklärt, sie werde ganz sicherlich mit „Nein“ stimmen, egal, was komme, weil sie könne und wolle nicht lügen. „Du musst“, hatte mein Vater sie immer wieder gebeten, „du darfst diesmal nicht die Wahrheit offenlegen“. Meine Mutter war immer offen und gerade heraus. Ihre Aufrichtigkeit und ihre herzliche Direktheit sind zwei Eigenschaften, die sich später im schwedischen Exil noch verstärken sollten, passten sie doch so gut zur Kultur dieses nordischen Landes.

Das Wahllokal, das meine Mutter im Frühjahr 1938 also aufsuchen musste, war in der Polizeistelle in der Viriotgasse eingerichtet worden. Sie hatte seit dem Winter 1937 bei einer Gymnasiallehrerfamilie in der Latschkagasse am Alsergrund als Köchin eine Anstellung gefunden. Ihre Erinnerungen an diesen Job sind nicht ungetrübt, weil es zu ihren Aufgaben auch gehörte, einen langhaarigen, weißen Windhund zu bürsten, der sich oft im Kot anderer Hunde wälzte. Sie stand Hunden danach Zeit ihres Lebens „sehr reserviert“ gegenüber. Das hat sie oft erzählt, als wäre das in diesen schrecklichen Zeiten damals das größte Problem gewesen …

Mein Vater Otto begleitete sie am Tag der Volksabstimmung bis direkt vor die Tür des Wahllokals, aus Angst, sie würde ihre Ankündigung wirklich wahr machen. „Hast Du mit Ja gestimmt?“, war das erste, was er sie fragte, als sie herauskam. „Ja, habe ich“, sagte sie deprimiert und niedergeschlagen. Am Nachmittag fuhren sie zum Westbahnhof, um Abschied zu nehmen. Meine Mutter reiste danach zurück nach Salzburg, mein Vater wurde zwei Wochen später, am 24. April 1938, verhaftet und mit einem der ersten Transporte als politischer Häftling und Jude zuerst ins Konzentrationslager Dachau und dann nach Buchenwald gebracht. Er betonte später immer wieder, er hätte das KZ nicht überlebt, hätte er nicht gewusst, dass seine Freundin Anni – verheiratet waren sie noch nicht – auf ihn wartet. Komme, was wolle.

Für die Nazis war er zum Feind geworden, weil er Jude und obendrein Sozialdemokrat war. Aber dass das eine – jüdisch zu sein – mit dem anderen – nämlich Sozialdemokrat zu sein – in seiner Biographie eng miteinander verwoben war, wusste er nur zu genau. Mein Vater war eine Persönlichkeit aus einer anderen Zeit. Er stammte von jener Schicht jüdischer Einwanderer ab, die sich im Wien der Kaiserzeit sehr bald zu einem intellektuell interessierten Kleinbürgertum entwickelte. Hätten die Nationalsozialisten diese tausenden Menschen nicht ermordet, wie anders hätte sich Österreich dann entwickelt? Niemand kann diese Frage beantworten. Ich habe sie mir oft gestellt.

Wobei: Jüdisch-Sein bedeutete für die Familie meines Vaters nicht vorrangig, religiös zu leben, sondern vor allem, in ihrer neuen Heimat Wien sozial aufzusteigen und Akzeptanz zu finden. Deswegen assimilierte man sich schnell. In der ersten Zuwanderergeneration brachte es Josef Binder, mein Urgroßvater, zum Zuschneider der Offiziersschneiderei Tiller in der Mariahilfer Straße. Er war mit seiner Cousine Regina verheiratet. Verwandtenehen dieser Art waren damals noch üblich. Von ihren neun Kindern – sie hatten durch und durch gut österreichische Vornamen: Wilhelm, Fanny, Julius, Moritz, Isidor, Max, Gisela, Hans und Karl – waren zwei vermutlich aus diesem Grund „taubstumm“, wie man damals sagte. Josef und Regina wohnten, wie die meisten jüdischen Zuwanderer dieser Epoche, in der damals als kleinbürgerlich, aber durchaus solide geltenden Leopoldstadt nahe dem Karmeliterplatz. Hier gingen die Kinder auch zur Schule, hier spielte sich das Leben ab.

Auf einer Fotografie aus dieser Zeit posieren meine Wiener Urgroßeltern nahezu herrschaftlich. Regina trägt ihre Haare zu einem Zopf geflochten hoch aufgesteckt und sitzt in einem eleganten, weit ausladenden Kleid auf einem Stuhl. Josefs rechte Hand ruht auf ihrer Schulter, sein Anzug sitzt tadellos und er hat einen prächtigen Bart, der an den Wangen richtig buschig wird. Auf diesem Bild erinnern sie mich ein wenig an die Leopoldstädter Ausgabe von Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph. Sie wollten auf diesem Foto wohl auch zeigen, wie weit sie es in der Kaiserstadt Wien schon gebracht hatten.

Die nächste Generation – die meines Großvaters Julius und seiner Brüder – brachte es noch ein Stückchen weiter. Wilhelm, Moritz und Hans wurden Angestellte, Bruder Max sogar Opernsänger. Mein Großvater Julius arbeitete als Handelsangestellter bei der Firma Wellisch & Frankl am Fleischmarkt und machte sich dann mit der Mitgift seiner Frau Hermine Weissenstein als Spiegelbeleger und Glasschleifer in Penzing selbständig. Dort wohnte das junge Ehepaar auch.

Für die beiden Töchter der Familie Binder gab es diese Aufstiegsszenarien nicht. Sie durften keine weitere Ausbildung machen, ein Studium war sowieso außer Reichweite. Ihre Aufgabe war es, die Mutter bei der Führung des Haushalts zu unterstützen und Kinder großzuziehen. Dieses Denken hielt sich über viele Generationen hinweg und hatte sogar noch Einfluss auf meinen Vater und seine Vorstellung von meiner Erziehung.

Der erste Weltkrieg zerstörte jedoch das kleine Glück meiner Wiener Großeltern. Obwohl mein Großvater Julius schon 42 Jahre alt war, wurde er im Mai 1915 als Infanterist eingezogen und verstarb drei Monate später in einer Marschkompanie, die mit schwerem Gepäck zur russischen Front in Galizien eilte. 17 Stunden mussten sie mit 40 Kilogramm im Tornister bei großer Hitze marschieren. Julius Binder soll mit den Worten „Mir ist schlecht.“ tot zusammengesackt sein. Er wurde an Ort und Stelle begraben. Es war ein Waldrand und weil die jüdischen Infanteristen gegen die Aufstellung eines Kreuzes protestierten, blieb das Grab unbezeichnet und unauffindbar.

Mein Vater Otto und seine Schwester Heddy waren zu diesem Zeitpunkt fünf und sieben Jahre alt. Sie mussten ab jetzt ohne Vater durch die schwierige Kriegszeit und die anschließende Zwischenkriegszeit kommen. Ihrer Mutter Hermine gelang es, mit den 10.000 Kronen aus der Lebensversicherungssumme ihres verstorbenen Mannes eine bürgerlich eingerichtete Wohnung mitten im Wiener „Ärzteviertel“ in der Alserstraße 28 im Neunten Bezirk zu kaufen. Sie lebte in Küche und Kabinett, vermietete die restlichen Zimmer und hielt auf diese Weise und mit Heimarbeit, vor allem Näherei, ihre beiden Kinder über Wasser. Wie sie auf dieses ungewöhnliche, aber nicht ungeschickte Lebenskonzept gekommen war, hat mein Vater Otto nie erfahren.

Auch die Familie meiner Wiener Großmutter Hermine, die Weissensteins, stammte aus Mähren, genau genommen aus Straschkau. Sie sprachen Deutsch und lebten auf dem Land. Kurz nach Hermines Geburt 1880 übersiedelten ihr Vater Ignatz und seine Frau Therese mit ihren drei Töchtern und zwei Söhnen nach Wien, getrieben von ihrer unternehmungslustigen Mutter Therese, die in die Großstadt wollte. In Wien bauten sich die Neuankömmlinge tatsächlich recht zügig eine erfolgreiche Existenz als Cafetiers und Greißler am damaligen Erzherzog-Karl-Platz, dem heutigen Mexikoplatz, auf.

Ihre Kundschaft dürfte vor allem aus Arbeitern der großen Remisen, dazu aus slowakischen Schiffsarbeitern, Lastträgern, Bauarbeitern und Polieren der Spekulationsbauten dieses Stadtteils bestanden haben. Mein Vater wunderte sich oft darüber, wie sich die Familie seiner Mutter in diesem harten Milieu etablieren konnte. Schließlich war Wien damals für jüdische Neuankömmlinge kein einfaches Pflaster. Der volkstümliche, brutale Antisemitismus des Deutschnationalen Georg von Schönerer oder des Christlich Sozialen Stammtischpolitikers Hermann Bielohlawek war allgegenwärtig. Von Bielohlawek stammt bekanntlich der Ausspruch: „Wissenschaft ist des, was a Jud vom andern oschreibt. Wenn i a Büchl siech, hob i´s scho gfressn.“ Adolf Hitler, der sich in Wien vergeblich als Kunstmaler versuchte, lernte hier Phrasen, Vorurteile und Gemeinheiten kennen, die er dann als Führer der NSDAP perfektionierte und bis zum Massenmord brutalisierte.

Gewohnt und gelebt wurde in der Gegend rund um die Vorgarten- und Engerthstraße. Religiös waren die Weissensteins ebenso wenig wie die Binders, die zeitgleich einige hundert Meter Luftlinie entfernt am Karmeliterplatz wohnten. Nur in der Küche der Weissensteins hielten sich jüdischmährische Rezepte. Äußerliche Zeichen der Frömmigkeit, wie sie die Orthodoxie östlicher Art pflegt, z.B. das Tragen von Beikeles und langer, schwarzer Mäntel lehnte man in der Familie meines Vaters ab. Das Verhältnis zur orthodoxen Religion reichte, wie mein Vater in seinen Memoiren * schrieb, von „einer gewissen sentimentalen Anhänglichkeit über Distanziertheit bis zur radikalen Ablehnung“.

Die Weissensteins waren mehr noch als die Binders „Aufsteiger“ und der Wille, es dank Kultur, Bildung und Wissen einmal besser zu haben, prägte sich über meine Großmutter Hermine auch bei meinem Vater Otto ein. Ein Foto aus dem Jahr 1913 zeigt die Großfamilie Binder-Weissenstein als elegante Sommerfrische-Gesellschaft im Badener Kurpark. Mein Vater Otto, gerade einmal drei Jahre alt, trägt einen damals modischen Matrosenanzug und einen Strohhut, seine Mutter ein helles, elegantes Sommerkleid mit reichlich dekoriertem Hut.

Hätte ein Herzversagen Ignatz im Jahr 1912 nicht zu früh aus dem Leben gerissen, die Weissensteins hätten sich sicherlich noch besser etabliert. So aber musste meine Wiener Urgroßmutter das Geschäft am Erzherzog-Karl-Platz zugunsten eines Volkscafés in der Schlösselgasse aufgeben, das sie mit ihrer Tochter Sophie gemeinsam führte. Sehr bald lohnte sich der Verkauf von Tee, gesüßt mit Sacharin, in den inzwischen herrschenden Notzeiten nicht mehr. Therese veräußerte das Geschäft, aber die Kriegsanleihen, die sie für den Erlös kaufte, waren bald wertlos. Die Familie zerfiel. Der eine Sohn, Max, wanderte nach Argentinien aus, der andere, Oscar fand nach dem ersten Weltkrieg Arbeit als Straßenkehrer bei der Gemeinde Wien. Er starb noch vor 1938. Die jüngste Tochter, Frieda, war die Emanzipierteste von allen. Sie ging auf die Handelsschule, wurde Kontoristin, galt aber in der Familie trotzdem als die „unglückliche Tante“, sie blieb ledig. Ihre Schwester Sophie ging eine arrangierte Ehe mit einem viel älteren Großcousin ein, der in Atzgersdorf eine Seifensiederei betrieb.

Hermine, meine Wiener Großmutter, und natürlich auch Heddy, die Schwester meines Vaters, hätte ich als Kind normalerweise noch erleben dürfen, doch die Nazis haben sie 1942 ermordet. Wie gerne hätte ich mit meiner Großmutter über ihre Zeit als junges Mädchen in Wien gesprochen; damals, als sie mit ihren beiden Schwestern sonntags auf Stehplatz in das Deutsche Volkstheater gingen, oder wenn sie Glück hatten und Karten für das so genannte „Juchee“ ergatterten, auch ins Burgtheater oder zu einem Sonntagskonzert in den Volksgarten.

Ich hätte auch gerne gewusst, wie sie die schwierige Zeit nach dem Tod beider Großväter durchgestanden hatte, als sie mit ihren beiden Kindern Otto und Heddy in der Wohnung in der Alserstraße 28 wohnte. Schließlich kamen dann auch noch ihre Schwester Sophie und deren beiden Kinder dazu, nachdem Sophies Mann verstorben war. Schwester Frieda gehörte nach 1920, nachdem sie ihre Anstellung verloren hatte, auch zum Haushalt. Die drei Frauen hielten sich mit Heimarbeit über Wasser. Frieda erledigte Adressen-Schreibarbeit im Akkord, Hermine und Heddy strickten für die Firma Langbein & Co. in der Neubaugasse, Heddy war dort zeitweise sogar als Mustermacherin beschäftigt.

Was für fromme Juden die Religion gewesen sein mag, wurde für einige Vorfahren meines Vaters die stark freidenkerisch orientierte Sozialdemokratie. Zwei seiner Onkel wandten sich früh dieser Bewegung zu, Wilhelm und Hans. Beide waren stolze Mitglieder im Verband der Kleingewerbetreibenden der Josefstadt. Die Sozialdemokratie gab ihnen Bewusstsein, Halt und Ideale. Dem Judentum und der Sozialdemokratie gemeinsam war eine Werteskala, auf der Bildung und Kultur weit oben standen. Alkoholismus wurde verachtet, über den „Schickernik“, den Trinker gelästert, genauso wie über das Übel der Spielsucht. Die unerreichbaren Spitzen der Gesellschaft bildeten die Aristokratie und das alteingesessene Großbürgertum; Österreich war eben noch eine Monarchie. Aber der Intellektuelle, der Professor, der Doktor, der Wissenschafter und der Künstler, all diese Karrieren – im Grunde vergleichbar mit dem Rang eines Rabbi – waren für Juden damals nicht unerreichbar. Die Moral in diesem Milieu blieb kleinbürgerlich, prüde und ganz und gar nicht emanzipiert. Daran änderte auch die Popularität der neuen Wissenschaftstheorie von Sigmund Freud, die am Tabu der Sexualität rührte, nichts. Es muss schon eine sehr spannende Gemengelage gewesen sein, die meine Vorfahren im Wien der Jahrhundertwende prägte.

Sophie übersiedelte mit ihrer kleinen Familie kurz vor der Machtergreifung der Nazis in Österreich 1938 nach Brünn. Ihre Lebensgeschichte und die ihrer Kinder endeten nach dem Zwischenstopp bei ihrer Schwester in der Alserstraße im Jänner 1942 im Konzentrationslager Litzmannstadt.

Für meine Großmutter Hermine, deren Schwester Frieda und meine Tante Heddy versuchte mein Vater aus dem schwedischen Exil verzweifelt Visa zu besorgen, um sie vor dem sicheren Tod zu bewahren. Heddy war nach Brandenburg auf Arbeitseinsatz geschickt worden, Anfang 1941 kam sie in eine Porzellanfabrik nach Thüringen. Mit einer Verwandten als Arbeitskraft im „Altreich“ schienen Hermine und Frieda anfangs noch unter einem gewissen Schutz zu stehen, die Deportation mit unbekanntem Ziel, euphemistisch „Verschickung“ genannt, schwebte dennoch täglich und stündlich wie ein Damoklesschwert über ihnen. Längst durften sie nicht mehr in ihrer Wohnung in der Alserstraße wohnen, sondern hausten zwei Winter in einem ehemaligen Trödlerlokal auf der Fischerstiege im Ersten Bezirk, zusammen mit vielen anderen Juden.

Als die Visa für ihre Ausreise endlich Anfang August 1942 auf dem schwedischen Konsulat in Wien ausgefertigt bereitstanden, war es zu spät. Schon seit Jahresanfang waren keine Pässe mehr an Juden ausgegeben worden. Meine Großtante Frieda wurde am 27. Mai 1942 und meine Großmutter Hermine am 2. Juni am Aspangbahnhof in Viehwaggons gesteckt und nach Maly-Trostinec (heute Weißrussland) gebracht, wo sie, wie wir heute wissen, sofort ermordet wurden. Meine Tante Heddy, die versucht hatte, aus Deutschland früher nach Hause zu kommen, um mit ihrer Mutter gemeinsam „verschickt“ zu werden, folgte als letzte. Sie starb in Auschwitz. Gemeinsam