Weil ich dachte, dass ich muss - Alexander Denkert - E-Book

Weil ich dachte, dass ich muss E-Book

Alexander Denkert

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Beschreibung

"Schon beim Frühstück war ich nervös, auch etwas ängstlich. Insgesamt angespannt. Nicht nur, dass ich nicht wollte - Erste Tage fühlen sich einfach meistens grauenvoll an und ich hatte schon so viele davon in diesem Jahr." Über den Zeitraum von zwei Wochen, zeichnete der Künstler Alexander Denkert seine Erfahrungen als Arbeiter im Messebetrieb mit und verpackte diese in ein zerschmetterndes Memoir über die Zermürbung von Ambitionen durch den Prozess der monotonen Arbeit.

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Seitenzahl: 105

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Ertrag es

IFA Tag 1

IFA Tag 2

IFA Tag 3

IFA Tag 4

IFA Tag 5

IFA Tag 6

IFA Tag 7

Mach es

InnoTrans Tag 1

InnoTrans Tag 2

InnoTrans Tag 3

InnoTrans Tag 4

InnoTrans Tag 5

So ist es

Ertrag es

Schon beim Frühstück war ich nervös, auch etwas ängstlich. Insgesamt angespannt. Nicht nur, dass ich nicht wollte. Erste Tage fühlen sich einfach meistens grauenvoll an und ich hatte schon so viele davon in diesem Jahr.

Ich war bereits fertig mit dem Essen, machte frischen Kaffee und versuchte mich selbst zu beruhigen, da meldete mein Telefon einen Anrufer. Die Nummer sagte mir nichts und als ich den Anruf entgegen nahm, meldete sich Herr Schmidt, der Mann bei dem ich vor zwei Tagen erst den Vertrag unterschrieben hatte. Er sagte mir, man würde mich heute nicht brauchen und es täte ihm leid. Ich fühlte Erleichterung. Dann fragte er mich, ob ich an den restlichen Tagen statt 14.30 Uhr nicht schon 11.00 Uhr kommen könnte. Ich sagte 11.00 Uhr ist nicht 14.30 Uhr. Ich war bereit die ganze Geschichte abzublasen. Am Telefon kam es zu keiner Klärung. Wir wollten beide nicht nachgeben und so verblieben wir. Die Anspannung war gelöst. Ich lief redend durch die Wohnung und wollte mich grad einer viel lustigeren Sache widmen, als Herr Schmidt erneut anrief. Er sagte, das sei nun der peinliche Anruf, in dem er mich fragen müsse, ob ich nicht doch heute arbeiten könnte. Ich war enttäuscht, aber willigte ein. Und da fragte er mich noch ein Mal, ob ich die restlichen Tage nicht doch schon um 11.00 Uhr kommen könnte. Und auch da sagte ich: ist okay.

IFA Tag 1

Ich laufe zum Bahnhof Bornholmer Straße, da an der Ringbahn gebaut wird. An der Bornholmer Straße wird auch gebaut, aber nur die Straße. Die Anspannung ist wieder da. Ich gehe in schnellen Schritten, muss aber feststellen, dass die Bahn, die ich erreichen wollte, grad wegfährt. Ich hätte eher losgehen müssen, ich hatte mich verlesen. Ich spüre, wie die Anspannung in mir größer wird. Von hier fährt so ziemlich alles über Friedrichstraße, denke ich mir. Aber da kommt lange nichts. Ich beginne zu rechnen. Das macht mich nur noch nervöser, aber ich kann es nicht lassen. Endlich kommt eine Bahn. Umsteigen Friedrichstraße ist kompliziert, denn auch da wird gebaut. Ich gehe einen umständlichen Weg zum richtigen Bahnsteig und stelle fest, es wäre auch einfacher gegangen. Ich rechne wieder und steige in die nächste Bahn, die zum Westkreuz fährt und steige da aus. Auf der Fahrt dahin, bekomme ich eine Panikattacke, weil ich kurz glaube, ich sei zu weit gefahren. Ich habe noch zehn Minuten. Das wird knapp. Aber wenn ich den Weg gleich finde, dann sollte das reichen. Ich finde den Weg gleich, laufe durch den Fußgängertunnel und über die riesige Kreuzung vor der Messe und bin pünktlich.

Herr Schmidt ist es nicht. Ich warte wie verabredet am Tor 9 auf ihn. Es ist hektisch am Tor 9. Ständig kommen Autos von der großen Straße in die Einfahrt gefahren und ich stehe im Weg. Außerdem strahlt die Sonne heute sehr heiß und ich suche Schatten und Herrn Schmidt. Da ruft er mich an und sagt, er würde noch fünf Minuten brauchen. Insgesamt warte ich mindestens 20 Minuten. In der Zwischenzeit hat ein Ordner mir gezeigt, wo ich warten soll. Er hat es mir eher befohlen. Herr Schmidt begrüßt mich freundlich. Er ist ohnehin ein sehr freundlicher Mann. Klein, aber gutaussehend. In einem schmal geschnittenen Anzug, mit Einstecktuch, aber ohne Krawatte.

Er führt mich über einen kompliziert wirkenden Weg zu seinem Auto. Er gibt mir eine schwarze Hose. Ich trage bereits eine schwarze Hose, doch für den Fall, die wären damit nicht zufrieden, soll ich besser mal die neue anziehen. Wir gehen weiter, benutzen Fahrstühle, Rolltreppen, gehen durch schwere Türen. Ich habe längst die Orientierung verloren. Wir kommen bei einem Mann mit Schnauzer und Brille an, der mich fragt, in welcher Größe ich mein schwarzes Polohemd haben will. Ich denke S und sage M. Er schaut mich an und fragt Sicher? Sie müssen das in die Hose stecken! Ich nicke und unterschreibe einen Zettel auf dem steht, dass ich ein schwarzes Polohemd, Größe M erhalten habe. Ein junger dicker blasser Mann, vielleicht um die 20 ist zu uns gekommen und erklärt mir, was ich mit meinem Hemd mache, sollte es schmutzig oder durchgeschwitzt sein. Er hat Spaß dabei. Der schnauzbärtige Mann steht aufmerksam neben uns und bestätigt lobend. Der blasse und ich gehen in einen Raum, in dem wir uns umziehen. Die Hose ist verdammt weit. Das Polo auch. Ich fühle mich wie ein Clown. Meine Sachen stopfe ich in meinen Rucksack, den Rucksack in einen Gitterwagen voller anderer Rucksäcke und Taschen. Dann verschließt der Mann, der mir mein weites Polo gegeben hat, den Gitterwagen mit einem Schloss.

Nachdem mir alles zur Kleidung erzählt wurde, folge ich nun wieder Herrn Schmidt. Wir fahren mit der Rolltreppe nach unten, kreuzen den Weg einer Hostess. Er sagt Diese Hostessen! Ich sage Nicht in der Hose. Und er antwortet Frauen, die nur auf Äußerlichkeiten achten ohne die Absicht, diesen Satz noch beenden zu wollen. Ich bemerke, wir reden von Hostessen. Nach einer Weile kommen wir zu zwei Fahrstühlen, die sich gegenüber voneinander befinden. Die Türen befinden sich an der Außenseite des Gebäudes, aber es gibt einen kleinen offenen Vorraum für sie. Herr Schmidt trifft hier und auf dem ganzen Weg schon immer wieder Leute, die er freundlich und locker mit Handschlag begrüßt.

Wir fahren in den dritten Stock, gehen durch eine Spülküche und kommen in einen Raum voller Männer in schwarzen Polohemden. Hinter drei zusammengeschobenen Tischen sitzen zwei Männer und eine Frau, natürlich alle komplett in schwarz. Herr Schmidt sagt, dass ich mich nun jeden Tag bei denen anmelden soll. Am besten fünf bis zehn Minuten vor Dienstbeginn. Einer der Männer, er ist sehr dick, fragt mich nach meinem Namen und trägt diesen und die Uhrzeit in eine Tabelle auf einem DIN A5 großen Blatt Papier ein, das jetzt quer vor ihm liegt. Dann beachtet mich keiner mehr. Ich nehme an, dass ich nichts weiter zur Erfassung beitragen muss. Herr Schmidt fragt mich, ob ich etwas trinken möchte, gibt mir einen Becher und gießt Wasser ein. Es gibt nur sehr kleine Becher - Espressotassen to go. Ich setze mich zu den anderen, die genau so aussehen wie ich, auf eine Bierbank. Herr Schmidt geht weg. Nach einer Weile kommt eine Frau in einem schwarzen Polohemd herein und erzählt mit lauter Stimme, dass man an einer bestimmten Stelle nicht mehr rauchen soll, da sich jemand beschwert hätte. Stattdessen, soll man eine Stelle auf der anderen Seite des Gebäudes dafür aufsuchen. Dann steht einer der Männer hinterm Tisch auf, hält einen Zettel hoch und bittet alle laut darum ihm zuzuhören. Dann beginnt er zu erklären, was bei diesem Zettel und beim Abräumen zu beachten ist. Ich höre das alles zum ersten Mal und verstehe fast gar nichts von dem, was er da sagt.

Und bei dir? Wie läufts?

Ich weiß nicht so recht. Ich habe keine Ahnung was ich machen soll. Ich warte nur.

Hmm... Sind da keine Leute, die dir sagen was abgeht?

Doch. Aber ich verstehe nichts. So wie es aussieht sind wir Abräumer. Und dann soll ich Dinge zählen die ich abräume. Ich verstehe nichts.

Dann frag nochmal jemanden.

Ich warte bis was los geht.

Ok. Na wenn das niemandem negativ auffällt, dass du wartest..

Ne, alle warten.

Ich hätte mir fast ein schwarzes Minikleid gekauft.

Ouh. Bist zur Zeit im Kaufrausch?

Ich glaube schon.

Tööööööte mich.

Ach neiiiiin!!! Ist es so scheiße dort?

Classic erster Tag.

Scheiß erste Tage! Am besten du rauchst mal eine Zigarette.

Zigaretten im Spind vergessen.

Noooooo! Und der ist zu weit weg? Dann musst du einen Kollegen anhauen.

Ich warte mal ab wie alles abläuft.

Da werde ich gefragt, wie ich denn gleich noch mal heiße. Und dann sagt man mir, ich solle mit Steffen mitgehen. Steffen sagt mir, ich soll mir einen Wagen schnappen. So ein Wagen besteht aus einer Ladefläche mit einem Geländer zum Schieben oder Ziehen und vier Rädern. Zwei davon, die unterm Geländer, sind beweglich, mit ihnen kann man also lenken. Außerdem haben diese beiden Räder jeweils einen Hebel zum festsetzen. Man nennt diese Wagen hier Plattenwagen. Woanders nennt man einen Plattenwagen einen Wagen mit dem man Platten transportiert und der sieht ganz anders aus.

Steffen geht voran und ich folge ihm. Er liest unser Ziel von Zetteln ab, die man ihm mitgegeben hat und wir laufen mit unseren Wagen durch die mit Messeständen und Messebesuchern gefüllten Hallen. Währenddessen erzähle ich ihm, dass heute mein erster Tag ist. Er antwortet, dass auch er heute das erste Mal da ist. Dabei bewegt er sich so sicher, dass ich das kaum glauben kann. Aber bestimmt ist er auch ein paar Stunden vor mir gekommen. Steffen trägt an seinen Gürtel befestigte Boxen mit sich herum. Darüber spielt er Musik von seinem Handy ab, die er letzte Nacht noch selber komponiert hat. Das behauptet er zumindest. Das Display seines Samsung ist völlig zerstört und er erzählt mir begeistert mit aufgerissenen Augen und leicht lispelnd, dass er Hoffnung hat, hier auf der Messe ein neues zu bekommen. Wenn wir an einem Messestand angekommen sind, der auf unserer Liste steht, betritt Steffen diesen und sucht einen Verantwortlichen. Oft vergisst er dabei seine Boxen aus zu machen. Hat er einen gefunden, fragt er ihn, ob es schon etwas zum Abräumen gibt. Die meisten Aussteller schauen ihn darauf hin fragend an und er beginnt zu erklären, dass wir zum Catering gehören und sollten sie Pfand oder benutztes Geschirr abzugeben haben, dann würden wir das jetzt auf unsere Wagen packen und mitnehmen. Erst jetzt verstehe ich, was mein Job für diesen und die nächsten sechs Tage sein wird. Während wir unserer Arbeit nachgehen, unterhalten wir uns. Steffen hat früher im Messebau gearbeitet. Da hat er viel mehr Geld verdient. Viel mehr! Aber jetzt hat er erfahren, dass er bald Vater und eine Familie haben wird. Deshalb will er regelmäßiger Arbeiten. Dafür verzichtet er auf das unregelmäßige viele Geld. So ganz kann ich das nicht nachvollziehen. Die Regelmäßigkeit wäre mir egal, ich würde immer das viele Geld vorziehen. Dieser Gedanke verdeutlicht mir meine Situation.

Unsere Liste ist abgehakt. Wir sind jeden Stand angelaufen, aber keiner hatte etwas abzugeben. Also gehen wir, die leeren Wagen hinter uns herziehend, wieder zu dem Raum zurück, in dem alle warten. Es dauert auch nicht lange, da sagt mir die Frau, die vorhin noch erklärte, wo man besser nicht raucht, dass ich nach Hause gehen könne. Sie schreibt mir eine halbe Stunde extra auf. Damit du wenigstens auf vier Stunden kommst. Das sind 36 Euro. Brutto. Also gehe ich und suche den Raum, in dem sich mein Rucksack befindet. Ich verlaufe mich dabei und rufe Herrn Schmidt an. Ich finde den Raum nach seiner Beschreibung. Die Tür steht offen, weil jemand anderes drinnen zu Gange ist. So komme ich ohne nach einem Schlüssel fragen zu müssen rein, ziehe mich um, nehme meinen Rucksack und bin weg.

Nach ner Weile ist es dann immer ganz erträglich.

Wie lange geht es denn heute?

Ich bin schon auf dem Heimweg, weil heute nicht viel los war. Aber ab morgen dann 8-10 Stunden. Eher 10.

Urgh 10 Stunden ist schon viel. Aber gut: wenigstens bezahlt.

IFA Tag 2

Heute und die restlichen fünf Tage auch beginne ich also um elf mit der Arbeit. Fünf bis zehn Minuten früher soll ich mich anmelden, wie Herr Schmidt gesagt hat. Und eine halbe Stunde eher, soll ich auf dem Messegelände eintreffen, wie in der eMail steht, die ich vorgestern mit allen Anweisungen und einem Plan des Messegeländes erhalten habe.

Ich spüre, wie die Arbeitsschutzschuhe durch meinen Rucksack hindurch in meinen Rücken drücken. Die haben Stahlkappen und ich habe sie mir letztes Jahr für einen anderen Job kaufen müssen. Ich hatte sie als unbequem in Erinnerung, war aber gestern von ihrem Tragekomfort angenehm überrascht. Jetzt trage ich die Schuhe zur Bahnhaltestelle, weil ich mit ihnen an den Füßen nicht gesehen werden will. Ich bin weniger angespannt als gestern. Ich denke auch, dass ich zeitig genug das Haus verlassen habe, um nicht in Zeitnot zu geraten. Aber so richtig traue ich