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In romanhafter Biografie wird die Großmutter, ihre Tochter und Ihre Enkeltochter in den Zeitumständen des 20. Jahrhunderts gezeichnet. Jede Frau dieser Ursprungs - Familie wird über ihre Rolle als Mutter subtil hinterfragt. In den jeweiligen Dialogen mit Priestern oder Therapeuten spiegelt sich ein Bild, das deutlich macht, welche Einflüsse sich auf die Frauen der nächsten Generation übertragen und auch noch in der Enkelin sichtbar sind. Bemerkenswert ist die netztförmige Darstellung und die nicht ausgesprochene Frage nach der Schuld der Beteiligten. Die Autorin schildert die drei Mütter jeweils in typischen Konfliktsituationen und in einer Art, die an Familienaufstellung erinnern mag und webt unmerklich aktuelle, transgenerationale Erkenntnisse der Psychologie in die Handlungen ein. Immer steht die Frage unausgesprochen im Raum, warum erreicht diese Mutter nicht die klassische Idealvorstellung, die in unseren Köpfen herrscht ?
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2020
Danksagung :
Dank an meine kluge Mitarbeiterin Tanja,
die das Vorlesen geduldig ertragen hat.
Für meinen geliebten Ehemann, ohne den dieses
Buch nicht entstanden wäre.
Sheila Catz
Weil Sie eine schlechte Mutter ist …
Drei Generationen - eine Familie - im 20. Jahrhundert
© 2020 Sheila Catz
Umschlag: N.N.
Lektorat: Giorgio Wicklein
Weitere Mitwirkende:
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN :
Paperback 978-3-347-18469-5
Hardcover 978-3-347-18470-1
e-Book 978-3-347-18471-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Der Roman basiert nicht auf realen Geschichten oder Persönlichkeiten. Alle Ähnlichkeiten und Namen mit heutigen oder früheren Personen sind rein zufällig und nicht bewusst verwendet.
Ein bittersüßer Traum…
durchflutet diesen Morgen
legt meine Wünsche bloß
ist warm in mir,
behütet,
durchstrahlt den grauen Mittag
mit zarter Hoffnung.
blausamtene Trauer
durchfließt die Dämmerung
und lässt die Sehnsucht abends
nach meinem Traumbild
schmerzlich wachsen.
(Sheila Catz)
Weil sie eine schlechte Mutter ist …
Drei Mütter - eine Familie - im 20. Jahrhundert
Die Beobachterin aus allen Zeitzonen erzählt über das Leben von Anna, Betty und Mary, die alle einer mütterlichen Linie entstammen:
Anna trat vor dem ersten Weltkrieg sehr jung ins Kloster der Niederbronner Schwestern ein, um als Novizin aufgenommen zu werden. Das geschah zur großen Erleichterung der Eltern, denn Anna war im Umgang in der Familie alles andere als einfach. Männern gegenüber verhielt sie sich abweisend, mitunter richtig barsch. Andererseits war sie eine eifrige Kirchgängerin, weit über das Maß hinaus, das von ihr erwartet wurde.
Betty war zur Zeit des Hitlerregimes Annas Tochter. Sie hatte ältere und jüngere Geschwister. Ihre Mutter führte ein hartes Regiment, verlangte ihren Töchtern bei der Mithilfe im Haushalt viel ab und erwartete große Frömmigkeit.
Mary war zur Zeit des Wirtschaftswunders Bettys zweite Tochter. Sie hatte noch eine ältere Schwester und zwei jüngere Brüder. Das Verhältnis zu ihrer Mutter war von Kindheit an sehr schwierig.
In der folgenden Erzählung sind die drei Frauen- Großmutter, Mutter, Tochter als
1. oder 2. oder als 3. Generation gekennzeichnet.
3. Generation :
Mary im Gespräch mit einem Psychotherapeuten
Mary, Ehefrau und Mutter von zwei Kindern, berufstätig. Im Raum hörte man das gelegentliche Knarren eines Lederstuhles von Ihrem Gegenüber.
»Wann hat dieses Schuldgefühl angefangen?«
»Beim Betrachten des Fotos von einem Kindergartenfest.«
Es entstand eine lange Pause. Räuspern.
»Wollen Sie mir das erklären?«
»Ich habe Fotos sortiert. Da habe ich mich selbst gesehen. Und sofort kam diese Mutlosigkeit wieder. Ich hatte bei einem Schnappschuss meine Augen nach oben gedreht, die Hände krampfhaft gefaltet zu einer Raute. Vielleicht hatte das meine Tochter geknipst. Und sofort fiel mir wieder ein, wie sehr ich mich fremd fühlte und - na ja - auch langweilte. Ich wollte nicht da sein, nicht das Kindergekreisch und Geplapper ertragen, das hohle Gerede der jeweiligen Mütter. Ich dachte mir dann:
Du müsstest doch stolz, fröhlich, dankbar sein inmitten dieser Menschen, die sich anscheinend wohl fühlen und Spaß haben. Ich fühlte mich einsam, überdrüssig. All das, das sind doch Scheißgefühle. Und dann dieser Kindergartensound, die hohen affektierten Töne der Frauen, dieser gezwungene Optimismus. Und ich hatte zu diesem Zeitpunkt wirklich keinen Nerv dafür. Meine Gedanken kreisten um meinen kranken Mann, um den kritischen Zustand unserer Praxis.«
Ihr Gegenüber räusperte sich wieder.
»Und diese Gedanken fanden sie da nicht angebracht? «
»Ja. Und ich wollte allein sein, nicht Tag und Nacht für die Kinder da sein, die all sorgende immer gütige Mutter geben, das war ich nicht.«
»Das ist doch schon ziemlich lang her, können Sie diese Gefühle jetzt noch spüren? « Sie atmete laut aus.
»Ja, ich glaube schon. Ich fühle mich gerade genauso mies wie damals.«
Durch das zum Garten geöffnete Fenster war ein Rotkehlchen mit seinem süßen schmelzenden Gesang zu hören. Eine Amsel fiel mit lauten Zwitscherlauten ein, es raschelte in der Kletterglyzinie an der Hauswand. Mary bemerkte dies fast automatisch, ihre ganze Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf das Gesicht des Psychiaters.
Ihr Gegenüber stand auf.
»Für heute lassen wir es dabei.«
Mary blieb reglos sitzen. Wir lassen es dabei? Ohne Kommentar, ohne ein mitfühlendes Wort? Der Therapeut schrieb, ohne sie weiter anzusehen.
»Dann bis zum nächsten Mal.«
Sie ging steifbeinig hinaus und zu Fuß nach Hause, es war nicht weit. Normalerweise hätte sie auf jeden Vogelruf geachtet, hätte versucht, die einzelnen Exemplare zu bestimmen. Überall waren die Singvögel im Park, der Duft von frisch gemähtem Gras legte sich wie eine Wolke um Mary. Warum wollte ich gleich noch mal eine Psychotherapie machen? Die Stimme ihrer homöopathischen Ärztin war noch im Ohr, die feststellte: `Wir kommen jetzt nicht weiter, wir müssen hier noch psychotherapeutisch etwas tun, bitte denken Sie darüber nach.´ Am Abend stellte sich dann Erleichterung ein. Es gibt keine falschen Gefühle, das ist Unsinn. Doch die Nacht schickte Träume, die sie mutlos machten und ängstigten. Es waren Träume von gefährlichen Autofahrten, bedrohlichen Personen, die sie nicht kannte, Abwärtsstürzen in die Tiefe.
Diese Gespräche wühlten sie auf, am Morgen fragte sie sich, wozu überhaupt aufstehen? Dann kam der unerbittliche innere Marschbefehl:
Für deinen Mann, deine Familie. Du hast einen Haufen Pflichten heute, reiß dich zusammen.
Der innere Diktator wirkte, sie stand mühsam und traurig auf.
1. Generation:
Anna Klosterfrau, nach beendigtem Noviziat, sprach mit dem Beichtvater
Anna wartete auf den Seelsorger des Klosters. Sie hatte eiskalte Hände und Füße, ihr war schwindlig. Sie fühlte das Herz bis zum Hals hinauf pochen. Dann versuchte sie, sich zu beruhigen. Ich habe doch gar nichts Böses getan, habe ich etwas Schlechtes gedacht?
In der Kapelle durchzog kalter Wachsgeruch die leicht modrige Luft, Anna saugte sie förmlich ein, es beruhigte sie ein wenig. Dann hörte sie die Beichtstuhltür knarren. Sie konnte im Dämmerlicht wenig erkennen, der Vorhang wurde vom Holzgitter zur Seite gezogen. Sie bekreuzigte sich und sprach die rituelle Formel:
»Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, in Demut bekenne ich meine Sünden «.
Sie wartete auf die übliche Frage des Pfarrers. Aber heute schwieg er lange, bevor die Stimme hinter dem Holzgitter erklang:
»Anna, wie lang bist du jetzt schon im Kloster?«
» Drei Jahre, Hochwürden.«
»Und würdest du sagen, du hast deinen Platz gefunden? «
Die Frage traf sie unvorbereitet. Ihre Gedanken flogen wild umher, was bedeutet das denn, wie sage ich das Richtige? Sie war nicht zufrieden, weder mit sich, noch weniger mit den Mitschwestern.
»Ich habe das Gefühl, ich muss noch besser werden, ich glaube, ich bin nicht die Richtige für meine Aufgaben.«
»Du bist doch nach dem Noviziat im Wirtschaftstrakt eingeteilt worden und du machst die Kochausbildung?«
» Ja, aber… das ist so weltlich. «
»Im Noviziat hat es mir besser gefallen, die religiösen Übungen, die Texte der Heiligen, die Sakristei-Pflege, das Schmücken der Altäre und der kleinen Kapelle…
Und dann die frühen Gottesdienste, die Luft ist noch ganz frisch und kühl, das Vogelgezwitscher begleitet mich in die Kirche. Beim Küchendienst kann ich immer erst viel später gehen, ich muss doch das erste Morgenmahl herrichten. «
»Anna, jeder muss seinen Platz ausfüllen, wo er es am besten kann. Und die Novizenmeisterin hat dich in die Küche gestellt, offenbar bist du dafür geeignet. «
Anna hustete mühsam und lange.
»Und du hast doch nächste Woche deine Untersuchung ? «
»Ach das ist nichts.«
Auch jetzt hatte sie wieder gelogen, eine Welle der Scham überflutete sie. Sie fürchtete sich vor dieser Untersuchung, was würde der Doktor dieses Mal finden?
»Was hast du sonst noch zu beichten, was belastet noch dein Gewissen? «
»Ich möchte den anderen oft sagen, was sie falsch machen, aber es kommt immer zum Streit. «
»Anna du musst das Schweigen lernen und die Demutsübungen machen.«
Ein paar lässliche Sünden fielen Anna noch ein, hässliche Gedanken über eine Mitschwester, die sie immer kränken wollte und noch die Sünde des Stolzes - ich bin besser beim Anrichten der Saucen. Ich weiß doch schon so viel, ich habe daheim von der Mutter einiges gelernt.
Nach der rituellen Absolution und den auferlegten Bußgebeten von zehn Vaterunsern, die sie kniend vor der Marienstatue betete, verließ Anna langsam die Kirche. Sie hatte den Kopf gesenkt mit Blick auf den Boden, so stellte sie sich Demut vor; sie bemerkte sehr wohl ihre Mitschwestern, gab aber vor, sie nicht zu sehen.
Draußen blieb sie vor dem großen antiken Spiegel stehen, er war altersfleckig. Aber sie konnte sich erkennen, ihr Gesicht weiß, fast durchsichtig. Die dichten Brauen zusammengezogen, erinnerte sie sich an ein zufällig erlauschtes Gespräch der Eltern.
»Sie wäre ja gar nicht übel, das Gesicht, na ja, sie schaut immer finster, aber wenn sie lacht, mag es ja gehen.«
Ihre Mutter verteidigte sie nicht, es demütigte Anna und tat weh. »Sie ist nicht so hübsch wie ihre Schwestern, aber ihr Gesicht hat Charakter, wo hat sie bloß die schwarzen Haare her?“
Ja, woher , das fragte sie sich oft. Alle anderen waren blond und hatten helle Augen. Sie hatte zwar grüne Augen, aber die schwarzen Haare waren ungewohnt in der Familie. Und dann dachte Anna, bin ich auch viel zu groß für eine Frau. Wenigstens bin ich nicht dick, trotz des Küchendienstes. - Schon wieder stolz, das ist eine Sünde, sie beschimpfte sich jetzt selbst, ihre Züge wurden steinern, mit zusammengepressten Lippen betete sie wieder.
2. Generation:
Betty beim Hausarzt
»Betty, wie lange sind Sie jetzt schon hier im Dorf?« »Zwei Jahre, Herr Doktor.«
»Haben Sie noch mehr abgenommen?«
»Ja, aber ich habe wirklich keinen Hunger und ich kann so schlecht schlafen.«
»Betty, wie kommen Sie mit Ihrer neuen Familie zurecht?«
»Ach, ich habe doch meine kleine Tochter, ich stille noch, und die anderen, na ja - ich versuche nicht hinzuhören, wenn sie … wenn sie - wieder unfreundlich sind.«
»Ihr Mann ist noch in Gefangenschaft?«
Betty hielt den Atem an, als könnte ihn allein der Gedanke, das er nicht wieder käme, in der Ferne töten.
»Sie haben doch genug zu essen, ich meine die Familie ist doch gut versorgt mit Metzgerei, Landwirtschaft, Gasthof, Wald, Fischteichen?«
»Ja, meine Schwiegermutter sorgt sich um mich, sie meint, ich darf nicht noch mehr abnehmen.«
»Sie ist gut zu mir.« Soweit die anderen Hexen das zulassen, dachte sie und holte wieder tief Luft. Ihr fielen die Gehässigkeiten ein, die sie gestern wieder mit anhören musste, auch der Schwiegermutter gegenüber, die ihr klein und wehrlos vorkam.
»Also zu essen haben Sie, die Kleine ist gesund, warum schlafen Sie so schlecht?«
»Ich denke an meinen Mann, er ist seit einem Jahr in russischer Gefangenschaft, der Krieg ist doch zu Ende, alle anderen Männer im Dorf sind daheim, und er kommt nicht.«
Jetzt konnte sie das Weinen nicht mehr aufhalten, das harte Schluchzen erschreckte sie selbst. »Ich wäre doch nie von der Stadt hierher gegangen, hätte ich gewusst, dass ich hier so lange allein bin.«
»Brauchen Sie wieder etwas zum Schlafen?«
»Ja, ich muss wieder mal schlafen.« Der Doktor betrachtete Betty nur kurz.
»Ich gebe Ihnen ein Brompräparat, das beruhigt auch.«
»Falls die Kleine nachts weint, würde das jemand hören?«
Alle, alle, dachte Betty, alle, die wollen mich als schlechte Mutter sehen, sie belauern mich.
»Ja meine jüngere Schwägerin würde es hören, die nimmt die Kleine oft tagsüber, wenn ich Kundinnen frisiere.«
Ich sollte dankbar sein, dachte sie, dass Katie die Kleine nimmt, aber das lässt sie mich auch spüren, ich kann nichts richtig machen. Und dann plötzlich kam die beschämende Erkenntnis: Ich frisiere auch lieber die Haare der Kundinnen, das Kind kostet mich zu viel Nerven, ich bin sicher keine gute Mutter. Und außerdem hatten die auch mal ein gutes Wort für mich und lobten die neue Stadtfrisur, die Betty ihnen geschickt gezaubert hatte.
»Sie müssten allerdings abstillen, wenn Sie das Schlafmittel nehmen.«
»Das wird schon gehen, ich stille jetzt doch schon über ein Jahr«. Wenigstens die Last ist weg, dachte sie, da habe ich jetzt einen Grund.
Auf dem Heimweg liefen ihr wieder die Tränen herunter. Sie ging langsam ins Dorf zurück, der Weg zog sich ermüdend hin, ihre Gedanken kreisten um das Erlebnis vergangene Nacht. Obwohl der Tag für Anfang Juni warm war, fror und zitterte sie. Die Abendsonne flirrte durch die dichten graugrünen Erlenzweige, der warme Wind trug den Duft von Lindenblüten und Betty brach plötzlich in Schweiß aus.
Letzte Nacht war sie leise die ausgetretenen Steinstufen in den muffigen Keller gestiegen. Sie hoffte, dass keiner sie bemerken würde. Sie wollte Elsie suchen, ihr Lieblingshuhn, das sie den ganzen Tag nicht gesehen hatte. Wieder etwas, was sie in den Augen der Verwandtschaft nicht auf die Reihe bekam:
Auf ein paar Hühner aufzupassen.
Als Betty im Bett liegend sich alle Orte vorstellte, wo Elsie sein könnte, war ihr der Keller eingefallen. Sie schlich an der Kleinen in der Wiege vorbei und machte sich auf den Weg. Aus der Wirtsstube kam grobes Gelächter und Johlen. Sie krampfte ihre Hand in das Nachthemd und tappte im Dunkeln die ausgetretenen Stufen hinunter.
Betty stieg ungern in den Keller. Sie fürchtete sich vor den Geräuschen und Gerüchen. Das gesamte Anwesen war unterhöhlt, das Wasser tropfte von den Wänden, ihre Schwiegermutter erzählte immer wieder von den Kellergängen. Die führten bis zur Schlossruine, die noch teilweise intakt waren, alles Relikte aus den Schwedenkriegen. Und wahrscheinlich führten sie bis zur Stadtfestung, Auf diesem Weg wurden damals die Belagerten versorgt, das mussten doch etliche Kilometer Gänge sein, ob die noch alle begehbar waren? Und wenn man da durchgehen konnte, das war ja auch in ihre Richtung möglich, oder? Diese Gedanken gingen Betty durch den Kopf und verstärkten noch ihre Angst.
Mist, sie hatte vergessen, ihre Eier einzuschließen. Alles musste eingeschlossen werden, so was Blödes. Das Kostbarste im Keller verwaltete ihre Schwiegermutter: Die Buttervorräte.
Aus modrigem Dunkel drangen Stimmen zu ihr hinauf.
Nach einer Weile erkannte sie, wer da flüsterte. Katie und Martha waren da unten, vielleicht auch Elly. Sie blieb stehen und konnte jetzt einzelne Satzfetzen verstehen.
»Nimm nicht so viel, dir wird schlecht«.
»Du brauchst reden, du hast doch schon mindestens ein halbes Pfund gefressen«. Betty hörte Schleifgeräusche, als würde etwas Schweres über den Boden gezogen.
Es war das Schleifgeräusch vom Butterfass. Sind die an den Buttervorräten? Ihr Herz klopfte wild, sie konnte kaum atmen.
Eine Welle der Übelkeit überflutete sie, ihr Herz schlug bis zur Kehle, ihre Hände und Füße waren eiskalt und sie wurde stocksteif.
Die Butter war rationiert, es waren sehr schlechte Zeiten, die Schwiegermutter musste für 15 Personen Lebensmittel einteilen. Immer wieder klagte sie, dass etliches fehlen würde, vor allem Butter.
Jeder verdächtigte den anderen, Betty war schon oft die Zielscheibe von Anschuldigungen der beiden Schwägerinnen gewesen, manchmal machte auch Elly mit, je nach Laune.
Betty fror und konnte nicht richtig klar denken. Elsie war bestimmt nicht da unten, die anderen hätten sie schon längst hochgejagt. Sie löschte zitternd die Petroleumlampe und zog sich ganz langsam an der rissigen Wand nach oben zurück, darauf bedacht, ja kein Geräusch zu machen. Oben wurde die Tür zur Gaststube aufgerissen, mit schweren Schritten tappte jemand nach draußen zur Pissrinne, der Wind schlug die Haustür zu.
Jetzt erst merkte Betty, dass sie am ganzen Körper zitterte, sie hob mühsam die Füße auf den schmutzigen Fliesen, um an die Treppe zum Oberstock zu kommen. Dort sank sie in sich zusammen, sie fühlte einen Kloß im Hals, der Herzschlag war noch schneller geworden und sie merkte, dass sich der Boden unter ihr drehte.
Dann hörte sie schwere Schritte auf der Kellertreppe. Ich muss weg, die finden mich sonst. Sie klammerte sich an die Stufen, schob sich langsam hinauf.
Die Stufen waren ausgetreten und richtige Stolperfallen. Das fehlt mir noch, dass die mich hier ertappen.
Dann stimmte das doch, dass die Vorräte gestohlen wurden. Ihre eigenen Leute? Nein, das sind nicht meine Leute, entschied sie. Sie haben mir das bei der Schwiegermutter anhängen wollen. Drecksbande, fressen die Butter blank und die anderen haben das Nachsehen.
Schließlich fiel sie in ihr Bett, eiskalt, die Kleine neben ihr atmete laut und machte kleine Schnarchgeräusche.
Während die Erinnerung an die vergangene Nacht wie ein Film vorüberzog, stieg ihr beim Heimweg ins Dorf das Schluchzen in der Kehle hoch, sie konnte es nicht unterdrücken. Es waren noch etliche Kilometer. Ich muss die roten Augen wegkriegen, es werden sonst alle sehen.
Ich werde mich wehren, ich werde sagen, was ich gehört habe. Ja und dann?
Würde sich die Schwiegermutter gegen ihre Töchter stellen? Und wie würden die 4 Söhne reagieren, die schon aus dem Krieg daheim waren, während sie noch auf ihren Mann warten musste?
Nein, die hatte schon genug Kummer, sie sah zur zeit richtig krank aus. Das ist ja lächerlich, dass ich die Butter gestohlen hätte, mir schlottern die Kleider am Leib, die Schwägerinnen wiegen fast das Doppelte von mir.
Jetzt tauchten die ersten Häuser auf, Betty war erleichtert, sie wischte sich mit ihrem Taschentuch das Gesicht ab. In den Flüchtlingsbaracken, an denen sie vorüberging, wohnten fast nur Frauen. Sie schauten auf, prüfend und misstrauisch, als Betty langsam vorbeiging.
Einige standen hoch geschürzt an ihren Waschbottichen, die schlecht bezahlte Feldarbeit war geschafft, jetzt folgte die Plackerei mit der Hausarbeit.
Eine erkannte sie und sprach sie an.
»Betty, hast du wieder Arbeit für mich?«
»Nächste Woche Leni, heute nicht.«
Leni war Weißnäherin und konnte richtig gut kochen, obwohl sie noch so jung war. Mit hängendem Kopf drehte Leni sich um, der Boden knirschte unter ihren Holzschuhen, als sie zur Baracke zurück schlurfte.
Dass Leni bei ihr arbeitete, wurde von der Verwandtschaft nicht gern gesehen. Das sind doch alles Zigeuner, Betty hatte die Stimme ihres Schwagers im Ohr, die stehlen doch nur.
Zigeuner? dachte Betty, die kommen doch alle aus Schlesien, sie können wunderschön sticken, stricken, klöppeln. Betty verstand nicht immer ihren Dialekt, aber ihr gefiel die singende Sprechweise.
3.Generation:
Mary sprach mit dem Therapeuten
»Was ist eigentlich Ihr größter Wunsch?
„Frei zu sein“.
„Frei von Mann, Kindern, Beruf?«
