Weibsstücke - Nadine T. Güntner - E-Book

Weibsstücke E-Book

Nadine T. Güntner

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Beschreibung

Nicht immer meint es das Schicksal gut mit dem so genannten schwachen Geschlecht. In 20 knackig kurzen und schaurig-schönen Erzählungen erlaubt "Weibsstücke" ® einen Einblick in die alles entscheidenden Wendepunkte starker, leidenschaftlicher und auch ängstlicher, verletzbarer Frauen aus allen geschichtlichen Epochen. Der Strudel aus Emotionen, der sich hier aufbaut, wird Sie "Weibsstücke" nicht so schnell vergessen lassen.

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Seitenzahl: 112

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Nadine T. Güntner

Weibsstücke

Schicksalhaftes und Makaberes aus der Welt der Frauen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Titel

Chera

Mina

Ilia

Cordelia

Lady Claire

Ten Ling

Greta, die Bäckerin

Elisabeth

Jaqueline

Anna

Charlotte

Kathrine

Estelle

Natalie

Theodora

Marcy

Lieselotte

Susanne

Linda

Maria

Werbung

Impressum neobooks

Titel

Nadine T. Güntner

Chera

Der Pharao war tot. Die Fanfaren verkündeten es. Das Volk trauerte und Chera trauerte mit ihm. Doch sie weinte nicht nur um den Pharao, der ein guter und gerechter Mann gewesen und vom Volk wie kein anderer vor ihm geliebt worden war, sondern auch um ihr eigenes Leben, das mit dem Tod des Pharaos verwirkt war.

Sie legte ihre Arbeit nieder und erhob sich, um an eines der großen Fenster zu treten. Von hier konnte sie zum großen Balkon hinübersehen, der zu den Gemächern des Pharaos gehörte. Gerade traten die Priester heraus, um dem Volk zu verkünden, was die Trompeten bereits angekündigt hatten.

Chera fröstelte, doch es lag nicht an den dicken Mauern, die die Hitze der ägyptischen Sonne nie in den Palast vordringen ließen, und auch nicht an dem dünnen Gewand, das ihren Körper umschmeichelte. Es war das Wissen, dass ihre Dienerschaft auch mit dem Tod des Pharaos nicht zu Ende war. Sie war ihm verpflichtet, über den Tod hinaus. Sie würde ihn begleiten auf seiner Reise in die Welt der Götter, würde ihm auch dort dienen. Sie und dreihundert andere.

Verzweiflung keimte in Chera auf. Sie wusste um die Ehre, die ihr dadurch zuteilwurde. Und doch konnte sie nichts gegen die Angst tun, die in diesem Moment der Verkündung ihr Herz erfasste. Sie hatte diese Angst schon einmal verspürt. Damals hatte sie erfahren, dass der Pharao ihr die Gunst erwiesen hatte. Er hatte ihren Namen auf die Liste seiner letzten Gefährten setzen lassen. Er hatte sie gemocht, sehr gemocht sogar … mehr als alle anderen seiner Dienerinnen. Seitdem war sie sich der giftigen Blicke der anderen Frauen stets bewusst gewesen. Sie hatten bösartig jeden ihrer Schritte beäugt, neidisch ihre wunderschönen Augen und ihre langen schwarzen Haare begafft, die wie Seide glänzten. Was wussten diese dummen Weiber schon. Zu gerne hätte Chera mit einer von ihnen getauscht, hätte ihre Stellung gerne an eine von ihnen abgegeben. Doch die Entscheidung eines Pharaos war unumstößlich.

Bereits damals hatte Chera sich gefürchtet, doch damals war alles noch weit entfernt gewesen, der Gedanke an das tatsächliche Sein nur ein beunruhigender Gedanke an die Zukunft. Der Pharao war jung, Chera hatte seine Zärtlichkeiten genossen, ohne ahnen zu können, dass der junge Regent eine Krankheit in sich trug, gegen die auch die gelehrten Priester nichts tun konnten. Die Götter riefen ihn viel zu früh in ihren Kreis.

Aus Angst wurde Übelkeit. Cheras Gedanken begannen zu rasen. Die Priester würden bald kommen, um sie zu holen. Den Pharao erwartete nun eine siebzigtägige Zeit der Vorbereitung, bevor er endgültig ins Reich der Toten eintreten konnte, und sie wusste der er wollte , dass seine Diener ihn dort erwarteten.

Sie kannte um ihre Pflicht, aber der Überlebensdrang war stärker. Gab es eine Möglichkeit für sie, ihrem Schicksal zu entrinnen? Was wäre, wenn sie nun einfach hinausging, den Palast verließ, Theben verließ … den Nil entlang … einfach irgendwohin, wo niemand sie kannte? Noch während sie dies dachte, begann Chera zu laufen. Den Saal hinaus, die schmale dunkle Treppe hinunter bis nach draußen. Die bunten Wände des weitläufigen Hofes schienen sie plötzlich zu erdrücken, ihr Herz raste. Sie musste nur noch den Vorhof erreichen und zum Schluss durch das große Tor hinaus in die Stadt. Vielleicht würde sie niemand erkennen. Sie zog den Schleier ins Gesicht. Jetzt hatte sie den Vorhof halb überquert. Die Menschen um sie herum waren mit sich selbst beschäftigt, mit ihrer Trauer. Der junge Pharao war tot. Niemand bemerkte sie. Dort vorne sah sie das Tor, jetzt waren es nur noch wenige Schritte. Angst verwandelte sich in Euphorie. Sie schöpfte Hoffnung. Sie konnte einfach ein neues Leben beginnen, sie brauchte nicht mehr dem Pharao zu dienen. Chera fühlte sich frei, freier als jemals zuvor in ihrem Leben.

Jemand packte sie grob am Arm. Ein Schmerzenslaut kam über ihre Lippen, als sie herumgerissen wurde. Sie sah die kahl rasierten Schädel der Priester. Es war vorbei. Es gab doch kein Entrinnen. Sie zerrten sie zurück, über den Hof, zum Tempel, wo die anderen Dienerinnen des Pharaos bereits auf ihr Schicksal warteten. Sie mussten sich beeilen, der Pharao war bereits auf dem Weg ins Totenreich . Jedes Gefühl in Chera schwand, wich einer lähmenden Taubheit. Sie war die Dienerin des Pharaos, sie hatte ihrem Herrn zu folgen.

Mina

Der Morgen begann düster, denn der Himmel war wolkenverhangen. Vom feuchten Boden stieg wabernder Nebel auf und die Landschaft schien an diesem Morgen in blaues Licht getaucht.

Ihre Tochter schlief noch, als Mina die kleine Hütte verließ. Es war noch früh und die Luft kalt. Mina musste sich ihren Fellumhang enger um die Schultern raffen. Seufzend und widerstrebend stapfte sie durch den schlammigen Boden, um sich zu den anderen Frauen des Dorfes zu gesellen, die bereits mit ihrer Arbeit begonnen hatten. Die Vorbereitungen waren schon im vollen Gange, denn heute war ein ganz besonderer Tag, der wichtigste des ganzen Jahres. Dieser Tag war nur den Göttern gewidmet.

Der Druide hatte bereits die Nacht durchwacht. Er hatte sie in Trance und mit den unterschiedlichsten heiligen Handlungen verbracht. Als Mina an seiner Hütte vorbeikam, war er dabei, mit ernstem Gesichtsausdruck sein rituelles Messer zu schärfen. Es würde heute eine bedeutungsvolle Rolle spielen. Mina musste einen Moment stehen bleiben, denn ihr wurde das Herz schwer und der Druck nahm ihr den Atem.

Sie zwang sich weiterzugehen und erreichte die Frauen, die am Rande des Dorfes im Gesträuch hockten und die für das Ritual benötigten Kräuter sammelten. Die Männer hatten bereits lange vor Sonnenaufgang das Dorf verlassen, um ihr Jagdglück zu versuchen. Es sollte an diesem Abend wie jedes Jahr ein Festessen geben. Ihr ganzes Leben hatte sich Mina immer auf diesen Tag gefreut, doch heute hätte sie alles dafür gegeben, nicht daran teilnehmen zu müssen. Dieses Mal würde sie eine ganz besondere Rolle dabei spielen. Die anderen Frauen begrüßten sie herzlich, fast andächtig, als sie sich daran machte, mit ihnen die Kräuter zu schneiden. Mina spürte ihre neiderfüllten Blicke, als sie ihnen den Rücken zudrehte. Sie wusste, dass viele gerne mit ihr getauscht hätten. Mina hätte nicht gezögert, ihnen diese Gunst zu gewähren, doch es war unmöglich. Ihr allein wurde die Gunst der Götter zuteil. Es war eine Ehre, von ihnen erwählt zu werden, und man durfte sich ihrem Willen nicht widersetzen, denn das hätte ihren Zorn auf das ganze Dorf gezogen. Doch Mina spürte nichts von dem göttlichen Segen, sie fühlte nur den Schmerz, der mit ihm verbunden war. Wussten die Götter, welchen Schmerz sie den Auserwählten zufügten? Es war schlimmer als ein glühender Dolch im Herzen.

Als die Kräuter gesammelt und dem Druiden übergeben worden waren, kehrte Mina in ihre Hütte zurück. Ihre Tochter war inzwischen erwacht und freute sich über die Rückkehr der Mutter. Mina hätte am liebsten geschrien, so laut, dass ganz Germanien und die Götter selbst von dem Schmerz erfuhren, der ihr zugefügt wurde. Doch sie tat es nicht. Stattdessen nahm sie das Mädchen in die Arme und drückte es so lange an sich, bis die Kleine sich der Umschlingung entwand. Mina ließ sie mit Tränen in den Augen gewähren. Sie war sieben Jahre alt und sie verstand nichts von dem, was an diesem Tag geschehen würde.

Die Männer kehrten von ihrem erfolgreichen Jagdzug zurück. Sie brachten herrliches Fleisch mit, das die Frauen in Verzückung versetzte. Es gab viel zu tun. Die Tiere mussten ausgenommen und enthäutet werden. Dann wurden die Feuer angezündet.

Später, während ihre Tochter friedlich auf dem festgetretenen Erdboden der kleinen, rauchigen Hütte spielte, kamen die Jungfrauen des Dorfes und brachten Blumenkränze und ein feines Gewand, das nur für diesen Tag angefertigt worden war. Mina saß auf ihrem niedrigen Lager, hielt dabei ihre Tochter in den Armen und ließ, vom Schmerz wie betäubt, die Jungfrauen die heiligen Handlungen durchführen. Langsam wurde dem Mädchen bewusst, dass dies kein Tag wie jeder andere werden würde. Sie lachte und klatschte in die kleinen Hände, als sie in feinen Stoff gehüllt und mit Blumen geschmückt wurde. Mina hingegen weinte stumm. Es gab keinen Trost für sie an diesem Tag. Ein junges Mädchen mit strohblondem Haar, kaum drei Jahre älter als ihre Tochter, kam zu ihr und fragte sie mit verständnislosem Gesicht, warum sie weine. Sie könne doch stolz auf den Vorzug sein, der ihr gewährt wurde. Mina hätte sie am liebsten ins Gesicht geschlagen. Was wusste dieses dumme Ding schon?

Vor ihrer Hütte versammelten sich die Dorfbewohner. Zuletzt kam der Druide. Wenn sie gekonnt hätte, hätte Mina den offenen Zugang zu ihrer Hütte verrammelt und wäre mit ihrer Tochter nie wieder herausgekommen. Doch es wäre sinnlos gewesen. Es hätte nur den Zorn der Götter heraufbeschworen.

Der Druide betrat würdevoll ihre ärmliche Behausung. Er brachte wohlriechende Kräuter mit, die ihren Duft in der ganzen Hütte verströmten, und einen Trank, den er unter unzähligen Riten zubereitet hatte. Ihre Tochter schmiegte sich an Mina und umschlang mit ihren Armen die Hüfte der Mutter. Mit großen, ängstlichen Augen beobachtete sie den riesigen, unheimlichen Mann, der ihr noch nie ganz geheuer gewesen war. Sie wollte seinen Trank nicht annehmen. Erst nach der Aufforderung der Mutter, die diese nur mit größtem Leid über die Lippen brachte, nahm sie das Gefäß in die kleinen Hände. Der Trank schmeckte bitter und das Kind würgte. Es benötigte viel Zeit und Geduld, bis sie das Gefäß geleert hatte. Mina wusste, dass es ihrer Tochter nicht geholfen hätte, wenn sie den Trank verweigert hätte. Er machte die Sache nur erträglicher. Es dauerte eine Weile, bis das Gebräu seine Wirkung voll entfaltet hatte. Es machte das Mädchen gefügig und willenlos. Mit stumpfen Augen und abwesendem Gesicht hielt es die Hand der Mutter, die vom Schmerz fast ebenso betäubt war.

Der Druide führte die Prozession an, die hinaus ins Moor zog. Auf rutschigen, ausgetretenen Wegen, die geschickt alle gefährlichen Stellen umgingen, wanderten die Dorfbewohner zum heiligen Ort. Dort bildeten sie einen Kreis und nahmen das berauschte Mädchen in ihre Mitte. Einer der Männer musste es halten, denn Mina hatte nicht mehr die Kraft. Mit jedem Schritt wurde der Druck auf ihrer Brust größer, bekam sie weniger Luft, bis ihr schließlich schwindlig wurde und sie glaubte, ohnmächtig zu werden. Jetzt stand Mina etwas abseits, von den Frauen des Dorfes umgeben, und der Druide stimmte einen heiligen Singsang an. Dann zog er das rituelle Messer hervor. Die blanke Klinge glänzte im bläulichen Tageslicht. Mina verspürte unbeschreibliche Übelkeit. Für einen Augenblick konnte sie Verständnis in den Augen ihres Kindes sehen, und dann, die Götter waren gnädig, ging alles sehr schnell. Noch bevor das Mädchen einen Laut von sich geben konnte, schnitt das Messer gekonnt durch das weiche Fleisch an ihrem Hals. Blut spritzte, dann brach der leblose Körper zusammen. Mina wurde schwarz vor Augen.

Als sie wieder erwachte, lag sie mit durchweichten Kleidern auf dem feuchten Erdboden. Sie raffte sich mühsam auf. Der Leichnam ihrer Tochter war bereits in ein helles Leinentuch gehüllt worden. Mithilfe zweier Männer und unter ständigem Gesang versenkte der Druide sie im Moor. Die Prozession wartete, bis das Opfer völlig von dem dunklen Morast verschluckt worden war, dann zogen sie wieder Richtung Dorf. Niemand bemerkte, dass Mina zurückblieb. Erst am Abend, während des Festmahls, wurde ihnen bewusst, dass sie nicht mehr unter ihnen weilte.

Ilia

Die Wärme umfing ihren Körper, als sie langsam in die frisch gefüllte Wanne aus grauem Marmor glitt. Ihre Dienerin hatte das Wasser ordentlich aufgeheizt, wie sie es befohlen hatte. Die Hitze würde den Kreislauf in Schwung bringen und ihr Vorhaben beschleunigen. Nachdem das Bad gerichtet worden war, hatte Ilia all ihre Bediensteten nach Hause geschickt, sodass sie nun mit sich, ihren Gedanken und ihrem Leid völlig allein sein konnte. In dem riesigen Gebäude auf dem Hügel, das zum größten Teil aus feinstem Marmor bestand, war kein Geräusch mehr zu vernehmen. Nur das leise Plätschern des Wassers, das Ilias Körper umhüllte, tönte überlaut durch ihre Gemächer. Und auch das würde bald verklungen sein. Von dem Aufruhr, der in den Straßen herrschte, war hier oben, weit über den Dächern der Stadt, nichts zu hören. Heute war ein aufregender Tag für das ganze Volk. Der Kaiser war tot. Ermordet von seinen langjährigen Gegenspielern. Und durch diese Freveltat war das Volk in zwei Teile gespalten worden. Die einen beweinten den toten Kaiser, die anderen jubelten und ließen den Mörder hochleben.

Ilia war erleichtert, nicht mehr dabei sein zu müssen. Sie hatte sich so schnell es ihr möglich war in ihr Haus zurückgezogen, wo sie im wahrsten Sinne des Wortes über den Dingen thronte und sich auf ihre ganz eigene Weise mit dem Ereignis beschäftigte, das auf so tragische Weise mit ihr verbunden war.