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Marie hat eine schwere Kindheit. Nachdem ihre Mutter stirbt, lebt sie bei ihren Großeltern und wird zum typischen "Absturzkind". Unter falschen Freunden geht sie unter. Ihre letzte Chance ist ein Internat in England. Als sie diese verspielt, kommt Maries Vater ins Spiel. Ein Mensch den sie nicht kennt. Aber das ist erst die Spitze des Eisbergs. Wenn du zerbrichst, bleiben nur Scherben und du kannst nur hoffen, dass jemand kommt und sie aufhebt.
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Franziska Wild
Wenn du zerbrichst
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Wenn du zerbrichst, bleiben nur Scherben!
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Impressum neobooks
Es war als ich klein war, dass Walter mich und meine Mutter verließ. Ich war vier oder so. Er hat damals gesagt, er würde mich morgen anrufen.
Walter, war nie mein Papa gewesen. Ich hatte dieses Wort auch nicht in meinem täglichen Sprachgebrauch gespeichert. Er war Walter gewesen. Schon immer. Als er ging, nein sogar noch davor, habe ich immer Walter zu ihm gesagt.
Ich weiß nicht wirklich sicher, ob dieser Typ mein “Dad” ist, aber meine Mama behauptet es.
Allerdings könnte es auch der (jetzt Ex-) Poolboy meiner Oma sein, oder der Postbote von damals, oder Mamas Freund aus der Realschule Boris. Tja aber sie sagte immer, Walter wäre mein Vater und so hab ich ihr geglaubt, bis ich ihr Tagebuch fand. Na ja auf jeden Fall, ist es in Walters Welt wohl nie Morgen geworden, und somit erzähle ich euch diese Geschichte.
Es ist manchmal eine sehr traurige Geschichte.
Eine Geschichte, die von viel Leid und von schrecklichen Fehlern erzählt.
Sie ist nicht das, wofür man sie dem Anfang nach halten könnte.
1995: Ein Jahr, das in meinem Leben Geschichte schrieb, oder besser, das Jahr in dem meine Geschichte anfängt.
Es war der 23. Dezember und meine Mum war siebzehn junge Jahre alt.
Ich beschreib euch mal eben, diese wahnsinnig, weihnachtliche Situation:
Der Mond scheint über dem Krankenhaus in Berlin, hell und weiß, die Sterne funkeln und der Christbaum auf dem Marktplatz ist so groß, dass man ihn hier noch sieht. Hier ist Zimmer 323 auf der Kinderstation. Oder besser, der Kreissaal.
“Aaaahrgh! Scheiße, wenn mir einer gesagt hätte, dass das so wehtut, hätte ich es doch abtreiben lassen, oder die Pille danach genommen.” drei Mal dürft ihr Raten, wer diesen liebevollen Satz quer durchs Krankenhaus gekreischt hat. Richtig, meine Mum.
“Du bist doch selber schuld, du kleines Flittchen, was musst du auch mit dem Pooljungen in die Kiste hüpfen!!” ja auch hier wieder richtig geraten, meine liebe Oma Julia. Zu diesem Zeitpunkt sechsunddreißig Jahre alt.
“Glaubst du ich wollte Mutter werden?!
Außerdem habe ich dir schon mal gesagt, es war der Gärtner.”
“Denkst du ich wollte Oma werden?!
Und als ob das besser wäre.”
Ja solche Gespräche werden im Kreissaal geführt.
“Frau Gebrecht, es wäre vielleicht besser, wenn sie sich nicht so aufregen!” Dieser Satz ist der netteste, der an diesem Tag über meine Geburt gesprochen wurde. Und er ist trauriger Weise von einer Krankenschwester.
“Ich kann mich aufregen, soviel und über was ich will.” Das war nicht meine Mutter.
“Frau Gebrecht ich meinte Ihre Tochter.” Murrig sah meine Oma zu Boden.
“Wann kommt das verdammte Balg denn endlich da raus? Können sie nicht irgendwas machen, dass es schneller geht?” Ja meine Mami ist ein kleines Weichei gewesen. Gut sie war ja auch erst siebzehn.
Ein klopfen war zu vernehmen und herein trat Walter. Der Gärtner. Zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt.
“Karo es tut mir leid, aber früher hab ich es nicht geschafft.” keucht er.
“Womit warst du denn beschäftigt? Rasenmähen?!” der Sarkasmus mit dem meine Mutter das sagte war… speziell…. Nicht witzig, aber speziell.
Okay um ihre Aussage zu verstehen, müssen wir ein paar Monate zurück: …
Mai 1995: “Walter, wann kommst du denn endlich?” fragte meine Mutter mit äußerst genervtem Unterton.
“Tut mir leid. Ich muss den Rasen deiner Mutter noch mähen!” gibt er mindestens genauso genervt zurück
“Aber heute ist unser einjähriges!! Kannst du nicht einmal mir Vorrang geben? Ich finde es unmöglich, dass du dich so schikanieren lässt, du hast den Rasen doch gestern erst gemäht und sie weiß genau, dass wir ein Paar sind, und zwar heute seit einem Jahr verdammt!!” brüllte sie so laut in den Hörer, dass das Zimmermädchen kam um nach ihr zu sehen.
“Tut mir leid, ich komme in etwa `ner halben Stunde! Aber vorher muss ich den Rasen noch mähen!” sagte er geknickt.
“Walter ich muss dir was verdammt Wichtiges sagen! Also mach dass du herkommst!” schrie sie wieder.
“Was denn, das kannst du mir auch am Telefon sagen! Also was?” gab er genervt und doch gespannt zurück.
“Nein das kann ich nicht! Ich werde es dir sagen, wenn du endlich bei mir aufschlägst!!” und sie hängte den Hörer in die Gabel.
Tja dreimal dürft ihr raten was sie ihm sagen wollte: genau, dass sie schwanger war!
Und da er schon zu dieser Verkündung zu spät dran war, war sie an dem Tag meiner Geburt, deswegen nicht besser gelaunt.
Zurück in den Dezember.
“Haha, sehr witzig! Wie sieht’s aus?” fragte er umsorgend.
“Wie schon ich habe Schmerzen und dieses verdammte Ding soll endlich da raus. Also komm gefälligst hier her und halte meine Hand du Idiot.” schrie sie ihn an.
“Sie dürfen sich nichts dabei denken. Sie hat Schmerzen und glauben sie mir, ich habe schon schlimmere gesehen!” beruhigte ihn die Schwester. Er musste ziemlich Planlos dreingeblickt haben, warum seine Liebste ihn so an plärrt.
“Aaaau, was war das denn… ich sterbe hier heute, hundert pro.” sie klang schon ziemlich weinerlich findet ihr nicht auch?
Ihre Ärztin ging zu ihr und sagte: “So jetzt pressen, Vorsicht, ja noch mal pressen und…”
“Oh verdammt, das tut weh Walter, Mutti hilf mir!” schrie meine Mama.
“Da ist der Kopf, okay noch einmal pressen und dann haben Sies geschafft.”
“Aua, was hat das Balg denn für eine riesen Rübe?!” ja sie war so freundlich zu ihrem Baby.
“Pressen und ja, da ist sie ja, eine gesunde kleine Dame.” Ich glaube die Ärztin freute sich mehr über mich, zumindest in diesem Moment, als meine Mum, verständlicher Weise.
Sie legten mich meiner Mama auf den Bauch und zum ersten Mal an diesem Tag lächelte sie.
“Oh du bist ja eine ganz süße kleine Maus, hallo Mäuschen, na wie geht es dir?” Ja in diesem Moment freute auch sie sich über mich. Auch Walter und meine Oma lächelten und alle freuten sich über das vorweihnachtliche Geschenk.
“Wie willst du sie denn nennen?” Fragte meine Oma während sie meinen kleinen verschmierten Kopf streichelte.
“Ich weiß nicht, darüber habe ich noch nicht so viel nachgedacht. Wie würdest du sie nennen?” ja sie hatte wirklich ihre biestige Mutter gefragt, wie sie mich nennen würde.
“Marie. Weil sie uns doch so bald vor einem so schönen Ereignis geschenkt wurde, wie die Mutter Gottes.” Dabei lächelte sie.
“Hallo Mariechen, na wie findest du die Welt?” fragte meine Mama mich lächelnd.
Hätte ich antworten können, hätte ich “Kalt!!” gesagt. Stattdessen, plärrte ich einfach.
Nach unserem Krankenhausaufenthalt, zogen meine Mama und ich zu meiner Oma. Dort war immer alles sauber und ordentlich. Viel Personal wuselte herum und wenn meine Mama einmal weggehen wollte, was nicht so oft passierte, weil sie mich nicht gerne alleine lies, gab sie mich bei einem Dienstmädchen ab.
Ich wuchs in Prunk und Adel auf. Meine Großeltern hatten wahnsinnig viel Geld und Liebe, für mich und meine Mama. Und auch Walter durfte sein Bett im Gartenhäuschen, gegen das Doppelbett im Zimmer meiner Mama tauschen.
So lebten wir lange und glücklich, bis zu meinem vierten Geburtstag.
1999: Ich und meine Familie, waren auf die Kanareninseln geflogen und hatten dort ein schickes Landhaus gemietet.
Wir fuhren zu Weihnachten immer weg und am liebsten irgendwo hin wo es warm war.
An meinem Geburtstag, kam meine Oma morgens in mein Zimmer und weckte mich. Doch kurz nachdem ich die Augen aufgeschlagen hatte, wurden sie mir wieder verbunden.
Ich wurde in meinem Nachthemd ins Wohnzimmer gebracht und dort lagen auf dem Tisch um eine gigantische Torte herum, meine Geschenke.
Das alles konnte ich jedoch erst sehen, als mir die Augenbinde abgenommen wurde. Doch was ich auch sah war, dass Walter nicht da war. Ich war ein bisschen verwirrt.
Dennoch stürmte ich mit wilder Begeisterung in meinem kleinen rosa Nachthemd, auf den Geschenkeberg zu und riss die Verpackungen auf.
Ein großes Puppenhaus, von Barbie, eine Pferderanch von Playmobil, ein Gucci Kleidchen, ein Bananaboat und am Ende, noch eine Packung, in der ein Hundeknoten und ein Napf waren.
Ich war ein bisschen verwirrt, aber das war bald wieder vergessen. Wir schnitten die Torte an und warteten auf Walter, der eigentlich bloß schnell los wollte um ein paar Brötchen im Ort zu holen, falls jemand nicht nur Torte frühstücken wollte. Wir warteten und warteten, aber Walter kam nicht wieder. Meine Mama rief ihn an, und als er abhob, sagte er, er hätte noch keine Bäckerei gefunden, aber wir sollten schon mal ohne ihn anfangen. Wir dachten uns nichts dabei und aßen drauf los.
Etwa zwei Stunden später, kam er endlich, und hatte dennoch keine Brötchen dabei. Das war auch nicht weiter tragisch, denn mit frühstücken waren wir ohnehin schon fertig gewesen.
Dennoch fragte meine Mutter ihn wo er gewesen wäre, wohl nicht bei einem Bäcker wie es schien.
“Ich war in er Stadt und habe keinen verdammten Bäcker gefunden, und die die ich gefunden hatte, hatten alle schon geschlossen, was erwartest du es ist der Tag vor Weihnachten.” erklärte er.
Niemand in meiner Familie sah damals so aus als würde man ihm das glauben, aber wir konnten ihm schlecht das Gegenteil beweisen.
Am nächsten Tag, machten wir einen Ausflug an den Strand, nur Walter blieb daheim, weil er sich nicht so wohlfühlte.
Wir hatten eine Menge Spaß am Strand, bis ich in einen Seeigel stieg. Eigentlich wollten wir den ganzen Tag am Strand bleiben, aber dann fuhren wir zu einem Arzt und waren schon nachmittags wieder daheim.
Mein Fuß tat weh und deswegen wollte meine Mama mir aus dem Buch mit den vielen Bildern und dem Häschen vorlesen.
Sie war gerade nach oben gegangen, als sie auf einmal furchtbar schrie. Meine Oma rannte nach oben und dann ging ein riesiger Streit los.
Das komische war nur, meine Oma und meine Mama waren nicht die Streitenden, sondern Walter und meine Mama. Nach etwa drei Minuten wuselte eine junge Frau, in Sommerkleidchen und mit total zerwühlten Haaren die Treppe hinunter und durch unser Wohnzimmer davon. Kurz danach, kam Walter die Treppe runtergeschossen, meine Mama hinterher und jagte ihn aus dem Haus.
Damals hatte ich es nicht verstanden, heute schon. Walter hatte meine Mama mit dieser Frau betrogen und sie hatte sie in Aktion erwischt.
Meine Mama weinte und ging auf ihr Zimmer. Ich musste sehr verwirrt ausgesehen haben und so setzte sich meine Oma erst einmal zu mir und erklärte mir, dass meine Mama ein bisschen traurig sei und ihre Ruhe bräuchte. Ich und sie würden ein großes Eis essen gehen und Opa würde Mama trösten.
Nach „wir würden Eis essen gehen“ hatte ich schon nicht mehr zugehört und war Feuer und Flamme gewesen.
Ich und Oma gingen also in die Stadt und waren Eis essen. Als wir abends wieder kamen, hatte meine Mama ein sehr verheultes Gesicht und doch begrüßte sie mich mit einem gequälten Lächeln.
“Hallo Mausi, na wie war dein Tag?” fragte sie mit verstopfter Nase und schniefend.
“Toll Mami, ich und Oma waren ein Eis essen, das größer war, als mein Bauch!” sagte ich lachend.
Dann nahm sie mich in den Arm und schniefte ein bisschen.
“So Schätzchen, in einer Stunde ist Bescherung und wir wollen doch beide hübsch sein für die Kamera stimmt`s? Genau und deswegen, gehen du und Opa hoch und ihr macht euch fertig und ich und Oma gehen dann nach euch okay?” Sie war immer noch verschnieft und rotzte und schluckte, aber ich ging hoch so wie sie es gesagt hatte. Und zum ersten Mal in meinem Leben, tröstete meine Oma meine Mama.
“Opa, was hat Mama denn? Warum ist sie so traurig?” fragte ich meinen Opa besorgt.
“Walter hat etwas sehr schlimmes gemacht und deswegen war deine Mama sehr traurig. Aber das ist nicht so wichtig, wir haben Weihnachten und du sollst dich freuen. Deine Mama schafft das schon Marie, da bin ich mir ganz sicher.” sagte mein Opa ganz ruhig zu mir.
Wir gingen nach unten und setzten uns in die Küche, dann gingen meine Mama und meine Oma sich fertig machen und auf einmal sah Mama wieder ganz normal aus.
Auch Mama kam in die Küche und dann Oma und die sagte: “Schnell Mariechen, geh nachsehen, was das Christkind dir gebracht hat.”
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich rannte ins Wohnzimmer und riss alle meine Geschenke auf, wie auch schon am Vortag.
Jetzt waren es jedoch kleinere Geschenke und viele Barbiepuppen. Ich freute mich sehr als ich alles ausgepackt hatte und aß ein paar der leckeren Kekse die meine Oma gebacken hatte.
“Oh Mariechen, ich glaube draußen im Hof ist noch ein Geschenk für dich.” Sagte meine Mama.
Verwundert und zugleich begeistert, rannte ich nach draußen. Da stand Walter, mit einem Karton in der Hand. Der Karton war rund, mit einer Schleife zugebunden, und hatte oben Luftlöcher.
Ich zog an dem breiten Geschenkbandschleifchen und schwups, streckte ein kleiner schwarzer Welpe seinen Kopf aus der Schachtel.
Ich quietschte vor Freude und nannte ihn Kobold. Er hatte eine weiße Nase und der Rest war ganz und gar schwarz.
Ich nahm ihn mit ins Wohnzimmer wo wir den Napf und den Kaustrick gleich einweihten.
Er machte mich und meine Mama glücklich und wir konnten viel mit ihm lachen. Seine lustigen Schlabberohren, auf die er fast drauf treten konnte und seine viel zu großen Pfoten, machten es einem unmöglich, ihm zu widerstehen.
An diesem Abend führten meine Mama und Walter noch ein langes Gespräch im Garten und kamen damals zu dem Schluss, dass er mich sehen durfte, sie aber nichts mehr von ihm wissen wollte.
Als ich gerade in mein Bett ging, kam Walter die Stufen in mein Zimmer hoch und sagte: “Marie, du wirst mich für eine ganze Weile nicht mehr sehen, aber ich rufe dich an. Versprochen. Gleich morgen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Genieße den Urlaub mit Mama und Opa und Oma okay?”. Er strich mir über meine gewellten blonden Haare, kniff mich in meine Apfelbacken und dann ging er.
Und in seiner Welt, wurde es offensichtlich nie Morgen, denn er rief nicht an.
Manchmal schickte er mir Postkarten, von Orten an denen er gewesen war und zu meinem Geburtstag und zu Weihnachten schickte er mir Karten und Briefe. So wusste ich wenigstens, dass Walter noch lebte.
12. 09. 2001: Es war der Tag meiner Einschulung. Ein grausamer Tag. Ich wurde an einer hohen Privatschule eingeschrieben, auf der man normalerweise eine Wartezeit von 5 Jahren hat. Meine Oma, konnte da was deichseln. Auf jeden Fall, war es ein grausamer Tag. Alle Kinder hatten ihre Gesamte Verwandtschaft dabei und ich kam mit meiner Oma und meiner Mum.
Meine Mutter hatte selbst diese Schule besucht. Nicht so sehr erfolgreich, wie meine Oma es sich gewünscht hätte, aber sie hatte ihren Abschluss.
Wir gingen in ein Klassenzimmer, das im untersten von 6 Fluren war.
Dort war eine Frau, die angezogen war, wie ein höheres Tier beim Bundestag, und begrüßte meine Mum mit “Karo, lange nicht gesehen, wie geht es dir? Das ist doch wohl nicht deine Schwester oder?”
“Nein meine Tochter!” sagte meine Mutter und die Lehrerin lachte amüsiert bis sie begriff, dass es kein Scherz war.
“Um Himmels willen Karo, ist das dein Ernst? Du hast doch selbst erst vor 7 Jahren deinen Abschluss hier gemacht. Du willst mir doch nicht erzählen, dass du ein sechsjähriges Kind hast? Oder doch!?” sagte sie zweifelnd.
“Natürlich, aber was tut das denn zur Sache Fräulein Ramstett, sie ist jetzt eine Ihrer Schülerinnen und damit aus. Es tut doch nichts zur Sache wie alt ich bin. Ich liebe sie genau so, als wäre ich 37 Jahre alt.” sagte meine Mama bestimmt.
Trotzdem tat sie mir damit keinen großen gefallen, wann immer Fräulein Ramstett im Unterricht eine wirklich schwere Frage für uns hatte, stellte sie sie mir. Sie konnte mich nicht ausstehen.
Immer wenn ich richtig antwortete, ignorierte sie das und wenn ich falsch antwortete, schob sie es auf die, mir von meiner Mutter vererbten, Gene.
Es war grausam in den ersten vier Schuljahren. Meine Mutter war häufiger in der Sprechstunde als sonst ein Elternteil und jedes Mal, wenn Fräulein Ramstett ihr von meinem Unterrichtsverhalten berichtete, gab sie an, dass ich schlecht wäre, unkonzentriert, und für mein Alter nicht auf dem passenden Allgemeinwissensstand. Meine Mutter wusste natürlich, dass sie log und ich, wenn man mir die Chance dazu gab mein Wissen zu verbreiten und mich zu artikulieren, ich das auch tat, aber sie wurde von dieser unfähigen Lehrerin immer wieder vor den Bug gestoßen. Wenn sie zum Beispiel behauptete, dass meine Mutter unfähig wäre ein Kind zu erziehen.
Juni 2004: “Diese Frau, weiß nicht mit wem sie sich angelegt hat!” schrie meine Oma aus der Küche, als einmal wieder ein Elterngespräch in der Schule stattgefunden hatte.
“Was glaubt die wer sie ist, dass sie meine Enkelin so unfair behandelt. Nur weil du schon mit 17 Mutter werden musstest gibt ihr das noch lange nicht das Recht, Marie so zu behandeln! Die Kleine kann schließlich nichts für deine Unvernunft.”
“Merkst du eigentlich dass du keinen Deut besser bist!? Du bist doch diejenige, die es die ganze Zeit ausspricht, sicher war es nicht vernünftig, mit 17 schwanger zu werden, aber ich bereue es keinen verdammten Tag lang. Hör also auf, die ganze Zeit darauf herumzuhacken, du warst auch nicht viel besser!” schrie meine Mama zurück.
“Willst du damit sagen ich war dir eine schlechte Mutter?!” fragte meine Oma sehr laut.
“Nein! Oder willst du sagen ich bin eine schlechte Mutter? Das bin ich nicht. Ich bin eine junge Mama, aber ich bin eine gute Mutter! Eine viel bessere Mutter als du es je warst du karriereverliebte, emotionslose, steinkalte, Ziege!! Ich bin wenigstens für mein Kind da! Ich bin da und nicht den ganzen Tag in der Arbeit und die ganze Nacht feiern. Und du wunderst dich wirklich, warum ich den Poolboy, und den Gärtner und deiner Meinung nach auch noch den Butler gevögelt habe. Gott was glaubst du warum? Sicher nicht weil ich nicht genug emotionale Zuneigung bekommen habe, oder weil mir niemals zugehört wurde, wenn ich etwas zu sagen hatte. Nein. Sicher weil ich eine so tolle und liebevolle Kindheit beimeinem Kindermädchenhatte!!”
Schrie meine Mama zurück.
Dann hörte ich es klatschen, sehr laut. Meine Mama stürmte, sich die Wange haltend, aus der Küche zu mir ins Wohnzimmer und packte mich in den Landrover. Dann verschwand sie noch einmal im Haus, und kam mit zwei vollen Koffern wieder heraus.
Wir fuhren weg. Ich wusste lange nicht wohin, bis ich die Wälder und Seen um uns herum als die erkannte, die rund um Mamas Campingfelsen lagen.
Sie fuhr da immer hin und schlug ihr Zelt auf, wenn sie damals als Teenager ärger mit ihrer Mama gehabt hatte.
“Mama, warum hat Oma dich geschlagen?” fragte ich, denn immerhin war ich nicht blöd.
“Schätzchen Oma hat mich nicht geschlagen. Wie kommst du nur auf so was?” fragte meine Mama nervös lachend.
“Weil du einen Handabdruck auf der Backe hast und es vorhin so geklatscht hat. Mama warum hat Oma dich geschlagen.” fragte eine verwirrte Neunjährige.
“Weißt du Schätzchen, Mama hatte keine sehr schöne Kindheit. Meine Mama, war nicht so viel zu Hause, wie ich es bin. Sie war immer Arbeiten und ich war immer alleine. Und deine Oma hat viele gemeine Dinge zu mir gesagt, weil ich damals, eben nicht nur einen Freund hatte.” erklärte sie mit Tränen in den Augen.
“Aber warum hattest du denn mehr als einen Freund?” fragte ich vorsichtig.
“Na ja weißt du, wenn man niemanden hat, der einem zuhört und einen lieb hat, dann sucht man sich irgendwann ganz viele Menschen, von denen man denkt, dass sie einen lieb haben. Und das fühlt sich dann irgendwie richtig an und gut. Deine Oma sagt deswegen sehr gemeine Dinge zu mir und glaubt, dass ich das alles gemacht habe, um sie zu ärgern. Weißt du und weil ich dann auch gemeine Sachen zu ihr gesagt habe, hat sie mich geschlagen. Aber das ist nicht so schlimm Schätzchen. Das ist zwar nicht in Ordnung, aber das war nicht so schlimm.” sie war ziemlich gefasst.
Sie erklärte mir das, wie man es eben einer Neunjährigen erklärte, die verwirrt war und herausgefunden hatte, dass in ihrer Familie etwas schief läuft.
Ich blickte aus dem Fenster des Wagens und dachte nach.
Warum nur stritten meine Oma und meine Mama immer so viel. Ich hatte sie doch beide lieb, und wenn sie sich stritten machte mir das Angst.
Ein neunjähriges Mädchen mit Verlustängsten, wurde gerade von seiner Mutter ans andere Ende des Landes gebracht, damit sie Abstand gewinnen konnte.
Abstand von dem Betrug, durch ihren Ex-Freund, Abstand von den ewigen Vorwürfen ihrer Mutter und Abstand von der Realität, die sie immer wieder einholte.
Wie sollte ich es auch verstehen, dass sie ein Problem hatte, für das ich nichts konnte und bei dem ich ihr nicht helfen konnte?
Ich sah nur von der Rückbank aus, Tropfen über ihre Wangen laufen und dachte es wäre der Regen, der durch eine undichte Stelle im Autodach kam.
Als wir an dem Campingplatz ankamen, waren die Wolken verschwunden und der Himmel wieder blau.
Der kleine See und der niedliche Wasserfall an dem Felsen, fesselten meine Aufmerksamkeit.
Meiner Mutter war das ganze Recht, so konnte sie in Ruhe den Pavillon aufstellen, und die Schlafsäcke und Luftmatratzen in das große Acht-Mann-Zelt packen.
Ich spielte im Schlamm und am See mit den vielen Fischen und versuchte sie zu fangen.
Ich erwischte keinen, aber das fand ich nicht schlimm, schon das hinter ihnen her springen, machte mehr Spaß als einen zu erwischen.
Ich tat so als wäre ich eine Raubkatze und sprang immer wieder in meinem rosa Kleid in den See.
Dann klingelte das Handy meiner Mama und sie ging schnell ran.
“Nein!! Vergiss es. Das ist nicht dein ernst Mann!!? Du hast dich die letzten vier Jahre auch nicht für sie interessiert! Nein!! Nicht einmal mehr Karten hast du geschrieben. Überlege dir gut, ob du das tust. Ich werde dich anzeigen. Hörst du?”
Dann legte sie auf.
Ich machte mir nichts weiter daraus. Meine Mama telefonierte häufig mit Menschen die sie beschimpfte.
“Mariechen! Komm her Schätzchen, wir essen!” rief sie.
Ich kletterte aus dem See und rannte, so gut es in einem nassen Kleid eben ging, zum Lagerfeuer.
“Mama, wer war das eben? War das Oma?” fragte ich neugierig.
“Ja.. Ja natürlich Schätzchen, das war Oma.” Antwortete sie, erfreut über meine gute Ausredenvorlage.
Sie reichte mir eines der gebratenen Käsesandwiches und biss dann auch schnell in Ihres.
Wir blieben zwei Wochen auf dem Campingplatz. Auf der Privatschule, konnte man seine Ferien so legen wie man wollte und so, legte meine Mama meine nächsten Ferien eben auf diese zwei Wochen.
Sogar Kobold freute sich, wieder nach Hause zu fahren, nachdem auch mir die Lust, am Zelten endgültig vergangen war.
Mein mittlerweile ausgewachsener Hund, sprang auf die Rückbank unseres Landrovers, und legte sich in den Fußraum direkt neben meine Füße.
Bald waren ich und er eingeschlafen und unser Schnarchen, erfüllte den überladenen Innenraum des Landrovers.
Wir fuhren lange vor uns hin, in Richtung zu Hause.
Keiner von uns ahnte, dass diese Autofahrt, alles verändern würde.
Wir waren auf er Autobahn in der Nähe, von Mamas Lieblingsraststätte und wir wollten hineinfahren.
Meine Mama blinkte und ohne sich umzusehen, fuhr sie rechts ab.
In dieser Sekunde, raste ein Geisterfahrer auf unserer Spur, direkt auf uns zu.
Ich schrie und plärrte, aber dafür war es schon zu spät. Der Kleinbus raste in uns hinein.
Glas splitterte, Kobold jaulte und die Koffer schepperten aus dem Kofferraumfenster auf die Straße.
Mein Sicherungsgurt schnitt mir furchtbar in die Brust und ich spürte einen stechenden Schmerz.
Danach, kann ich mich an nichts mehr erinnern, ich muss wohl ohnmächtig geworden sein.
Das nächste was ich weiß, war dass ich die Augen, in einem schneeweißen Zimmer aufschlug, und keine Ahnung hatte, wo ich war.
Ich drehte meinen Kopf zur Seite und da stand meine Oma.
“Liebling! Oh Gott sei Dank bist du wach. Schätzchen, wie geht es dir? Tut dir etwas weh?” sie klang wahnsinnig besorgt.
Ich versuchte mich aufzurichten, aber es tat so wahnsinnig weh.
Ich spürte ein gemeines Ziehen in meinem Brustbereich und legte mich gleich wieder hin.
“Oma hier,” ich deutete auf mein Schlüsselbein, “hier tut es weh!” jammerte ich und weinte.
“Och Schätzchen. Meine kleine, liebe Maus. Du hast dir wahrscheinlich das Schlüsselbein gebrochen. Keine Angst, das heilt wieder zusammen.”
Und erst als sie das sagte, merkte ich wie ausgemergelt sie aussah.
Ihre Augen waren geschwollen und mit roten Äderchen durchzogen. Ihr Mascara völlig verwischt und ihre Hände zitterten.
“Oma was ist denn los? Du hast doch geweint.” sagte ich leise und vorsichtig.
“Nein Schätzchen, nein nein. Wie kommst du denn darauf?” fragte sie und lächelte.
Dabei nahm sie meine Hand zwischen ihre Hände und tätschelte sie.
Verwirrt sah ich sie an. Und sie lächelte. Abwesend und traurig.
Wir saßen ewig und eine Nacht so da. Da ging auf einmal die Zimmertüre auf, und mein Opa stand im Türrahmen.
Auch er sah aus, als hätte er geweint und er zitterte fast noch schlimmer als Oma.
“Oma wo ist Mama? Geht es ihr gut?” fragte ich.
Da weinte meine Oma und sprang auf.
“Könntest du das bitte übernehmen?” wisperte sie meinem Opa zu.
“Ich kann das nicht. Entschuldige!” sagte sie und verließ den Raum.
“Opa, was ist denn? Wo sind Mama und Kobold?” fragte ich, reichlich verwirrt.
“Kobold ist zu Hause Schätzchen, er wartet da auf dich. Er hat sich nur seine Vorderpfote am Sitz eingeklemmt, aber das wird wieder.” sagte er lächelnd.
Ich war erleichtert. Gott sei Dank war meinem Hund nichts passiert.
“Und Mama? Wann kommt sie zu mir?” fragte ich wieder.
“Meinem Opa liefen ein paar Tränen übers Gesicht und dann sagte er: “Marie, du weißt, dass deine Mama dich sehr lieb hat. Und du weißt auch, dass sie alles auf der Welt tun würde, um dich glücklich zu machen. Stimmt’s?” fragte er.
Ich nickte.
“Und Marie glaube mir, sie wird sehr stolz auf dich sein, wenn sie sieht, was für eine wundervolle Frau du werden wirst, und sie wird immer bei dir sein, ganz egal, wo auch immer du bist. Hörst du?” wieder nickte ich.
“Deine Mama würde dich bestimmt auch hier besuchen, dich in den Arm nehmen, und dir sagen, dass alles wieder gut wird. Aber mein Schatz das kann sie nicht.”
“Warum denn nicht Opa?” fragte ich verwirrt.
“Schatz, deine Mama, ist jetzt oben, beim lieben Gott und seinen vielen tausend Engelchen und singt da zusammen mit ihnen, jeden Tag ein Schlaflied für dich. Aber sie kann dich hier nicht mehr in den Arm nehmen. Hier, bei uns auf der Welt, kann sie dir keins mehr singen.” sagte mein Opa und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
“Meine Mama, ist … tot?” fragte ich. Es konnte sich doch nur um ein Missverständnis handeln oder? So etwas passiert anderen Kindern, mit anderen Müttern, aber doch nicht mir! Nicht mir, nicht mir, nicht mir, nicht mir. Nicht uns!
Mein Opa nickte, und da kletterte ich, trotz meiner Schmerzen aus meinem Bett auf seinen Schoß, presste mein Gesicht gegen seinen Brustkorb und weinte. Ich schluchzte und weinte und wollte nie wieder damit aufhören.
“Sie soll wieder kommen, sie soll wieder kommen Opa, das kann nicht sein. Sie ist nicht tot. Du lügst, sie ist bestimmt draußen vor meiner Tür und stürmt gleich herein, um mir zu sagen, dass wir nach Hause fahren und das alles nur ein böser Traum war. Du lügst, das kann gar nicht sein. Sie würde mich hier nicht alleine lassen. Niemals. Sie hat versprochen, dass sie immer für mich da ist. Egal wann und wo und warum und jetzt ist sie einfach ohne mich gegangen. Opa, die Engel können doch noch warten. Der liebe Gott kann doch noch warten.”
Mein Opa hielt meinen Kopf und legte seine Wange auf meinen Haarschopf. Er streichelte mir über meine Engelshaare und ließ mich weinen.
Irgendwann kam auch meine Oma wieder herein. Mit einer großen Box Kleenex und schnäuzte sich mit mir die Nase.
Ich wachte am nächsten Morgen, in meinem Zimmer auf und war fröhlich.
Es war alles nur ein Traum gewesen. Gott sei Dank. Meine Mama stand unten in der Küche und kochte Kaffee und meine Oma stand daneben und machte mir Pfannkuchen, weil ich die so gerne aß.
Ich stand auf. Mein Schlüsselbein zog und da wusste ich, es war kein Traum gewesen.
Der gestrige Tag, war wirklich geschehen und ich war zu Hause. Aber nicht wirklich zu Hause, denn der liebste Mensch auf Erden, der der ein zu Hause ausmacht, der fehlte.
Da ließ ich mich zurück in meine Kissen sinken und weinte wieder völlig haltlos drauf los.
Meine Oma hatte mich gehört und kam herein. Kobold hinkte hinter ihr her und sprang auf mein Bett.
Er kuschelte sich an mich, während meine Oma mein Haar streichelte und mich weinen ließ.
Die Tage zogen schleichend dahin und ich merkte nicht, dass die Zeit verging.
Eine Woche später, war die Beerdigung. Ein Pompöser Sarg, mächtige Blumengestecke, unzählige Trauerkarten, an mich und meine Großeltern gerichtet und ein ewiglanges Buffet.
Die Beerdigung meiner Mama.
Sie war genau das Gegenteil von dem was sie gewollt hätte.
Es gab kein Testament, aber meine Großeltern gingen davon aus, das pünktlich zu meinem achtzehnten Geburtstag, alle Habe meiner Mutter an mich gehen würde.
Sie bewahrten den Schmuck, und sogar die Kleidung in einer Aluminium-Truhe auf, die sie Mottendicht versiegeln ließen.
Meine Großeltern bekamen das Sorgerecht für mich zugesprochen, da kein Vater auf der Geburtsurkunde eingetragen war.
Ich war ganz froh darüber, denn seien wir einmal ehrlich, einen Vater, hatte ich doch sowieso nie gehabt.
Die Schule wurde eine einzige Tortur.
Meine Klassenkameraden sahen mich an als wäre ich ein neugeborenes Alien, meine Lehrer sprachen mir ihr falsches Mitleid aus und sogar der Hausmeister sah mich mit besorgten Augen an.
So als hätte er Angst, dass ich mir im nächsten Augenblick etwas aus seinem Werkzeugkoffer nehmen würde, um mich damit zu erstechen.
Ich war neun Jahre alt. Wie sollte ich verstehen, dass sich Menschen sorgen um andere Menschen machten, die jemanden verloren hatten, der einem wichtig war.
Ich bekam Mitleidsnoten und irgendwann merkt das sogar ein neunjähriges kleines Mädchen.
Ich schrieb absichtlich nichts auf meine Tests und sagte bei Abfragen irgendwelche Gedichte auf, die ich im Kindergarten gelernt hatte.
Irgendwann erhielt ich einen Brief nach Hause, dass ich stark gefährdet sei, durchzufallen, den ich dezent im Schredder verschwinden ließ.
Ich legte mich absichtlich mit anderen Schülern an, nur um zu provozieren, einen Verweis zu bekommen.
Ich machte keine Hausaufgaben mehr und genoss jede Moralpredigt meiner Lehrer auf meine ganz eigene Weise. Es machte Spaß.
Es machte einen riesen Spaß und wurde zu meinem neuen Lieblingshobby.
Schlecht in der Schule sein.
Man bekam Aufmerksamkeit und jede Menge Bewunderung von Klassenkameraden.
Ich merkte gar nicht, wie ich in unserem Städtchen zum Gesprächsthema Nummer eins wurde.
Meine Großeltern allerdings schon.
Sie merkten kaum etwas mehr als das. Sie regten sich tierisch darüber auf, zum Spott der Nachbarschaft zu werden.
Mir war das egal.
Meine Noten wurden immer schlechter und ohne die Bestechungen meiner Großeltern hätte ich die dritte Klasse nicht geschafft.
Die vierte Klasse schaffte ich nicht.
Ich fiel sang und klanglos durch.
Naja wie auch nicht. Mit nur ungenügend, mangelhaft und der für mich neu erfundenen Note:
„Zutiefst entrüstend“
Denn ich schrieb Sachen auf meine Schulaufgaben, die kein Lehrer der Welt lesen sollte.
Dinge die ich über sie dachte, Dinge die ich über meine Klassenkameraden dachte und Dinge die ich über die Welt dachte oder die Politik.
Beim zweiten Anlauf in der vierten Klasse ging es wieder schief und meine Großeltern waren total verzweifelt.
„Marie, Marie wie kannst du uns das antun. Wir wissen doch alle, dass du mehr kannst als das!“ sagte meine Großmutter, abfällig auf meine neuste Matheerrungenschaft deutend.
„Ich weiß es und du auch. Ich weiß auch wer es noch weiß! Marie!? Weißt du es auch?“ fragte meine Oma mit Tränen in den Augen.
„Lass sie da raus!“ sagte ich.
„Lass Mama da raus ok?“ sagte ich und musste fast selbst weinen.
„Nein Marie, das kann ich nicht mehr. Du wirst wieder durchfallen. Wieder und wieder und unendlich oft kann man die Grundschule nun mal nicht machen Marie.“ Schrie sie.
„Das weiß ich selbst! Aber weißt du wenn du Mama da schon mit rein bringen musst, dann kann ich das auch. Soll ich dir sagen, dass ich weiß, warum Mama so früh schwanger war? Weil die einzigen Menschen die sie beachtet haben, die waren die sie gevögelt hat!!“ schrie ich zurück. Dann rannte ich in mein Zimmer und knallte die Tür hinter mir zu.
Ich wusste, dass sie weinte. Ich wollte sie nicht sehen. Ich wusste, dass es unfair war, das zu sagen, aber ich vergalt immer gleiches mit gleichem.
Dann fasste ich einen Entschluss.
Ich riss die Türen meines Kleiderschrankes auf, fetzte alles heraus.
Meine Pullis, meine Hosen, meine T-Shirts,
und dann legte ich los.
Ich schnitt Löcher in meine Jeans, nähte Netze an die Ärmel meiner schwarzen T-Shirts, schrubbte mit Drahtbürsten über meine Sweatshirts und machte meine Klamotten altkleidermäßiger als legal.
Ich wurde zum Müllmonster. Punk. Abstieg. Ich suchte im Kosmetikschrank meiner Oma, nach einer schwarzen Haarfarbe, nach schwarzem Nagellack und jeder Menge schwarzem Kajal und Lidschatten. Wimpertusche und Mondweißes Makeup.
Dann ging es los.
Ich ging ins Badezimmer, färbte mir die Haare, lackierte meine Nägel und schminkte mich wie Edward mit den Scherenhänden.
Als ich das Badezimmer wieder verließ, war ich ein anderer Mensch.
Ich ging nach draußen auf die Straßen und stieg in den nächsten Zug in Richtung Stadt.
„Nächste Haltestelle, Berlin Westbahnhof, Ausstieg in Fahrtrichtung links.“ Kam aus den uralten Lautsprechern, der S-Bahn.
Ich ging aus dem Zug heraus auf den Bahnsteig und dann einfach auf den Vorplatz des Bahnhofs.
