wenn deine Träume sterben... - Gerhard, Helmut Ehlig - E-Book

wenn deine Träume sterben... E-Book

Gerhard, Helmut Ehlig

0,0

Beschreibung

Fünfundzwanzig Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges entdeckt der Jugendliche Andreas Heim in den Katakomben der dresdner Frauenkirche mehrere  mit  Goldbarren gefüllte Kisten. Als er damit in den Westen Deutschlands gelangen will, tritt das Ministerium für Staatssicherheit in Erscheinung. Heim verschwindet für viele Jahre im Gefängnis. Auch nach dem Zusammenbruch der DDR gerät er in Konflikt mit den alten Genossen und deren noch immer fünktionierenden Netzwerken.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 881

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Vorwort:

Der nachfolgenden Erzählung liegen persönliche Erlebnisse und Berichte anderer zugrunde. Hinsichtlich Zeitpunkten, Tatorten, Institutionen, Diensträngen und Dienststellungen wurden zum Schutz an der Handlung Beteiligter, Veränderungen vorgenommen. Dies trifft ebenso auf deren Namen zu. Soweit Sachverhalte beschrieben werden, die sich naturgemäß der Kenntnis des Autors entziehen, erlaubte ich mir schriftstellerische Freiheiten. Übereinstimmung mit tatsächlichen Ereignissen dient nicht dem Zweck, noch lebenden Personen Nachteile zu verschaffen. Irrtümer und Fehler bitte ich zu entschuldigen.

G. H. Ehlig

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Teil I: Auf Trümmern blühen keine Rosen

Buch: Der Katakombenschatz

Buch: Hinter Gittern

Buch: Das Geheimnis der Felsenhöhle

Teil II: Unter Wölfen weiden keine Schafe

Buch: Die seltsamen Aktivitäten des Hauptmann D.

Buch: Die Spur des Todes

Buch: Die neunte Sinfonie

Buch: Bis zum letzten Atemzug

Teil III: Die Lämmer schweigen nicht

Buch: Das Komplott

Buch: Der Streit um das goldene Kalb

Buch: Die tödliche Auferstehung der Manuela S.

Nachwort

Impressum

Teil I

Auf Trümmern blühen keine Rosen

Für Marion und Klaus

1.Buch

Der Katakombenschatz

Nur wenige Touristen blickten an diesem regnerischen Frühlingstag des Jahres 1970 staunend auf die Ruine der Frauenkirche. Gleichsam als letzter, stummer Zeuge erinnerte der riesige Trümmerberg an die trostlose Steinwüste, die britische Lancaster-Bomber im Februar 1945 hinterlassen hatten. Fast ein halbes Menschenalter war vergangen seit jenem schrecklichen Krieg des deutschen Volkes, der mit unerbittlicher Konsequenz auf dessen eigenes Haupt zurückgeschlagen ist.

Mühsam bahnte sich ein knapp achtzehnjähriger Bursche einen Pfad zwischen wild wucherndem Gesträuch und strebte der Stelle entgegen, wo einstmals der Altar des zerstörten Gotteshauses gestanden haben mochte. Seine langen Haare konnten nur durch eine oft wiederholte, seitliche Kopfbewegung davon abgehalten werden, das Gesicht ständig zu verdecken.

Hinter ihm schleppte ein nur wenig älterer Mann, dessen muskulöser Körper Kraft und Ausdauer verriet, eine aus zwei Tragetaschen bestehende Last heran. Schon nach wenigen Minuten waren die Kletterer nicht mehr den lästigen Blicken zufälliger Beobachter ausgesetzt, denn auf der einen Seite verdeckte die gefährlich anmutende, aus brüchigen Blöcken aufragende Trümmerwand die Sicht; die andere war mit nahezu undurchdringlichem Gebüsch bewachsen.

Bisweilen fegte ein steifer Wind in das verwitterte Gestein und trieb den seltsamen Kirchenbesuchern nasse Schwaden in die Gesichter. Am Rande einer mehrere Meter tiefen Grube blieb der Vorangehende stehen und sagte mit gedämpfter Stimme. "Gib acht Klaus, die Steine sind glatt."

"Ich pass schon auf", erwiderte der Gewarnte unwillig und begann gleich darauf, die mitgeführten Taschen an einem kurzen Seil hinabzulassen. Danach befestigte er die Leine an einem aus der Wand ragenden Eisenteil, in das schmutzig-brauner Rost bereits deutliche Spuren gegraben hatte und kletterte mit katzenartiger Geschmeidigkeit daran herunter. Unten zog er das Seil mit seinem eigenen Körpergewicht straff, um dem augenscheinlich weniger gewandten Gefährten den Abstieg zu erleichtern.

Am Boden des Loches befand sich eine mittels Balken abgestützte, von oben nicht sichtbare, tunnelartige Öffnung. Nachdem der zuvor mit Klaus Angesprochene eine der beiden Lasten sich über die Schulter gehängt hatte, gab er ein kurzes Handzeichen, worauf der Jüngere mit der anderen Tasche sich zwischen den Stempeln hindurchzwängte. An seiner Segeltuchjacke hing eine Grubenlampe. Klaus folgte ihm in den ausgemauerten, leicht abschüssigen Gang.

Allem Anschein nach war der gesamte Ablauf dieser Aktion, die einem Uneingeweihten immer geheimnisvoller erscheinen musste, sehr genau geplant worden. Andernfalls hätte wohl keiner der beiden gewusst, welche Rolle ihm in der jeweiligen Situation zufallen würde.

Nach Überwindung der gefährlichen Stelle drangen sie, ohne auf nennenswerte Hindernisse zu stoßen, bis in die erstaunlicherweise nur geringfügig beschädigten Kellerräume vor. Hier unten herrschte absolute Stille. Nur mit Kreide oder Leuchtfarbe an die Wände geschmierte kyrillische Buchstaben und obszöne Zeichnungen verkündeten die Anwesenheit moderner Zivilisation.

Andreas Heim, seine Freunde nannten ihn Andy, war inzwischen an einem Einbruch angelangt, wo die Gewölbedecke unter dem Druck vieler hundert Tonnen Gestein sich gesenkt hatte und allein durch eine mühevoll angebrachte, mit Stützpfeilern versehene, die Tätigkeit von Fachleuten verratende Holzverschalung daran gehindert wurde, einen engen, tief am Boden befindlichen Durchgang zu verschließen.

Sein Freund, der ebenfalls herangekommen war, setzte die Tragetasche ab und leuchtete die Holzstempel an; sorgfältig kontrollierend, ob seit dem letzten Besuch etwas verändert schien.

Der obere Rand einiger Rundhölzer war gespalten und auseinander gedrückt worden, als hätte ein Riese mit einem überdimensionalen Hammer beständig darauf herumgeschlagen.

Ein schneller Blick hinüber zu Andy bestätigte ihm, dass dieser ähnliche Gedanken hegte.

"Ich glaube hier kann jeden Augenblick alles zusammenbrechen", sprach der es aus.

"Ach Unsinn. Das hält schon seit Kriegsende. Warum sollte ausgerechnet jetzt so etwas passieren?" gab Klaus zurück, während er möglichst gleichgültig auszusehen trachtete.

Andy hockte sich hin und hielt seinen angefeuchteten Zeigefinger in den Durchschlupf:

"Und wenn schon", sagte er plötzlich zuversichtlich: "lass es ruhig einstürzen. Ich verspüre einen deutlichen Luftzug. Also muss noch ein zweiter Zugang vorhanden sein, den wir im Notfall benutzen können."

Obgleich sie früher vergeblich nach einem solchen gesucht hatten, widersprach Klaus ihm nicht. Ohne Worte schob er Andy beiseite und kroch mit den Füßen voran in den Tunnel, dabei eine der Taschen hinter sich her schleifend. Sein Partner versuchte zunächst, mit der Lampe an ihm vorbeizuleuchten. Dann folgte er ihm auf gleiche Weise.

Völlig verschmutzt, aber ohne Zwischenfall gelangten sie in einen kleineren Raum von dem vormals zwei, nun jedoch verschüttete Treppen nach oben und unten geführt hatten.

Das Vorhaben der wagemutigen Freunde konnte durch diese Zerstörung nicht beeinträchtigt werden, denn in der Mitte der Kammer war eine runde Öffnung in den Boden gebrochen worden; groß genug, um noch weiter hinunter zu gelangen.

Über den ungleichmäßigen Rand gebeugt, leuchtete Andy den Durchbruch aus. Im Lichtkegel der Lampe erschien eine roh gezimmerte, allerdings ziemlich morsche Leiter. Vorsichtig begann er hinabzusteigen, um gleich darauf die von Klaus gereichten Taschen entgegenzunehmen.

Sie waren am Ziel. In den Katakomben der Frauenkirche!

An den Wänden gähnten dunkle Höhlen, wie die Fenster eines seit langem verlassenen Hauses. Das Innere der aufgebrochenen Ruheplätze längst verstorbener Menschen wies ein solches Durcheinander auf, als habe eine Herde wilder Tiere darin gehaust. Hier waren ohne Zweifel schon andere auf der Suche gewesen, vermutlich angelockt von den Grabbeigaben der Toten, deren Ringen und goldenen Ketten. Verstreut umher liegende Reste zerstörter Särge und vom Alter geschwärzte Fetzen verrotteter Leichentücher, sowie verschiedene menschliche Gebeine zeugten von der Tätigkeit erfolgreicher Grabräuber. Andy schämte sich fast für seine Artgenossen.

"Wir müssen anfangen." Klaus riss ihn aus seinen Gedanken, die er offenbar erraten hatte, legte ihm seine Hand auf die Schulter und fügte mit verständnisvoller Stimme hinzu: "Das waren die Russen. Was willst du von denen schon erwarten? Sieh einfach nicht hin."

Entschlossen schleppten sie nun die schweren Taschen mit Ausrüstungsgegenständen in die Mitte des reichlich zwei Meter hohen Gewölbes. Vor etlichen Tagen hatten sie bereits mit massiven Eisenstangen den Unterboden abgeklopft, um die günstigste Aufbruchsmöglichkeit zu finden. Nach den bisherigen Erkenntnissen mussten noch weitere Unterkellerungen vorhanden sein, deren einstige Zugänge jedoch seit dem Einsturz der Kirche verschüttet waren.

Aus dem Gepäck holte Andy zwei Grubenlampen hervor und wollte sie in leere Grabkammern stellen.

"Lass gut sein. Eine Lampe muss vorerst genügen. Wir wissen nicht, wie lange alles dauern wird und sparen die Batterien lieber für später", gebot ihm Klaus, der unterdessen verschiedene Werkzeuge ausbreitete, dabei auf peinliche Ordnung achtend. Danach begann er einen schweren Eisenhammer an dem dafür vorgesehenen Holzschaft anzubringen. Durch kräftiges Aufstucken befestigte er den Stiel. Nun hockte sich Andy auf die Knie und umfasste mit beiden Händen, die jetzt in Arbeitshandschuhen aus grobem Leder steckten, einen gehärteten Meißel.

In gleichmäßigem Rhythmus schlug Klaus mit wuchtigen Schlägen auf das stumpfe Ende und trieb den Stahl Stück für Stück in das weiche Sandgestein. Nach kurzer Zeit war die Luft bereits mit feinem Staub gesättigt. Die beiden konnten schon nach wenigen Minuten kaum noch atmen.

"Verdammt", schimpfte Klaus hustend, als er den Hammer beiseitelegte: "Wir hätten Staubmasken mitnehmen sollen."

Aus dem Seitenfach der Reisetasche holte er eine große Mineralwasserflasche, nässte sein Taschentuch mit dem Getränk, und band es sich vor den Mund: "Einwandfrei. Jetzt kann ich herrlich atmen", übertrieb er, um Andy anzuspornen, ein Gleiches zu tun.

Weil dieser jedoch kein Taschentuch bei sich hatte, riss er sich kurz entschlossen einen Teil des Hemdes ab, übergoss ihn mit der Flüssigkeit und befestigte den Fetzen unterhalb der Augenpartie.

Klaus musste lachen: "Du siehst aus wie ein richtiger Bankräuber."

''Vielleich sind wir das auch", entgegnete Andy trocken.

"Nein", widersprach der Freund entschieden, wobei er wieder ernst wirkte: "Das Gold, gehört jetzt niemanden mehr. Deshalb haben wir ein Anrecht darauf."

Zustimmend nickte Andy jetzt, gab aber zu bedenken: "Noch haben wir es nicht gefunden."

"Und doch ist es hier, direkt unter unseren Füßen", versicherte der andere: "Dafür halte ich meinen Kopf hin."

"Gewiss, du hast Recht. Eine andere Möglichkeit gibt es kaum.''

Andy dachte mit Anerkennung an die unerschütterliche Zuversicht seines Kameraden, die sie nach jedem zurückliegenden Misserfolg vorangetrieben hatten. Nun aber sollte sich endgültig zeigen, ob ihre Wünsche in Erfüllung gehen würden.

"Deinem alten Vernehmer von der Kripo schicken wir eine Ansichtskarte aus Thailand." Andy lachte laut auf, als er das gesagt hatte.

"Dieses Schwein sah aus wie eine Bulldogge", behauptete Klaus. Wütend dachte er an den Beamten, der ihn vor zwei Jahren festgenommen und verhört hatte: "Stell dir vor wie der sich ärgern wird, wenn eines Tages er erfährt, was hier direkt neben seinem Büro geschehen ist."

Erneut musste Andy lachen, denn er konnte nicht wissen, was gerade in unmittelbarer Nähe des Trümmerberges geschah.

Albert Wieland, Hauptmann der Kriminalpolizei, von seinen eigenen Genossen in Abwesenheit verächtlich als Bulldogge bezeichnet, warf die Zigarettenkippe achtlos zu Boden. Geraume Zeit schon stand er an Eingang zum Albertinum. Sein grauer Lederolmantel unterschied sich nur wenig vom schwarzgrauen Hintergrund des stark verwitterten Sandsteingebäudes. Es bereitete ihm Freude, selbst ungesehen, andere zu beobachten.

Mit einer Bewegung der linken Hand strich er über das Igelhaar. Die tief in den Höhlen liegenden Augen kniff er fest zusammen. Man konnte dem Gesicht, dessen Ähnlichkeit mit einer Hundeschnauze verblüffend war ansehen, dass es hinter der flachen Stirn angestrengt arbeitete. Die ganze Gestalt erstarrte förmlich in Konzentration. Bulldogge hatte Witterung aufgenommen. Nur ein Uneingeweihter würde diesen Mann allein auf Grund der äußerlichen Erscheinung für unintelligent gehalten haben.

Sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis seiner Beobachtungen verließ der Hauptmann den bisherigen, nur drei Dutzend Meter von den Resten der Frauenkirche entfernten Standort. Ihm war der Name einer der beiden verdächtigen Personen eingefallen, die er soeben auf den Trümmern des alten Bauwerkes gesichtet hatte. Nun wollte er erst einmal die archivierten Unterlagen überprüfen. Vielleicht würde er dabei etwas herausfinden. Deshalb strebte er mit festen Schritten zu einem, ganz in der Nähe gelegenen, riesigen Gebäude, dessen Grundriss vier voneinander abgetrennte Höfe umfasste. Neben Meldebehörde, KfZ-Zulassungsamt und dem Sitz der örtlichen Kriminalpolizei beherbergte es auch eine Untersuchungshaftanstalt.

Wieland straffte sich, als er den Dienstausweis vorzeigend am Posten vorüberging. Zügig durchschritt er danach die langen, beleuchteten Flure seiner Arbeitsstätte. Hier fühlte er sich wohl, unter Kollegen, die sicher erstaunt gewesen wären, erführen sie von seiner langjährigen Zugehörigkeit zum Ministerium für Staatssicherheit.

Der Mann schloss die Tür des Dienstzimmers, begab sich an seinen Schreibtisch und drückte die Taste der Haussprechanlage: "Wieland. Die Akte Fechner bitte."

Unerwartet lösten sich massive Sandsteinblöcke. Ein erdbebenartiges Zittern, begleitet von dumpfem Grollen, durchlief die Katakomben und erstickte Andys Aufschrei. Unter dessen Füßen war der Boden überraschend aufgebrochen.

Noch während die Steinbrocken im darunterliegenden Hohlraum donnernd zerbarsten, hatte Klaus geistesgegenwärtig reagiert und den Kameraden an beiden Armen festgehalten. Dieser hing jetzt mit dem Unterkörper über dem Rand des entstandenen Loches, gelangte aber wenig später dank der Hilfe des Freundes auf festen Grund zurück: "Bist du verletzt?"

"Nein, ich glaube nicht", erwiderte Andy, noch ganz benommen von dem Schreck, der ihm in die Glieder gefahren war. Aber außer einigen blauen Flecken an den Beinen waren kaum nachteilige Folgen zu erwarten. Er sagte nur: "Das hätte schief gehen können."

Sein Gefährte untersuchte vorsichtig den Rand des Durchbruches und leuchtete in den staubgefüllten Hohlraum: "Jetzt ist mir alles klar. Der mittlere Abschnitt des Gewölbes wurde von seinem eigenen Gewicht getragen. Nachdem wir die Spannung aus dem Zentrum genommen haben, lösten sich die Steine."

"Richtig", stimmte Andy dem Freund zu: "In einschlägigen Abhandlungen über dieses Bauwerk ist die Beschaffenheit so dargestellt. Wir müssen eben besser aufpassen. Sonst kommen wir hier nicht mehr lebend raus."

Am Nachmittag des darauffolgenden Tages; die meisten Kollegen hatten ihre Büros schon verlassen, packte der Leiter des Einbruchsdezernates die vor ihm auf dem wuchtigen Schreibtisch aus deutscher Eiche liegenden Papiere in seine große, altertümliche Lederaktentasche. Ihn hatte das Jagdfieber gepackt. Nach kurzem Zögern nahm der Kriminalist den Hörer des Außentelefons ab und wählte eine Nummer, die er nur in besonders wichtigen Fällen benutzen durfte.

Kaum dass die Durchwahl beendet war, meldete sich eine männliche Person, als habe sie auf diesen Anruf gewartet: "Ja, bitte."

"Hallo, hier spricht Albert. Wollen wir nicht mal eine Partie Schach spielen", antwortete der Hauptmann mit dem vorher vereinbarten Code. Trotz des kumpelhaften Tones war seiner Stimme ein gewisser Respekt anzumerken.

"Ist mir Recht", gab der andere Teilnehmer zurück: "Ich erwarte dich."

Enttäuschung stand auf Andys Gesicht geschrieben. Niedergeschlagen starrte er auf einen unüberwindlichen Haufen Schutt. Gerade dort, wo der Durchgang zu weiteren Räumen sein musste, war die Decke eingestürzt.

Seit vielen Stunden hatten sie vergeblich daran gearbeitet, die Steine beiseite zu räumen. Jeder neue Versuch, die Trümmer zu bewältigen, war an der Last des nachdrängenden Gesteins gescheitert. Zwar befanden sich hier unten etliche, verschlossene Gruften, doch waren sie nicht gekommen, Grabstätten zu plündern. Sollte alles vergeblich gewesen sein?

"Andy!" Der laute Ruf des Freundes barg einen eigentümlichen, wenn nicht gar hoffnungsvollen Ton in sich. Sofort begab sich der Gerufene zu ihm.

Klaus hockte vor einer noch verschlossenen, in die Seitenwand eingelassenen Grabkammer und betrachtete das Mauerwerk.

"Sieh her", sprach er, als der andere herangekommen war: "Ich glaube, diese Stelle ist erst viele Jahre später als die anderen Kammern zugemauert worden."

''Und wir Idioten wühlen stundenlang sinnlos in den Trümmern", meckerte Andy.

Einige Schläge mit dem schweren Hammer genügten, um die dünne Wandung zu zermürben, so dass einzelne Steine sich ohne große Mühe herausbrechen ließen. Im Lichtstrahl der Grubenlampe erschienen mehrere flache Metallbehälter. Auf dem vordersten war eine deutliche Aufschrift zu erkennen:

DRESDNER BANK AG

Gegen 19. 00 Uhr passierte ein unauffälliger, lehmfarbener Wartburg die Haupteinfahrt der Bezirksdienststelle des MfS. Nachdem einer der Posten die Papiere des Insassen sorgfältig überprüft hatte, öffnete ein zweiter Mann den Schlagbaum.

Leise surrte die Mechanik der automatischen Kamera, während sie den Wagen noch einige Augenblicke im Grundstück verfolgte.

Der Fahrer parkte das Auto unmittelbar neben einer kleinen Stahltür des zentralen Gebäudes. Ein summendes Geräusch zeigte ihm an, dass er nur leicht gegen die Tür drücken brauchte, um in das Haus zu gelangen, wo ihn bereits ein Unteroffizier erwartete. Wortlos führte ihn dieser über etliche Treppenaufgänge und Flure bis zu einem Zimmer mit der Nummer 27.

"Treten sie ein", sagte der Uniformierte nun, indem er die Tür öffnete. Eine weitere, gepolsterte befand sich dahinter.

Bulldogge klopfte in kurzem Abstand zweimal dagegen, obgleich die Schalldämmung das Geräusch ohnehin absorbieren würde. Außerdem tat er es nicht kräftig, wie es eigentlich seinem Wesen entsprach. Dann drückte er die Klinke nieder, trat in den Raum und grüßte vorschriftsmäßig: "Hauptmann Wieland meldet sich zur Stelle!"

Hinter einem einfachen Schreibtisch mit Stahlrohrrahmen blickte ein unscheinbarer Mann mittleren Alters auf: "Nehmen sie doch Platz, Genosse Wieland."

Dabei wies er zu einem, offensichtlich Besuchern zugedachten Sessel, dem man die gleiche Herkunft wie dem restlichen Mobiliar ansehen konnte.

An einer Seitenwand des spartanisch eingerichteten Zimmers war ein großes Bild angebracht worden. Es zeigte Feliks Edmundowitsch Dzierżyński, den Begründer der russischen Geheimpolizei TSCHEKA.

Spitzbärtig, mit kalten, stechenden Augen sah er herab, der unerschrockene Revolutionär und Henker ungezählter Menschen.

"Na, dann schießen sie mal los." Oberst Schilling, Leiter eines Sonderreferates und unmittelbarer Vorgesetzter der Bulldogge, lehnte sich behaglich zurück und sog die klare Luft mit einem tiefen Atemzug ein. In seinem Zimmer wurde nicht geraucht. Rauchen ist ein Laster des Klassenfeindes.

Umständlich rückte Wieland seine Papiere zurecht, die er soeben der Aktentasche entnommen hatte. Dabei konzentrierte er sich auf das Anliegen seines Besuches, denn er wusste, dass sein Chef fehlerfreie Vorträge liebte.

"Also dann, bis morgen", verabschiedete sich Klaus. Gleich darauf verschwand sein Motorrad im Dunkel der Nacht. Erschöpft öffnete Andy das Gartentor. Leise schlich er durch den Vorgarten in das Haus und erreichte ungehört sein Zimmer. Zum Glück schliefen die Eltern schon.

Bevor ihm selbst die Augen zufielen, zogen die Bilder der letzten Stunden noch einmal in seinen Gedanken vorüber. Sie waren Millionäre!

Fast hätten sie sich darüber ernsthaft zerstritten. Während Andy trotz der vorangegangenen Anstrengungen sofort damit beginnen wollte, das Gold aufzuteilen und in verschiedene Verstecke umzulagern, vertrat der Freund die Ansicht, es habe in der Gruft bereits ein Vierteljahrhundert unentdeckt gelegen und sei dort gut aufgehoben. Schließlich hatte der Jüngere zugestimmt, die Kisten bis zum Abschluss der Vorbereitungen für eine Flucht nach Westdeutschland in der zerbombten Kirche zu belassen.

Sie durften bis dahin keinerlei Verdacht erwecken. Deshalb sollte Andy umgehend seinen abgelaufenen Krankenschein erneuern lassen, was nicht besonders schwierig sein würde, denn der Betriebsarzt war ein älterer Mann, dem der Ruf anhaftete, der Alkohol sei die einzige Medizin, die er kenne.

Auch durfte er nicht vergessen, einige ausgeliehene Bücher in die Bibliothek zu bringen, deren Rückgabetermin bereits überzogen war. Dennoch würde alles was noch kommen konnte nur ein Kinderspiel sein, gemessen an dem, was sie schon geleistet hatten.

Zumindest glaubte Andy das zu diesem Zeitpunkt.

Mit der ihm eigenen, geschraubten Redeweise leitete der inoffizielle, hauptamtliche Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit seinen Vortrag ein:

"Genosse Oberst, gestatten sie, dass ich zunächst erläutere, auf welche Weise ich zu der Überzeugung gelangt bin, es sei notwendig, ihnen unverzüglich Bericht zu erstatten."

"Bitte, bitte."

Wieland schilderte nun die zufällige Beobachtung in allen Einzelheiten und berichtete dann ausführlich über seine weitere Tätigkeit seit dem Ereignis: "Nachdem ich die erwähnten Unterlagen, sowie die Akte Gottwald, ich komme später auf diesen Namen zurück, eingehend studiert habe, möchte ich folgende Einschätzung der gegenwärtigen Lage geben."

"Warten sie", unterbrach ihn der neugierig gewordene Oberst: "Darf ich einen Kaffee anbieten? Möchten sie Rauchen?"

Er lachte und drohte scherzhaft mit dem Zeigefinger: "Rauchen ist ein Laster des Klassenfeindes. Bei ihnen mache ich eine Ausnahme."

"Danke, Genosse Oberst." Wieland war sich der seltenen Auszeichnung bewusst.

Während er eine Zigarette anzündete, schaute er auf die vor ihm liegenden Papiere, obwohl er auch ohne sie ausgekommen wäre, denn was einmal in seinem Hirn gespeichert war, das hielt er fest, so wie eine Bulldogge in ihr Opfer sich verbeißt, dass man deren Schnauze förmlich aufhebeln muss, wollte man es befreien.

Schilling, dessen Glatze den Anschein erweckte, als würde sie täglich poliert, bog seinen Oberkörper nach vorn, wobei er sich mit beiden Händen auf der Schreibtischplatte abstützte und erwartungsvoll in das Gesicht des Kollegen sah:

"Fangen sie doch mit dem Hintergrund ganz von vorn an. Ich bin mit der Problematik wenig vertraut."

"Zu Befehl, Genosse Oberst! Es begann eigentlich alles schon vor fünfundzwanzig Jahren, im Januar 1945."

Die Straße zwischen Zinnwald und Geising war mit frischem, zum Teil stark verwehtem Pulverschnee bedeckt. Eine aus drei Personenkraftwagen bestehende Kolonne, die von zwei mit SS-Angehörigen besetzten Halbkettenfahrzeugen begleitet wurde, welche Anfang und Ende der Gruppe bildeten, hatte große Mühe voranzukommen. Hier in den Kammlagen des Osterzgebirges herrschte tiefer Winter, wie ihn die Städter im 50 Kilometer entfernten, zu diesem Zeitpunkt noch unzerstörten Dresden nur selten erlebten.

Mehrere, in den Fahrzeugen mitgeführte Behälter trugen die Aufschrift: DRESDNER BANK AG.

Späteren Einschätzungen von Experten zufolge beinhalteten sie Wertpapiere, Goldeinlagen und Kunden der Bank gehörigen Schmuck im Gesamtwert von etwa fünfzehn Millionen Reichsmark. Vom Aufsichtsrat der Bank soll zuvor in geheimer Beratung wegen zu erwartender Kriegseinwirkungen die Auslagerung vorhandenen Besitzes beschlossen worden sein. Das genaue Ziel dieses Konvois ist niemals bekannt geworden. In den Morgenstunden des nächsten Tages kehrte er in die Landeshauptstadt zurück. Die Begleitmannschaften zerstreuten sich in verschiedenen Einsatzkommandos, wobei anzunehmen ist, dass sie ohnehin nicht über den Zweck dieser Aktion unterrichtet gewesen waren. Alle in den PKW mitfahrenden Zeugen des nebelhaften Unternehmens; es handelte sich dabei um höhere Bankangestellte, sowie einige Mitarbeiter des damaligen Gauleiters Mutschmann fielen, soweit deren Namen ermittelt werden konnten, nur drei Wochen später am 13. Februar dem alliierten Bombenangriff zum Opfer.

Wieland fügte seinem Bericht über die Geschehnisse kurz vor Kriegsende noch etliche Details hinzu und konzentrierte sich dann auf die jüngere Vergangenheit:

"Durch Angehörige der Sowjetarmee organisierte und später vom MfS weitergeführte Suchaktionen erbrachten kein verwertbares Resultat und wurden deshalb eingestellt. 1968 entließ man einen gewissen Gottwald, ich erwähnte vorhin dessen Akte, gegenwärtig wohnhaft in Cotta und tätig als Ingenieur für Hochfrequenztechnik, nach Verbüßung einer Freiheitsstrafe aus der Haft. Saß übrigens ein wegen Devisenschmuggels und illegalem Handel mit Edelmetallen. Dieser Mann wandte sich vor acht Monaten mit einer schriftlichen Anzeige an die hiesige Dienststelle der Kriminalpolizei und ersuchte um Schutz. Ein zuständiger Genosse des Ministeriums bearbeite später den Fall, ohne jedoch entsprechende Maßnahmen zu veranlassen. Der Grund ist mir nicht bekannt. Ich habe das betreffende Schriftstück heute Morgen entdeckt. Es hat folgenden Inhalt." Hauptmann Wieland unterbrach sich kurz, um seinen Kaffee auszutrinken. Dann konzentrierte er sich erneut auf seine Unterlagen:

"Hiermit möchte ich, Gerhard Gottwald, geboren am 19. 07. 1907 in Königsberg, die Mitarbeiter der Polizeidienststelle Dresden Mitte um Hilfe bitten, da Leben und Gesundheit meiner Person durch den Bürger Klaus Fechner ernsthaft bedroht werden. Diesen lernte ich während eines Aufenthaltes in der Strafvollzugsanstalt Bautzen kennen. Zum damaligen Zeitpunkt war mein nervlicher Zustand durch die Umstände der Unterbringung erheblich angegriffen. Fechner nutzte dies aus und erpresste von mir Informationen über eine vor Kriegsende erfolgte Auslagerung von Werten der Dresdner Bank. Ich wollte meine Ruhe haben und gab ihm deshalb bestimmte Hinweise zu diesem Sachverhalt. In dem Zusammenhang sagte ich auch, dass einer der Bankangestellten, die bei der Umlagerung zugegen waren und von dem ich meine Kenntnisse hatte, den Bombenangriff im Februar 1945 als einziger Beteiligter überleben konnte. Jedoch wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts vom Tode des Herrn Schindelhauer im Jahre 1967, damals wohnhaft in Dresden-Lockwitz.

Nach meiner Entlassung suchte mich Fechner wiederholt auf, zuletzt gestern Abend, und setzte mich unter Druck, indem er die Beschuldigung erhob, ich hätte ihm das Ableben des Schindelhauer bewusst verschwiegen, um seine Nachforschungen auf eine falsche Fährte zu lenken. Fechner fordert genaue Angaben dazu, wo das Gold versteckt sei. Andernfalls will er mich umbringen.

Abschließend muss ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass mir kein solches Versteck bekannt wurde. Zu keinem Zeitpunkt nannte Herr Schindelhauer einen genauen Ort.

Gerhard Gottwald

Geschrieben am 04. Juli 1969."

"Das ist wirklich stark", konnte sich der Oberst nicht enthalten einzuwerfen, als Wieland die Verlesung beendet hatte: "Haben sie den Gottwald schon vernommen?"

''Nein, Genosse Oberst. Ich verschaffte mir lediglich eine Übersicht, das heißt, soweit dies möglich war und erwarte ihre Entscheidung."

"Sehr richtig." Auf dem Gesicht des Vorgesetzten spiegelte sich Zufriedenheit wieder: "Diesem Strolch glaube ich kein Wort. Devisenschmuggel. Goldhandel. Vielleicht weiß der genau, wo das Zeug deponiert ist. Die Sache ist es wert, dass ich deshalb zu spät nach Hause komme."

Er warf einen Blick auf seine handtellergroße Schreibtischuhr, die in den Mittelpunkt eines fünfzackigen Sternes aus Messing eingearbeitet war; ein Geschenk der Freunde vom KGB.

Mit einer Handbewegung forderte er seinen Untergebenen auf, den Vortag fortzusetzen. Bulldogge führte weiter aus:

"Außerdem ist hier noch eine interessante Meldung des Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei aus Lockwitz vom 28. Mai vergangenen Jahres."

"Vermutlich in der Nacht zum Sonntag drangen unbekannte Täter in das unbewohnte, verschlossene Haus des verstorbenen Bürgers August, Friedrich, Wilhelm Schindelhauer ein, indem sie das Kellerfenster aufhebelten. Sie erbrachen und durchwühlten sämtliche Behältnisse. Insbesondere sichteten sie vorgefundene Papiere, ohne diese wieder einzuräumen. Eine unter Hinzuziehung der Nachbarn, welche auch das offene Fenster bemerkt hatten, vorgenommene Besichtigung des Tatortes ergab, dass augenscheinlich keine Wertgegenstände entwendet worden waren.

Die gesetzlichen Erben sind über den Vorfall informiert. Seit dem Tode des Besitzers haben sie noch keine Schritte eingeleitet, um das Gebäude, sowie ein dazugehöriges Grundstück zu nutzen oder deren Verbleib zu regeln. Deshalb stelle ich in Anbetracht dieser Umstände der Gemeindeverwaltung anheim, die erforderlichen Maßnahmen anzuordnen. Von einer Anzeige wird auf Grund des geringfügigen Schadens abgesehen.

Gezeichnet:

Heidelberger, Abschnittsbevollmächtigter."

Ohne sich aufzuhalten nahm der Hauptmann das nächste Schriftstück zur Hand: "Des Weiteren liegt seit acht Tagen ein Bericht des informellen Mitarbeiters Grabe vor. Dieser ist Mitglied der Gesellschaft für Sport und Technik und tätig bei der Motorflugausbildungsstätte Pirna Copitz. Bitte, sehen sie selbst."

Er schob das betreffende Papier über die Schreibtischplatte zu seinem Vorgesetzten. Schilling setzte seine Brille auf und begann interessiert zu lesen:

Während der letzten Zeit, etwa seit drei Monaten, machen sich unübersehbare Veränderungen im Verhalten der Flugschülerin Marion Freitag bemerkbar. Bei verschiedenen FDJ-Versammlungen zeigte sie öfters Unaufmerksamkeit und verstieg sich wiederholt zu opportunistischen Äußerungen.

Da das Gesamtverhalten der Betroffenen zuvor von einem klaren Klassenstandpunkt geprägt war und ihre Eltern geachtete Stellungen im Parteiapparat innehaben, musste ich davon ausgehen, dass eine äußere Beeinflussung vorliegt.

Durch gezielte, aber unverbindliche, keinen Verdacht erweckende Fragen, sowie verschiedene Beobachtungen, offenbarte sich mir ein enges Verhältnis zu einem gewissen, vorbestraften Klaus Fechner, Schlosser im VEB Pentagon. Der oben dargelegte Sachverhalt gebietet mir, die Zuverlässigkeit der Kameradin Freitag in Frage zu stellen. Es wird daher eine Überprüfung beantragt, ob genannte Flugschülerin weiterhin am aktiven Ausbildungsprogramm teilnehmen darf. Grabe, IM.

Der Leser hob den Kopf, blickte wohlwollend auf seinen Genossen und stellte fest: "Da haben sie ja ganze Arbeit geleistet."

Bulldogge zündete sich selbstsicher eine weitere Zigarette an: "Sie gestatten doch, Genosse Oberst?''

"Aber gewiss." Schilling schätzte die Qualitäten seines Untergebenen. Ein brauchbarer Mann. Bestimmt hatte er in den letzten beiden Tagen nicht eine einzige Stunde geschlafen: "Wie sind sie eigentlich auf diesen Grabe gekommen?"

"Über die Freundin des Fechner. Sie werden den speziellen Zusammenhang mit der Fliegerei gleich erkennen."

Wieland legte die Zigarette weg und setzte seinen Bericht fort: "Im Bekanntenkreis des Fechner ist mir neben diesem Mädel vom GST-Stützpunkt noch ein Andreas Heim aufgefallen. Strafrechtlich ist der bisher nicht in Erscheinung getreten. Zumindest liegen keine diesbezüglichen Eintragungen vor. Dennoch bin ich mir ziemlich sicher; das war die zweite Person auf der Ruine. Deren Lesekarte in der Landesbibliothek konnte ich ohne sein Wissen heute früh einsehen. Darin sind praktisch alle Bücher verzeichnet, die in irgendeiner Form die Frauenkirche betreffen. In einer kleinen Broschüre fand ich folgenden Bericht:

"Beim Einsturz dieser bautechnisch einmaligen Kirche in jener schrecklichen Bombennacht sind vermutlich eine Anzahl Menschen, die in dem Gotteshaus Schutz vor den Flammen gefunden zu haben glaubten, ums Leben gekommen. Der..."

"Quatsch! Ausgemachter Unsinn", fuhr der Oberst ungehalten dazwischen: "Das Gebäude ist doch erst zwei Tage später zusammengefallen. Durch ein Filmarchiv der SS von unten zum Glühen gebracht worden."

"Sicher, sie haben Recht. Die verbrannten Reste hat man ja gefunden. Aber ich wollte eigentlich auf etwas anderes hinaus. Ich zitiere weiter. Pfarrer Schindelhauer überlebte die Katastrophe, da er zum Zeitpunkt des Luftangriffes bei seinem Bruder in Lockwitz zu Besuch weilte..."

"Schindelhauer?" Rief der Oberst jetzt erregt dazwischen: "Trug nicht auch der Bankmensch diesen Namen."

"Richtig. Deshalb fuhr ich heute Nachmittag, unabhängig von der Stichhaltigkeit der Darstellung des Einsturzes, nach Lockwitz und verhörte den früheren Bürgermeister. Man sollte es kaum glauben, dieser Mensch wusste ebenso wie etliche seiner alten Zechkumpane, dass Schindelhauer ein großes Geheimnis mit ins Grab genommen hatte. Keiner von denen informierte die zuständigen Stellen. Ich verstehe nicht, wieso die verantwortlichen Genossen damals die Ermittlungen eingestellt haben."

Nun stockte der Hauptmann kurz und setzte dann hinzu: "Entschuldigen sie, Genosse Oberst. Ein solches Urteil steht mir wohl kaum zu."

Schilling winkte ab: "Reden sie weiter."

"Mit zwei von den Skatbrüdern sprach ich persönlich. Die übrigen sind ebenso wie der Pfarrer und dessen Bruder, bereits verstorben. Übereinstimmend sagten sie aus der Bruder, ich meine den Bankangestellten, habe wiederholt vor allem in der letzten Zeit vor seinem Tode Äußerungen getätigt wonach, ich zitiere, die roten Schweine so dämlich seien, dass sie selbst dann das Gold nicht finden würden, wenn sie mit ihren Ärschen darauf säßen.''

Jetzt lachte der Oberst lautlos. Allerdings erstarrten seine Gesichtszüge nach wenigen Augenblicken, als sei ihm bewusst geworden, wie sehr der Grund seiner Lustigkeit in selbst betraf.

"Welche Schlussfolgerungen können sie aus den bisherigen Erkenntnissen ziehen, Genosse Wieland?" Fragte er dann ohne Umschweife.

Bulldogge überlegte nicht lange: "Der Transport ins Gebirge war ein Täuschungsmanöver. Das Gold liegt in Wirklichkeit unter der Frauenkirche.

Im Falle des Fechner gehe ich von einer geplanten Flucht aus. Dazu benötigt er diese Fliegerin. Er beabsichtigt, gemeinsam mit dem Heim die Staatsgrenze West auf dem Luftwege zu überwinden. Hier sind weitere Helfershelfer am Werk."

"Ist das nicht ein wenig zu weit gegriffen, Hauptmann?" Stasi-Oberst Schilling versank in Nachdenken, wobei er einen Bleistift zwischen den Fingern hin und her drehte. Wieland schwieg. Sein Vorgesetzter wurde ihm jetzt unsympathisch. Er hätte es nicht begründen können.

Ruckartig hob Schilling jetzt den Kopf. Entschlossenheit prägte seine Gesichtszüge: "Es ergeht folgende Weisung. Bis morgen Nachmittag fertigen sie einen vollständigen Bericht zu diesem Sachverhalt an und übergeben in mir persönlich. Natürlich mit allen, die Angelegenheit betreffenden Unterlagen. Um 14. 00 Uhr erwarte ich sie. Alle weiteren Ermittlungen werden künftig von einer speziellen Arbeitsgruppe geführt. Unter absoluter Geheimhaltung. Ich danke ihnen. Melden sie sich ab."

"Zu Befehl. Genosse Oberst."

Als Bulldogge einige Minuten später wieder im Auto saß, verspürte er eine starke Müdigkeit. Dennoch erfüllte ihn tiefe Befriedigung. Nun war alles in guten Händen. Unter Genossen.

Das kalte Licht leise brummender Leuchtstoffröhren überflutete den großen Lesesaal der sächsischen Landesbibliothek. Es herrschte reger Betrieb.

Abseits, in einer mit Sitzmöbeln ausgestatteten Nische lehnte ein junger Mann an der Seitenwand des Bücherregals. Eine fahle, durch die künstliche Beleuchtung noch verstärkte Blässe überzog dessen Gesicht, soweit es unter dem fülligen Kopfhaar noch zu erkennen war.

Eben ist ihm von einer der hübschen Bibliothekarinnen mitgeteilt worden, ein Beamter der Kripo habe am Vormittag seine Bücherkladde durchgesehen und sogar verschiedene, darin verzeichnete Broschüren überflogen.

"So´n Quatsch", hatte die Kleine gesagt: "Der Typ sah aus wie ne Bulldogge. Aber verrate mich nicht. Der hat mit Strafe gedroht, wenn wir Dir was sagen."

Andy war einige Augenblicke wie gelähmt. Das darf doch nicht wahr sein, dachte er niedergeschmettert. Die Bulldogge! Schon zwanzig Minuten danach stand er vor dem Eingangstor des Kamerawerkes, wo sein Freund beschäftig war und ließ ihn herausrufen.

Andy führte den Jüngeren außerhalb der Hörweite des Pförtners. Dann schimpfte er los: "Was soll das bedeuten? Du gefährdest die ganze Sache. Wir..."

Der Gerügte unterbrach den Sprecher und brachte sein Erlebnis in der Bücherei vor. Dieser Bericht verfehlte seine Wirkung nicht.

Klaus lenkte sofort ein: "Verflucht, damit hatte ich nicht gerechnet. Entschuldige bitte, dass ich dich so angefahren habe, aber ich glaubte, du seiest übermütig geworden."

Am vorangegangenen Tage waren sie gerade erst übereingekommen, aus Sicherheitsgründen nicht mehr gemeinsam in der Öffentlichkeit aufzutreten, während sie mit den Fluchtvorbereitungen beschäftigt sind.

Erwartungsvoll sah Andy den Freund an: "Die Beschreibung trifft genau auf deinen Kripo-Mann zu. Wir müssen was unternehmen."

Der Ältere dachte angestrengt nach.

"Komm", befahl er dann und eilte zum Betriebsparkplatz: "Das Zeug muss sofort aus der Gruft verschwinden. Dazu brauchen wir ein Auto. Ich weiß in der Nähe von Dresden einen zuverlässigen Kumpel. Dessen Bruder besitzt einen Trabbi. Wir beteiligen die beiden an der Sache."

Ohne darauf zu achten, dass er noch immer Arbeitskleidung trug, schob Klaus seine dreifünfer JAWA aus der Reihe. Den heftig gestikulierenden Pförtner, der offensichtlich nicht einverstanden war, schien er gar nicht zu bemerken. Allein das Gold zählte jetzt. Wenig später rasten die beiden Freunde, allen Geschwindigkeitsbegrenzungen zum Trotz, in südlicher Richtung aus der Stadt.

Generalmajor Rolf Markert, Chef der Bezirksverwaltung Dresden des Ministeriums für Staatssicherheit, hielt die Hände auf dem Rücken verschränkt, während er mit langen Schritten im Zimmer auf und ab marschierte. Sein maßgeschneiderter, rippmusterstruckturierter Anzug aus Präsent–20, einem zu Ehren des Jahrestages der DDR entwickelten, nylonartigen Gewebe, verlieh ihm ein elegantes Aussehen.

Mühsam versuchte er seine Wut zu unterdrücken: "Wieso erfahre ich erst jetzt davon? Wollten sie den Robin Hood spielen? ''

Oberst Schilling saß geduckt auf der äußersten Kante des Stuhles und presste seine Lippen fest zusammen. Nur noch einen Augenblick dachte er, dann könnte man wieder vernünftig miteinander reden. Diesmal sollte er sich geirrt haben.

"Genau sieben Tage gebe ich ihnen. Bis dahin liegt das Gold auf meinem Schreibtisch, oder sie gehen in die Produktion. Darauf haben sie mein Wort."

Unter der Last des Goldes würde dein beschissener Schreibtisch zusammenbrechen, dachte der Gemaßregelte beleidigt. Laut sagte er jedoch: "Gestatten sie, dass ich meinen Fehler wieder gutmache, Genosse Generalmajor."

Zurückgekehrt in sein eigenes Dienstzimmer fühlte sich Schilling wieder bedeutend besser. Was hatte er eigentlich falsch gemacht? Von der verspäteten Meldung an den Vorgesetzten abgesehen. Gleich am Tage der Berichterstattung waren von ihm noch zu nächtlicher Stunde alle erforderlichen Maßnahmen eingeleitet worden. Vielleicht hätte man sich doch zuerst die Kirche vornehmen sollen, statt das Archiv der Dienststelle nach Anhaltspunkten zur damaligen Auslagerung durchzusehen?

Auf dem Tisch lag ein Blatt mit dem Datum des vorangegangenen Tages. Das Protokoll der Spurensicherung. Hastig überflog Schilling einige Fragmente:

... den Fußabdrücken der Täter angesammelten Staubpartikel, kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass der illegale Abtransport der Behä1tnisse vor fünf bis sieben Stunden erfolgt sein muss... ...es kann in diesem Zusammenhang...neben dem Grundstück der Ruine sichergestellten Reifenspuren...Trabant 601 ...unter der Vielzahl anderer Reifenabdrücke nicht weiter zu verfolgen..."

Verärgert legte der Oberst den wertlosen Zettel wieder hin. Dann griff er zum Telefon.

Bulldogge empfand keine Schadenfreude. Man brauchte ihn. Eben war er auf Befehl des Generals zum kommissarischen Leiter einer speziellen Arbeitsgruppe berufen worden, deren einzige Aufgabe in der Beschaffung der vermuteten Devisen bestand.

Seinen Plan legte er ohne jede Stockung dem halben Dutzend ihm vorläufig unterstellter Mitarbeiter dar, als habe er schon lange daran gefeilt.

Schilling, der seinen Ärger über die Beleidigung den Leiter der Arbeitsgruppe nicht selbst aussuchen zu dürfen, vor den Mitarbeitern verbarg, unterbrach dessen Ausführungen:

"Expertenschätzungen zufolge sollen allein die Goldbarren etwa zweihundert Kilo wiegen. Dies untermauert die These des Genossen Wieland von uns namentlich noch nicht bekannten Mittätern."

Ein jüngerer Kollege, der sich bisher zurückgehalten hatte, ergriff nun das Wort: "Demzufolge besteht die Wahrscheinlichkeit einer kollektiven Flucht mit dem Flugzeug der GST. Deshalb schlage ich vor, in erster Linie diese Flugschülerin zu überwachen."

"Gewiss", stimmte Wieland zu: "Das sollte man im Auge behalten. Aber ich bin der Ansicht, übertriebene Beobachtung würden die Betreffenden früher oder später bemerken. Unter keinen Umständen darf das geschehen. Wir wollen uns deshalb auf solche Maßnahmen beschränken, die bereits vom General bestätigt sind. Erstens muss umgehend ermittelt werden, welche Personen die vermutete Gruppe umfasst. Wichtig ist hierbei die besonders gründliche Durchsicht der Haftunterlagen des Fechner. Dort könnte er seine Kumpane kennengelernt haben. Zweitens erhält die Fliegerin generelles Startverbot. Natürlich müssen wir dafür einen glaubwürdigen Vorwand finden. Gleichzeitig und darin sehe ich den wichtigsten Punkt, ist eine unauffällige, aber lückenlose Observierung des Hangars in Pirna einzuleiten. Genossen, ich möchte im Auftrag des Leiters ausdrücklich betonen, dass es hierbei in erster Linie um die Devisen geht. Vergessen sie das bitte nicht."

Schluchzend saß Marion auf der Kante des Bettes. Am Vormittag hatte man ihr vorläufiges Flugverbot erteilt, weil die Ärzte auf Grund einer zurückliegenden Röntgenuntersuchung TBC-Verdacht hegten. Damit dürfte die Fliegerei für sie erledigt sein. Mit einem Taschentuch wischte sie die Tränen ab, die über ihr hübsches Gesicht rannen.

Klaus ahnte, dass in Wahrheit etwas anderes dahintersteckte.

Deshalb war ab sofort äußerste Vorsicht geboten.

Beruhigend streichelte er das kurze Haar seiner Freundin. Ihm ist gerade ein Gedanke gekommen. Ursprünglich hatte er vorgehabt, mit einem Laster die Grenzbefestigungen zu durchbrechen. Das Gelingen einer solchen Unternehmung erschien allerdings zweifelhaft, zumal die Bullen ihnen offenbar auf der Fährte waren. Wenn sie es nun auf dem Luftwege versuchen würden? Wer sollte sie dabei aufhalten können?

Klaus blickte er seiner Freundin tief in die Augen und wollte wissen: "Hast du mich noch ganz lieb, Marion?"

"Aber das weißt du doch. Warum fragst do so was?''

Einen kurzen Moment verharrte der Freund in Unschlüssigkeit, weil er sich irgendwie schäbig vorkam, dann überwand er sich: "Ich gehe fort von hier und werde nie mehr zurückkommen." Erschrocken hob das Mädel seinen Kopf und schaute ihn mit großen, vom Weinen geröteten Augen an: "Nimm mich mit", bat es mit leiser Stimme: "Egal wohin. Ich werd alles für dich tun."

Das wollte Klaus hören. Aber er würde die Freundin erst unmittelbar vor der Flucht einweihen.

Der Fahrer des Ikarus-Busses nahm den Fuß vom Gaspedal. Die schwarzen Rußwolken schienen förmlich vom Auspuff des Heckmotors abzureißen.

Im Spiegel konnte er sehen, wie ein junger Mann aus dem Fahrzeug stieg. Graupa stand am Haltestellenschild, obgleich die nächsten Häuser noch gut hundert Meter entfernt waren. Zielgerichtet verließ der Bursche die Landstraße und strebte mit zügigen Schritten dem nahen Waldrand zu. Nachdem er eine Viertelstunde gelaufen war, änderte er plötzlich die Richtung und schlich in gebückter Haltung langsam, vorsichtig nach allen Seiten sichernd, an ein kiesgrubenartiges Gelände heran, das von Polizei und Kampfgruppe als Schießstand genutzt wurde. Unmittelbar daran grenzte der GST-Flugplatz Pirna/Copitz.

Inzwischen begann die Dämmerung hereinzubrechen.

Mit äußerster Aufmerksamkeit in der Gegend umherspähend, war Andy bis an den Rand der Grube gelangt. Von der aufgeschütteten Erhöhung, die ein unkontrolliertes Austreten von Geschossen verhindern sollte, konnte er den Hangar und einen Teil des Flugfeldes übersehen.

Nur wenige Meter von dem Beobachter entfernt parkten versteckt zwei Autos vom Typ Wolga. Mehrere Männer saßen darin. Andy duckte sich zwischen flaches Gesträuch. Einige Zeit darauf ertönte das anschwellende Geräusch eines hochtourigen Motors. Über das offene Gelände der Startbahn näherte sich schnell ein Motorrad. Langsamer werdend rollte die Maschine dann über den menschenleeren Platz.

Lautlos schwärmten die Insassen der beiden PKW aus, ohne ihre Deckung aufzugeben. Auch dann griffen sie nicht ein, als der Zweiradfahrer abstieg und die Schiebetür eines scheinbar unbewachten Hangars eingehend untersuchte.

Gleich nachdem er unbehelligt davongefahren war, zog Andy sich zurück. Verwundert dachte er auf dem Weg zur Straße, wo ihn Klaus später abholen würde, an die Nummernschilder der beiden Wagen. Sie trugen Berliner Kennzeichen.

Der Hauptmann war ganz in seinem Element. Vor ein paar Minuten ist ein Funkspruch in der Zentrale eingegangen, der die Richtigkeit seiner Schlussfolgerungen glänzend bestätigte. Fechner hatte den Flugplatz inspiziert und diesen unbewacht vorgefunden. Er würde in die gestellte Falle tappen:

"Ich denke, wir sollten die Personenüberwachung sowie alle anderen diesbezüglichen Ermittlungen vorläufig einstellen, um auszuschließen, dass die Betroffenen noch durch einen Zufall gewarnt werden."

Wieland genoss die Rolle als Leiter dieser Aktion: "Sämtliche verfügbaren Einsatzkräfte sind unverzüglich um das Flugfeld zu konzentrieren. Keine Maus darf das Gelände ohne unsere Zustimmung verlassen können."

Stirnrunzelnd nahm Oberst Schilling das Wort: "Damit dürfte ein ziemlicher Aufwand verbunden sein. Woher wollen sie wissen, dass die Flucht in absehbarer Zeit erfolgt?"

"Innerhalb von achtundvierzig Stunden können sie sich hier in der Dienststelle mit den Burschen beschäftigen. Das verspreche ich ihnen."

Zufrieden rieb Hauptmann Wieland sich die Hände.

"Bist du völlig sicher?" Klaus war erregt aufgesprungen. "Du kannst mir ruhig glauben. Es waren Berliner Kennzeichen. Erster Buchstabe ein großes I. Hauptstadtbezirk. Was ist schon dabei? Die haben welche von der Kripo hergeholt. Ist doch schließlich zu erwarten gewesen, dass die Preußen sich da reinhängen. Bei der Summe. Ansonsten läuft ja alles wie geplant. Sollen sie am Hangar warten bis zum jüngsten Tag." Andy lachte laut auf.

"Jetzt will ich dir mal was sagen." Klaus hatte ihn mit hartem Griff an der Schulter gepackt: "So lustig ist das gar nicht. Seit wann fährt die Kripo mit Wolgas rum? Weißt du, wer das wirklich war? "

Der andere lachte nicht mehr. Erschrocken fragte er: "Staatssicherheit?"

Sein Freund nickte wortlos mit dem Kopf. Nach einer Weile sprach er nachdenklich: "Eigentlich hast du Recht. Uns kann das vollkommen egal sein. Die sind genauso reingefallen. Bisher ist alles nach unserer Vorstellung gelaufen. Mit Sicherheit glauben sie jetzt, wir würden in Pirna ein Flugzeug klauen."

Es war die Idee des Älteren gewesen, auf dem Flugplatz vorzutäuschen, er wolle die Lage auskundschaften. Besonders wohl ist ihm dabei allerdings nicht gewesen. Nun durften sie aber mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Bullen oder die Stasi erst eingreifen würden, wenn sie sich gleichzeitig in den Besitz des Goldes bringen konnten. Glücklicherweise war es ihnen vor einigen Tagen gerade noch rechtzeitig gelungen, die Kisten aus den Katakomben zu bergen: "Übermorgen wird alles so durchgeführt, wie es abgesprochen ist. An diesen ersten Mai sollen die Herren vom MfS noch eine Weile denken."

1. Mai 1970. Pirna/Copitz. GST-Flugplatz.

Der Mann im Cockpit des Schleppflugzeuges hatte es sich nicht nehmen lassen, persönlich am Tatort zu erscheinen. Die Festnahme wollte er eigenhändig vornehmen. Vor ihm im Halbdunkel schimmerten grünlich die Instrumente des Doppeldeckers. Obwohl sie ausgeschaltet waren, konnte er die Leuchtzeiger des Chronometers deutlich erkennen. Sie standen auf halb sechs.

Die feuchte Kühle der Morgendämmerung schien Bulldogge nicht zu spüren. Noch vor Beginn des offiziellen Flugbetriebes würde die ganze Bande hier erscheinen. Mit dem Gold. Dann schnappte die sorgfältig aufgebaute Falle endgültig zu. Jeder mögliche Fluchtweg war mit zuverlässigen Spezialisten besetzt.

Heute war der einzige Tag im Jahr, an dem ein illegales Flugobjekt größere Entfernungen unbehelligt zurücklegen konnte, sofern es in geringer Höhe und außerhalb militärischer Sicherheitszonen flog. Immerhin feierte man den Kampftag der Werktätigen, wo an verschiedenen Orten Flugveranstaltungen stattfinden sollten. Eine lückenlose Kontrolle des Luftraumes war dadurch kaum möglich. Deshalb durfte Wieland so fest davon überzeugt sein, dass dieser geplante Flug, mit dem sich die Verbrecher ins Ausland absetzen wollten, für heute vorgesehen war.

Er sollte Recht behalten. Was ihm jedoch nicht bekannt war, zumindest zu dem Zeitpunkt als er erwartungsvoll im Sessel des Piloten saß, geschah an einem anderen, knapp 60 Kilometer entfernten Ort.

Noch war das dunkle Schwarz der Nacht vom Blau des Morgens nicht vollständig verdrängt.

Schemenhaft zeichneten sich im Licht der Quecksilberdampflampen die Umrisse zweier Flugzeuge ab. Während die kleinere Maschine wie ein riesiges Insekt an den Boden sich duckte, hätte man die andere mit ein wenig Phantasie für ein im Stehen schlafendes Ungeheuer halten können.

Die beiden Gestalten, die lautlos durch spärlich gewachsenes, zu dieser Jahreszeit noch blattarme Gesträuch robbten, sorgsam darauf bedacht, außerhalb der beleuchteten Fläche im Schatten zu bleiben, pressten sich jedes Mal bewegungslos an die Erde, wenn sie vom Scheinwerferkegel eines vorüber fahrenden Autos erfasst wurden. Auf diese Art gelangten sie schließlich unbemerkt an das flache Gebäude der Flugleitung, das unmittelbar neben dem Stacheldrahtverhau des Abstellplatzes stand.

Nachdem sie einige Augenblick gewartet hatten, schleuderte die größere Person ein dünnes Seil, dessen Ende mit einem Gewicht versehen war, über die Drahtleitung, die vom Haus zu einem am Straßenrand aufragenden Telegrafenmasten führte. Dann fassten beide gemeinsam die Enden des Strickes und rissen gleichzeitig mit einem kurzen Ruck daran.

Der Wächter des Agrarflugplatzes besaß keine Verbindung mit der Außenwelt mehr.

Gerade wollten dem alten Mann trotz mehrerer Tassen starken Kaffes die Augen zufallen, da vernahm er am Eingang der Wachbude ein leises Kratzen, als würde ein Tier seine Krallen schärfen. Sicher ein Kätzchen dachte er schlaftrunken, überwand aber seine Müdigkeit und stand auf. Natürlich konnte er die Gestalt nicht sehen, die neben der Hauswand am Boden hockte und mit den Fingernägeln das beschriebene Geräusch erzeugte.

Auf der anderen Seite der Tür wartete eine weitere Person mit der selbstgefertigten Attrappe eines fünfundvierziger Colts, den man unter schlechten Lichtverhältnissen durchaus für echt halten konnte.

Nun ging alles sehr schnell. Als der Wachmann, der sich zum Öffnen der Eingangstür verleiten lassen hatte, wieder klar denken konnte, war er am Stuhl festgebunden. Jetzt musste er durch die Nase atmen, weil in seinem Mund ein Knebel steckte. Zu den zwei anwesenden jungen Männern gesellte sich ein stupsnasiges Mädchen von etwa achtzehn Jahren. Offenbar tat ihm der alte Wachmann leid.

"Könnt ihr nicht den Lappen aus seinem Mund nehmen?" Fragend schaute es die anderen an.

"Unsinn", antwortete der Eine ungehalten." Wir dürfen kein Risiko eingehen."

Wenig später öffneten die Räuber das zweigeteilte Schiebetor aus maschendrahtbespanntem Stahlrohrrahmen.

Zögernd wichen die milchig weißen Nebelschwaden den noch kalten Strahlen der aufgehenden Sonne. Aus den Dunstschleiern tauchten die Türme des blauen Wunders auf, das die Altstadt mit jenem Viertel verband, von dem aus ein englischer Spion im Februar 1945 die Bomber ins Ziel geleitet haben soll. Noch viel näher konnte man den Gebäudekomplex der Bezirksdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit erkennen.

Nur das träge fließende Wasser der Elbe, dessen Gehalt an giftigen Chemikalien bösen Zungen zufolge jedem Fotografen ausreichen würden, seine Filme darin zu entwickeln, trennte die beiden Freunde von diesem, mit einem Wald verschiedenartiger Antennen ausgerüsteten Objekt.

Andy saß ungeduldig auf einem der gut erhaltenen Behälter, die sie gerade auf die Uferwiese geschleppt hatten. Angewidert verzog er das Gesicht. Von den Blechkisten ging ein ekelhafter Geruch aus. Immerhin waren sie bereits mehrere Tage in einem modrigen Abwasserkanal, dessen Öffnung vom Ufer her nicht zu sehen war, versteckt gewesen.

"Eigentlich müssten sie bald eintreffen, wenn alles richtig gelaufen ist", sagte Klaus, ohne eine Antwort zu erwarten.

Marion hatte die Überprüfung des Flugzeuges abgeschlossen. Mit gemischten Gefühlen beobachteten die beiden Männer das zierliche Mädel: "Wirst du das auch schaffen? Es ist noch nicht mal vollkommen hell."

"Lasst mich in Ruhe." Die Pilotin nahm keine weitere Notiz von ihren Begleitern.

Falls noch jemand etwas gesagt hätte, würde sie das ohnehin nicht verstanden haben, denn das Stottern des angelassenen Motors ging unvermittelt in gleichmäßiges, lautstarkes Brummen über. Noch einmal überschaute Marion die wichtigsten Instrumente. Öldruck, Temperatur, Ladedruck. Sämtliche Parameter stimmten. Entschlossen schob sie den Leistungshebel nach vorn. Sogleich verwandelte sich das Brummen in ohrenbetäubendes Dröhnen. Das Mädel löste die Bremsen.

Holpernd rollte der Doppeldecker gegen den Wind.

Sanft fuhr eine schwache Brise in die Kronen der beiden alten Pappeln, die in Höhe der vorgesehenen Landestelle hoch aufragten. Sie sollten als Orientierungspunkt für die anfliegende Maschine dienen.

Ein entferntes Geräusch ließ die Freunde aufhorchen. Es schwoll stetig an. Schnell wuchs der winzige Punkt, den sie bald darauf ausmachen konnten, zu einem Flugzeug russischer Bauart heran, das sich gleich darauf im Talkessel des Flusses zur Landung anschickte. Erleichtert atmete Klaus auf. Ihm waren schon Bedenken gekommen, ob es richtig gewesen ist, die Entführung der AN-2 den Kumpels zu überlassen.

Ohne einen einzigen Hüpfer setzte der Apparat auf und rollte sofort auf die winkenden Gestalten zu.

Marion war glücklich. Ihr war es gelungen, den Treffpunkt auf Anhieb zu finden und die Maschine sicher herunterzubringen. Mit geringer Drehzahl ließ sie den Motor weiterlaufen.

Kraftlos schnitten die Blätter der Luftschraube in den Wind. Ihr Winkel war jetzt so eingestellt, dass sie keine Schubkraft erzeugten. In wenigen Minuten verstauten die Gefährten ihre kostbare Last im Rumpf. Die Pilotin beobachtete unterdessen durch das Plexiglas der Kanzel die Umgebung. Aber keine Menschenseele ließ sich um diese Zeit am Elbufer sehen.

"Fertig!" Klaus hatte die Seitentür eingerastet und lief nach vorn in die enge Kabine zu seiner Freundin. Zärtlich strich er über ihre Haare.

"Hör auf. Schnallt Dich lieber an", befahl sie streng und konzentrierte sich auf den Start. Dann gab sie Vollgas.

Immer schneller bewegte sich das Flugzeug über die Wiese. Mit sicherem Gefühl drückte Marion die Steuersäule zunächst von sich weg, so dass der Doppeldecker sein Leitwerk hob und so bei vermindertem Luftwiderstand noch größere Geschwindigkeit erlangen konnte. Schon nach hundertfünfzig Metern hatte er genügend Fahrt. Nun zog sie die Steuersäule wieder zu sich heran. Gleich darauf setzten die Erschütterungen aus.

Nach einer leichten Rechtskurve huschte 30 Sekunden später die Stahlkonstruktion des blauen Wunders unter ihnen hindurch. Ruhig zwang das Mädchen die Flugmaschine auf den vorgesehenen Kurs. Gewiss konnte es nicht ahnen, dass dies der letzte Start in seinem kurzen Leben gewesen sein sollte.

Hubert N., Traktorist in der LPG Lenz und Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands schob fluchend sein Moped auf den Hof. Knatternd und mit heftiger Qualmwolke sprang der Motor nach dem dritten Versuch an. Für ihn war heute kein Feiertag, denn er hatte vom Parteisekretär die Weisung erhalten, als Organisator an dem Umzug in der nahen Kreisstadt mitzuwirken. Daher kam seine schlechte Laune. Natürlich konnte er nicht wissen, welch bedeutsame Auswirkung sein heutiger Einsatz auf die Schicksale einiger Personen haben sollte.

In der Kurve am Flugstützpunkt wurde er stutzig. Irgendwas stimmt da nicht, signalisierte sein im Klassenkampf gestähltes Hirn. Richtig, es fehlte ein Flugzeug! Um diese Zeit? Plötzlich fiel ihm wieder ein, dass er sich schon vor einer knappen halben Stunde über starkes Motorengedröhn gewundert hatte, das um diese Zeit eigentlich gar nicht sein durfte. Neugierig geworden lenkte er sein Fahrzeug zum Gebäude der Flugleitung.

Mühelos durchdrangen unsichtbare Dezimeterwellen die grauen Wände des Hangars und erzeugten im Sprechfunkgerät westlicher Herkunft deutlich wahrnehmbare Laute: "Bitte sofort zum Fahrzeug. Der General möchte sie sprechen."

Widerstrebend schaltete Bulldogge das Gerät ab und kletterte ächzend aus der Kabine. Ausgerechnet jetzt, dachte er verärgert. Jeden Augenblick müsste die Bande auftauchen. War der Chef durchgedreht? Die ganze Aktion konnte scheitern.

Missmutig nahm er dann den Telefonhörer entgegen, den ihm der Fahrer des einen Wolga reichte und meldete: "Einsatzgruppe Habicht, Wieland."

"Brechen sie die Aktion unverzüglich ab." Gefährlich ruhig und leise klang die Stimme aus der Muschel.

"Aber Genosse General, was soll...? "

"Was das soll?" Schnitt ihm der Anrufer das Wort ab: "Das wollte ich sie gerade fragen. Führen sie Befehl sofort aus!"

Ein Knacken verkündete das Ende des kurzen Gespräches. Unglaublich! Was bedeutete das? Wieland stand verwirrt neben dem Fahrzeug. Über Sammelfunk ordnete er dann das Ende der Überwachung an.

Rolf Markert, mit seinem richtigen Namen eigentlich Helmut Thielmann, frisch ernannter Generalmajor des MfS, hielt sich trotz der zeitigen Stunde bereits in der Einsatzzentrale seiner Dienststelle auf.

Im landwirtschaftlichen Flugstützpunkt Lenz, dreißig Kilometer von Dresden entfernt, war am frühen Morgen ein Flugzeug vom Typ AN-2 gestohlen worden. Nach übereinstimmenden Angaben des Wächters, sowie eines Bauern, Parteimitglied, der auch die Polizei informiert hatte, ist der illegale Start der Maschine gegen 5. 20 Uhr erfolgt. Seitdem sind genau fünfundvierzig Minuten vergangen.

Der Stasi Bezirksbehördenchef überlegte angestrengt. Unter Berücksichtigung von maximaler Fluggeschwindigkeit und Wegstrecke konnten die Täter bereits über dem Randgebiet von Berlin sein. Bei ihnen handelte es sich ohne Zweifel um die Gruppe Fechner. Davon war der General überzeugt. Bestand überhaupt noch eine Chance, die Sache auszubügeln?

Böhm gab sich keiner Illusion hin. Ausgerechnet in seinem Verantwortungsbereich musste diese Schweinerei passieren. Das würde Konsequenzen haben. Mit zusammengebissenen Zähnen griff er zum Telefon. Nach einigem Zögern nahm er dann kurz entschlossen den Hörer ab: "Verbinden sie mich mit dem Genossen Minister. Dringend!"

In diesem Augenblick trat ein Untergebener in den Raum und überreichte dem Chef die Abschrift eines Fernschreibens. Dieser las das Papier, ohne den Telefonhörer aus der Hand zu legen. Dann blickte er auf seine Armbanduhr. Im gleichen Moment klang eine Stimme aus der Hörmuschel:

"Der Genosse Minister ist vor acht Uhr nicht zu erreichen."

"Danke", antwortete der General erleichtert und war froh darüber, denn die soeben erhaltene Meldung ließ ihn neue Hoffnung schöpfen.

Aus bisher unbekannten Gründen hatte das Flugobjekt noch nicht wie befürchtet, die Außenbezirke der Hauptstadt überflogen, sondern war vom Rundsichtradar einer sowjetischen Militärbasis erfasst worden, die zirka neunzig Kilometer vor dem vermeintlichen Ziel der Bande lag.

Markert drückte die Taste der internen Sprechanlage: "Stellen sie sofort eine Direktverbindung zur Gruppe Luftverteidigung her. Höchste Priorität."

Unangenehm schrill tönte die Alarmklingel durch den Schlafraum. Major Kernbach war sofort hellwach und sprang aus dem Bett. Zügig, aber ohne besondere Hast zwängte er sich kurz darauf mit Hilfe seines Stubenkameraden in die Fliegerkombination. Jeder Handgriff war vielfach geübt worden.

Wenige Minuten später stand der Flugzeugführer vor seinem Kommandanten. Sein Herz pumpte nicht schneller als üblich. "Dies ist keine Übung." Ernst sah ihm der Vorgesetzte ins Gesicht: "Sie werden einen Luftraumverletzter stellen und eliminieren. Alle notwendigen Daten erhalten sie über Funk.''

Jubelnd zeigte Andy mit ausgestrecktem Arm auf einen winzigen, senkrechten Strich an Horizont. Als Erster hatte er den Fernsehturm entdeckt: "Wir haben es geschafft."

Außer Marion, die mit voller Konzentration den Doppeldecker knapp über die Baumwipfel steuerte, schrien vor Freude alle durcheinander, obwohl man bei dem Motorenlärm kaum ein Wort verstehen konnte.

Gleichsam wie eine riesige Libelle übersprang das Flugzeug jede Bodenunebenheit. Marion musste aufpassen, denn hin und wieder kreuzten Hochspannungsleitungen ihre Flugbahn.

Jeder Zweifel am fliegerischen Können der Pilotin war inzwischen vollständig ausgeräumt, angesichts dieser traumhaften Sicherheit, mit der das unscheinbare Mädel die Steuersäule handhabte.

Seit Alarmauslösung sind gerade mal zehn Minuten vergangen. Die Maschine stand mit angezogenen Bremsen, aber bereits laufenden Triebwerk in Startposition, als in den Hörmuscheln des Fliegerhelms ein Befehl in russischer Sprache ertönte. Der Pilot durfte das Flugzeug starten.

Das dumpfe Heulen der Turbine ging in höhere Tonlagen über. Mit ohrenbetäubendem Donnern jagte ein glühend heißer Gasstrahl aus dem Heck der Mig-21 und trieb den Apparat mit enormer Gewalt über die Betonplatten der Rollbahn.

Gleich nach dem Abheben verschwanden die Räder des Fahrwerkes im Rumpf. Mühelos strebte der deltaförmige Silbervogel den Wolken zu.

Andy stand im engen Gang hinter den Pilotensitzen, beugte sich zu Klaus hinüber und brüllte in dessen Ohr: "Was sind wir doch für Dummköpfe. Nun haben wir etliches verloren."

Damit meinte er einen Teil des Goldes und der Brillanten, den sie ohne Wissen der beiden anderen Kumpel in ein zweites Versteck umgelagert hatten für den Fall, dass etwas schiefgegangen wäre.

"Egal", rief Klaus zurück: "Es ist auch so viel mehr, als wir jemals verbrauchen können."

Inzwischen war der Fernsehturm beträchtlich gewachsen. Nur wenige Minuten noch und sie würden über den ersten Häusern von Berlin angelangt sein. Niemand an Bord zweifelte daran.

Ohne die Hilfe der Leitstelle könnte der Pilot das Ziel nicht gefunden haben. Auf seinem Radarschirm ist es aus größerer Entfernung nicht sichtbar gewesen. Es flog zu tief. Optisch war es auch kaum auszumachen, zumal es sein graugrüner Anstrich fast mit der Oberfläche des Waldes verschmelzen ließ. Dennoch hatte er den Luftraumverletzer gestellt. Er befand sich im Bugradar.

Schon kurz darauf gewahrte Major Kernbach den tieffliegenden Klassenfeind vor sich, reduzierte die Schubleistung und leitet einen Sinkflug ein. Dann entsicherte er seine Bewaffnung. Wie bei einem gewöhnlichen Übungsschießen betätigte er den Auslöser. Zwei kleinere, nur wenige Zentimeter starke, infrarot-gesteuerte Raketen zischten, mit Feuerschweifen ihre Bahnen markierend, unter den Tragflächen hervor.

Der Pilot zog den Steuerknüppel zu sich heran und gab vollen Schub. Die MIG schoss steil nach oben. Enorme Fliehkräfte pressten ihn in seinen Sitz. Er konnte nicht mehr wahrnehmen, wie eines der beiden Verderb bringenden Raketengeschosse sich hinter dem Klassenfeind in den Wald bohrte. Das andere zerfetzte dessen Leitwerk.

Ein Zittern durchlief den Rumpf des Flugzeuges. Fast im gleichen Augenblick bäumte es sich auf. Geistesgegenwärtig nahm die Pilotin den Leistungshebel zurück. Damit rettete sie wahrscheinlich das Leben ihrer Kameraden.

Auf die Bewegungen der Steuersäule reagierte die Maschine nicht mehr. Vergeblich versuchte die Kleine mit Hilfe der an den Tragflächen angebrachten Querruder den Koloss im Gleichgewicht zu halten.

Durch den Auftriebsverlust des zerstörten Heckflügels sackte das hintere Teil der Flugmaschine nach unten und streifte die Wipfel junger Kiefern, die auf einer weiten Fläche aufgeforstet waren. Sofort schaltete das Mädel die Zündung aus. Fast gleichzeitig tauchte der Rumpf in die Pflanzung ein. Die vor Schreck sprachlosen Insassen des Doppeldeckers wurden von Trägheitskräften nach vorn gerissen.

Zum Glück dämpften kleine, noch biegsame Nadelbäume die Bruchlandung erheblich. Der Apparat schlitterte förmlich über den natürlichen Pflanzenteppich. Am Ende der Schonung schlug er krachend eine Breche in den Wald. Unsichtbare Gewalten schleuderten das Wrack herum. Ein massiver Holzstamm durchdrang auf der Pilotenseite das Plexiglas der Kanzel. Dem Mädchen am Steuer der Antonov bleib keine Zeit mehr, darauf zu reagieren. Sein Schicksal hatte sich erfüllt.

Die Gesichtszüge des mächtigen Mannes entspannten sich. Soeben war die Meldung eingegangen, dass die Flucht endgültig vereitelt worden war, wenn man auch keine ordnungsgemäße Landung habe erzwingen können. Ob und inwieweit die Maschine, sowie deren Insassen beschädigt, beziehungsweise verletzt waren, stehe gegenwärtig noch aus. Einsatzkräfte befänden sich auf dem Wege zur Absturzstelle. Man werde alles veranlassen, um die Sache geheim zu halten. Weitere Maßnahmen oblägen den Berliner Genossen, in deren Gebiet sich die Trümmer befänden.

Im Großen, Ganzen kann ich mit dem Stand der Dinge zufrieden sein, dachte der General. Nicht auszudenken, welcher Ärger auf ihn zugekommen wäre, würden die Strolche Westberlin erreicht haben. Wie konnte bloß der Hauptmann, einer seiner fähigsten Genossen, sich derart übertölpeln lassen? Na, mit dem werde ich ein hartes Wörtchen reden müssen. Auch Schilling soll seinen Teil abbekommen.

Missmutig griff Markert zum Telefon: "Veranlassen sie die unverzügliche Vorführung des Genossen Wieland, sobald er eingetroffen ist."

Durch die zerstörte Frontscheibe waren sie ins Freie gelangt. Gerade noch rechtzeitig, denn schon kurz nach Verlassen des Flugzeuges erschütterten mehrere Explosionen die Umgebung.

Schwarzer Qualm wälzte sich über den Brandherd, als die Flüchtlinge, bis auf einige Schrammen unverletzt, benommen durch den Wald stapften. Klaus wurde von seinen Kameraden mehr getragen, als dass er selber lief. Er war wie von Sinnen. "Marion", sprach er immer wieder vor sich hin, dabei fassungslos den Kopf schüttelnd: "Marion."

Tränen rannen über sein rußgeschwärztes Gesicht. Nein, das konnte er einfach nicht begreifen. Sein Mädel war tot und er trug die Schuld daran. Keiner der anderen sagte ein Wort. Niemand wusste, was nun werden sollte.

Trotz des unbeständigen Wetters, das seit dem frühen Vormittag mit Regenschauern aufwartete nahm der 1. Mai, hierzulande als Kampftag aller Werktätigen gefeiert, seinen üblichen Verlauf. Endlose Marschkolonnen zogen durch die Straßen der Städte, begleitet von Musikcorps verschiedener Organisationen. Was machte es da schon aus, wenn der Eine oder andere versuchte, sich vor dem Umzug zu drücken, sorgsam darauf bedacht die Entdeckung seines staatsfeindlichen Verhaltens zu vermeiden. Andernfalls hätte man ihm zumindest das gesetzliche Feiertagsgeld vom Lohn abgezogen. Ganz zu schweigen von der Predigt, die ihm irgendein verantwortlicher Funktionär im Betrieb gehalten haben würde. Man besaß schließlich Familie und wollte nicht als Klassenfeind abgestempelt werden.

Jener Vorfall, der sich in den Morgenstunden über einem ausgedehnten Waldgebiet südlich Berlins abgespielt hatte, wurde nur wenigen bekannt. Spezialeinheiten der Volksarmee war es gelungen, begünstigt durch die Witterungsverhältnisse, eine Ausbreitung des Brandes zu verhindern. Sorgfältig wurde das Gelände von Sicherungskräften der Polizei abgeriegelt.

Genauere Untersuchungen des ausgebrannten Wracks oblagen einer Sonderkommission des Ministeriums für Staatssicherheit.

In der Mitte des Raumes befand sich ein langer Konferenztisch aus massivem Eichenholz. Beiderseits davon saßen auf lederbezogenen Stühlen ein Dutzend Männer unterschiedlichen Alters. An der Stirnseite thronte hinter einem quergestellten, direkt an den Tisch anschließenden Schreibsekretär, der Chef dieser Dienststelle.

Mehrere in weichen Tönen gehaltene Leuchtstofflampen ließen das Gesicht des Herrn Schilling, der sich unter den übrigen Anwesenden nicht gerade wohl fühlte, älter erscheinen, als es in Wirklichkeit war. Vielleicht trug der Umstand daran schuld, dass er eben gerügt worden war.

Es tröstete ihn dabei nur wenig, nicht der Einzige gewesen zu sein, den der Zorn hoher Vorgesetzter getroffen hatte. Immerhin war es sein Rat gewesen, die beiden Verbrecher nach der Aktion auf dem Pirnaer Flugfeld zu verhaften. Dann würde dem MfS ein solches Missgeschick kaum widerfahren sein. Aber Bulldogge hatte sich seinem Plan durchgesetzt, sie auf frischer Tat zu erwischen. Die Stimme des Generals riss ihn aus seinen Gedanken:

"Meine Herren, ich möchte es noch einmal in aller Deutlichkeit aussprechen. Weitere Schlappen dürfen wir uns keinesfalls leisten."

Markert hielt einen Augenblick inne und musterte einzelne, vor ihm sitzende Mitarbeiter:

"Der Schaden ist bereits groß genug. Eine genaue Expertise liegt zwar noch nicht vor, jedoch ist die völlige Vernichtung von Wertpapieren und der Verlust etlicher Schmuckstücke sehr wahrscheinlich, denn das Wrack brannte total aus. Nun gilt es vor allem, die Angelegenheit ungeschehen zu machen. Prägen sie sich deshalb Folgendes ein. Niemand hat Gold gefunden! Und wollte nach dem Westen flüchten. Ein Unfall verursachte den Tod der Flugschülerin. Fechner und Heim werden lediglich wegen dem Überfall in Lenz belangt. Alles andere sind Gerüchte, denen wir mit Entschiedenheit entgegentreten müssen. Sicher verrate ich ihnen nichts Neues, wenn ich sage, es sollen noch in diesem Jahr Gespräche mit BRD-Politikern stattfinden. Auf höchster Ebene. Bis dahin können wir keinerlei Sensationsberichte gebrauchen."

Nach diesen Worten war Markert aufgestanden und an das eine der beiden Fenster getreten.

Schräg unterhalb davon befanden sich die Kammern, in denen politische Häftlinge ihre tägliche halbe Stunde im Freien zubringen durften. Er konnte die Delinquenten aber nicht sehen, weil über deren Betonkäfigen ein Dach aus gewelltem, gelblichem Kunststoff angebracht war. Bald würden auch die Schätzgräber darin verweilen. Der General lächelte. Dann hob er die Beratung auf.

Fast zu gleicher Stunde fand an anderer Stelle noch eine zweite Zusammenkunft statt. Allerdings mussten sich deren Teilnehmer mit weniger Komfort zufriedengeben. Feiner, seit geraumer Zeit nicht nachlassender Nieselregen durchnässte sie bis auf die Haut. Vergeblich suchten sie unter der von Russen gebauten Überdachung eines alten Unterstandes Schutz, denn der Wind trieb die nasskalten Schwaden erbarmungslos durch den beiderseitig offenen Raum.