Wenn das Blatt sich wendet - Stephanie Palm - E-Book

Wenn das Blatt sich wendet E-Book

Stephanie Palm

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Beschreibung

10 wahre Geschichten 12 Menschen wie du und ich Ein Mädchen im Nachkriegsdeutschland auf der Gangway eines Ozeandampfers. Ein obdachloser Mann und seine erstaunliche Begegnung mit einer alten Dame im Park. Ein Happy End am Traualtar, das es ohne einen Spanner nie gegeben hätte. Fesselnde Geschichten ziehen uns hinein in berührende Lebenslinien. Sie widmen sich «normalen» Menschen und ihren erstaunlichen Wendepunkten. Auf ihrem Weg in Richtung Neuland begegnen sie dem Zufall, stehen Kopf, stolpern über Hindernisse oder geraten in innere Strudel. Lebendige Storys verschmelzen mit Illustrationen und Interviews. Philosophische und psychologische Denkanstöße vertiefen den Inhalt. Kurze Einschübe aus Literatur, Theater und Musik setzen die vielschichtigen Erzählungen in einen glänzenden Rahmen. Packende Schicksale und feinsinnige Impulse zum Mitfühlen und Nachdenken!

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Uli

Das Herz ist die Mitte des Menschen. Und du bist meine.

Dieses Buchprojekt wurde im Rahmen von «Neustart Kultur» 2021 mit einem Autorenstipendium der VG Wort und der Bundesregierung gefördert.

Herzlichen Dank!

Vorwort

Jeder kennt sie, niemand hat sie bestellt, keiner nimmt sie freiwillig an: Die unverlangten Päckchen und Pakete des Lebens, die sich als Zumutung entpuppen, die uns aus der Bahn werfen. Solche «Sonderzustellungen» stehen meist ohne Ankündigung vor der Tür, auf dem Karton findet sich nur selten ein Hinweis wie: «Achtung, Bruchgefahr! Handle with Care!» oder «Sammelsendung: Die Lieferung besteht aus fünf Paketen!» Wir müssen mit, wenn sich das Leben zuspitzt, uns mit Katastrophen und Kapriolen dazwischenfunkt.

Davon handelt dieses Buch. Zwölf bemerkenswerte Menschen haben mir von ihren Wendepunkten, Spurwechseln oder alles verändernden Momenten erzählt.

Sie möchten Sie, liebe Leser, inspirieren: Auch wenn einschneidende Veränderungen alles andere als ein Pappenstiel sind, oft stoßen sie neue Türen auf. Nichts stimuliert unsere persönliche Entwicklung stärker.

«Jeder Mensch, dem du begegnest, kämpft einen schweren Kampf», sagt Plato, und er fährt fort: «Darum sei gütig». Viel ist gewonnen, wenn wir nicht nur anderen, sondern auch uns selbst gnädiger, freundlicher begegnen. Wenn wir bei unseren inneren Ringkämpfen die negativen Stimmen zum Schweigen bringen, die uns bedrängen. Eine positive Haltung in schweren Zeiten ist kein Allheilmittel. Und doch ist lebensbejahendes Denken ein stabilisierendes Tonikum, um uns selbst wieder auf die Beine zu stellen. Im Idealfall lässt es uns die Chance hinter der Krise entdecken.

Inhalt

Bettina (65): Vier Hochzeiten und ein Sonderfall

Angela (57): Wenn man

Nebel

rückwärts liest

Maria (72) & Martin (30): Wer(s) glaubt, wird selig!

Gabriel (64): Ich geh weiter, immer weiter

Markus (41): Wenn das Blatt sich drei Mal wendet

Claudia (74): Shadows on my soul

Anne (59) und Lübbert (65): Ein destilliertes Märchen in drei Kapiteln

Christa (82): Weiterleben in sieben Sätzen

Karolin (58): Merci, dass es mich gibt!

Thomas (60): Die heißeste Rolle meines Lebens

Bettina (65): Vier Hochzeiten und ein Sonderfall

«Ich habe jede Nacht den gleichen Traum»

«Erzählen Sie!», ermuntert der Psychiater den Patienten.

«Nun, ich stehe vor einem Tor, an dem ein Schild hängt.

Ich drücke und drücke, aber das Tor geht nicht auf!»

«Interessanter Traum», antwortet der Psychiater,

«was steht denn auf dem Schild?»

«Bitte ziehen!»

Ich bin keine Psychiaterin. In meinem Beruf geht es darum, Menschen zu konstruktiven Lösungen zu führen. Ich bin keine Philosophin, sondern leite Seminarteilnehmer und Coachingkunden dazu an, an der Tür zu ziehen, statt zu drücken. Ich bin keine New-Agerin, dennoch werde ich manchmal gefragt, ob es eine geheime Zutat für Glück und Erfolg gibt. «Ja», antworte ich, «die gibt es tatsächlich, sie ist allerdings weder geheim noch spektakulär: Haben Sie Mut zur Veränderung und handeln Sie entsprechend.»

Ich bin Psychologin und weiß, wie schmerzhaft es sein kann, unbequeme Entscheidungen zu treffen oder neue Wege zu beschreiten. Aber nichts ist schmerzhafter als Stillstand, denn ein Verharren in Umständen oder Beziehungen, die uns nicht guttun, verhindert inneres und äußeres Wachstum. Davon kann ich ein Lied singen.

Freiheit und Unabhängigkeit standen auf meiner persönlichen «Werte-Liste» immer oben. Zum einen deshalb, weil ich in der DDR aufwuchs und dort von Kindesbeinen an politische und gesellschaftliche Unfreiheit erlebt hatte. Zum anderen, weil ich zu der Sorte Frau gehöre, die ihr Leben selbstbestimmt anpackt.

Dies wiederum bringt mit sich, dass man sich von Menschen verabschiedet oder Umstände beendet, die die eigene Entwicklung blockieren. Nach dem Aus meiner zweiten Ehe hatte ich beschlossen, alleine zurechtzukommen, stand meine «Frau» im Sozialismus und im Kapitalismus, verbog mich nie und blieb unabhängig – auch politisch. Vor allem aber finanziell, weil ich bis heute der Meinung bin: Wenn Männer für mich bezahlen, verliere ich meine Autonomie. Trotzdem liefen mir ständig Männer über den Weg, mit denen ich die Liebe umrundete: Sie katapultierten mich von einem Schritt zum nächsten. Oder war ich es selbst?

Tiefe Wünsche haben die Tendenz, sich zu erfüllen

«Wenn du etwas im Leben erreichen willst, dann streng dich an! Mühelosen Erfolg wie von Zauberhand gibt es nicht. Wunscherfüllung auf Knopfdruck kannst du vergessen!», prophezeite mir mein Vater, als ich elf Jahre alt war. Ich schluckte, denn Vatis Meinung war mir wichtig. «Und wie geht das, 'etwas erreichen`?»

«Werde klug! Gib dir Mühe in der Schule und bilde dich auch im Berufsleben weiter. Vor allem aber: Arbeite an dir selbst, weil es nicht darum geht, was du irgendwann besitzt, sondern wer du bist, wenn du am Ziel bist.»

Spätabends stand ich am Fenster meines Kinderzimmers und starrte in den Sternenhimmel. Dann schickte ich eine gewaltige Bestellung ans Universum:

«Bitte lass mich klug werden. Und zwei Kinder möchte ich!»

Kindheit und Jugend in der DDR

Als Kleinkind brachten mich meine Eltern zu meiner Großmutter nach Karl-Marx-Stadt. Sie konnten mich nicht betreuen, denn Mutti war Hebamme im Dreischichtbetrieb, Vati studierte in Dresden.

Zwei Jahre später holten sie mich nach Lutherstadt Wittenberg. Ich wuchs wie ein typisches «Ost-Gewächs» auf, meine Lebensweise war eng und begrenzt. Und doch lebte ich mit meiner Familie und vielen Freunden ein «normales Leben», galt als freundlich, zurückhaltend und introvertiert. Ich passte mich dem System an, denn nur so war Freiheit möglich. Systemkritik unterließ man besser, sonst folgten Sanktionen. Einem Polizisten den «Stinkefinger» zeigen? Das hätte sicher gravierende Konsequenzen nach sich gezogen!

Nach der Wende wurde die DDR oft deprimierend, düster und negativ dargestellt. Auch in den Köpfen der Menschen, mit denen ich nach meiner «ständigen Ausreise» Kontakt hatte, existierten Stichworte wie Stasiakten, Bespitzelung, Mauer, keine Meinungsfreiheit, Stacheldraht, Wachtürme, Anstehen, Reisebeschränkungen, Wohnungsnot, Militärparaden, Panzerwagen ... Ja, das gab es.

Aber nirgendwo ist alles schlecht, schon gar nicht dort, wo ich einen wichtigen Teil meines Lebens verbrachte. Es gab positive Seiten, die wir damals für selbstverständlich hielten. Sie waren es nicht, wie mir schnell klar wurde, als ich die westdeutsche Gesellschaftsform kennenlernte.

Sex im Sozialismus

Im Gegensatz zu vielen anderen Tabus war sexuelle Freiheit in der DDR kein Problem, in puncto Lust und Liebe waren wir frei und ungezwungen. Im SED-Politbüro dachte man vielleicht:

Wenn sich die Menschen im Bett austoben, dann kommen sie nicht auf dumme politische Gedanken.

Sogar «die Bedeutung der Gleichheit zwischen Mann und Frau als Kernkomponente der weiblichen Lust» wurde von Staats wegen untersucht. Aus heutiger Sicht klingt es sicher seltsam, wenn sich die Regierung in das Intimleben ihrer Bürger einmischt. Damals benötigte der gesellschaftliche Wandel offenbar die Verkündigung der Emanzipation von höchster Stelle.

Komplexe im Kopf, Tomaten auf den Augen

Unsere «Bravo» war die «nl», unser «Dr. Sommer» hieß «Professor Borrmann». Von ihm erfuhr ich alles, was ich über Sex wissen wollte. Im Weg standen mir meine Minderwertigkeitskomplexe: Im Spiegel beäugte ich meine ausgeprägten Segelohren und kam zu dem Schluss: Jungs konnten mich nur unmöglich finden, bei all den Mängeln, die ich hatte! Ich empfand mich wie ein Schwarz-Weiß-Foto, kam mir bieder, blass, banal vor.

1974: Thilo - Luftikus mit weitem Horizont

Thilo war ein charmanter Leichtfuß. Und das Beste daran: Dieser unglaublich tolle Typ hatte sich nicht vertan, sondern fand mich begehrenswert. Zum ersten Mal fühlte ich mich wie ein farbiger 3D-Film mit Dolby-Surround-Sound. Ich verknallte mich in sein kantig-markantes Aussehen und seinen weiten Horizont: «Wittenberg? Ist nur der Auftakt unseres Lebens. Wir können uns, überhaupt alles, neu erfinden. Und das werden wir!», schwadronierte er, halb im Scherz.

«Den Studienplatz in Berlin bekomme ich nur, wenn ich unterschreibe, dass ich später dorthin ziehe, wo mich die Volkswirtschaft braucht», entgegnete ich, einsam zurückgeblieben auf dem Boden der Tatsachen.

«Und das werde ich. Ein Schritt nach dem anderen!»

Männer mit schillernder Aura passten zeitlebens in mein Beuteschema. Sie zogen mich magisch an, rissen mich aus meinen sachlich-geordneten Bahnen, vitalisierten mich geistig und seelisch. Ich liebte das Beste aus ihnen heraus und akzeptierte sie bedingungslos. Gleichzeitig hatte ich permanent das Gefühl, sie auf die Reihe bringen zu müssen. Vielleicht, weil ich zuhause als «große Schwester» für meinen Bruder verantwortlich war?

Erster Job. Erste Hochzeit. Erstes Kind

Fünf Jahre später war ich Psychologin und trat meine erste Stelle im Berufsberatungszentrum Leipzig an, ich verdiente 800 Ostmark. Dort studierte Thilo. Immer noch. Wilde Ehe? Ehe ohne Kinderwunsch? Undenkbar! Jung zu heiraten und Kinder zu bekommen, das war üblich in der DDR. Ein Grund dafür war der große Wohnungsmangel. Für alleinlebende Erwachsene war kaum Wohnraum zugänglich. Wir heirateten und bekamen für 50 Ostmark eine 3-Zimmerwohnung in einem heruntergekommenen Haus, zum Glück mit Bad und elektrischem Warmwasserboiler.

Mit 26 war ich schwanger, fand mich zum ersten Mal attraktiv und schwebte auf Wolke sieben. Steffen war unser Wunschkind. Wir bekamen 1000 Ostmark Starthilfe vom Staat, soziale Maßnahmen wie Babypause, Ehe-Kredit oder Anspruch auf einen Krippenplatz erleichterten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

War Steffen krank, wurde ich automatisch mit krankgeschrieben und erhielt meinen vollen Lohn. Auf Arbeit entstanden mir keinerlei Nachteile, nie hörte ich Vorwürfe.

Natürlich war nicht alles eitel Sonnenschein, aber in der Arbeitswelt der DDR bekam jeder Recht, der Recht hatte. Nach einem beruflichen Konflikt ging man ohne Getöse zum Tagesgeschäft über. Ich entpuppte mich als begnadete Netzwerkerin, gewann zusehends an Einfluss, delegierte und dirigierte im Stil einer sanften Planierraupe. Ich behauptete mich sachlich, war konfliktfähig und liebte meine Arbeit – vor allem den Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen.

Thilo entwickelte sich zum sorglosen Egoisten, der keinerlei Verantwortung für unseren Sohn übernahm. Im Gegenteil: Er genoss das Studentenleben in vollen Zügen und fand es völlig in Ordnung, Broterwerb und Brutpflege mir zu überlassen.

«Mein Mann lässt mich komplett hängen. Er nutzt mich nach Strich und Faden aus», vertraute ich einer Arbeitskollegin an. «Das lässt du nicht mit dir machen! Setz ihn vor die Tür, wenn er seine Komfortzone nicht verlässt!»

«Und Steffen?»

«Das schaffst du auch ohne einen Mann. Da wird sich nicht viel ändern, du hast doch bisher auch alles alleine gewuppt.»

Zwei DDR-typische Qualitäten, die ich von Kindesbeinen an trainiert hatte, halfen mir bei der Umsetzung meines Planes: Pragmatismus und Improvisationstalent. Ich fackelte nicht lange und trennte mich innerhalb unserer Wohnung.

Heute haben sich die traditionellen Rollenbilder gewandelt, zumindest theoretisch. Doch meine Probleme aus den 1980er Jahren sind weiterhin Standardthemen, im Privaten und im Beruf. Meinen Coachées empfehle ich:

«Lernen Sie, Nein zu sagen und sich abzugrenzen. Dazu braucht es Mut, aber Abgrenzungsfähigkeit ist eine trainierbare Stärke, so wie Schuhe binden. Haben wir alle gelernt! Sie können nicht Nein sagen? Dann verinnerlichen Sie zuerst, dass Sie nicht Everybody's Darling sein wollen. Sie müssen nicht von allen geliebt werden. Neinsagen üben Sie am besten bei Personen, die Ihnen weniger wichtig sind. Kompromisse sind angezeigt, wenn Ihnen Menschen wirklich etwas bedeuten. Hier gilt: Bieten Sie den kleinen Finger an, nicht gleich die ganze Hand! Denn Stärke beginnt im Kopf. Und ist sie nicht im Kopf, dann ist sie nirgendwo.»

Schock, Scheidung, Seelenschmerz

Dann der Alptraum! Ich weiß nicht mehr, wie er sich ausgezogen hat. Oder mich. Ich erinnere mich, dass ich immer wieder krächzte: «Wir sind getrennt, hör auf!» Seine Antwort verfolgte mich noch monatelang nach dem Übergriff: «Wie kann etwas falsch sein, was sich so richtig anfühlt?» Ich war wie gelähmt, unfähig, zu denken, mich zu bewegen. Und ließ «es» geschehen.

Wenig später zeigte ich Thilo an und reichte die Scheidung ein, die innerhalb von sechs Wochen abgewickelt war. Für 130 Ostmark bekam ich meine Würde wieder und wollte nur eines: Möglichst schnell mit allem fertig werden. Die Vergewaltigung hatte mir das elementare Gefühl von Sicherheit und Kontrolle über mein Leben genommen. Schmerzvoller war die unbarmherzige Erkenntnis, von meiner ersten großen Liebe so abscheulich verraten worden zu sein.

Treffer, versenkt!

«Jetzt muss ich klüger sein als die Männer und das System», beschloss ich, «sonst geh ich drauf.» In meiner Verzweiflung und Verachtung schwor ich mir, Rache zu üben. «Männer versenken» wurde zu meinem persönlichen Kriegsspiel. Die Spielregeln waren radikal. Mein Körper führte sie aus:

1. Gegner ausfindig machen

2. Strategischen Angriff starten

3. Gegner benutzen, verletzen und versenken

4. Keine Bindung, keine Nähe, keine Gefühle

Doch am Ende erkannte ich: Das Unverdaute, Unbewältigte in mir ließ sich so nicht heilen. Mit meinem Kreuzzug gegen Männer bekriegte ich mich selbst - denn immer bleibt eine Verwundung der eigenen Seele, wenn man andere bewusst verletzt.

1985: Pavel - Visionär mit Kalkül

Nichtsahnend beugte ich mich über meinen Trabi und überprüfte den Füllstand des Tanks mit dem Tauchstab. Wie üblich war ich in Eile. «Du wirkst nervös, kann ich helfen?», fragte eine sonore Stimme mit leicht tschechischem Akzent. Ich drehte mich um, und da stand er: gutaussehend, gepflegt, groß – eine Erscheinung.

«Bin spät dran, muss jetzt gleich meinen Sohn von der Kinderfrau abholen!», stotterte ich.

«Deshalb der Kindersitz! Ich will dich nicht aufhalten... Darf ich dich anrufen?» Völlig perplex gab ich ihm meine Telefonnummer, er stieg in seine Westlimousine, winkte mir zu und rauschte davon. Westautos wie Mazda, Citroën oder Golf fielen im Straßenverkehr auf, denn für Normalbürger der DDR blieben sie unerreichbare Sehnsuchtsobjekte.

«Der meldet sich bestimmt nicht», dachte ich. Aber ich irrte mich. Pavel bemühte sich enorm um meine Gunst. Und wieder keimte in mir das Gefühl auf: Dieser wunderbare Mann will mich.

Zweite Hochzeit, neuer Lebensrhythmus

Pavel stand im Visier der tschechischen Staatssicherheit, denn sein Vater hatte sich 1968 illegal nach Regensburg abgesetzt. Die Grenzer verweigerten ihm immer wieder die Ausreise, was zur Folge hatte, dass so manche unserer geplanten Wochenenden in Leipzig platzten.

«Und wenn wir verheiratet wären?»

«Das ist verrückt!»

«Wer im Leben nicht ein bisschen verrückt ist, kommt nicht weit.»

Nach unserer Hochzeit wechselte ich in einen befristeten Halbtagsjob und einen neuen Lebensrhythmus: 14 Tage Vollgas in Vollzeit, 14 Tage Freizeit und Freiheit.

«Unsere Kindergärtnerin sagt immer, jetzt gehen wir im Park spazieren», sinnierte Steffen, als ich mit ihm einmal durch Prag schlenderte. «Aber bei uns heißt das: Jetzt gehen wir in Prag spazieren, stimmt's, Mama?»

1988: Antrag auf «ständige Ausreise»

Meinen Eltern war Pavel suspekt, sie weigerten sich sogar, ihren Schwiegersohn zu duzen. Mein Mann hatte mir systemkritische Ideen zur DDR in den Kopf gesetzt. Vati war eingefleischter Sozialist-Kommunist und felsenfest davon überzeugt, dass wir in der besseren Hälfte Deutschlands lebten. Dem westlichen Konsum stand er kritisch gegenüber: «Man braucht nicht alles. Und nicht viel, um glücklich zu sein!» Immer wieder diskutierten wir leidenschaftlich und kontrovers, aber er glaubte mir nicht.

1988 stellte ich meine Eltern vor vollendete Tatsachen: «Pavel ist in den Westen gezogen. Ich habe einen Ausreiseantrag gestellt, Steffen und ich werden in die Bundesrepublik übersiedeln. Wenn unser Antrag genehmigt ist, müssen wir die DDR innerhalb von 24 Stunden verlassen!»

«Ist dir eigentlich klar, was da auf dich und deinen Sohn zukommt? Und was deine Entscheidung indirekt für unsere ganze Familie bedeutet?», fragte Vati erschüttert. Ich litt unter den Spannungen und fragte mich immer wieder: Werde ich meine Familie je wiedersehen? Trotz aller inneren Kämpfe stand meine Entscheidung fest, auch deshalb, weil Steffen 1989 eingeschult werden sollte.

«Mach dein Ding!»

«Wenn dir jemand sagt, das geht nicht, dann glaub kein Wort. Lass dich nicht beirren und such dir einen anderen Weg! Mach dein Ding!», das war Pavels Appell an mich. Ich blieb standhaft, obwohl ich wusste, dass viele Ausreisewillige schikaniert und gezielt kriminalisiert wurden. Das Ministerium für Staatssicherheit ermittelte die gesamten Lebensumstände der «feindlich-negativen Zielperson», um sie dann mittels einer individuell abgestimmten «Zersetzungsmaßnahme» zur Rücknahme des Ausreiseantrags zu bewegen. Mir war bekannt, dass die Konsequenzen in der sogenannten «Bearbeitungszeit» vom Verlust der Arbeitsstelle über Befragungen der Angehörigen bis zur Verweigerung von Bildungschancen reichten. Zum Glück hatte ich einen offenen, verständnisvollen Chef, der auf meiner Seite war und mir keine Steine in den Weg legte. Das stärkte mir den Rücken.

Meine Ausreise wurde im Mai 1989 bewilligt. Ein Vierteljahr saß ich mit Steffen auf gepackten Koffern, im August reisten wir aus. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass drei Monate später die Mauer fallen würde.

Wir landeten im tiefsten Niederbayern. In Vilshofen bekamen wir über Beziehungen eine Wohnung. Wir hatten weder Möbel noch Geschirr, nur den Inhalt unserer Koffer.

«Mama, du hast versprochen, dass wir in einen Ort ziehen, wo die Leute deutsch sprechen», schimpfte Steffen frustriert. Er hatte versucht, auf dem Spielplatz Anschluss zu finden, verstand aber den niederbayerischen Dialekt nicht. «Hier geh ich auf keinen Fall zur Schule!»

«Wie soll es nur weitergehen?», motzte ich Pavel an. «Wir haben beide keinen Job, kein Geld, keine Perspektive...»

«Wir packen das! Wer sich im Osten zurechtgefunden hat, der schafft es auch im Westen», antwortete er zuversichtlich. «Wenn klar ist, wo du arbeitest, ergibt sich meine berufliche Zukunft automatisch. Ich finde überall Arbeit.»

Absagen und Abfuhren folgten, dann fügte es sich. Endlich! Nach einem sechswöchigen Lehrgang für arbeitslose Akademiker bekam ich eine Stelle im Trainingscenter eines Konzerns in München. Wir zogen um, Steffen wechselte die Schule, ich war turbogestresst.

Wenn jeder an sich denkt, ist dann wirklich an alle gedacht?

In der DDR stand die Erziehung zur Gemeinschaft im Vordergrund: Kollektiv, Kollegialität und Zusammenhalt waren zentrale Punkte der Gesellschaftsordnung. Dementsprechend hatte man sich zu integrieren und seinen Beitrag zu leisten.

Dabei war der Teamgedanke essentiell. Es ging darum, sich als Einzelperson einzuordnen, nicht darum, sich egoistisch überzuordnen.

Eine mir völlig fremde Arbeitswelt zog mir den Boden unter den Füßen weg. Wissen wurde nicht mehr geteilt, sondern gehortet. Zwischen meinen neuen Kollegen kam ich mir vor wie ein dämlicher Ossi. Als Seminarleiterin war ich zwar sicher, nicht aber mit der Technik, die im Westen deutlich weiter entwickelt war.

Von vielen Männern durfte ich mir auf Arbeit anhören: «Was, Sie arbeiten? Mit Kind? Meine Frau muss nicht arbeiten!» Wie scheinheilig! Denn die Botschaft hinter der Botschaft war für mich: «Ich kann meine Familie alleine ernähren und bin ziemlich stolz darauf, dass ich so viel verdiene!»

Heute ist die klassische Rollenverteilung nicht mehr so fest in der Gesellschaft zementiert, aber noch immer wünschen sich etwa 35 Prozent der Männer eine «Lightversion» der Gleichberechtigung. Frei nach dem Motto: Der Mann ist Hauptverdiener, die Frau kümmert sich um den Nachwuchs und verdient dazu.

Zweites Ehe-Aus

Pavel fand in München keinen adäquaten Job. Für einen Machtmenschen wie ihn war Erfolglosigkeit unerträglich, er fühlte sich wie ein Versager. Schon früher war mir aufgefallen, dass mein Mann berechnend war, jetzt trat dieser Charakterzug unangenehm in den Vordergrund. Er machte sich mit dubiosen Geschäftsideen selbstständig, mauschelte, trickste und versuchte, mit fragwürdigen Methoden, an Aufträge zu kommen. Er lehnte es innerlich ab, sich an deutsche Verhaltensweisen anzupassen, trat provokant und kompromisslos auf.

Anderen gegenüber benahm er sich herablassend und respektlos, hielt sich selbst für «etwas Besseres». Und Empathie? Fehlanzeige! Immer wieder beschlich mich das ungute Gefühl, dass er mich als Eintrittskarte in den Westen benutzt hatte, denn ohne deutsche Ehefrau hätte er niemals eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen.

Wir drifteten auseinander, die Trennung stand im Raum. «Wenn du mich verlässt, dann sorge ich dafür, dass du dein Leben lang Unterhalt an mich zahlst!», drohte er. Ein zweites Kind mit diesem Mann? Nie im Leben!

Mit dem Verlassen der DDR hatte ich die herbeigesehnte äußere Freiheit gewonnen. Innerlich frei fühlte ich mich, als ich 1992 die Scheidung einreichte. Pavel kehrte in die Tschechei zurück. Damit hatte ich kein Problem, im Gegenteil: Warum ständig Typen mitziehen, die alleine nicht zurechtkommen? Mein Bedarf an Männern war gedeckt, endgültig. Niemand hatte das Recht, mich für seine Ziele zu instrumentalisieren oder mein Leben zu sabotieren!

Zum Glück fehlt uns der Schmerz!

«Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es!», so formulierte es Erich Kästner. Er sagte nicht: «Es gibt nichts Gutes, außer man bestellt es beim Universum».

Oh ja, wir wünschen uns viel, oft und gerne – und tun meist ... nichts. Denn Handeln ist anstrengend, unangenehm, zeitraubend und aufwändig. Jedes Gefängnis ist bequemer als ein Ausbruch, keine Frage. Leider wird der Mensch erst aktiv, wenn es ans Eingemachte geht: Sie sind hungrig, durstig oder müde? Früher oder später werden Sie essen, trinken oder schlafen!

Sie haben Rückenschmerzen? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Sie sich zur Physiotherapie anmelden oder zur Schmerztablette greifen. Diese Art von Motivation ist trieb- und instinktgesteuert, man nennt sie «Away from» (weg von).

Das Problem dabei: Nicht funktionierende Beziehungen (Partner, Kinder, Freunde, Kunden, Kollegen ...) sind, evolutionär gesehen, nicht als existentiell oder körperlich schmerzhaft codiert. Dämmert diese Erkenntnis, fallen ganze Seminarsäle in kollektive Depression. Eine mögliche Lösung dieses Dilemmas bietet die Motivationsstrategie «Towards to» (hin zu). Dabei fokussieren Sie sich auf Ihr Ergebnis: Sie wünschen sich einen fitteren Körper, ein neues Auto, die längst fällige Beförderung ...? Vergessen sie schnellstens alle gefühlten Hindernisse und Hürden, alle alten Glaubenssätze oder früheren Fehlschläge! Konzentrieren Sie sich auf Ihr Ziel, handeln Sie rational, werden und bleiben Sie aktiv. Ziele beginnen im Kopf – und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo!

1992: Ansgar – Empathie-Wunder mit psychischer Schattenseite

Dann traf ich Ansgar, einen quer einsteigenden Trainerkollegen, der bei einem meiner Seminare in der Schweiz hospitierte. Es funkte bereits auf der gemeinsamen Autofahrt nach Zermatt. Auf der Rückfahrt war ich absolut sicher: der oder keiner. Verstand und Vernunft verabschiedeten sich in den Stand-by-Modus.

Aller guten Dinge sind drei: Blitzhochzeit mit einer Lichtgestalt

Ansgar war groß, sah blendend aus, kleidete sich unkonventionell und war witzig. Unaufhörlich ließ er Zuwendung, Fürsorge, Anteilnahme und Mitgefühl auf mich herabregnen, war mit Haut und Haaren bei mir. Meine Vorsätze zerplatzten wie Seifenblasen. In einer Art Allzeit-Euphorie flatterten wochenlang wildgewordene Schmetterlinge in meinem Bauch: Niemals vorher und nie wieder nachher war ich so «liebestrunken».

Wenige Monate später stand ich zum dritten Mal vor dem Traualtar. Wir zogen zusammen und lebten mit Steffen unser höchst persönliches Familienglück.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne (Hermann Hesse)

Ich wechselte die Stelle und stieg in einer Großbank zur Personalentwicklerin für das interne Assessment Center auf. Ansgar machte Karriere als Trainer, jeden noch so drögen Lehrstoff verwandelte er in eine beschwingte Sinfonie: Alles floss, ging ineinander über, die Teilnehmer erweiterten ihren Horizont im Einklang mit seinem «Tempo allegro vivace». Wenn er sich eingegroovt hatte, entwickelte er Entertainer-Fähigkeiten. Publikum war sein Lebenselixier. Er schwang sich spontan auf eine Bühne und hielt vor 200 Menschen eine charismatische Rede, die weder Konzept noch Inhalt hatte. Trotzdem erntete er tosenden Beifall. Genauso weit schlug das Pendel leider in die andere Richtung aus. Erst Jahre später wurde diagnostiziert, dass mein Mann an einer bipolaren Störung litt und manisch-depressiv war.

«Und zwei Kinder möchte ich»

Mit Ansgar konnte ich mir trotz seiner extremen Stimmungsschwankungen ein zweites Kind vorstellen.

Inzwischen war ich fast 40 und die Bedingungen waren nicht nur deshalb suboptimal: Nach Steffens Geburt hatten mir fünf Gynäkologen unabhängig voneinander geraten: «Wenn Sie noch ein Baby wollen, dann so schnell wie möglich. Sie haben starke Vernarbungen und Verwachsungen im Bauchraum, die werden Probleme machen». In einer Kinderwunschpraxis konsultierten wir einen renommierten Arzt: Als Gott in Weiß hat man es weiß Gott nicht leicht ... las ich aus seiner blasierten Mimik.

Er hielt es nicht einmal für nötig, uns anzusehen, als er verkündete: «Den Zahn mit einer Schwangerschaft muss ich Ihnen leider ziehen. Das halte ich für völlig ausgeschlossen, der Ultraschall zeigt starke Wucherungen in der Gebärmutter. Wahrscheinlich Endometriose».

Ernüchtert standen wir auf der Straße. «So ein arroganter Schnösel!», fauchte ich. «Na, dann eben nicht!». Nur eine winzige Kleinigkeit hatte diese selbstgefällige Koryphäe übersehen: Ich war längst schwanger.

Nach einer komplikationslosen Schwangerschaft brachte ich 1997 Florian zur Welt. Meine beiden Jungs waren von Anfang an ein Herz und eine Seele, daran änderte der Altersunterschied von 14 Jahren nichts.

Himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt

Zunehmend schwankten Ansgars Gefühle zwischen aufgedreht und bedrückt, hyperaktiv und phlegmatisch. Dazu kam, dass er sich gerne überschätzte - vor allem unsere finanziellen Mittel: 5000 Mark bei IKEA ausgeben? Kein Problem! Einen Porsche, ganz spontan? Warum nicht? Sein Hang zur Verschwendung, seine sorglose Maßlosigkeit setzten mich enorm unter Druck.Nach einem Streit rutschte mir heraus: «Ich halte das nicht mehr aus mit dir, du machst mich und die Kinder kaputt!»

«Ein sauberer Schnitt wäre für alle das Beste. Irgendwann bringe ich die Jungs um, und dann mich!», brüllte er zurück. Man kann niemanden zurückhalten, der sich entschieden hat. Aber man muss nicht warten, bis es so weit ist. Schlagartig wurde mir klar, wie es um meinen Mann stand. Ich hatte Handlungsbedarf. Sofort.

Aus Schaden wird man klug

Zwei Monate vorher hatten wir ein Haus gekauft, hatten uns hoch verschuldet – obwohl wir inzwischen beide freiberuflich arbeiteten. Die letzten Umzugskartons standen noch immer im Flur, als ich kurzerhand meine Kinder und die Koffer packte. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich 17-mal umgezogen, darin hatte ich Routine. Finanziell waren wir komplett ruiniert oder, anders ausgedrückt: «Gehe sofort in die Privatinsolvenz. Begib dich direkt dorthin! Gehe nicht über Los!«

Werden Sie eine gute Auster!

Eine überstandene Katastrophe zu verfluchen ist menschlich und verständlich. Jammern Sie, jammern ist prima und gesund. Jammern Sie kräftig und kompakt – und dann nichts wie raus aus dem Jammertal! Denn je länger Sie verflossenes Unglück beweinen, desto stärker hängen Sie diesem geistig an. Der Vergangenheit nachzutrauern ist folglich die falsche Art der Würdigung. Neues Glück entsteht, wenn Sie würdigen, was war – und sich auf die Gegenwart fokussieren: «Früher habe ich mich in meiner Ehe wohlgefühlt, heute passt eine freie Beziehung besser zu mir».

Wertschätzen Sie, was schon da ist, was Sie im Hier und jetzt genießen können. Und die Zukunft? Steht weiterhin in den Sternen. Nehmen Sie sich vor, ab sofort eine gute Auster zu sein: Wenn Sie künftig ein Sandkorn schlucken, machen Sie eine Perle daraus! Denn Glück beginnt im Kopf. Und ist es nicht im Kopf, dann ist es nirgendwo.

Wieder war ich schmerzhaft auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Aber mir war klar, dass nicht ich für die Schwächen und Defizite meines Mannes verantwortlich war. Erst, wenn Ansgar seinen Hintern hochbekam, konnte er geheilt werden. Er begab sich in stationäre Reha, lernte den Umgang mit seinen Belastungsgrenzen, wurde medikamentös eingestellt und akzeptierte seine Krankheit.

Trotzdem gab es für mich keinen Weg zurück zu ihm. Steffen war erwachsen und zog in eine WG, ich nahm mir mit Florian eine kleine Wohnung. Ansgar und ich blieben auch nach der Scheidung in gutem Kontakt, beide erfüllten wir unsere Elternrolle gerne – daran hat sich bis heute nichts geändert.

2007: Klaus-Dieter - Sonderfall mit Schuhtick und Spendierhosen

Inzwischen hatte ich mir als Trainerin, Coachin und Mediatorin auf dem Markt einen Namen gemacht. Ein Unternehmen buchte mich, ich lernte den Inhaber kennen. Es war wie verhext, wieder verliebte ich mich! Zum Glück wollten wir beide keine Beziehung mit Alltag, sondern zu zweit das Leben genießen. Klaus-Dieter hatte Familie und seine Frau war chronisch misstrauisch – aus gutem Grund, denn ein braver, treuer Ehemann war er nie. Kurzerhand mietete er für einen Monat ein Hotelzimmer: Dort trafen wir uns so oft wie möglich.