Wasservolk - Bote der Sonne - Renate Blieberger - E-Book

Wasservolk - Bote der Sonne E-Book

Renate Blieberger

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Beschreibung

Ein romantischer Fantasy-Roman für Erwachsene Wegen seiner adeligen Herkunft vom gewöhnlichen Volk verabscheut und wegen eines zu kurzen Beins als Krüppel vom Adel verachtet und von seinem Vater in den Dienst an dem Gott Ra entsorgt hat Demetrios schon vor der Zerstörung seiner alten Heimat ein einsames Leben geführt. Nun an der Oberfläche hat sich daran nicht viel geändert. Als er bei einem Ausflug ins Meer von einem Menschen beobachtet und so durch die Schuppen an seinen Beinen als fremde Spezies erkannt wird, gerät er auch noch in Gefangenschaft. In der lebensgefährlichen Situation stellt die Wissenschaftlern Sarita seine einzige Chance dar. Zuerst nur ein Mittel, um zu überleben, lernt er allerdings ihre für ihn ungewohnte Freundlichkeit bald zu schätzen und verliebt sich sogar in sie. Nur leider kann er sich selbst nach seiner Flucht nicht sicher sein, ob sie seine Gefühle erwidert, oder ihn nur als faszinierendes Forschungsobjekt betrachtet. Nur durch eine Notlage in den Diensten eines zwielichtigen Unbekannten gelandet gerät Sarita in eine Zwickmühle, als einer der Wächter einen Mann gefangen nimmt, der sich als Mitglied einer fremden Spezies erweist. Einerseits hat sie Mitleid mit ihm und will ihm helfen, anderseits scheut sie davor zurück, ihre eigene Existenz zu gefährden. Als es um Leben oder Tod geht, verhilft sie ihm zur Flucht und wird so in ein gefährliches Abenteuer verwickelt, das sie in eine unbekannte aber auch gefährliche Welt führt. Schon bald fühlt sie sich von dem einfühlsamen klugen Mann angezogen, aber zwischen ihnen steht mehr als nur eine verschiedene Herkunft. Andere Bände der Serie: Band 1: Wasservolk – Der Bastard Prinz Band 2: Wasservolk – Der Sonnenkrieger

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WASSERVOLK

Bote der Sonne

von

Renate Blieberger

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Leseprobe

1. Kapitel

Demetrios glitt durch die Fluten und genoss das Gefühl, sich zur Abwechslung so geschmeidig und elegant wie alle anderen bewegen zu können. Etwas, das ihm mit einem kürzeren Bein an Land unmöglich war. Dennoch steuerte er auf den Strand zu. Er war seinen Pflichten schon zu lange ferngeblieben und das galt nicht nur für den Schwimmausflug. Am Anfang hatte er sich noch einreden können, seine Arbeit mit Stephen hätte vor allem den Zweck, neues Wissen über die Heilkunst zu erlangen. Inzwischen hatte er die Wahrheit zumindest vor sich selbst zugegeben. Es war eine Flucht aus seinem Leben. Ein Leben, das nur aus Pflichten und Erwartungen an ihn bestand. Dummerweise war es das einzige Leben, das er hatte und er war dem Gott Ra verpflichtet. Es wurde Zeit, sich dem Unvermeidlichen zu stellen und seine Rolle wieder gewissenhafter zu erfüllen. Demetrios erhob sich aus dem Wasser und betrat den Strand. Die Schuppen an seinen Beinen verschwanden dabei ebenso, wie seine Kiemen und die Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen sobald die leichte Brise seine Haut getrocknet hatte. Er hinkte auf seine Kleidung zu, die Gedanken schon bei seiner Aufgabe, als ohne Vorwarnung ein scharfer Schmerz an seinem Hinterkopf explodierte und ihm schwarz vor Augen wurde.

„He Doc, das müssen Sie sich ansehen“, brüllte Ugo. Sarita sah von ihren Unterlagen hoch und verdrehte gequält die Augen. Früher hätte sie sich von niemand mit Doc ansprechen lassen. Allerdings hätte sie früher auch nie für so zwielichtig Leute gearbeitet. Da man jedoch als Bettler nun mal nicht wählerisch sein durfte, blieb ihr in beiden Fällen leider nichts anderes übrig, als es zu schlucken. Sie erhob sich und folgte der Stimme nach draußen. Ugo war wie seine zwei Kollegen als Wachmann angestellt, aber eigentlich kümmerten sie sich um alles, was nichts mit Saritas Job zu tun hatte. Er war heute Morgen zum Fischen rausgefahren und wollte wohl mit seinem Fang angeben. Da es besser war, dem jähzornigen Italiener keinen Anlass für einen weiteren Wutanfall zu geben, zwang sie ein Lächeln auf ihre Lippen, ehe sie aus dem Gebäude trat. Draußen angekommen erstarrte es allerdings auf ihrem Gesicht, als sie „den Fang“ sah. Zu Ugos Füßen lag ein gefesselter Mann.

Sie keuchte: „Haben Sie jetzt völlig den Verstand verloren? Sie können doch nicht einfach einen Menschen entführen.“

Ugo grinste: „Ganz ruhig Doc. Er ist kein Mensch.“

„Reden Sie nicht solchen Unsinn“, fuhr sie ihn an. Sollte er doch wütend werden. Das war immer noch besser, als wegen Beihilfe bei einer Entführung belangt zu werden.

Ugo verlangte: „Tad hilf mir mal“, und packte den Bewusstlosen unter den Schultern. Tad griff sich die Beine und sie hoben ihn hoch und warfen ihn vor ihren Augen in das Becken für den Lebendfang.

Sarita schrie: „Nein“, und stürzte vor.

Ugo fing sie ab und forderte: „Sehen Sie erst mal, was wir da für ein Monster gefangen haben, ehe sie hysterisch werden.“ Saritas Gegenwehr erlahmte, als die Beine des Bewusstlosen sich vor ihren Augen mit Schuppen überzogen und sich an der Seite seines Halses Kiemen ausbildeten.

„Was zum ...“, setzte sie an.

Wurde jedoch von einem grinsenden Ugo unterbrochen: „Habe ich doch gesagt, er ist kein Mensch. Ich habe ihn vor ein paar Stunden ins Meer gehen und sich verwandeln sehen und auf seine Rückkehr gewartet.“ Er sah seinen Kollegen herausfordernd an. „Wer ist jetzt der Spinner? Ich sagte doch, ich habe sie gesehen.“

Tad brummte: „Schön die Biester gibt es also wirklich. Was machen wir jetzt mit ihm?“

Ugos Grinsen wurde bösartig: „Was man mit solchen Biestern eben macht. Noch mal lasse ich mich von denen nicht fertigmachen.“ Er fischte den Mann aus dem Wasser und zerrte ihn wieder auf den Boden. Beim Aufprall krümmte der Gefesselte sich zusammen, riss die Augen auf und Sarita bekam violette Augen zu sehen, in denen blanke Angst stand. Ugo zerrte ihn hoch und schmetterte ihm hart die Faust ins Gesicht. Ein qualvolles Stöhnen kam über die Lippen des Gefangenen, das Sarita bis ins Mark traf.

Als Ugo erneut ausholte, fiel sie ihm in den Arm und schrie ihn an: „Hören Sie auf.“

Ugo schüttelte sie ab und knurrte: „Halt sie im Zaum Tad.“ Tad packte sie von hinten und riss sie von den Beiden weg. Saritas Gedanken rasten, auf der Suche nach einer Lösung. Egal was dieser Mann war, sie durfte das nicht zulassen. Ein weiterer Schlag traf ihn, diesmal in den Leib und er krümmte sich aufkeuchend zusammen. Saritas Blick flog in Tads Gesicht, aber dort war kein Funken Mitleid zu erkennen. Wenn wenigstens Wadim hier gewesen wäre. Der Russe war der Vernünftigere der Drei. Ein weiterer Fausthieb landete in dem Gesicht und sie sah Blut. Verdammt, Ugo würde ihn umbringen.

Sie keuchte: „Wenn ihr ihn umbringt, handelt ihr euch Ärger mit Rabea ein.“

Tad runzelte die Stirn und hakte nach: „Wie kommen Sie darauf?“

Ugo spuckte auf den Boden. „Wohl kaum Doc. Im Gegensatz zu Ihnen hat die keine Probleme damit, wenn eine Bedrohung beseitigt wird.“ Er unterstrich seine Meinung mit einem Tritt in die Rippen seines Opfers.

Sarita log: „Er könnte mir bei meiner Aufgabe helfen.“

Ugo lachte auf. „Sie sind Chemikerin Doc. Was hat denn der Fischmann mit Ihrer Arbeit zu tun?“

Sie improvisierte: „Denkt doch mal nach. Rabea sagte, der Stein wurde an einem Strand gefunden, nachdem er völlig überspült worden war und seine Konsistenz passt zu nichts auf diesem Planeten. Wenn nun plötzlich am Strand eine fremde Spezies auftaucht, liegt doch der Verdacht nahe, dass er etwas mit dem Stein zu tun haben könnte. Ihr wisst, wie dringend unser Geldgeber mehr über diesen Stein erfahren will. Glaubt ihr wirklich, Rabea würde ihm gern sagen, dass ihr die vielleicht einzige Chance darauf zu Tode geprügelt habt?“

Tad runzelte besorgt die Stirn. „Sie könnte recht haben.“

Ugo knurrte: „Der hier kommt mir nicht davon.“

Tad gab sie frei und riss Ugo von dem Verletzten zurück. „Sei vernünftig. Wenn der Geldhahn zu ist, war es das mit dem schönen Leben. Das ist dieses Monster nicht wert und du hast ihm ja schon eine Abreibung verpasst. Sperren wir ihn ein. Soll Wadim entscheiden, was wir mit ihm machen.“ Ugo warf dem am Boden Liegenden einen mörderischen Blick zu und schüttelte Tads Griff ab. „Ugo“, mahnte der.

Ugo schnappte: „Schon gut. Den Rest kann ich ihm auch später geben.“

Die Männer schleppten ihn ins Gebäude, dort eine Treppe hoch und schließlich in einen Raum. Der Mann, der ihn zusammengeschlagen hatte, schleuderte ihn hart gegen die Wand und kettete seinen Arm an einem Metallrohr fest. Anschließend knurrte er: „Wir sehen uns wieder und dann mach ich dich fertig“, erhob sich und verschwand mit seinem Begleiter hinter der hart zugeknallten Tür. Demetrios lehnte seinen schmerzenden Kopf gegen die Wand und unterdrückte ein bitteres Lachen. Offenbar war Ra wegen seiner Pflichtvergessenheit verstimmter, als er gedacht hatte. Er war kein Krieger, sondern ein Priester und Krüppel und würde es nie lebend hier raus schaffen. Ihm blieb nur, ihnen nichts über die Anderen zu verraten. Dennoch suchte sein Verstand verzweifelt nach einem Ausweg und sortierte dabei die wenigen Informationen, die er hatte. Neben ihnen war das Meer gewesen. Er war also entweder an der Küste oder auf einer Insel. Falls er es ins Wasser schaffte, könnte ihm die Flucht gelingen. Die zwei Männer würden sicher versuchen, ihn davon abzuhalten. Bei der Frau sah das anders aus. Sie hatte versucht, den Schläger aufzuhalten und behauptet, ihn für ihre Arbeit zu brauchen. War nur die Frage, ob sie das wirklich glaubte, oder gelogen hatte, um sein Leben zu retten. Aber egal was von beiden der Fall war, sie war im Moment wohl seine beste Chance, wenigstes am Leben zu bleiben. Blieb nur die Frage, wie lebenswert dieses Leben sein würde.

2. Kapitel

Am nächsten Morgen

Dem fahlen Licht nach zu urteilen, das durch das kleine Fenster über ihm in den Raum drang, war die Nacht vorbei. Demetrios Zunge klebte vor Durst am Gaumen, ihm war kalt, seine Rippen schmerzten, seine rechte Wange war geschwollen und seine Unterlippe aufgeplatzt. Ein Auge ließ sich nur einen Spalt weit öffnen und sein Kopf pochte. Doch immerhin war er nicht noch mal verprügelt worden. Da sich allerdings überhaupt niemand hatte blicken lassen, stellte er sich langsam die Frage, ob sie ihn nicht einfach verhungern und verdursten lassen wollten. Ein metallisches Scharren drang an seine Ohren und lenkte seinen Blick auf die Tür. Herein kam die Frau mit einem Tablett in der Hand. Er schätzte sie auf Ende zwanzig. Sie war zierlich und hatte ein hübsches Gesicht, das allerdings einen bedrückten Ausdruck zur Schau trug. Ihre langen schwarzen Locken und die für Schottland etwas zu gebräunte Haut wiesen sie als Fremde aus. Sie trug wie schon gestern einen Laborkittel über einer Hose und flache Schuhe. Auf dem Tablett erblickte er eine Mineralwasserflasche und ein Teller mit einem Sandwich. Offenbar würde er doch nicht verhungern. Sie stellte das Tablett ab, schob es ihm hin und murmelte mit gesenktem Blick: „Es tut mir leid.“

„Die Entführung oder die Schläge?“, fragte er bitter.

Sie sah ihm ins Gesicht und er fand sich unter dem verlegenen Blick von zwei dunkelblauen Augen wieder, als sie leise erwiderte: „Beides.“

„Dann lassen Sie mich frei“, bat er.

„Das kann ich nicht.“

Er konterte: „Sie haben schon gestern auf Sie gehört und würden es sicher wieder tun.“

„Leider nicht. Ich habe keine Befehlsgewalt über sie. Ich habe nur ihre Angst vor Rabea und unserem geheimen Auftraggeber ausgenutzt. Aber wenn wir bei meiner Lüge bleiben, sollten Sie sicher sein, bis Rabea kommt. Sie ist eine nüchterne Geschäftsfrau, aber keine Mörderin und wird ihnen einen Mord verbieten.“

„Und mich ins nächste Labor verfrachten“, hielt Demetrios bitter dagegen. „Sie scheinen eine anständige Frau zu sein Doktor. Bitte helfen Sie mir. Sie müssen mich nur ans Wasser bringen, dann ...“

Sie unterbrach ihn: „Das geht nicht. Einer der Drei hält immer Wache an der Tür zum Gebäude und außerdem würde ich mich damit in Schwierigkeiten bringen. Ich würde Ihnen wirklich gerne helfen, aber ich muss auch an mich denken. Bitte essen Sie jetzt. Ich komme später noch mal vorbei, um nach Ihren Verletzungen zu sehen.“ Sie verließ den Raum fast schon fluchtartig und ließ ihn verzweifelt zurück. Dennoch griff Demetrios nach der Wasserflasche und trank. Wenn er auch nur die entfernteste Chance haben wollte, musste er bei Kräften bleiben.

Sarita lehnte sich gegen die Wand des Flurs und versuchte, ihr Zittern unter Kontrolle zu bringen. Bisher war es einfach nur ein Auftrag für einen reichen Spinner gewesen, der drei primitive Schläger beschäftigte und Materialien aus nicht nachvollziehbaren Quellen besorgte. Aber das hier war etwas völlig anderes. Sie hätte auch im Raum warten können, aber sie hatte schon in den paar Augenblicken kaum das Zittern unter Kontrolle halten können, weil sein Anblick sie zutiefst entsetzte. Eines seiner Augen war fast zugeschwollen, seine Unterlippe von den Schlägen aufgeplatzt und eine seiner Wangen geschwollen. Alles zusammen verwandelte das für gewöhnlich wohl für einen Mann fast zu hübsche Gesicht in eine blutige, verquollene Fratze. Sein hüftlanges schwarzes Haar klebte an etlichen Stellen vor Blut starr an ihm und die rechte Seite seines Oberkörpers war von Ugos Misshandlungen dunkelblau. Kein Geschöpf auf dieser Welt hatte es verdient, so zu leiden und alles in ihr schrie danach, ihm zu helfen. Aber damit würde sie ohne Zweifel auch noch die kläglichen Reste ihres Lebens zerstören. Wieder einmal verfluchte sie diesen Mistkerl, der ihr Leben ruiniert hatte, aus tiefstem Herzen. Nachdem sie endlich das Zittern unter Kontrolle gebracht hatte, drückte sie sich von schlechtem Gewissen überflutet von der Wand ab und machte sich auf den Weg zum Erste Hilfe Koffer. Wenn sie ihn schon nicht retten konnte, sollte er wenigstens so wenig leiden, wie nur möglich.

Kurz nachdem er mit seinem schmerzenden Kiefer das Sandwich mühsam gegessen hatte kam sie wieder. Dieses Mal hatte sie einen kleinen Koffer und eine Decke dabei. Sie kniete sich vor ihn hin und fragte: „Darf ich?“ Er nickte nur und beobachtete sie genau. Auch wenn sie offenbar ebenso egoistisch war, wie die meisten Menschen, war sie immer noch seine beste Chance. Er musste nach Schwachstellen suchen, mit denen er sie manipulieren konnte. Sie klappte den Koffer auf und Demetrios erblickte den Inhalt eines Erste Hilfe Koffers, wie er ihn auch aus Stephens Praxis kannte. Sie nahm eine Desinfektionslösung, benetze einen der Wattetupfer damit und warnte: „Das wird gleich brennen.“ Sie tupfte behutsam seine Lippe ab und Demetrios unterdrückte nur mit Mühe ein Aufkeuchen, als der medizinische Alkohol in seine Wunde drang. Als er zusammenzuckte murmelte sie: „Tut mir leid.“ Mit unendlich vorsichtigen Bewegungen wischte sie nun das angetrocknete Blut mit dem Tupfer von seinem Gesicht. Wäre seine Lage nicht so gefährlich gewesen, er hätte ob der Ironie aufgelacht. Als Krüppel von seinem Vater ins Priesteramt entsorgt und von der gehobenen Gesellschaft trotz seiner adeligen Herkunft wegen seiner Behinderung verabscheut war er seit dem Tod seiner Mutter von niemand mehr so sanft ja beinahe zärtlich berührt worden. Offenbar beliebte es Ra, ihn nicht nur zu bestrafen, sondern auch noch zu verspotten. Sie legte den blutigen Tupfer weg und kündigte an: „Ich werde jetzt ihre Rippen abtasten, um etwaige Brüche zu finden.“ Er hob als Zeichen seines Einverständnisses seine Arme ein wenig an, was sofort die Kette spannte. Ihre schlanken Hände legten sich auf seine schmerzenden Rippen und begannen sie abzutasten. Jede Berührung war Agonie und er biss die Zähne zusammen. „Ich denke sie sind nur geprellt“, teilte sie ihm mit. „Aber es sollte besser später ein Röntgen gemacht werden.“

„In dem Labor, in das mich Ihre Rabea verfrachten wird?“, fragte er zynisch.

Sie zuckte zusammen, wehrte sich aber: „Wieso sind Sie überhaupt dort auf dem Strand aufgetaucht, wenn Sie nicht entdeckt werden wollen?“ Gut, sie hatte offenbar ein Gewissen. Also musste er es noch verschlimmern, damit sie ihm half.

Er lachte bitter auf. „Sie meinen Monster sollten besser unter Wasser bleiben?“

Sie wandte sich wortlos ab, nahm die Decke und legte sie um seine Schultern. „Damit sie nicht frieren“, und erhob sich.

Er fragte hart: „Warum arbeitet jemand wie Sie für solche Leute?“

Ein trauriges Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Manchmal hat man keine Wahl. Glauben Sie mir, ich wäre viel lieber woanders. Sie sind nicht der Einzige, der Pech hatte.“

„Sie hat es immerhin nicht in Lebensgefahr gebracht“, konterte er.

„Wie man es nimmt“, erwiderte sie sarkastisch. „Auf der Straße zu landen kann durchaus auch lebensgefährlich sein. Ruhen Sie sich aus. Ich versuche Wadim zu einem bequemeren Gefängnis zu überreden“, und wandte sich ab.

Er hielt sie auf: „Ich heiße Demetrios. Wie darf ich Sie nennen Doktor?“

Sie drehte sich wieder um und sah ihn überrascht an, ehe sie antwortete: „Ich heiße Sarita.“

Demetrios zwang ein Lächeln auf seine verletzten Lippen. „Danke Sarita.“

„Ich tue, was ich kann“, murmelte sie und ging. Als die Tür hinter ihr zufiel schlang er die Decke enger um sich und kauerte sich zusammen. Offenbar schätzte sie ihre Dienstgeber nicht sehr. Wenn er geschickt war, ließ sich das vielleicht ausnützen. Mangels eines gesunden Körpers waren sein Verstand und seine Zunge schon immer seine einzigen Waffen gewesen und nun würde er damit um sein Leben kämpfen müssen.

Sarita argumentierte: „Er wird mir eher helfen, wenn er sich nicht bedroht fühlt“, und warf Wadim dabei einen beschwörenden Blick zu. Zum Glück war der Russe heute Morgen wieder zurückgekommen. Von den drei Schlägern war er ohne Zweifel derjenige, der am ehesten sein Gehirn einsetzte und vor allem hörten die anderen Männer auf ihn. Er saß in seinem Büro und musterte sie über den Schreibtisch hinweg derart kritisch, als ob er in ihrem Gesicht die Antwort auf das Problem finden könnte.

„Sobald wir ihm die Kette abnehmen, wird er versuchen, abzuhauen“, protestierte Ugo.

Sarita warf ihm vor: „Kein Wunder, nachdem Sie ihn fast totgeprügelt haben.“

„Er ist ein Monster“, blaffte er sie an.

Sarita stöhnte: „Grundgütiger. Eine neue Spezies taucht auf und alles, woran sie denken können, ist, ihn umzubringen.“

Ugo schob wütend seinen Ärmel nach oben und enthüllte eine fast verheilte Schnittwunde. „Das hat mir ihre neue Spezies angetan. Die haben nichts anderes verdient.“

Wadim fuhr dazwischen: „Kann er Ihnen tatsächlich bei Ihrer Arbeit helfen Doktor?“

„Es wäre möglich“, schränkte sie ein.

„Es wäre möglich?“, äffte Ugo sie nach. „Dafür sollen wir seine Flucht riskieren?“

Sarita hielt dagegen: „Meine Arbeitsräume haben vergitterte Fenster und die Tür ist aus Stahl. Wie sollte er von dort fliehen?“

„Indem er Sie überwältigt Doc“, konterte Ugo. „Sie sind nicht eben eine Kampfmaschine.“

„Er nach Ihrer Tracht Prügel auch nicht“, schoss sie zurück.

Ugo setzte zu einem Konter an, wurde jedoch von Wadim unterbrochen: „Schluss jetzt. Doktor richten Sie ihm eine Pritsche in ihren Arbeitsräumen her. Sobald er dort ist, betreten oder verlassen Sie die Räume nur, nachdem Sie uns bescheid gesagt haben. Rabea kommt in ein paar Tagen vorbei und wird die endgültige Entscheidung über seine Zukunft treffen. Bis dahin haben Sie Zeit, etwas aus ihm rauszuholen. Falls er kooperiert gut, falls nicht, gibt es andere Möglichkeiten.“ Diese anderen Möglichkeiten konnte sie sich nach dem Erlebnis bei Demetrios Ankunft nur zu gut vorstellen.

Sie antwortete gespielt ruhig: „In Ordnung. Geben Sie mir einige Stunden. Ich fahre mit dem Boot auf die Hauptinsel und besorge ein paar Sachen, die ihn gesprächiger stimmen werden.“

„Machen Sie das. Wir werden ihn morgen früh umsiedeln.“

„Es sollte auch schon heute klappen“, widersprach sie. „Noch eine Nacht auf dem kalten Boden dürfte sein Misstrauen nicht eben verringern.“

Wadim bestimmte: „Morgen früh. Heute brauche ich Ugo für einen Auftrag und Tad muss Wache halten.“

Sie gab nach: „Schön, aber ich bringe ihm wenigstens Abendessen.“

„Wie Sie meinen Doktor. Er ist ihr Patient. Zumindest solange er sicher verwahrt ist.“

3. Kapitel

Am nächsten Morgen

Nach einer weiteren Nacht auf dem Boden waren ein ihm unbekannter Mann und der, der ihn bei seinem Eintreffen nicht verprügelt hatte, aufgetaucht und hatten ihn in einen anderen Raum gebracht. Oder besser gesagt in eine Reihe von Räumen. Der Hauptraum sah nach Labor aus, aber jemand hatte einen der Tische mit einer Auflage und Bettzeug in ein Bett umgewandelt. Auf dem Bett hatte er Kleidung gefunden und in einem der kleinen Räume nebenan war ein schlichtes Bad eingerichtet. Obwohl ihn bei dessen Anblick sofort das Bedürfnis überkommen war, sich das Blut aus den Haaren und den Schweiß vom Körper zu waschen hatte er es unterlassen. Vermutlich beobachteten sie ihn von irgendeiner Kamera aus und er hatte keine Lust, ihnen eine Show zu bieten. Also war er nur in die Kleidung geschlüpft und hatte sich über das bereitgestellte Frühstück hergemacht. Dieses Mal war es eine Schüssel Müsli und Tee. Noch ehe er fertig war, wurde die Tür geöffnet und er erstarrte in Abwehrhaltung. Sarita kam herein, und ehe die Tür sich wieder schloss, konnte er einen der Männer hinter ihr sehen. Also wurde die Tür bewacht und die Fenster waren vergittert. Somit war sie noch immer seine einzige Chance auf Freiheit. Sie begrüßte ihn: „Guten Morgen. Ich hoffe ich habe mit dem Müsli Ihren Geschmack getroffen und die richtige Kleidergröße.“

„Besser als eine Decke“, erwiderte er trocken. „Bin ich schon im Labor gelandet?“

„Himmel nein. Das ist mein Arbeitsplatz. Wadim war einverstanden mit diesem Umzug, weil die Fenster vergittert sind. Nebenan ist ein Bad. Sie dürfen es gern benutzen.“

„Ich wasche mich nicht vor Zuschauern“, teilte er ihr mit.

Sie beteuerte: „Dort drinnen sind keine Kameras. Ich benutze es, weil ich ab und zu bei einem Experiment etwas abbekomme.“ Demetrios Brust verkrampfte sich, als vor seinem inneren Auge das Bild eines blutüberströmten Körpers unter ihren Händen auftauchte. Offenbar sah sie es ihm an, denn sie versuchte ihn zu beruhigen: „Ich bin keine Medizinerin, sondern Chemikerin. Kommen Sie mit, ich zeige es Ihnen.“ Sie ging zu einem der Schränke, öffnete ihn, nahm eine Box heraus und trug sie zu einem der Tische. Demetrios ging ihr nach, blieb aber auf Abstand. Sie hob den Deckel von der Box, nahm den Inhalt heraus und erklärte: „Das ist der Stein, um den sich hier alles dreht.“ Demetrios warf einen Blick darauf und fühlte seine Züge entgleisen. Die Frau hielt ein Stück des heiligen Steins in Händen. Sie runzelte besorgt die Stirn, legte den Stein wieder in die Box und fragte besorgt: „Ist Ihnen schwindlig?“ Allerdings, aber nicht wegen der Prügel bei seiner Ankunft, sondern weil er etwas Unmögliches vor sich sah. Der heilige Stein hatte sich durch den roten Staub aufgelöst und die Reste waren ohne Zweifel unter den Trümmern ihrer Stadt begraben worden. Wie bei den Dämonen der Tiefe hatte sie ein Stück davon in die Hände bekommen? Sie drängte ihn zu dem provisorischem Bett und legte eine Hand auf seine Stirn. „Kein Fieber und auch kein Schweiß. Was ist los mit Ihnen?“

„Nichts“, krächzte er.

Sie musterte ihn kritisch und befand dann: „Sie kennen den Stein wirklich.“ Bei Ra, jetzt hatte er ihnen noch eines ihrer Geheimnisse verraten.

Er versuchte den Schnitzer auszubügeln: „Das stimmt nicht. Mir ist nur etwas schwindlig. Vermutlich wegen des Schlags auf den Kopf bei meiner Entführung.“

Sarita gab ihm etwas Freiraum, indem sie vom Bett zurücktrat, behielt ihn aber im Blick. Sein Anfall war ganz klar beim Anblick des Steins aufgetreten und das Fehlen von körperlichen Symptomen wies auch darauf hin. Er wusste etwas, aber dank Ugos Brutalität wollte er es ihr nicht sagen. Sie suchte den Blick seiner ungewöhnlichen violetten Augen und seufzte: „Ich verstehe, dass Sie mir nicht vertrauen. Aber wir haben nichts Schlimmes mit diesem Stein vor.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem zynischem Lächeln. Sie gab zu: „Wenn man Ihre Lage bedenkt klingt das vermutlich nicht besonders glaubhaft, aber es stimmt. Zugegeben, ich habe keine Ahnung, wie er in die Hände meines Auftraggebers gelangt ist, aber mir wurde lediglich aufgetragen, ihn zu untersuchen und nach Möglichkeit nachzuzüchten.“

„Nachzuzüchten?“, fragte er ungläubig.

Sie erklärte: „Inzwischen können wir künstliche Edelsteine herstellen, indem wir Kristalle wachsen lassen. Wenn es mir gelingt, seine Struktur zu erkennen, kann ich vielleicht auf dieser Basis ein Verfahren entwickeln, um ihn nachzuzüchten. Aber um das tun zu können, muss ich begreifen, woraus er besteht.“

„Was denken Sie denn, was Ihr Auftraggeber im Erfolgsfall damit vorhat?“, fragte er mit Angst im Blick.

Sie versuchte ihn zu beruhigen: „Ich konnte bisher thermische Eigenschaften feststellen, die allerdings nur in Intervallen auftreten. Ich denke er ist auf der Suche nach einer Energiequelle. Wenn Sie mir helfen könnten, wäre das auch gut für Sie.“

„Weil sie mich andernfalls doch diesen Schlägern überlassen?“, fragte er hart.

Sie stöhnte auf. „Ich versuche wirklich Ihnen zu helfen, aber etwas Unterstützung könnte ich schon gebrauchen.“

Er wies auf seine Kleidung. „Ich weiß das wirklich zu schätzen, aber es ändert nichts daran, dass ich früher oder später tot oder in einem echten Labor enden werde, falls Sie mich nicht freilassen.“

Sie widersprach: „Rabea ist vernünftig und eine Geschäftsfrau. Sie wird nicht zulassen, dass die Ihnen noch mal etwas antun.“

„Falls ich nützlich bin“, hielt er dagegen.

Sarita konterte: „Falls Sie nützlich sind wird es sich für Sie lohnen und selbst falls nicht wird sie weder einen Mord genehmigen, noch sich auf eine Alien Geschichte einlassen. Dazu ist sie viel zu seriös.“

„So seriös, dass sie drei Schläger anheuert?“, fragte er herausfordernd.

„Sie ist seriös“, fuhr Sarita ihn an, „und jetzt gehen sie sich endlich das Blut aus dem Haar waschen, ehe sie es gar nicht mehr rauskriegen.“ Er warf ihr einen Blick zu, der ihr ohnehin schlechtes Gewissen noch schlechter machte, und ging dann zu dem kleinen Badezimmer. Als die Tür sich hinter ihm schloss lehnte sie sich gegen den Tisch, schloss gequält die Augen und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie sich nicht in Rabea irrte.

Nach einer ausgedehnten Suche nach einer versteckten Kamera hatte Demetrios sich schließlich ausgezogen und in die enge Dusche gestellt um sich das Blut und den Dreck vom Körper zu waschen. Während der harte Strahl schmerzhaft auf seine Blessuren prasselte machten seine Gedanken sich selbstständig. Falls diese Frau den heiligen Stein wirklich nachzüchten konnte, könnte sein Volk vielleicht wieder unter Wasser leben und wäre eine Menge Probleme los. Aber dazu musste sie erst mal Erfolg haben und er musste hier raus und noch dazu musste er sie dazu bringen, das Kunststück für ihn zu vollbringen. Jedes dieser drei Vorhaben war an sich schon so gut wie unmöglich und alle drei zusammen noch mehr. Da er jedoch ohnehin in einer ausweglosen Lage steckte, konnte er es genauso gut versuchen. Um eine Strategie zu entwickeln, musste er allerdings mehr über Sarita wissen und ihr Hunger nach seinem Wissen würde ihm diese Informationen verschaffen. Er drehte die Dusche ab, trocknete sich ab, zog sich wieder an und ging ins Labor zurück. Er fand sie über ein Mikroskop gebeugt vor, einen entzückten Ausdruck auf ihren hübschen Zügen. Wäre sie nicht eine Verbündete seiner Gefängniswärter gewesen, er hätte ihren Anblick genossen. Die feinen Züge, die tiefblauen Augen im Kontrast, mit dem schwarzen seidige Haar und die leicht gebräunte Haut machten sie zu einer Augenweide und anhand ihrer schlanken Beine hätte er gewettet, dass unter dem losen Kittel ein zwar zierlicher aber sehr verführerischer Körper steckte. Nicht dass er als Krüppel jemals in den Genuss dieses Körpers kommen würde. Diese Lektion hatte er schon vor Jahren gelernt. Seine Leute schätzten fehlerhafte Dinge nicht besonders und er bezweifelte, dass es hier oben viel anders war. Aber zur Abwechslung kam ihm seine Behinderung gerade recht, weil sie ihn in ihren Augen weniger bedrohlich wirken lassen und hoffentlich ihr Mitleid mit ihm verstärken würde. Er hinkte auf sie zu und teilte ihr mit: „Ich weiß nicht viel, aber ich will helfen.“ Sie hatte bei seinen Worten den Kopf zu ihm gewandt und ihr Blick hing besorgt an seinem rechten Bein. Er erklärte: „Keine weitere Verletzung. Ich bin seit Geburt ein Krüppel.“

Sie protestierte: „Nennen Sie sich nicht so.“

„Warum nicht? Alle anderen tun es auch“, erwiderte er kalt. Er sah Mitleid auf ihr Gesicht treten und ein Teil von ihm war ihr dankbar dafür, aber er unterdrückte ihn. Seine Chancen standen schlecht genug. Er musste mit allen Mitteln kämpfen, die er hatte.

Sie erwiderte sanft: „Das tut mir leid. Ihre Kultur kann nicht sehr freundlich sein.“

Er konterte: „Ihre auch nicht.“