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L.-M. unternimmt eine vierstündige Nordic-Walking-Tour durch das südliche Tullnerfeld in Niederösterreich und geht doch viel tiefer in Raum und Zeit. Ein halbes Jahrhundert auf dieser Welt ist viel Zeit, um BegleiterInnen zu sammeln – für sie gibt es einen Sammelnamen, und der ist Glück. Wer es liebt, auf vertrauten Wegen zu gehen, der verschmilzt bald mit dem "bunten" Grün und all den Lebewesen rundherum. Die Hügel werden zu Bergen, die Wesen beginnen wortlos zu sprechen, und mystisch wirken die Flüsse mit den vielen Brücken im Land der Auen.
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Seitenzahl: 284
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Lu-Marie Sol-Beck
Welche Farbe hat Grün?
Vier Stunden Glück
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Nordic Walken im Tullnerfeld
Nach Süden und nach Osten
Gen' West' und gen' Nord'
Farben des Himmels
Von Brücke zu Brücke
Heimwärts
Der Schatz
Anhang
Impressum neobooks
Der 27. August ist ein gewöhnlicher Samstag für das Menschengeschlecht, doch ein besonderer für L.-M., denn in ihren Augen ist jeder neue Tag ein außergewöhnlicher, vielversprechender, glückverheißender, auch wenn am Ende des Tages alles unverändert erscheint. Vielleicht ist es das auch, oberflächlich betrachtet. Währenddessen wird aber über jedes einzelne Wesen das Füllhorn des prallen Lebens ausgeschüttet. Manche Menschen saugen jede Sekunde gierig auf, andere merken nicht, dass sie leben. So wird es überall sein, wo ein freies Wesen anderen angehört. Nicht, dass die Frau daran etwas ändern möchte. Im Großen Ganzen dürfen sich spezifische Lebensäußerungen eines einzelnen Menschen ruhig in der Gewöhnlichkeit und Allgemeinheit verlieren. Hervorgeholte Besonderheiten legen ohnedies nur eine Fährte zu Ähnlichkeiten, deren Entdeckung uns seltsam befriedigt – wenn sie denn überhaupt entdeckt werden.
Nichts Besonderes ist es, wenn die Dorfbewohnerin aus einem regionalen Gemeinschaftsgefühl heraus ohne zu zögern d'accord geht mit jenen Auenland-Menschen, welche behaupten, dass es hier niemanden interessiert, wenn in China ein Fahrrad umfällt. Der Besitzer des Fahrrads wird seinerseits kaum an L.-M.'s Citybike interessiert sein, vermutet sie. Manchmal fragt sie sich aber schon, wie jene Frau ihren ganz persönlichen Tag verbringt, die täglich um dieselbe Zeit am Tian'anmen-Platz, dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking vorbei eilt, wie sie fühlt, was ihre Augen sehen und wovon sie sich abwenden, wie sich ihre ganz persönliche kleine Welt wohl anfühlt und auf welches Fundament sie ihr Lebensglück baut.
Sollte etwa auch jene neugierig sein auf ein kleines Stückchen Leben einer Frau im Herzen Europas, an einer, die meistens an den Koordinaten 48.17.N, 16.2.O (im Dorf Judenau-Baumgarten) oder 48.2, 16.37 (in Wien) oder aber 48.1.N, 13.39.O (in Vöcklabruck) zu finden ist, deren Lebensbereich sich aber viel weiter erstreckt, wenn sie Freunde und Freundinnen, Verwandte und verwandte Seelen aller Art umfasst – all jene nämlich, die zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten sie begleiteten, berührten oder rührten, sie zu dem Menschen werden ließen, der sie heute ist? Gibt es vielleicht zwei, drei weitere Neugierige auf dem Globus? Vielleicht leben Sie an genau jenen Punkten, auf die L.-M. mit dem Finger tippt, sobald sie die drehende Bewegung des Plastik-Globus auf ihrem Schreibtisch stoppt und sich fragt, wie das Leben dort wohl sein mag? Wenn ja, wenn Interessierte erfahren möchten, wie eine einfache Frau in den Zeiten der globalen Finanz- und Ökologie-Krisen, welche die Menschenfamilie negativ verbinden – „tickt“, dann mögen sie diese positiven Zeilen lesen und die Lebensfreude der Autorin teilen.
Es mag nach den vorangestellten Zeilen paradox klingen, aber als erstes schlägt die Österreicherin, Europäerin, Erdenkind den derzeitigen internationalen und globalen Krisen die Tür vor der Nase zu. Sie schiebt die Gedanken an die Städte Wien, Tulln und Vöcklabruck in Österreich, Berlin in Deutschland, Zagreb in Kroatien, Grünberg in Tschechien, Madrid in Spanien, Novi Sul in Polen, Tampere in Finnland, Verona in Italien beiseite (sie kann hier nicht alle aufzählen) - alles Orte mit Menschen, Tieren, Pflanzen, denen sie verbunden war oder ist und die ein Stückchen Weges mit ihr gingen oder gehen, die sie erfreuten, ihr vertraut wurden, alles Orte voller Erinnerungen, voller Gefühl. Ja, das sind sie. Doch in diesem Augenblick konzentriert sich L.-M. auf ihr spezielles kleines Universum im Staate Österreich, auf eine Gegend im südlichen Tullnerfeld im Bundesland Niederösterreich, wo sich ihr Lebensmittelpunkt, ihr primäres Zuhause seit langen Jahren befindet, in einem Dorf auf dem Lande. Dieses Auenland ist nämlich für eine ausgedehnte „Nordic-Walking-Tour“ wie geschaffen.
Das „Walken“ ist für die Frau nicht allein sportliche Betätigung, sondern meditative Praxis und daher ein wichtiger Teil ihres Lebens. Sie denkt, es ist nichts anderes als ein Gebet, schlicht und wahr, Nahrung für den Körper und für die Seele, ähnlich der Wirkung von guter Musik oder eines anderen Kunstwerks.
Es vergeht kaum ein Tag, an dem es sie nicht gelüstet, die Schritte zum Rad- und Wanderweg an der „Großen Tulln“ zu lenken, einem Fluss, der durch Judenau fließt und in Tulln in die Donau mündet. Oft gelingt es diesem kleingewachsenen Energiebündel, das Vorhaben hürdenlos umzusetzen. Die Routine des Lockerns, Dehnens, Ankleidens, erzeugt eine ekstatische Vorfreude, und wie eine warme Zuckerglasur überzieht eine wohlige Zufriedenheit den Tag der Freizeit-Sportlerin, nivelliert alle Unebenheiten der vergangenen Stunden. Körper und Seele öffnen sich für neue Eindrücke auf altbekannten Wegen. Die trainierten Muskeln vibrieren vor Bewegungsdrang. Freude jagt jede Faser entlang, durchdringt alle Zellwände, versetzt sie in musikalische Schwingung, verursacht einen Impakt in jedem Zellkern. Das ist ein Zustand nahe der Ekstase. So ist es, wenn das Blut tanzt, wenn die Seele singt. Es lässt sich gut Mensch sein hier, L.-M.'s Welt ist grün und fruchtbar, sicher und frei. Obwohl, eigentlich sieht sie diese ihre Welt gerne in einem milden rosa Schimmer – dank ihrer optischen Brille, welche schwach rosa getönt ist.
Falls es der Mittfünfzigerin wegen all der Pflichten, die ihr altersgemäß zufallen, nicht möglich sein sollte, hinaus zu gehen, oder wenn sie sich ganz unverschuldet den äußeren Umständen beugen muss, wenn etwa eine Anruferin zur unpassenden Zeit stört, wenn andere Aufgaben vorrangig erledigt werden müssen, ein Regenguss niedergeht, ein Orkan über die Ebene fegt, es an der Tür läutet, wenn es also nicht ratsam wäre, vor die Tür zu treten, dann wird die verhinderte Sportlerin von Unruhe erfasst, presst verbittert die Lippen zu einem Strich zusammen, bläht die „Nüstern“ und das laute Schnaufen versetzt die Menschen in ihrer Umgebung in Alarmbereitschaft. Die Angehörigen haben oft genug den „Grant“ der Unzufriedenen zu spüren bekommen, weshalb sie es gelernt haben, an solchen Tagen der Ehefrau und Mutter aus dem Weg zu gehen.
Heute aber ist ein guter Tag zum Gehen. Die Bedingungen sind geradezu optimal. Der helle Tag lockt. Ausnahmsweise ist es windstill im „Windkanal“, genannt Tullnerfeld. Nach Regen sieht es nicht aus. Die Gehwege sind verlassen um diese Zeit, die Walkerin hat freie Bahn.
Die Haustür und die Eingangsstufen liegen im Schatten. Der Frau geht durch den Kopf, dass sie hier leicht frösteln könnte, wenn sie die Vorfreude nicht so schön wärmen würde.
Im groben Edelputz der Mauer klebt neben der letzten Stufe eine fette schwarze Fliege, hineingeschmiegt in eine winzige Mulde wie in ein schützendes Nest. Erstarrt noch von der Kühle des Morgens, wartet sie auf die Sonne, die hoffentlich bald den Giebel umrundet haben wird.
Ein Spatz scharrt in der Regenrinne oberhalb der Haustür. Zumindet vermutet L.-M. dies, denn zu sehen ist er nicht. L.-M. starrt vergeblich hoch.
Dazu muss man wissen, dass die südliche Dachtraufe vor etlichen Jahren von den Spatzen okkupiert worden war, während die nördliche jahrelang ein Schwalbenpaar besetzt hielt – bis zu jenem traurigen Tag, als der grau-getigerte Kater Moritz eines der flügge gewordenen Jungen gepackt hatte. Die Schwalbeneltern flogen laut kreischend über Moritz' hin, sodass sein Frauchen alarmiert und bestürzt über so viel Verzweiflung in deren Stimmen in den Garten rannte. Empört zwang sie das gefräßige Maul auseinander, sodass ihm die Beute entfiel. Der räuberische Kater wurde kurzerhand ins Haus gesperrt. Noch heute hofft sein Frauchen, dass das Vogeljunge die Attacke überlebt hat. Wenn auch die Rettung rechtzeitig erfolgt sein sollte, die Schwalben verließen das Nest und kehrten niemals wieder. Die menschlichen Bewohner vermissen ihr Zwitschern bis heute, das leere Nest macht traurig...
Verkehrsgeräusche vermisst hingegen kaum jemand. Manche hört man - in unserem Fall sollte es korrekterweise heißen „hört frau“ - allerdings dann doch ganz gerne. Von der nord-westlichen Umfahrungsstraße oberhalb des Dorfes grollt brodelnd das Echo eines Vierzylinder-Viertaktmotors herüber. L.-M. schlussfolgert messerscharf, dass das Tempo kurz gedrosselt wurde, aber gleich wieder eine Hand im Lederhandschuh am Gas dreht. Das Geräusch „elektrisiert“ so manche(n), dabei denkt die Frau schmunzelnd an ihre beiden Biker-Schwager Walti und Ernstl, denen nicht einmal erlittene Unfälle das Fahrvergnügen schmälern konnten. Sie selbst, die stolze Tante einer motorradbegeisterten Nichte - identifiziert die Motorenklänge ohne Schwierigkeit und ohne jeden Zweifel als ein typisches Motorrad-Crescendo. Die schöne blonde „Doro“ donnert auf ihrer Kawasaki Z750 im günstigsten Fall (und wenn es erlaubt ist) mit 170 Kilometern in der Stunde über den Asphalt, stets in Begleitung ihres Gefährten Max oder anderer Biker, was auf ein zwanghaftes Rudelverhalten schließen lässt. Das tiefe Grummeln, das sich von der Ortschaft Einsiedl her nähert - so untypisch einsam, verstummt vor der Gefährlichkeit der scharfen Linkskurve – wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Und nochmals brüllt es hohl aus dem Schlund des Motors auf, bis das klagend-tiefe „G“ eines „wilden Stiers“ die Tonleiter bis zum „A“ hinauf klettert, innehält und dann ansteigt bis zum „H“. Der Ton wird gehalten - oder unmusikalisch ausgedrückt, es wird die Geschwindigkeit beibehalten. Onkel Walti - Vater von Doro, Pate von L.-M.'s Sohn Jozi, liebster Onkel der Welt und nebenbei begehrter Automechaniker der Familie - würde anerkennend nicken: „Der Motor läuft wie ein Zeiserl1“. Die schwere Maschine auf der B 19 zieht eine Geräuschkulisse hinter sich her, die mit ihr in Sekundenschnelle hinter dem Purgstallberg entschwindet.
Währenddessen folgt ihm, beziehungsweise kreuzt sich mit ihm ein eierndes Pfeifen, das vermutlich entweder von einer Kardanwelle erzeugt wird oder den schwingenden Profilstollen der mächtigen Reifen eines Lastkraftwagens entstammt, dessen Fahrtrichtung für L.-M. nicht mit hundertprozentiger Sicherheit eruierbar ist. Ähnlich einem hellen Jodler hoch droben in den Bergen, verteilt sich dieses Reifen-Lied genauso unvermeidbar im Äther, wird herab getragen von der Straße auf der Anhöhe, rieselt herab auf Dächer und Menschen wie Nieselregen, der mit dem Wind kommt, böig vertragen und zerrissen. Die Klänge legen sich auf die Haut aller Empfindsamen, werden eingefangen von großen und kleinen Ohrmuscheln, berühren verschiedene Rezeptoren, schwingen durch Membrane in jeden Tropfen des lebendigen Seins, verebben im Glas der Fenster, in den Steinen am Weg.
Immer aufs Neue branden diese oder jene Geräusche auf und machen die Welt zu einem lauten Ort. Vollkommene Stille suchen die Menschen fast vergeblich, manche auf den Gipfeln der Alpen, der Dinariden, der Karpaten, der Ardennen, der Pyrenäen – um nur einige zu nennen, die von L.-M.'s Schwiegervater Peter bestiegen worden sind. Stille, so meinte er einmal, ist ein relativer Begriff. Das Heulen des Windes stört die Stille nicht, die er sucht, Sirenengeheul aber schon - allein vom Menschen beziehungsweise dessen Technik produzierte disharmonische Brandung lehnt er vehement ab. Die Freizeit-Sportlerin würde trotzdem in Bälde mit dem Klackern ihrer Nordic-Walking-Stöcke zur Geräuschkulisse ein wenig beitragen...
Der Himmel zeigt ein verwaschenes Blau, vermischt mit viel breitflächig aufgetragenem Weiß. Seine leere Weite wirkt sich auf das Gemüt der Walkerin stets befreiend aus. Manche Menschen würden es mit Pathos ausdrücken: “Es geht einem das Herz auf“.
Die Strahlen der Sonne dringen durch die Poren der bloßen Arme und wärmen die „alten Knochen“. Ein wenig bedauert die Frau, dass ihre Haut nie richtig braun wird – so knusprig „geröstet“, wie es von den meisten modebewussten EuropäerInnen schon lange bevorzugt wird. Ihr blieb das bisher verwehrt. Sie nämlich gehört der aussterbenden Spezies der Goldenen an, so wie ihre Schwester auch. Dementsprechend schimmern die Härchen auf dem rechten Unterarm kupferblond im östlichen Licht, ähnlich wie das kurze, leicht gewellte – zumindest auf der Oberfläche schimmernde Haupthaar, wenn auch zuenehmend der Natur durch die Kunstfertigkeit der Frau Anita, einer tüchtigen Friseurin aus der nahe gelegenen Stadt Tulln (aus dem Frisörsalon Judith) etwas nachgeholfen wird. Der Un-Farbe Aschblond im Unterhaar muss alle paar Monate entgegengewirkt werden, denn irgendwann hatte die Natur beschlossen, ein wenig von dem Weizenblond der Jugendjahre verblassen zu lassen. Wahrscheinlich deswegen, weil etwas davon für die Nachkommen reserviert werden sollte, überlegt L.-M.. Fast das ganze natürliche, glänzende, leuchtende kupfrige Blond hatten nämlich ihre beiden Kinder zugeteilt bekommen und hatten es prompt während der ersten zehn Lebensjahre „aufgebraucht“. Wer weiß, wofür das gut war, überlegt die Mutter. Die Nachkommen wollen ohnehin nicht in Allem den Eltern gleichen.
Nimmt man die hellste der Frauen (eine Freundin seit Kindertagen) als Beispiel – Key mit ihren großen, blauen Augen, dem blassen Teint - jedoch keinesfalls mit blassem Wesen – im Gegenteil, sie ist eine Frau mit einer ungewöhnlich kraftvollen Ausstrahlung, so könnte man erwarten, dass die Töchter der „Schneekönigin“ der Mutter Haar geerbt hätten und damit hoch zufrieden wären. Doch weit gefehlt - die Mädchen entschieden sich prompt für dunkel gefärbte Locken, kaum dass sie den Kinderschuhen entwachsen waren.
Wir leben in einer wunderbaren Zeit, freut sich L.-M.. Ja, das tut sie trotz aller „pösen“ Blondinen-Witze („pöse, pöse“ verwenden ihre Kinder analog zum Engerl-Bengerl-Begriff, das bedeutet, dass „pöse“ nicht wirklich böse gemeint ist). Oh ja, wir im Europa des 21. Jahrhunderts sind gut dran. Uns ist es möglich, uns zu kleiden, wie wir wollen, zu denken was wir wollen, zu sein, was wir wollen - und alle paar Wochen eine andere Haarfarbe zu tragen – dem stetigen Vorwärtsstreben unserer besonnenen, klugen Vorfahren und Vorfahrinnen sei Dank, die den Rückschritten - gesetzt von den kurzsichtigeren (gemeint sind nicht die myopischen) - immer von Neuem erfolgreich trotzten...
Aber, um auf die Blondinen & Co zurück zu kommen - dass Äußerlichkeiten als reine Eitelkeit abzulehnen sind (dabei wollte L.-M. im Anlassfall doch nur vermeiden, dass der Hosenbund zu sehr spannte), das musste sich L.-M. von einem Kind sagen lassen, von ihrem eigenen genau genommen (das von der Mutter Neo gerufen wird). Angesichts des Tadels ist es besser, sie ginge jetzt nicht noch näher auf ihre ewigen Gewichtsprobleme ein, welche ihr ohnehin erst durch die Werbung so richtig „pöse, pöse“ suggeriert oder auch nur bewusst gemacht werden (weswegen L.-M. zuletzt den Ausschaltknopf des Television-Apparats neu entdeckt hat). Die Plakate mit sterbenden Hungermodels und unnatürlich retuschierten Gliedmaßen von „idealen“ Frauen und Männer-Models bergen keine Gefahr für eine, die allein die Künstlichkeit der Haarpracht für ungefährlich erachtet. Als Verfechterin der Natürlichkeit stoßen sie genannte Bilder von ganz alleine ab. Sie wendet bewusst den Blick von solch verzerrten Darstellungen ab, kauft keine Dessous von solcherart werbenden Firmen. Sie überlegt, dass jene die falschen Kunden ansprechen – die Männer nämlich, welche aber kaum die Produkte kaufen oder gar tragen werden. L.-M. würde auch nie so einen Hohlkopf zum Gefährten haben wollen, der das Körperliche voranstellt. Was für ein Glück sie doch hatte, einem klugen Mann begegnet zu sein - und nur den Einen ersehnt sie für sich. Neo, denkt die Frau, Neo würde zu der speziell-entwürdigenden Verkaufsstrategie „Mager-, Jugend- und Schönheitswahn“ auch so einiges einfallen...“
Dieses Kind hat frühzeitig begonnen, die Substanz in den Dingen zu erkennen, hat aber trotzdem Nachsicht geübt mit denen, die das den Dingen innewohnende Wertvolle nicht erkennen konnten. Wie oft lässt sich Vernunft, Weisheit, Verlässlichkeit dort finden, wo man es gar nicht vermuten würde, nämlich in den ganz Jungen unter uns, geht es der Erwachsenen durch den Kopf. Manchmal denkt die Mutter bewundernd, hingerissen von der Klugheit und Vielseitigkeit ihres Neo, es müsse sich um eine „alte Seele“ handeln. Vielleicht war dieses Kind aber auch nur ein altkluges Kind gewesen, ausgestattet mit einem analytischen Verstand und mit einem unverwechselbaren Humor (wenn sich auch punkto Humor das großmütterliche Erbe nicht verleugnen lässt - Omi Ernas „Hamur“2 ist gemeint).
Neo hätte in dieser Hinsicht ohne weiteres auch das Kind seiner Tante Eva sein können - nicht nur wegen der Familien-Ähnlichkeit, nein, das ist nicht alles an Gemeinsamem. Ihre verwandte Art offenbart sich in Problemlösungen, denn beide erkennen sie sofort das Wesentliche einer Unstimmigkeit und lösen einen allfälligen Knoten ohne viel Getue und Tamtam. Onkel Ernstl, der von seinen Nichten und Neffen bewunderte lässig-coole3 Gefährte von Eva, würde seiner Schwägerin L.-M. sicherlich in dieser Einschätzung beipflichten...
Der Sohn Jozi hat bisher keine humoristische Ader gezeigt. Als Entschädigung ließ ihn die Natur als kleine Sonne mit grau-grünen Augen auf die Welt kommen. Er lachte von Anfang an jeden Menschen an. Mit ihm lacht seine Umgebung auch ohne die Würze des Humors ganz gerne. Immer ist dieses Kind inmitten von Freunden zu finden, immer zur Stelle, wenn jemand Hilfe braucht. Das kommt ihm doppelt und dreifach zurück.
Eine Bekannte der Mutter, Frau K. senior, berichtete einmal L.-M., sie sei mit demselben Bus gefahren, mit dem Jozi und seine Mitschüler von der Schule heim fuhren. Was aus dem Geschrei deutlich heraus stach, das war ein ihr geläufiger Spitzname (so Frau. K. senior). „Jozi!“ „Jozi!“ „Jozi!“ rief es von allen Seiten. Daran hat sich bis heute nichts geändert, wenn auch die Freunde ständig wechseln.
Neo hingegen hat immer schon lieber still beobachtet, hat sich nie in den Vordergrund gedrängt, blieb daher oft unbeachtet, manchmal auch traurig zurück. In unserer schnelllebigen Zeit spielt sich vieles an der Oberfläche ab, nur wenige nehmen sich die Zeit, um in die Tiefe zu schauen. Das Kind trug einen unentdeckten Schatz in sich, den es stetig vermehrte – fast ist die Mutter versucht zu sagen, Neo sei sich mittlerweile selbst genug.
Doch Jozi, der die Erzählung von Frau K. senior nicht kennt, berichtete der Mutter eine fast identische Geschichte über Neo und dessen FreundInnen, die er erlebte, als er die Gruppe bei einer Lokaltour in Wien begleitet hatte. Mit rund zwanzig Jahren kann also ein Menschenkind doch noch nicht ganz in sich ruhen, die Umgebung lässt es gar nicht zu. Es wirkt wie ein Magnet – in Neos Fall nicht zuletzt durch die Wirkung des hinreißenden Lächelns. Sobald dieses Menschenkind lacht, dann zerreißt der Schleier, dann kann man sich nicht losreißen vom Anblick des reinen Gesichts, von den braunen Augen, welche die Süße und die Bitterkeit von Waldhonig in sich vereinen...
Bei dem Gedanken an Honig knurrt der Sportlerin der Magen, denn sie hat noch nicht gefrühstückt (und auch noch nicht die Zeitung gelesen, etwas, was für sie obligat zum „richtigen“ Frühstück dazu gehört). Die allzu kleine Tasse duftenden Kaffees zählt nicht. Sie bräuchte mindestens einen Viertelliter von diesem Lebenselixier, gesüßt und mit Milch verfeinert.
Dazu würde sie sich ein Honigbrot streichen oder ein Butterbrot mit Marmelade. Am liebsten wäre ihr obendrauf ein ordentlicher Klecks von der selbstgemachten Marillen-Marmelade, die hergestellt ist aus den Marillen von dem alten Baum (einer ungarischen Sorte), der am Rande des Obstgartens wächst. Es kommt aber auch eine gekaufte Konfitüre in Frage, vielleicht die aus den säuerlichen Hagebutten oder doch lieber die fruchtige Weichsel-Marmelade vom Bäumchen am Zaun, oder aber L.-M. entscheidet sich für eine dicke Schicht von Omi Gretls4 Powidl, eine Zwetschken-Marmelade, die - eingekocht vor vielen Jahren und daher aufgrund der Austrocknung von etwas festerer Konsistenz als normalerweise erwünscht - immer noch köstlich schmeckt. Alle diese Köstlichkeiten lassen einem das Wasser im Munde zusammenlaufen, müssen aber warten. Das nächste Mal würde L.-M. vor dem Losgehen wenigstens eine Banane essen oder ein weichgekochtes Ei verspeisen (leicht gesalzen), damit es ihr erspart bliebe, „am Zahnfleisch daher gekrochen“ zu kommen...
Zusätzliche Hungergefühle werden von den Düften geweckt, welche aus dem kleinen Wald der Nachbarin herüber ziehen (falls man überhaupt bei vier Bäumen schon von einem Wald sprechen kann). Nein, Kochgerüche sind das nicht. So früh schwingt Maria noch nicht den Kochlöffel. Der verblüffend appetitanregende, hellgrüne Farn ist es, der so frisch herüber leuchtet und duftet, als befände man sich in einem urzeitlichen Farnwald. So germig-pilzig lockt der modernde Humus, der darunter liegt und der frisch ausgebrachte Rindenmulch würzt mit einer Prise Harz, der L.-M. ein wenig an das Bohnenkraut (Satureja hortensis) erinnert, welches im Gemüsegarten hinter dem Haus wächst und übersät ist von winzigen, unscheinbaren, weißen Blütchen, die aber nichtsdestotrotz ein Schatz sind...
Ähnlich blüht der Thymian neben den Stufen im Vorgarten. Ihn hatte die Hobby-Gärtnerin vor Jahren an einen Platz in der prallen Sonne gepflanzt. Doch mittlerweile hat sich die Quitte über den halben Vorgarten gebreitet – sehr zum Leidwesen des Thymian und der sonnenhungrigen Blumen. Den Maiglöckchen war es wegen ihrer waagrechten Wurzeln nicht schwergefallen, an die sonnigen Ränder des Blumenbeetes zu flüchten. Dort, im lichten Schatten fehlt es ihnen an nichts, sie duften unvergleichlich im Mai und erfreuen mit roten Samen-Kügelchen im Sommer. Auf der linken Hälfte des Vorgartens hatte L.-M. Rosensträucher gepflanzt, welche mehrmals blühen - patriotisch rot und weiß, in den Farben Österreichs, versteht sich.
L.-M. bewegt sich in gebückter Haltung unter dem Quittenbaum, denn die Äste hängen tief, tragen schwer an den Früchten. Mitten am geschotterten Weg entdeckt die Frau ein Wühlmausloch. Jetzt weiß sie auch, wer für das Verschwinden ihrer geliebten Tulpen (Tulipa) verantwortlich ist. Einmal hatte sie schon diese Missetäterin im Verdacht gehabt, denn sie hatte eines Tages im Frühling fassungslos zusehen müssen, wie eine prächtige, rot blühende Tulpe tiefer und tiefer im Boden versunken war. Sie erinnert sich, dass sie einmal gelesen hat, Tulpenzwiebeln seien in früheren Zeiten eine Delikatesse für reiche Menschen gewesen. Die exaltierte Maus wird sich schamlos reich fühlen in diesem Beet (fürchtet L.-M.), während diese Dekadente ohne Skrupel die Gärtnerin arm frisst. Im Herbst müssten schon wieder neue Zwiebeln besorgt und gesetzt werden. Oh, der Frühling in Niederösterreich und in Oberösterreich oder in Nelkendorf! Den sollte man einmal erlebt haben! An allen diesen Orten hat L.-M. ihn schon genossen.
Das größte Bundesland Österrreichs mit dem Namen Niederösterreich bestellt (augenscheinlich) jedes Jahr höchstpersönlich den Frühling pünktlich für den ersten Märztag, denn er stellt sich alljährlich in den Farben des Landes ein: in Gelb und in Blau.
Zwei Wochen davor mag es noch bitterkalt gewesen sein, mit Temperaturen von minus zehn bis minus zwölf Grad. Doch nur eine Woche danach weicht schon die „sibirische“ Kälte einer erträglicheren, sodass unmittelbar neben den schmutzigen Schneeresten die ersten Schneeglöckchen schneeweiß durchbrechen können in der festen Absicht, der kommenden, warmen Zeit Blumen zu streuen. Als Kämpfer gegen kühle Widrigkeiten stechen bei jeder Blüte drei spitze, lange Blütenstilette in den Himmel, schützen dabei die drei viel kürzeren, sich schützend als enges Röckchen um die Staubgefäße legenden, die mit ihrem grünen Rand tatsächlich einem Röckchen näher kommen als Blütenblättern.
Kaum erreicht das Thermometer zwölf Grad oder mehr, da drängen schon die sanft-gelben (seltener auch rosa getönten oder royal-blaue)n Knospen der Wiesenprimeln als erste aus den flach am Boden liegenden sattgrünen, ausgeprägt gerippten Blattnestern – ganze Wiesen leuchten plötzlich zart hellgelb – alle Augen wenden sich ihnen zu, die Seelen dürsten nach Licht, eine unbestimmte Hoffnung keimt in ihnen, und Freude erfüllt die Menschen beim Anblick der Sonnenfarben. In den folgenden Tagen strecken sich fünf bis sechs an den Kuppen eingedellte, hellgelbe Blütenfinger sonnenhungrig der lange vermissten Wärme entgegen, bieten in ihrer Mitte den klar gezeichneten Kelch den Insekten an, voll gefüllt mit süßem Nektar, bleiben aber geduckt - dem Schönwetter misstrauend - nah am Boden. Ihnen folgen – buchstäblich auf dem Fuße, weil ebenso geduckt – die Ranken des himmelblauen Immergrüns.
Bis zur Mitte des Monats harren die großen Schwestern aus, die Narzissen, blinzeln derweil ein wenig durch die hauchdünnen, grünen Knospenhäutchen mit ein bisschen Gelb an den Spitzen in den Frühlingstag, um nach zu schauen, ob denn ihre Zeit nicht auch schon gekommen wäre. Dann aber öffnen sich alle innerhalb von zwei bis drei Tagen. Schwer wippen die kräftig-gelben oder orangen Röhren, welche die Staubgefäße umrahmen, umrundet von fünf darüber schwebenden Volants im selben Ton. Tage später würden sich ihre weißen Verwandten bei ihnen einfinden, ein bis zwei Wochen später ihre Cousinen, die wohlriechenden Dichternarzissen. Sie alle erinnern an Satelliten, oder wurden vielleicht die Satelliten nach dem Vorbild der Märzenbecher (wie man sie im Lande auch gerne nennt) gebaut? Wochenlang stehen diese Frühlingsboten unverdrossen geöffnet da oder werden von den Winden geschaukelt.
So selten das Blau in der Blumenwelt normalerweise zu finden ist, im Frühling leuchtet es üppig und kräftig aus den lichten Wäldern des ganzen Landes – in der Gestalt der Leberblümchen – die im Verblühen verblassen – und ebenso üppig spiegelt sich der Himmel hier unten in Gestalt der duftenden, blauen, violetten, lilafarbenen oder weißen Veilchen (Viola). Ihre Köpfchen unterscheiden sich von „normalen“ Blüten – und das hat einen ganz besonderen Grund.
Die Sage geht – so eine Erzählung der Urgroßmutter Franka, dass die Sippe der Veilchen einst aus dreierlei Gründen quasi „vom Wege abkam“ und dafür mit Konsequenzen zu rechnen hatte: erstens wegen der wertvollen Wurzeln, an denen Säuglinge während des Zahnens kauen, zweitens wegen ihres unvergleichlichen Duftes , welchen die weiblichen Menschen-Wesen bevorzugen, um ihren eigenen Geruch zu übertünchen, und drittens wegen der kräftig violetten Färbung, die in den uralten Zeiten keine andere Pflanze der Erde vorzuweisen hatte. So gesegnet, wurden die Violetten von den Zweibeinern, den Bleichen, den Schwitzenden, denen es an all dem mangelte, wovon die Veilchen im Überfluss haben, so sehr geliebt und verehrt, dass die Herrlichen dem Hochmut verfielen. Gewöhnliche Insekten sollten nicht beliebig ihren Nektar kosten dürfen, oh nein. Das suchten sie zu verhindern, indem sie ihre Blättchen unnatürlich verbogen, sie über den wertvollen Schatz schoben. Das wurde der Erdenmutter Gaia zugetragen. Entrüstet blickte sie auf ihre überreich beschenkten Kinder, griff wütend mitten hinein in die Gemeinschaft der Eitlen, um sie mit Stumpf und Stiel auszureißen. Doch wie wehe tat ihr das im selben Augenblick, zu sehr war sie Mutter. So ließ sie ab von ihrem Tun und wandte den Blick verstärkt den anderen Kindern zu, konnte aber nicht umhin, täglich nach ihren bestraften, aber trotz allem geliebten Kindern zu schielen und auf deren Einsicht zu hoffen.
Nachdem sich der große Sturm gelegt hatte, stellten die Violetten fest, dass ihnen ihre Schönheit quasi ausgerissen worden war, dass ihnen nur noch fünf „Fingerchen“ gelassen worden waren, die unschön verteilt um die Staubgefäße flatterten. Zwei Blütenblättchen ragten in die Höhe, drei wiesen zu Boden. Fünf Blättchen - das war nicht mehr und nicht weniger, als unzählige andere Blumen ihr Eigen nennen, überlegten die Beschämten. Und jenen, die von der strafenden Hand unmittelbar berührt worden waren, denen war unglücklicherweise die Farbe abhanden gekommen, „bleich vor Angst“, so sagt man bis heute. Diese Unglücklichen blieben in hellen Lila und rosa Tönungen oder in einem cremigen Weiß bescheiden zurück. Traurig lässt das Volk der Veilchen seitdem die Köpfchen hängen.
Wie zum Hohn erhoben sich unweit von ihnen die kräftigen, blauen Hyazinthen, und ausgerechnet dieses Spargelkraut sollte die Veilchen in jeder Hinsicht übertreffen, an Höhe, an Blütenfülle und an Duft. Sie, die bis dahin bescheiden ihr Dasein gefristet hatten, sie sollten fortan als erhobener Zeigefinger der Erdenmutter fungieren.
Die Veilchen hatten verstanden. Beschämt zogen sie sich zurück - unter die Büsche, an die lichten Plätze unter den Bäumen, an die noch freien Ränder an den Hecken, dorthin, wo sie niemanden stören könnten. Fortan sollten sie nur für eine kurze Zeit blühen, hatten ihre Blüten für immer neu modelliert – wie gesagt, zwei Blütenblätter weisen nach oben, drei in einem sanften Schwung nach unten. Wie geöffnete Schnäbelchen sehen sie aus und bleiben für alle Insekten einladend weit geöffnet, gleichen geradezu kleinen Landeplätzen. Im restlichen Jahr, wenn die Samen reifen, lassen die „Zurechtgestutzten“ grüne Blätter in einer perfekten Herzform stehen – ein Zeichen der Liebe, gerichtet an die Gute Erdenmutter allein.
Die blauen, gelben, hellvioletten und weißen Krokusse, welche die Waldränder früh im Jahr zieren, wurden von den Duftenden noch nie als Konkurrenten betrachtet. Das lässt die Krokusse ohnehin sozusagen kalt. Souvären blühen sie, ohne sich nach den anderen zu richten. Sie sind stets die ersten Färbigen, die durch die noch kühle Erde brechen, oft sogar durch den Schnee. Die Menschen holen sich viele von ihnen in ihre Gärten, weil sie so schön leuchten, weil ihre Farben so kräftig sind in ihrer Buntheit als wären sie lebendige Diamanten.
Gleich nach den Krokussen und während des letzten Winkens der fünf- bis sechsstrahligen, himmlischen Leberblümchen grüßen kräftig-blaue, feinstrahlige Familienangehörige, die Windröschen den Frühling. Und wie könnten sie in Niederösterreich fehlen: die gelben Buschwindröschen färben weite Flächen ein, dicht gefolgt von den weißen Schwestern, den Großen Buschwindröschen, die zuerst den gelben den Vortritt lassen und erst einmal nur an den geschütztesten Orten zu blühen beginnen. Ihre große Zeit würde schon noch kommen, dann würden die Waldränder weiß leuchten, so zahlreich erscheinen diese Zarten, im Wind Zitternden. Sie finden sich ein an allen sonnigen Orten, wo sie über den langen Winter das verrottende Laub weich bedeckt gehalten hatte.
Fast zeitgleich wippen die Blausterne und die winzigen, blauen Traubenhyazinthen über Wochen im Wind. Von einer furchtlos frechen Wühlmaus (sicherlich von jener, die sich anscheinend mit Vorliebe von teuren Tulpenzwiebeln ernährt) wurden sie aus dem Vorgarten L.-M.'s an die entlegensten Stellen des Gartens vertragen, vielleicht als Notration dort versteckt?
Am Dienstag, dem 20. März, pünktlich zum Beginn des Frühlings (in astronomischer Hinsicht), öffnen sich eine Etage höher die ersten goldenen, höchst eleganten Kelche der alten Forsythie, jeder einzelne gekrönt mit vier schlanken Zinnen. Auch sie blühen bis in den Mai hinein, anfangs ganz allein auf dem Holze, dann umrahmt vom goldgrünen Blattwerk.
Die Haselnusssträucher sind ebenso wie die Erlen mit gelben Blüten-Fransen dicht behangen, aber erst am 22. März beginnen sich die jungen frischgrünen Blätter der Hasel als dem ersten Strauch zu entfalten. Dem Beispiel der Haselnuss folgen unzählige schmalblättrige Weidensträucher und Weidenbäume unten am Fluss mit ihrer feinen silbergrünen Belaubung. Weiden lieben dieses Land und L.-M. liebt das Land und die silbernen, biegsamen Weiden. L.-M.'s Heimat ist doch ein Land der Weiden.
Zum Zeitpunkt der Weidenblüte ist die gelb-blaue Zeit schon etwas verebbt, aber noch lange nicht vorbei, obwohl da schon die neue Phase angekündigt wird: die weißen kleinen Gänseblümchen lugen zaghaft aus der Wiese, als wollten sie das Terrain erkunden.
Beim Scharbockskraut beginnen am 23. März sowohl die weich gerundeten grünen Herz-Blätter als auch die acht schmalgeschnittenen goldenen Blütenblätter wie frisch lackiert zu glänzen, blenden geradezu den Betrachter. L.-M. hat tatsächlich ein Tagebuch über Blumen und Pflanzen geführt, weil es sie fasziniert, wie diese Wesen ihr Leben organisieren.
Die sattgelbe Sumpfdotterblume würde bald am Teichrand den Bewohnern zur Freude sein – den ganzen April wird sie die Wildbienen locken – und die Wiesen würden sich bald kräftig gelb färben, weil die sogenannten „Löwenzähne“ (Taraxacum sect. Ruderalia) gerne in Massen auftreten. Und dort neben der größten der drei Fichten steht der Huflattich stramm auf seinen kräftigen Stängeln und lässt seine dottergelben winzigen Knöpfchen-Köpfchen sehen, seine volle Entfaltung ungeduldig erwartend, denn die würde fulminant werden: wie kleine Sonnen mit unzähligen Strahlen verblüffen sie immer aufs Neue. Dann erst kommen die matten Blätter. Kinder benutzen sie im Spiel als Regenschirme, so mächtig und breit sind sie geraten. Die Kletten des Huflattichs bleiben im August an den Hosenbeinen hängen, alle Vorbeischlendernden zupfen sie verärgert ab und versuchen, sie von sich zu schleudern. Auf diese Weise gelangten wohl einst die Samen zu der Strauchrose (einem Kind der alten chinesischen Gartenkunst des Konfuzius) in den Vorgarten von L.-M. - dorthin, wo sie der Gärtnerin deswegen zum Ärgernis sind, weil sie von der rosaroten Königin nicht goutiert werden, denn fast jede Rose wünscht solitär zu stehen.
Aber die Frau verlor sich soeben in weit zurückliegenden Erinnerungen an die Frühlingszeit und an Urgroßmutters Erzählungen, während sie eigentlich nur die Wühlmaus „sonst wohin“ wünschen wollte. Sinnlos. Die Kleine ist stärker als sie. Leicht frustriert schlägt sie das schwarze Gartentürchen hinter sich zu. Das Schloss schnappt mit einem metallischen Klicken ein. Zusperren lohnt sich nicht, denn die NachbarInnen schauen eh aufeinander, man kennt sich, Diebe würden sofort als solche entlarvt werden (Ihr Diebe: Zinken sind hier sinnlos – und es gibt auch nichts zu holen).
Am Zaun von Marias Vorgarten beginnt stets die Nordic-Walking-Tour, führt am benachbarten, bereits abgeernteten und gepflügten Weizenfeld vorbei. Die Halmreste ragen stoppelig aus der aufgeworfenen, hellen - trotz des letzten Regens wieder staubig-trockenen Krume. Schon im Reifungsprozess haben die Weizenstängel die Farbe der Erde angenommen, aus der sie vor vielen Monaten emporgewachsen waren, um am Ende wieder eins mit ihr zu werden. Bald schon wird das Feld erneut bearbeitet werden, es wird geeggt. Dann wird jeder Mensch feststellen können, wie gut die „frische“ dunkle Erde duftet, genauso satt und mehlig nämlich wie das weiße Mehl, das gemahlen wird aus dem Korn, welches auf diesem Felde wuchs.
Der Acker ist schnell passiert. Die Stöcke schlagen rhythmisch auf den warmen, blank-gescheuerten Asphalt. Im nächsten Augenblick fliegt die kleine Gestalt einen großen Schritt vorwärts, während die Stöcke – über die Lederschlaufen an den Handgelenken baumelnd – für den Bruchteil einer Sekunde hinter sie geschleudert werden, nur um sofort wieder die nächsten Schritte kraftvoll zu begleiten. Den Oberkörper gerade halten! Brust heraus! Blick voraus! Diese Befehle hatte sich die Autodidaktin vor vielen Jahren - in den ersten Nordic-Walking-Stunden - selbst erteilt. Inzwischen sind sie ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Manchmal wird sie übermütig und betrachtet die Umgebung als wäre sie Hans-Guck-in-die-Luft. Ihren Walking-Takt hält sie aber schon aus Gewohnheit bei. Vier Schritte lang wird die weiche, vom kürzlich niedergegangenen, nächtlichen Regenguss gewaschene Luft eingesogen. Die Lungen füllen sich mit Sauerstoff und zugleich mit schierer Lebensfreude, L.-M. strahlt, lächelt, nickt, vielleicht murmelt sie auch ein „Herrlich“. Ein unbekannter Passant, der ihr letzthin begegnet war, hatte den Anlass nicht erkannt. Sein skeptischer Blick traf die Frau, darin inkludiert: Debilitätsvermutung - was sie mit einem breiten Grinsen quittierte. Bei der nächsten Begegnung würde er vermutlich einen weiten Bogen um sie machen - darauf könnte sie wetten...
Wie es sich für eine Walkerin gehört, richtet L.-M. den Blick wieder nach vorne und stellt fest, dass sie ihre rosa Brille aufzusetzen vergessen hat. Macht nichts, für später hat sie ja die schwarze Sonnenbrille eingesteckt. Vorbei eilend an den akkurat beschnittenen Ziersträuchern, die den Vorgarten einer jungen Familie schmücken, erreicht sie die Teichlandschaft Johannas und ihres Franz.
Eine eingeschworene Schar sympathischer, sehr intelligenter indischer Laufenten - (wie L.-M. sehr wohl weiß, denn darunter befindet sich ihr Gimli, der nach dem unerwartet frühen Tod seiner Gefährtin Major Carter zur alten Truppe zurückkehren durfte) hat hier ihr Heim zwischen den Blüten, Gräsern und Findlingen. Anmutig drehen sich alle Köpfchen synchron der Vorbeieilenden zu, schnattern aufgeregt-protestierend, fast hysterisch – und zwar alle zugleich, beäugen die Störung misstrauisch mit geneigten Köpfchen (man hat das Gefühl, sie machen alles synchron), erkennen wohl keine Gefahr im Störenfried und ignorieren schließlich die Frau.
