Weitgehend unbeschwert - Benno J. Pöhler - E-Book

Weitgehend unbeschwert E-Book

Benno J. Pöhler

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Beschreibung

Mit »Weitgehend unbeschwert«, hat der Benno Pöhler eine anekdotische Prosa geschaffen, die in lebendiger, lebensfroher und zuweilen auch selbstironischer Weise, die Kindheit eines Jungen in einer katholischen Großfamilie, im engen Rahmen der 50er Jahre erzählt und lebendig werden lässt. Es ist die Zeit, in der die Hierarchien noch fest, die Regeln klar und die Obrigkeit noch definiert waren; die Zeit des Wiederaufbaues, des Wirtschaftswunders, die Zeit Adenauers. Der Autor, geboren und aufgewachsen in der westfälischen Provinz, lebt heute im rheinischen Ruhrgebiet, da wo sich das Rheinische und das Bergische mit der Ruhr treffen. Weitgehend unbeschwert ist seine erste biografische Veröffentlichung.

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Gewidmet

meinen Eltern Elisabeth und Josef

Aufgeschrieben

für Hildegard, Lucas und Robert

Alles Konjunktive führt zu nichts

hätte – wäre – wenn

bleiben doch im Ungefähren

… du bleibst doch immer, wer du bist

Inhalt

Zuhause

Selbstversorger

Elsen

Vermisst

Putzmacherin

Verlobt

Rohrstock

Marul

Tauschgeschäft

Angstengel

Der Altar

Im Heu

Geschenke

Negerjungs

Kopfnote

Große Jungs

Berufung

Schweinefutter

Experimente

Der Kittel

Messdiener

Im Dienste des Herrn

Jahreszeiten

Stammbaum

Zuhause

Die Flugzeuge kamen in breiter Formation und tief gestaffelt. Es dämmerte schon an diesem späten Märznachmittag. Ihre Bomben wirkten tödlich und verheerten die ganze Stadt. Bald war sie ein einziges Trümmerfeld und die Schuttberge türmten sich in den Himmel. Wohin damit, denn man brauchte Platz, um die Stadt wieder aufbauen zu können. So entschlossen sich die Stadtväter, draußen, weit außerhalb vor den Toren, den Schutt zu lagern. Das war klug gedacht; konnte daraus in den Jahren nach dem Krieg doch bald ein Sportstadion gebaut werden, nur ein paar hundert Meter entfernt von meinem Elternhaus, wo ich aufwuchs. Das alles geschah vor meiner Zeit.

Als ich aufwuchs, war die Stadt schon wieder weitgehend aufgebaut und nur hier und da gab es noch Baulücken. In die größte sollte dann in den fünfziger Jahren der Kaufhof-Konzern eine Filiale bauen, die lange Zeit die Einkaufsstraße der Innenstadt dominierte.

Da war die Stadt noch mittelgroß. Sie wollte immer Großstadt sein und verglich sich ständig mit dem nahen, ungeliebten und protestantischen Bielefeld. Später, viel später wurde sie auch eine Großstadt, doch eher nominell durch Eingemeindungen und weniger durch Flair. Richtige Industrie, Fabriken, so wie im nicht sehr weit entfernten Ruhrgebiet, hatten wir nicht, dafür einen gesunden, westfälischen Mittelstand, zwei Hochschulen, eine theologische und eine pädagogische und die CDU hatte leichtes Spiel. Doch alles war gediegen und überschaubar und behütet und sehr, sehr katholisch.

Ich komme aus einer großen Familie mit verzweigter Verwandtschaft von Onkeln und Tanten, Vettern und Cousinen. Als wir uns vor vielen Jahren mal trafen, kamen wohl weit über hundert Leute zusammen. Auch meine eigene Familie mit meinen vier Schwestern und Brüdern ist recht groß. Wenn wir uns treffen, dann sind wir gut und gerne an die dreißig Personen, Kind und Kegel mitgerechnet. Doch das kann man überhaupt nicht vergleichen mit den Familien meiner Eltern; dagegen waren und sind wir ja eher eine Kleinfamilie, wo doch meine Mutter immerhin unter acht Geschwistern und mein Vater ebenfalls unter acht Geschwistern aufwuchsen. Während sich auf Mutters Seite Jungs und Mädels so ziemlich die Waage hielten, war Vater das jüngste Kind, ein Nachkömmling und einziger Sohn nach sieben Mädchen. So kam es, dass Vater der Onkel von Neffen und Nichten war, die nicht viel jünger oder gar gleich alt waren.

Meine Eltern hatten sich erst einige Jahre nach dem Krieg kennengelernt und sie heirateten in einer Zeit, als Lebensmittel noch streng rationiert waren. Eine Hochzeit nach dem Krieg! Das war eine große Sache. Nach all dem Leid, den Schrecken und Entbehrungen, war das ein Lichtblick, ein Schimmer am Horizont einer ungewissen Zukunft. Kein Wunder, dass sich die ganze Verwandtschaft auf das bevorstehende Fest freute. Einige von Vaters Schwestern, vor allen Dingen die, die im Ruhrgebiet wohnten, hatten durch Kriegsbomben ihre Wohnungen verloren und waren samt Familie wieder zu den Eltern gezogen. So waren jede Kammer und jede Ecke, die zum Schlafen taugten, in dem kleinen Fachwerkhaus belegt. Zeitweise wohnten an die fünfundzwanzig Personen, Kinder, Heranwachsende und Erwachsene im Haus. Meine Großeltern, Vaters Eltern, gaben sich alle Mühe für diese Hochzeit. Schließlich war Vater ihr einziger Sohn und damit auch der Erbe des bescheidenen Vermögens, ein Kotten mit einer Kuh, ein paar Schweinen und einem Haufen Federvieh.

Oma aber lief bei solchen Herausforderungen zur Hochform auf; nutzte Beziehungen und tauschte, was das Zeug hielt, mochten die Zeiten auch noch so schlecht sein. Eine ordentliche Hochzeitsfeier, bei der alle ohne Ausnahme satt und zufrieden sein würden – wie in Friedenszeiten, das wollte man schon bieten. Die Leute sollten noch lange von dieser Feier sprechen. Und so geschah es. Noch Jahrzehnte später erinnerten sich diejenigen, welche von denen, die dabei gewesenen waren, noch lebten, an diese Feier, diesen hellen Höhepunkt in einer noch schweren Zeit.

Mein Elternhaus war das, was man im Westfälischen einen Kotten nennt. Ein kleiner Bauernhof, bestehend aus einem Fachwerkhaus, in dem auch die Stallungen für die Tiere untergebracht waren. Quer an das Fachwerkhaus war ein zweigeschossiges Backsteinhaus gebaut, in dem sich Wohnräume befanden und in dessen erstem Stock zwei Zimmer an die ausgebombte Familie Brink vermietet waren. Wenige Meter hinter dem Haus befand sich noch eine Scheune mit einer Wagenremise und noch ein Hühnerhaus – das war‘s. Im Fachwerkhaus befand sich auch noch eine gepflasterte Deele, die so groß war, dass man mit einem mit Heu oder Stroh beladenen Wagen hineinfahren konnte.

Zu einem Kotten gehörten auch einige Morgen Land, Weiden und Felder. Selten waren die Anwesen so groß, dass man sie in Hektar maß, Morgen reichte völlig aus. So ein Kotten konnte allenfalls als Nebenerwerbshof durchgehen, für einen Bauernhof, der eine Familie ernähren musste, war so ein Anwesen zu klein. In einem Kotten hatte der Bauer meistens ein oder zwei Schweine, eine Kuh und jede Menge Federvieh. Im Übrigen aber wurde das Haupteinkommen in einem Brotberuf verdient. Genau so war das auch bei uns. Vater war gelernter Tischler und verdiente sein Geld jetzt bei der Bahn. Durch eine Kriegsverletzung hatte er einen steifen Arm davongetragen, der es ihm unmöglich machte, seinen erlernten Beruf auszuüben.

Tagsüber und später auch im Schichtdienst arbeitete Vater im nahen Ausbesserungswerk und nach Feierabend ging es dann erst richtig los. Wir hatten eine Kuh und meistens so zwischen zwei und vier Schweine und die wollten ja versorgt sein. Da musste dann die ganze Familie ran. Das waren Vater und Mutter und Oma und Tante Katharina, Vaters ältere und alleinstehende Schwester, die in unserem Haushalt lebte. Oma war seit einigen Jahren Witwe und Tante Katharina war unverheiratet. Als Kind hatte sie, nach Omas Erzählungen, eine schwere Krankheit gehabt und war seitdem geistig zurückgeblieben. Später waren wir fünf Geschwister und Tante Katharina war die beste Kinderfrau, die man sich wohl vorstellen kann. Sie war immer hilfsbereit, freundlichen Gemüts und ohne ihre Hilfe im Haushalt hätte vieles in der großen Familie nicht funktioniert. Ich war ihr besonderer Liebling und wehe, man war nicht freundlich mit mir; da konnte Katharina ganz schön heftig werden.

Oma und Tante Katharina kümmerten sich um den großen Nutzgarten, in dem allerlei Gemüse, praktisch unser gesamter Eigenbedarf angebaut wurde. Auch wir Kinder wurden voll und ganz, je nach Alter und Kraft herangezogen. Immer wieder hieß es, mal als Frage oder als Anweisung, kannst du mal dies und jenes tun; was zu den unauslöschlichen Erinnerungen meiner Kindheit gehört.

Was den Stall und Tiere anging, so war es Mutters Sache, sich um die Kuh zu kümmern, die zweimal am Tag, morgens und abends, gemolken werden musste. Vater konnte das nicht machen, weil er mit seiner Kriegsverletzung nicht melken konnte, also kümmerte er sich, was die Stallarbeit anging, hauptsächlich um die Schweine, das Ausmisten der Ställe und um das Futter für die Tiere. Später, als ich schon zur Schule ging, habe ich das Melken auch gelernt und hin und wieder musste ich das dann übernehmen.

Wir wohnten weit außerhalb am Rande der Stadt, ländlich umgeben von Äckern und Wiesen und nicht weit hinter unserem Haus schlängelte sich ein Fluss durch die Wiesen. Unser Land, Wiesen und Äcker befanden sich direkt neben unserem Haus und auch auf der anderen Straßenseite hatten wir ein paar Morgen. Ursprünglich, als Vaters Vater, Opa Wilhelm zur Jahrhundertwende den Kotten gekauft hatte, gehörte mehr Land dazu. Aber im Laufe der Zeit wurde, immer mal wieder, aus den verschiedensten Gründen, möglicherweise auch wegen Erb- und Mitgiftsachen, ein Stück als Bauland verkauft. Auf diese Weise waren um unseren Hof herum im Laufe der Jahre und Jahrzehnte eine Anzahl von Einfamilienhäusern entstanden. So war der ursprüngliche Besitz auf dann nur noch drei Hektar zusammengeschrumpft, als mein Vater sein Erbe antrat. Viel zu wenig für einen Hof, aber genug für einen landwirtschaftlichen Nebenerwerb.

Land verkauft man nicht, heißt es eigentlich unter Landwirten. Weil sie wissen, das Land, einmal verkauft, nur sehr selten wieder zurückkommt. Land ist nicht vermehrbar. Aber solche Gesetzmäßigkeiten gelten nur für den, der sie sich leisten kann und das war in meiner Familie und bei unseren Altvorderen eben nicht der Fall. In meiner Kindheit hatten wir aber noch genügend Land, um eine Kuh und die Schweine zu ernähren. Dazu musste allerlei angebaut werden. Wir hatten Roggen, Runkelrüben, Kartoffeln und natürlich Wiesen, um Heu für den Winter zu haben.

Die Straße, an der wir wohnten, war eine schöne Allee und hatte eine gewisse Tradition. In früheren Jahrhunderten, als die Bischöfe noch die eigentlichen Herren unserer Stadt waren, benutzen sie diese Straße, um von der Stadt in ihre Sommerresidenz zu fahren. Deshalb hieß sie auch Fürstenweg. Die Straße war als Chaussee angelegt und in meiner Kindheit noch nicht asphaltiert, sondern mit Schotter belegt. Zu beiden Seiten zog sich ein Wassergraben hin und in regelmäßigen Abständen wuchsen mächtige Kastanien. Nur vor unserem Haus stand eine gewaltige Eiche, die die Kastanien weit überragte, ein übrig gebliebener Baum aus dem vorherigen Jahrhundert, als nach westfälischer Tradition die Höfe noch allesamt mit Eichen umpflanzt waren. In früheren Zeiten bekam jedes Kind, wenn es dann den elterlichen Hof verließ, einen Baum als Mitgift. Daraus wurden dann die Möbel gefertigt, die oftmals ein ganzes Leben und länger noch bestanden.

Es war bitterkalt an diesem zweiten Weihnachtsabend 1947. Der Schnee lag hoch und so beschränkte man sich bei den obligatorischen Weihnachtsbesuchen in der Verwandtschaft auf die nächstwohnenden. Es war ein ruhiges und schönes Fest gewesen, dass einen besonderen Glanz dadurch erhielt, dass seit einem halben Jahr ein Kind im Haus war. Seit Juni, gehörte der erste Nachwuchs, das war ich, von Omas Jüngstem, zur Familie. Der Stammhalter war da und bildete natürlich, wie das in allen Familien so ist, den Mittelpunkt der Feiertage.

Alles war ruhig im Haus; Oma und Tante Katharina schliefen bereits und Brinks waren von einer Feier erst vor einer halben Stunde zurückgekommen. Mutter und Vater waren gerade erst zu Bett gegangen, als heftig an ihr ebenerdiges Schlafzimmerfenster geklopft wurde. Draußen schrie jemand: „Es brennt, das Haus brennt!“ Vater stürzte sofort nach draußen, wo sich bereits die ersten Nachbarn auf der Straße eingefunden hatten. Aus dem Dach schlugen bereits die Flammen. Bald waren alle Bewohner aus dem Haus evakuiert und man versuchte noch, Betten und Hausrat zu retten. Doch das Feuer griff schnell um sich. Da war nur wenig zu retten.

Brinks waren am Abend bei Verwandten gewesen und da es beim Heimkommen sehr kalt in ihren Zimmern war, hatte Herr Brink noch versucht, den Ofen schnell auf Hitze zu bringen. Dabei muss es zu Funkenflug gekommen sein. Holz und Stroh unter dem Dach entzündeten sich, alles brannte wie Zunder und so vernichtete das Feuer Haus und Stallungen und alles brannte bis auf die Grundmauern nieder. Gott sei Dank gab es weder bei Menschen noch bei den Tieren einen Schaden an Leib und Leben.

Wie damals und vor allem in ländlichen Gegenden üblich, half man sich gegenseitig und zögerte nicht lange mit dem Wiederaufbau, sobald die Witterung dies zuließ.

Nach einem Jahr war das Haus fertig und wir alle zogen dann in das wiederhergestellte Haus, diesmal aber in Backstein- und nicht in Fachwerkbauweise. Weder Oma noch Tante Katharina hatten eigene Wohnungen. So waren wir eine Familie von drei Generationen, die nicht nur in einem Haus unter einem Dach lebten, sondern Küche, Wohnzimmer und Bad, Toiletten und Keller wurden wirklich von allen genutzt. Nur die Schlafzimmer waren separat. Niemand wäre auf die Idee getrennter Wohnungen gekommen, denn schließlich kochten und aßen alle in der gleichen Küche und hörten sonntags im gemeinsamen Wohnzimmer Radio. Gottseidank hatten Vater und Mutter vorausschauend geplant, so hatten wir mit dem Neubau auch ein separates Bad mit Kohlebadeofen erhalten. Zu dieser Zeit keineswegs eine Normalität!

Eine Deele hatte das neue Haus nicht mehr; jetzt war der zentrale Raum die Waschküche. Wir nannten sie so, weil da alle vier Wochen die große Wäsche zelebriert wurde. Ansonsten wurde dort das Schweinefutter gekocht, die Fahrräder untergestellt, Schuhe geputzt und allerlei Sonstiges untergebracht. Von hier aus ging es in den Keller, in die Ställe für Schweine und Kuh, zum Heuboden, in den Raum, den wir Werkstatt nannten und in dem auch Vaters Hobelbank stand – und eine kurze Treppe hoch, zu den Wohnräumen und in den ersten Stock.

In ländlichen Gegenden war es üblich, dass man als Nachbar, als vertrauter Besucher, die Familie sowieso, ein Haus fast ausnahmslos über den Hof- oder Hintereingang betrat. Der Vordereingang blieb den offiziellen Besuchern vorbehalten. Spätestens beim zweiten Besuch, nahm man dann aber den Hintereingang. Das hatte durchaus Vorteile. Wer nämlich von draußen, über den damals noch ungepflasterten Hof das Haus betrat, musste erst einmal durch die Waschküche und trat dabei den Staub von den Schuhen, so dass Besucher mit relativ sauberen Schuhen in die Wohnung kamen. Das traf natürlich ganz besonders auf uns Kinder zu. Ein durchaus nützlicher Nebeneffekt.

In der Waschküche befand sich eine Konstruktion mit einem großen beheizbaren Kessel. Man hatte zwei Betonringe aufeinander montiert. In den Oberen hing man passgenau einen emaillierten Kessel ein, der wohl gut hundert Liter fasste und im unteren Betonring befand sich eine Feuerstelle mit Ofenklappe. Alles ganz einfach, aber wirkungsvoll. In den Kessel kamen sogenannte Schweinekartoffeln – das sind die weniger schmackhaften sehr großen Knollen, Runkelrüben und andere Feldfrüchte. Das Ganze wurde gekocht und an die Schweine verfüttert.

Einmal im Monat wurde der Raum seinem Namen gerecht, dann war Waschtag. Das war schwerste Arbeit und manchmal nahm Vater extra einen Tag Urlaub, um den Frauen, Mutter, Oma und Tante Katharina zu helfen. Waschmaschinen waren, zumindest in Haushalten unserer Kategorie, weitgehend unbekannt. Gewaschen wurde mit der Hand und mit Hilfe aller verfügbaren Hände. Dazu wurde der Emaillekessel gegen einen Kupferkessel ausgetauscht, in dem nun die Wäsche gekocht wurde. Ein großer Fortschritt war es dann, als später eine mechanische Wäschemangel angeschafft wurde, mit der mittels zweier Holzrollen und einer großen Kurbel das Wasser aus den Wäschestücken gepresst werden konnte.

Die große, durchweg weiße Bettwäsche wurde noch feucht und schwer zum Bleichen auf die Wiese gelegt oder, wenn die Sonne nicht schien, gleich zum Trocknen auf die Leine gehängt.

Unser Hof bestand aus drei Gebäuden. Da war das Wohnhaus mit den Ställen, ein Holzhaus für die Hühner und außerdem noch eine zum Hof hin nur an drei Seiten umbaute Scheune, mit einem zusätzlichen geschlossenen Raum, in dem Werkzeuge untergebracht waren. In der Scheune hatten ein Leiterwagen und verschiedene Karren Platz und alles, was sich so über die Jahre ansammelte: Schaufeln, Schüppen, wie wir sagten, Grasharken, Forken und Pflanzwerkzeuge, einige Sensen und Rechen.

Ob auf dem Hof, in den Feldern, ob im Garten oder bei den Tieren: Es gab immer etwas zu tun. Die Arbeit hörte nie auf. Sobald ich einigermaßen selbstständig war und auch schon zur Schule ging, war meine Hilfe auf dem Hof gefordert. Zu Anfang waren es meistens kleine Aufgaben, wie helfen beim Unkrautjäten, Eier einsammeln, Hühner füttern und ähnliches. Je größer und kräftiger ich wurde, desto mehr Aufgaben konnte ich übernehmen. Aber Vater und Mutter achteten darauf, dass es immer Arbeiten waren, denen ich körperlich gewachsen war und ich wurde niemals überfordert und wenn doch, so lag das an mir. Manchmal traute ich mir zu viel zu.

So stand in unserem Garten ein Hackklotz, auf dem sowohl Holz gehackt wurde als auch so manches Huhn seinen Kopf verlor. Ein Beil lag ständig bereit. Eines Tages kam ich auf die Idee, mir aus einem Stück Holz ein Boot zu basteln. Dazu schien mir das Handbeil das geeignete Werkzeug. Ich schlug also solange die Späne von dem Stück herunter, bis ein Bootsrumpf erkennbar war. Plötzlich kam meine Schwester angelaufen und ich wurde abgelenkt. Da war dann mein linker Ringfinger dem Beil im Wege und eine große Wunde klaffte im unteren Fingerglied. Es blutete stark. Mit einem Pflaster war das nicht mehr zu retten, deshalb wickelte Mutter einen fachgerechten Verband um den Finger. Mein Boot konnte ich erst einmal vergessen. So blieb – bis heute – eine Narbe, weil die Wunde nicht genäht wurde. Aber wer wäre damals wegen einer solchen Kleinigkeit schon zum Arzt gelaufen?