Wechselspiel - Mira Bilia - E-Book

Wechselspiel E-Book

Mira Bilia

4,8

Beschreibung

Khalil Samet (Name geändert) erzählt Mira Bilia aus seiner Historie. Er ist Ende 30, lebt in Süddeutschland und wurde in Palästina geboren. Als Kind mit der Familie aus einem Kriegsgebiet ausgewandert, muss er sich als Ausländer in Deutschland behaupten. Dabei wird er immer wieder mit zwei unterschiedlichen Kulturen konfrontiert. Heute hat er einen deutschen Pass und lebt zufrieden und frei. Sein Weg dahin war manchmal steinig. Zum Glück begegneten ihm auch Menschen, die ihm in schwierigen Situationen aufhalfen.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Aus heiterem Himmel

Geboren und die neue Heimat

Wo führt das hin?

Mein Polarstern

Aushalten, warten

Weiter leben

Hoffnungsschimmer

Ein neuer traditioneller Weg

Knastkollegen

Die junge Familie

Rhythmus in der Hölle

Lizenz zum Fremdgehen

Unterstützung in der JVA

Neu geboren

Knast Alltag

Wolken am Sommerhimmel

Ein Stern in der Finsternis

Plackerei mit Gelegenheiten

Umzug nach oben

Das Leben ist kompliziert

Auf und ab im Martyrium

Was geht und was nicht?

Wie sterben

Mitgehangen, mitgefangen

Das letzte Kapitel

Mira notiert:

Er ist groß, vielleicht 1.90, hat breite Schultern und sein Gesicht erinnert an George Clooney, seine Wurzeln könnten im Mittelmeerraum zu finden sein, wegen der dunklen Färbung seiner Haare und Augen und dem olivfarbenen Teint. Auch Khalils Deutsch ist nicht einwandfrei, ein winziger Akzent charakterisiert das Reden. Das einnehmende Lächeln und freundliche Auftreten lassen mich vermuten - er ist ein Frauentyp. Tatsächlich hat das, was er mir zu erzählen hat mit Frauen zu tun, im weitesten Sinne. Es geht um seine Biografie in einem „fremden“ Land, besondere Umstände, Schicksal, Traditionen und unterschiedliche Kulturen. Alles hat sich wirklich so ereignet. Aber bevor Khalil seine Lebenslinien nachzeichnet, erklärt er mir: „Dieses Buch widme ich meinem Engel. Nur diesem wunderbaren Geschöpf zuliebe möchte ich alles zur Schau stellen. Das soll der Beweis meiner unendlichen Liebe sein“.

Um alle beteiligten Personen zu schützen, sollen sämtliche Namen, mitsamt seinem eigenen, geändert werden, das habe ich getan. Ich bin gespannt und lausche Khalils Lebensgeschichte:

Aus heiterem Himmel

Thalias ältester Sohn David ist mir, genau wie sein kleiner Bruder Nikolas, direkt ins Herz gewachsen. Endlich Wochenende, der Junge will mit Kumpels los. 19 ist er und er hat den Führerschein, aber kein Auto. Ich gebe ihm gern meinen Wagen, er ist ein anständiger Kerl und ich erinnere mich, wie ich in seinem Alter um die Häuser zog. Damals hatte ich schon einiges Geld verdient und bereits ein eigenes Auto, das war ein großes Stück Freiheit.

Fritz ruft an, erklärt mir, er habe einen Kunden für den Motor gefunden. Toll, ich kann ihn noch heute liefern. Für den Jungen ist es kein Problem. Wir fahren zur Firma, laden das Teil ein, bringen es zum Empfänger, David fährt mich zurück und dann ab ins Wochenende; so wollen wir es machen. Mein Schatz blinzelt mir fröhlich zu, sie ist froh, dass sich die Jungs so gut mit mir verstehen. Und ich freue mich wie ein kleines Kind, wenn ich sie in ein paar Tagen auf unseren Hügel entführen und ihr ein bisschen Glück bescheren kann. Ich umarme sie noch einmal und hauche ihr Küsse ins Ohr, „bis bald mein Engel“ und gehe. Ich weiß noch nicht, dass alles anders kommen würde.

Der Junge erzählt mir von der neuen Kneipe in der Stadt, ich kenne sie, früher wäre ich auch in solche Lokale gegangen.

Wir fahren über Land nach Leonberg, dort hat Fritz eine Halle gemietet. Er ist da, wartet schon auf mich. Der Motor liegt noch fertig verpackt am alten Platz. Ich lenke routiniert den Hubwagen übers Gelände, lade das Paket mit Fritz' Hilfe auf und steuere es zum Auto. Der Junge lehnt am Wagen, raucht derweil eine Zigarette, schmunzelt, wer weiß, an was er denkt, an ein Mädchen? Der Kofferraumdeckel steht auf, schnell will ich das Ding im Auto verstaut sehen und davon fahren, ich bin froh, wenn der Motor endlich untergebracht ist. Seither hat zwar alles geklappt, es war sogar super leicht gewesen, aber der Junge ist dabei, da kann ich kein Risiko eingehen.

„Komm, greif hier mit an“,

fordere ich den Jungen kurz auf. Er langt geschickt hin und mit einem Ruck hieven wir das unförmige Paket in den Wagen. Er fragt nicht, was ich damit mache, er weiß inzwischen, dass ich auch am Wochenende mit verschiedenen Jobs Geld verdiene. Seit einigen Wochen nehme ich ihn mit, so kann er sich auf Baustellen und bei Umzügen selbst Geld erarbeiten, lernt jede Menge handwerkliche Griffe und Spaß haben wir sowieso dabei.

„Warte hier, ich bring noch schnell den Karren zurück“,

ich nicke dem Jungen zu, sehe, wie er sich zum Wagen dreht, und will mich beeilen, auf dass wir fix vom Gelände verschwinden. Zwei Schritte, ein gemütlicher Käfer surrt in der lauen Mailuft - ein Schrei zerreißt sie:

„POLIZEI ... STEHEN BLEIBEN ... SIE SIND FESTGENOMMEIN!“

Die dunkle Gestalt taucht hinter einem Wagen auf, und noch eine, ich drehe mich zu dem Jungen, er starrt mich fragend an, aus dem Gebäude hinter ihm strömen immer mehr Männer in Uniform.

„STEHEN BLEIBEN!“, vibriert die Luft, jetzt fegen sie von allen Seiten daher.

„AUF DEN BODEN!“, hallt es zwischen den Gebäuden. Ich sehe Fritz am Gebäudetor, er hält die Arme in die Luft, schmeißt sich im nächsten Augenblick auf den Boden.

Mich krallt etwas von hinten, stößt mich ins Kreuz, noch mal, ich falle, sehe den Jungen nicht mehr, überall Polizei, plötzlich trampelt und knackt es in allen Ecken, sie stürmen wie hungrige Insektenmonster, tausend Pistolenläufe lechzen mich an, noch ein Tritt von hinten, dem halte ich nicht Stand, taumle und falle, ein wuchtiges Etwas rammt sich auf meine rechte Schulter, Asphaltkrümel krallen mein Gesicht.

„BLEIB LIEGEN UND KEINE BEWEGUNG!“

Wie soll ich, ich klebe am Boden, einen Achter auf dem Rücken, wenn er ihn zuzieht, werden die Arme brechen! Grobe Hände tasten mich ab, fingern an meiner Gürteltasche, bis ich sie nicht mehr spüre.

„David … David … wo ist er?!“,

blinkt es dunkelrot in meinem Kopf. Wie, warum, wie kann das sein? Wer hat mich verraten? Das kann nicht sein, das darf nicht sein! Sirenen beschallen die Szene, im Augenwinkel blinken die skurrilen Bilder blau.

„Wo ist der Junge? Er hat nichts damit zu tun“,

presse ich irgendwie nach oben, „lasst ihn laufen, er hat nichts damit zu tun!“

Niemand reagiert darauf. Ich vernehme unverständliches Gemurmel in der Ferne, leises mechanisches Knacken. Oh mein Gott, auf mich blicken scharfe Kanonen - man Leute, ich bin doch harmlos, behaltet bloß die Nerven und ballert nicht los! Bleibe erstarrt liegen, warte.

„Steh auf, aber langsam“,

befielt eine strenge Männerstimme, gleichzeitig zieht einer an meinem gefesselten Arm. Aufrecht suche ich den Jungen. - ER SOLL FLIEHEN -, schreit es in mir, er hat doch nichts damit zu tun! Mir stockt das Herz noch mehr, als ich ihn schreien höre, er liegt ein paar Meter weiter, ebenso mit dem Gesicht auf den Boden gepresst.

„Lasst ihn gehen, man…“,

versuche ich ihn zu verteidigen, aber ich kann mich nicht mal selbst retten.

„Ruhe!“,

tönt der Beamte trocken,

„Wir werden sehen, was wer damit zu tun hat.“

Die Betonung des „damit“ klingt hämisch, wir sind ihre Beute, in ihr Netz getappt. Wie kann das gehen? Mir dreht sich alles, der Junge ist gefesselt, wird von Polizisten in einen Streifenwagen geschoben. Bald sitze auch ich in einem Polizeibus und verstehe, nach ein paar aufklärenden Worten des Beamten, ich sitze in der Falle, so eine Scheiße. Im Moment ist das nicht das wichtigste, David ist dabei, das ist tragisch. Und mein Schatz weiß nichts davon. Tausend Bilder wirbeln in meinem Kopf, von ihr und uns und dem was kommen wird. Auf der Fahrt spricht keiner, die wollen nur, dass ich friedlich bleibe, bringen mich aufs Revier. Langsam finde ich ein wenig Ordnung im Kopf. Ich werde es zugeben, das ist das Beste. Bin ja kein Schwerverbrecher, die Sache wird sich regeln lassen, so versuche ich mich zu beruhigen. Aber der Schock sitzt mir in allen Zellen, ich zittere, bin heiß und eisig zugleich. Ich denke an den letzten Ausflug und frage mich: Geht gerade eine Welt unter?

Die Aussicht ist grandios, warum können wir nicht Flügel ausbreiten und einfach abheben, mit Sonnengold davon schweben? Im Herzen tun wir das ja schon. Endlich nach so langer Zeit der dunklen Tristesse, mein Gott, was musste alles geschehen, bis ich sie fand. Es würde ihr gefallen, meinem Engel. Meinen kleinen wunderschönen Schatz im Arm zu halten, das ist die Erfüllung, endlich ankommen … ein Zuhause. Ich sage es ihr immer wieder, dass ich sie liebe, so sehr liebe und jede freie Minute verbringen wir miteinander, gigantisch. Das ist neu, ich habe zwar viele Frauen gehabt, auch geliebt, aber keine war mir 24 Stunden im Sinn, keine vermisste ich so, wenn wir an verschieden Orten sein mussten, keine wollte ich wieder und wieder ansehen, streicheln, beschenken, verwöhnen und das für immer und ewig. Ihr Duft schmeichelt nicht nur meiner Nase, es ist ein Hauch Zauberei, der mir den Herztakt angibt. Ich schmunzle, wie beim ersten Mal, denke ich. Sie dreht sich zu mir, strahlt mich mit ihren wunderschönen Augen an, ihr Lächeln schickt mir einen luftigen Schauder über den Rücken, ich möchte es festhalten, für immer. Wir küssen uns zärtlich, sie drückt sich an mich, ihre weichen Lippen fordern mehr, spielen mit meinen und zünden ein Kribbeln, das von den Zehen bis zum Scheitel fließt. Auf der Stelle mit ihr verschmelzen!

Sie will täglich auf den Hohenasperg steigen und gemeinsam mit mir die Gedanken zum Horizont schicken, Kilometer weit übers Land bis in die Unendlichkeit. Ich hatte nie etwas für Kitsch übrig, im Gegenteil. Aber sie lullt mich in einen romantischen Rausch - und es gefällt mir.

Über dem Abgrund flattern zwei Vögelchen ein Tänzchen, flöten munter Geschichten und inspirieren: Das ist es, so könnte ich sie überraschen, eine Liebeserklärung in den Himmel geschrieben! Worte meiner Liebe auf eine Riesenleinwand gemalt und dann mit einem Heißluftballon hier, direkt über der Burg, in die Luft schwebend. Ja, das begeistert sie, sie wird glücklich sein. Bald ist ihr Geburtstag, am 27. Mai, es wird das geniale Geschenk für sie. Gleich morgen werde ich mich darum kümmern. Zufrieden bleiben wir auf unserem Lieblingsplatz, saugen das Abendrot auf, bis die Sonne dem sanften Dunkel weicht.

Das Revier in Stuttgart ist, wie man es sich vorstellt, nüchtern und pragmatisch eingerichtet, mit ernst blickenden Uniformierten bestückt. Ich lande in einen Raum mit Riesenschreibtisch, ein paar Stühlen und Aktenschränken, soll mich setzten. Nur ein Aufpasser steht hinter mir, die Fesseln klemmen mir noch um die Handgelenke.

Zivile betreten den Raum. Sie tun wichtig, schwatzen, tragen Kaffeetassen mit sich und nicht die übliche Uniform, sie werden von besserem Rang sein und mich gleich befragen, ahne ich. So ist es. Ein Aufpasser nimmt mir die Handschellen ab, die Zivilen setzen sich mir gegenüber, mit Schreibzeug und einem Aktenordner vor sich liegend. Die Tortur beginnt und das, was ich mir so gedacht habe, dass ich einfacher Gauner alles fix regeln könnte, löst sich in Nix auf. Zuerst erzähle ich, wie's war, gestehe, ich hab es getan. Die Beamten sind nicht zufrieden. Ich beteure, der Junge hat nichts damit zu tun, sie sollen ihn doch laufen lassen. Sie reagieren nicht. Stattdessen legen sie mir Telefonnummern vor, fragen, was ich mit den Leuten zu schaffen hätte. Ich bin völlig perplex, woher...?

Langsam dämmert es mir, ich wurde beobachtet und mein Handy abgehört … seit wann? Ach du Scheiße, zum Glück, na ja hier von Glück zu sprechen ist der Hohn, na jedenfalls habe ich gestanden, das wird vorteilhaft für mich sein. Dummerweise sind die Kommissare damit nicht zufrieden. Sie behaupten, fragen wieder, drohen, klagen mich an, picken hier und da, wollen mich in was rein ziehen. Sie werfen mir andere Delikte um die Ohren, erzählen mir von einem Prototyp und dass ich mit der Sache einen Riesenschaden verursacht hätte. Die Zahl knallt mir mitten in den Bauch, mein Innenleben zerrt sich unangenehm zusammen. Immer wieder versuche ich den Jungen raus zu halten, sie glauben mir nicht, genauso wenig meine Version über die Sache und dass nur die beiden Komplizen beteiligt waren, ich bleib dabei.

Stunden vergehen, ich leide in der Mangel der Beamten und noch mehr an der Ungewissheit, die die beiden Herren ausströmen. Was wird nun mit mir geschehen? Würde ich tatsächlich als kleiner Gauner glimpflich davon kommen? Die eifrigen Polizisten wollen mir noch mehr anhängen, wie kann ich das alles beweisen? Ich will telefonieren, meine Thali, meine Brüder, damit ich alles erklären kann und damit jemand kommt und mir hilft. Es geht nicht. Es ist spät in der Nacht, die Beamten hatten mehrmals Kaffee und meine Aussage wiederhole ich zum tausendsten Mal, es ist die Wahrheit, aber das können sie nicht annehmen.

„Sie kommen für die Nacht in die Zelle, morgen bringen wir sie zum Haftrichter, der entscheidet, was mit ihnen passiert.“

Das ist die letzte Rede des Polizisten, er verschwindet, mitsamt seinem Kollegen. Ein Uniformierter führt mich in eine Gummizelle mit Bett, Klo und Waschbecken. Die Nacht werde ich aushalten, und am nächsten Morgen kann ich beim Haftrichter alles klären, endlich nach Hause fahren und Thali alles beichten. Ich bin mir sicher, büßen muss ich, für das was ich getan habe, aber es wird schon nicht so heftig kommen. Vor allem muss ich raus hier.

Die nächsten Stunden schlafe ich nicht, vielleicht nicke ich kurz ein, aber der Schock wirkt nach, die Ungewissheit treibt mich durch die Zelle und vor allem die Trennung von meinem Schatz lässt mir keine Ruhe. Was ist mit dem Jungen, wo ist er? Glauben sie ihm, musste er auch die Tortur überstehen, und wie hat er es gepackt? Und kann ich morgen wirklich gehen? Minuten werden zu Stunden, die Nacht wird zur Unendlichkeit, ein wirrer Gedanke jagt den nächsten. Angst! Das Gefühl begegnete mir bisher nicht oft. Und wenn, gab es in der Vergangenheit Kameraden, die mir zur Seite standen, große Brüder und die Familie.

Geboren und die neue Heimat

Ich wurde in Zarka, liegt in Jordanien, Palästina, geboren. Meine Familie lebte ländlich. Wir, die Araber, lagen im gewaltsamen Konflikt mit Israel. Wann der Palästinakrieg wirklich anfing, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls erklärte Israel 1948 seine Staatsgründung und von da an gab es heftigen Streit zwischen Palästina und Israel; er ist bis heute nicht beendet. Mein Vater wurde 1934 und meine Mutter 1946 dort geboren. Der so genannte Nahost-Konflikt wirkte natürlich auf die Bevölkerung, das Leben war gefährlich, die Verdienstmöglichkeiten schlecht und Schule für die Kinder Nebensache. 1967 tobte der Sechs-Tage-Krieg, Israel griff Ägypten, Syrien und Jordanien an und besetzte die Golanhöhen, die Westbank, den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel. Zwei Jahre später kam es zum Militärputsch in Syrien und Menschenmassen flohen aus Palästina und aus dem Teilgebiet Jordanien.

Auch mein Vater suchte nach Perspektiven. Zu der Zeit war Deutschland Israel gegenüber eher kritisch eingestellt, deutsche Politiker forderten Israel auf, die besetzten Gebiete freizugeben. In Deutschland blühte seit den 50ern das Wirtschaftswunder, den Menschen ging es immer besser nach dem Kriegsübel des Zweiten Weltkriegs, Firmen wurden gegründet, die Industrie wuchs und somit die Möglichkeiten, gut Geld zu verdienen. Alles besser als in Palästina. Und deshalb emigrierte mein Vater 1969 nach Deutschland. Im selben Jahr gebar meine Mutter einen Sohn, meinen ältesten Bruder Rami.

Eine deutsche Firma beschäftigte meinen Vater als Hilfsarbeiter, besorgte ihm eine Wohnung, und kümmerte sich um die Aufenthaltserlaubnis. Mein Vater arbeitete, sparte das Geld und schickte meiner Familie in Palästina den Großteil der Einnahmen. Er reiste ab und zu nach Hause, um nach der Familie zu sehen und irgendwann dachte er, er habe genug Geld zusammen und kehrte in die Heimat zurück.

Die Familie wuchs, 1970 kam meine Schwester Ara, 1971 ich. Es wurde im Dorf bekannt, dass wir zu Geld gekommen waren, also hielten viele Leute die Hand auf, um vom Deutschlanderfolg etwas abzubekommen, so schwand der „Reichtum“. Mein Vater wanderte erneut nach Deutschland, wieder fand er Beschäftigung, dieses Mal im Straßenbau. Inzwischen gebar meine Mutter Schwester Fatimah.

Die Lage in Palästina besserte sich nicht, das Leben war noch immer beschwerlich. Mein Vater beschloss, in Deutschland zu bleiben und die Familie nachzuholen. Inzwischen schrieb man das Jahr 1975 und ich war 4 Jahre alt. Wir siedelten im Süden Deutschland, Kreis Heilbronn in Baden-Württemberg an, in der Gemeinde Meimsheim, seit 1972 ein Stadtteil von Brackenheim.

Meine erste bewusste Erinnerung begann mit der Schulzeit, 1978 in der Grundschule Meimsheim. Ich sprach kein Deutsch und so musste die Kommunikation auf einer anderen Ebene ablaufen, mit Fäusten. Was heißt, ich und auch meine Geschwister verursachten einigen Krawall in der Schule. Wir setzten uns durch, und das nicht nur für uns selbst, sondern für die gesamten Geschwister, jetzt mit Schwester Safia und dem jüngsten Bruder Bassam. Wir waren nun sieben Kinder.

Rami, der Älteste, führte uns außerhalb der Familie an. Wenn es Stunk gab, regelte mein großer Bruder die Sache. Er hatte in Palästina schon ein wenig Englischunterricht, damit konnte er sich wenigstens ein bisschen verbal verständigen.

Ich lernte Deutsch, wie, weiß ich heute nicht mehr so genau. Es gab keinen Extra-Unterricht in der Schule und im Zeugnis wurde vermerkt, dass ich als Ausländer Nachteile im Sprachunterricht hätte. Aber irgendwie bekam ich die Sprache mit. So gut, dass ich Freundschaften schloss und zum Deutschen wurde. Kinder sind offen für Neues, das war auch bei mir so und Deutschland wurde mir mehr Heimat als mein Herkunftsland. Vielleicht liegt es an meiner Haltung, jedenfalls lautet mein Credo: Freiheit für alle Möglichkeiten. Ich halte nichts von starren Traditionen und Ideologien, welche Ausländern im fremden Land oft Schwierigkeiten bereiten. Leute aus unterschiedlichen Staaten werden durch verschiedenste Kulturen geprägt. Das heißt aber nicht, dass solche sich nicht integrieren sollen. Das beobachtete ich aber leider bei Ausländern um mich. Viele hatten eine großkotzige Art an sich, prahlten, sie seien die Größten, brachten aber keine zwei anständigen deutschen Worte am Stück heraus. Auch meine Landsleute verhielten sich oft verbohrt, kapselten sich ab und hielten an starren Meinungen fest. Die Traditionen wurden nicht an Deutschland angepasst, Konflikte waren vorprogrammiert. Trotz meiner Freiheitsliebe, passte ich mich bewusst an. Es war manchmal schwer, zwischen den Kulturen zu pendeln. Leider lebten meine Eltern überwiegend als Araber unter sich, mit arabischen Freunden und der ständigen Verbindung ins Heimatland. Sie lernten im Alltag zwar Deutsch, aber nie genug, um Kontakte mit Deutschen pflegen zu können. Anfangs setzte meine Mutter das traditionelle Kopftuch der Moslems in Deutschland ab. Später besann sie sich aber, bedeckte sich wieder und lebte als Moslem immer ein wenig distanziert von anders Gläubigen. Und spätestens bei der Partnerwahl schrumpfte die Toleranz zu einem Nichts zusammen. Aber als Junge wusste ich noch nichts von alldem und die Familie war ein fester Halt und Schutz.

Mutter fand ebenfalls Arbeit als Putzfrau. Wenn die Eltern aus dem Haus waren, hatte Rami das Sagen und passte auf uns Geschwister auf. Eine Rolle, die ihn prägte, auch als Erwachsenen.