Verlag: Knaus Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Weltbeben E-Book

Gabor Steingart

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E-Book-Beschreibung Weltbeben - Gabor Steingart

Das neue Buch von Gabor Steingart zeigt: Die Zukunft findet statt - nur anders als die etablierten Mächte aus Wirtschaft und Politik sie erwartenKonflikte und Komplexität überfordern unsere Institutionen und Politiker. Ein aggressiver Finanzkapitalismus zehrt die Wirtschaft aus, die tragende Mitte unserer Gesellschaft wird immer weiter ausgehöhlt. Warum wir trotzdem nicht verzweifeln müssen und wie wir im Zeitalter der Überforderung gut leben können. Das neue Buch von Gabor Steingart bietet beides: schonungslose Analyse und Hoffnung auf eine Zukunft, die wieder Zuversicht verdient.

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E-Book-Leseprobe Weltbeben - Gabor Steingart

Gabor Steingart

WELTBEBEN

Leben im Zeitalter der Überforderung

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1. Auflage Copyright © der Originalausgabe 2016 beim Albrecht Knaus Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Inhalt

Vorwort

1Amerika: Weltmacht auf Abruf

2Europa: Ein Kontinent wird gespalten

3Terrorismus: Der Dritte Weltkrieg hat begonnen

4Kapitalismus: Verlust von Maß und Mitte

5Finanzmarkt: Die unheilige Allianz von Banken und Staaten

6Digitalisierung: Das Gespenst der Nutzlosigkeit

7Populismus: Wie die Eliten unsere Welt fiktionalisieren und banalisieren

8Demokratie: Der kommende Aufstand der Bürger

»Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.«

George Bernard Shaw

Vorwort

Wollten wir unser gegenwärtiges Leben mit nur einem Wort beschreiben, wäre es wohl dieses: Überforderung. Die Komplexität der politischen Problemlagen, die Selbstbeschleunigung der digitalen Kommunikation und die Besinnungslosigkeiten des ökonomischen Größenwahns addieren sich zu einem Festival nervöser Gleichzeitigkeit. Müsste die heutige Welt eine Zukunftsverträglichkeitsprüfung ablegen, würde sie durchfallen.

Der Mensch im Zeitalter der Überforderung taumelt von einem Kontrollverlust zum nächsten. Und unsere Eliten taumeln voran. Die Banken haben die Kontrolle über ihre Bilanzen verloren, so wie die Staaten die Kontrolle über ihre Außengrenzen. Wir als Gesellschaften haben spätestens mit den Terroranschlägen von Paris, Brüssel und München das Gefühl von Unbeschwertheit verloren. Und den etablierten politischen Parteien ist – angesichts der Umstände, für die sie verantwortlich zeichnen – das Objekt ihrer Gefühlsbewirtschaftung, der Bürger, ins Freie entwischt.

Da steht dieser Bürger nun, mit anderen in Verwirrung und Empörung vereint, und schaut auf eine Wirklichkeit, die ihn frösteln lässt. Durch die Schuld derer, die bisher über ihn herrschten, wurden alle Ziele, die ihm wichtig waren, nicht nur nicht erreicht, sondern oft in ihr Gegenteil verkehrt. Die Kriege, die der Westen in seinem Namen führt, bringen keinen Frieden, sondern neuen Krieg; sie beruhigen die Menschen anderer Länder nicht, sondern setzen nur immer neue Wanderungsbewegungen in Gang. Die ungleiche Verteilung der Vermögen wird beklagt – und beschleunigt. Die Gefahren einer zu hohen Staatsverschuldung werden gesehen – und mit immer neuem Leihgeld bekämpft. Der Klimawandel wird verstanden – und angeheizt. Der Artenreichtum der Tier- und Pflanzenwelt wird als konstituierend für den Planeten angesehen – und mit großer Hemmungslosigkeit dezimiert. Derweil die Kindererziehung längst von Zucht und Ordnung auf Dialog und Respekt umgeschaltet hat, herrscht in den internationalen Beziehungen das vorsätzliche Nicht-Verstehen des Anderen, wodurch eine Spirale von Hass und Gegenhass ausgelöst wurde. Wer das Scheitern der westlichen Außenpolitik besichtigen will, muss keinen G-20-Gipfel besuchen, sondern nur das nächstgelegene Flüchtlingsheim.

Unsere Welt ist dabei, sich selbst fremd zu werden. Im Nahen Osten tobt ein Flächenbrand, der droht, auf das Nato-Mitglied Türkei überzugreifen. Der Terror hat seine Brutstätten verlassen und unsere Metropolen erreicht. Europa wirkt gespalten, das Amerika des Donald Trump halluziniert vor sich hin. Das Wort »Weltordnung« wurde »ungültig« gestempelt.

Dabei waren die Planungsprozesse noch nie so ausgefeilt wie heute, und keine vorherige Generation konnte sich in gleicher Weise auf die Methoden computerbasierter Vorhersagen stützen. Doch mit anarchistischer Wucht schlägt immer wieder der Blitz in die bestehenden Verhältnisse ein. Selbst der amerikanische Präsident weiß, wenn er in seinem Weißen Haus aufwacht, nicht, in welchem Zustand sich die Welt gerade befindet: Gab es einen neuen Terroranschlag, oder hat er wieder den Friedensnobelpreis gewonnen? Machte die Wall Street des Nachts fette Beute, oder haben die Mächtigen der Geldwirtschaft, von den Amerikanern »Fat Cats« genannt, ein neues Weltfinanzbeben ausgelöst? Ist China noch Partner oder schon Gegner? Ist der Präsident selbst noch der Führer der freien Welt oder nur noch deren oberster Vorgeführter?

Ein andauerndes Gehetztsein charakterisiert nicht nur unsere Alltagskultur, sondern vor allem auch die der Entscheider. Nahm sich Bundeskanzler Helmut Kohl noch vierzehn Tage Zeit, um den asiatischen Kulturkreis im Stile Marco Polos zu bereisen, verkürzte Kanzlerin Angela Merkel eine ohnehin nur auf drei Tage angesetzte Brasilienreise zum 24-Stunden-Trip mit Übernachtung im Regierungsflieger. Dringende Regierungsgeschäfte in Berlin, so sagte sie, hätten das Speeddating in Rio erzwungen. Doch von dem, was gestern noch »dringlich« schien, bleiben in der Erinnerung nur die Augenringe und das Gefühl chronisch gewordener Übermüdung. Das Nervöse und Gehetzte gehört mittlerweile zum Markenkern der Gegenwartspolitik. Was Friedrich Nietzsche seufzend über sich sagte, könnten die politischen Eliten mühelos auch über sich behaupten: »Ich lebe noch, doch ohne drei Schritte weit vor mich zu sehn.«

Die Verantwortlichen aus Wirtschaft und Politik reagieren auf die Zunahme von Konflikt und Komplexität mit einer gefährlichen Ausweichbewegung. Auf Vorstands- und Kabinettssitzungen sucht man nicht mehr zwingend nach Lösungen, sondern nach dem medientauglichen Narrativ, einer gut klingenden Geschichte. Wir erleben das Vordringen von Verhaltensforschern, Datenanalysten und Neurologen in die Entscheidungszentren der Macht. Mit ihrer Hilfe soll Wirklichkeit nicht mehr verändert, sondern nur anders beleuchtet werden. Auf wachsende Komplexität wird mit Reduzierung, Fiktionalisierung, Banalisierung und Emotionalisierung reagiert.

Ein nervös gewordener Westen ist unverkennbar in das Zeitalter seiner Überforderung eingetreten; mit Folgewirkungen, die schon deshalb beängstigend sind, weil sie sich der Vorhersehbarkeit entziehen. Der große Knall ist nicht zwangsläufig, aber er ist möglich geworden. Die Gleichzeitigkeit von technologischen Dynamisierungsschüben, wachsender geopolitischer Spannung und einer Elitenkultur des Weghörens haben Winde aufziehen lassen, die uns den perfekten Sturm bringen könnten.

Damit sind nicht nur die Menschen und die sie umgebende Natur überfordert, sondern auch die Systeme, die zu beider Schutz installiert wurden. Demokratie, Marktwirtschaft und das internationale Gefüge, das wir »Weltordnung« nannten, haben zu driften begonnen. Die Welt bebt. Der Mensch in der Überforderung wird auf seine Standfestigkeit getestet.

Forscher aus Japan und den USA haben über 6.000 Erdbeben der Stärke 2,5 und größer untersucht, die in den Jahren 1984 bis 2011 vor und in Japan aufgetreten sind. Dabei entdeckten sie sogenannte »stille Beben«, bei denen zwei tektonische Platten sich sehr langsam aneinander reiben. Es kommt zu keinen seismischen Erschütterungen. Man spürt und hört zunächst nichts. Erst nach einiger Zeit wirken die sich selbst verstärkenden Schwingungen, gehen dann in die großen See- und Landbeben über, von denen die japanische Bevölkerung immer wieder heimgesucht wird. Die »stillen Beben«, so das Fazit der Untersuchung, sind die Sendboten des Unheils.

Vergleichen heißt nicht gleichsetzen: Die Phänomene, auf die wir in diesem Buch blicken, sind von Menschen gemacht und können also verändert werden. Wir sind keineswegs die Opfer von Naturgesetzen, die im Grande Finale einer Apokalypse zustreben.

So ist dieser Essay denn für neugierige Leser geschrieben, die unsere Gegenwartswelt nicht erdulden, sondern verändern wollen. Nur wer die Überforderung versteht, kann ihr begegnen. Alle Erneuerung beginnt als neues Denken. Die Voraussetzungen sind günstig, denn das Bürgertum ist dabei, sich aus der Verankerung des Bisherigen zu befreien:

Die Menschen sind nicht »wirtschaftsfeindlich«, nur erwarten sie von ihren Unternehmen mehr als allein die Steigerung von Gewinn. Die Firmen müssen von ihren Kunden etwas erwerben – neues Vertrauen zum Beispiel.

Die Menschen sind auch nicht »europamüde«. Sie sind es nur leid, dass die große Idee einer europäischen Gemeinschaft in Bürokratie und Privilegienwirtschaft ertränkt wird. Sie wollen sich nicht länger vorschreiben lassen, was ein guter Europäer sagt, denkt und fühlt. Sie wollen ein Europa der Demokraten, was ihnen die Autokraten der EU-Kommission und ihre Unterstützer anhaltend übel nehmen.

Die Menschen sind auch nicht »politikverdrossen«. Sie lieben jene Politiker, die das tun, was sie sagen, und das sagen, was sie denken. Was sie hassen, sind Klatschparteitage, Streit um des Kaisers Bart und organisierte Phrasendrescherei. In allen Ländern des Westens haben wir es heute sogar mit mehr politischer Leidenschaft zu tun, nur eben außerhalb jener Verbände zur Aufrechterhaltung des Status quo, die sich selbst »Volksparteien« nennen.

Die Menschen sind also nicht einem Fatalismus verfallen. Das könnte den tonangebenden Eliten so passen. Eine große Mehrheit sehnt sich nicht nach Untergang, sondern nach Selbstbestimmung, Teilhabe und Fairness. Von dem mit besorgter Miene vorgetragenen Einwand, dieses oder jenes sei unrealistisch, ja utopisch, lassen sich viele nicht mehr beeindrucken. Künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos, das in Echtzeit kommunizierende Internet, der Fall der Berliner Mauer und ein schwarzer US-Präsident galten einst ebenfalls als utopisch. Offenbar aber liebt es die Menschheit, Utopien wahr werden zu lassen. So enthält denn dieses Buch bei aller Schonungslosigkeit der Analyse in hoher Dosierung Zuversicht. Auf dass sich Angst und Unzufriedenheit in Mut und Hoffnung verwandeln.

Düsseldorf im August 2016

AMERIKA

Weltmacht auf

Abruf

Das Bild vom »American Dream« führt ein zweites Leben im Halluzinarium.

Amerika ist noch immer eine Weltmacht, aber eine Weltmacht auf Abruf. Das Land leidet gleichzeitig an Überforderung und Selbstüberschätzung, wobei die historische List im gleichzeitigen Auftreten der beiden Phänomene besteht. Der Abstieg wird durch die Selbstüberschätzung nicht weniger real, aber Amerika spürt die Schmerzen nicht so. Das Bild vom »American Dream« führt unter diesen Bedingungen ein zweites Leben im Halluzinarium. Früher stand der amerikanische Traum für die Idee vom Aufstieg, heute für eine Kultur der Nostalgie bei vorsätzlichem Nichtverstehen der Gegenwart.

Das Bemerkenswerte ist, dass für den oberflächlichen Betrachter zunächst nichts auf einen Abstieg hindeutet, weshalb das Dasein in der Traumwelt bisher gut funktioniert. Die US-Streitkräfte bilden weiterhin den Showroom, in dem die Weltmachtambitionen ausgestellt werden. Das Sortiment an Aufklärungs-, Transport- und Tötungsgerät ist imposant; zu den Schmuckstücken der Sammlung gehören 7.000 Atomsprengköpfe, die in den kommenden Jahren durch eine für 100 Milliarden Dollar – das entspricht den addierten Staatshaushalten von Afghanistan, Somalia, Liberia, Niger, Sierra Leone, Zimbabwe, Eritrea und Kongo – erworbene Flotte von B-3-Bombern ergänzt werden. Ausgestattet mit Laserwaffen können diese Geschwader das feindliche Radar unerkannt durchfliegen. Ergänzt werden diese Hightech-Bomber durch eine wachsende Zahl unbemannter Drohnen, mit deren Hilfe sich selbst in unwegsamem Gelände Terroristen – bei Bedarf auch Hochzeitsgesellschaften – jagen lassen, ohne dass ein US-Soldat zu Schaden kommt.

Dabei herrscht an einsatzwilligem Kriegspersonal kein Mangel. 1,4 Millionen aktive Soldaten befehligen 1,1 Millionen Reservisten; die rund 750.000 zivilen Mitarbeiter der US-Streitkräfte sind dabei nicht mitgezählt. Marine, Luftwaffe und Heer gelten als nationale Heiligtümer, für die zu leben und sterben hohes Sozialprestige verspricht. Vor die Alternative gestellt, auf fremdem Boden zu fallen oder daheim den Weltverdickungsplänen von McDonald’s & Co. zu erliegen, weiß der Patriot klug zu entscheiden.

Ökonomisch ist Amerika noch immer der Gorilla der Weltwirtschaft.

Ökonomisch ist Amerika noch immer der Gorilla der Weltwirtschaft. Kein anderes Land besitzt kräftigere Muskeln. Sogar die Wall-Street-Größen sind nach kurzer Rekonvaleszenz im Zuge der Weltfinanzkrise 2008 wieder auferstanden von den Toten – profitträchtiger, intransparenter und gieriger denn je. Derweil die Europäer, angeleitet von deutscher Gründlichkeit, ihre Finanzinstitute nach allen Regeln bürokratischer Kunst regulieren und zum Teil auch schon strangulieren, ist der Marktanteil der US-Banken in der Nach-Lehman-Zeit kräftig gestiegen. Wells Fargo, JP Morgan und Goldman Sachs leben im monetären Olymp, während die Deutsche Bank auf die globale Position Nummer 84 und damit ins Untergeschoss der Finanzindustrie abgestiegen ist.

Der Dollar blieb trotz der Konkurrenz aus China und Euroland die alles beherrschende Leit-, Transaktions- und Reservewährung der Welt. Mehr als 63 Prozent aller Währungsreserven werden in Dollar gehalten, jede zweite Transaktion wird mit seiner Hilfe abgewickelt. Noch auf dem entlegensten Fleckchen Erde, wo das Vorzeigen von Mastercard und Euroschein nur ein Achselzucken hervorruft, bringt das Entfalten einer zerknitterten Dollarnote die Augen zum Leuchten. Es ist dieser Mythos der Unwiderstehlichkeit, der machtbewusste Männer wie Winston Churchill einst auf die Palme trieb. »Dollarsklaverei«, schimpfte er. Die Diktatur des Britischen Pfundes, das zuvor die Welt regiert hatte, war ihm deutlich lieber.

Auch die kulturellen Errungenschaften Amerikas, von der laufenden Hollywood-Produktion bis zur WhatsApp-Gruppe, erfreuen sich anhaltender Beliebtheit. Von den weltweit 50 erfolgreichsten Filmen des Jahres 2015 waren 44 US-Produktionen. Die Nachfolger von John Wayne, Elvis Presley und Aretha Franklin heißen Han Solo, Rihanna und Pink, nicht Aisha und Mustafa.

Die kulturelle und ökonomische Reichweite der USA übersetzt sich nicht mehr in politische Gefolgschaft.

Wir fassen zusammen: Die technische Reichweite der USA, um einen Begriff der Werbeindustrie zu verwenden, ist weiterhin intakt. Der lange Arm ihrer Währung, ihres Lebensstils, ihrer Waren, ihrer Popkultur und ihres Militärs reicht überall hin. Nur, und hier beginnt der verstörende Teil der Wirklichkeit, die kulturelle und ökonomische Reichweite übersetzt sich nicht mehr in politische Gefolgschaft. Die Menschen hören die Botschaft, aber kaufen sie nicht. Oft wird sie nicht einmal mehr verstanden. Der US-Präsident sagt »Demokratie«, und die islamische Welt versteht »Angriff«. Der US-Präsident sagt »Freihandel«, und in Europa klingt es nach der Aufforderung zur Unterwerfung. Der US-Präsident wirbt für »universelle Menschenrechte«, und ein Großteil der Menschheit denkt an das Strafgefangenenlager »Guantanamo« mit seinen modern ausgestatteten Folterkellern, wo die Befragungen der Delinquenten in einer kühl durchfluteten Ertränkungsanlage durchgeführt werden.

So wirkt denn die kulturelle, ökonomische und militärische Hegemonie nicht mehr zum Ruhme Amerikas, sondern funktioniert als schier unerschöpfliche Quelle des Ressentiments und der Feindseligkeit. In paradoxer Verkehrung der bisherigen Machtmechanik verhindert die US-Dominanz also nicht die Verletzbarkeit Amerikas, sondern befördert sie. Den Amerikanern selbst aber vermittelt sie das Trugbild einer vitalen Großmacht. Viele verstehen nicht, dass Macht in der multikulturellen Welt neu formatiert wurde, dass die alten Chiffren sich nach neuen Algorithmen sortieren.

Donald Trump ist der prominenteste Vertreter derer vom Stamm des Nichtverstehens. Seine Versprechen widersprechen sich, und die Tatsache, dass sich mit einer Hundertschaft von Widersprüchen Wahlkampf führen lässt, zeigt, wie groß die Überforderung der amerikanischen Gesellschaft und ihrer Eliten ist. Trump will die islamische Welt in Grund und Boden bomben und zugleich das Nato-Engagement der Amerikaner reduzieren; er will Amerika seine alte Großartigkeit wiedergeben und zugleich die Nicht-Nuklearmächte Japan und Südkorea mit Atomwaffen ausstatten. Er will den Freihandel beschneiden und damit in einem Land, das hochgradig auf Importe angewiesen ist, den Wohlstand steigern. Trump ist der perfekte Kandidat einer halluzinierenden Wählerschaft. Er träumt ihren Traum und die Wähler seinen. Es ist ein Traum von Gewalt und Ressentiment, in dem der jeweils andere gedemütigt, des Landes verwiesen oder vernichtet wird. In dieser Welt haben Einfühlungsvermögen, Mitleid und Interessenausgleich Zutrittsverbot, weshalb Trump auf Andersdenkende auch mit feuchter Aussprache reagiert: Raus, raus, raus, bellt er ihnen im Beisein seiner 20.000 erregten Anhänger zu. Bis sich ein Hitzkopf findet, der weiß, wie man Worte in Schläge verwandelt.

Der Militärapparat wird nicht durch einen anderen Militärapparat herausgefordert, sondern von Turnschuhterroristen unterlaufen.

So bleibt einem Großteil der amerikanischen Wählerschaft verborgen, dass die USA nicht mehr einer anderen, vergleichbar großen und kräftigen Großmacht gegenüberstehen, sondern einer Vielzahl von asymmetrischen Gegnern. Der Militärapparat wird eben nicht wie in der guten alten Zeit des Ost-West-Konfliktes durch einen anderen Militärapparat herausgefordert, sondern von Turnschuhterroristen unterlaufen. Amerikas Kultur ist weiter kommerziell erfolgreich, aber sie hat ihre Prägekraft verloren. Jeans, Rock ’n’Roll und aggressiver Anti-Amerikanismus schließen sich weniger aus denn je. Der Dollar wird weiter geschätzt, aber mit Euro, Yen und Renminbi sind Wettbewerber am Start, deren Ziel es ist, die Dollar-Hegemonie zu brechen.

Nun ist es nicht so, dass keiner in Amerika das sieht oder spürt. Aber wer es sieht oder spürt, will darüber nicht vor Publikum sprechen, weil ein zur Religion gewordener Optimismus den öffentlichen Raum dominiert. Die gesammelten Widrigkeiten der Gegenwart – Asiens Aufstieg, Russlands Renaissance und der wachsende Einfluss des radikalen Islam – werden nicht verschwiegen, aber weggemurmelt. Realpolitik ist ein schmutziges Wort geworden, weil es beim Halluzinieren stört.

Zwischen den politischen Parteien ist ein Wettlauf in Gang gekommen, wer zur beeindruckenderen Realitätsverweigerung fähig ist. Die Weltgeschichte kennt keine unverzichtbaren Mächte.

Die Überforderung der USA ergibt sich weniger aus dem Nicht-Verstehen als aus dem Nicht-Besprechen dessen, was mit dieser außergewöhnlichen Nation gerade geschieht. Das Establishment sieht die Zeichen, aber kann und will sie nicht deuten – zumindest nicht im Beisein der TV-Zuschauer und Wähler. Die Botschaft einer Welt in Unordnung passt nicht zu Abraham Lincolns Diktum von »the last, best hope of earth«, das im »American Exceptionalism« zur Staatsräson geronnen ist. Amerika erkennt und spürt sich am besten in der eigenen Großartigkeit, die weder Relativierung noch Negation verträgt. »Unsere Kinder müssen wissen, dass sie Bürger der mächtigsten, besten und ehrenwertesten Nation in der Geschichte der Menschheit sind, der außergewöhnlichen Nation«, schreibt ein Mann wie Ex-Vizepräsident Dick Cheney in seinem jüngsten Buch. Wer ihm widerspricht oder ihn auch nur relativiert, hat im innerparteilichen Ränkespiel von Demokraten und Republikanern verloren. Zwischen den politischen Parteien ist ein Wettlauf in Gang gekommen, wer zur beeindruckenderen Realitätsverweigerung fähig ist. Der relative Abstieg Amerikas, die Verschiebung von Macht und Wohlstand in Richtung der anderen Kulturkreise, dürfen bei Strafe des Scheiterns von keinem Kandidaten, der auf Wahl oder Wiederwahl hofft, thematisiert werden. Und das gilt nicht nur für die Kandidaten der Präsidentschaftswahlen, sondern für alle wählbaren Entscheidungsträger der USA, von den 435 Kongressabgeordneten über die 100 Senatoren bis zu den Bundesrichtern und die Sheriffs. Das Beschwören amerikanischer Größe und Einmaligkeit zwingt sie zur Wirklichkeitsverweigerung. Wer im US-System aufsteigen will, muss sich gegen die Urkräfte der neueren Weltgeschichte, die Amerikas Rolle geschrumpft haben und weiter schrumpfen werden, nach Kräften immunisieren. Auch die Clintons und ihre politischen Freunde, darunter kluge Frauen wie die Ex-Außenministerin Madeleine Albright, sprechen von der »unverzichtbaren Nation«. Doch solche Selbstzuschreibungen stärken die halluzinogenen Kräfte daheim, wie sie zugleich die allergischen Reaktionen außerhalb des Landes befördern. Die Weltgeschichte kennt keine unverzichtbaren Mächte. Der Ozean der versunkenen Großreiche ist ein tiefes Gewässer. Hier liegen römische Kaiser und Mongolenfürsten neben Alexander dem Großen, Napoleon und Königin Victoria.

Amerika verbarrikadiert sich hinter der Annahme eigener Unfehlbarkeit, wie wir das sonst nur vom Vatikan kennen.

Die Überforderung Amerikas zeigt sich vor allem darin, dass kein ausreichend starker Mechanismus zur Selbstkorrektur existiert. Gegenwartsblind stolpert Uncle Sam durch die Weltgeschichte. Es kommt fortwährend zu einer eigenartigen Umwidmung der Ereignisse. So wird die Feindseligkeit der islamischen Welt nicht als Aufforderung zum Dialog, sondern als Ermunterung zu noch mehr Härte verstanden. Die allmähliche Abkehr Europas vom großen Bruder Amerika erscheint im Lichte der patriotischen Beleuchtung als unverständliche Eselei der anderen Seite. Die von Newsweek aufgeworfene Frage »Why they hate us?« beantworten viele Amerikaner mit der schlichten Feststellung: »Weil wir so großartig sind.« Die anderen greifen und giften Amerika also gerade deshalb an, weil es so freiheitsliebend, so libertär, so militärisch stark und technologisch überlegen ist. Der Konflikt mit den anderen Kulturkreisen fördert also nicht den Selbstzweifel, sondern dient im Gegenteil der nationalen Selbstvergewisserung. Die Welt, mit den Augen der Teaparty betrachtet, wird zur Welt ohne Fragezeichen. Eine ganze Nation verbarrikadiert sich hinter der Annahme eigener Unfehlbarkeit, wie wir das sonst nur vom Vatikan kennen.

Wobei hier nicht in Gänze gegen Patriotismus, Nationalhymne und vaterländischen Stolz gesprochen werden soll, die – solange es den supranationalen Organisationen an Vertrauen und Durchsetzungsmacht fehlt – noch eine ganze Weile das Amalgam gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit bilden werden. Doch es ist wie im normalen Leben: Die Menge macht das Gift. Der fiebrige Patriot, berauscht von der Großartigkeit der Vorfahren, hat den entscheidenden evolutionären Schritt verpasst, der ihm das Navigieren in der Welt von heute ermöglichen würde. Er produziert viel Hitze, kein Licht. Er ist der Neandertaler der Neuzeit und deshalb, wenn schon nicht dem Tode, so doch der globalen Bedeutungslosigkeit geweiht. Amerika weiß, wie man Reservate baut, um bei lebendigem Leib vergangener Größe nachzutrauern.

Das Establishment in Washington zeigt die Symptome der Überforderung vor allem dadurch, dass ihr Spitzenpersonal die Veränderungen in der globalen Tektonik weitgehend ignoriert und weiter nach den überlieferten Regieanweisungen spielt. Der Präsident spürt, was wir auch spüren; er weiß, was wir wissen. Doch er spielt weiter die Rolle als weltlicher Stellvertreter Gottes, der kraft seiner rechtlich einzigartigen Stellung im Verfassungsgefüge der USA und im Glauben an die spirituelle Kraft seiner Persönlichkeit im globalen Maßstab über Arm und Reich, Krieg und Frieden und neuerdings auch über die Temperatur des Weltklimas zu befinden hat. Wenn es denn noch eine Gemeinsamkeit von Republikanern und Demokraten gibt, dann die kollektiv gepflegte Hybris, der Mittelpunkt der Welt befinde sich hinter dem Eisenzaun von 1600 Pennsylvania Avenue Northwest in Washington D.C.

In Wahrheit sind längst weite Teile der Welt der Einflusssphäre der USA entglitten.

In Wahrheit sind, geopolitisch betrachtet, längst weite Teile der Welt wie der Nahe und Mittlere Osten, aber auch Teile Afrikas und Ostasiens der Einflusssphäre der USA entglitten. Präsident und Außenminister können auf den Regierungsflughäfen von Riad, Damaskus und Teheran starten und landen, so oft sie wollen, sie können den Lauf der Dinge beschleunigen oder verlangsamen, aber auf die Richtung nehmen sie keinen spürbaren Einfluss mehr.

Andere Mächte haben sich auf den Weg gemacht. Russland wirkt revitalisiert, Indien steigt langsam, aber stetig auf, China muss bereits als Großmacht angesprochen werden. Mittlerweile unterhalten sich dreimal so viele Menschen in Mandarin wie auf Englisch. Eine Weltmacht, die nur von 20 Prozent der Weltbevölkerung verstanden wird – oder umgekehrt: eine Führungsnation, die von 80 Prozent der zu Führenden nicht verstanden wird, ist eine Behauptung, aber keine Tatsache.

Wir sind Zeitzeugen des kometenhaften Aufstiegs des Islam zu einer imperialen Macht neuen Typs.

Doch solche Widerborstigkeiten mag man in Washington nicht hören. Nach den sorgenfreien Jahren des Triumphalismus, die man parteiübergreifend nach der Implosion des Sowjetreiches in vollen Zügen genoss, ja als »Ende der Geschichte« feierte, ist die Geschichte zurückgekehrt. Wir sind Zeitzeugen des kometenhaften Aufstiegs des Islam zu einer imperialen Macht neuen Typs. Diese Macht gliedert sich in selbstbewusste staatliche Akteure – im Zentrum Iran und Saudi-Arabien – und eine Vielzahl nicht-staatlicher Akteure, die in den Ruinen zerfallener und zerfallender Nationalstaaten, also in Libyen, Irak, Jemen, Syrien, Afghanistan und Teilen Pakistans, die Brutstätten des neuzeitlichen Terrorismus errichtet haben. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler spricht von den »weißen Flecken der Gesetzlosigkeit«, die sich weltweit ausbreiten. Es sind Flecken, die sich dem Einfluss der USA aktiv und passiv entziehen und mittlerweile als »No-go-Areas« für Amerikaner betrachtet werden müssen.

Die Verschiebung von Einfluss und Wohlstand in Richtung der hinduistischen, islamischen, lateinamerikanischen und sinischen Kulturkreise führte bisher zu keinem neuen strategischen Ansatz in der US-Außenpolitik. »Die menschliche Geschichte ist die Geschichte von Kulturen. Es ist unmöglich, die Entwicklung der Menschheit in anderen Begriffen zu denken«, mit diesen Worten hatte Samuel Huntington den politischen Eliten in Washington eine Brücke des Verstehens in die multipolare und damit auch multireligiöse Welt gebaut, die sie freilich nie betreten haben. Amerika findet keinen Zugang zu den Kulturkreisen jenseits des westlichen und, was noch schwerer wiegt, scheint sich darum auch nicht sonderlich zu bemühen.

Mit Weltfremdheit lässt sich auf Dauer kein Weltmachtstatus begründen.

Außenpolitik ist in der Hauptstadt des Westens eine Spezialdisziplin für eine kleine Minderheit von Kongressabgeordneten und Senatoren. Barack Obama hat in seinem Wahlkampf 2008 zwar Kirchen aller Art, aber keine Moschee besucht. Das vorsätzliche Ignorieren der neuen Vielfalt ist der weithin sichtbarste Teil der amerikanischen Überforderung. Doch mit Weltfremdheit lässt sich auf Dauer kein Weltmachtstatus begründen.

Die Absetzbewegung hat längst die westliche Welt erfasst. In Europa hört man den USA weiter zu, aber man folgt ihr nicht mehr. Das liegt zum einen daran, dass der Kontinent mit sich selbst beschäftigt ist. Zum anderen ist es die Quittung dafür, dass die letzten großen Projekte der USA – Irak-Feldzug, Immobilienblase, Finanzkrise – keine Exportschlager waren. Die Kriege der US-Armee gelten in Berlin, Brüssel, Paris und neuerdings auch in London als kostspielige Fehlschläge, bei denen Vertrauen und Menschenleben verloren gingen. Eine Wirtschaftspolitik, die sich von Boom zu Crash und wieder zurück bewegt, kann die europäische Öffentlichkeit nicht überzeugen. Uncle Sam gilt in Europa als Mann, bei dem Schusswaffe, Portemonnaie und manchmal auch die Schrauben im Kopf locker sitzen.

Andererseits ist die Innovationskraft der USA weiter beeindruckend. Wenn die Digitalisierung eine Religion wäre, stünde ihre Kirche im Silicon Valley. Aber die von den USA betriebene Digitalisierung ist keine friedliche Religion; ihre Apostel streben nicht nach Harmonie, sondern nach Dominanz. Ihr kaum verhülltes Ziel ist es, die Märkte der Welt zu beherrschen, die europäische und insbesondere die deutsche Industrie zu entmachten. Google, Apple, Facebook, Tesla und Co. knöpfen sich eine Branche nach der anderen vor, die Werbewirtschaft, die Medienindustrie, die Autohersteller und die Banken. Es ist eine asymmetrische Auseinandersetzung, denn Silicon Valley will nicht Karosserien bauen, Bankfilialen bewirtschaften oder Bücher drucken, sondern lediglich die Steuerung dieser Geschäfte übernehmen, die Server betreiben, die Daten verknüpfen, das Bezahlsystem übernehmen. Wenn das gelingt, käme das einer bei lebendigem Leibe vorgenommenen Gehirnverpflanzung gleich. Europa will dafür nicht freiwillig die Patientenverfügung unterschreiben, was wir dem Kontinent nicht verübeln sollten. Europa ist alt, aber nicht dement.

Um sich einen Eindruck vom Scheitern westlicher Weltbefriedungspolitik zu verschaffen, muss man nur bis zur nächsten Flüchtlingsunterkunft laufen.

Hinzu kommt, dass die USA ihre Rolle als globaler Garant von Sicherheit und Stabilität nicht mehr effektiv ausfüllen. Die Schutzmacht bietet seit Längerem schon keinen Schutz mehr. Europa sieht sich umzingelt von Unruhestiftern. Und wem der Blick auf die Weltkarte der Konflikte zu mühsam ist, der muss nur bis zur nächsten Flüchtlingsunterkunft laufen, um sich einen Eindruck vom Scheitern der amerikanischen Weltbefriedungspolitik zu verschaffen. Das Nachbeben des »Krieges gegen den Terror« spürt man noch im kleinsten europäischen Dorf. Diejenigen, die 2003 Saddam Hussein beseitigt haben, tragen auch Verantwortung für die Situation von heute, sagt mittlerweile selbst Tony Blair, einst der willige Krieger an der Seite von Bush Junior, heute ein Abtrünniger.

Der Kern dieser Konflikte liegt nicht in den USA, aber erst Amerika hat diesen religiös und kulturell verhärteten Kern der arabisch-islamischen Welt zum Kochen gebracht. Die Amerikaner können sich erkennbar nicht damit abfinden, dass ihre Kultur zwar einzigartig, aber nicht universell ist. Mit religiösem Feuereifer beseitigen sie nicht nur Diktatoren, sie beseitigen vor allem bestehende Ordnungssysteme. Das Machtvakuum in Syrien, Libyen und Irak, das keine nicht-islamische Macht je wird füllen können, wurde erst dadurch zur Brutstätte des internationalen Terrorismus.

Mit religiösem Feuereifer beseitigen die USA nicht nur Diktatoren, sie beseitigen vor allem bestehende Ordnungssysteme.

Die Solidarisierungseffekte, die Amerikas Islamfeldzug bis heute auslöst, sind von enormer Wucht. Wenn es denn ein einigendes Band zwischen Sunniten und Schiiten gibt, dann ist es ihr Anti-Amerikanismus. Darüber können auch die partiell zustande gekommenen Bündnisse von US-Armee und islamischen Kämpfern nicht hinwegtäuschen. Wie schnell sich Bündnispartner in erbitterte Gegner zurückverwandeln, mussten die USA in Afghanistan erleben. Die Taliban, im Kampf gegen die aus Russland einmarschierte Rote Armee einst mit US-Waffen ausgestattet, zählen heute wieder zu den Rivalen. Die US-Soldaten in Kandahar, Kabul und Mazar-i Sharif schauen in Gewehrläufe amerikanischer Produktion.

Wenn denn die USA aus den vielen Lektionen des Scheiterns lernen würden, bliebe der Welt manches erspart. Aber die USA sind von der post-imperialen Verlusterfahrung direkt in die Trotzphase übergegangen. Die Überforderung hat, Psychologen kennen das, dazu geführt, dass der Patient bockt. Befeuert von patriotischem Pathos, rennen die USA immer wieder gegen dieselbe Stelle der Wand. Sie entfernen sich dadurch weiter von den Menschen anderer Kulturkreise, was das inneramerikanische Bocken nur weiter steigert.

Die Bedeutung von Ordnung ist das weithin unverstandene Phänomen der neuzeitlichen US-Außenpolitik.

Das Zeitalter der Überforderung wird mittlerweile auch in Blutrot geschrieben. Der Krieg gegen den Terror, der den 3.000 Toten von 9/11 weitere 1,3 Millionen hinzugefügt hat, wird als Krieg gegen den Islam geführt. Ohne Respekt vor den Folgen tritt das US-Militär in fremde Kulturkreise ein, zerstört oder schwächt deren ordnende Kräfte, ohne dass ein neues Ordnungssystem an diese Stelle treten würde. Die Bedeutung von Ordnung ist das weithin unverstandene Phänomen der neuzeitlichen US-Außenpolitik. Auch deshalb produziert sie seit Längerem schon Unordnung.

Wenn das Vorgehen einer anderen Regierung Amerika nicht passt – zuletzt Putins Überfall auf die Krim –, wird dem Mann erst gedroht, bevor man ihn wegen Uneinsichtigkeit aus dem Klub der führenden Industriestaaten ausschließt. Der Partner ist zum Gegner geworden. Die Grundlage für ein fortgesetztes und sich hartnäckig verfestigendes Nichtverstehen ist damit gelegt. Fortan sind die Argumente beider Seiten hermetisch gegeneinander abgedichtet. Die Tür der Diplomatie klappt zu. So werden aus Gegnern Feinde.

Der Automatismus der Eskalation verlangt nach weiterer Aktivität. Die Weltmacht auf Abruf will sich spüren – und stolpert in die nächste Falle. Ausgerechnet die Nation, die sich so viel auf ihre militärischen Präzisionswaffen zugute hält, wählt nun die ökonomische Schrotflinte. Russland wird mit Wirtschaftssanktionen belegt, die naturgemäß vor allem die Zivilbevölkerung treffen. Geldtransaktionen in den Westen werden erschwert, Investitionen blockiert, Lebensmittelimporte stehen unter Strafe.

Weil die Sanktionen nicht wirken, zumindest nicht zum Abzug des russischen Militärs von der Krim führen, wird das Sanktionsregime so lange verschärft, bis das letzte Mütterchen hinter dem Ural sich dem russischen Präsidenten in die Arme wirft. Der Gewinner der Wirtschaftssanktionen heißt schon nach kurzer Zeit nicht Obama, sondern Putin. Die Menschen in Russland hungern, die Banken taumeln, die Betriebe schreiben Verluste, aber der Mann im Kreml ist obenauf.

Die Menschen in Russland hungern, die Banken taumeln, aber der Mann im Kreml ist obenauf.

Jetzt wird man im Pentagon erst so richtig munter. Ein Stellvertreterkrieg an der Grenze der Ostukraine zu Russland könnte helfen, sagt man. Der hat zwar schon in Vietnam, Angola, El Salvador, Nicaragua, Vietnam und Afghanistan nicht geholfen, aber diesmal wird alles anders sein, versichert man dem außenpolitisch unerfahrenen Präsidenten. Waffenlieferungen an die »Rebellen«, Militärberater für die Regierung in Kiew, Nato-Manöver an der Südgrenze Russlands – jeder Hollywoodproduzent kennt dieses Drehbuch.

Im US-Kongress wird derweil – gewissermaßen als Hintergrundmusik – über die Bewaffnung der Ukraine diskutiert. Der ehemalige Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski empfiehlt, die dortigen Bürger für den Häuser- und Straßenkampf auszurüsten. Da wird es auch für Donald Trump allmählich schwierig, noch eine zusätzliche Eskalationsstufe zu erfinden. Es liegt im Wesen jeder reflexhaften Abfolge von Anschuldigungen, dass sich schon binnen kürzester Zeit Vorwürfe und Gegenvorwürfe derart verknäult haben, dass man kaum mehr zur Lichtung der Tatsachen zurückfindet. Wer hat wen zuerst getäuscht? Begann alles mit dem russischen Einmarsch auf der Krim, oder hat der Westen zuvor die Destabilisierung der Ukraine befördert? Will Russland nach Westen expandieren oder die Nato nach Osten? Oder sind sich hier womöglich zwei Weltmächte des Nachts an derselben Haustür begegnet, getrieben von sehr ähnlichen Beherrschungsabsichten gegenüber einem wehrlosen Dritten, der das nun entstandene Schlamassel mit einem Bürgerkrieg bezahlt?

»In der Welt sein, heißt im Unklaren sein.«

Wer an dieser Stelle auf Klärung der Schuldfrage pocht, tappt mitten hinein in die Überforderungsfalle. »In der Welt sein, heißt im Unklaren sein«, sagt Peter Sloterdijk. Die Rechthaber aller Länder aber verstehen sich nicht auf Zwischentöne und Farbschattierungen. Ihr Zwei-Punkte-Programm ist von universeller Schlichtheit: Schuldfrage klären, Konsequenzen ziehen. Wobei Konsequenzen hier nur ein anderes Wort für Krieg bedeutet.

Diese mechanistische, einer militärischen Logik verpflichtete Art der Konfliktlösung macht alle Aussichten auf einen diplomatischen Erfolg zunichte. Die Doktrin unbedingter Härte führte dazu, dass die USA im Durchschnitt der vergangenen 60 Jahre alle 16 Monate zu einer neuen Bestrafungs- oder Disziplinierungsaktion ausrückten, mit dem Ergebnis, dass die Zahl ihrer Freunde und Partner abgenommen hat, derweil das Lager ihrer Gegner weiter wuchs. Das Festhalten an Härte und Strafe, das selbst in der Kindererziehung empathischeren, man könnte auch sagen, raffinierteren Methoden gewichen ist, führt Amerika schnurgerade in die Erschöpfung, weil die Krisenherde zu- und nicht abnehmen, weil der Hasspegel steigt und nicht sinkt, weil das außenpolitische Scheitern und damit nationale Frustration programmiert sind. Huntington hat der Führung in Washington vorhergesagt, dass es niemals gelingen werde, eine Gesellschaft von einem Kulturkreis in einen anderen zu verschieben. Amerika versucht genau das mit steigendem Ingrimm. Es ist dieser unerfüllbare Anspruch an sich selbst, der mit geradezu naturgesetzlicher Kraft zu einer fatalen Überforderung führt.

Natürlich sind die Gegner Amerikas an Gewalttätigkeit und Entschlossenheit kaum zu überbieten. Aber diese Situation kann historisch keine Exklusivität beanspruchen. Josef Stalin, Nikita Chruschtschow und Leonid Breschnew mit ihrem postkolonial organisierten Ostblock in der Hinterhand und einer nuklear hochgerüsteten Roten Armee waren Gegner von imposanter Statur. Ihr Einfluss, ihr Territorium, ihre Militär- und Wirtschaftskraft überstiegen die von Al-Qaida, ISIS und Hisbollah um ein Vielfaches. Und selbst Putin verfügt – schon weil seit 1990 jeder zweite Sowjetbürger das russische Reich in Richtung Nato, EU oder Unabhängigkeit verlassen hat – nicht mehr über die gleiche Schreckenskraft wie seine Vorgänger.

Doch selbst unter den deutlich zugespitzten Verhältnissen der nuklear hochgerüsteten und historisch sich im Zieleinlauf wähnenden Sowjetmacht ging der Westen anders, und zwar klüger, zu Werke. Die Phase der weltweiten Entspannungspolitik muss im Nachhinein zu den glücklichsten unserer Geschichte gezählt werden, auch wenn dieses Glück im Schatten der nuklearen Abschreckung stattfand.

Ihre Geburtsstunde erlebte diese Spielart der Realpolitik ausgerechnet am Tag nach dem Mauerbau, der in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 den West- vom Ostteil Berlins amputierte. Was wurde einem Willy Brandt, den das Schicksal als Regierender Bürgermeister Westberlins in den Schatten dieser Mauer gestellt hatte, nicht alles als Knebelungs- und Bestrafungsaktionen nahegelegt. Doch er verzichtete auf das Festival der Empörungen. An der Schraube der Vergeltung hat er nie gedreht.

An der Schraube der Vergeltung hat Willy Brandt nie gedreht.

Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises gab er Auskunft über das, was sich in jenen bewegten Tagen des Mauerbaus rund um ihn abspielte: »Es gab noch einen anderen Aspekt, den der verbal überspielten Ohnmacht. Die Berufung auf Rechtspositionen, die sich nicht verwirklichen ließen. Das Planen von Gegenmaßnahmen für jeweils andere Situationen als die, mit denen man es zu tun hatte. In kritischen Lagen war man auf sich selbst gestellt; die Verbalisten hatten einem nichts zu bieten.«

»Hellwach und zugleich betäubt«, so erinnerte Brandt sich, sei er am Morgen des 13. August des Jahres 1961 aufgewacht. Er befand sich auf Durchreise in Hannover, als ihm aus Berlin von den Arbeiten an einer großen, die Stadt zerteilenden Mauer berichtet wurde. Es war Sonntagmorgen, und größer konnte die Demütigung für einen Regierenden Bürgermeister kaum sein. Niemand hatte ihn vorab informiert, auch nicht die westlichen Alliierten. Von den Sowjets fand er sich vor vollendete Tatsachen gestellt.

»Ohnmächtiger Zorn«, so erinnerte sich Brandt, sei in ihm aufgestiegen. Aber was tat er? Der Mann zügelte seine Ohnmachtsgefühle und bewies nun seine hohe Befähigung zum Realpolitiker, die ihm Jahre später die Kanzlerschaft und schließlich den Friedensnobelpreis einbringen sollte.

Beraten von Egon Bahr, akzeptierte er die neue Lage, wissend, dass keine Empörung der Welt die Berliner Mauer so schnell wieder zum Einsturz bringen würde. Er befahl sogar der Westberliner Polizei, mit Schlagstöcken und Wasserwerfern gegen Demonstranten an der Mauer vorzugehen, um nicht von der Katastrophe der Teilung in die weit größere Katastrophe des Krieges zu schlittern. Er strebte ein Paradoxon an, das Bahr später so formulierte: »Wir anerkannten den Status quo, um ihn zu verändern.«

Das Veränderungswerk gelang. Brandt machte die konkreten Lebensinteressen der ihm anvertrauten Bewohner von Westberlin zum Maßstab der Politik. Er setzte die »Berlinzulage« durch, einen achtprozentigen, steuerfreien Zuschlag zur Lohn- und Einkommenssteuer für die Beschäftigten West-Berlins. Der Volksmund sprach von der »Zitterprämie«. Er rang Ostberlin ein Passierscheinabkommen ab, das die Mauer noch im Jahr ihres Entstehens wieder durchlässig machte. 730.000 Berlinerinnen und Berliner nahmen Wartezeiten bei der Antragstellung in Kauf und nutzten das Abkommen zu rund 1,2 Millionen Besuchen in Ost-Berlin.

Werte, von denen man in der Politik noch nie gehört hatte, drangen ans Ohr der Elite in Washington: Wandel durch Annäherung, Dialog, Mitgefühl.

Die Wähler merkten, dass hier ein Mann wirkte, der ihr alltägliches Leben erreichen wollte, nicht nur die Schlagzeile vom nächsten Morgen. In nahezu auswegloser Lage setzte der Sozialdemokrat westliche Werte durch – in diesem Fall den Wert der Freizügigkeit –, ohne Megafon, ohne Sanktionen, ohne Gewaltandrohung. Worte, die man in der Politik so noch nie gehört hatte, drangen ans Ohr der Elite in Washington: Mitgefühl, Wandel durch Annäherung, Dialog, Interessenausgleich. Und das mitten im Kalten Krieg, wo doch die Weltmächte sich gegenseitig anzugiften hatten, wo das Drehbuch den Austausch von Protestnoten vorsah: Ultimaten setzen, See-Blockaden veranstalten, Stellvertreterkriege führen, das war die Bestimmung des Kalten Krieges.

Der Kommunismus hatte eine territoriale Ewigkeitsgarantie erhalten, aber innerhalb seiner Grenzen gärte die Hefe der universellen Menschenrechte.

Die Amerikaner – zunächst Kennedy, nach dessen Ermordung Johnson, später Nixon – folgten dem Deutschen und seiner Leitidee von »compassion«, die nicht mit rührseligem Mitgefühl zu verwechseln ist, sondern auf der politischen Fähigkeit beruht, sich in den Gegner hineinzudenken. So begann ein Prozess, der in der jüngeren Geschichte verfeindeter Völker ohne Beispiel ist. In Helsinki traf man sich, um die neuen Spielregeln festzulegen. Der Sowjetunion sicherte man die »Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten« zu, was KP-Chef Leonid Breschnew mit Genugtuung erfüllte und Franz Josef Strauß den Puls hochtrieb. Im Gegenzug musste die Moskauer KP-Führung dem Westen und damit den eigenen Zivilgesellschaften die »Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, einschließlich der Gedanken-, Gewissen-, Religions- und Überzeugungsfreiheit« garantieren. So wurde die »Nicht-Einmischung« durch »Einmischung« erkauft. Der Kommunismus hatte eine territoriale Ewigkeitsgarantie erhalten, aber innerhalb seiner Grenzen gärte die Hefe der universellen Menschenrechte.

Einen vergleichbar lichten Moment erlebte die amerikanische Außenpolitik unter dem Gespann Nixon/Kissinger. Nach 25 Jahren der selbst verordneten Abstinenz schickte der neu gewählte Präsident im Juli und Oktober 1971 seinen Außenminister Henry Kissinger zu Geheimgesprächen mit Premier Zhou Enlai nach Peking. Es ging darum, die Zeit der Sprachlosigkeit zu beenden und mit dem kommunistischen Riesenreich des Mao Zedong, einem bekennenden Nicht-Mitglied im Klub der westlichen Wertegemeinschaft, in Austausch zu treten – aus Neugier, aus Weitsicht, ohne Vorbedingungen.