Wegzeichen und Irrlichter - Eleonore Sausmikat - E-Book

Wegzeichen und Irrlichter E-Book

Eleonore Sausmikat

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Beschreibung

Die Protagonistin sucht nach einer Aufgabe, die ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Sie lässt sich leiten von Begegnungen und Träumen, in denen sie Zeichen sieht. Dann gerät sie in tödliche Gefahr und wird unsanft auf den Boden der Realität gestellt. Schließlich erkennt sie, dass es keine eigens für sie bestimmte Aufgabe gibt. Ihre Aufgabe ist es, den Stationen ihres Lebens Sinn zu verleihen.

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Seitenzahl: 336

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Personen

BENJAMINA LINDHoff, geb.in Meersburg, zu Beginn der Handlung 26 Jahre

MUTTER VERONIKA, Witwe, lebt seit dem Tod ihres Mannes in Überlingen, betreibt eine Pension

GITTE THORWALD, Ältere Schwester geschieden

NICHTE CONNIE, Gittes Tochter, 16 Jahre

HERR PRATT, Redaktionschef der Zeitung „Rundblick“ in Bremen

ROBERT, BEA, KATHRIN, GabyJournalisten beim „Rundblick“

PETERSEN, Fischhändler in Bremen

PAULA UND HENDRIK, Touristen

BAHAR, türkische Krankenschwester im Behindertenheim in Friedrichshafen

YASEMIN UND RAMAZAN, Bahars Verwandte und Freunde in der Türkei

FATMA, EMINE, MURAT, FERIT, KADIR, U.A. Yasemin und Ramazans Kinder

Ismail, hat studiert

IBRAHIM (IBO), lebt in Kars, hat studiert

NURI, Dorfschützer

MELTEM, Nuris erste Ehefrau

HALIL, GÜL, Nuris Kinder mit Meltem

MAKBULE, Nuris zweite Ehefrau

EYÜP, ABDUL UND SEVIM, NESRIN, ZEHRA, ALEV U.A.,

Nuris Kinder mit Makbules

BURAK, Töpfer in Avanos

MUZAffER und Cemile

MELTEM, MAKBULE U.A., Muzaffer und Cemiles Kinder

DR. YAŞAR DERMAN, Arzt in Kars

DR. FERIDE DERMAN, Ärztin in Kars

Inhaltsverzeichnis

Teil I: (November 1987 – 30.11.1987)

1. Kapitel: BENJAMINAS TRAUM

2. Kapitel: ARTIKEL

3. Kapitel: ABSCHIED NEHMEN

4. Kapitel: CAFE LILA

5. Kapitel: AUFBRUCH

6. Kapitel: PETERSEN ERINNERT SICH

Teil II: (30.11.1987 – 30.09.1988)

1. Kapitel: RETROPERSPEKTIVE

2. Kapitel: FAMILIENBANDE

3. Kapitel: GEGEN DEN STROM

4. Kapitel: DIALOGE

5. Kapitel: MEERSBURG

6. Kapitel: FRONTEN

7. Kapitel: GITTE DENKT AN BENJAMINA

Teil III: (September 1988 – Juli 1989)

1. Kapitel: BENJAMINAS TRAUM

2. Kapitel: FRONDIENSTE

3. Kapitel: FREMDES TERRAIN

4. Kapitel: ÄNGSTE

5. Kapitel: BRIEF AN CONNIE

6. Kapitel: SONNTAG

7. Kapitel: CONNIE SCHREIBT IN IHR TAGEBUCH

Teil IV: (Juli 1989 – August 1989)

1. Kapitel: BENJAMINAS TRAUM

2. Kapitel: KAPPADOKIEN - GEISTERSTÄDTE

3. Kapitel: KAPPADOKIEN - REISE INS GESTERN

4. Kapitel: KAPPADOKIEN – IRDENE GEFÄSSE

5. Kapitel: NACH OSTEN

6. Kapitel: BAHARS DORF

7. Kapitel: EIN ANDERER ALLTAG

8. Kapitel: BEDROHLICHE SCHATTEN

9. Kapitel: BAHAR DENKT AN BENJAMINA

Teil V: (August 1989 – September 1992)

1. Kapitel: LÜGEN

2. Kapitel: GESPRÄCHE IN KARS

3. Kapitel: DIE TULPE

4. Kapitel: EINE NEUE FAMILIE

5. Kapitel: KÄLTEPERIODE

6. Kapitel: DIE HOCHZEIT

7. Kapitel: MAKBULE DENKT AN BENJAMINA

Teil VI: (Oktober 92)

1. Kapitel: BENJAMINAS TRAUM

2. Kapitel: ZWISCHEN DEN ZEITEN

Epilog (5 Jahre später)

Worterklärungen

Teil I:

(November 1987 – 30.11.1987)

1. Kapitel:

BENJAMINAS TRAUM

Am Horizont schieben sich blauschwarze Wolkentürme ins Licht. Die Sonne gießt flüssiges Gold auf die unbewegte See. Plötzlich ertönt dumpfes Grollen, als stiege es vom Grund des Meeres hoch. Das Wasser kräuselt sich, und kleine Wellen laufen das sandige Ufer hinauf.

An der steilen Böschung stehen dicht gedrängt Menschen und umklammern die Balken des Zauns vor dem Hang. Angstverzerrte Gesichter starren in die Ferne. Ich fühle mich eingeengt, streife Schuhe und Strümpfe ab, klettere über die Absperrung und springe in den weichen Sand. Wie berauscht laufe ich den Strand entlang. Ich suche eine Stelle zum Baden. Immer weiter laufe ich, begierig, den schönsten Platz zu finden. Längst sind die Menschen hinter mir zurückgeblieben. Der Uferstreifen wird immer schmaler, Wellen umspülen meine Füße. Die Sonne hat sich orangerot gefärbt, und das ferne Dröhnen vom Meer schwillt an. Weit draußen sehe ich eine Welle, die sich wie ein grünes Gewölbe emporhebt und auf das Ufer zu rast. Ich gerate in Panik, kehre um und haste den Weg zurück. Aber der Wind greift mich an, meine Füße versinken im feuchten Sand. Endlich sehe ich die Bohlen. Die Böschung ist zu steil, ich komme nicht hoch. Etwas weiter ist eine kleine Treppe, an der ein Maschendrahtzaun entlang läuft. Meine Hände krallen sich fest, mühsam ziehe ich mich Stück für Stück nach oben. Da steht meine Mutter, sie ruft und winkt. Ich überwinde den Hang gerade noch rechtzeitig, bevor die gewaltige Welle sich am Ufer bricht und das Gestade unter sich begräbt.

2. Kapitel:

ARTIKEL

Der Nebel hing wie Watte in den schwarzen Zweigen. Im Licht der Laternen erinnerte die Straße an ein Bühnenbild für ein düsteres Stück. Die Nacht war vorbei, aber es wurde nicht Tag. In der Stadtbahn brannten die Neonleuchten, und die Gesichter der Fahrgäste sahen krank und blass aus, passend zur Szenerie draußen.

Benjamina spähte durch die schmutzige Scheibe und gähnte. Sie war müde, ihre Muskeln schmerzten, als wäre sie weite Strecken durch Sand gelaufen wie in ihrem Traum letzte Nacht. Vergeblich versuchte sie zu enträtseln, welche Botschaft die nächtliche Vision enthielt.

Plötzlich gab es einen scharfen Ruck, die Bremsen quietschten, und die Bahn hielt. Benjamina war gegen den Glatzkopf vor ihr geprallt, der sich jetzt umdrehte und sie vorwurfsvoll ansah. „Tschuldigung“, murmelte sie. Im Stillen bedachte sie ihren Vordermann mit unflätigen Schimpfworten. Der Tag fing ja gut an! Sie wusste, dass sie zu heftigen Reaktionen neigte, wenn sie unzufrieden oder erschöpft war. Je mehr sie sich darüber ärgerte, desto schlimmer wurde es.

„Verehrte Fahrgäste, wir bitten Sie,...“ Das Übliche: Bauarbeiten. Benjamina nahm ihre Tasche und verließ das Abteil. Es lohnte sich nicht, umzusteigen, die Redaktion am Sielwall lag in der Nähe, den Rest konnte sie zu Fuß gehen. Sie schlug den Kragen des abgetragenen Mantels hoch; es war Zeit für einen neuen. Heute sollte ihr Artikel über das Drogenmilieu in der Stadt erscheinen, das Honorar reichte für einen Besuch im Secondhand-Shop. Sie hätte von ihrem Meersburger Konto Geld ordern können, aber sie wollte die Summe nicht antasten, die ihr Vater vor seinem Tod für sie angelegt hatte. Sie setzte allen Ehrgeiz daran, sich den Lebensunterhalt selbst zu verdienen, auch wenn die Mutter ihrer Journalistenlaufbahn keine Chance gab.

Am Kiosk in der Brunnenstraße kaufte sie eine Zeitung. Überall lagen leere Bierflaschen und mit Ketchup verschmierte Pappteller herum. Sie überquerte die Straße und hielt auf den Fischimbiss zu. Ein Fischbrötchen und eine Tasse Kaffee waren jetzt genau das Richtige. Sie blätterte in der Zeitung. Wo war der Artikel? In ihrer Ungeduld hatte sie ihn wohl übersehen. Aber soviel sie auch suchte, der Artikel stand nicht drin. Warum zum Teufel nicht? Sie verschwendete ihr Talent an diesen Banausen, der sich Chef nannte. Der konnte sich auf was gefasst machen! Sie zerrte ihre Börse aus der Umhängetasche, knallte das Geld auf den Tresen und verließ wutschnaubend das Lokal. Der dicke Verkäufer, der sich gerade mit einem schwarzbärtigen Kunden unterhielt, schrak zusammen und sah ihr kopfschüttelnd nach. Diese junge Frau kannte er als freundlich und offen für Gespräche. Sie kam oft her und hörte sich seine Nöte im Geschäft und seine privaten Sorgen an. Was war ihr nur heute über die Leber gelaufen? Wieder Ärger im Verlag? Die jungen Leute hatten es nicht leicht heutzutage. Seufzend strich er das Geld ein und wischte den Tisch ab.

Kaum hatte Benjamina die Schwingtür aufgestoßen, da wäre sie am liebsten umgekehrt. Sie spürte die Blicke des Fischhändlers in ihrem Rücken wie schmerzende Pfeile. Zum zweiten Mal an diesem Morgen haderte sie mit sich. Sie sollte das in Ordnung bringen – aber nicht jetzt. In Gedanken war sie schon bei der bevorstehenden Auseinandersetzung. Hoffentlich gelang es ihr, sachlich zu bleiben, allzu oft brannten ihr die Sicherungen durch – so wie eben – und später ließ sich nichts mehr ausbügeln. Benjamina fröstelte. Der Nebel legte sich feucht auf ihr Gesicht. Die Laternen waren immer noch in Betrieb. Sie fühlte sich starr und kalt bis zu den Fußspitzen. Auf der gegenüberliegenden Seite standen wie gewohnt die Jammergestalten, die Hauptfiguren in ihrem Artikel. Auch die froren. Manche hatten sich auf das nackte, schmutzige Pflaster gekauert, neben ihre struppigen Hunde. Sie starrten blicklos vor sich hin. Jeden Tag wurden es mehr. Wenn einige verschwanden, kamen bald neue hinzu. Die Passanten machten einen Bogen um sie, als fürchteten sie, sich an ihrem Elend zu infizieren. Tränen der Wut stiegen Benjamina in die Augen – sie war so ohnmächtig. Vor dem Eingang zur Redaktion zögerte sie. Der Bäcker nebenan hatte Körbe mit frischen Brötchen in der Auslage. Sie betrat den warmen, duftenden Laden, lief dann mit einer Tüte voller Brötchen über die Ampel.

Sie warf einen Blick nach oben, die Bürofenster waren erleuchtet. Sie sah den Chef durch die Scheiben nach draußen spähen. Plagte ihn sein Gewissen beim Anblick der traurigen Garde vor der Kneipe gegenüber? Wohl kaum. Satt und selbstzufrieden saß er im Trockenen, da war kein Platz für unbeqeme Gedanken. Im Flur des alten Kastens, in dem der „Rundblick“ untergebracht war, roch es nach Papier, Benjamina liebte den Geruch. Sie knipste das Licht an und stieg die ausgetretenen Stufen hinauf, langsam. Auf halber Höhe blieb sie stehen, lehnte sich gegen das Fenster, das auf den trostlosen Hinterhof ging. Sie musste sich zusammenreißen. Ihr Herz hämmerte, sie meinte, die Schläge im Treppenhaus widerhallen zu hören. „Nicht weglaufen“ – dachte sie. Es wäre wie in ihren Alpträumen, jeder Versuch zur Flucht scheiterte, weil die Beine den Dienst verweigerten. Flüchtig erschien das Bild ihrer Mutter – sollte sie Recht behalten mit ihren düsteren Prophezeiungen? Benjamina nahm Spiegel und Kamm aus der Tasche. Ein blasses Gesicht, fiebrig glänzende Augen. Da half auch keine Schminke. Na und? Sie musste Herrn Pratt nicht gefallen. Sie passte ohnehin nicht in seine Vorstellung von einer perfekten Mitarbeiterin, genauso wenig wie die meisten ihrer Artikel. Er legte Wert auf Ästhetik, fragte nicht, was sich unter der schillernden Oberfläche verbarg. Es war ihr ein Rätsel, wie jemand an der Spitze eines so einflussreichen Blattes die dunklen Aspekte des Lebens bewusst ignorieren konnte. Mit viel Begeisterung hatte sie beim „Rundblick“ angefangen. Ihr Wirkungsfeld war hier weitaus effektiver als an der Grundschule, wo sie bis vor zwei Jahren gearbeitet hatte Sie hatte davon geträumt, wieviel sie mit diesem Medium verändern könnte! Die Enttäuschung von heute öffnete ein Ventil, durch das all ihr Elan ausströmte.

Von oben hörte sie Geräusche aus dem Großraumbüro, wo ihre Kollegen vor den Computern saßen, eine bunt zusammengewürfelte Belegschaft, von der sie aber nur Robert zu ihren Freunden zählte. Er scheute keine Konflikte, war auf Wahrheitssuche wie sie – aber er ging nicht so weit wie sie, dass er seinen Job aufs Spiel setzte. In manchen Augenblicken beneidete sie ihre Kolleginnen Gaby und Susi um ihre Unbekümmertheit. Sie selbst jagte der Wahrheit nach, verbissen, ohne zur Seite zu schauen, begab sich in Gefahr, gleichgültig gegenüber Risiken.

Benjamina schlich sich am Büro vorbei in die nächste Etage. Die massive Tür zu Pratts Arbeitszimmer hielt alle störenden Geräusche fern.

Benjamina presste die Mappe mit ihrem verschmähten Artikel an sich, ließ den metallenen Klopfer gegen das dicke Holz klappen und trat ein, ohne auf eine Antwort von drinnen zu warten. Ein Schwall warmer Luft wehte ihr entgegen. Hier funktionierte die Heizung offenbar, während sie ein Stockwerk tiefer kalt blieb. Pratt reagierte nicht auf ihr Erscheinen, er hatte ihr den Rücken zugewandt, telefonierte. „Selbstverständlich auf der ersten Seite des Lokalteils“, sagte er gerade, und seine Stimme troff vor devoter Freundlichkeit. „Ich schicke Ihnen morgen unseren fähigsten Mann... Keine Ursache! Wiederhören!“ Benjamina merkte, wie Bitterkeit die Kehle heraufkroch. Wieder so eine Larifari-Reportage, wahrscheinlich eine Ausstellung oder etwas in der Art. Jetzt drehte Pratt seinen Sessel in ihre Richtung, immer noch lächelnd. Eine Maske. „Guten Morgen, Frau...Lindhoff! Was gibt’s denn so Dringendes, dass Sie mich so früh so stürmisch behelligen? In wenigen Minuten treffen wir uns doch ohnehin zur Besprechung...! „Es ist kein ,guter‘ Morgen, Herr Pratt! Und Sie wissen genau, warum ich allein mit Ihnen sprechen will!“ Pratt zog die Brauen hoch, musterte sie von oben bis unten und spielte mit seinem Bleistift. „Klären Sie mich auf – ich habe keine Ahnung, und auch keine Zeit.“ Ungeduldig sah er auf seine Armbanduhr, er lächelte nicht mehr. Dann stand er auf, rückte das Familienfoto auf dem blank geputzten Schreibtisch zurecht und griff nach einem Stapel Papieren. „Nein, Herr Pratt, Diesmal lasse ich mich nicht abwimmeln! Welche Gründe hatten Sie, meinen Artikel nicht – wie vorgesehen – zu bringen?“ Pratts Augenlider begannen zu flackern. Er räusperte sich. Während der Sekunden, die Benjamina auf seine Erwiderung wartete, stanzte sich jedes Detail des Chefzimmers in ihr Hirn, als sollte sie nie vergessen, wie behütet und aufgeräumt auch ihr Leben sein könnte, wäre sie kompromissbereiter. In ihrem Blickfeld lag das geordnete, unzerstörbar friedliche Bild eines zufriedenen Bürgers: das blasse Sonnenlicht, das sich auf dem polierten Schreibtisch spiegelte, die blühenden Kakteen in der Fensternische, prall gefüllte Akten, in Reih und Glied ausgerichtet, bis zur Stuckdecke reichende Regale aus edlem Holz, der Blick aus dem hohen Fenster ... Als Pratt endlich sprach, zuckte sie zusammen. „Ich hatte Sie gebeten, gründlich zu recherchieren, junge Dame. Ihr Artikel mit dem von Ihnen zur Schau gestelltem Elend ist ein wirksames Mittel, uns die Geldbörse zu öffnen...“ Benjamina spürte, wie sich Unheil auftürmte, das auf sie zu rollte wie eine mächtige Welle. Die letzten Tage blitzten im Zeitraffer durch ihren Kopf: Sie stand mit den jungen Drogenabhängigen in der Kälte, suchte das Gespräch mit ihnen, stieg in die dunklen Löcher der Abrisshäuser, sah hinfällige Gestalten auf alten Lumpen hilflos ihrem Ende entgegen treiben. Sie hatte hinter den erstarrten Zügen zerstörte Schönheit und Abgründe der Verzweiflung geahnt und sich geschämt, als sie zu Hause ihre Sachen in die Waschmaschine steckte und sich unter der Dusche den Gestank abwusch. Sie konnte die Welle nicht aufhalten. „Recherchen verlangen Sie?“ schrie sie. „Was, glauben Sie, habe ich in der letzten Woche gemacht? Sie in Ihrem feinen Spießerleben haben doch keine Ahnung, was sich vor Ihrer Tür abspielt! Leute wie Sie machen sich nicht die Hände schmutzig! Haben Sie je darüber nachgedacht, warum diese Menschen Drogen konsumieren? Was wäre, wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter dort unten stände?“ Pratt starrte sie mit offenem Mund und vorgeschobenem Kopf an. Sein Gesicht verfärbte sich langsam rot, seine Stimme zitterte. „Was fällt Ihnen ein? Sie überschreiten Ihre Kompetenzen! Sie halten sich wohl für den Messias, der allen Kreaturen die Erlösung bringt, was? Halten Sie endlich Ihr loses Maul und verschwinden Sie!“

„Das hatte ich sowieso vor“, flüsterte sie heiser, „schonen Sie Ihre kostbaren Nerven, ich kündige. Träumen Sie weiter von einer heilen Welt, Herr Pratt!“

Benjamina drehte sich um, schloss die Tür hinter sich. Hinter der Verzweiflung spürte sie einen Hauch Freiheit, als verließe sie einen Käfig.

3. Kapitel:

ABSCHIED NEHMEN

Das graue Tuch über der Stadt bekam Risse, löste sich auf in zarte Schleier und verschmolz mit dem hellen Blau des Winterhimmels. Die Sonne kroch langsam über die Dächer, tastete sich hinab in die Straßenschluchten, spiegelte sich auf dem nebelfeuchten Pflaster. Der dunkle Morgen verwandelte sich in einen kalten, hellen Tag.

Benjamina schlug den Weg vom Steintor zur Stadtmitte ein. Sie fror, vergrub die Hände in den Taschen und setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen. Sie fühlte sich leer und heimatlos. Aus alter Gewohnheit blickte sie hinauf zu den Giebeln der alten Bremer Bauten. Aber heute löste ihre Schönheit und vollendete Architektur Schmerz aus. Sie war nicht länger zu Hause hier. Aufbruchsstimmung. Unterwegs zu einem unbekannten Ziel mit unbekannten Aufgaben. Neben ihr bimmelte die Straßenbahn, Menschen mit verschlossenen Gesichtern drängten sich zum Eingang. Benjamina stieg nicht ein, sie hatte viel Zeit. Eine junge Frau verstellte ihr den Weg. „Haste mal ,ne Mark?“ Selbst das würde ihr fehlen...

Über einem der Schaufenster an ihrer Seite leuchteten bunte Lichter, es gehörte zu einem der vielen orientalischen Basars im Steintor: ,Merlin‘. Sie zählte zu den Stammkunden. Und wenn sie nicht genug Geld hatte, um einen Flatterrock oder eine mit Pailletten besetzte Bluse zu kaufen, genoss sie es, durch den Laden zu gehen und eines der begehrten Stücke zu berühren.

Ihr Gesicht spiegelte sich in der Scheibe. Sie erschrak über die Trostlosigkeit in ihren Zügen. Zum zweiten Mal an diesem Tag dachte sie an ihre Mutter und war froh, dass die nicht mitbekam, in welchem Zustand sie war. Vielleicht sollte sie für eine Weile zu ihr gehen. Nach Überlingen. Sie könnte Mutter und Schwester in der Pension helfen. Personal war knapp. Und sie würde Connie wiedersehen! Ihre Nichte schrieb ihr regelmäßig lange Briefe und lud ihre Sorgen und kleinen Kümmernisse bei ihr ab. Connie würde sich freuen...

„Was für ein Unsinn“, dachte Benjamina, „ich bin doch noch gar nicht fertig hier.“ Aber je länger sie in das blasse Gesicht in der Schaufensterscheibe sah, desto notwendiger schien es ihr, Abschied zu nehmen vom Bisherigen.

Lautes Scheppern ließ sie aufschrecken. Auf der gegenüber liegenden Seite hielt ein Laster und lud Stühle und Tische auf. Der Platz vor dem kleinen Cafe unter der Linde wirkte trostlos, kahl, verwaist. Im Sommer hatte sie mit ihren Kollegen oft die Mittagspause hier verbracht und statt eines deftigen Essens ein Stück Stachelbeertorte bestellt, oder auch zwei.

„Wie behältst du bloß diese fabelhafte Figur, bei deinem Appetit,“ sagte Bea dann, „ich mache eine Diät nach der anderen und nehme zu!“

„Auf alle Fälle könnte Ben als Model ihr Geld verdienen, wenn sie mal aussteigt bei uns!“

Robert schaute sie bewundernd an. „Model? Das wäre das Letzte,“ dachte Benjamina. Showgeschäft, Mode, die Welt der Reichen und Schönen – eine andere Welt, nicht ihre. Schauspielerin wäre sie gern geworden. Sich in andere Personen verwandeln, in eine andere Haut schlüpfen und nach Belieben in ihr eigenes Leben zurückkehren... Aber diesen Berufswunsch hatte sie begraben müssen.

Als sie am Theater vorbeiging, musste sie an Berthold denken, ihren ehemaligen Kollegen. Er hatte sich neben seinem Beruf im Theater engagiert und war in beiden Positionen perfekt. Seine letzte Rolle in den Kammerspielen war ein Einpersonenstück von Brecht. Kurze Zeit später starb er an Aids. Das Ensemble spielte ohne ihn weiter.

„Genau wie das Zeitungsteam ohne mich“, dachte sie bitter.

Die Erinnerung an Berthold, an die Kämpfe im Elternhaus, und heute der Eklat in der Redaktion, das Fehlen einer Zukunftsperspektive versetzten sie in einen depressiven Zustand. Ihr war, als befände sie sich abseits der Realität.

Ihre Füße bewegten sich wie von selbst auf dem Weg zur Innenstadt. Sie fühlte sich unsichtbar und gezogen von einer magnetischen Kraft. Gesichter der Vorbeieilenden... Gleichgültig... Ausdruckslos... Hässlich...

Alle hatten ein Ziel – nur sie hatte keins.

Vor dem Rathaus traf sie auf eine Gruppe Touristen, sie lauschten der Stadtführerin und folgten mit den Blicken ihrem ausgestreckten Arm. Es war noch nicht lange her, da war sie hier mit ihrer Schulklasse gewesen und hatte zusammen mit den Schülern die Stadt entdeckt. Die Gruppe bog in die Böttcherstraße ein, Bremens gute Stube. Benjamina gefiel der Schnoor besser. Wenn sie durch diese historische Gasse ging, wo die Giebel der Häuser sich vornüber neigten und sich fast zu berühren schienen, hatte sie stets das Gefühl, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Sie dachte etwas wehmütig an die stimmungsvollen Abende in einer der alten Schenken, wo sie und ihre Freunde bei einer oder mehreren Flaschen guten Weins bis spät in die Nacht Gespräche geführt hatten.

Benjamina folgte der Touristengruppe und steuerte auf den Tunnel am Ausgang der Böttcherstraße zu, der auf die Weserpromenade mündete. Schon von weitem hörte sie fröhlichen Lärm: Flohmarkt! Oben an der Treppe traf sie blendendes Sonnenlicht. Wie ein Scherenschnitt zeichnete sich die Silhouette eines über seine Drehorgel gebeugten alten Mannes ab. Mit Hingabe drehte er an der Kurbel, lächelnd, bezaubert von den alten, etwas holprigen Melodien. Auf der Promenade begegneten ihr ein paar Schausteller mit verfrorenen Gesichtern. In den behandschuhten Händen hielten sie Sträuße von bunten Luftballons. Ein paar hatten sich gelöst und entschwebten in den klar blauen Himmel. Schulkinder mit Ranzen auf dem Rücken bahnten sich einen Weg durch das Gedränge auf die Weserwiesen zu, wo eine riesengroße blaue Matte ausgebreitet war und die kleinen Geister zum Toben einlud. In einer Nische vor dem Durchgang zur Obernstraße wurden Raritäten feil geboten, die aus einem Museum hätten stammen können. Da gab es alte Brotschieber, Bottiche, deren Holz schwarz und rissig vor Alter war, Zigarrenpressen aus Metall und vieles mehr. „Schade,“ dachte Benjamina, „wenn ich in Bremen bliebe, würde ich den Backtrog kaufen, wilde Gräser und Vergissmeinnicht sähen bestimmt gut darin aus!“ Frauen mit vollen Taschen hielten auf eine mit Zelttuch überdachte Bude zu. Neugierig schaute sie einer rundlichen Frau über die Schulter. Ein junges Mädchen mit Kopftuch hielt eine gehäkelte Decke hoch. „Ich selber machen! Gutt! Passen in dein Salon!“ Ach ja. Die türkischen Frauen und ihre Handarbeiten... Auf einem Regal im Hintergrund standen Mokkatassen mit Goldmuster und zierliche Teegläser. An der Zeltwand hing ein Bild mit verschnörkeltem Rahmen. Es zeigte einen idyllischen Seerosenteich, auf dem ein von schwarzgelockten Seejungfrauen gezogener Kahn dem waldigen Ufer zu glitt. Benjamina schmunzelte. So ein Bild hing bei ihrer Großmutter in Meersburg. Als Kind hatte sie oft davor gestanden und sich in die Landschaft hinein geträumt.

Die Steinmauer hinter der Promenade fühlte sich warm an, Benjamina knöpfte den Mantel auf. Sie blieb an einem langen Holztisch stehen, hinter dem ein hageres Männchen, das einem Märchen entsprungen schien, eifrig mit allerlei altertümlichen Uhren, Gehäusen und Zahnrädern hantierte. Auf seinem kurzen Hals saß ein kleiner Kopf mit einer Wollmütze, unter der ein paar graue Strähnen über sein verknittertes Gesicht fielen. Ein beleibter Mann mit Glatze und roter Nase nahm ein Stück nach dem anderen, hielt es dicht vor seine Augen und legte es dann beiseite. Endlich entschied er sich für eine messingfarbene Taschenuhr, zählte Münzen und Scheine hin, die das Männchen zufrieden vom Tisch wischte und in seinen Bauchbeutel schob.

Dieser Stand war der letzte, Menschen und Stimmen blieben hinter Benjamina zurück. Sie war müde und hatte Lust auf eine Zigarette. Zwei junge Mädchen saßen auf einer Bank, hatten die Taschen achtlos an die Seite geworfen und zeigten sich ihre Einkäufe: ein weißer Rüschenrock, eine aus der Mode gekommene bestickte Bluse mit verblichenen Farben... Benjamina lächelte den beiden zu und setzte sich neben sie. Sie fühlte sich an früher erinnert, als sie nicht genug bekommen konnte von altem Trödel. Damals träumte sie davon, irgendwann ein Haus mit hundert Zimmern zu besitzen und jedes in einem anderen Stil einzurichten. Spitzengardinen, ein kristallener Lüster, weiche, bunt gemusterte Teppiche in Blau und Rot, Kissen und Polster statt der herkömmlichen Sesselgruppe... In ihrem Elternhaus hatte sie nie etwas von ihren Phantasien erzählt, sie fürchtete sich vor dem entgeisterten Blick ihrer Mutter und dem Spott der älteren Schwester Gitte. Sie meinte, ihre Stimme zu hören: „Immer noch nicht zu Ende, deine kitschige Phase?“ Egal. Sie würde sich wohl nie ein noch so kleines Haus leisten können.

Sie schrak auf, als die beiden Mädchen ihr ein „Ciao“ zuriefen und mit ihren Taschen davon gingen.

Träge floss die Weser dahin, die weiche Wintersonne spiegelte sich im trüb braunen Wasser. Sie liebte diesen Platz am Ufer. Sie schloss die Augen, dachte daran, wie oft sie in Überlingen auf einer Bank gesessen und über den Bodensee geschaut hatte. Am liebsten, wenn Stürme peitschten und Wellen an die Kaimauer warfen...

Sie musste ihre Mutter anrufen – unangemeldete Besucher waren nicht willkommen, selbst die eigene Tochter nicht. Benjamina griff sich an die Stirn – wann war der Entschluss zu dieser Reise entstanden? Es war so unmerklich passiert... Es blieb nichts mehr zu tun hier – eigentlich war sie schon fort. Die Wohnung? Das spärliche Mobiliar? Sie würde Robert fragen, der mochte die Mansarde und würde sie vielleicht übernehmen. Dann käme endlich Ordnung in die Bude, dann hätte auch Gitte nichts mehr auszusetzen. Gitte... Beim Gedanken an ihre Schwester spürte sie einen Kloß in der Kehle. Sie erinnerte sich an ihren letzten Besuch. „Du könntest mal wieder Staub wischen!“ Sie war mit dem Finger über die Regalbretter gefahren, hatte die Nase gerümpft, die Mundwinkel verzogen. Benjamina hatte gelacht. „Hauptsache, die Gedanken und Ideen sind nicht verstaubt!“ Gitte hatte sie nie wieder in Bremen besucht.

Als sie am späten Nachmittag nach Hause kam, hörte sie schon vor der Tür das Telefon klingeln. Sie war mit ihren Gedanken so intensiv mit Überlingen und ihrer Schwester beschäftigt gewesen, dass sie die Mutter oder Gitte zu hören erwartete. Aber es meldete sich ihre Kollegin Bea.

„Ben! Was ist denn passiert? Wo steckst du?“

Sie hatte keine Lust, über den vergangenen Morgen zu sprechen.

„Lass uns heute Abend reden, Bea. Treffen wir uns im Café Lila?“ Plötzlich fiel ihr die gähnende Leere in ihrer Börse ein. Als ob Bea ihre Sorgen erahnt hätte, sagte sie: „Aber nur, wenn wir dich einladen dürfen! Jetzt, wo dein Artikel nicht...“

Bea brach verlegen ab. „Schon gut,“ Benjamina schluckte.

„Sag den andere Bescheid!“

Die Redaktion. Die Kollegen. Das war Vergangenheit. Sie hatte sich entschieden. Sie steckte sich eine Zigarette an, ging zum Fenster.

Nein, nicht zurückblicken, nicht jammern, nicht den Entschluss in Frage stellen. Sie schnippte die Asche fort - wie die letzten beiden Jahre. Sie schloss das Fenster.

4. Kapitel:

CAFE LILA

Niemand wusste, woher das Cafe seinen Namen hatte. Keine lila Wände, keine lila Einrichtung. Allein der Qualm der Zigaretten legte einen bläulichen Schatten auf die Gesichter der eifrig diskutierenden, schrill unkonventionell gekleideten Gäste. Mitten im Raum stand ein bauchiger Ofen, aus dem ein langes Rohr aufstieg und irgendwo im Dunkel verschwand. An klirrend kalten Wintertagen traf sich hier regelmäßig das Bremer Redaktionsteam. Der Geruch nach Holz, das Halbdunkel, die altersgeschwärzten, rissigen Holztische vermittelten ein Gefühl der Geborgenheit. Man fühlte sich abgeschirmt gegen die Anfeindungen der unfreundlichen Witterung draußen. Durch die bunten Glasfenster mit neoklassizistischen Motiven fiel nur wenig Licht. An den Wänden waren wie Fackeln geformte Halter montiert, in denen dicke Kerzen staken.

Benjamina liebte das Sonnenlicht – trotzdem fühlte sich in diesem Ambiente wohl. Im Dämmerlicht hier stahl ihr niemand die Gedanken aus dem Gesicht. Manchmal ging sie auch allein her, setzte sich hinter eine der hohen Pflanzen, die überall verteilt auf dem grob gepflasterten Boden standen. Hier kamen ihr die besten Ideen, umhüllt von gedämpften Stimmen und leiser Gitarrenmusik.

Auf dem Weg zum Cafe wurde Benjamina schmerzlich bewusst, dass sie hier wohl zum letzten Mal einkehrte. In wenigen Tagen war das alles Vergangenheit, ein kleiner, leuchtender Punkt unter all den dunklen Flecken in der Erinnerung.

Sie schob den dicken Tuchvorhang aus blauem Samt beiseite und sah sich suchend um. Sie entdeckte ihr Team im hinteren Teil des Cafes, in einer Nische neben der langen Theke. Kathrin, Susi und Bert fehlten. Sie lächelte. Typisch – sie debattierten so eifrig, dass sie die Gestalt an der Tür nicht bemerkten. Benjamina trat zu ihnen. Das Gespräch verstummte abrupt, und alle sahen sie an. Robert sprang auf, umarmte sie so heftig, dass ihr die Luft weg blieb.

„Jetzt musst du Theater spielen“, dachte sie, „die Rolle der coolen Frau, die ihre Niederlagen zum Absprung nutzt.“

Sie löste sich von Robert, klopfte mit der flachen Hand ein paar Mal auf den Tisch. „Hey,“ rief sie, „ihr macht Gesichter, als stünde der Weltuntergang bevor! Phh –“ Sie verdrehte die Augen und wedelte ihre Traurigkeit fort. „Meine Kündigung ist nicht das Ende der Welt! War sowieso mal Zeit für einen Wechsel...“

Bea lehnte sich erleichtert zurück und wäre fast nach hinten gekippt. „Aber du kannst doch nicht einfach weggehen, den ,Rundblick‘ und uns verlassen! Nur, weil Pratt an deinem Artikel was zu meckern hatte.“ Robert warf Bea einen finsteren Blick zu. Er fand sie unsensibel. Ahnte er, dass Benjamina ihnen etwas vorspielte?

„Halt die Klappe“, sagte er. „Immerhin hatte Ben die Idee, über das Steintor zu schreiben. Und der gute Pratt war begeistert. Nur – Ben hat nicht – wie erwartet – über Architektur, Historie und das – ach so bohemehafte – Flair geschrieben, sondern sich hinter die Fassade getraut. Hätte einer von euch die Courage gehabt, auf das Niveau der Drogenabhängigen ,run– terzusteigen?“

Benjamina fröstelte. Die vergangene Woche mit den Recherchen steckte ihr noch in den Knochen. Jede Nacht kämpfte sie mit Depressionen, wäre am liebsten geflüchtet. Und war am nächsten Morgen doch wieder dabei. „Es ist Pratt,“ sagte sie leise. „Die Ablehnung heute war nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Pratt schiebt alles beiseite, was ihm unangenehm ist, nicht in seine heile Welt passt. Ich kann nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten – und ich will es nicht, nicht mehr.“

„Tja“ - Robert zuckte die Achseln, „dein Artikel hätte die Leser vielleicht in ihrer Adventsstimmung gestört. Tannenduft, Plätzchen und Sonntagsbraten sind doch was Feines!“

Benjamina tippte mit der Fingerspitze die Kerze aus, starrte dem aufsteigenden Rauch nach, der sich im Dunkel verlor.

„Wie meine Pläne und angedachten Aktionen,“ dachte sie bitter.

Sie war bei einigen Familien der jungen Abhängigen gewesen, hatte Ratlosigkeit und sogar Aggression erlebt, viele hatten resigniert, hatten den Sohn oder die Tochter aus ihrem Leben gestrichen, fragten nicht, warum sie abgestürzt waren, hatten keine Ahnung von ihrer Hilflosigkeit und Angst... Wussten nicht, wie verzweifelt sie nach Auswegen suchten, die aber oft am Abgrund endeten.

Robert stupste Benjamina an. „Stimmt doch, Ben, oder?“ Benjamina hatte die letzten Sätze nicht gehört, nickte aber, um ihre geistige Abwesenheit zu vertuschen. Gaby beugte sich vor.

„Was hast du jetzt vor, Ben? Was Neues, oder wieder in derselben Branche?“

Ihr blieb keine Wahl – sie musste ihren Abschied bekanntgeben. Sie warf den Kopf zurück und lachte, obwohl sie am liebsten geheult hätte. „Ich gehe weg aus Bremen. Übermorgen fahre ich. Nach Überlingen. Zu meiner Mutter. Ich will mich eine Weile im Hotelfach umtun.“

Niemand antwortete. Alle starrten sie an. Das Schweigen saß wie ein Pfropf in ihren Ohren, als stiege sie zu schnell auf in große Höhen. Sie redete, was ihr gerade einfiel.

„Ich will meine Familie sehen. Meine Nichte Connie braucht mich. Sie hat mir geschrieben, es gibt Probleme, ich habe mich nicht genug um sie gekümmert, und...“

„Hör auf!“ schrie Robert, nahm ihre unruhigen Hände, hielt sie fest. Er war blass geworden. Im Kerzenlicht schimmerten seine Augen feucht. „Du gehst. Einfach so. Dabei hatte ich gehofft...“

Roberts Betroffenheit war ein Weckruf, so deutlich, dass sich der Pfropf in ihren Ohren löste. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie während der Recherchen der letzten Monate nach und nach den Kontakt zu ihrem eigenen sozialen Umfeld verloren hatte.

„Robert?“ fragte sie leise.

Er sah sie traurig an.

„Robert!“ sagte sie noch einmal, diesmal mit fester Stimme.

„Willst du meine Mansarde haben? Du könntest gleich einziehen. Die Möbel lasse ich da.“

Sie schlug ihm leicht auf den Arm..

„He – was ist?“ Gaby und Bea schauten den beiden zu, als verfolgten sie ein Drama auf der Bühne. Robert hob den Kopf. Er zog die Luft ein, stieß sie so heftig aus, dass die Kerze auf dem Tisch flackerte. Dann fuhr er sich übers Gesicht, als wollte er etwas fortwischen. „Danke, Ben.“

Er räusperte sich.

„Natürlich will ich. Aber so... Um den Preis...“

Er sah sie eindringlich an. Kurz. Dann warf er den Kopf zurück.

„Mali,“ rief er, „noch eine Flasche, wir haben was zu feiern!“

„Was für ein Theater,“ dachte Benjamina, Sie fühlte sich schuldig, weil sie so erleichtert war, dieses Gespräch hinter sich zu haben.

5. Kapitel:

AUFBRUCH

In der Mansarde war es kalt. Trotz der vertrauten Möbel und überall verstreuten Kleidungsstücke schien ihr der Raum leer – ein Geisterhaus. Die Stille lähmte sie. Panik stieg hoch.

Es war wie damals, an einem heißen Sommerabend ihrer Kindheit. Sie war zwölf. Die Eltern waren zu einem Spaziergang aufgebrochen. Im Haus kein Laut – wie jetzt. Das schwindende Tageslicht wurde abgelöst von Dunkelheit, die wie ein Gespenst durchs Fenster schwebte. Unerklärliche Angst hielt sie umklammert. Sie lehnte sich hinaus und schrie – hilflos, wehrlos...

Wie damals erschien ihr die Mutter als Inbild der Geborgenheit. Sie war plötzlich sicher: Der Weg nach Hause zu ihrer Mutter war der einzig richtige in ihrer Situation.

Eine heiße Welle trieb ihr den Schweiß ins Gesicht: Sie hatte vergessen, in Überlingen anzurufen! Sie sah auf die Uhr. Mitternacht. Wenn sie Glück hatte, war ihre Mutter noch auf. Sie zögerte, starrte auf das Telefon. Und wenn sie niemanden dort erreichte? Wahrscheinlich waren keine Gäste mehr in der Pension, jetzt, Ende November. Oder vielleicht war sie verreist. Oder – die Mutter erteilte ihr eine Abfuhr. Und was sollte die verlorene Tochter als Begründung für ihren spontanen Besuch angeben?

Benjamina lauschte dem Klingelton. Ihre Schläfen pochten. Ein Klicken am Ende der Leitung. Sie murmelte vor sich hin.

„Schelte mich, schlag mich – aber bleib da...“

„Lindhoff...“

Die vertraute Stimme legte sich wie ein weiches Tuch über ihre Angst. „Ich bin‘s, Jamina...“

Automatisch rutschte ihr der Name heraus, mit dem sie früher gerufen wurde. Die Gespenster waren weg. Wie Nebel in der Sonne.

Als Benjamina den Hörer auflegte, spürte sie die Kälte im Zimmer nicht mehr. Sie öffnete das Fenster und schaute in den sternklaren Himmel.

In dieser Nacht hielt sie keine Grübelei, kein Schuldgefühl vom Schlafen ab. Sie schlief tief und traumlos bis zum Morgen. Seit langem erwachte sie ausgeruht. Sie freute sich auf den Tag, obwohl es der letzte in Bremen war. Sie sollte ihre Sachen packen. Heute Abend wollte Robert die Schlüssel holen und den Mietvertrag unterzeichnen. Welches Chaos in ihrem Zimmer! Warum fiel ihr das erst heute auf? Sie wählte die schwarze Jeans und den roten Rollkragenpullover für die Reise. Das war konventionell und traf den Geschmack der Mutter. Als sie noch zu Hause wohnte, hatte es ihr Spaß gemacht, ihre Umgebung zu provozieren – vor allem ihre Familie. Sie blickte auf das Durcheinander zu ihren Füßen. Auf dem Boden türmten sich Röcke, Pullis, Gürtel, Tücher...

„Man sollte öfter umziehen,“ dachte sie, „sonst erstickt man – im Müll, in Routine, in Gewohnheiten und Erinnerungen.“

Sie griff sich einen blauen Müllsack und stopfte die Sachen hinein. Das ging zur Altkleidersammlung. Der Rest passte in einen Koffer. Plötzlich fühlte sie in einer Jackentasche etwas Hartes. Eine Muschel! Sie strich über die gerillte Oberfläche und dachte zurück an ihr erstes Wochenende in Bremen. Mit Robert zusammen war sie nach Cuxhaven gefahren. Unbeschwert von Existenzsorgen, voller Elan und mit Plänen für die Arbeit bei der Zeitung war sie durch die Dünen gelaufen, hatte gesungen und mit Robert herumgealbert. Brandung, Wind, Geruch nach Tang, Salzgeschmack auf den Lippen – sie hatte sich frei gefühlt, trunken vor Lebenslust. Robert hatte das missverstanden...

Sie schob die Muschel in die Seitentasche des Koffers und stellte den Müllsack auf den Korridor. Von unten aus der Wohnung ihrer Vermieterin stieg ihr Essengeruch in die Nase. Schon Mittag! Sie musste noch zur Bank. Und dem Fischhändler und den Verkäuferinnen im Supermarkt Lebewohl sagen. Connie! Unterwegs würde sie vielleicht ein Paar Ohrringe oder einen verrückten Hut für sie finden.

Benjamina schob sich durch das Gewühl in der Innenstadt. Die Straßenbahnen waren so voll, dass sie nicht hielten. Sie hastete von einer Haltestelle zur nächsten. Der eisige Wind trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie presste die Handtasche gegen die Brust und lief. Vor Kälte fühlte sie die Füße nicht mehr. Am liebsten hätte sie ein Taxi genommen, aber das konnte sie sich nicht leisten, die Fahrkarte war teuer gewesen. Sie war zu lange bei Petersen geblieben! Der Fischhändler hatte sie nicht gehen lassen wollen und eine Köstlichkeit nach der anderen aufgefahren, während er erzählte. Unmöglich, das Gespräch abzubrechen. Ohnehin fühlte sie sich als Deserteurin, weil sie die Brücken hinter sich abriss und zu neuen Ufern aufbrach.

Am Theater endlich hielt eine Bahn. Sie zwängte sich in eine Bank neben zwei alte Damen und klammerte sich an der Lehne fest. Hoffentlich ließ Robert sich Zeit und kam nicht gar so pünktlich, ihr war nicht danach, hinter ihm her zu telefonieren, falls sie ihn verpasste.

Vor der Haustür wartete Robert. Er war nicht allein. Benjamina fühlte ihre Knie schwach werden. Kathrin! Er hatte Kathrin mitgebracht! Ausgerechnet sie. Elegant, selbstsicher, jeder Situation gewachsen – und der Liebling Pratts. Kathrin hatte sich immer in der Gewalt und würde sich niemals aggressiv gegenüber Ben verhalten. Das hätte ihrem Image geschadet Kühle Sachlichkeit herrschte zwischen ihnen, und daran hatte sich in den vergangenen zwei Jahren nichts geändert. Es gelang Benjamina nicht, ihre Enttäuschung zu verbergen. War das seine Rache dafür, dass sie ihn verschmäht hatte?

„Hallo, ihr beiden!“

Das klang beinahe heiter – sie fand sich souverän.

„Mit dir hatte ich nicht gerechnet!“

Kathrin ergriff ihre Hand.

„Schade, dass du aufgibst...“

Heftig zog Benjamina ihre Hand zurück.

„Du willst doch nicht sagen, dass du mich vermissen wirst! Wir waren nie auf einer Wellenlänge! Und vor allem bin ich keine, die mit dem Strom schwimmt – wie du!“

„Tu ich gar nicht! Jedenfalls nicht auf Dauer!“

„Was meinst du damit?“

„Ich gehe an Land, wenn ich einen Weg sehe, der mich weiter bringt“

Unversehens waren sie in ein Gespräch vertieft, an dem Robert nicht teil hatte.

Schweigend folgte er den beiden Frauen die Stiege hinauf in die Mansarde. Benjamina stieß die Tür auf. Der Abend verlief anders als erwartet. Sie atmete tief ein, wandte sich Kathrin zu und sagte:

„Setzt euch! Vielleicht besser, wir reden nicht mehr über unsere gegensätzlichen Ansichten.“

Robert sah sie an, schüttelte den Kopf.

„Nee – warte mal! Du musst wissen, dass wir alle, auch Kathrin, deine Artikel wichtig finden! Du greifst brisante Themen auf. Aber...“

Als er zögerte, fuhr Kathrin fort.

„Du schreibst realistisch und lebendig – nur für die meisten Leser etwas scharf gewürzt.“

„Du meinst, ich sollte die bitteren Pillen in rosa Bonbonpapier verpacken?“

Robert fing an zu lachen, konnte nicht mehr aufhören und-steckte endlich auch die beiden anderen an.

Sie saßen noch bis weit nach Mitternacht zusammen, sprachen über vieles, nicht nur über die Bedeutung der richtigen Verpackung.

Bwnjamina lag im Bett und konnte nicht schlafen. Der Abend war harmonisch ausgeklungen. Jetzt, allein im dunklen Zimmer, dachte sie noch einmal an die Gespräche zurück.

„Mit dem Strom schwimmen...“

Hieß das,man musste kompromissbereit sein? Bisher hatte sie Kompromisse abgelehnt, sie hielt sie für eine Spielart von Lüge. Hatte sie nur in eine Richtung gedacht? Oder nicht zu Ende?

Sie fing an zu schwitzen, stand auf, knipste das Licht an. Offenbar hatte sie Kathrin falsch eingeschätzt. Im Laufe des Abends hatte sie den Eindruck gewonnen, dass ihre Kollegin Ereignisse von weit mehr Perspektiven aus beobachtete als sie, Benjamina.

Beim Abschied hatte sie nicht nur Robert, sondern auch Kathrin umarmt. Wer weiß – vielleicht würde Robert den Abschied mit Hilfe von Kathrin leichter überwinden.

Benjamina räumte die Gläser in die Spüle und fing an zu putzen.

Als es hell wurde, war das Kopftheater abgespielt.

Auf dem Bahnsteig war niemand. Das war gut. Sie hasste Abschiedsszenen: Während man auf den Zug wartete, überlegte man fieberhaft, was man noch Wichtiges zu sagen hatte.

Der Zug lief ein. Sie schleppte Koffer und Tasche ins Raucherabteil und zündete sich eine Zigarette an.

6. Kapitel:

PETERSEN ERINNERT SICH

Oh Mann – wat bin ich doch für‘n sentimentalen Fischkopp!

Da vorn, an meine Fischtheke, da steh‘n die jungen Leute, die bei de Zeitung sind, bei‘n „Rundblick“. Und prompt kommt mir dat Frollein Lindhoff in‘n Sinn. Dscha – aber dat Frollein Lindhoff – die is nich dabei. Sind heut drei Tage, dass se wech is. Nach‘n Bodensee wollte se, hat se gesacht, nach ihre Mudder.

Ich weiß noch genau, wie se das erste Mal hier war. War genau so‘n fieses Schmuddelwetter wie heut‘

„Ich fühl mich wie‘n Fisch im Aquarium“, hab‘ ich gesacht, „mit all das Wasser an meine Scheibe.“

Dat Frollein hat gelacht. „Nee, Petersen, das Wasser is da draußen – passense mal auf, vielleicht schwimmen ja‘n paar Heringe vorbei!“

Mann, wat hab‘n wir gelacht! Und all die Reifen an ihre Arme hab‘n dazu geklappert!

Seit die Deern nich mehr da is, fehlt wat in mein‘ Laden. Wat‘n Wippsteert – die brachte immer Leben inne Bude! Die war echt meine beste Kundin. Jed‘n Tach war se hier und wollte ihr‘n Fisch. Am liebsten Matjes, oder Spickaal, oder sonst wat Leck‘res