Weinen. Wüten. Lachen. - Klaus E. Jopp - E-Book

Weinen. Wüten. Lachen. E-Book

Klaus E. Jopp

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Beschreibung

Was geht in Zellen vor, die sich plötzlich gegen den eigenen Organismus wenden, um einen Menschen, eine Liebe, eine Beziehung zu zerstören. Wer gibt das Kommando? Die Evolution, das Schicksal oder Gott? Fragen über Fragen, aber auch Wut und Zorn. So erlebt es der Autor, als seine Frau die Diagnose Brustkrebs erhält. Ab diesem Moment steht alles im Zeichen eines Überlebenskampfes. Gemeinsam gegen einen unheimlichen Feind, der immer einen Schritt schneller und schlauer zu sein scheint als jede Therapie. Was fühlt ein Ehemann, Lebens- und Liebespartner in dieser Zeit? Wie kann er helfen, trösten und Mut machen? Was tröstet ihn selbst, wenn das Schicksal, Gott oder wer auch immer ihm die Liebe raubt. Ohne Begründung, ohne Sinn. Der Autor schildert den Kampf einer starken und mutigen Frau, wie er Abschied, Tod und Trauer erlebte, was er heute über die klassische und alternative Medizin denkt und warum der genbasierten Krebstherapie die Zukunft gehört. Sein Fazit: "Wir sind dem Schicksal nicht ohnmächtig ausgeliefert. Wir können das Richtige für uns tun!"

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Einleitung

Das Leben ist eine Reise

Stornierung leider nicht möglich

Resistent gegen Weichspüler

Kapitel eins

Begegnung mit dem Kriegsgott der Evolution

Natürliche Zerstörungswut

Abgesoffen im Informationslabyrinth

Besiegt von der eigenen DNS

Kapitel zwei

Stephen King lässt grüßen

Das hässliche Gesicht der Krankheit

Irrfahrten im Kopf

Schizophrene Natur

Gott keine Wunderwunschmaschine

Kapitel drei

Von wegen Männer zeigen keine Gefühle

Sie leidet, ich weine

Wut auf die sanfte Medizin

Gnadenloser Hausbesetzer

Abschied von einer wunderbaren Frau

Kapitel vier

Dem Leben in die Fresse hauen

Wenn es scheiße läuft, dann aber richtig

Zorn auf Gott und die Welt

Das Rumpelstilzchen-Syndrom

Horrorzeiten mit kleinen Lichtblicken

Schau nach vorn! Gut, und was dann?

Die Zeit heilt alle Wunden? Nein, Erinnerungen tun es

Mehr durchhangeln als kämpfen

Kapitel fünf

Wiederbelebungsversuche an mir selbst

Her mit dem Presslufthammer

Trauerarbeit ist sehr schmerzhaft

Habe ich einen an der Waffel?

Gut, leb ich eben weiter

Nachlass ordnen oder ein Leben abwickeln?

Die Gretchenfrage an mich selbst

Männer, Pussies, Religion

Kapitel sechs

Die Reise geht weiter

Ab jetzt allein

Wer bin ich? Witwer oder Single?

Mein Therapeut Monaco Franze

Let it rock – Lebensader Musik

Kapitel sieben

Kapier einer das Leben – Chaos, Glück, Zufall

Denkformeln und nicht lineare Phänomene

Zufall als Genie und Wahnsinn

Das Leben hat keinen Plan

Die launische Göttin Fortuna

Die Hoffnung stirbt zuletzt. So ist es

Anhang

Nachgetragene Liebe. Recherche zu neuesten Diagnose- und Therapieverfahren

Präzisionsmedizin – die Waffe gegen Killerzellen

Schonende Verfahren in der Krebstherapie

Genexpressionstests – Chemo auf dem Prüfstand

Viel Humbug: alternative Medizin

Erkenntnisse der modernen Trauerforschung

»Trauere bloß nicht zu lange!«

Trauer kennt keine Standards

Die Trauergruppe

Weiterführende Informationen

Quellennachweise

»Darum muss man sich durchringen zur Freiheit; diese aber erlangt man nur durch Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal.«

Seneca, Vom glücklichen Leben

»Ich fürchte nichts so sehr wie nichts.«

Das Zero-Theorem

Einleitung

Das Leben ist eine Reise

Stornierung leider nicht möglich

»Das Leben ist eine Reise, nimm nicht zu viel Gepäck mit«, singt Billy Idol. Eine schöne Untermalung für ein klassisches Roadmovie! Oder eine Rock-’n’-Roll-Story. Doch wehe, wenn die Reise zu einer Odyssee wird, die uns im Ungewissen lässt. Wohin sie uns führt, welche Herausforderungen uns erwarten und ob wir unversehrt zurückkehren werden. Eine Reise, auf der nur noch Platz für ein einziges Gepäckstück ist: dich selbst.

An einem wunderschönen Sommertag drückte das Schicksal meiner Frau überraschend, unangekündigt und ungefragt ein Ticket in die Hand – für eine Reise, deren Route zwischen Leben und Tod entlangführen sollte. Ausgehändigt von einer Ärztin, die das erste Etappenziel ohne große Umschweife nannte: die onkologische Station. Der Grund des Ziels: Brustkrebs. Eile sei geboten, eine Umbuchung sei aus ihrer Sicht leider nicht möglich.

An diesem Tag begann der Höllentrip. Eine jahrelange Reise durch Praxen, Kliniken, den Irrgarten ärztlicher Meinungen und Therapien, durch Landschaften trügerischer und berechtigter Hoffnungen und absurde emotionale Welten. Bis an ein Ziel, das die Liebe meines Lebens unter 5,8 Kubikmeter Erde begrub. Auf dem Gemeindefriedhof.

Ich habe meine Frau auf dieser Lebensreise verloren. Durch ein Killerkommando fresssüchtiger Zellen, die sich erbarmungslos in unser Familien- und Liebesleben drängten. Wir hatten alles versucht, diese Reise zu stornieren. Vergeblich!

Dieses Buch ist mein Reisebericht. Eine Wutlektüre und Abrechnung mit Schicksalsmächten, alternativen Ideologen und medizinischen Quacksalbern; aber auch ein Dokument der nachgetragenen Liebe an meine verlorene Liebe. Und es ist ein Logbuch für alle jene tapferen Frauen und Männer, die sich auf einer ähnlichen Reise befinden. Mut-machend und angereichert mit Recherchen zu neuesten Ansätzen in der Krebs- und Pharmakotherapie, zu genombasierter Medizin, schonenden Verfahren und Trauerforschung.

Die Krebserkrankung hat uns auf eine strapaziöse Seelenreise geschickt. Der Leser nimmt daran teil. Am Kampf ums Überleben, dem Annehmen des Unausweichlichen, dem Abschiednehmen, der Verzweiflung und dem Trauern, der Bewältigung und dem Verarbeiten. Einblicke in ein über zehn Jahre dauerndes Unterwegssein entlang seelischer, mentaler und emotionaler Abgründe.

Dieser Reisebericht ist eine Offenlegung über Verzweiflung, Ohnmacht und Ängste. Er handelt von Wut, Zorn und Unverständnis. Wie über den Diebstahl weiblicher Merkmale, die Brüste meiner Frau, die Zerstörungslust durchgeknallter Zellen, über Magier- und Heilsversprechen der alternativen Therapie. Doch er sucht auch Antworten. Warum die Himmels AG uns auf solche Horroreisen schickt und sich in Schweigen hüllt. Und warum im Labyrinth der medizinischen Informationen keine vernünftigen Wegweiser aufgestellt sind, die einen vor falschen Ausfahrten warnen. So haben wir einige Hinweisschilder übersehen, die ich erst im Nachhinein entdeckte. Nach dem Tod meiner Frau. Da war es leider schon zu spät, die Richtung zu ändern.

Resistent gegen Weichspüler

Machen wir uns nichts vor. Das Leben ist ein ziemlich harter Ritt. Es ist die Ausnahme, wenn uns das Glück lacht, wir Erfolg haben oder im Geld schwimmen. Wer die Ausnahme zur Regel machen will, der liest Erfolgsbücher, besucht Managementseminare oder macht ein Persönlichkeitstraining. Auch das Glück fällt uns nicht in den Schoß. Jedenfalls nicht allen. Es lässt sich kaum erzwingen oder halten, genauso wenig wie Erfolg und Besitz. Mit den Lehrstücken des launenhaften Lebens, das die Freuden des Daseins ungleich und sehr eigenwillig verteilt, durfte ich des Öfteren Bekanntschaft machen. Aber auch Freunde, Kunden und Menschen, mit denen ich über meine Lehr- und Beratungstätigkeit ins Gespräch kam. Jeder konnte eine oder mehrere Geschichten über das »harte Leben« erzählen, über Stolpersteine und Blutgrätschen. Sei es, dass etwas Unvorhergesehenes passiert oder ein Schicksalsschlag ihre Ziele und Hoffnungen zunichtemacht. Oder wie der hart erkämpfte Erfolg plötzlich floppte. Ich verhielt mich in der Regel zurückhaltend gegenüber dem Leben. Nicht, weil ich ein Pessimist wäre. Eher, weil ich es als ein Kuriositätenkabinett empfand. Kurz gesagt, mit seiner Launenhaftigkeit konnte ich mich einfach nicht arrangieren. Vor allen nicht mit seinen zynischen Überraschungen, die es für einen bereithalten kann. Dumme Zufälle oder biologisches Pech wie eine Krebsdiagnose, die unsere Pläne von jetzt auf gleich pulverisieren. In solchen Augenblicken erteilt uns das Leben eine schmerzhafte Lektion der Ohnmacht. Was tun wir dann? Dagegen rebellieren und uns wund kämpfen? Oder zürnen und wüten? Oder resignieren und in Trübsal verfallen? Sind uns die Zügel aus der Hand genommen und Fluchtwege versperrt, steckt man bis zum Hals in einer unlösbaren Situation. Ob beruflich oder privat, diese Erfahrungen tun weh, sie verletzen uns. Sie können unser gesamtes Lebens- und Sinnkonzept mit einem Schlag in die Bedeutungslosigkeit stoßen.

»Das Leben ist hart«, heißt es in den Initiationsriten. Mit dieser Ankündigung bereiten in bestimmten Kulturen Männer die nachfolgende Generation auf das Erwachsenwerden vor. Der Initiationsritus kann mit einer schmerzhaften Prozedur verbunden sein oder in einer zu bewältigenden Prüfung bestehen wie dem Fangen einer Meeresschildkröte, was Geschick, Ausdauer und Kraft fordert. Initiationsriten sind in westlichen Kulturen von der Bildfläche verschwunden. Auf die Härte des Lebens werden wir weder mental noch psychisch eingestimmt, sondern mit ihr konfrontiert. Auch können wir uns heute nicht mehr an Vorbildern oder Identifikationsfiguren für Mann-Sein und Frau-Sein orientieren. Grenzwertige Situationen sind Bewährungsproben. Wir bestehen sie oder wir scheitern. Eine »Krankheit zum Tode« ist eine dieser Situationen. Steht das Leben des Partners oder der Partnerin auf Messers Schneide, ist man weitgehend entmachtet. Es gibt kein Konzept dafür, wie man den Schock der Diagnose bewältigt, wie man mit den wahnsinnigen Emotionen am besten umgeht, die alle in der Familie überfallen, wie man die jammervolle Zeit übersteht, wenn es langsam zu Ende geht. Es gibt auch keine Anleitung oder Vorbereitung, wie man den Sterbeprozess der Partnerin begleiten und mit dem endgültigen Abschied klarkommen kann. Auf all das war ich nicht vorbereitet, ich wurde hineingeworfen, kämpfte mich durch, handelte oftmals intuitiv und voller Verzweiflung. Ich wusste zu wenig über das Trauern und in dieser Art der Schmerzbewältigung hatte ich kaum Erfahrung, abgesehen vom Abschied von den Eltern. Der Tod der eigenen Frau ist etwas anderes. Diese Erfahrung hat mein Lebens- und Selbstverständnis nachhaltig erschüttert. Die Trauer und Wut gingen so weit, dass ich sogar Gott leiden sehen wollte. Irgendwie fand ich, war der für den ganzen Mist mitverantwortlich. Warum also in Ehrfurcht erstarren. Lass ihn deine Wut spüren. Auge um Auge. Der Zorn fordert Opfer. Ich war bereit, sie ihm zu geben.

Kapitel eins

Begegnung mit dem Kriegsgott der Evolution

Natürliche Zerstörungswut

Bis heute ist es mir unverständlich, was in Zellen vorgeht, die wie aus dem Nichts plötzlich mutieren und sich gegen das System wenden, das sie bisher ernährte. Einfach so. Aus unerklärlichen Gründen. In der Wissenschaft wird Krebs als eine Krankheit der Gene definiert, verursacht durch Mutationen. Wie aber kommt es zu dieser Art von Gehirnwäsche? Wer stachelt in vormals gesunden Zellen diese ungeheure Zerstörungswut an? Erbinformationen in der DNA, ein zufälliger Kopierfehler bei der Teilung der Zellen1 oder das Karma? Trifft es einen geliebten Menschen, möchte man irgendjemanden oder etwas dafür verantwortlich machen, auch um ein Gegenüber zu haben, an dem sich die Wut entladen kann. Aber du läufst ins Leere. Der Verursacher bzw. das Verursachende hält sich bedeckt. Ein Chaos anrichten und dann auch noch den Schwanz einziehen. Bleiben nachvollziehbare Erklärungen aus, macht sich Verzweiflung breit, die irgendwann ins Zynische umschlägt. Wenn ein gesundheitsbewusster Mensch, wie meine Frau es war, in die statistische Relevanz-Gruppe der 70.000 Brustkrebsneuerkrankungen pro Jahr fällt, zweifelst du am Sinn und der Effizienz von Präventions- und Fitnessmaßnahmen. Die Willkür der Natur, die einem die Frau stiehlt, zieht dich in einen Strudel aus Kränkungen und Hass. Nicht nur, weil du etwas Wertvolles und Unverzichtbares in deinem Leben verlierst, sondern auch, weil dir weder der Pfarrer, Mediziner oder die Naturwissenschaft diese Irrationalität erklären kann, warum die Schöpfung auf einmal zum Dieb wird. Wieso können in einem intelligenten System wie dem Organismus völlig ausgeflippte Zellen das Leben eines Menschen terrorisieren? Was ist der Sinn dieser Fehlleistung? Als Gestalt- und Psychotherapeutin ging meine Frau den Dingen stets gerne auf den Grund. Sie wollte den Tumor ganzheitlich verstehen. Was hat er mit meiner Biografie, meiner Sozialisation und meinem Leben zu tun? Gegenüber solchen methodischen Ansätzen waren wir durchaus offen. Ich erinnerte mich an das Buch »Mars«2 von Fritz Zorn, das in den 80ern für viel Wirbel sorgte. Der Autor deutet darin seine Krebserkrankung in einem psychosomatischen Kontext und sah sie als Folge eines nicht gelebten Lebens. Der Titel »Mars« bringt das Wesen dieser Erkrankung gut auf den Punkt. Krebs hat, wie wir im Laufe der Zeit auf brutale Weise feststellen mussten, etwas sehr Kriegerisches. Allerdings nimmt diese Kriegslust nicht den Kampf mit Göttern auf, um mythengleiche Heldengeschichten zu schreiben. Nein, sie richtet sich gegen den eigenen Körper und lässt ihm in den seltensten Fällen eine Chance. Uns gelang es nicht, eine göttergleiche Kraft freizusetzen, mit der wir den Gegner in die Flucht schlagen konnten. Welchen Sinn machen psychosomatische Erklärungen, Prophylaxe und Persönlichkeitsarbeit, wenn die Evolution der Zellen mal kurz auf den Mutations-Buzzer drücken und einen Kurzschluss auslösen kann. Dann wird es schwierig, eine Gleichung zwischen Lebensgeschichte und Krankheitsgenese aufzumachen. Das mag im Fall von stressbedingten Krankheiten funktionieren, bei denen zwischen Überbelastung und Herzproblemen oder Burn-out ein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Aber bei Gendefekten in Zellen? Sollte es dennoch Einflussfaktoren geben, die außerhalb der Mutationslogik liegen, wie wird dieses Reiz-Reaktions-Schema aufgeladen, sodass z.B. Traumata bei dem einen »nur« eine affektive, aber regulierbare Störung auslösen und bei dem anderen einen Tumor? Hier stehen sich genetische Autonomie und mögliche Einflussfaktoren gegenüber. Wer den größeren Einfluss auf die Erkrankung hat, muss die Forschung klären.

Abgesoffen im Informationslabyrinth

Die Diagnose »Brustkrebs« löste bei uns eine ungeheure Stressreaktion aus. Wir fühlten uns als Ehepaar und als Familie angegriffen. Wir wollten uns verteidigen und alle Therapiemöglichkeiten heranziehen, die uns einen Vorteil gegenüber diesem Kriegsgott verschafften. Doch die richtigen Alliierten zu finden, sollte sich als eine schwierige Aufgabe herausstellen. Das fängt schon beim »Kriegsrat« an. Allein die Fülle an Ratgebern ist unüberschaubar. Bücher, Internetseiten, Foren – allein für die Suche und Auswahl der in Frage kommenden Behandlungen braucht man ein taktisches Konzept. Für welchen Gegenangriff sollen wir uns entscheiden? »Stahl, Strahl und Chemo«3, also schuldmedizinisch, oder eine ganzheitliche Therapie? Die einen schwören auf die symptomatische Behandlung der Schulmedizin, andere auf die Naturheilkunde und biologische Krebstherapie. Das Verrückte an dieser Krankheit ist, dass sie aus der natürlichen Ordnung des Organismus ausbricht. »Krebszellen sind raffiniert, und viele von ihnen haben Tricks entwickelt, mit deren Hilfe sie sich dem Zugriff der Immunpolizei entziehen. Medikamente, welche die Tricks der Krebszellen aushebeln und deren Selbstzerstörungsprogramm in Gang setzen können, wären von unschätzbarem Wert.«4 Je tiefer ich in diesen Pluralismus der Expertenmeinungen und Behandlungsmethoden eintauchte, umso mehr soff ich in meiner Meinungsbildung ab. Beispiel Krebsdiät: Saniert den Darm als wichtigstes Immunorgan. Immunsystem stärken, ganz wichtig beim Kampf der Zellen. Klar, müssen wir machen. Beispiel Quantenmedizin – soll die nebenwirkungsfreie Selbstregulation steuern, die Selbstheilungskräfte des Patienten anregen und positiv auf die Zellen wirken. Hört sich gut an, lass uns einen Quantenmediziner suchen. Beispiel Knollenblätterpilz-Therapie? Ist der nicht giftig? Ja, schon ein bisschen, aber in der richtigen Potenz ist das die biologische Chemotherapie schlechthin. Schatz, das passt doch genau zu dir. Beispiel Cannabis? Das bessere, weil natürlichere Morphium. Brauchen wir das schon? Und wer verschreibt uns Cannabis hier auf dem Land? Oder doch lieber Misteltherapie, die das Immunsystem anregt, krebsbekämpfende Zellen zu bilden, kombiniert mit einer Enzymtherapie, die Krebszellen angreift und gesunde Zellen schont. Bis zur Grüntee-Therapie mit ihrer angeblichen Senkung des Tumormarkers und Verlängerung der Überlebenszeit sind wir schon gar nicht mehr vorgedrungen. Ganz gleich, wie intensiv wir uns in Büchern, bei Facharztbesuchen, Vorträgen, in Filmen und sonstigen Gesprächen informierten, in die Entscheidung nistete sich jedes Mal Misstrauen ein. Bei mir jedenfalls. Denn wir lernten diesen Tumor als einen Gegner kennen, der ein ungemein dickes Fell hat und den scheinbar nichts umhauen kann. Dann geht die Suche nach der noch besseren, wirkungsvolleren Therapie weiter und fängt an, einen zu beherrschen. Wir wollten diesen Gegner, dessen Strategie nicht zu durchschauen war und der sich bestens auf Überraschungsangriffe verstand, unter allen Umständen besiegen. Wir wollten Heilung und meiner Frau das Leben retten. Angetrieben von diesem Überlebensehrgeiz lässt du irgendwann auch die kritischen Filter außer Acht und greifst nach jeder Hoffnung, die der Angebotsmarkt an Krebstherapien bietet. Je mehr sich der Zustand meiner Frau verschlimmerte, desto aktivistischer wurde ich. Im Stakkato malträtiere ich die Suchmaschine mit meinen Eingaben. Im Laufe der Jahre hatten wir das Spektrum an möglichen Behandlungen ausgeschöpft – Schuldmedizin kombiniert mit alternativen und interdisziplinären Ansätzen. Wir versuchten, die Krankheit in ihren Abgründen auszuloten, wollten ihr Geheimnis ergründen, sie besänftigen. Doch mussten wir uns am Ende geschlagen geben.

Besiegt von der eigenen DNS

Dieses Schlachtfeld, und anders kann man es nicht bezeichnen, verließen alle, die sich dem unheimlichen Feind entgegengestellt hatten, mit mehr oder weniger tiefen Blessuren. Diese Niederlage tat jedem unserer Alliierten weh. Den Medizinern, weil sie wieder einen Fall für eine negative Statistik vermelden mussten. Den Schwestern der Station, die eine Patientin mit viel Humor und positiver Energie verloren hatten. Therapeuten und Freunden, die uns über die Jahre zur Seite standen. Und uns, den Hinterbliebenen.

Der Feind hat sich an einem wunderbaren Sommertag frühmorgens zurückgezogen, vielmehr wurde er unter 5,8 Kubikmeter Erde auf dem Friedhof unserer Gemeinde begraben. Erklärt hat er sich bis heute nicht.

Für meine Frau waren meine Tochter und ich die Schnittstelle zum Leben, das sich von ihr immer weiter zurückzuziehen begann. Dieser Rückzug drängte sich mit den Jahren unnachgiebig in unser Bewusstsein, in dem Maße, wie die Krankheit mehr und mehr Besitz von Angelika ergriff. Genau in dem Moment, als mir klar wurde, dass es keine Hoffnung auf Heilung mehr gibt, das Wunder ausbleibt und Angelikas Abschied aus unserer Familie und von dieser Erde näher ist, als wir bisher dachten, ergriffen mich eine tiefe Furcht und unsagbare Traurigkeit. »Alles eingesetzt, alles verloren! Was für ein scheiß Spiel.« Ich fühlte mich übers Ohr gehauen, betrogen um mein Vertrauen. Mir fällt es schwer, diese Leidenszeit als ein sinnvolles Kapitel in der Biografie meiner Frau zu werten. Diese Krankheit ist ein erbarmungsloser Feind des Organismus. Krebs behandelt Menschen schonungslos und das Universum schaut seinem wilden Treiben tatenlos zu. Es wäre doch für die göttliche Superintelligenz ein Leichtes, irgendeinen Wissenschaftler auf dieser Welt mit der Erfindung eines universell anwendbaren Krebsheilungsmittels zu segnen. Das wäre eine heroische Tat! Wenn sich bereits bei Kindern im Mutterleib Gendefekte korrigieren lassen, warum sollte dann nicht die Menschheit mit dem Gnadenakt eines sensationellen Durchbruchs in der Krebsbehandlung beglückt werden? Nach der industriellen, technischen und digitalen Revolution ist es endlich an der Zeit für eine medizinische Revolution in der Krebstherapie. Mein Dank wäre dem Himmel sicher. Doch er lässt sich Zeit. Das macht mich wütend und erfordert ein offenes Wort. Die Sprache ist eine »Waffe«, mit der ich mir als Zürnender Gehör verschaffen und in die Offensive gehen will. Mit ein paar »taktischen Anweisungen« für die Trauerarbeit und den Umgang mit den vielen Emotionen, die Ehemänner und Partner durchleben, die eine ähnliche Niederlage einstecken mussten.

Krebs ist kein einfaches Thema. Es macht Angst. Niemand beschäftigt sich gern damit. Doch möchte ich einiges von den Erfahrungen weitergeben, wie mutig und entschlossen meine Frau dieser Krankheit entgegentrat, was sie stark machte und welche Erkenntnisse wir aus dieser Schreckenszeit gewonnen haben.

Kapitel zwei

Stephen King lässt grüßen

Das hässliche Gesicht der Krankheit

Im Roman Zauberberg zieht Thomas Mann die Ästhetik von Krankheit und Morbidität auf. Doch das hat im Ansatz nichts mit der Wirklichkeit zu tun, die der Krebs schreibt. Wie er sich seine Opfer holt, das gehört ins Genre des Horrors, das ist Stephen King. Wer Bücher vom Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke kennt, der weiß, wie unappetitlich und verstörend morbide Prozesse sind. Lesen kann man so etwas. Brutal ist es allerdings, wie die ›schöne Schöpfung‹ einen derartigen Umkehrschub vollziehen und einen Menschen entstellen kann. Manche Krankheiten kennen keine Scham, sie entblößen den Menschen und verpassen seinem Kampf ums Überleben, ums Bleibendürfen, einen kräftigen Arschtritt. Krebs ist eine Variante von vielen. Angelika, meine Frau, hatte es sich zum Ziel gesetzt, den Krebs ohne Chemo zu besiegen. Sie war keinesfalls lebensmüde oder leichtsinnig. Im Gegenteil. Sie war zutiefst von dem Gelingen überzeugt. Sie wollte sanfteren Behandlungen eine Chance geben und sich und anderen Hoffnung auf eine erfolgreiche Behandlung unterhalb der Chemo- und Bestrahlungslinie machen. Eine gewisse Zeit lang schien das gut zu gehen. Später im Schlussspurt um ihr Leben entschied sie sich dann noch für einen Therapiewechsel. Der Tumor schrie regelrecht nach einer Breitseite. Jetzt sollte die Chemiekeule zeigen, was Pharmaindustrie und Schuldmedizin ihr an möglicher Wirkung nachsagen. Das Wunder der Chemo blieb allerdings aus. Mag sein, dass diese Stalinorgel der Onkologie in einem früheren Stadium bessere Ergebnisse im Kampf gegen die Krebszellen erzielt hätte. Das Gegenteil ist ebenso wenig auszuschließen. Lieben und annehmen, was ist, war immer ein Leitsatz meiner Frau. Nicht einfach dahin gesprochen, sondern gelebte Haltung. Über Wahrscheinlichkeiten nachzudenken, die jetzt nicht mehr relevant sind, damit wollte sie sich nicht aufhalten. Manchmal geht es eben nur über »Versuch und Irrtum«. Doch was kam als Irrtum überhaupt in Frage? Muss sich bei einem Gendefekt nicht jede Therapie irren, weil sie letztlich chancenlos gegen die ausgebuffte Taktik der Krebszellen ist? Die das Zellteilungsverhalten gesunder nachahmen und auf diese Weise das Immunsystem überlisten. Das Drama fängt bereits in dem Moment an, in dem die Natur beim Schreiben der Erbinformationen leider einen verheerenden Bug produziert. Für meine Frau hatte das die Konsequenz, Dauergast im Klinikum zu sein.

Irrfahrten im Kopf

»Das Leben ist ein einziger, großer Scheißhaufen«, entfuhr es meiner Tochter, kurz nachdem ihre Mutter verstorben war und sie ihre Sprache wiedergefunden hatte. Die Heftigkeit dieses Satzes traf mich mit voller Wucht. Es brachte ein Gefühl in mir in Schwingung, das sich abgekapselt hatte, aber schon lange nach außen drängen wollte. Bisher fehlte noch der passende Impuls. Ja, als nichts anderes als einen Scheißhaufen empfand auch ich das Leben in diesem galligen Augenblick, der mich bitterböse angrollte, mit einem hämischen Grinsen: »Siehst du, dein Gott hat nicht geholfen. Wie sehr du ihn auch bedrängt hast, er ließ es zu, dass deine Frau vom Krebs aufgefressen wurde. Stück für Stück. Erbarmungslos hat er dir das Wichtigste in deinem Leben genommen. Deine Liebe. Und, willst du ihm immer noch die Treue halten? Einem anonymen Etwas, das sich nicht rührt, nichts unternimmt, das alles gegen dich, gegen dein Glück laufen lässt? Wie oft hast du den Himmel angefleht. Doch nichts, absolut gar nichts, ist passiert. Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg5. Mein Freund, kannst du das noch glauben? Wer hat denn nun gesiegt, Gott etwa, oder der Tod?« Wem auch immer diese Stimme in meinem Kopf gehörte, meinem Alter Ego, meinem Schatten oder dem Vertreter der dunklen Seite der Macht – sie sprach mir aus dem Herzen. Wie grausam es war, meiner Frau beim letzten Atemzug die Hand zu halten, der sie gerade noch mit dem Leben verband, und eine Sekunde später den Tod zu erleben, wie er in ihren Körper einzog. Ein sehr verschwiegener Gast im Übrigen, der eine unheimliche Ruhe ausstrahlt. Einen letzten Herzschlag hatte er Angelika noch gegönnt, um dann eiskalt den Sieg der Krankheit über ihre Person, ihre Geschichte und ihr Kämpfen zu demonstrieren. Eine zynische Demonstration der Macht über das Leben! Im gleichen Moment brach mein Glaubensgebäude ein. Wie von einer Abrissbirne getroffen. Der Brustkrebs führte alles ad absurdum, was uns im Leben Hoffnung gab. Nichts davon wollte oder konnte die Krankheit beschwichtigen, sie in ihre Grenzen weisen, sie Angelika entreißen. Beten, Heilungsbücher, Meditation, Chemo, Bestrahlung, Zuversicht, positives Denken. Alles relativiert, alles mit einem dicken Zweifel überzogen. Ich spürte in der Anklage meiner Tochter auch ihren Schmerz über die erlittene Niederlage. Sie hatte sich die letzten zwei Jahre intensiv um meine Frau gekümmert, eigene Pläne, Freizeit und Ziele zurückgestellt. Sie übernahm, was Krankenkassen und Pflegedienst in ihrem bürokratischen Leistungsverzeichnis nicht vorsahen. Alltägliche Handgriffe, zu der meine Frau nicht mehr imstande war. Ärztefahrten, Besorgungen, Kochen, Schuhe zubinden. Aber auch moralische Unterstützung und emotionale Nähe. Erst später wurde mir klar, dass meine Tochter mit ihrer Anwesenheit und dem Full-Service eine Wächterfunktion übernahm. Sie wollte ihre Mutter vor dem unheimlichen Familiengast beschützen, ihn in die Schranken weisen, ihre Mutter so nah wie möglich in Kontakt mit dem Leben und so weit wie möglich fern aus der Todeszone halten. Am Abend und Wochenende legten wir unsere Kräfte zusammen.

Eine Krebserkrankung verändert die Familienstruktur und die Art des Zusammenlebens. Da tritt etwas in die Gemeinschaft, das volle Aufmerksamkeit beansprucht und einen kaum in die Normalität wechseln lässt. Dieser ungebetene Gast ist omnipräsent und sein Verhalten ist schwer einzuschätzen. Er ist dem Wesen nach hoch aggressiv und feindlich gesonnen. Er ist auf Zerstörung gepolt. Und als Angehöriger, Beobachter und Mitleidender bist du komplett unerfahren darin, mit welchen Waffen auf seine Angriffe am besten zu reagieren ist. Diese taktische Frage sollte uns über Jahre beschäftigen. Wie man einen Schnupfen, ein Magengeschwür oder einen Leistenbruch behandelt, weiß selbst der medizinische Laie. Aber bei diesem Kaliber gibt es immer noch einen gewissen Faktor an Unerforschtem und nicht Vorhersagbarem, wie zu Ursachen und Dispositionen, zur Effizienz der Behandlung und zu den Chancen des Patienten. Du bist ständig auf der Suche nach Mittel und Methoden, die deiner Frau das Leben retten können. Ich geriet in einen Möglichkeitsstress, weil es so viele Empfehlungen und Erfahrungsberichte, Pros und Contras gab. Ganz gleich, ob zu konventionellen oder alternativen Krebstherapien. Doch was der Patient in dieser Phase der Therapieentscheidung eigentlich braucht, ist eine Schutzzone der Geborgenheit, in der er Zuspruch und Sicherheit erlebt. »Das, was wir machen, wird Ihnen guttun und helfen.« Doch das können Ärzte und Therapeuten nur bedingt oder unter Vorbehalt sagen. Das zeigt sich schon an der Patienteninformation, die man unterschreiben muss. »Mögliche Nebenwirkungen zur Kenntnis genommen.« In der Konsequenz heißt das, ständig in Lebensgefahr zu sein. Auch als Angehöriger wünschst du dir eine klare Ansage. Man hofft darauf, dass dir ein Arzt die Entscheidung indirekt abnimmt, weil er zu 100 Prozent überzeugt ist, von der Effektivität. Aber welcher Mediziner macht das schon?! Es ist geradezu kontraindiziert, wenn die naturheilkundliche Medizinecke gegen die konservative Therapie wettert und der Chemotherapie unterstellt, dass sie Krebspatienten eher tötet, anstatt sie zu heilen. Umgekehrt ist es nicht anders. »Ich kenne keine biologische Krebstherapie, die jemals zum Erfolg geführt hätte«, meinte der Onkologe im Klinikum. Allerdings schneidet in der Statistik die klassische Trias »Stahl, Strahl und Chemo« auch nicht allzu gut ab. Entsprechende Zahlen listet Google mit kühler Präzision auf6. Darin ist das bibliophile Superhirn eine Wucht. Manchmal hasste ich regelrecht diese Daten-Ausspuck-Maschine. Jeden Mist konnte ich finden, aber kaum aussagekräftige Erfolgsberichte und überzeugende Statistiken.

Bei manchen Tumorerkrankungen sind die Überlebenschancen sehr gut. Abhängig von der Krebsart und dem Stadium. Wer fünf Jahre nach der Diagnose Brustkrebs überlebt – konventionelle medizinische Behandlung vorausgesetzt –, bei dem gilt die Tumorerkrankung als geheilt7. Rückfälle unwahrscheinlich. Inwieweit diese Aussagen wissenschaftlich evident sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Doch wieso sollte es meine Frau nicht in die Gruppe der Überlebenden schaffen? Vielleicht drückt das Schicksal ein Auge zu? Angelika überlebte die Erstdiagnose um mehr als zehn Jahre. Einige Jahre ohne konventionelle Behandlung, später jedoch war die klinische Intervention unausweichlich.

Obwohl ich mit der Naturheilkunde sympathisierte, hatte ich oft das Gefühl, dass bei dieser Krankheit schwere Geschütze aufgefahren werden müssten. Harter Gegner, harte Bandagen. Töten, was dich töten will. Ich spürte eine martialische Lust in mir, die sich im Verlauf der Krankheit steigerte. Angestachelt von den nicht zu übersehenden Schäden, die der Vernichtungsfeldzug in Angelika anrichtete. Der Tumor beherrschte den Stellungswechsel und wusste immer, wie er sich aus der Schusslinie nehmen konnte. 26 Bestrahlungen? Gehen ihm am Arsch vorbei! Fünf Chemo-Zyklen? Können ihn nicht aus der Defensive locken! Er marschierte weiter, eroberte neue Gebiete in ihrem Körper. Selbst wenn ich dem bockigen Störenfried ein Gesundheits-Service-Heft meiner Frau unter die Nase gehalten hätte, das ihre Vorsorgeuntersuchungen und vorbeugenden Maßnahmen dokumentierte, der wäre von seinem Kriegsziel nicht abzubringen gewesen. Nichts davon bestand den Überlebens-TÜV. »Das Leben, ein Scheißhaufen.« Der Schmerz meiner Tochter fand keine besseren, keine passenderen Worte, die diesen Moment hätten beschreiben können. Ohnmacht, Wut und Trauer wühlten mich auf. Nichts von den Qualen, Schmerzen und enttäuschten Hoffnungen der letzten Monate und Jahre ergab irgendeinen Sinn. Nicht in dieser Stunde und auch nicht in den Wochen und Monaten danach. »Was für eine Schweinerei, was für eine Ungerechtigkeit. Was hat sich das Schicksal dabei gedacht?« Nein, in diesem Moment ist man kein netter Mensch oder um die richtigen Worte bedacht. In diesem Augenblick des Abschied-nehmen-Müssens von der geliebten Partnerin und Mutter, deren Herz vor einer Stunde zu schlagen aufhörte, spürte ich eine Mischung aus Wut und Verzweiflung.

Da lag sie nun, regungslos, zu Tode erschöpft vom Kampf und den Anstrengungen des Sich-am-Leben-Haltens, gezeichnet von den Folgen der hammerharten Behandlung, erniedrigt vom Feind ihres Körpers, der ein vitales und lebensbejahendes Wesen in ein Trümmerfeld verwandelt hatte. Die Chemos konnten den fortschreitenden Kollateralschaden nicht mehr stoppen. Sie unterlagen den durchgeknallten Zellen, die alles Gute in ihrem Körper verschlangen, angetrieben von einer perfiden Gefräßigkeit. Hasserfüllte, aggressive Zellen, denen ein gesunder Körper ein Dorn im Auge ist. Ein Killerkommando, das zu irgendeinem Zeitpunkt von irgendjemandem den Auftrag erhielt, ein geliebtes Wesen zu vernichten. Ursache unbekannt. Da kann man noch so viel grübeln und analysieren, wenn sich diese Fresszellen auf den Weg machen, kann nichts und niemand sie stoppen. Keine Chemo, keine Alternativmedizin, keine Bestrahlung. Sie lachen allen frech ins Gesicht und spotten der Schöpfung. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wie sagte der Krankenhauspsychologe zu dieser Art des Brustkrebses: »In den meisten Fällen haben Sie keine Chance.« Aber wer hat sie dann und unter welchen Bedingungen? Von all den Zimmernachbarinnen meiner Frau, die wir in den Besuchszeiten auf der onkologischen Station kennenlernten, überlebte nicht eine. Wer also verteilt die Lose? Ich würde gerne eine Beschwerde einreichen.

Schizophrene Natur

Woher kommt diese Aggressivität, diese Lust an der Zerstörung? Ist die Natur schizophren? Wie sie sich uns präsentierte, hatte sie so gar nichts von dem Geheimnisvollen, das die Romantiker in ihr sahen. Statt der »Blauen Blume« eines Novalis, bekamen wir ihre Stacheln zu spüren. Was treibt Krebszellen an, was löst ihr Wachstum aus? Oder ist alles bloß eine Laune des Organismus, eine Zufallsgenerator-Geschichte, wen es erwischt und wer mit 90 Jahren friedlich einschlafen darf. Vielleicht liebt die Natur auch den Sarkasmus. Die steigende Krebsrate8 in der Bevölkerung als eine von der Natur ausgeklügelte Gegenbewegung zum Methusalem-Syndrom, das vor Jahren viel diskutiert, heute aber kaum noch groß beachtet wird? Also so eine Art natürliche Säuberungsaktion à la »weg mit den Alten«?! Den Rentenkassen kann es recht sein. Die geringe Erfolgsquote bei der Chemo-Behandlung lässt einen abstruse Schlüsse ziehen.9 Wenn die Pharmakonzerne Milliardengewinne mit Zytostatika machen – jedes Behandlungsjahr pro Patient kostet die Krankenkassen im Schnitt weit über 100.000 Euro –, ist es ein kurzer Schritt, bis man bei Verschwörungstheorien landet. Kommentare und Meinungsmacher im Internet wollen wissen, dass es schonende und sehr hilfreiche Mittel gibt, die angeblich von der Pharmaindustrie boykottiert werden. Soll man das der Industrie wirklich zutrauen, dass sie Patienten aus Profitgier an nicht ganz nebenwirkungsfreie Chemo-Mittel binden will? So eine Art erzwungene medizinische Loyalisierung. Nein, das will ich nicht glauben.