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Eine wahre Geschichte ... Wie schade ist es, wenn ein Mensch die berührendste Erfahrung seiner Kindheit verdrängt, sie nicht mehr mitteilt, weil er fürchtet, für sie heute wie damals nicht anerkannt zu werden? Dieses Buch führt Sie hinein, mitten hinein ins eigene Herz - hinein in das Geheimnis unserer Existenz. Es erzählt das ereignisreiche Leben einer Frau, die trotz zahlreicher Schicksalsschläge das Vertrauen in das Leben immer wieder findet, wo sie es niemals erwartet hätte.
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Seitenzahl: 621
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Erster Teil
Die Schlüters von nebenan
Maatschi
Freya und Hermann
Eine Tochter der Familie
Onkel Helge und Tante Astrid
Großvater Anton
Ganz weit oben
Die schrecklichen Kinder
Das rothaarige Mädchen
Das alte Haus
Der liebe Gott
Bierchen und Schnäpschen
Frau Hahn
Das Schwäble
Die alte Bande
Jesus
Das Kinderheim
Zweiter Teil
Der blöde Dieter
Das liebe Fräulein Nöhlens
Der Nebel verdichtet sich
Pubertät!
Gegeneinander
Schwiegermutter
,,
Wie schon die Alten sungen“ …
Flugbegleiterleben
Das Zeichen
,,
… den Unwilligen zerrt es“
Die Pyramide
Die Stimme
Einsicht
Jerusalem
Der Absturz
Sven
Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen zerrt es.Seneca
Nun liege ich also hier oben! Zwar in einem Bett, das den leicht herb-würzigen Duft von Zirbelholz verströmt und unter meterhohen Daunenplumeaus begraben, aber ich liege doch. Nach 56 aufregenden Jahren bin ich hier gelandet, in einer Berghütte aus rötlichem Lärchenholz, das die Sonne an den Wetterseiten so dunkel gebrannt hat, dass sie beinahe schwarz wirken. Die Schindeln auf dem Dach hingegen hat sie in ein silbernes Grau verwandelt wie das Haar einer alten Indianersquaw. An beiden Stirnseiten der Hütte hängen zwei mächtige Hirschgeweihe unter dem Dach. Man könnte unsere Berghütte auch für ein kleines Jagdhaus halten. Sie liegt inmitten der kärntnerischen Alpen auf 1.600 Metern Höhe. Mein Mann Sven und ich haben sie erst vor Kurzem erworben. Wenn ich mich aufrichte und den Hals ein wenig recke, kann ich von meinem Bett aus durch das Sprossenfenster mit den rot karierten Vorhängen über das ganze Tal schauen.
Ich habe in meinem Leben schon so vieles gesehen, habe als Stewardess der Lufthansa alle Kontinente unserer Erde bereist und viele schöne Gegenden kennengelernt, aber ich bin mir sicher: Dieses Tal gehört zu den herrlichsten Flecken der Welt.
Die Malta, der eiskalte und klare Gebirgsfluss, der dem Tal seinen Namen gibt, schlängelt sich unter der Wintersonne wie ein hell glitzerndes Band durch die verschneite Ebene, an deren Eingang das mittelalterliche Städtchen Gmünd liegt. Die gezackte, schneeweiße Silhouette der Nockberge erstreckt sich vor meinen Augen über den gesamten Horizont und heute, im blauen Dunst des Morgens, lassen sich in der Ferne die Dolomiten bei Italien erahnen.
Sehr viel mehr als den Hals recken und aus dem Fenster sehen kann ich im Moment nicht tun. In meinem linken Knöchel stecken seit dem letzten Wochenende nämlich sieben Nägel, die mir ein junger und sehr kompetenter Chirurg freundlicherweise dort hineingetrieben hat, nachdem ich auf meiner Wanderung ins Tal auf einem vereisten Felsstück ausgerutscht bin und mir das Bein gebrochen habe. Der Gips wiegt Zentner. Mindestens. Zum ersten Mal hat mir das Leben eine Zwangspause verordnet. Ich habe also Zeit. Erst in drei Wochen bekomme ich einen Gehgips und kann wenigstens ein bisschen in der Gegend herumhumpeln. Wenn ich wollte, könnte ich mich in den nächsten Tagen täglich durch die verschiedenen TV-Kanäle zappen und dabei sanft vor mich hin verblöden. Wir haben hier oben nämlich alles: neben Solarstrom, eigenes Quellwasser, Holz für den Herd, außerdem eine Waschmaschine und sogar Internet. Ich könnte aber auch endlich die vielen Bücher lesen, die sich schon seit Monaten auf meinem Nachttisch häufen.
Aber ich will nicht. Ich habe während des Aus-dem-Fenster-Schauens nachgedacht und beschlossen, die zwangsverordnete Verschnaufpause zu nutzen und endlich von einer sehr seltsamen und sehr geheimnisvollen Begegnung zu erzählen, die ich als Siebenjährige gehabt habe und die mein weiteres Leben prägte. Nichts hat mich in meinem Leben so beeindruckt wie diese Begegnung. Natürlich hat mir damals niemand geglaubt.
Im allgemeinen Nicht-Bewusstsein schlug man sich im Deutschland der frühen 60er mit gänzlich anderen Themen herum, wie beispielsweise der Nicht-Bewältigung psychischer Kriegstraumata, der Nazivergangenheit und beginnenden Studentenunruhen inklusive (damals) empörend lächerlicher Emanzipierungsideen seitens der nachrückenden Weiblichkeit. Bei uns zu Hause auch noch mit der lärmenden „Negermusik“ aus Amerika. Nicht einmal meine Religionslehrerin, Frau Hahn, wollte mir zuhören. Sie machte ihrem Namen alle Ehre, indem sie mich, puterrot im Gesicht, anschrie und auf meinen Platz zurückjagte. Dabei hatte ihr mächtiges, dreistöckiges Doppelkinn, das ihr normalerweise fest eingeklemmt zwischen Kinn und Hals saß, derart heftig hin- und hergewackelt, dass es nur so schepperte. Niemand wollte dem kleinen Mädchen glauben, das behauptete, etwas höchst Unglaubliches gesehen zu haben.
Aber das war damals! Heute will ich mich nicht mehr in der Anonymität der allgemeinen Meinung verstecken. Ich werde die kommenden Wochen nutzen und zu Papier bringen, was sich damals zugetragen hat. Und ich möchte erzählen, aus welcher Horde von liebenswerten Chaotinnen und Chaoten ich stamme. Da ist beispielsweise mein Großvater, der ehemalige Jesuitenmissionar und exzentrische Professor der Rechtswissenschaften, der später unsere Maatschi geheiratet hat, eine einfache Bauerntochter aus Friesland, die lesen und schreiben konnte. Ich werde nichts auslassen. Weder meine eigenen noch die vielen kleineren und größeren Tragödien, die das Schicksal meiner Familie schon lange vor meiner Geburt bestimmt haben. Am besten beginne ich, wie jede Geschichte beginnt: am Anfang.
Maltaberg in Kärnten, 2021, A. August
Ein einziges Paar Schuhe besaß meine Mutter, als ich im Dezember 1957 an einem sehr kalten und verregneten Morgen in Hamburg geboren wurde. Wenige Tage zuvor hatte sie aus dem Paket, das Maatschi ihr überraschend geschickt hatte, sorgfältig formgerechte Stücke geschnitten. Ihre einzigen Schuhe hatten nämlich, neben der Tatsache, dass es sich um ein Paar leichte Sommerschuhe handelte, auch noch fünfmarkstückgroße Löcher in den Sohlen, weshalb sich meine Mutter einen kleinen Vorrat an Pappeinlagen zurechtschnitt. Aber zu dieser Jahreszeit weichte das Papier auf den regennassen Gehsteigen einfach allzu schnell auf. Als auch die letzten Pappreste verwertet waren, sah sie sich noch einmal suchend um, konnte jedoch beim besten Willen nichts mehr entdecken, woraus sich auch nur etwas annähernd Sohlenähnliches hätte schneiden lassen. Alles Brauchbare war schon seit Wochen, seitdem der Herbst mit seinen schweren Stürmen und pechschwarzen Regenwolken eingesetzt hatte, verwertet worden.
So wischte sie die letzten Schnipsel vom Tisch, erhob sich schon ein wenig schwerfällig von dem Küchenstuhl auf dem sie gesessen hatte und verstaute den ansehnlichen Stapel Pappstücke in der hintersten Ecke ihres Schlafzimmerschrankes. Maatschi sollte unter keinen Umständen erfahren, dass ihre älteste Tochter zwar bald ihr drittes Kind bekommen würde, jedoch nicht einmal die paar Groschen übrighatte, um ihre Schuhe besohlen zu lassen. Meine Mutter stieß einen Seufzer aus. Ach Gott, als wäre es möglich gewesen etwas vor Maatschi lange geheim zu halten.
Als sie sich wieder aufrichtete, verspürte sie das ihr schon vertraute Ziehen im Unterleib, das ihr verriet, dass es bis zu meiner Geburt nicht mehr gar so lange dauern würde. Vielleicht noch 14 Tage, eher zehn, schätzte sie. Wo nur Hermann blieb? Nachdenklich verzog sie den Mund. Als könnte sie dort eine Antwort finden, trat sie an das kleine Dachfenster und blickte hinaus in den trüben Nieselregen. Ihr Blick schweifte sehnsüchtig über die regennassen, schwarz glänzenden Dächer Hamburgs. Es war heute wieder einmal den ganzen Tag lang nicht richtig hell geworden und sie hatte das Licht in der Küche seit dem Morgen brennen lassen. Seit Wochen schon nieselte, schneite und regnete es abwechselnd hier oben im Norden und sie verließ die Dachwohnung bei diesem Schietwetter eigentlich nur, um das Nötigste einzukaufen. Das letzte Telegramm von Hermann hatte sie vor Wochen aus Luxor erhalten:
„Bin schon auf der Rückfahrt nach Kairo, stopp. Bin bestimmt rechtzeitig zurück, stopp.“ Bei dem Wörtchen „bestimmt“ hatte sie gestutzt. Hm, bestimmt. Das war in diesem Zusammenhang kein gutes Wort, fand sie. Es wäre ihr lieber gewesen, es hätte nicht dort gestanden, weil es sich zu sehr nach „wahrscheinlich“ anhörte. Und das war auch kein gutes Wort, denn es klang in ihren Ohren wie „eher nicht“.
Die Dielenbretter knarrten leise, als sie auf Zehenspitzen die Türe zu dem schmalen Kinderzimmer öffnete, um nach meinen Brüdern zu schauen, die seit nach dem Mittagessen noch immer schlummernd in ihren Bettchen lagen. Sie würde sie bald wecken müssen, damit die beiden nicht bis tief in die Nacht hinein munter waren. Später, wenn der Regen etwas nachließ, wollte sie noch einkaufen und dazu Andranik und Armin mitnehmen. Sie kamen in letzter Zeit nicht oft genug an die frische Luft. Das Ziehen im Bauch hatte Gott sei Dank wieder nachgelassen. Mit beiden Händen strich sie sanft darüber. Bald würden ihre Söhne ein Schwesterchen haben. Sie war sich ganz sicher, dass es diesmal eine Tochter werden würde. So sicher, wie sie es schon bei den beiden Jungs gewesen war, dass es Söhne werden würden. Da konnte Hermann unken so viel er wollte. Es würde ein Mädchen werden und Anastasia heißen, so wie sie es vor langer Zeit beschlossen hatte. Hermann hatte bei der Namensgebung der Buben das letzte Wort gehabt.
Das Nieseln war mittlerweile in einen leichten Schneeregen übergegangen und meine Mutter beschloss daher, doch lieber zu Erika rüber zu laufen und kurz zu klopfen, bevor sie das Haus verließ. Gewiss würde Erika ihr dann erneut anbieten, das Einkaufen zu übernehmen, aber das würde sie heute nicht annehmen. Nicht nur, weil ihr ein paar Schritte an der Luft guttun würden, sondern weil Erika schon mehr als genug für sie tat. Jeden Tag schleppte diese die schweren Eimer mit Kohlen und Holz für sich selbst und die schwangere Nachbarin die vielen Treppen bis unters Dach herauf.
„Du darfst jetzt nicht mehr so viel tragen, Freya“, würde sie sagen und meine Mutter dabei mitfühlend ansehen. „Musst ja schon dauernd die beiden Jungs hochnehmen mit deinem dicken Bauch, da darfst du es nicht übertreiben.“ Meine Mutter lächelte in sich hinein. Was würde sie nur ohne Erika anfangen? Immer war Erika für sie und die beiden Kinder da. Und dabei war sie so still und freundlich, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, sich um die Nachbarin und deren Kinder zu kümmern. Heute wollte meine Mutter aus der Bäckerei etwas Gebäck mitbringen und am Nachmittag für Erika und sich einen schönen, starken Tee zubereiten. Sie ging in die Küche und legte noch ein paar Kohlen in die Glut des Küchenherdes. Die Küche war in diesen Tagen der wärmste und damit der gemütlichste Raum der Wohnung. Während der kalten und dunklen Wochen verbrachte sie die meiste Zeit des Tages hier. Meine Mutter nahm die hohe, schwarze Teedose mit den roten Blumenranken darauf aus dem Küchenschrank und warf einen Blick hinein. Sie war sehr sparsam mit dem Tee gewesen, hatte sich oft genug die eine oder andere Tasse verkniffen; jetzt war also noch genug darin. Gott sei Dank, denn der Tee musste auf jeden Fall noch für Maatschi reichen. Das einzige, was Maatschi wirklich brauchte, um den Tag friedlich zu überstehen, war eine gute, starke Tasse schwarzen Tees am Morgen. Freilich konnte sich meine Mutter auch immer etwas bei Erika borgen.
„Kannst ruhig rüberkommen, wenn du etwas brauchst, Freya”, hatte diese mehr als einmal mit ihrer leisen Stimme angeboten, die immer ein wenig ängstlich klang. „Ich bin doch froh, wenn ich für dich auch einmal etwas tun kann.”
Erika Schlüter wohnte in der Dachkammerwohnung gleich gegenüber in dem backsteinfarbigen Kaufmannshaus. Die Wohnungen waren nur durch einen schmalen Korridor getrennt, in den das breite Treppenhaus, mit dem schön geschwungenen Holzgeländer an der Längsseite, mündete. Erika war eine blasse Frau, deren Alter sich nur schwer schätzen ließ und man hätte sie auf der Straße leicht übersehen können. Ihr mattes, dunkelblondes Haar trug sie zu einem Dutt aufgesteckt, der sie wesentlich älter erscheinen ließ, als sie in Wirklichkeit war. Man hätte sie aber trotzdem als eine durchaus hübsche Person bezeichnen können, wenn sie es nur gewollt hätte, sich jedoch ein wenig schick zu machen wie meine Mutter es jeden Morgen tat, war nicht Erikas Sache. Im Gegenteil, man konnte den Eindruck gewinnen, dass sie es mit Absicht darauf anlegte, von anderen Menschen nicht wahrgenommen zu werden. Verheiratet war Erika mit Heiko, einem richtigen Seemann, der so gut wie nie zu Hause war. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte sie mit dem Warten auf ihren Mann. Der befuhr bis auf wenige Wochen im Jahr auf einem der riesigen Dampfer von Blohm & Voss die Ozeane dieser Welt und somit war Erika sogar noch öfter eine Strohwitwe als meine Mutter. Gut erinnerte meine Mutter sich an ihre erste Begegnung. Sie hatte im Treppenhaus stattgefunden. Meine Mutter war gerade dabei gewesen, die Wohnungstür abzuschließen, als Heiko mit einer blassen, jungen Frau am Arm die Treppe hochgestiegen kam.
„Das is nu meine Erika”, sagte Heiko, schob das schmale Persönchen die letzte Stufe vor sich her und stellte ein winziges Köfferchen neben sich ab. Daraufhin räusperte er sich mehrmals, strich sich mit der Hand über seinen dichten Seemannsbart, um dann mit seiner tiefen Bassstimme zu verkünden: „Freya, du kannst uns gratulieren, wir kommen soeben vom Standesamt. Du stehst vor einem frisch gebackenen Ehepaar!” Stolz legte Heiko den Arm um seine Frau, die verlegen die Augen zu Boden geschlagen hatte. Es schien gerade so, als ob sie sich lieber hinter ihrem Ehemann versteckt hätte, als derart in den Vordergrund gestellt zu werden. „Na, was nu, nu biste platt”, fuhr Heiko fort. Seine blauen Augen blitzten. Meiner Mutter war das offensichtliche Unbehagen der neuen Nachbarin nicht entgangen. Wie ein zerzaustes Vögelchen, das viel zu früh aus dem Nest gefallen war, wirkte die junge Braut, die mit leicht geröteten Wangen und unsicherem Blick unter dem schützenden Arm ihres Mannes zu meiner Mutter herüberschaute. Von diesem Augenblick an fühlten sich beide Frauen auf eine eigentümliche Art einander zugetan, ohne dass eine von beiden hätte sagen können, worauf sich ihre Zuneigung gründete. Meine Mutter begrüßte Erika herzlich und gratulierte zur Eheschließung.
„Komm doch am Abend mit Hermann auf einen Sprung rüber zu uns”, lud Heiko, der die spontane Verbundenheit zwischen seiner Frau und meiner Mutter sehr wohl bemerkt hatte, meine Eltern ein und zauberte eine dickbauchige Flasche unter seinem Mantel hervor. „Simsalabim! Schau Freya, heute gibt’s im Hause Schlüter sogar Sekt!“
„Wusstest du, dass Heiko eine Verlobte hat?”, hatte meine Mutter am Nachmittag meinen Vater gefragt.
„Ach was”, antwortete der überrascht und musterte sie über den Rand seiner Zeitung hinweg.
„Ja, stell dir vor, sie haben heute Morgen geheiratet und wir sind nachher bei ihnen auf ein Glas Sekt eingeladen”, komplettierte meine Mutter die Verwunderung meines Vaters. Er ließ die Zeitung sinken.
„Da schau doch einer an. So ein Geheimniskrämer! Da hat der alte Seebär doch endlich ein Weibchen gefunden!“ Raschelnd faltete er die Zeitung zusammen. „Und?“
„Was und?“
„Na was wohl? Ist sie jung und hübsch, die Braut von Heiko? Wie sieht sie aus?“
Meine Mutter hob die Schultern. „Ich weiß nicht genau … Ja, hübsch ist sie schon, aber ich glaube, sie ist noch sehr jung.“
„Na, das ist ja nicht unbedingt ein Fehler“, lachte mein Vater. Sie nickte.
„Jedenfalls macht sie einen netten Eindruck und ich freue mich natürlich für die beiden.“
„Aber ...?“
Meine Mutter schüttelte den Kopf. „Ach nichts, ich hoffe nur, die beiden passen zusammen.“
Es wurde ein schöner und unterhaltsamer Abend bei den Schlüters, obwohl es zu Beginn etwas merkwürdig war. Meiner Mutter war ein eindeutig ostpreußischer Unterton bei Erika aufgefallen und sie fragte sie, ob sie wohl aus der Gegend um Königsberg stamme und wo sie Heiko kennengelernt habe. Erika, die nach dem ersten Gläschen Sekt geradezu munter geworden war, verstummte augenblicklich; ihr vom Alkohol leicht gerötetes Gesicht versteinerte zu einer reglosen Maske. Stumm starrte sie in ihr Glas.
„Ach, das muss die Erika euch ein anderes Mal vertellen, von wo sie wechkommt”, sprang Heiko hastig ein und verfiel vor Aufregung in ärgstes Plattdeutsch. „Aber das erste Mal gesehen haben wir uns im Alten Land, als die Erika bei der Apfelernte geholfen hat!” Dankbar nahm Erika die Antwort an und lächelte scheu zu ihrem Mann herüber. Es war offensichtlich, dass es zwei Themen gab, die nicht zur Sprache kommen durften: Erikas Herkunft sowie die näheren Umstände, unter denen sie Heiko kennengelernt hatte. Dabei wurde es belassen. Man wechselte das Thema und mein Vater berichtete sehr unterhaltsam von seiner letzten Afrikareise; Heiko erzählte von seinen Erlebnissen in Panama und schenkte den letzten Schluck aus der Sektflasche nach. Allmählich taute auch Erika wieder aus ihrer Erstarrung auf. Erst ein oder zwei Jahre später verriet Heiko – natürlich im Suff – das sorgsam gehütete Geheimnis seiner Frau. Sein Gebrüll war bis in unsere Wohnung zu hören gewesen.
„Dann geh doch zurück in deine elende, dreckige Spelunke auf der Reeperbahn, undankbares Luder, das du bist“, schrie er. Dorthin, wo er sie aufgelesen habe, als sie nichts weiter besessen hätte, als das schäbige Kleid, das sie am Leibe getragen hatte. „Hau doch wieder ab in die Ritze, wo dich jede versoffene Kanaille fürn lumpigen Heiamann (Handgeld der Seeleute) haben kann, wenn es dir bei mir nicht passt!“ Oh, du lieber Gott. Beinahe das ganze Haus konnte Heiko hören.
Ebenso lüftete sich später – wenngleich nur für meine Mutter – das Rätsel um Erikas Herkunft, ein Thema, das diese stets mit äußerster Wachsamkeit umschifft und vermieden hatte. Es geschah an einem der lärmenden Abende, die so typisch waren für meine Eltern, aber auch für diese Zeit. Die Abende der nicht enden wollenden Nachkriegszeit, an denen unter Freunden alles geteilt wurde, was das einfache Leben, aber auch oft die Not, noch hergab. Neigte sich die Flasche Rotwein ihrem Ende zu, doch noch niemand dachte ans Heimgehen, dann wurde der Wein so lange mit Wasser gestreckt, bis die Gläser wieder voll waren, die hellrote Flüssigkeit allerdings nur noch ganz entfernt an Wein erinnerte. Durch nichts ließ man sich die ausgelassene Stimmung trüben und schon überhaupt nicht durch zu wenig Rotwein. Irgendwie kam im Verlauf des Abends das Gespräch auf das Kriegsende. Zwei der anwesenden Frauen berichteten von unsäglichen Gräueltaten der Russen, die sich in ihrer weitläufigen Verwandtschaft in Ostpreußen zugetragen hatten. Die Wut sowie der unbändige Wunsch nach Rache und Vergeltung für den furchtbaren Krieg, hatte besonders die Bevölkerung im Osten getroffen, wo die Russen die feindlichen Linien als erstes überschritten hatten. Wer nicht rechtzeitig hatte fliehen können, war verloren gewesen. Es wurde geplündert, geschändet, getötet und vergewaltigt. Ohne Ausnahme. Ohne Gnade.
Erika, die während des Gespräches aufgestanden und in die Küche gegangen war, blieb auffallend lange fort. Schließlich stand meine Mutter auf, um nachzusehen, wo sie so lange blieb. Leichenblass saß Erika auf einem Küchenstuhl. Ihr mühselig gehütetes Geheimnis aus einer Zeit unvorstellbaren Grauens, das als Mädchen zu Kriegsende erlittene Martyrium, all das spiegelte sich in ihren Augen wider. Ohne dass auch nur ein einziges Wort über das Unaussprechliche über Erikas Lippen gekommen wäre, verstand meine Mutter sofort, hatte sie doch selbst damals im Keller ihres Elternhauses Furchtbares erlebt. Noch immer hallte ihr das verzweifelte Schreien und Flehen von Maatschi und ihrer jüngeren Schwester in den Ohren, als die Russen bei Kriegsende bis Finkenkrug vorgedrungen waren. Entsetzliches war geschehen, bis … ja, bis damals die fremde Frau, eine Russin, mit ihrem Gewehr aufgetaucht war. Mit einem Nicken antwortete meine Mutter auf Erikas stumme Bitte. Niemals würde sie dieses Geheimnis einer Menschenseele preisgeben. Du kannst dich auf mich verlassen, bedeutete der Blick, den meine Mutter Erika zuwarf.
Gemeinsam kehrten sie zur mitternächtlichen Runde ins Wohnzimmer zurück. Niemand hatte etwas von der stummen Zwiesprache mitbekommen.
Als Seemannsbraut hatte Erika – für uns Kinder war sie „Tante Erika“ – Zeit im Überfluss und sie kam immer gerne zu uns herüber. Vielleicht konnte man sie ein wenig schüchtern nennen, zuweilen sogar ein wenig verschlossen und an manchen Tagen umgab sie etwas wie eine stille Verzweiflung, aber sie war einer der freundlichsten und hilfsbereitesten Menschen, die wir je kennen gelernt haben.
Wir lebten damals in diesem Dachgeschoss, mit seinen knarrenden Sparren und Bohlen, so dicht beieinander, nur getrennt von dünnen Wänden, dass jeder geradezu zwangsläufig regen Anteil am Leben des anderen nehmen musste. Waren beide Männer auf Reisen, vergingen die Tage in Harmonie und Eintracht und wurden erst auf das lebhafteste unterbrochen, wenn sich die Ankunft einer der beiden Ehemänner ankündigte. Dies geschah entweder als Telegramm oder in Form der heiß ersehnten Briefe. Bei Letzteren handelte es sich um die schon von Weitem auffällig blütenweißen Umschläge mit jeder Menge fremdländischer Briefmarken und der blauroten Aufschrift: „Luftpost“.
Aufgeregt und mit wippendem Dutt kam Tante Erika, nachdem sie einen ebensolchen Brief mit vor Freude zitternden Händen geöffnet und selig lächelnd gelesen hatte, zu uns herüber gerannt und las auch meiner Mutter die frohe Botschaft vor. In weniger als drei Tagen würde Heiko mit seinem Schiff endlich, endlich im Hamburger Hafen einlaufen. Und er hatte Heimaturlaub!
Tante Erika war wie ausgewechselt. Summend und tanzend lief sie in der Wohnung auf und ab und bereitete alles auf die sehnlich erwartete Ankunft ihres Mannes vor. Ob sie denn lieber etwas Bier oder aber eine Flasche Wein besorgen solle, wollte Tante Erika voller Vorfreude auf die kommenden Tage von meiner Mutter wissen, um, ohne eine Antwort abzuwarten, fröhlich fortzufahren, es könne ja eigentlich nicht schaden, beides im Hause zu haben. Und da musste meine Mutter ihr Recht geben.
Legte das Schiff nach endloser Wartezeit im Heimathafen an, erreichte die Aufregung im Haus ihren vorläufigen Höhepunkt. Mit unglaublich viel Lärm und Getöse – und für alle Mieter unüberhörbar – traf Heiko am Nachmittag mit einem Taxi in der Moorweidenstraße ein und brachte in Windeseile das ganze Haus in Aufruhr. Sein Bass schallte vom Erdgeschoss bis unter das Dach, während er die zentnerschweren Überseekoffer durch das Treppenhaus bis in die oberste Etage wuchtete und sein dröhnendes Gelächter erfüllte jeden Winkel des Hauses. Tante Erika war mit hochrotem Kopf bald vor, bald hinter ihren Mann und zerrte so gut sie eben konnte, an den schweren Gepäckstücken herum, bis schließlich auch der letzte Koffer seinen Weg in die kleine Wohnung gefunden hatte. Der Schlüssel drehte sich geräuschvoll im Schloss und für kurze Zeit kehrte Ruhe im Hause ein.
Die Nachbarn mochten Heiko, den mächtigen Kerl, der nach fremden Ländern, Abenteuern und Freiheit roch, obwohl sich der einen feuchten Dreck um Hausordnung und Ruhezeiten scherte. Mit seiner Ankunft nahm er das gesamte Haus in Beschlag, geradeso als sei es sein eigenes. Ungestüm und vor Kraft strotzend, schmetterte er jedem, der ihm im Treppenhaus begegnete, seine schwere Seemannspranke auf die zu bersten drohende Schulter und versicherte, wie schön es doch sei wieder in der Heimat zu sein. Nirgendwo auf der Welt, so wurde er nicht müde zu beteuern, – und nicht wenige der Hausbewohner waren sich einig, sie hätten dabei eine Träne in seinen Augen glänzen gesehen – sei es so schön und wären die Landratten ein so angenehmes Volk wie im guten, alten Hamburg. Seine Begeisterung unterstrich er sogleich mit einem erneuten fröhlichen Hieb seiner Pranke auf ein zu nahe stehendes Schultergelenk. Man begegnete ihm mit Respekt sowie einer Armlänge Abstand. Schließlich, es waren immerhin drei Tage nach seiner Ankunft vergangen, drehte sich der Schlüssel wieder im Schloss. Von nun an standen die Wohnungstüren im Dachgeschoss den ganzen Tag lang weit offen. Es war ein aufgeregtes Hin- und Hergerenne über den langen Korridor, als all die schönen Dinge ausgepackt und gezeigt wurden, die Heiko in den großen Koffern mitgeschleppt hatte. Übermütig und mit glänzenden Augen tanzte Tante Erika über den Flur und führte meiner Mutter die schönen Kleider und Hüte vor, mit denen ihr Mann sie beschenkt hatte.
Heiko lag während der kleinen Modenschau mit einer Flasche Bier bewaffnet und schon leicht glasigem Blick auf dem Sofa und verfolgte mit einem gutmütigen Grinsen im Gesicht das muntere Treiben seiner Frau. Allerdings war für Erika damit die schönste Zeit ihres Ehelebens auch schon wieder vorbei. Heikos Blick wurde von nun an nämlich stündlich glasiger. Die berauschende Stimmung ihres Wiedersehens begann sich nur wenige Tage später merklich zu verändern, um sich allmählich wie ein trüber Nebel im ganzen Haus auszubreiten. Das ausgelassene Lachen und wohlige Seufzen, das in der ersten Zeit ihrer leidenschaftlichen Vereinigung aus allen Ritzen ihrer Wohnung über den Korridor zu uns herüber geströmt war, verlor sich, um viel zu schnell in immer lauter gesprochene Worte überzugehen. Am Ende brüllte Heiko wie ein wild gewordener Stier, Erika schluchzte.
Heiko Schlüter war, als achtes von zehn Kindern, unter ärmlichsten Verhältnissen in Veddel, einem der bekanntesten Stadtteile Hamburgs, aufgewachsen. Ein prügelnder und ständig betrunkener Vater sowie eine restlos überforderte Mutter hatten ihn frühzeitig hoffen lassen, dass es irgendwo ein besseres Leben für ihn geben müsste und schon als Vierzehnjähriger war er von zu Hause abgehauen. Sein Vater war wieder einmal ohne nennenswerten Grund, dafür aber in übelster Laune mit einem Stuhlbein auf ihn losgegangen als Heiko kurz entschlossen auf dem erstbesten Frachter anheuerte, der an diesem Tag den Hamburger Hafen verließ. Immerhin hatten er und alle anderen Rotznasen von der Straße seit frühester Kindheit an den schlammigen Ufern des Elb-Priels nichts anderes als Maat und Stüwermann gespielt. Da hatte sich für Heiko der Schritt zum Schiffsjungen hin geradezu zwangsläufig ergeben.
Das Leben zur See schmiedete in 20 Jahren aus dem verzweifelten Halbstarken einen Mann von den Ausmaßen und Kräften eines ausgewachsenen Grizzlies, in dem sich das Gemüt eines Lämmleins verbarg. Zumindest, so lange er nüchtern war. Hatte er getrunken, war es für jedermann gesünder, ihm aus dem Wege zu gehen. So sehr sich Heiko in einsamen Nächten in seiner Koje unter Deck nach seiner Erika sehnte, so sehr zehrte die Sehnsucht nach seinem abenteuerlichen Leben auf See an ihm, kaum dass er seinen Fuß drei Tage an Land gesetzt hatte. Weder die vielen, teuren Geschenke, die er ihr von überall her mitbrachte noch die Heuer, die er monatelang sparte, um seiner Frau ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen, konnten darüber hinwegtäuschen, dass ein Leben an Land für ihn auf Dauer unerträglich geworden war. Waren die ersten glücklichen Stunden nach seiner Ankunft verflogen, dauerte es nicht lange bis er sich fast zur Besinnungslosigkeit betrank und das Geschrei der beiden bis ins Erdgeschoss zu hören war.
Immer öfter floh Erika weinend zu uns herüber, wenn Heiko wieder einmal versuchte, seine zerrissene Seele mit Schnaps zu betäuben. Damals sagten meine Eltern oft, dass die beiden tragische Gestalten seien, die es ohne einander nicht aushielten, unter keinen Umständen jedoch miteinander.
Kurz bevor ich zur Welt kam, war Heiko wieder auf See und würde, wenn überhaupt, erst Weihnachten nach Hause kommen. Erika verbrachte in diesen Wintertagen viel Zeit bei meiner Familie.
Das Papier in ihren Schuhen war völlig aufgeweicht, wenn meine Mutter in diesen nasskalten Novembertagen mit ihren Einkäufen nach Hause kam. Kaum zur Türe herein, zog sie sich schon im Flur die dicken Wollsocken über ihre blau gefrorenen Füße. Die herrlich warmen Socken hatte sie vor vier Jahren von Maatschi bekommen, nach ihrer Beichte, dass sie fortgehen und ihrer jüngeren Schwester Astrid in den Westen folgen würde. Wie viele Tränen hatte Maatschi damals, beim Stricken dieser Socken, vergossen! Nun würde auch noch Freya die elterliche Wohnung verlassen, um sich irgendwo, fernab von Finkenkrug, ein ungewisses Leben aufzubauen.
Ach Gott, wie schnell die Mädchen erwachsen geworden waren, hatte Maatschi gedacht und wie sehr würde auch Helge das fröhliche Lachen und die munteren Rangeleien seiner Schwestern vermissen! Die Erinnerungen an ihre eigene Jugendzeit waren Maatschi in den Sinn gekommen, während sie mit flinken Fingern Masche an Masche reihte. Diesmal trugen ihre Gedanken jedoch nicht dazu bei, sie zu beruhigen; wieder einmal wurde ihr bewusst, wie unstet das Leben sein konnte. Wie schnell hatte sie als junge Frau selbst den elterlichen Hof in Friesland verlassen und war dem schönen, ihr jedoch völlig fremden, Mann nach Berlin gefolgt. Kopfschüttelnd hatte Maatschi innegehalten. Ihre fleißigen Hände kamen in ihrem Schoss zur Ruhe und eine Stricknadel fiel leise klappernd zu Boden. Du liebe Güte! Die Bilder aus ihrer eigenen Vergangenheit standen plötzlich derart lebendig vor ihren Augen, als wäre alles erst gestern geschehen. Wie hatte dieser eine Tag, damals im August, ihr Leben verändert! Der Tag, an dem der Fremde in ihrem Dorf aufgetaucht war und bei ihnen in der Stube gestanden hatte! Wieviel Zeit war seitdem vergangen! Was war seither nicht alles passiert! Zum ersten Mal war sie mit der Eisenbahn gefahren, fiel ihr ein. Bis dahin war sie nur einige Male nach der Schule zum Bahnhof im benachbarten Pewsum geschlichen. Dort am Tor zur großen, unbekannten Welt hatte sie sich heimlich mit ihren Freundinnen getroffen. Verlegen kichernd und dicht an dicht gedrängt, hatte sie inmitten der anderen Bauernmädchen ganz hinten am Gleis gestanden und gewartet, dass die Bahn aus Emden eintraf. Wie aufgeregt waren sie gewesen, wenn sich der Zug schon aus der Ferne mit lautem Tuten und Qualmen ankündigte. Fremde Menschen brachte die Bahn in ihre abgelegene Gegend. Solche, die in der neuesten Mode gekleidet waren und einige sonnige Urlaubstage in Krummhörn, am Meer, verbringen wollten. Und dann war sie eines Tages selbst mit dieser Bahn gefahren.
In ihr neues Leben!
In eines, von dem Maatschi, in jenen Tagen, nicht einmal eine vage Ahnung gehabt hatte, wie es möglicherweise aussehen würde.
Oje, wie unfassbar wenig hatte sie überhaupt von der Welt außerhalb ihrer Heimat gewusst! Der Welt jenseits der flachen, unendlichen Gras- und Kanallandschaften Ostfrieslands, denen zu entkommen schon früh ihr heimlicher Wunsch gewesen war. Erst als sie im Zug gesessen hatte, war ihr bewusst geworden, dass dieser Wunsch nun tatsächlich in Erfüllung ging. Blass und atemlos vor Aufregung hatte Maatschi lange Zeit nur stumm aus dem Fenster gestarrt, unfähig, sich nur einen Millimeter vom Fleck zu rühren. Erst bei der Einfahrt nach Berlin war sie von ihrem Sitz aufgesprungen und hatte ihr Gesicht an die Fensterscheibe gepresst. Was für ein Gewimmel und Gewusel von Menschen war da draußen! Wie konnte sich jemand nur in dem Wirrwarr der vielen Straßen und Alleen auskennen? Manches Mal musste sie sogar den Kopf in den Nacken legen, um bis ganz zu den Dächern der prächtigen Herrenhäuser und Wohnanlagen empor schauen zu können, die rechts und links der Bahngleise, fünf oder gar sechs Stockwerke hoch, in den Himmel ragten. Wohin nur all die Leute eilen mochten, die so elegant gekleidet waren, als ginge es geradewegs auf eine Hochzeit?
Schnaufend und prustend stampfte die Eisenbahn in den Berliner Hauptbahnhof ein und Maatschi lehnte sich aus dem Fenster, das Anton extra für sie aufgeschoben hatte. Menschen, mit so vielen Koffern beladen, dass sie sie kaum tragen konnten, verließen das Abteil. Am Bahnsteig wurden sie sogleich von Gepäckträgern in schneidigen Uniformen in Empfang genommen, die die vielen Koffer und Taschen auf kleine Karren stapelten und zum Ausgang schoben. Zeitungsjungen boten den Reisenden laut schreiend das letzte Blatt an, während sie sich mit ihrer Last geschickt durch die Menschenmenge drückten. Der mächtige Kessel der Lok zischte und spuckte als müsste er sich im ohrenbetäubenden Lärm des Bahnhofs Gehör verschaffen. Wasserdampf quoll unaufhörlich und fauchend aus seinem schwarzen Bauch, waberte über den Bahnsteig und verschluckte die hastig Vorübereilenden mit seinem weißen Nebelatem, um sie da und dort alsbald wieder auszuspeien. So groß, so laut und so beängstigend schön hatte Maatschi sich Berlin nicht vorgestellt.
Schwer stöhnend machte sich die Lokomotive schließlich wieder auf den Weg, hinaus aus dem Bahnhof. Noch war das Ziel ihrer Bahnfahrt, Falkensee, nicht erreicht.
„Dit all is Balin?“ Maatschi warf dem Mann, von dem sie bisher nicht viel mehr als nur den Namen kannte, ungläubige Blicke zu. Wie ein Kind schlug sie sich die Hände vor den Mund als dieser ihr lächelnd zunickte. Von Falkensee aus mussten sie schließlich noch den sandigen Weg durch das Kiefernwäldchen nach Finkenkrug laufen. Dort bewohne er in einem Mietshaus seit geraumer Zeit eine hübsche und komfortable Wohnung. So hatte es Anton Pühringer den Eltern und ihr noch daheim in Freepsum versprochen. Nun nahm Anton Maatschi am Arm und natürlich trug er ihren Koffer. Den Koffer hatte er vorsorglich bei seinem zweiten Besuch nach Friesland mitgebracht, als er Maatschi als seine Braut abholte. Anton hatte sich nämlich durchaus vorstellen können, dass ein Koffer nicht gerade zu den Gegenständen gehörte, die eine friesische Bauerntochter unbedingt besitzen musste.
Der Koffer war leicht gewesen. Das Wenige, das Maatschi besaß, hätte genauso gut in ihrem Schultertuch Platz gefunden. Aber die Mutter hatte darauf bestanden, dass ihre Tochter wenigstens ein paar gute Leintücher für das Bett und die aufwändig bestickte Tischdecke mitnahm, dazu noch die hübsche Teedose, die schwarze, mit den roten Blumenranken darauf. Das war alles gewesen, was der Bauernhof als Mitgift für die älteste Tochter zu bieten hatte. Dieses Wenige hatte die Mutter am Abreisetag stumm vor Kummer zu den beiden Kleidern, den zwei Schürzen und dem bisschen Leibwäsche in den Koffer gepackt, während ihr die Tränen unaufhörlich über die schon so früh eingefallenen Wangen herab gerollt waren. Der Vater hatte wie immer mit finsterem Blick dabeigestanden und nur an seinem harten und immerfort Schlucken-Müssen hatte Maatschi erahnen können, dass auch ihm der Abschied von der Tochter nicht ganz leichtfiel. Ihre hölzernen Pantinen hatte Maatschi daheim gelassen. Als Frau eines Professors würde sie diese in einer schicken Etagenwohnung wohl kaum brauchen.
Die nächsten Wochen lehrte Anton seine Frau Hochdeutsch zu sprechen, denn Maatschi hatte sich ganz furchtbar geschämt als in der neuen Heimat niemand ihr friesisches Plattdeutsch verstand. Gleich am nächsten Tag war sie mit ihrer Kiepe in die Bäckerei gelaufen, um zum ersten Mal seit sie denken konnte Backwaren zu kaufen, die nicht im heimischen Holzofen hergestellt waren. Welch köstlicher Duft war ihr schon beim Öffnen der Ladentür entgegengeweht. Mit einem ungläubigen Lächeln im Gesicht bestaunte Maatschi die vielen Kuchen und Tortenstücke mit Obst, Sahne und Streuseln, die sauber aufgereiht hinter einer Glasscheibe auf ihre Käufer warteten, eifersüchtig bewacht von einer Armee wütender Wespen. Sie hatte nicht gewusst, dass es so unzählig verschiedene Gebäcksorten gab und dabei an die harten Friesenkekse gedacht, die an seltenen Sonn- oder Feiertagen aus der Blechdose vom Küchenschrank geholt wurden. Welch ein Überfluss bot sich ihren Augen! Und dann erst die Brote! Jesses Maria!
Auf einem breiten Holzbrett entlang der Rückwand, lagen sie ausgebreitet und so herrlich duftend: große und kleinere, lange und schmale sowie dunkel gebackene oder so helle, die aussahen wie die Botterkoken (Butterkuchen), die es daheim zu Ostern gab. Zwei ausladende Körbe waren bis obenhin gefüllt mit kleen Stuutjes (Semmeln, Brötchen) und die beiden Frauen vor ihr hatten große Tüten voll von diesen genommen. Maatschi war völlig überwältigt gewesen.
Als sie schließlich an die Reihe kam hatte sie gezögert und überlegt wie sie sich auf ihrem Plattdeutsch der Bäckerin gegenüber verständlich machen sollte. Zu gerne hätte sie gewusst, was es mit den verschiedenen Sorten auf sich hatte.
„Na, wattn nu, Meechen? Kiekste noch oder weeste inzwischen, watt du willst?“ Bei diesen Worten hatte Maatschi noch nicht gewusst, dass die berühmte Berliner Schnauze ihrem friesischen Platt in nichts nachstand. Dabei hatte die Stimme der Bäckersfrau nicht einmal unfreundlich geklungen, nur ein wenig ungeduldig vielleicht, denn die Schlange hinter Maatschi reichte mittlerweile bis an die Türe. Diese meldete sich bei jeder neuen Kundin mit lebhaft hellem Gebimmel. Mit der rechten Hand deutete Maatschi deshalb hastig auf die kleen Brotjes in dem Korb und mit der linken zeigte sie vier Finger, um deutlich zu machen, wie viele sie von diesen haben wollte.
„Wat köst dat den?“, fragte sie leise, als die Bäckerin ihr die Tüte mit den Brötchen hinhielt und genierte sich schrecklich vor den anderen Frauen im Laden. Für ihren rohen Dialekt, den hier niemand verstand und der sie so schonungslos als Landpomeranze enttarnte, aber auch dafür, dass sie nicht einmal wusste, dass die friesischen Stuutjes oder Brotjes in Berlin Knüppel oder Schrippen hießen. Wie ein Bauerntrampel war sie sich in dem piekfeinen Laden, in dem es duftete wie im Paradies, in ihrem fadenscheinigen Kleid vorgekommen und hatte sich seufzend eingestanden, dass es ja auch ganz genau so war. Ein einfaches Bauernmädchen stand in ärmlicher Kleidung im Geschäft herum und konnte nicht einmal die einfachsten Worte sprechen.
So vieles hatte sie in der großen Stadt noch lernen müssen. Später lernte sie, zum Beispiel, dass es trotz aller Armut und Mangel auf dem Land, dort aber nie wirklich Hunger gegeben hatte. Selbst in schweren Zeiten hatten die vielen Schafe und Kühe immer genug Milch gegeben, die Hühner ihre Eier und die Felder und Äcker ihre Früchte und das Getreide. Immer war auf den Höfen etwas zu tauschen übrig gewesen. Selbst im Winter. Ein Sack Kartoffeln gegen ein ordentliches Stück Speck oder eine schöne Blutwurst gegen einen Eimer Weizen. Harte Arbeit bis zum Umfallen, ja, die kannte Maatschi vom Hof daheim, aber den Hunger, den hatte sie erst später in Berlin kennengelernt.
Wie oft war sie bei Kriegsende mit Freya und Astrid nachts zum „Hamstern“ unterwegs gewesen, hatte mit den bloßen Händen hastig ein paar Kartoffeln aus der Erde geklaubt, immer mit der furchtbaren Angst im Nacken von marodierenden Russen entdeckt zu werden. Danach waren die Mädchen noch auf vorüberfahrende Güterzüge aufgesprungen, um auch den Rucksack noch in aller Eile mit Kohlen zu füllen, denn Brennholz gab es schon lange nicht mehr. Als ihr bewusst wurde, wie sehr sie sich wieder in Gedanken an die furchtbaren Kriegsjahre verlor, schüttelte sie unwirsch den Kopf. Es tat nicht gut, sich über Vergangenes oder etwas, was man nicht mehr ändern konnte, unnütze Gedanken zu machen. Für derlei Verschwendung, war Maatschis starker, vom Schicksal geprägter Charakter nicht gemacht. Resolut konzentrierte sie sich wieder auf ihr Strickzeug. Die Socken mussten schließlich bis zu Freyas Abreise fertig werden!
Die letzte Nacht vor ihrem Aufbruch in den Westen verbrachte meine Mutter eng umschlungen mit Maatschi in dem schwarzen Eisenbett des Elternschlafzimmers. Beide heulten sie wie die Schlosshunde und Maatschi hätte ihre Tochter am liebsten nie mehr losgelassen. Sie hielt sie die ganze Nacht lang fest in ihren Armen. Vom vielen Weinen ermattet, fielen beide schließlich doch noch für einige Stunden in einen unruhigen Schlaf. Viel zu früh brach der Morgen an und warf sein Licht unbarmherzig auf die Schlafenden.
Das Paket, das Maatschi meiner Mutter vor einigen Tagen geschickt hatte, enthielt außer ihrem unvergleichlich köstlichen, goldgelben Sandkuchen mit der dicken Zitronen-Zuckerglasur, den wir alle so sehr liebten und den sie, dick in Pergamentpapier eingeschlagen, in jedem ihrer Pakete mitschickte, auch noch einen selbst gestrickten, wollweißen Strampelanzug mit passendem Jäckchen und Mützchen, etwas Spielzeug für meine Brüder und einen Brief. In diesem kündigte sie ihr Kommen an, in ihrem altmodischen, etwas zittrigen Sütterlin, das nur meine Mutter zu entziffern vermochte. Sie werde ihrer Tochter in der schweren Zeit der Niederkunft beistehen. Vor allem aber werde sie ihre beiden drei und eineinhalb Jahre alten Enkelkinder in der Zeit des Krankenhausaufenthaltes versorgen, da nicht sicher sei, ob mein Vater rechtzeitig aus Ägypten zurückkomme.
Maatschi hatte wahrscheinlich wieder einmal verächtlich durch die Nase geschnaubt, als sie durch einen Zufall von ihrer jüngeren Tochter erfahren hatte, dass mein Vater von seiner Ägyptenreise noch immer nicht zurückgekehrt war und es wahrscheinlich auch bis zu meiner Geburt nicht rechtzeitig schaffen würde. Wieder einmal sollte Freya alles alleine durchstehen. Ach Gott, wie tat ihr das Mädchen leid. Das sah diesem Windhund ähnlich! Konnte gar nicht weit genug weg sein, wenn seine Frau und vor allem die beiden Jungs ihn so sehr brauchten. Aber diesmal würden ihre Enkelsöhne nicht in ein Kinderheim abgeschoben werden. Diesmal würde Maatschi da sein. Und sie würde ihrem Schwiegersohn, diesem Schürzenjäger, ganz schön die Leviten lesen! Sobald er nur wieder da war.
Als sie auch beim Spülen nicht hatte aufhören können, mit Hermann zu hadern, hatte sie vor lauter Ärger sogar eine Tasse fallen lassen, erzählte sie uns später, die in tausend Stücke zersprungen war. Am allerliebsten hätte sie diesem Nichtsnutz von Ehemann sofort mal gehörig eins auf die Hörner gegeben, wenn er da gewesen wäre.
Wenige Tage nachdem sie besagtes Päckchen abgeschickt hatte, buk Maatschi einen weiteren Sandkuchen, packte ihren alten, braunen Koffer und reiste mit der Eisenbahn von Finkenkrug bei Berlin zu meiner Mutter nach Hamburg, wo sie sogleich mit fester Hand das Regiment übernahm. Meine Mutter liebte sie dafür umso mehr, während mein Vater stets einen gehörigen Respekt gegenüber seiner resoluten Schwiegermutter hegte, die ihn beinahe um Haupteslänge überragte. Maatschi konnte schimpfen wie zehn Generalfeldmarschalle zusammen. Dann hob sie schon mal ihren Stock und bot dem ganzen Gesindel eine ordentliche Tracht Prügel an. Sie fuchtelte wie wild damit in der Luft herum, rollte mit den Augen und manch einem konnte sie auf diese Weise einen gehörigen Schrecken einjagen, mir allerdings nie.
Ich fand schnell heraus, wann meine Großmutter wirklich wütend war und wann sie nur eine Riesenshow abzog, meistens, um meinen Vater von irgendeiner Leichtsinnigkeit abzuhalten. Den kleinen „Luxus“, den Maatschi sich bisweilen gönnte und mit dem sie dann ihre Umgebung bedachte, waren ihre typisch theatralischen Gesten und die Lieblingsschimpfwörter ihrer Kindheit wie „oll Fluddertrine“, „grut Kluntjeknieper“, „ekligen Fischkopp“ oder „watn Döösbaddel“. Ihre Bezeichnungen „dussliges Suppenhuhn“ oder „tüdeliches Schaf“ hörten sich eher wie derbe Liebkosungen an, denn nie klang ihre Stimme scharf dabei und immer spürten wir das große Herz hinter ihrer oft saftigen Ausdrucksweise. Ich befürchte, dass unsere Großmutter ihren Hang zur „Kodderschnauze“ an alle ihre Enkel und Enkelinnen weitervererbt hat.
Eine weitere Taktik von Maatschi, um meinen Vater zu strafen oder ihn wenigstens zu beeindrucken, bestand darin, eine übertriebene Griesgrämigkeit zur Schau zu stellen und diese so lange wie möglich durchzuhalten. Für einen notorisch gut gelaunten Charmeur wie meinen Vater der Albtraum. Und Maatschi konnte lange durchhalten, wenn sie wütend war! Manches Mal hörte ich sie murmeln:
„Also, de Keerl is neet bitokomen un vör keen Gatt to fangen!“ So sehr Maatschi schimpfen konnte so sehr konnte sie aber auch lachen. Das tat sie am liebsten über sich selbst, wenn sie sich bei einer ihrer Schrullen erwischte, derer sie sich durchaus bewusst war. Dann warf sie ihren Kopf in den Nacken, kniff die Augen zusammen und lachte bis ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen und sie sich an der Tischkante festhalten musste. Schließlich sank sie, von ihrem eigenen Lachen ermattet, auf dem nächstbesten Stuhl nieder und fuhr sich mit einem ihrer karierten Taschentücher über ihr Gesicht. Prustend tupfte sie sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
Von meinem Vater hatte meine Großmutter vom ersten Augenblick an nicht viel gehalten. Nichts konnte den kritischen Blick der liebenden Mutter trüben, die sich gehörig um ihre gutgläubige Tochter sorgte. Als waschechte Friesin, die in einer schweren Zeit auf einem Bauernhof aufgewachsen war, wusste sie instinktiv vom echten Leben viel und vom Überleben alles. Mit einem untrüglichen und natürlichen Gespür für Lebemänner, durchschaute sie Hermann von der ersten Minute an. Und obwohl ihr meine Mutter oft seitenlange Briefe schrieb und nicht müde wurde, die Vorzüge meines Vaters anzupreisen, las Maatschi zwischen den Zeilen so viel, als dass sie nicht den geringsten Zweifel daran hegte, dass sich ihre Tochter mit einem ausgemachten Hallodri eingelassen hatte.
Wie recht sie mit all ihren Zweifeln und Vermutungen hatte, ahnte sie oft nicht. Eher zufällig erfuhr sie von den tatsächlichen Lebensumständen meiner Eltern, was ihr Misstrauen meinem Vater gegenüber stetig und unaufhaltsam mehrte. Da mochte meine Mutter noch so viele, diplomatisch formulierte Briefe verfassen. Maatschi wusste, was sie wusste und sie hatte Augen im Kopf! Kaum dass Freya diesen übermütigen Kerl irgendwo in Frankfurt kennen gelernt hatte, war sie auch schon schwanger geworden! Gut, so war nun einmal die Natur. Und die männliche ganz besonders. Da machte sie sich nichts vor. Aber dass dieser Mensch nicht einmal den Anstand besaß, sein Mädchen unter diesen eindeutigen Umständen sofort zu heiraten, war im höchsten Maße ungebührlich und ließ Schlimmeres vermuten. Nicht dass Maatschi viel an aufwändigen Feierlichkeiten oder gar am kirchlichen Segen für ihre Tochter gelegen hätte. Nein, das war ihre Sorge nicht. Aber eine gewisse Sicherheit und ordentliche Darstellung nach außen hin, hatte sie sich für ihre älteste Tochter durchaus gewünscht. Das sei doch in Anbetracht der Umstände nun wirklich nicht zu viel verlangt.
Maatschi gab keine Ruhe. Als sie im Jahr darauf erfuhr, dass mein Vater, obwohl schon das zweite Kind unterwegs war, noch immer mit einer anderen Frau verheiratet war, tobte sie so lange, bis mein Vater ihr das Versprechen gab, dafür zu sorgen, dass zumindest Nummer zwei ehelich zur Welt kommen würde. So kam es, dass meine Eltern nur wenige Tage vor Armins Geburt zum Standesamt hasteten, kaum dass mein Vater seine Scheidungspapiere in den Händen hielt. Soweit hatte Maatschi also schon einmal für Ordnung gesorgt! Und nun erwartete meine Mutter also mich, ihr drittes Kind, von diesem „Hallodri“.
Ich fand, dass der vierte Dezember ein ausgezeichnetes Datum für mein Erscheinen auf dieser Welt sei. In den frühen Morgenstunden eben dieses Tages, machte ich mich bei meiner Mutter bemerkbar. Diese verstand mein sachtes Anklopfen sofort, immerhin hatte sie ja schon eine gewisse Übung. Sogleich packte sie die wenigen Sachen zusammen, die sie im Krankenhaus benötigen würde. Als sie durch den kleinen Flur zur Küche kam, stand Maatschi schon am Herd und rührte in einem Topf mit Honig gesüßten Haferbrei an, den sie uns Kindern immer zum Frühstück kochte. Meine Brüder saßen mit gezückten Löffelchen artig am Tisch und lauschten mit noch vom Schlaf geröteten Bäckchen hingebungsvoll den Geschichten von Zwergen, Trollen und Klabautermännlein, die Oma schon so früh am Morgen beim Kochen erzählte. Beruhigt seufzte meine Mutter in sich hinein. Wenigstens dieses Mal waren die beiden gut aufgehoben und sie konnte ohne Sorgen für einige Tage ins Krankenhaus gehen. Durch den Türspalt beobachtete sie ihre Mutter und ihre beiden Jungs eine ganze Weile voller Dankbarkeit, bevor sie eintrat.
„Maatschi ...“, sagte meine Mutter leise und setzte ihre Tasche ab, „…ich glaube, es ist soweit." Ihre Stimme klang so mild. Tief einatmend lehnte sie den Kopf an den Türrahmen. Schwungvoll knallte Maatschi den Topf Haferbrei, den sie eben vom Herd genommen hatte, wieder zurück auf die Herdplatte.
„Jesses Maria!" Entgeistert starrte sie ihre Tochter an. Damit hatte sie zu dieser frühen Stunde offensichtlich nicht gerechnet. Wie versteinert verharrte sie in ihrer Position, eine Hand noch immer am Topf, die andere in die Hüfte gestemmt und starrte mit gerunzelter Stirn auf ihre Tochter. „Hast du überhaupt schon etwas gegessen?" Maatschis Tonfall hörte sich strenger an als beabsichtigt, ließ aber darauf schließen, dass sie ernsthaft in Sorge war. Meine Mutter nickte.
„Hab ich, Maatschi. Ich hab mir sogar ein paar Stullen eingepackt.“ Maatschi rang sich ein Nicken ab. Gut, das war gut! Ein paar ordentliche Wurststullen dabei zu haben war immer gut!
„Wir können auch noch einen Tee zusammen trinken“, schlug meine Mutter vor, da Maatschi noch immer wie erstarrt beim Herd stand und offenbar fieberhaft überlegte, was als nächstes zu tun sei. „Ich glaube, so viel Zeit ist noch." Mit langsamen Schritten ging sie zum Küchentisch.
„Du bist ja verrückt, Freya!" Missbilligend beäugte Maatschi meine Mutter, die sich mit ihrem dicken Bauch zu meinen Brüdern auf die schmale Küchenbank quetschte. Maatschi war noch nicht fertig mit Nachdenken und absolut nicht sicher, ob in dieser Minute nun höchste Eile oder größte Fürsorge, möglicherweise sogar beides geboten war, und sie konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn ihr eine solche Entscheidung abgenommen wurde. Das Leben hatte sie nun einmal gelehrt, dass es am besten für alle war, wenn sie wusste, was zu tun war und wenn sie, Maatschi, sagte, wo es langging. Im Moment war sie völlig überrumpelt und es war ihr anzusehen, wie wenig ihr dieser Zustand behagte. Schließlich nahm sie den Topf wieder vom Herd und löffelte den Kleinen, die der Unterhaltung stumm und mit großen Augen gefolgt waren, ihren Brei in die Schüsseln.
Wortlos nahm sie eine zweite Tasse aus dem Küchenbord, füllte diese mit dem starken Schwarztee, der auf der Herdplatte bereitstand und gab Milch und braunen Kandiszucker hinzu. Maatschis Bewegungen waren wieder ruhiger geworden und sie selbst wieder Herrin der Lage. Die Blicke meiner Brüder wanderten, während sie hungrig ihren Brei löffelten, aufmerksam zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter hin und her, die nun schweigend den heißen Tee schlürften. Draußen dämmerte es; eine fahle Wintersonne kämpfte sich durch die schwindende Nacht und färbte hinter bleigrauen Wolken den Horizont bereits ein wenig blasser. Ein Sturm war aufgekommen und nun klatschte der Wind in wuchtigen Böen schwere Regentropfen gegen die Fensterscheiben. Heulend zerrte er die Kronen der mächtigen Kastanienbäume vor dem Haus hin und her und riss ihnen die letzten braunen Blätter von den ächzenden Häuptern. Seine Beute verteilte er sogleich jubelnd auf der ganzen Straße, bis er die Lust an seinem rohen Spiel verlor und sich grollend davontrollte.
In der Küche war es still geworden, nur das Ticken der Uhr an der Wand und das feine Knistern der Holzscheite im Herd war zu hören. Die Blicke meiner Mutter und meiner Großmutter ruhten auf den Gesichtern meiner Brüder. Als eine Wehe meine Mutter schmerzlich aufzucken ließ, unterbrach Maatschi die Stille.
„Ich gehe jetzt rüber zu den Schlüters und rufe dir ein Taxi!“ Ihre Stimme klang gebieterisch. Heiko und Erika besaßen ein Telefon, ein Luxus, an dem auch meine Mutter ab und zu partizipierte.
„Lass man gut sein, Maatschi!“ Meine Mutter legte ihre Hand fest auf den Arm ihrer Mutter. „Die Straßenbahn hält doch gleich vor der Klinik.“ An ein Taxi wollte sie trotz des schlechten Wetters und der einsetzenden Wehen nicht denken. Das hätte ein kleines Vermögen gekostet. Das wenige Geld, das noch übrig war, musste für Maatschi und die Jungs bis zur Ankunft meines Vaters reichen. Bis zuletzt hatte meine Mutter gehofft, dass er noch vor Maatschi eintreffen würde, aber seit dem letzten Telegramm hatte sie nichts mehr von ihm gehört. Missbilligend hatte ihre Mutter zur Kenntnis genommen, dass niemand sagen konnte, wann der Herr Schwiegersohn geruhe, endlich wieder aufzutauchen. Aber damit hatte sie ja ohnehin schon gerechnet. Indessen hoffte meine Mutter von ganzem Herzen, dieses eine Mal beweisen zu können, dass ihr Mann nicht der war, für den Maatschi ihn hielt. Sicherlich war Hermann nur deshalb noch nicht heimgekehrt, weil er erst ausreichend Geld für seine Familie verdienen wollte. Jetzt betete sie, dass Maatschi nicht auf ein Taxi bestehen würde. Unerwartet schnell lenkte diese ein.
„Also gut ... aber ich fahre mit!“ Diesmal ließ ihr Tonfall keinen Widerspruch zu. „Ich hole nur schnell Erika herüber. Bin gleich wieder da!“
„Maatschi …?“ Die Stimme meiner Mutter glich mehr einem Flehen als einer Bitte. „Aber du bleibst nicht im Krankenhaus, sondern fährst gleich wieder nach Hause, ja?" Zu tief noch saß der Schock vom letzten Mal. Die Augen hatte sie sich schier aus dem Kopf geweint als sie, wenige Tage nach Armins Geburt, den ein Jahr älteren Andranik aus dem Kinderheim abgeholt hatten. In eben diesem hatte mein völlig überforderter Vater den Jungen während Freyas Aufenthalt im Krankenhaus abgegeben. Stundenlang hatte der Kleine verzweifelt nach seiner Mutter geschrien und schließlich aufgegeben. Mutterseelenallein hatte Andranik in einer Ecke des großen Spielzimmers gehockt und meine Mutter aus leeren Augen angesehen. Nicht einmal mit der Wimper hatte er bei ihrem Eintreten gezuckt.
Nichts!
Kein Zeichen von Freude oder bloßem Wiedererkennen. Es dauerte Wochen bis Andi wieder der kleine Junge wurde, den sie zuvor gehabt hatte.
Kurze Zeit später traten meine Mutter und Maatschi aus der Haustür und liefen, tief in ihre hochgeschlagenen Mantelkrägen geduckt, im Zickzack vorbei an riesigen Pfützen zur Haltestelle. Ein wohlgesonnener Himmel hatte dem Regen eine kurze Pause verordnet, jedoch pfiff ihnen ein unangenehm kalter Nordwind ins Gesicht und trieb ihnen Tränen in die Augen. Wie ein behäbiger, gelber Lindwurm kroch die Straßenbahn um die Ecke und bahnte sich ihren Weg, rumpelnd und quietschend, durch die Dämmerung in Richtung Haltestelle. Augenblicklich spurtete Maatschi los. Wild entschlossen, ihrer Tochter in dem wahrscheinlich schon überfüllten Abteil freie Bahn zu schaffen und einen Sitz zu ergattern, rannte sie voraus.
Als meine Mutter, außer Puste und nach Luft japsend, eintraf, schob Maatschi schon energisch die umstehenden Fahrgäste beiseite und hievte ihre Tochter die zwei Stufen empor, hinein in die warme Bahn. Keine zwei Stunden später lag ich frisch gebadet und gewickelt, friedlich neben meiner Mutter im Bett. Bis hierher war durchaus alles nach Plan verlaufen, genauso wie wir es schon vor Zeiten vereinbart hatten. Außer dass Maatschi natürlich nicht an der Krankenhaustür kehrt gemacht hatte, sondern Anweisungen und Ratschläge verteilend, mit meiner Mutter im Schlepptau bis zum Kreissaal vorgedrungen war. Dort war sie dann Hände ringend so lange auf dem langen Gang hin-und hergelaufen, bis ihr eine Krankenschwester mitteilte, dass das letzte muntere Krähen, das zu hören gewesen war, ihre gesunde Enkelin gewesen sei und sie nun beruhigt nach Hause gehen könne. Ihrer Tochter gehe es den Umständen entsprechend gut und man könne, wenn alles weiterhin so gut verlaufe, Mutter und Kind in spätestens einer Woche abholen. Wie bitte? Nach Hause gehen? Ohne sich selbst vom properen Zustand ihrer Enkelin zu überzeugen? Ohne einen prüfenden Blick auf ihre Tochter geworfen zu haben? Ach, da kannte die Krankenschwester Maatschi aber schlecht! „Sie können jetzt wirklich nach Hause gehen“, wiederholte die Schwester mit nun schon schmalen Lippen und musterte Maatschi ärgerlich von oben bis unten. Sie war es gewohnt, dass ihre Anordnungen sofort und unverzüglich befolgt wurden, immerhin war sie hier die Oberschwester. Und das nicht erst seit gestern! „Mutter und Kind bedürfen jetzt ab-so-lu-ter Ruhe und dürfen von niemandem gestört werden!“ Sicherheitshalber betonte die Schwester das Wörtchen „niemandem“ ganz besonders. So leicht ließ Maatschi sich aber nicht abwimmeln. Da war sie schon mit ganz anderen Kalibern fertig geworden. Nur kurze Zeit später wurde ich ihr das erste Mal zur Begutachtung übergeben.
Ich habe meine Großmutter vom ersten Augenblick an innig geliebt. Schließlich überzeugte sich Maatschi auch noch persönlich davon, dass ihre Tochter gut versorgt war und machte sich dann erst auf den Weg nach Hause. Die Woche darauf kam sie mit dem niedrigen Kinderwagen aus beigefarbenem Korbgeflecht und meinen Brüdern an der Hand wieder, um uns aus dem Krankenhaus abzuholen. Meine Mutter hatte sich von der Geburt gut erholt und war begeistert als Maatschi vorschlug, den Weg nach Hause zu Fuß zurück zu legen. Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite: die Wintersonne schien von einem glasklaren, klirrend kaltem Himmel und der Sturm hatte sich, die grauen Regenwolken vor sich hertreibend, auf den Weg in Richtung Süden gemacht. Ein Spaziergang würde ihr nach der langen Zeit in den stickigen Räumen sicherlich guttun. Meine Brüder hüpften um den Kinderwagen herum und freuten sich über das kleine Schwesterchen, das ruhig im Wagen schlief. Obwohl Maatschi es ihnen an nichts hatte fehlen lassen, waren sie überglücklich, dass ihre Mutter nun endlich wieder daheim sein würde und sie sangen den ganzen Weg bis nach Hause „Alle meine Entchen“ und „Hänschen klein”.
Mein Vater hatte von all dem natürlich nichts mitbekommen, stand aber am nächsten Tag vor der Tür. Meine Mutter war außer sich vor Glück, während Maatschi Ruhe behielt und das tat, was sie in dem Tohuwabohu, das durch meine Ankunft und das plötzliche Auftauchen meines Vaters entstanden war, am besten konnte: den Ton angeben und für Ordnung sorgen. Mein Vater begutachtete mich gebührend von allen Seiten, nahm meine Brüder abwechselnd auf den Schoss und schilderte seine Abenteuer der vergangenen Wochen in den schillerndsten Farben.
Das Material für seinen Reisebericht über die Fellachen am Nil war schon auf den ersten Blick sehr vielversprechend gewesen und seine Redaktion hatte einen nicht unbeträchtlichen Vorschuss auf die zu erwartende Reportage gewährt. Mein Vater war also bester Stimmung. Für meine Mutter hatte er aus Ägypten ausgefallenen Schmuck mitgebracht: eine silberne Halskette mit türkisfarbenen Skarabäen und passenden Ohrringen, Armband und Brosche. Meine Mutter schnappte beinahe über vor Freude. Nicht nur, weil ihr der Schmuck so ausnehmend gut gefiel, sondern auch, weil Maatschi nun mit eigenen Augen sehen konnte mit welch kostbaren Geschenken ihr Mann sie gerade überhäufte.
„Aber Hermann“, flötete sie überglücklich und legte sich die Halskette an, „das muss ja ein Vermögen gekostet haben.“ Mein Vater nickte andächtig. Ja, das sei wohl so, erklärte er mit gemessener Stimme und das sei auch der Grund seiner verspäteten Heimkehr, da er nach dem Erwerb dieser Kostbarkeiten nicht mehr die Mittel gehabt hätte mit dem Flugzeug zu kommen, sondern mit der Bahn habe reisen müssen. Auch das noch! Dass Hermann solche Unbequemlichkeiten in Kauf genommen hatte, nur um ihr eine Freude zu machen, also wirklich, das war doch einfach zu rührend. Ungestüm schlang sie die Arme um seinen Hals und küsste ihn auf den Mund. Hinter seinem Rücken schlug Maatschi die Hände über dem Kopf zusammen. Oh Gott, wie konnte der Mann schwindeln! Sie stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. Dieser Schlawiner von Ehemann war wirklich um keine Ausrede verlegen. Und ihrer ältesten Tochter, diesem dussligen Schaf, konnte er auch wirklich alles weismachen; irgendetwas an dieser rührenden Geschichte stimmte nicht. Da war sie sich sicher. Das sagte ihr ihr Gefühl. Und auf das hatte sie sich stets verlassen können. Nur was da nicht stimmte, das konnte sie beim besten Willen nicht sagen, da war ihr Hermann einfach über. Stolz präsentierte sich meine Mutter mit dem angelegten Schmuck.
„Schau mal, Maatschi, ist der nicht wunderschön?“, wollte sie wissen und drehte sich beschwingt um die eigene Achse. „Schau doch nur, Maatschilein.“
Notgedrungen musste Maatschilein zustimmen.
„Guck mal, Hermann “, rief meine Mutter jetzt und hielt sich übermütig die Brosche mit dem türkisfarbenen Skarabäus an die Stirn, „ich bin Kleopatra!” Mein Vater lachte.
„Ganz genau, meine holde Kleopatra, Cäsar lässt auch schön grüßen.“
Im Hintergrund war Maatschis verdrossenes Schnauben zu hören. Als Tochter einfacher Bauern, die während des Krieges ganz alleine einen kranken Mann und drei Kinder durchgebracht hatte, war ihr eher an einer gut gefüllten Speisekammer gelegen als an unnützem Tand, der die Bäuche nicht satt machte und die Glieder nicht wärmte. Ja, ja, schön und gut, dass Freya nun aussehe „wie diese olle Finks“, aber ob er auch daran gedacht habe, dass seine Frau ein paar neue Schuhe haben müsse? Dass die alten Löcher hätten und Freya da auch gleich barfuß laufen könne, den Kommentar konnte sie sich nicht verkneifen. Und ob für die wichtigen Dinge, die seine Familie so viel dringender bräuchte, dann auch noch genug übrig sei? Mein Vater, noch immer in bester Laune, verspürte nicht die geringste Lust, sich diese von seiner missmutigen Schwiegermutter verderben zu lassen. Seiner Meinung nach bestand allerdings auch nicht der leiseste Grund dazu. Gleich morgen würde er mit Freya losziehen und alles Nötige besorgen. Selbstverständlich auch ein paar schöne, neue Schuhe. Ob Maatschi solange bei den Kindern bleiben könne? Mein Vater kramte in seiner Reisetasche herum. Natürlich habe er auch etwas für sein liebstes Schwiegermütterchen mitgebracht, säuselte er und zog ein fest verschnürtes Päckchen unter all seinen Hosen und Hemden hervor.
„Feinster indischer Schwarztee“, erklärte er Maatschi triumphierend, „den habe ich extra für dich auf dem Basar in Kairo erworben. Stundenlang musste ich mit diesem Schlitzohr von Verkäufer verhandeln und hätte um ein Haar noch meinen Zug verpasst!“ Mit diesen Worten drückte er ihr ein ansehnliches Päckchen in die Hände.
Da stand Maatschi nun mit einem ganzen Kilo feinstem Schwarztee in der Küche herum und wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Herr Gott, war es schwer, diesem Kerl böse zu bleiben! Jedoch, so leicht wie er Freya auch um den Finger wickeln konnte, sie würde sich nicht so leicht die Augen wischen lassen. Schön, über den Tee freute sie sich natürlich gewaltig, der würde ja mindestens für ein ganzes Jahr reichen, so groß wie dieses Paket war. Für heute wollte sie es dabei belassen. Aber es gab noch ein Hühnchen zu rupfen, da ließ Maatschi sich nicht beirren, nicht um allen Tee der Welt. Zwar hatte sie sich in ihrem Ärger noch in Finkenkrug fest vorgenommen, ihrem Schwiegersohn gleich bei seiner Ankunft gehörig die Meinung zu sagen, aber sie war natürlich klug genug, nicht gleich am ersten Tag mit der Tür ins Haus zu fallen. Es würden sich noch Möglichkeiten bieten, Hermann auf seine Ehe- und Vaterpflichten aufmerksam zu machen. Da war Maatschi sich ganz sicher. Die erste Gelegenheit dazu ergab sich unerwartet früh, gleich am nächsten Morgen.
Eine kühle Wintersonne warf bereits bleiche Strahlen auf den gemusterten Linoleumboden der Küche, als Maatschi, noch ehe alle anderen erwacht waren, bereits den Küchenherd anheizte und den Frühstückstisch mit dem hübschen Sonnenblumenservice deckte, das Astrid beim letzten Mal für uns mitgebracht hatte. Bald darauf zog der köstliche Duft von auf der Herdplatte geröstetem Brot und frisch gebrühtem Schwarztee durch die Wohnung und scheuchte auch meine Eltern aus den Betten.
