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"Und so lag ich nur da, ohne Worte für das Unsagbare. Ich sah in die erleichterten, zufriedenen und freudestrahlenden Gesichter meiner Familie und lachte zurück, strahlte aus vollem Herzen und freute mich, dass ich das Zentrum des fremden Planeten bin, auf dem wir gelandet waren. Okay, Luftröhrenschnitt, schwerer Unfall, ich habe keine Schuld, alles wird wieder gut, alles klar, verstehe ..." Die Welt war eine andere geworden, als die Ich-Erzählerin nach einem schweren Polytrauma aus dem Koma erwachte. Wie kann es auch anders sein, wenn man nicht mehr atmen, sich nicht mehr bewegen kann, nicht mehr sprechen und sich mitteilen. Mit einer kraftvollen und bildhaften Sprache beschreibt die Ich-Erzählerin, wie sie die Welt in sich hinein holt und sie sich nach und nach zurück erobert. Eingearbeitet sind die Tagebucheintragungen der Schwester, die zeitlich versetzt die Perspektive der Familie der Ich-Erzählerin einbringt. Weitere Textsorten belegen die Wahrhaftigkeit der Geschichte. Die Ich-Erzählerin fesselt uns mit ihren Geschichten, nimmt uns mit in diesen Taumel und hinterlässt ein verstörendes und ungläubiges Kopfschütteln.
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2021
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ES IST UNAUNAUFHALTBAR,
ES VERÄNDERTÄNDERT ALLES IN
EINER SEKUNDE, LÄSST
MICH VERZWEIFELN
TAUMELN, LÄSST MEINEN
ATEM
STOCKEN.
»Ich wollte doch nur eine kleine Besorgung im Elektromarkt machen und dann wieder nach Hause fahren, die Nudeln vom Vortag aufwärmen. Stattdessen bebte vor genau einem Jahr die Erde und zerstörte meine Welt, machte mir das Leben für lange Zeit unmöglich.«
Was ist los, im Innen und im Außen, wenn das Unfassbare passiert und in einer Sekunde die Normalität nicht mehr existiert? Mit einer kraftvollen und bildhaften Sprache erzählt die Ich-Erzählerin von einer Ausnahmewelt, in die jede/r von uns – unfreiwillig – hinein geraten kann. Sie fesselt uns mit ihren Geschichten, nimmt uns mit in diesen Taumel und hinterlässt ein verstörendes und ungläubiges Kopfschütteln.
Bettina Olling lebt in Köln-Nippes, 1975 geboren in einem kleinen nordniedersächsischen Flecken, studierte Lehramt für Sonderpädagogik in Köln und Berlin mit dem Fach Germanistik und arbeitet in dem Kölner Stadtteil Mülheim an einer inklusiven Grundschule.
PROLOG
INTENSIV I
1 Wie es begann
2 Planet Bett
3 Los geht’s – nicht
4 Neuer Morgen I
5 Atmen ist schwer
6 Ground Control to Major Tom
7 Von guten Mächten wunderbar geborgen
INTENSIV II
8 Unterstützte Kommunikation
9 Spieglein, Spieglein
10 Ich spreche, also bin ich
11 Nichts schmeckt mehr
12 Unfallarztchirurgenobergott
13 Werde ich jemals wieder tanzen können?
14 Denke gern zurück
NORMALSTATION
15 Normal ist anders I
16 Neue Erdung
17 Transportwesen
18 Gemischtes Doppel I
19 I´ll take care of you
REHA I
20 Welt – Irgendwo anders I
21 Kleider machen Leute
22 Rollerskate
23 Welt – Irgendwo anders II
24 Herr Dr. Bernhard von der Tauben
25 Vogel will fliegen
26 Oliwia, Magdalena, Frau Petermann und Herr Zumsande
27 Neuropsychologie
28 Oh du Fröhliche
REHA II
29 Get up, stand up
30 Zu Hause
31 Neues Gefährt
32 Normal ist anders II
33 Sonderzug
34 Gemischtes Doppel II
35 Perfect day
36 Easy rider
37 Lass uns rumfahren
38 Letzte Krankenfahrt
TAGESKLINIK
39 Neuer Morgen II
40 Rehaalltag
41 Elektronische Fußfessel
42 Erneuter Stillstand
43 Raus aus allem
44 Weiter geht’s
NEUE FREIHEIT
45 Die Erde bebt
46 Oktober
47 Metallarm
48 Bauchgefühl
49 Brief an die Justiz in Köln
50 Einfach mal sitzen bleiben
51 New direction
EPILOG
Abspann
Ich war mir lange unschlüssig, mit welcher der vielen Episoden ich dieses Buch beginnen lassen soll: Mit dem Durchleben des ersten Jahrestages dieses schrecklichen Unfalls, mit einem meiner intensiven Träume im Koma, mit den Tagebuchaufzeichnungen meiner Schwester, mit der sedierten, surrealen Wahrnehmung beim langen Aufwachen aus dem Koma, mit meinen Reflexionen zum Leben, mit der Angst zu sterben, mit der Angst zu leben mit Einschränkungen, mit meinen Gedanken im MRT, mit der CT-gesteuerten Lungendrainage, mit der neurologischen Frührehabilitation, mit der Normalstation, mit dem Leben auf Intensiv …
Und wenn ich diese vielen, in meine Seele und meinen Körper eingebrannten Ereignisse, die nun der Vergangenheit angehören und Erzählungen sind, auf meinem langen Weg zurück ins Leben, zurück in die Normalität aufzähle, denke ich, wie um Himmels Willen konntest du das überstehen, wie hast du es geschafft, aus diesem Grauen herauszufinden und heute ein normales Leben zu führen?
Und was war mein Antrieb, diesen Teil meines Lebens aufzuschreiben? Ich habe ihn immer und immer wieder durchlebt, ihn mit nahen und betroffenen Menschen ausgetauscht, fernen und eher unbeteiligten Menschen erzählt, Puzzleteile zusammengefügt, unterschiedliche Details beleuchtet, Perspektiven eingenommen, Gedanken und Gefühle aktiviert, ich kenne ihn durch und durch … Die erste Antwort ist: Ich möchte diesen Lebensabschnitt festhalten, er ist ein Teil von mir geworden und gehört zu mir wie die Narben an meinem Bauch, an den Hüften, am linken Arm, am Gesäß. Die zweite Antwort ist: Ich möchte mich daran erinnern, welche Stärke in mir liegt. Die dritte Antwort ist eine Liebeserklärung an meine Familie und die mir nahestehenden Menschen: Ohne euch wäre ich nicht mehr hier! Und schließlich die vierte Antwort: Ich möchte den Ärzt*innen, Pfleger*innen und Therapeut*innen sagen, wie wertvoll und großartig ihre Arbeit war und ist.
Vor sechs Jahren lag ich zertrümmert auf dem Asphalt der Inneren Kanalstraße. Wie konnte das sein? Ich wollte doch nur eine kleine Besorgung machen, höchstens eine halbe Stunde im Elektromarkt verbringen und dann wieder nach Hause fahren, die Nudeln vom Vortag aufwärmen.
Die Tür öffnet sich. Ich liege ruhig auf einer schmalen Liege in einem kleinen Raum ohne Fenster. Durch den Türspalt fällt etwas Licht herein. Drei Pfleger und eine Pflegerin in blauer Kleidung betreten den Raum und kommen zu mir. Der Raum ist nun voll. Einer der Pfleger schaltet eine Lampe über mir ein. Es macht zweimal »pling« und eine Leuchtstoffröhre springt an. Sie leuchtet blau. Jetzt nehme ich wahr, dass es totenstill ist. Die Pfleger und die Pflegerin sehen sehr ernst und versteinert aus, einer von ihnen zieht eine Spritze auf. Ich weiß, dass dies meine Todesspritze ist. Sie scheinen sichtlich Vorfreude zu empfinden, sie mir gleich zu verabreichen. Ich spüre, dass ich nicht aufstehen, nicht weglaufen, nicht schreien kann. Innerlich erhebe ich meine Hand und schreie ganz empört: »Das lasse ich mir nicht bieten!« Und nochmal: »Das lasse ich mir nicht bieten!« Und immer wieder: »Das lasse ich mir nicht bieten! Das lasse ich mir nicht bieten!«
Diese eigentlich surreale Erfahrung ist für mich kein Traum, sondern auch heute noch, Jahre nach dem Durchleben des akuten schweren Polytraumas, spürbare Realität. Ich kann einmal mit dem Finger schnipsen und wieder in diese Erfahrung eintauchen, ich spüre den Willen und den Kraftausdruck, mit dem ich geschrien habe. Heute bin ich mir sehr sicher, dass ich meinen »Blautraum«, wie ich ihn nenne, entweder in der tatsächlichen Gleichzeitigkeit der Situation der achtstündigen 23-mann-frau-starken Notoperation hatte, während der, wie ich heute weiß, mein Leben tatsächlich mehrmals am seidenen Faden hing oder in der Komaphase danach, in welcher ich diese Erfahrung verarbeitet habe.
Ich erinnere mich, dass ich den Traum, der kein Traum war, einige Male durchlebt habe und nicht aufgewacht bin. Bei einer meiner Operationen ein Jahr später konnte ich vor der Sedierung erfragen, ob die Lampe über dem OP-Tisch blau sei. Die Narkoseschwester – die übrigens bei der Notoperation dabei war und mich später auch auf der Intensivstation besuchte – erzählte mir, dass nicht die Lampe, sondern die Wand im OP-Saal blau gestrichen sei. Für mich ist diese Antwort ein Beweis dafür, dass ich auch während der Bewusstlosigkeit rudimentäre Wahrnehmungen hatte, sowohl Farben sehen konnte als auch die Ernsthaftigkeit der Situation spürte.
Ich schaue auf den jungen Mann in blauer Kleidung. Er hantiert die ganze Zeit mit allerlei Dingen. Er überprüft eine Flasche mit Flüssigkeit, die über ihm hängt. Das tut er mit großem Ernst und sehr sorgfältig. Ich liege auf einem riesigen Bett, der Raum scheint aus diesem Bett zu bestehen. Es weht kalt in den Raum hinein. Ich denke, das scheint hier ein Außenraum zu sein. Eine Art kleines freistehendes Steinhaus mit nur einem Raum. Warum steht die Tür offen, frage ich mich.
»Das ist Gustav, dein Pfleger heute Abend«, erklärt mir meine Schwester Antonia. Gustav, der in Wirklichkeit einen viel schöneren Namen hat, lächelt. Sieht aus wie Tim Bendzko, höre ich Antonia leise feixen. Das stimmt, denke ich, als ich in meiner Vorstellung vage das Bild des Sängers hervorkrame und wieder in einen Halbschlaf falle. Mir ist so kalt. Noch nie in meinem Leben war mir so kalt, so durch und durch kalt! Ich fühle mich so, als würde mir nie wieder warm werden können. Ich höre die Stimme meines großen Bruders Ruben. Er spricht von einer Bauchoperation, die gut verlaufen sei. Er freut sich so darüber. Also wurde ich am Bauch operiert, komisch, warum das denn? Aber so kann ich mir zumindest erklären, warum mir so kalt ist. So unendlich kalt. Wahrscheinlich komme ich gerade aus dem OP, und OP-Räume werden offensichtlich nicht geheizt bzw. sind kühl, damit alle Körperfunktionen heruntergefahren werden, erkläre ich mir. Aber warum muss mir denn JETZT so kalt sein, das können die doch auch anders regeln, warum geben die mir nicht eine warme Decke und schließen die Tür?
Später kann ich rekonstruieren, dass mein Bauch an diesem Tag ganz verschlossen wurde. Ich erfahre, dass mein Bauch bis dahin offen war, geschützt mit einer Vakuumdecke. In mehreren Operationen wurde er langsam wieder verschlossen. Ein Gebläse regelte meine Temperatur, das war der von mir empfundene Wind, der aus meiner Perspektive von draußen kam.
Es ist kein Aufwachen wie nach einer normalen Schlafphase, sondern das langsame Absetzen des Sedativums verursacht ein surreales Szenarium mit irrationalen Visionen. Meine sedierte Wahrnehmung hat mir viele Streiche gespielt, und so fantasierte ich mich unter anderem an einen Ort mit dem Namen Winterberg in der französisch-sprachigen Schweiz. Ich weiß nicht, ob es diesen Ort gibt, aber von meinem Intensivbett aus konnte ich eine Baumkrone erkennen und es war mir eigentlich immer bitterkalt. Und so stellte ich mir eine bergige und kalte Winterlandschaft vor, in die ich hinaustreten wollte. In meiner Pflegerin erkannte ich etwas Frankophiles mit ihrer Fragilität und ihrem schwach französischen Akzent, und somit befand ich mich an einem anderen Ort als dem realen.
Erst Tage später konnte ich meine tatsächliche Umgebung in Gänze wahrnehmen. Ich hatte knapp sechs Wochen vor mir, um mein neues Zuhause ausschließlich auf dem Rücken liegend zu betrachten. Jetzt, Jahre später, würde ich gerne sagen, zu vermessen, aber das war mir in meiner Unbeweglichkeit nicht möglich, und so konnte ich nur aus dem Bett heraus beobachten, was sich tat: Ärzt*innen, die täglich mehrmals in Scharen kamen, Pfleger*innen, die mich wuschen und ständig irgendetwas austauschten, neu justierten, überprüften, eine riesige Fotowand, die meine Familie in mein kleines intensives Zimmer hineinbrachte. In den ersten Tagen konnte ich allerdings die groß kopierten Fotos gar nicht erkennen, was aber an meiner Sehschwäche lag.
Nach einer Stunde hatte meine Familie, die in den ersten Tagen fast rund um die Uhr bei mir wachte, verstanden was ich wollte: meine Brille. Meine luftröhrenschnittbedingte Sprachlosigkeit und meine nach zwei bewusstlosen Wochen muskelatrophische mit externen Beckenfixateuren verursachte Unbeweglichkeit, verhinderten jede Mimik und Gestik, ich konnte nur meinen Zeigefinger der rechten Hand bewegen, ein Umstand, welcher mir in meiner Unzulänglichkeit aber nicht bewusst war.
In meiner Wahrnehmung musste man mir doch durch mein übertriebenes Mienenspiel, so dachte ich, mein Begehren ablesen können. Ich war verzweifelt, was man mir aber nicht ansah, bis ein bebrillter Arzt das Zimmer betrat und ich durch meine Blickrichtung verstanden wurde. Und so konnte ich einen Blick auf mein früheres Leben werfen, von dem von einer Sekunde auf die nächste nichts mehr übrig war.
Aus der Perspektive meiner Familie lag ich nur da, regungslos, im Gesicht kein Ausdruck von Gefühlen erkennbar. Während ich meine neue Situation erst einmal überschauen und verstehen musste, hatten sie schon ein Martyrium von zwei Wochen hinter sich, einen quälend langen Zeitraum, in dem sie nicht wussten, wohin es mit mir gehen und was von mir noch übrig sein würde. Aber das wiederum wusste ich nicht. Sie kamen jeden Tag freudestrahlend in mein Zimmer, lasen mir Märchen vor, stellten mir meine Musik an und erklärten mir portionsweise in meinen kurzen wachen Phasen, was mit mir passiert war. Die ersten und wichtigsten Informationen in den ersten Tagen waren: Du hattest einen schweren Unfall, an dem du überhaupt nicht schuld bist. Du wirst künstlich beatmet und kannst nicht sprechen, weil du einen Luftröhrenschnitt bekommen hast, bald kannst du aber wieder selbstständig atmen und sprechen.
Ob ich diese Informationen verstand, wusste meine Familie zu diesem Zeitpunkt nicht. Sie konnten meinen kognitiven Zustand nicht bewerten. Ich habe nicht einmal versucht Laute auszustoßen, weil ich gespürt habe, dass mir die Luft und die Kraft im Brustkorb fehlen. Und so lag ich nur da, ohne Worte für das Unsagbare. Ich sah in die erleichterten, zufriedenen und freudestrahlenden Gesichter meiner Familie und lachte zurück, strahlte aus vollem Herzen und freute mich, dass ich das Zentrum des fremden Planeten bin, auf dem wir gelandet waren. Okay, Luftröhrenschnitt, schwerer Unfall, ich habe keine Schuld, alles wird wieder gut, alles klar, verstehe …
[…] Mich hat Matteo informiert. Um 16:57 Uhr habe ich eine SMS von ihm bekommen, in der er mich bittet, ihn dringend zurückzurufen.
Ab diesem Zeitpunkt lief mein Puls auf Hochtouren und ich konnte kaum noch klar denken. Als er erzählte, du habest einen Unfall gehabt und liegest in der Uniklinik in Köln, war meine erste Frage: »Was ist denn passiert?« Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dir etwas Lebensbedrohliches widerfahren war, weil es einfach nicht sein durfte. Als ich mehr Details über den Unfall erfuhr, dämmerte mir, dass es hier nicht um ein paar Prellungen und gegebenenfalls Knochenbrüche ging. Ich hörte dann was von Not-OP und konnte nicht mehr reagieren. Als ich fragte, ob es Sinn mache, nach Köln zu kommen, sagten die Ärzte: Ja, dein Zustand sei kritisch.
Ich wollte einfach nur aufstehen. Das war mein allergrößter Wunsch. Meine Fantasie in den ersten wachen Tagen war, dass ich mit Unterstützung ins Taxi gesetzt werde und auf meiner Couch im Wohnzimmer sitze. Zusammen mit meiner Familie wollte ich dort gemütlich warten, bis endlich die Reha losging und ich wieder laufen kann. Denn dass ich nicht laufen konnte, hatte ich schon in unzähligen Traumfragmenten, in denen es immer ums Aufstehen und Losgehen ging, gespürt. Ich konnte nicht mehr (los)gehen. Bis zum tatsächlichen erstmaligen kurzen unterstützten Stehen in der Frühreha sollten noch drei Monate vergehen, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise noch nicht.
Und so musste ich mich damit irgendwie zufriedengeben, dass ich zwar meine gesamte Kraft bündelte und mit weit aufgerissenem Mund überdeutlich das Wort AUFSTEHEN formte und dieses Bedürfnis wohl verstanden, aber zu meiner Verwunderung auf später verschoben wurde. Auch blieb ich mit meiner Irritation allein, dass ich seit Tagen nicht mehr auf der Toilette war. Insgesamt musste ich mich mit vielem abgeben. Ich konnte nur daliegen, nicht sprechen, mich nicht selbstständig wenden, meine Arme und Beine nicht bewegen. Und dann standen da noch zwei Ungetüme aus meinem Becken heraus. Ich konnte mir nicht erklären, wie diese beiden langen Eisenstangen dort befestigt waren. Ich hatte irgendetwas in meiner Nase stecken, das mich nervte, es piepte ununterbrochen, es brummte, das Bett bewegte sich, und an meinen Beinen drückte ständig irgendetwas. Ich gab mich damit nur zufrieden, weil mir versichert wurde, dass dies ein temporärer Zustand sei: »Das wird alles wieder, es dauert nur«, »Dat kommt all wer« (Plattdeutsch, mein Vater), »Du wirst an dein altes Leben anknüpfen können« (meine Mutter), stellte man mir in Aussicht. Diese tröstenden Worte wollte ich jeden Tag gerne wieder hören und so wurden sie mantraartig wiederholt. Damit gab ich mich zufrieden. Vorerst.
Später klärte mich meine Familie nach und nach über meine neuen Körpermerkmale auf, die mir bei der Körperpflege durch die Pfleger*innen auffielen: Das ist die Bauchnarbe von der Bauch-OP, der Beutel an deinem Bauch ist dein künstlicher Darmausgang, der wird wieder zurückverlegt, du kannst dich nicht bewegen, weil du so lange gelegen hast, das ist so ähnlich wie bei Astronauten, wenn sie lange im All waren und ihre Muskeln nicht benutzt haben, die Stangen rechts und links an deinem Becken sind externe Fixateure, die kommen wieder weg.
Es sollte nach diesem schrecklichen Unfall vier Monate dauern bis zu meinem ersten Wochenendbesuch im Rollstuhl in meinem geliebten Nippeser Zuhause. Am Rollator konnte ich nach fünf Monaten 100 Meter mit Pausen gehen, ich war so stolz auf meinen Gehstock, den ich ein paar Wochen später bekam.
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