Weißer Mann geht - Alexander Ditze - E-Book

Weißer Mann geht E-Book

Alexander Ditze

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Beschreibung

Der Autor wuchs auf einem Bauernhof in Oberbayern auf. Schon als kleiner Junge träumte er von einer Farm in Afrika. Am Ende seines Berufslebens erfüllte er sich diesen Traum, er erwarb eine schöne Ranch in Simbabwe und widmete sich mit Erfolg dem, was man heute nachhaltige Landwirtschaft nennt. Zusammen mit allen anderen weißen Farmern wurde er 2001 entschädigungslos enteignet. Materielle Verluste sind verkraftbar. Was schmerzt, ist mitzuerleben, wie ein wunderschönes Land systematisch heruntergewirtschaftet wird. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass sich die freundlichen und fleißigen Menschen dieses Landes eher früher als später aus den Klauen einer menschenverachtenden, raffgierigen und korrupten Elite befreien werden.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Weißer Mann geht

TitelseiteVorwortEin bisschen VorgeschichteAlles nur ein böser Traum?Geschichte und GeschichtenMugabe, ein ganz normaler DiktatorKriegsveteranenBesuchZurück aus dem KongoWahlkampfEine afrikanische LandreformKarawane der TrauerGeht das Leben wirklich weiter?Und noch ein BesuchImpressum

Alexander Ditze

Weißer Mann geht

Simbabwes Sturz ins Elend

Mauer Verlag

Wilfried Kriese

72108 Rottenburg a/N

Buchgestaltung: Wilfried Kriese

Titelbild: Privat

Bilder Privat

Edition Mauer Verlag 2018

Erstveröffentlichung 2015

Alle Rechte vorbehalten

www.mauerverlag.de

Vorwort

„Wie, um Himmels Willen, konnte Dir das passieren?“

Diese von Freunden oft gestellte Frage lässt sich ganz einfach beantworten: Der Entschluss, in Afrika Landwirtschaft zu betreiben, stand bei mir schon fest, bevor ich die Schulbank drückte. Zeit zum Überlegen hatte ich mir in ausreichendem Maße genommen: 45 Jahre. Und der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser war es schon gar nicht: Die Vorbereitungen umfassten Besuche vor Ort, Vorbesichtigungen, geologische Gutachten, Bodenproben. Auswertungen zu den klimatischen Verhältnissen des potentiellen Ziellandes häuften sich auf dem Schreibtisch in gleichem Maße wie Abhandlungen und Berichte zu Marktnähe, Logistik, Verkehrsanbindungen, vorhandenen oder möglichen Export- bzw. Importbeschränkungen. Gespräche mit den diplomatischen Vertretungen vor Ort sollten helfen, das Bild abzurunden, sollten einen Eindruck vermitteln von den Möglichkeiten in gleicher Weise wie von den zu erwartenden Schwierigkeiten. Der Herr Botschafter hatte sich sehr entgegenkommend gezeigt und auf alle Fragen geduldig geantwortet; letzte Zweifel konnte er mit einer einzigen Gegenfrage ausräumen: „Warum sind Sie nicht schon früher auf diese Idee gekommen?“

Und dann war da noch die Aussicht, richtig Landwirtschaft betreiben zu können, nachhaltig, integriert – ohne ‚grüne‘ Missionare und Besserwisser. Es gab weder Milchkontingente noch dröge Bürokraten, die sich ausgiebig mit der Krümmung von Gurken befassten – solange es auf dem Markt Gurken gab, war alles gut. Produktion ganz ohne Subventionen? Sicher. Aber dafür mit drei Ernten pro Jahr. Wasser in Hülle und Fülle. Ein großes Angebot an freundlichen und kompetenten Mitarbeitern. Hervorragende tiermedizinische Versorgung. An der Zimbabwe University Fachkräfte für Pflanzenphysiologie und Seuchenprävention, ein Lehrstuhl für biologische Schädlingsbekämpfung.

Die Kontakte zu diversen Großabnehmern der geplanten Produkte waren geknüpft, verbindliche Zusagen lagen vor. Endlich nicht mehr den Gängeleien von Bürokraten ausgesetzt zu sein, die zu allem und jedem eine vorgefasste Meinung samt einschlägiger Vorschriften absonderten, ansonsten aber frei von jeglicher Sachkenntnis sich ihre Hintern auf den Sesseln wundrieben. Zudem war Zimbabwe ja bereits sozialistisch ausgerichtet – auch noch etwas sozialistischer hätte es sein dürfen: Die 320 Sonnentage pro Jahr würde selbst ein wieder auferstandener Marx nicht abdunkeln können.

Als ‚beitragenden Faktor‘ lässt sich nicht zuletzt das Investitionsschutz-Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Simbabwe ins Feld führen, auf das besonders die Mitarbeiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) nichts kommen lassen wollten. ‚Das Ding steht wie eine Eins‘, versicherte mir Herr Sassnitz in seiner Eigenschaft als Regionalvertreter in Pretoria. Und ‚…wir haben in den vergangenen zehn Jahren unerhört viel erreicht. Würde sich die Regierung – aus welchen Gründen auch immer – querstellen und die Zusammenarbeit aufkündigen, wäre das für Zimbabwe ein herber Rückschlag‘.

Die Antwort auf die erste, einleitende Frage lässt sich aber auch viel kürzer fassen: Das Land war einfach zu schön, um nicht hinzugehen.

Ein bisschen Vorgeschichte

Das Zeitalter der Kolonien war endgültig vorbei. Die Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs hatten dazu geführt, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Kolonialherren auf einmal nicht mehr stimmte. Plötzlich musste in die überseeischen Besitzungen mehr hineingepumpt werden, als man je würde aus ihnen herausholen können. Zudem erforderte der Kalte Krieg eine Neuorientierung: So sehr die kommunistischen Machthaber eine Kolonialisierung im klassischen Sinne mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen gewillt waren, so wenig waren sie geneigt, auf eine massive Einflussnahme in den ‚vom Joch des Imperialismus befreiten Ländern‘ – insbesondere in Afrika mit seinen unermesslichen Bodenschätzen – zu verzichten und das Feld den ‚kapitalistischen Ausbeutern‘ zu überlassen.

Zum Glück für den Westen traten die Kommunisten denkbar schlecht vorbereitet im Schwarzen Kontinent an. Ihre Erwartungen, dass sich die neuen Herren Afrikas voller Begeisterung der reinen sozialistischen Lehre zuwenden würden, erfuhren eine herbe Enttäuschung: Zunächst einmal waren die Ingenieure, Techniker und ‚Berater‘ aus Russland, Polen und der vormaligen DDR weiß; also wurden sie von den schwarzen Heckenschützen ebenso unter Feuer genommen wie die verhassten Siedler, die das Land, das befreite Land immer noch nicht verlassen hatten. Und ausgesprochen verstört reagierten die roten Missionare auf die ‚Afrikanische Krankheit‘, das heißt auf die ‚Was-liegt-für-mich-drin-Mentalität‘ der neuen Politiker-Klasse, der Provinzfürsten und Clanchefs bis hinunter zu den Häuptlingen und Dorfältesten. Zudem sprachen die neuen Heilsverkünder mit gespaltener Zunge: Während die Russen den aus der Mittelklasse stammenden Schwarzen Nationalisten gegenüber keinerlei Berührungsängste erkennen ließen, bestanden die Chinesen – die sich ebenfalls intensiv um Einfluss auf dem Schwarzen Kontinent bemühten – auf der ‚reinen‘ Lehre Lenins und Maos, die nach der Vertreibung der Kolonialisten nichts weniger forderte, als die sofortige, proletarische Revolution. Das aber überforderte die Vorstellungskraft eines Sékou Touré, eines Kwame Nkrumah, eines Bokassa und anderer aus dem Boden geschossener Potentaten. Die hatten erst mal Freude an der neu gewonnenen Machtfülle, ergötzten sich an den sichtbaren Erfolgen ihrer Raffgier und verspürten wenig Verlangen, sich schon wieder von Fremden sagen zu lassen, was sie zu tun und zu lassen hätten.

Die Kommunisten sagten Kredite zu, sie bildeten afrikanische Studenten aus, sie entsandten noch mehr ‚Berater‘, doch das Ergebnis blieb letztendlich unbefriedigend. Und allmählich setzte ich die Erkenntnis durch, dass sich der afrikanische Boden für rote Blumen nicht sonderlich gut eignet. Was man im Augenblick – und auch auf längere Sicht hin – tun konnte, war, Unruhen zu schüren, Stammesquerelen am Köcheln zu halten und alle Stabilisierungsmaßnahmen augenblicklich und nachhaltig zu hintertreiben.

Den einstigen Kolonialherren mochte es recht sein. Sie waren sich bewusst geworden, dass ihre Kredite, die sie großzügig gewährten, in ein Fass ohne Boden flossen. Aber abgeschriebene Millionen waren allemal besser als abgeschossene Soldaten der eigenen Streitkräfte. So besannen sich die Engländer auf ihr Westminster-Statut aus dem Jahre 1931. Über dieses Vehikel würden sie im Laufe der Zeit alle ihre vormaligen Kolonien in den weiten Schoß des Commonwealth aufnehmen. Man würde die wilden Schwarzen sich austoben lassen, um sie nach dem Prozess der Gärung und der Selbstzerfleischung von der Zweckmäßigkeit einer Zusammenarbeit zu überzeugen.

Den Portugiesen blieb diese Erkenntnis lange – allzu lange – verschlossen: Erst nach dem Staatsstreich von 1974, nach 7 300 in Mosambik und Angola gefallenen Soldaten, nach rund vier Milliarden US-Dollar an Fehlinvestitionen warfen sie das Handtuch. Selbst der halsstarrige Jan Smith hatte sich den Gesetzmäßigkeiten der Geschichte beugen müssen, auch wenn es etwas länger gedauert hatte; und es war – aus Sicht der weißen Minderheit jedenfalls – ein weitaus höherer Preis zu entrichten.

Den schwarzen Führern, die aus ihrem Befreiungskampf für ein unabhängiges Simbabwe siegreich hervorgegangen waren, standen eigentlich alle Erkenntnisse der jüngsten Geschichte zur Verfügung. Sie konnten aus den schwerwiegenden Fehlern anderer Staatenlenker lernen – so sie denn willens waren, etwas zu lernen. Sie konnten, ja sie mussten die Schwierigkeiten voraussehen, mit denen sie sich über kurz oder lang konfrontiert sehen würden. Wohlmeinende Ratgeber, Vertreter der Vereinten Nationen, der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds standen bereit, dem neuen Staat auf die Beine zu helfen. Die vormaligen Kolonialherren, und eine ganze Reihe freundlich gesinnter Staaten schossen enorme Summen an Bargeld ein (Großbritannien allein war bis zum Jahre 2006 mit rund 500 Millionen Pfund dabei). Alle Voraussetzungen für ein Gelingen waren gegeben.

Die neuen Führer – allen voran Mugabe – konnten die Behauptung vom ‚verlorenen Kontinent Afrika‘ wiederlegen. Sie konnten beweisen, dass sie in der Lage waren, ihrem Volk das zu geben, was sie ihm und immer wieder versprochen hatten: Freiheit, Würde, Bildung, Demokratie, ein funktionierendes Gesundheitssystem und ein Abschütteln der unerbittlichsten Geißel Afrikas, der Armut.

Sie haben kläglich versagt.

Vor 57 Jahren wurde mit Ghana der erste Kolonialstaat südlich der Sahara in die Unabhängigkeit entlassen, vor 35 Jahren mit Simbabwe der letzte. Mit Ausnahme von Nelson Mandela ist es keinem einzigen afrikanischen Führer gelungen, die lauthals verkündeten, hehren Ziele auch nur annähernd zu erreichen. Afrika i s t und b l e i b t der verlorene Kontinent. Und Simbabwe – oder was von ihm noch übrig geblieben ist – wird auf Jahrzehnte hinaus als Bestätigung für diese traurige Erkenntnis erhalten bleiben.

Alles nur ein böser Traum?

Gleich nach der Brücke über den Gwebi von der Haupstraße nach links abbiegen. Vorbei an vier weiten Pferdekoppeln, in denen sich gerade der Vollblut-Nachwuchs austobt. Vorbei auch am Wohnhaus mit dem tief nach unten gezogenen Reetdach. Ich halte am Ende der gepflegten, von Jakarandabäumen gesäumten Sandstraße gegenüber einer Baustelle, steige aus und wende mich an einen vorbei gehenden Arbeiter.

„Guten Morgen! Entschuldige bitte, kannst Du mir sagen, wo ich hier den Boss finde?“

„Der Boss, wenn Du so willst, steht genau hinter Dir“, lässt sich eine kräftige, tiefe Stimme vernehmen. Ich drehe mich um. Vor mir steht ein Riese von einem Mannsbild, der mir lachend seine mächtige Hand entgegenstreckt.

„Du musst Alec sein, der Neue, der vor ein paar Wochen die Cluny Farm vom alten Kingsley-Jones übernommen hat, stimmt’s? Ich bin William.“

„Freut mich, Sie kennen zu lernen, Herr William.“

„Vergiss bitte den ‚Herrn‘! Der Herr ist – wenn’s denn wahr sein sollte – irgendwo dort oben. Will genügt vollkommen. Und ich kann Dir auch gleich sagen, warum Du hierher gekommen bist: Deine Herde ist während der Nacht gewachsen; etwa neunzig Neue grasen bei Dir, weiße Brahmanen und Charolais. Habe ich recht?“

„Ja, stimmt. Und wenn Sie, äh, ich meine wenn Du am Freitag ein paar Leute zu mir rüberschickst, können wir Deine Ausreißer von meiner Herde trennen; ich habe den Freitag als ‚Badetag‘ für die Kühe beibehalten – ein Vorschlag vom alten Kingsley – und werde Deine paar Hansel ebenfalls desinfizieren.“

„Ich hoffe, der gute Derrick hat Dir auch das neue, langlebige Desinfektionsmittel gegen Zecken und andere Plagegeister empfohlen; soll letztes Jahr in der Schweiz entwickelt worden sein.“

„Ja, er hat mir auch gleich zwanzig Liter von dem Zeug aus der Stadt mitgebracht. Und eine ganze Liste von guten Ratschlägen hat er mir ebenfalls hinterlassen. Betreffs der baufälligen Zäune hatte ich ihn bereits vor Übernahme der Farm auf deren miserablen Zustand hingewiesen, doch er meinte, mit der Reparatur könne man noch zuwarten bis zum Winter. Sein lustiges Argument: Kühe laufen nicht von einer guten Weide fort. Also habe ich mich auf die Installation der Bewässerungsanlage konzentriert, die in zwei Wochen für die ersten 60 Hektar zur Verfügung stehen sollte.“

„Ganz ohne Reservoirs?“

„Nein, nein, zwei davon sind bereits fertig.“

„Donnerwetter! Da hast Du ja ein ganz ordentliches Tempo vorgelegt! Dann wirst Du ja wohl noch vor Mitte November mit der Aussaat beginnen können.“

„Ja, so in etwa habe ich mir das vorgestellt. Dann sollte ich Anfang Mai mein eigenes Kraftfutter haben und die ersten 80 Jungochsen zur Mast einstellen können. Viel hängt gegenwärtig davon ab, wie schnell ich mit dem Umbrechen vorankomme; das Land ist ja bis heute noch nie mit einem Pflug in Berührung gekommen.“

„Alle Achtung! Na, dann wollen wir mal hoffen, dass die Bewässerungsfritzen eine gute Arbeit abliefern, und wir beide werden uns jedenfalls erst mal ein kleines Bier genehmigen. Wenn mich nicht alles täuscht, sollte das Mittagessen auch bald fertig sein; ich werde mich gleich bei der Chefin erkundigen.“

„Oh, vielen Dank, sehr freundlich, aber ich glaube, ich kann doch nicht einfach so, äh, ich fürchte, ich muss wohl wieder zurück.“

„Ach ja?“

Will legte mir seinen mächtigen Arm auf die Schulter und meinte grinsend: Für den Fall, dass Du Dich mit meiner Frau Isabelle anlegen willst, dann geh‘ ruhig. Allerdings fände ich das nicht sonderlich fair. Denn wenn ich ihr sage, dass unser neuer Nachbar vorbeigeschaut hat, ohne einen Willkommenstrunk zu nehmen, dann wird sie auch mir gehörig den Kopf waschen.“

„Tja, das möchte ich dann doch nicht.“

„Na also, dann ist ja alles klar! Komm‘, gehen wir auf die Veranda, ich glaube, dort wird gerade aufgetischt. Isabelle? Isabellaaa…“

„Ja, ja, ich komme ja schon. Wo brennt’s denn?“

„Es brennt nichts, aber Du kannst trotzdem löschen kommen. Ich hab‘ was gefunden, und wenn Du errätst, was es ist, dann darfst Du uns allen ein großes Bier bringen.“

„Na, das wird ja wieder etwas sein! Du weißt doch, dass ich…“

„Ich weiß, ich weiß. Aber nun komm erst mal raus aus Deiner Kombüse und schau‘ Dir unseren neuen Nachbarn an!“ Und dann: „Alec, das ist meine Frau Isabelle, der ganze Stolz der Charfield Farm!“

„Tag, Isabelle! Schön, Dich kennen zu lernen.“

„Herzlich willkommen! Ich habe schon von Dir gehört und war gespannt zu erfahren, wie denn ein Mann aussieht, der sich ohne Not im Busch niederlässt.“

„Wohlan denn, nun siehst Du ihn.“

Isabelle reichte mir die Hand. Sie war eine große Frau. Blonde, kurze Haare. Ein paar Sommersprossen in einem ebenmäßigen Gesicht. Ihre grauen Augen strahlten mich an.

„Na, dann nehmt schon mal Platz! Ich hole Euch etwas zu trinken, und dann müsst Ihr mich für ein paar Minuten entschuldigen, denn das Essen ist noch nicht ganz fertig.“

Isabelle brachte uns zwei kühle Helle. Will und ich machten es uns in den Schilfrohrsesseln bequem.

„Also Prost!“ meinte Will und hob sein Glas. „Und auf gute Nachbarschaft!“

„Es soll gelten, auf gute Nachbarschaft!“

Während Will sich einen dieser fürchterlichen Zigarillos ansteckte, fragte ich:

„Der Rohbau scheint ja bald fertig zu sein, erweiterst Du die Farm?“

„Ja und nein. Ich habe – allerdings schon im letzten Jahr – die Anbaufläche um 190 Hektar vergrößert und Ställe für 95 000 Hühnchen gebaut. Nun habe ich annähernd 300 Arbeiter. Die Kinder meiner Leute müssen jeden Tag fünfzehn Kilometer Schulweg bewältigen. Bei jedem Wetter. Das ist meiner Meinung nach zu viel, also baue ich eine Schule. Einen Lehrer habe ich auch schon, die Kinder sind begeistert. Und weil ich schon mal dabei bin, habe ich gleich noch einen Behandlungsraum mit dem Nötigsten geplant.“

„Ich dachte, dass die freie Heilfürsorge in ganz Simbabwe sichergestellt ist.“

„Ist sie auch – auf dem Papier jedenfalls. Bis vor sechs Jahren hatten wir in Darwendale und im Umkreis von 40 Kilometern nicht ein einziges Krankenhaus. Sechzigtausend Menschen ohne ärztliche Betreuung, das war nicht gut. Also haben die weißen Farmer aus der Umgebung kräftig in ihre Taschen gelangt und die ‚Gwebi-Klinik‘ – wie wir sie scherzhaft getauft haben – gebaut und eingerichtet. Die Regierung hat sich dann doch noch zur Zusammenarbeit bereit gefunden: Zur Einweihung haben sie immerhin einen stellvertretenden Staatssekretär geschickt. Aber wenn die Medikamente fehlen, und der Doktor nur jeden Donnerstag für einen halben Tag kommt, dann macht das Ganze wohl nicht viel Sinn.“

„Und wie gedenkst Du Deine potentiellen Patienten zu versorgen?“

„Die Frau unseres Nachbarn John McCloure auf der anderen Seite des Flusses ist gelernte Krankenschwester. Die kommt bei Bedarf, schaut sich den Fall an und wenn sie keinen Rat weiß oder lediglich notfallmäßig helfen kann, dann packe ich den Kranken ins Auto und fahre mit ihm nach Harare. Wenn sich ein Mann am Montag verletzt, dann kann ich ihn ja wohl nicht bis Donnerstag lei-den lassen. Ist doch klar, oder…“

Heute, beinahe zwanzig Jahre nach dieser ersten Begegnung, ist Will ein gebrochener Mann. Nein, geistig verwirrt ist er sicher nicht. Im kleinen Garten seiner Schwester auf einer Holzbank hockend dämmert er vor sich hin, ein Greis von noch nicht einmal 50 Jahren. Er hegt keine Rachegedanken, er bemüht sich ganz einfach zu begreifen, dass nun alles aus sein soll. Als wirklich schmerzhaften Verlust – über den er den Rest seines Lebens ganz sicher nicht hinwegfinden wird – empfindet er nur den Tod seiner geliebten Isabelle, die ihm ein aufgehetzter Mob auf grausamste Art und Weise entrissen hatte. Zu verstehen sucht er, dass das Lebenswerk seines Großvaters, das seines Vaters sowie seine eigene Arbeit durch eine auf Saugpapier ausgestellte Verfügung ausgelöscht werden konnte. Dass seine Leistung gar nichts wert gewesen sein soll. Dass sich seine gewaltigen Investitionen zum Ausbau der Farm und in die Infrastruktur des kleinen Dorfes über Nacht in null und nichts aufgelöst hatten, ist ihm schon keiner Erwähnung mehr würdig.

Was hatte sein Großvater vorgefunden, als er vor gut 90 Jahren das Land von der Rhodesischen Eisenbahngesellschaft käuflich erworben hatte? Von Erosion zerfressene Savanne. Langsam wachsendes Buschwerk, zähholzig, akazienartig, mit Dornen gespickt. Sträucher, die selbst den verheerenden Flächenbränden während der Monate September und Oktober standhielten. Eine öde Gegend. Menschenleer. Da war kein einziger Eingeborener, der hätte vertrieben werden müssen. Und weit und breit war kein fruchtbares Land auszumachen, das der weiße Mann hätte stehlen können. Brachland. Auf jedem Hektar zweihundert tiefwurzelnde Büsche, die in mühevoller Arbeit gerodet werden mussten. Den Fluss, den Gwebi, wie sie ihn nannten, den gab es. Ja, er taugte bedingt zur Tränke für die Rinder, das heißt, wenn ihm die vorherige Regenzeit hinreichend Wasser von den umliegenden Bergen zugeführt hatte. Doch während einer längeren Trockenzeit konnte man das verbleibende Rinnsal trockenen Fußes überqueren.

Aber für die Menschen wie für die Schafe musste sauberes Wasser her. Ein Brunnen musste ausgeschachtet werden. Aber wo? Die Eisenbahngesellschaft hatte einen Geologen, sicher, doch dieser Kerl konnte irgendwo in diesem weiten Land mit dem Streckenbau beschäftigt sein, unauffindbar. Ein Entschluss: Sie würden es in der Senke, ungefähr 80 Meter vom Haus entfernt versuchen. Vier Meter unter der Oberfläche dunkelgelber Lehm. Zwischen sechzehn und achtzehn Metern wurde der Sand feucht. Dann kam eine Lage Fels, die gesprengt werden musste. In 28 Metern wurde das Grundwasser erreicht. Weiter ausheben, Ziegeln brennen und den Schacht ausmauern. Ein paar Jahre später wurde das Grundwasser aus Bohrlöchern hochgepumpt. Riesige Windräder auf sperrigen Holzgestellen (später wurden diese durch Metallgerüste ersetzt) hielten Schneckenpumpen in Bewegung, die das kostbare Nass förderten. Gutes Wasser, für Menschen wie für Tiere. Aber für die Felder reichte die geförderte Menge bei weitem nicht aus. Den Gwebi stauen? Es blieb wohl keine andere Wahl.

Der Damm stand schließlich nach zwei Jahren. Nach neun Monaten hätte er fertig sein sollen, doch vorzeitige, sintflutartige Niederschläge, sowie der Bruch eines Flussaufwärts befindlichen Naturdammes hatten beinahe die Hälfte der Uferbefestigungen weggerissen und Unmassen von Geschiebe hinterlassen, das in mühevoller Arbeit – Schaufel für Schaufel und Eimer für Eimer – beseitigt werden musste.

Resignation? Gedanken an Aufgabe? Den Bettel hinwerfen? Für den alten Sebastian war das keine Lösung. Er hatte ein Ziel. Er würde nicht ruhen, bis seine Farm, die Charfield Farm so aussah, wie er sie sich das immer ausgemalt hatte, als Bub, zu Hause in Kärnten. Ein Onkel hatte ihm einmal ein Buch geschenkt, in dem die Forschungsreisen von Livingstone beschrieben waren. Das Buch war reich bebildert, genauer gesagt, es handelte sich lediglich um Zeichnungen, schwarz-weiß. Seiner Phantasie aber tat das keinen Abbruch. Wenn er während der Herbstferien die vierzehn Kühe seines Vaters auf den kargen Almweiden hütete, dann träumte er von den Weiten Afrikas, von mannshohem Gras, in dem sich Gazellen vor den Löwen verstecken konnten. Er tötete riesige Schlangen, die seine Schafe zu Tode würgen wollten und er schoss massige Krokodile, die nachts im seichten Wasser des Flussufers darauf warteten, ein tränkendes Rind anzufallen und zu fressen.

Sechs Geschwister waren sie zu Hause. Nach Abschluss der Grundschule verließ er den elterlichen Hof, der seinem älteren Bruder zugesprochen war. Nach Hamburg. Er war vierzehn, sah stark aus wie sechzehn und fand schließlich einen Vormann, der ihm die Lüge von den achtzehn Jahren abkaufte. Schauerarbeiten im Hafen. Doppelschichten, wann immer sich Gelegenheit dazu bot. Arbeiten, essen und schlafen. Und träumen. Mit Livingstone unterwegs durch Afrika. Außer seinen Träumen gönnte er sich nichts, jeder Groschen wurde gespart. Denn er lebte für sein Ziel, er arbeitete für seinen Hof, für seine Farm, die er in Afrika haben würde. Aber nicht mit vierzehn Kühen wie sein Vater, sondern mit vierhundert. Oder vielleicht noch mehr.

Dann hörte er einen Vormann sagen, dass man Heizer auf Frachtschiffen suchte; hart sei die Arbeit, aber man verdiene auch gutes Geld. Er heuerte an. Litt unter Seekrankheit. Kotzte und schaufelte sich über den Nordatlantik, den Pazifik, ums Kap hin und zurück. Der Erste Weltkrieg brach aus, als er auf einem halb verrosteten Seelenverkäufer mit dem Ziel Durban die Kessel unter Dampf hielt. Er heuerte ab. Jetzt, wo er schon mal in Afrika war, konnte er sich nicht vorstellen, warum er hätte in den Krieg ziehen sollen.

In einem jämmerlichen Quartier im Hafenviertel von Durban traf er eine Familie, die auf eine Rückreisemöglichkeit nach Europa wartete. Vater Pichler hatte in Kimberley nach Diamanten gesucht. Ein Stück Land hatten sie ihm verhökert, auf dem man alles finden konnte, nur keine Diamanten. Frau Pichler, verhärmtes, früh gealtertes, ausgemergeltes Gesicht, hockte still in einer Ecke auf den roh zusammengehauenen Kisten mit den verbliebenen Habseligkeiten und weinte lautlos in sich hinein. Und Magdalena, die Tochter. Auch sie weinte, weil sie nicht zurück nach Ulm wollte. Neun Tage später legte der Dampfer – mit Vater und Mutter Pichler an Bord – von Durban ab. Magdalena blieb – mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Sebastian – zurück in Afrika. Von Durban ging es mit dem nächsten Frachter über Port Elizabeth zurück nach Kapstadt. Anheuern bei der Eisenbahngesellschaft. Gleisbau.

Harte Arbeit machte Sebastian nichts aus, die war er gewohnt. Nach zwei Monaten war er Vorarbeiter. Von seinen Männern verlangte er nichts, was er selbst vorzumachen nicht imstande war. Er und seine Truppe von vierzig Schwarzen schafften das jeweils vorgegebene Ziel in weit weniger Zeit als die anderen Gruppen – das verschaffte ihm Anerkennung, aber auch Missgunst. Mit dem von der Gesellschaft ausbezahlten Verpflegungsgeld für die Arbeiter schickte er Magdalena mit einem Eselskarren zum Einkaufen von Lebensmitteln. Andere Vorarbeiter versoffen das, was sie ihren Arbeitern vorenthielten. Als der Bau einer Holzbrücke die Zusammenarbeit mit einem anderen Trupp erforderte, sah er einen Vormann, wie der mit einer Hundepeitsche auf einen völlig entkräfteten Schwarzen einschlug. Sebastian ging zu dem Mann, nahm ihm die Peitsche weg und brach ihm den Unterarm. Der Vermesser, der Bauführer und zwei weitere Weiße machten Anstalten, sich auf Sebastian stürzen zu wollen, doch der nahm eine Hacke auf und wandte sich ihnen wortlos zu. Nach ein paar Augenblicken des gegenseitigen Abschätzens, des reglosen Verharrens, ging die Arbeit weiter, als wäre nichts geschehen. Im Camp wurde kein Wort über den Vorfall verloren.

Vierzehn Monate Gleisbau, mit allen Entbehrungen, mit allen Beschwernissen. Dann glaubte sich Sebastian am Ziel: Zusammen mit Magdalena holperte er im schwer beladenen von vier Ochsenpaaren gezogenen Planwagen auf den Flecken Land zu, der ihm in Salesbury vom Vertreter der Eisenbahngesellschaft in Anwesenheit eines Mitarbeiters des Gouverneurs mit Brief und Siegel übereignet worden war. Eine grobe Skizze hatte man ihm mitgegeben, auf der die Grenzen seines neuen Besitzes eingezeichnet waren – es war viel Land.

Und er packte zu. Er gönnte sich keine Rast. Arbeiter zu finden war nicht einfach, weil die Gegend so gut wie menschenleer war. Weiter unten am Fluss lebten ein paar Fischer. Der eine oder andere guckte mal vorbei, um den Murungu, den Weißen zu sehen; gelegentlich half einer als Tagelöhner aus. Wenn der Fluss Niedrigwasser führte, zogen sie gelegentlich zu viert oder zu fünft an der Farm vorbei flussaufwärts zum Damm.

Einer blieb. Mbano. Etwa 300 Schritte von Sebastians Haus entfernt baute er sich eine Hütte am Ufer des Flusses. Aus der Hütte wurde ein Haus, gemauert aus selbstgebrannten Ziegeln. Neue Arbeiter kamen, neue Häuser wurden gebaut. Mbano sah die Herde auf der Farm größer und größer werden. Er lernte neue Nutzpflanzen kennen und pflanzte zusammen mit Sebastian Tausende von Bäumen, die schneller wuchsen, als er es je für möglich gehalten hätte. Diese neuen Bäume soffen Sumpfgebiete trocken und schützten die Felder vor dem trockenen Wind. Er wurde zunächst Vormann, später Dorfältester. Er sah Magdalenas drei Kinder aufwachsen, musste miterleben, wie eines Nachts Haupthaus und Scheune abbrannten und blieb bis zu seinem Tode in Sebastians Diensten. Mbano sprach weder Deutsch, noch Englisch oder Afrikaans; was es zu sagen gab, wurde in seinem Dialekt besprochen – Sebastian verstand ihn.

George, Sebastians ältester Sohn übernahm die Farm. Sein jüngerer Bruder Steff war Lehrer in Salisbury, und seine jüngere Schwester Susanne hatte einen Farmer in Banket geheiratet. George führte den Betrieb zunächst so weiter, wie ihm das sein Vater empfohlen hatte: ‚Die Menschen werden immer Fleisch essen, also halte die Herde groß!‘ Später wandte er sich der Zucht zu. Er reiste ein paarmal nach Südafrika, sah sich nach Zuchtmaterial um und brachte – in einer geradezu expeditionsartigen Unternehmung – die ersten Bullen einer neuen, großrahmigen Rasse auf die Charfield Farm. Er verkleinerte die Herde und erweiterte die Anbaufläche für Weizen, Gerste und Mais. Nach ein paar Jahren hatte er sich einen guten Namen als Züchter gemacht. Seine Rinder waren größer und widerstandsfähiger als alles, was bis anhin zwischen Limpopo und dem Sambesi graste. Nicht nur Gönner, auch Neider fragten ihn, wie er den hohen Qualitätsstandard zu halten vermöge. Seine Antwort war einfach: „Du solltest das Futter nicht früher verkaufen, als bis es durch die Tiere gegangen ist.“

Mbanos Sohn Ndongo wurde Vorarbeiter bei George. Er verstand zunächst nicht, warum sein Boss unten am Fluss einen langgezogenen Schacht ausheben und mit ungebrannten Lehmziegeln auslegen ließ. Vierzig Meter lang, vier Meter breit, drei Meter tief. In diesen riesigen Trog füllten die Arbeiter von Mitte Februar bis Ende März all das frische Gras, das sie entlang des Flusses und auf den ungenutzten Weiden sowie in der Savanne geschnitten hatten. „Wir begraben Gras“, pflegte Ndongho zu antworten, wenn er nach dem Sinn seiner Arbeit gefragt wurde. Nachdem der lange Haufen gut einen Meter über den Rand der Grube hinausgewachsen war, wurde er mit Heu abgedeckt und mit Sand zugeschaufelt. Drei Monate später diente das nunmehr fermentierte Gras den Rindern als Hauptnahrung – die erste Siloanlage im subäquatorialen Afrika hatte ihre Nützlichkeit unter Beweis gestellt.

Noch vor dem nächsten Winter hatte Ndongho den Auftrag erhalten, alles trockene Gras sowie Ernterückstände des letzten Jahres einzufahren und zu einer riesigen Wurst von 120 Metern Länge und drei Metern Höhe aufzuschichten.

„Begraben wie wieder Gras, Master George?“

„Nein, wir erwecken das getrocknete Zeug zu neuem Leben.“

„Das gibt es nicht! Du bist kein N’anga, Du bist kein Zauberer.“

„Recht hast Du, ich bin kein Zauberer. Aber Du wirst den Wurm regelmäßig bewässern und jeden Monat einmal umsetzen lassen. Und wenn der Haufen ganz klein und das Gras zerfallen ist, bringen wir alles auf die Felder. Dann wirst Du sehen, wie es zu neuem Leben kommt.“

Damit war die allererste Kompostanlage südlich des Sambesi geschaffen. Auf dem riesigen Gebiet der Charfield Farm und in ihrer weiteren Umgebung gab es von diesem Jahr an keinen Flächenbrand mehr; das abgetrocknete Gras war zu kurz, um Feuer zu fangen.

1982, zwei Jahre nach der Unabhängigkeit bot der Staat interessierten Landwirten in Brache oder in Naturzustand liegende Flächen zum Kauf an.

„Master George, hast Du gehört, dass wir, die Schwarzen, jetzt auch Land kaufen können?“

„Ja, Ndongo, ich habe es in der Zeitung gelesen. Und Du fragst mich, weil Du Land kaufen möchtest, stimmt’s?“

„Schon, ja, aber ich habe nicht genügend Geld. Und ich habe auch keine ‚Sicherheiten‘, wie es die Banker nennen.“

„Und wieviel brauchst Du?“

„Oh, ich habe ausgerechnet, so etwa 300 000.“

„Und was möchtest Du auf Deiner Farm produzieren?“

„Rinder natürlich, so wie Du.“

„Ndongo, ich lasse Dich zwar nicht gerne gehen, aber da Du Dir offenbar alles gut überlegt hast, werde ich Dir das Geld vorschießen. Geh‘ also zum Landwirtschaftsministerium und sage, dass ich Dir das Geld geben werde.“

„Aber ich habe auch Dir gegenüber keine Sicherheiten.“

„Ich weiß. Aber ich habe Dein Wort, und das soll mir genügen.

Und so kam ‚Sam‘ Ndongo Kwedza zu seiner Nyanga-Farm, die er im Laufe der Jahre mit unermüdlichem Fleiß und in Zusammenarbeit mit seinem wohlmeinenden Nachbarn George zu einem Musterbetrieb ausbaute: Den Kredit hatte er nach vier Jahren abbezahlt. George schickte Sam zum Teufel, als ihm dieser die fälligen Zinsen in die Hand drücken wollte: „Geh‘ und kauf‘ Dir dafür ein paar gute Bullen!“

George hatte die Charfield Farm an William übergeben, als dieser noch die Ackerbaufachschule besuchte. „Ich hatte ihn ins kalte Wasser geschmissen, um zu sehen, wie schnell er absaufen würde“, pflegte er zu erzählen. Aber Will soff nicht ab. Er hatte nicht geschlafen, als seine Lehrer mit neuen Tabaksorten Versuche durchführten. Noch lange vor dem Studienabschluss hatte er Freunde und Bekannte um Bargeld angepumpt und Trockenräume für Tabak hochgezogen. Nach dem Unterricht bis in die Dunkelheit auf dem Bau? An Wochenenden und an freien Tagen durchschuften? Alles kein Problem – Lernen konnte man immer noch in der Nacht. Nach der ersten Tabakernte war er alle seine Schulden los.

Sein Erfolg war Will nicht in den Kopf gestiegen. Nur, mit hohler Phrasendrescherei und nicht fundierter Argumentation durfte man ihm nicht kommen. Als ihn auf einem Empfang in der Österreichischen Botschaft ein kirchlicher Würdenträger fragte, wie die weißen Farmer das ‚historische Ungleichgewicht‘ hinsichtlich der Landverteilung einschätzten, da platzte ihm der Kragen.

„Entschuldigen Sie bitte, aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen. Von welchem Ungleichgewicht sprechen Sie?“

„Nun, Sie werden doch nicht abstreiten können, dass die weißen Siedler in das Land einfielen und den Schwarzen die besten Böden entrissen.“

„Hochwürden, ich glaube, Sie sind gut beraten, wenn Sie sich mehr mit der Bibel befassen als mit Dingen, von denen Sie keine Ahnung haben.“

„Aber, was erlauben Sie sich eigentlich?! Wissen Sie denn überhaupt, mit wem Sie sprechen?“

„Oh ja, Herr Dr. theol. Perchtl, S.J., ich weiß sehr wohl, mit wem ich die Ehre habe, Gedanken auszutauschen. Und ich erachte es als meine christliche Pflicht, Sie auf bestimmte Tatsachen hinzuweisen, die Sie Ihren Glaubensbrüdern in Europa, die sich so intensiv mit Drittwelt-Fragen auseinandersetzen, gütigst vermitteln wollen.“

„Was wissen Sie denn schon, an welchen Themenkreisen wir arbeiten, ha?“

„Das kann ich natürlich nicht wissen. Aber damit Ihre ‚Themenkreise‘ mal ein ordentliches Fundament erhalten, will ich Ihnen gern ein paar Fakten aufzählen, die sich offenbar noch nicht bis nach Europa herumgesprochen haben:

Als die ersten Siedler im Tross Cecil Rhode’s eintrafen, lebten im Gebiet des heutigen Simbabwe rund 250 000 Menschen. Wäre zu diesem Zeitpunkt eine Aufteilung des Landes nach Ihrer ‚gleichgewichtigen‘ Vorstellung erfolgt, so würden jedem Eingeborenen 156 Hektar Land zugeteilt worden sein. Jedem! Also auch Frauen, Kindern, Greisen; auch Geistlichen, wenn Sie so wollen. Und nun versuchen Sie sich bitte vorzustellen, wie die glücklichen Landbesitzer ihre Scholle würden bearbeitet haben – ohne Pflug, ohne Traktoren, ohne Kunstdünger, ohne Herbizide, Fungizide, Pestizide. Und natürlich ohne künstliche Bewässerung.“

„Ja, aber…“

„Da bleibt nicht viel übrig für ein ‚Aber‘. Allereinfachste Subsistenzwirtschaft haben die guten Leute betrieben, die sich nicht als Jäger und Sammler ihren Lebensunterhalt zusammengekratzt haben:

Etwas Wald roden. Die geraden Stangen für den Bau von Hütten. Der Rest wird Feuerholz. Dann abfackeln des Bodens. Warten auf den Regen und dann Manjok pflanzen, vielleicht ein paar Bohnen und entlang der Flussläufe etwas Reis. Und nach zwei Aussaaten war der Boden ausgelaugt. Weiterziehen. Weiter abholzen. Zurück blieb schrundiger Boden, der zu nichts taugte und unweigerlich der Erosion anheim fiel.“

„Die Menschen brauchten eben nicht mehr.“

„Ich würde eher sagen, sie ‚konnten‘ nicht mehr. Haben Sie sich nie gefragt, warum die Bevölkerungsdichte in diesem Lande nicht mal einen Menschen pro Quadratkilometer erreichte? Meinen Sie, die Eingeborenen haben sich strikt an die Keuschheitsregeln Ihrer Una Sancta Catholica gehalten, oder…“

„Moment, Moment! Ich bitte Sie, jetzt werden Sie aber unsachlich!“

„Keinesfalls! Ich zähle lediglich Fakten auf. Die Bevölkerung konnte gar nicht wachsen, weil die Natur es nicht zuließ: Kindersterblichkeit höher als 90%. Bilharzia, Sumpffieber, Zecken in allen Farbschattierungen und in allen Größen. Keine ärztliche Versorgung. Keine Antibiotika. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei knapp dreißig Jahren. Viele der Herren, die heute am lautesten schreien und die teuflischen Machenschaften der ‚Kolonialisten‘ bei jeder sich bietenden Gelegenheit auswalken, vergessen, dass sie ohne den ‚Weißen Mann‘ gar nicht da wären. Wenn Sie das anders sehen, dann müssen Sie mir erklären, wo denn die dreizehn Millionen Simbabwer herkommen, die wir heute zählen.“

„Ihre geradezu sophistische Sicht der Dinge schafft die Tatsache nicht aus der Welt, dass acht Prozent der Bevölkerung – ausschließlich Weiße – über siebzig Prozent des fruchtbarsten Bodens in ihren Besitz gebracht haben. Finden Sie das gerecht? Und dann denken Sie mal an das grausame und geradezu entwürdigende Gesetz von 1951, das den Besitz von Rindern für jeden Eingeborenen auf ganze fünf Stück beschränkte. Ha, und dann…“

„Hochwürden, bevor wir mit Zahlen zu jonglieren beginnen, halte ich es für angebracht, Ihr Wissen in Sachen Landwirtschaft wenigstens ein bisschen zu erweitern. Ich lege Ihnen Ihre Ignoranz nicht zur Last, denn erstens sieht Ihr Job ja nur das Einbringen der himmlischen Ernte vor, und zweitens beziehen Sie Ihre Informationen offenbar aus den vornehmlich antieuropäisch eingefärbten Pamphleten der Regierung. Deshalb allem voran: So etwas wie ‚fruchtbare‘ und ‚unfruchtbare‘ Böden gibt es nicht, wenn wir einmal von reinen Felsregionen und abgeschlossenen Sumpfgebieten absehen. Sie können die feinsten Böden versauen in gleicher Weise, wie Sie aus kargen Sedimenten eine gute Ernte holen können. Es wird immer der Farmer sein, der mit seinem Wissen, seinem Fleiß und seiner Sorgfalt, die er seinem Stück Boden angedeihen lässt, das bewirkt, was man schlechthin mit Fruchtbarkeit bezeichnet. Sie könne nicht widerlegen, dass im Gebiet des Rioja am Südhang der Pyrenäen ein hervorragender Wein wächst; wollten Sie auf diesen steinigen Böden Kartoffeln oder Bohnen pflanzen, würde man Sie nicht nur auslachen, Sie würden auch nichts ernten, Ihre Bemühungen wären gänzlich umsonst. Was nun den ‚Native Land Husbandry Act‘ von 1951 betrifft, so werde ich – mit Ihrer gütigen Zustimmung – etwas ausholen müssen. Ich gehe einmal davon aus, dass Sie noch nie in Lesotho waren und …“

„Stimmt nicht! Ich war in Lesotho. 1990. Im Februar 1990.“

„Und? Ich meine, wie hat Ihnen das Land gefallen? Die mächtigen Berge in sattem Grün?“

„Die Berge waren eindrücklich, doch an sattes Grün kann ich mich nicht erinnern; die ganze Landschaft schien mir eher braun; ja, kahl und braun.“

„Braun? Im Februar? Während der Regenzeit?“

„Ja, sagte ich Ihnen doch.“

„Und Sie haben sich nie gefragt, warum das alles so kahl ist?“

„Nein, eigentlich nicht. Doch was hat das mit der unmenschlichen Gesetzgebung vor 50 Jahren im ehemaligen Südrhodesien zu tun?“

„Nun, eine ganze Menge! Ohne die Ihrer Meinung nach ‚unmenschliche‘ Gesetzgebung würden weite Teile des heutigen Simbabwe aussehen wie Lesotho: Kahl gefressen. Und ganz nebenbei: Das gefährlichste Tier in Afrika ist weder der Büffel noch der Löwe, sondern die Ziege; sie frisst nicht von oben nach unten wie das Schaf, sondern reißt erst die Wurzel aus, bevor sie an der Pflanze herumzuknabbern beginnt.“

„Ich habe mich noch nie mit Ziegen befasst.“

„Aber Ihnen ist sicher bekannt, dass in ländlichen Gegenden das Prestige eines jeden Mannes – und insbesondere jenes des Häuptlings – von der Größe seiner Herde abhängt. Wenn Sie mir nicht glauben, dann gehen Sie einmal nach Kenia und schauen Sie sich an, wie weit es die Masai in ihrer Uneinsichtigkeit mittlerweile gebracht haben; auch dort wird in wenigen Jahren alles kahl und braun sein, wenn die Regierung nicht bald – und zwar massiv – eingreift.“

„Sie lassen die Afrikanische Tradition leider weitgehend außer Acht.“

„Auch wenn Sie es nicht für möglich halten: Ich denke nun weniger an Tradition als an die Bibel.“

„Machen Sie sich bitte nicht lustig!“

„Ich mache mich keinesfalls lustig. Ich gehe lediglich davon aus, dass Ihnen die Herren Kain und Abel nicht unbekannt sind. Oder denken Sie nicht an die Bibel, wenn Sie ‚Hutu‘ und ‚Tutsi‘ hören? Die einen wollen sich ihre Felder nicht von hungrigen Rindern abfressen lassen, und die anderen bestehen auf der Ausdehnung ihrer Weiden.“

„Sie holen verdammt weit aus – entschuldigen Sie bitte diesen Ausdruck!“

„Schon entschuldigt. Ich wollte lediglich Ihre ‚Tradition‘ etwas relativieren. Tradition ist gut. Doch wenn die Menschen nichts mehr zu essen haben, dann brauchen sie auch keine Tradition mehr. Und wenn die Halter der Herden Ihre Tiere der größeren Zahl wegen auf das Niveau von Kleiderständern herunter magern lassen, dann werden Krankheiten und Unfruchtbarkeit ganz von selbst für eine Reduktion sorgen.“

„Sie sehen alles sehr einseitig.“

„Wenn Sie freundlicherweise hier ans Fenster treten wollen, dann kann ich Ihnen sogleich die zweite Seite zeigen: Was Sie dort unten sehen, ist parzelliertes Staatsland, das gegen eine geringe Administrationsgebühr an interessierte Personen verpachtet wird. Finden Sie nicht auch, dass sich diese kleinen Anbauflächen ausnehmen wie ein wunderbarer Fleckerlteppich?“

„Ja, das stimmt. Doch an eben diesem Beispiel können Sie doch sehen, dass selbst Menschen in der Stadt an dem bisschen Boden hängen und ihr Land mit Begeisterung bestellen. Ich vermag nicht einen einzigen Flecken auszumachen, auf dem kein Mais angepflanzt wurde.“

„Hochwürden, ich danke Ihnen für diese Feststellung. Recht haben Sie! Überall hat man Mais ausgebracht. In die vielen Parzellen dort unten, ebenso wie in die Feldstücke jenseits der Straße. Mais, Mais und nochmals Mais. Und das Jahr für Jahr. Immer wieder Mais. Was Sie sehen, sind Jungpflanzen. In drei Monaten wird geerntet. Sollten Sie es richten können, in drei Monaten wieder hier zu sein, dann könnte ich Ihnen das Ergebnis der Bemühungen all dieser guten Leute vor Augen führen. Ich schätze mal, dass die ganze Fläche – zusammen mit dem Stück auf der anderen Straßenseite – etwa zwölf Hektar groß ist. Und ich kann Ihnen versichern, dass die emsigen Pflanzer von dieser Fläche nicht mehr als bestenfalls fünf Tonnen herunterholen.“

„Ist das, ich meine …?“

„Sie meinen, ob das wenig ist oder viel? Nun, zum Vergleich: Normalerweise ernte ich pro Hektar elf Tonnen, in guten Jahren bis zu vierzehn Tonnen. Doch das ist gar nicht der springende Punkt. Die Katastrophe lässt sich darin erkennen, dass dieses ständig wiederholte Maisanpflanzen den Boden total ruiniert. Und eine weitere Katastrophe ist, dass dieses Malträtieren des Bodens landesweit ebenfalls zur Tradition erhoben wurde. Sie können mir glauben: Wenn die kommerziellen, also die weißen Farmer nach der gleichen Art und Weise anbauen würden, hätte sich der Bibelspruch, ‚Disteln und Dornen soll sie Dir tragen‘, schon längst bewahrheitet.

„Wenn den Bauern in den kommunalen Gebieten mehr Land zur Verfügung stünde, könnten auch sie flexibler planen und sich der Vier-Felder-Wirtschaft zuwenden, d.h. immer wieder mal ein Brachjahr einschieben wie die weißen Farmer.“

„Sehen Sie, da weist Ihr Verständnis von Afrika noch riesige Lücken auf.“

„Das sagen alle, denen die Argumente ausgehen.“

„In diesem besonderen Falle gehen mir die Argumente nicht nur nicht aus, sondern ich halte sie sogar in schriftlicher Form zur Verfügung für jeden, der sie sehen will. Vor ein paar Jahren stellte ich an die Distriktverwaltung einen Antrag. Gegenstand meiner Initiative waren etwa 1200 Hektar Land, die dem Staat gehören und die seit Menschengedenken ungenutzt um Darwendale herum gelegen sind. Ich schlug vor, Jahr für Jahr 400 Hektar kostenlos für die Gemeinde zu pflügen, wenn mir im Gegenzug eingeräumt würde, die restlichen 800 Hektar beweiden zu dürfen. Und nun raten Sie mal, wie die Antwort der Distriktverwaltung ausgefallen ist!“

„Man wird Ihnen für Ihr Angebot gedankt haben, nehme ich an.“

„Dem Kandidaten können keine Punkte gutgeschrieben werden: Die Verwaltung hat dankend abgelehnt. Und als ich den Bürgermeister in dieser Angelegenheit persönlich ansprach, meinte der nur, ich könne gern alles beweiden, er brauche allerdings einen Satz neuer Autoreifen.“

„Das hört sich ja gerade so an, als habe der Staat genügend Land in Reserve, das nur niemand haben will.“

„Der Staat verfügt gegenwärtig über 7,5 Millionen Hektar Landreserven. Darunter sind 4,5 Millionen Hektar, die dem Staate von Farmern zufielen, die das Land fluchtartig verlassen hatten, als sich der Zusammenbruch des Smith-Regimes abzeichnete. Weitere 3 Millionen Hektar kaufte der Staat mit Geldern, die von befreundeten, westlichen Staaten zur Verfügung gestellt wurden. Zusätzlich hat die Regierung Großbritanniens im Jahre 1981 stolze 27 Millionen Pfund Sterling für die Finanzierung einer nachhaltigen und transparenten Landreform drangegeben. Dass die Gelder in die Taschen von Regierungsmitgliedern wanderten, kann man den weißen Farmern nun wirklich nicht in die Schuhe schieben. Und wenn wir schon bei Zahlen sind: Die ungefähr 4 500 Großfarmen – von denen einige auch in Schwarzem Besitz sind – stehen für 32% des Bruttosozialproduktes gut. Die von Ihnen nicht gerade mit Wohlwollen erwähnten 8% (der Bevölkerung) beschäftigen – die Agrarprodukte verarbeitende Industrie eingeschlossen – 52% aller Arbeiter und Angestellten. Diese ‚Acht Prozent‘ erwirtschaften Jahr für Jahr mehr Devisen als die gewiss nicht unbedeutende Tourismusindustrie. Und zum Schluss noch etwas, was besonders von linker Seite nicht gern gehört wird: Den weißen Farmern hat das Land Simbabwe Investitionen von mehr als acht Milliarden US-Dollar zu verdanken.“

„Also existieren die auf engstem Raum zusammengepferchten Dörfler mit ihren beschämend kleinen Flecken Acker- und Weideland nur in meiner fehlgeleiteten Phantasie?“

„Oh nein! Die finden Sie in ganz Simbabwe. Das enge Zusammenhausen ist Teil der Afrikanischen Kultur. Und es macht Sinn – auch heute noch: Von Hunger getriebene Elefanten trampeln ein oder zwei alleinstehende Hütten einfach nieder, wenn die ihnen auf der Suche nach Nahrung im Wege stehen; der Rauch der Feuerstellen in den Dörfern hält sie jedoch davon ab. Und Fälle von Kindern, die streunenden Löwen zum Opfer fielen und immer noch fallen, finden Sie in den Tageszeitungen – nicht nur in Abenteuerromanen.“

„Sie weichen meiner Frage aus: Warum leben ganze Dörfer auf einer kleineren Fläche als sie der Großfarmer zwei Meilen weiter bewirtschaftet?“

„Der Staat hat es zwanzig Jahre lang verabsäumt, die Notwendigkeit einer Restrukturierung der ‚Schwarzen Landwirtschaft‘ auch nur zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn anzugehen. Natürlich – und auch durchaus verständlich – schrien nach Erreichen der Unabhängigkeit alle nach Land; ihre Führer hatten es ihnen schließlich versprochen. Doch mit einem Stück Land allein ist es nicht getan. Wo soll der potentielle Farmer anfangen, wenn er nicht über die nötigen Mittel verfügt, um eine angemessene Infrastruktur aufzubauen? Wo nimmt er die Sicherheiten her, die jede Bank verlangt, sobald er einen Kredit beantragt? Wo sind die Landwirtschaftsschulen, die den Nachwuchs bereitstellen? Wo sind die Maschinenringe, die Veterinärstationen, die Beratungsstellen, die Abnahmeorganisationen? Alles Fehlanzeige! Die Geschichte von dem Mann, der sich eine Ziege kaufte und sich vom nämlichen Augenblick an als Bauer bezeichnete, die gibt es in der Tat nur im Märchen.“

„Das macht ja alles Sinn. Aber bedenken Sie doch einmal die Kosten, die dem eben erst aus entwürdigender Knechtschaft erstandenen Staat mit solchen Programmen erwachsen! Wollen Sie die einfach weglassen?“

„Gegenfrage: Können Sie mir ein einziges Entwicklungsland benennen, dem die erforderlichen Mittel für solide Projekte – ich betone P r o j e k t e und nicht G i e ß k a n n e – verweigert wurden?“

„Wenn die zum Teil äußerst arrogant auftretenden Repräsentanten der Geberländer befinden, welche Projekte solide sind und welche nicht, dann ist es ja nur verständlich, wenn sich die Entscheidungsträger im Zielland bevormundet vorkommen.“

„Anreize zum Umdenken, zum Lernen und zum Eindämmen einer zum Himmel stinkenden Korruption und Vetternwirtschaft stellen in meinen Augen keine Bevormundung dar. Zudem vermag niemand die Tatsache wegzudiskutieren, dass in Afrika immer zuerst die Familie kommt, der Clan. Solidarität kennt der Schwarze Mann nicht, mehr noch, er hält Solidarität für Dummheit.“

„Zuweilen aber durchschaut der Esel den Trick mit der Karotte, die man vor seiner Nase baumeln lässt.“

„Da gibt es keine Tricks! Was vermittelt werden soll ist die Erkenntnis, dass Monokulturen – gleich welcher Art – noch nie gut waren, und dass sich nicht alle Böden in gleicher Weise für eine bestimmte Pflanzensorte eignen. Seit Jahren fördert die EU im Chad den Anbau von mehr als 40 verschiedenen Pflanzensorten, die als Eiweißträger oder zur Gewinnung von Pflanzenöl gezogen und von der Bevölkerung auch angenommen werden. Der Chad erhält bestenfalls fünfzehn Prozent der Niederschläge Simbabwes, besagte Pflanzen müssen ohne Kunstdünger, ohne künstliche Bewässerung auskommen, und dem Vordringen der Wüste scheint nichts gewachsen. Aber Hungersnöte sind in diesem Land unbekannt.“

„Bitte vergessen Sie nicht: Frankreich hat für seine ehemalige Kolonie eine Menge getan.“

„Haben England und insbesondere die USA nichts für Simbabwe getan?“

„Tja, nun…“

„Sparen Sie sich die Antwort. Sie haben die Zahlen mit den vielen, vielen Nullen ebenso gut im Kopf wie jeder andere Entwicklungshelfer. Ich aber kann Ihnen vorrechnen, dass die unsinnige, kriegerische Expedition Ende der achtziger Jahre in Mosambique (um einem übergeschnappten Krankenpfleger aus der selbstverschuldeten Misere zu helfen) etwa eine Million US-Dollar gekostet hat; pro Tag, versteht sich. Mit diesen Geldern hätten 90 000 Hektar Land unter künstlicher Bewässerung in einen Garten Eden verwandelt werden können. Die nicht weniger abenteuerliche Unternehmung von 1998 im Kongo war für diesen Preis schon nicht mehr zu haben. Und wenn Sie alle Nobelkarossen und Luxuslimousinen, die während der vergangenen zehn Jahre ihren Weg nach Simbabwe fanden und an hohe, höhere und allerhöchste Staatsdiener verteilt wurden – sagten Sie nicht, Sie hätten ein paar Semester in Stuttgart studiert? – wenn Sie all diese Prachtspielzeuge hintereinander aufreihen wollten: Die gewiss nicht kurze Vierte Straße in Harare reichte nicht aus.“

„Diese doch recht vereinfachte Sicht der Dinge habe ich andernorts auch schon gehört.“

„In Äthiopien vielleicht, bei dem anderen, außer Rand und Band geratenen Tyrannen und Massenmörder Mengitsu Haile Mariam? Da waren Sie doch im Zusammenhang mit der letzten, großen Hungerkatastrophe im Jahre 1984.“

„Ja, ich war zu diesem Zeitpunkt in Äthiopien. Ich kann Ihnen sagen, es war grauenhaft. Bilder, die sich einem unauslöschlich einprägen. Hunger und Not werden ihren Schrecken nie verlieren, von wem auch immer sie verursacht wurden. Aber etwas ganz anderes möchte ich Ihnen mit auf den Weg geben, William, auch wenn ich zugegebenermaßen kein Hellseher bin: Versuchen Sie nicht, die künftige Entwicklung Simbabwes an der Geschichte seiner unmittelbaren Vergangenheit abzuschätzen. Sie würden einer großen Selbsttäuschung erliegen. Vergessen Sie Vernunft, Logik, ökonomische wie ökologische Notwendigkeiten. Der Hass des alten Mannes auf alle Weißen wird erst dann erlöschen, wenn er selbst seine Seele ausgehaucht hat. Und wir sind nicht seine Richter.“

Geschichte und Geschichten

 

Geschichte ist weder gut noch schlecht. Sie findet statt. Geschichte verleibt sich morgen ein, was wir heute tun. Was wir von ihr bekommen, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Widerspiegelung von Machtverhältnissen, wie sie zu einem beliebigen Zeitpunkt zwischen Einzelpersonen, Gruppen oder Völkern herrschen oder geherrscht haben. Geschichten, wie wir sie von Homer überliefert bekommen, lesen sich nicht nur gut, sie beinhalten auch einen – wenn auch geringen – geschichtlichen Kern. Umgekehrt geht der Geschichte jeder Wert verloren, wenn sie ‚ergebnisbezogen‘ interpretiert oder als Transmissionsriemen für politische oder ideologische Ziele missbraucht wird.

Geschichte kennt weder Moral noch Ethik. Und die Mehrheit der Frauen und Männer, die Geschichte ‚gemacht‘ oder ‚geschrieben‘ haben, hatten für Moral mehrheitlich auch keine Verwendung. Die, die es hätten besser machen können – oder zumindest glaubten es besser gemacht haben zu können – wurden durch ihre eigene Hinrichtung daran gehindert. Was die Protagonisten des tatsächlich Geschehenen zu ihren Taten bzw. ihren Untaten bewegte, liest sich wie Satans kleines Vademecum: Hass, Lüge, Lüsternheit, Machtgier, Neid, Raffsucht, Eitelkeit usw. Recht bekam seit jeher, wer das Schwert besser zu führen verstand. Und die Binde vor den Augen ließ sich Justitia offenbar nur verpassen, um nicht sehen zu müssen, wer wie viel an Bestechungsgeldern in die Waagschale legt.