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Kurz vor Weihnachten 1947 kommt Heinrich Salomon als Zwölfjähriger mit Eltern und Bruder aus der Zivilgefangenschaft von Ostpreußen in die sowjetische Besatzungszone. Während es zwei seiner Geschwister bereits 1944 nach Westdeutschland verschlagen hat, steht den im Osten gebliebenen ein Leben im "real existierenden Sozialismus" bevor. Mit Deutschlands Teilung verschärft sich die Situation seiner getrennten Familie. Trotz der Demütigungen und Schikanen des Staates lässt er sich weder unterkriegen noch korrumpieren. Der Autor von "Nur nicht nach Labiau gehen!" setzt in diesem Buch seine Lebensgeschichte fort, in der es schließlich 1989 anders als erwartet kommt ...
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Angekommen
–
doch nicht im „Reich“
„Schwarz“ über die „Grüne Grenze“
„Gründerzeit“ in Rhinow
Zehdenick – mein neues Zuhause
Erste Berlin-Besuche
Arbeitsreiche Ferien
Zwischen LPG und DHfK
„Mein“ Fallersleben
Student in Leipzig
Schlag auf Schlag
Charité – Station C
Mutters Abschied von Rhinow
Einkaufen in der DDR
Weiter bergab
Der Westen
Urlaub zu DDR-Zeiten
Die Stasi war immer dabei
Bad Düben oder nach drüben?
Das Jahr ’89
Die Brüder Heinrich und Ernst Salomon 1939 in Ostpreußen und 73 Jahre später am Teltowkanal
Als mein Vater 2003 sein Buch „Nur nicht nach Labiau gehen!“ herausbrachte, erfüllte er sein Versprechen, das er bereits über dreißig Jahre zuvor seiner Familie sowie Freunden und Bekannten gegeben hatte. Sie meinten, er müsse doch unbedingt all die ereignisreichen Geschichten aus der Kindheit in Ostpreußen niederschreiben. Die aufwühlenden Erlebnisse während des Krieges, auf der Flucht und bei der Vertreibung aus der Heimat in eine unbekannte Welt, waren nun, wenn auch nicht mit vierzig, so doch in seinem 68. Lebensjahr endlich zu Papier gebracht. Zuvor hatte ich oft seine Geschichten in geselligen Runden gehört, aber sie zu behalten, korrekt nachzuerzählen, sie auch zeitlich und örtlich richtig einzuordnen, wäre mir später nie gelungen. Alles, was seine Erinnerung hergab, ist nun für die interessierte Leserschaft und kommende Generationen festgehalten.
2011 konnte ich meinen Vater dazu bewegen, eine zweite, jetzt bebilderte und textlich überarbeitete Auflage herauszugeben, die durch viele Fotos, teils historische Aufnahmen, aber auch mit Bildern aus heutiger Zeit, seine Geschichte noch anschaulicher machen.
Nach dem Lesen des Buches fragten viele, wie es denn weiterging, nachdem 1947 mein Vater mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder Ernst schließlich im brandenburgischen Rhinow eingetroffen war. Es war bislang schon so viel Aufregendes geschehen, sollte nun ein ruhiges und geregeltes Leben beginnen? Keineswegs.
Allein durch die uns bekannte deutsche Geschichte muss jedem klar werden, dass die neue Situation ebenso viele spannende und zum Teil absurde Ereignisse geradezu vorprogrammierte und die Teilung Deutschlands in zwei sehr unterschiedlich geartete Staaten auch neues Leid mit sich bringen würde, vor allem den Familien, deren Mitglieder sich diesseits wie jenseits der Grenze wiederfanden.
Nach der Schilderung von vier Jahren Kindheit meines Vaters in seinem ersten Buch gibt es nun eine Fortsetzung, die weitere vier Jahrzehnte seines Lebens beinhaltet. Und daran bin ich nicht ganz unschuldig, denn ich habe ihn ermutigt, wieder zu schreiben, um alles festzuhalten, und meine Hilfe bei der Erstellung dieses zweiten Buches angeboten. Die folgenden neunzehn Kapitel, mit alten Fotos und Karten versehen, sind abermals ein sehr persönliches Zeugnis meines Vaters mit ganz unterschiedlichen Geschichten der verschiedenen Stationen seines Lebens. In seiner Form ist dieses Buch sowohl Autobiografie wie Zeitzeugenbericht, wobei einmal mehr klar wird, dass jeder Mensch das Produkt seiner Prägung ist. Und so müssen auch die zweifelsohne subjektiven Schilderungen des Erlebten vor dem Hintergrund der zwei sich konträr zu einander verhaltenden deutschen Staaten verstanden werden.
Nach der „Wende“ bin ich oft von Menschen aus den Alten Bundesländern gefragt worden, wie denn die ehemaligen DDR-Bürger heute die Wiedervereinigung Deutschlands sehen. Ich habe es stets abgelehnt, für mein Volk zu sprechen, aber immer betont, dass es jeder von seiner momentanen sozialen und ökonomischen Situation abhängig machen wird, ob er sich als Gewinner oder eher Verlierer der Einheit sieht. Ich respektiere die Menschen, die sich positiv an die DDR erinnern. So begegnet man heute noch den unterschiedlichsten Personen, die in der DDR lebten oder aufgewachsen sind und zwischen „es war nicht alles schlecht“ bis „es war nicht alles gut“ schwanken – ein jeder nach seiner ganz speziell verlaufenen Vita im Osten. Was mich betrifft, wurde ich vor allem die ersten 23 Jahre meines Lebens stark durch die Erlebnisse und schmerzhaften Erfahrungen meines Vaters geprägt, die ihren Ursprung in der Teilung unseres Landes und der daraus resultierenden Teilung unserer Verwandtschaft haben. Deshalb kann ich aufgrund der Ereignisse vom Herbst 1989 mit all ihren Folgen nur dankbar und glücklich sein, dass es so kam, wie es gekommen ist.
Darüber hinaus ist diese Lektüre für mich ein neuer Zugang zu meinem Vater: zu seinem Wesen, seinem Leben, zu seinem Denken und Handeln, verbunden mit dem Respekt gegenüber so großartigen Tugenden wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Unbestechlichkeit, mit denen er seine Würde auch unter schwierigsten Bedingen bewahren konnte. Wegen dieser Eigenschaften ist er mir ein Vorbild.
„Wenn’s mal anders kommt“ soll schon der Spruch meines Großvaters gewesen sein, wenn er sich zuweilen mit anderen Ostpreußen über die Gegenwart und Zukunft unterhielt. Was hatten sie denn geglaubt? Mein Vater, damals selbst noch ein Jugendlicher, hörte ihn nicht selten so reden. Mit jeder Veränderung schwang Hoffnung auf bessere Zeiten mit. Oft wurde es schlechter, und auch mein Vater hoffte nach dem Mauerbau und dem Wegfall weiterer Freiheiten, dass es mal anders kommen würde. Somit ist der Spruch und Titel der „rote Faden“ dieses Buches, das genau dort anknüpft, wo im letzten Buch der Leser mit der Frage, wie wohl alles weitergegangen sein mag, zurückgelassen wurde.
Wer „Nur nicht nach Labiau gehen!“ gelesen hat, kennt bereits das Schicksal der Familie Salomon, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre ostpreußische Heimat Ende 1947 Hals über Kopf verlassen musste. Niemand wusste, wohin der Zug fahren würde, in den man die Flüchtlinge verfrachtet hatte. Als die Mutter bemerkt: „Vielleicht kommen wir jetzt ins Reich, vielleicht auch nach Sibirien“, fragen die Kinder nach. Einiges hatten sie schon in der Schule über Sibirien gelernt, das sie „am anderen Ende der Welt“ wähnten.
Wenn die Ostpreußen vom „Reich“ sprachen, meinten sie den viel weiter westlich gelegenen kompakten Teil des „Dritten Reiches“ mit seiner Hauptstadt Berlin, fast 700 Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Dorthin hatten die Eltern jedes Jahr vor Weihnachten Mastgänse an die Verwandtschaft verschickt, aber eine richtige Vorstellung von jenem „Reich“ hatten sie nicht.
„Sind wir jetzt im „Reich?“, fragen die Kinder die Mutter, als nach tagelanger Fahrt der von außen verriegelte Viehwagen in Pasewalk geöffnet wird. Sie kann die Frage nicht beantworten. Einen Tag später erreichen sie das Umsiedlerlager Quenz bei Brandenburg. Das „Reich“ existiert nicht mehr. Deutschland sowie seine Hauptstadt Berlin sind in eine amerikanische, britische, französische und sowjetische Besatzungszone aufgeteilt worden. Nur wenige Wochen später findet sich die Familie in einem schäbigen Dachstuhl wieder. Es ist die erste Bleibe in Rhinow, der neuen Heimat, wo für alle die Karten des Schicksals aufs Neue gemischt sind ...
Mathias Salomon Berlin, 2012
Marktplatz von Rhinow 1948; unsere erste „Bleibe“ – der Dachboden im Haus „Augustini“, 2008; Haus „Augustini“, Friedrichstr. 31, 2008
Alles hatten wir verloren, Haus und Hof in Ostpreußen, alles hinter uns gelassen, als wir am 19. Dezember 1947 im Sammellager Quenz bei Brandenburg nach der letzten Entlausung vor der Entscheidung standen, in welchem der infrage kommenden drei Orte wir am liebsten wohnen wollten, um ein neues Leben zu beginnen. Zur Auswahl standen Bamme – das hörte sich nicht besonders vielversprechend an, Wassersuppe – davon hatten wir erst einmal genug, und Rhinow.
Wir entschieden uns für Rhinow, obwohl wir damals noch nicht wussten, dass dieser nördlich von Rathenow gelegene Ort ein ganz besonderes Städtchen war, denn gleich in der Nähe, bei Stölln, hatte der berühmte Otto Lilienthal 1896 am Gollenberg seine Flugversuche gemacht, stürzte dort am 9. August ab und verstarb tags darauf an den Folgen seines Unfalls.
Für uns aber war Rhinow überhaupt nicht aufregend – ein kleiner, unscheinbarer Ort, der uns Flüchtlinge nicht gerade mit offenen Armen aufnahm. Wir, das waren meine Eltern, mein jüngerer Bruder Ernst, der damals zehn Jahre alt war, und ich mit zwölf Jahren sowie Tante Ida, die Schwester meines Vaters, die bei uns nur „die Tante“ hieß. Meine älteren Geschwister, Renate, von uns nur „Reni“ genannt, und Hans, waren bereits 1944 mit ihrer Schule aus Ostpreußen abtransportiert worden und vorerst auf der Insel Rügen untergekommen, Hans in Binz und Reni in Sellin.
In der Rhinower Friedrichstraße 31, im Haus „Augustini“, wurde uns eine erste primitive Unterkunft zur Verfügung gestellt. Sie bestand aus einem einzigen Raum von vier mal vier Metern, oben auf dem Dachboden. Der Platz reichte gerade mal für zwei Betten und ein paar Kleinmöbel. Da wir aber vier Personen waren, musste oder durfte jeweils einer von uns Kindern abwechselnd einmal beim Vater und einmal bei der Mutter schlafen. Da sich aber unser Vater immer so breit machte, wollten wir natürlich lieber mit der Mutter das Bett teilen. Die Tante bekam ein noch kleineres Zimmerchen für sich allein, ebenfalls hier oben unterm Dach.
Eine Uhr besaßen wir nicht. Das wäre Luxus gewesen. Wenn wir wissen wollten, wie spät es war, liefen Ernst und ich zur Bodenluke, legten uns flach auf den Bauch, um durch das schmale Fensterchen die Zeit an der Kirchenuhr schräg gegenüber abzulesen. Die Toilette befand sich auf dem Hof, und von der Pumpe im Hof musste auch das Wasser zum Waschen und Kochen geholt und auf den Dachboden geschleppt werden.
Anfang Januar 1948 hatte das Zigeunerleben für uns Kinder ein Ende: Wir mussten nach dreieinhalb Jahren Pause zum ersten Mal wieder in eine deutsche Schule gehen. Es war nicht weit, nur ein Katzensprung bis zur Alexander-Puschkin-Schule, gute zweihundert Meter an der Kirche vorbei.
Eine Art Lampenfieber beschlich uns: Wie würden uns die Schüler aufnehmen? Uns, die Vertriebenen aus Ostpreußen? Flüchtlinge? Jetzt noch, 1948? Der Krieg war seit fast drei Jahren zu Ende. Eingeschüchtert waren wir schon, und die verantwortlichen Lehrer mussten erst einmal unser Wissen überprüfen, um feststellen zu können, in welche Klasse wir passen würden nach immerhin dreieinhalb Jahren Unterrichtsausfall! Natürlich kamen Ernst und ich nicht in dieselbe Klasse; zum ersten Mal seit Litauen 1947, wo wir uns beim Bauern verdingt hatten, wurden wir getrennt und kamen uns ziemlich verloren vor.
Meine Mitschüler betrachteten mich anfangs wie einen Exoten. Kein Wunder: Ich hatte noch immer einen kahl geschorenen Kopf, und meine geliebte wattierte Russenjacke passte so gar nicht zwischen die altersgerecht gekleideten Jungen und Mädchen. Ganz unglücklich wartete ich auf das Pausenzeichen; dann wollte ich so schnell wie möglich das Weite suchen. Dazu kam es jedoch nicht. Der Unterricht war zwar für diesen Tag zu Ende, ich aber wurde umgehend ins Direktorenzimmer gerufen, wo man mich fast zu detektivisch ausfragte; jedenfalls empfand ich es so. Dabei hatte unsere Mutter uns bereits beim Amt hinreichend angemeldet. Aber hier wollte man es noch einmal ganz genau und von mir persönlich wissen, und ich gab Auskunft, so gut ich konnte. Probehalber wurde ich zunächst in die dritte Klasse gesteckt, obwohl ich dem Alter nach schon in der sechsten oder siebenten hätte sein müssen. Wie ein mehrmaliger Sitzenbleiber muss ich zwischen den jüngeren Schülern gewirkt haben. Aber nach vierzehn Tagen stieg ich bereits auf in die vierte und nach weiteren zwei Monaten sogar in die fünfte Klasse. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fand ich dann doch bald Anschluss, zunächst bei den Jungs neben mir auf unserer Viererbank, dann sogar in der gesamten Klasse, und zwar hatte ich etwas, was die anderen nicht hatten und was natürlich sehr interessant war: russische Briefmarken! Nun war das Eis gebrochen, und ich wurde nicht mehr so schief angeguckt. Sicher, über meinen Dialekt wurde noch manchmal gelacht, denn hin und wieder rutschte mir schon mal ein typisch ostpreußischer Begriff heraus.
Alexander-Puschkin-Schule in Rhinow; als Schüler 1951
Konfirmation von Reni und Hans in Loyermoor 1948; Kartenausschnitt mit den Dörfern Barghorn und Loyermoor im Oldenburger Land
Man kann nicht behaupten, dass wir sehr glücklich waren in unserer fremden und beengten Umgebung, waren wir doch an die Weite der Elchniederung gewöhnt, wo uns kein Berg die Sicht versperrte, an Wiesen zum Herumstrolchen, an die Gilge und an unsere vielen Tiere. Diese traurigen Gedanken waren jedoch im Nu vom Tisch gefegt, als uns ein Brief von Reni und Hans erreichte, die im Oldenburgischen Land ein neues Zuhause gefunden hatten, Reni in Loyermoor beim Bauern Willi Bartels und Hans in Barghorn bei einer Frau von Essen. Sie luden uns zu ihrer gemeinsamen Konfirmation ein, die in Kürze, am Palmsonntag, dem 21. März 1948, in Loyermoor stattfinden sollte, und hofften sehr auf unser Kommen, damit sich endlich die ganze Familie einmal wiedersehen würde.
Das war eine Freude! Wie aber sollten wir von Rhinow aus ungeschoren über die Zonengrenze in den Westen kommen? Offiziell war das nicht erlaubt. Wir hörten uns also um. Es gab überall pfiffige Leute, die wussten, wie so etwas am besten ging. Mit denen nahmen wir Kontakt auf. Bei Salzwedel sollte es sein; dort waren angeblich die landschaftlichen Verhältnisse ganz günstig, um „schwarz“ über die „Grüne Grenze“ zu gelangen, ohne erwischt zu werden. Außerdem war Salzwedel für uns von Rhinow aus über Rathenow einigermaßen bequem zu erreichen.
Meine Mutter hatte sich ja bereits im Februar, als sie ihre Schwester Hedwig in Wittenförden besuchte, mit ihr zusammen von dort aus verbotenerweise über die Grenze bis nach Loyermoor gewagt, um nach langer Trennung ihre Tochter Reni aufzusuchen und Hans zu überraschen, der aus Barghorn dazukam und nichts davon ahnte. Die Adresse hatte sie von einer Nichte erfahren. Es war damals schwierig, seine Verwandten wiederzufinden, die man im Krieg oder danach verloren hatte. Man brauchte viel Geduld und durfte vor allem die Hoffnung nicht aufgeben.
Warum sollte das also dieses Mal nicht gelingen, wieder unkontrolliert die Grenze zu passieren? Mutig war meine Mutter schon immer gewesen; das hatte sie in Ostpreußen häufig bewiesen.
Am Tag unserer Abreise war verständlicherweise ein jeder von uns mächtig aufgeregt, verspürte womöglich sogar Angst davor, aufgegriffen und ins Kittchen gesteckt zu werden. Nun hatten wir endlich nach jahrelanger Zivilgefangenschaft unsere Freiheit wieder, und die wollten wir nicht sogleich wieder hergeben. Aber: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Für uns stand fest, dass wir auf gar keinen Fall im Westen bleiben wollten wie so viele andere. Wo sollten wir auch hin? In ein Flüchtlingslager? Nicht schon wieder! Wir wollten zurück, denn wo ein Ostpreuße einmal Fuß gefasst hat, da bleibt er. Und außerdem konnten wir die Tante doch nicht im Stich lassen.
Abends in Salzwedel angekommen, schlossen wir uns zwei Grenzführern an, die sich uns unauffällig zu erkennen gaben, von jedem einen Zehner kassierten und uns durch ein verhältnismäßig wegsames Waldgebiet über die Grenze führten. Nach einigen Kilometern Fußmarsch waren wir dann nicht nur im Westen, sondern auch fix und fertig mit den Nerven und natürlich völlig übermüdet. Mit dem Zug und nach mehrmaligem Umsteigen erreichten wir schließlich unser Ziel.
In Loyermoor bei den Pflegeeltern von Reni, wohin auch Hans an diesem Tag gekommen war, gab es verständlicherweise nach so vielen Jahren ein freudiges, aber auch bewegendes Wiedersehen. Alle lagen sich in den Armen, und ein paar Tränen ließen sich nicht unterdrücken, während die Pflegeeltern sich im Hintergrund hielten, glücklich und gewiss auch stolz darüber, dass sie heimatlosen Kindern helfen und ein neues Zuhause geben konnten.
Ernst und ich brauchten ein bisschen Zeit, bis wir begriffen, dass das tatsächlich unsere Geschwister waren, denen wir hier Aug’ in Auge gegenüberstanden. Wir waren uns direkt ein wenig fremd geworden. Kaum zu glauben: Fast vier Jahre war es her, dass unsere ganze sechsköpfige Familie am 19. Oktober 1944 panikartig den heimatlichen Bauernhof verlassen musste. So eine lange Trennung bewirkt natürlich, dass man sich auseinanderlebt. Das wurde mir vor allem jetzt so richtig bewusst, als wir erzählen mussten, wie es uns in all den Jahren ergangen war, denn es war zwar Post aus dem „Reich“ für uns in Ostpreußen angekommen, die jedoch nicht mehr zugestellt wurde, wir hingegen durften unter der Bewachung durch die Russen keine Briefe verschicken.
Als ich nun voller Stolz und ausführlich von meinem Vater sprach, wie er alles geschafft hat und was er alles durchmachen musste und wie meine Mutter die äußerst schwierige Ernährungslage zu meistern verstanden hatte, da meinte plötzlich mein Bruder Hans mit fast lehrerhafter Stimme: „Du, das ist auch mein Vater! Und meine Mutter!“ Ja, er hatte recht, das hatte ich fast vergessen nach der langen Trennung. Es waren auch seine Eltern.
Jetzt hatten wir eine sehr schwere Entscheidung für die Zukunft unserer Familie zu treffen: Bleiben auch wir hier im Westen und fangen noch einmal ganz von vorne an, wozu uns alle rieten, oder nehmen wir Hans und Reni mit in den Osten?
Die beiden hatten sich in den fast vier Jahren im Westen schon gut eingelebt. Sie wollten auf keinen Fall mit nach Rhinow kommen. Und wir hatten uns inzwischen mit Rhinow angefreundet; da wollten wir nicht schon wieder weiterziehen. Irgendwann würde es ja auch bei uns im Osten mal anders kommen – und hoffentlich besser. Es braucht eben alles seine Zeit. Wir konnten nicht ahnen, was uns die nächsten Jahrzehnte bringen würden, sonst hätten wir uns damals vielleicht sogar anders entschieden. So aber ließen wir die Verhältnisse wie sie waren. Das war die momentan beste Lösung für alle Familienmitglieder, natürlich auch für die Tante, die wir sonst allein und hilflos in Rhinow hätten zurücklassen müssen und die uns mit Sicherheit niemals wiedergesehen hätte. Die Sache war geklärt. Wir fuhren, wenn auch schweren Herzens, nach wenigen Tagen zurück nach Rhinow.
Rhinow, Blick auf die Kirche, 1950; Landkarte mit „Ländchen Rhinow“; Haus in der Lilienstraße 1, 2008; Familienfoto zu meiner Konfirmation 1950; Hof der „Stallwohnung“ 2008
Obwohl wir verständlicherweise in der Friedrichstraße 31 nicht länger kampieren wollten, mussten wir in den „sauren Apfel beißen“ und noch einen weiteren Winter in diesem Kabuff aushalten; anders konnte man diesen Dachverschlag nicht bezeichnen.
Endlich, im Frühjahr 1949, zogen wir dann um. In der Lilienthalstraße 1, dicht am Birkenwäldchen gelegen, hatten wir ein neues Domizil gefunden. Es war eine Stallwohnung bei „Zement-Giese“ mit eineinhalb Stuben und einem schmalen Korridor, den wir zur Küche umfunktionierten, und mit direktem Kontakt zum Schweinestall – Wand an Wand. Die Tante zog nicht mit uns um. Sie bekam beim Bauern Armin Plaue eine größere Stube mit einem Fenster zur Straße.
Für unsere insgesamt 38 Quadratmeter große Behausung wollte man uns monatlich stolze 27,50 Mark Miete abknöpfen. Ein Haufen Geld, wenn man bedenkt, dass mein Vater für seine Gelegenheitsarbeiten im ganzen Monat nur 80,- Mark nach Hause brachte. Meine Mutter, mutig wie sie war, trat deshalb an den Vermieter heran mit der Bitte, die Monatsmiete in Anbetracht unserer prekären wirtschaftlichen Lage auf 22,- Mark zu reduzieren. Das wäre doch wohl genug.
„Das kommt überhaupt nicht infrage!“, war seine barsche Reaktion. Jemand, der uns wohlgesinnt war, gab uns den Rat, Beschwerde beim Bürgermeisteramt einzulegen, denn diese Miete sei erheblich überzogen. Dankend folgten wir dem Hinweis, wurden beim Architekten Horn vorstellig, der als Gutachter für den Rat der Stadt Rhinow arbeitete, die Räume neu vermaß, und siehe da: Nach kurzer Zeit bekamen wir den Bescheid, die angemessene Miete betrage 16,- Mark und nicht mehr. Der Vermieter war natürlich sauer, und das Verhältnis zwischen ihm und uns wurde derart unerträglich, dass uns beinahe die Lust am Leben verging.
„Wären wir doch bloß im Westen geblieben! Schlechter hätte es uns dort auch nicht gehen können“, so oder ähnlich kam es dem einen oder anderen von uns schon mal über die Lippen. Aber einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es dennoch: An der Mauer auf dem Hof durften wir uns zwei Karnickelbuchten aufstellen. Diese Erlaubnis hatte uns der Vermieter schon gegeben, als wir noch gar nicht eingezogen waren. Es blieb ihm also jetzt nichts anderes übrig, als sein Versprechen einzulösen, denn allzu herzlos wollte er nun auch wieder nicht dastehen.
Hatten wir bei „Augustini“ zwei Schlafstellen für vier Personen, so vergrößerte sich die Zahl der Liegestätten hier auf immerhin drei. Mein Vater hatte das kleinste Zimmerchen für sich mit einem Bett und unserem großen Schrank für all unsere Sachen. Da er immer sehr zeitig aufstehen musste, meistens so gegen vier Uhr dreißig, brauchte er schon einen Raum für sich, um uns nicht zu stören. Einen Wecker besaßen wir nicht, benötigten wir auch gar nicht, denn nebenan im Schweinestall machten sich täglich in aller Herrgottsfrühe die hungrigen Tiere lautstark mit ihrem Gegrunze bemerkbar.
In der anderen Stube, die auch nicht wesentlich größer war, fanden die beiden Holzbetten Platz, die wir von „Augustini“ mitgebracht hatten, ganz leichte Gestelle mit Gitterstäben am Kopfende, mit Brettern statt Federböden und Strohauflagen anstelle von Matratzen. Nun hatte meine Mutter endlich ihr eigenes Bett, nur Ernst und ich, wir mussten uns weiterhin ein Strohlager teilen. Dieses Provisorium hielt sogar noch bis 1951 an, als wir unsere dritte Wohnung bezogen. Aber noch waren wir hier in der Lilienthalstraße in unserem „Schweinestall“, hatten uns nach und nach eingelebt, ebenso im Städtchen Rhinow allgemein. Auch die Integration in der Schule klappte ganz gut, allerdings war ich noch immer überaltert, obwohl ich bereits zwei Klassen übersprungen hatte.
Aber es gab nicht nur die Schule, in der man vorankommen musste, nein, auch aus unserer primitiven und schlechten wirtschaftlichen Situation wollten wir heraus, und so hatten wir Kinder ebenfalls nach Kräften unseren Beitrag zu leisten. Da gab es keine Freizeit nach der Schule, da musste geschuftet und Geld verdient werden. Wenn wir nach Unterrichtsschluss nach Hause kamen, fanden wir neben dem Teller auch gleich einen Zettel auf dem Tisch vor mit der Aufstellung aller Arbeiten, die zu erledigen waren oder welche Besorgungen gemacht werden mussten. Wie oft habe ich mir gewünscht, es läge einmal kein solcher Zettel auf dem Tisch.
Für unsere Karnickel, die uns ein wenig an unsere Tiere in Ostpreußen erinnerten, musste regelmäßig und ausreichend Futter besorgt werden. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Eigenes Land oder auch nur ein Stückchen Wiese besaßen wir nicht. Aber Freunde von uns wussten, wo es die saftigsten Wiesen gab. Leider hatten wir zu diesem Zeitpunkt weder ein Fahrrad, um dorthin zu fahren, noch eine Sichel, um schnell mal ein bisschen Gras „mitgehen zu lassen“.
Logischerweise musste also ein Fahrrad her. Ein Fahrrad war schon immer mein größter Wunsch, solange ich denken kann. Und mein erstes und leider auch letztes, in Valtinhof in Ostpreußen mühsam selbst zusammengebasteltes Rad wollten meine Eltern 1947 in Heydekrug auf dem Markt verkaufen, um Lebensmittel dafür zu erstehen. Aber daraus wurde nichts, denn in der Nacht zuvor hatten es bereits russische Halbstarke heimlich aus dem Schuppen gestohlen. Damals brach fast eine Welt für mich zusammen.
Hier in Rhinow nahm ich nun den zweiten Anlauf, mir meinen lang gehegten Traum endlich zu erfüllen. Das lief auch anfangs ganz gut. Einen Rahmen mit Lenkstange, einen Sattel, Kette und auch Schutzbleche hatte ich bald aufgestöbert. Jetzt fehlten nur noch die Räder, denn ein Rad ohne Räder ist schließlich kein Rad. Aber Räder ohne das Wichtigste, die Luftbereifung, taugen auch nichts. Die Räder, die ich irgendwo ergattern konnte, hatten meist eine „Acht“ und es fehlten überall Speichen.
Die letzte Rettung für mich war die kleine Mechaniker-Werkstatt „Schappals“. Hier hoffte ich, Speichen kaufen zu können. Es waren nur wenige Meter von uns bis dahin. Ich klopfte mehrmals an die Tür, aber der Meister rief nicht: „Herein!“ Vielleicht war er schwerhörig. Nichtsdestotrotz betrat ich die Werkstatt, wo es herrlich nach Öl und Schmiere roch; die Atmosphäre gefiel mir. Meister Schappals jedoch beachtete mich überhaupt nicht. Er tat so, als habe er mich gar nicht kommen sehen. Emsig feilend stand er an seinem Schraubstock und nahm keine Notiz von mir. Ich war gerade im Begriff, wieder zu gehen, da fragte er brubbelnd, was ich wolle. „’n paar Speichen, Herr Schappals, ob ich wohl ein paar bekommen könnte?“ Jetzt erst ließ er sich herab und warf mir einen grimmigen Blick über die schmierigen Gläser seiner dicken Hornbrille zu: „Speichen? Da musste zu Wilhelm Pieck jehn!“
Eingeschüchtert machte ich, dass ich aus dem Laden kam und schlich völlig niedergeschlagen nach Hause. Nie wieder habe ich diesen Krimskramsladen betreten. Jemand brachte mir Speichen aus einer kleinen Werkstatt in Friedrichsdorf mit, zu der ich später noch öfter zu fahren hatte, zum Beispiel als ich Lack für mein Fahrrad brauchte.
Bis auf die Bereifung war mein Rad jetzt fertig. Und diese durfte ich mir vom Weihnachtsmann wünschen. Meine Mutter hat sie bei Onkel Fritz, ihrem jüngsten Bruder, der in St. Hülfe bei Diepholz wohnte, bestellt. Pünktlich zu Weihnachten hatte ich meine Wulst-Reifen und war der glücklichste Mensch auf der Welt. Mit dem Fahrrad war es eine wahre Freude, unterwegs zu sein, und das Futterbesorgen ging jetzt bedeutend bequemer und flinker als vorher. Außerdem konnte man sich auch viel schneller verdünnisieren, wenn Gefahr drohte.
Inzwischen hatten sich unsere Eltern eine kleine Parzelle gemietet, auf der sie Kartoffeln anbauten. Das war ein neues Betätigungsfeld, von dem Ernst und ich allerdings nicht gerade begeistert waren, denn unsere Freizeit wurde dadurch noch weiter eingeschränkt. Auch der Karnickelstall vergrößerte sich zusehends, denn der dicke Rammler war nicht faul, wenn er zu gegebener Zeit zur Zippe durfte. Zwischen die Langohren in den Buchten gesellten sich bald ungebetene Gäste, um sich das gute Kraftfutter schmecken zu lassen: ekelhafte Ratten.
Als Nächstes schafften wir uns ein Ferkel an. Dafür habe ich im Stall eine Buchte gebaut, groß genug, denn aus dem süßen kleinen Ferkelchen sollte ja möglichst bald ein großes Schwein werden. Den Braten hatten wir für Weihnachten schon fest eingeplant.
Je mehr Tiere wir hatten, umso mehr Futter brauchten wir. Ein Glück, dass nun das Fahrrad da war. Das hat vieles erleichtert. Mit Gras allein war es längst nicht mehr getan, auch Serradella, eine Zwischenfrucht, Runkelblätter und natürlich Kraftfutter mussten herangeschafft werden. Runkelrübenblätter und Serradella aufzutreiben, war kein Problem, aber Kraftfutter? Das war gar nicht so einfach.
Mein Vater hatte in Stölln bei einem großen Bauern eine Anstellung gefunden. Stölln, zwei Kilometer von Rhinow entfernt, war für meinen Vater nur zu Fuß zu erreichen. Da nützte ihm auch mein neues Fahrrad nichts, denn er konnte gar nicht Rad fahren. Ohne zu murren machte er sich jeden Morgen um vier Uhr dreißig nach Stölln auf, und gegen zwanzig Uhr marschierte er den gleichen Weg zurück. Auf die Dauer war das natürlich kein normaler Zustand für einen inzwischen immerhin schon sechzig Jahre alten Mann. Deshalb mietete er bei dem Bauern, für den er arbeitete, ein Zimmerchen, blieb gleich die ganze Woche über dort und war nur am Sonnabend und Sonntag zu Hause, quasi auf Besuch. Für Ernst und mich war es natürlich von Vorteil, dass wochentags ein Bett in der „Stallwohnung“ frei wurde. Auch für meine Mutter war es günstig. Sie schlief dann vorübergehend für sich allein in Papas Bett im kleinen Zimmerchen, machte also Platz für eines von uns Kindern, und so hatte jeder von uns sein eigenes Bett.
Da Papa nun wochentags in Stölln war, bin ich, so oft ich konnte, mit dem Rad zu ihm gefahren, entweder um ihm Sachen oder wichtige Post zu bringen, und meistens gab er mir dann Stullenpakete mit nach Hause. Manchmal konnte ich auch eine große Kanne Milch mitnehmen, denn die Bäuerin war ausgesprochen gutherzig, was man von dem dicken Bauern nicht gerade behaupten konnte. Der hatte andere „Eigenschaften“. Selten traf man ihn auf seinem Hof an. Die Wirtshäuser kannte er besser als seine Scheunen und Ställe. Gelegentlich blieb er schon mal einen ganzen Tag verschwunden und wurde nicht selten von fremden Menschen aufgelesen und heimgeschafft.
In Stölln gab es eine sehr gutgehende Bäckerei; die gehörte dem Bäcker Lützen. Unser Papa hatte einen guten Kontakt zu ihm, und so sprach er bei passender Gelegenheit das Thema „Schrot“ an, in der Hoffnung, der Bäcker würde ihm freundschaftshalber etwas für sein Schwein abzweigen. Und er hatte tatsächlich Erfolg. Schon in der nächsten Woche durfte ich mit meinem Fahrrad die erste Ladung Schrot in Stölln abholen. Offiziell war es natürlich nicht erlaubt, Schrotkorn an Schweine zu verfüttern. Aber was heißt hier schon „offiziell“? Wir wollten uns ja nur wirtschaftlich ein wenig verbessern.
Beim zweiten oder dritten Mal nahm mich der Bäcker zur Seite und sagte, er wolle mit mir etwas besprechen. Oje! Ich konnte mir schon denken, worum es ging. Das mit dem Schrot hatte sich wohl herumgesprochen. Aber nein, keine Spur davon. Es ging um etwas ganz anderes. Er lobte mich über alle Maßen, sparte nicht mit Anerkennung, wie ich das alles mit meinen vierzehn Jahren so prima mache. Doch was wollte er eigentlich? Ich hatte keine Ahnung. „Willst du für meine Kunden in Rhinow Brot und Brötchen ausfahren?“, fragte er mich dann sehr direkt. Obwohl es mir fast die Sprache verschlug, zögerte ich keine Sekunde und sagte spontan zu. So eine Chance darf man sich doch nicht entgehen lassen. Was doch so ein Fahrrad alles einbringt! Ich hatte Arbeit! Eine richtige Arbeit, die auch honoriert wurde und obendrein noch Spaß machte. Aber Verantwortung hatte ich natürlich auch. Jeden Sonnabend, gewöhnlich so nach dreizehn Uhr, bestieg ich mein Fahrrad und konnte es kaum erwarten, in Stölln in der Bäckerei zu sein. Frau Lützen, eine charmante und überaus freundliche Bäckersfrau, stellte mir dann das Warensortiment zusammen, übergab mir die Bestell-Listen der Rhinower Kunden, und dann ging es zügig ab auf dem schmalen Fußweg an der alten Kopfmühle vorbei auf die Hauptstraße nach Rhinow.
Anfangs schaffte ich es mit nur einer Fahrt, „meine“ Kunden zu beliefern. Aber das blieb nicht so. Schnell sprach es sich herum, dass man Backwaren aus Stölln hierher nach Rhinow frei Haus geliefert bekommen könnte. Am Ende hatte ich sonnabends sogar drei Fahrten zu machen. Meine Kunden stammten aus allen Schichten der Bevölkerung. Überwiegend waren es jedoch kleine Gewerbetreibende oder Handwerker. Und so unterschiedlich wohlhabend wie diese Leute waren, wenn man in dieser Zeit überhaupt von wohlhabend sprechen konnte, so unterschiedlich war auch ihre Spendierfreudigkeit, wenn es um ein Trinkgeld ging. Da überreichte mir zum Beispiel die Mutter eines Zahnarztes die achtundsiebzig Pfennige, die sie für ein Mischbrot zu zahlen hatte, akkurat abgezählt und übersichtlich auf einem Tablett. Und so ganz nebenbei machte sie mich darauf aufmerksam, ich möge sie doch mit „Frau Doktor“ ansprechen. Dabei spielte sie auf ihren Sohn an, der jedoch gar nicht promoviert hatte und nicht einmal selbst diesen Titel hätte tragen dürfen.
Dann wieder gab es Kunden, die nicht so knauserig waren, wie zum Beispiel die Frau vom Schneidermeister oder die aus dem Gemüseladen, die immer rund fünfzig Pfennig parat hatten. Das meiste Trinkgeld bekam ich jedoch von einer Arbeiterfamilie, die fünf Kinder hatte und mit Sicherheit selbst jeden Pfennig umdrehen musste. Die Frau hat meine Arbeit gewürdigt und jedes Mal mit einer Mark belohnt. Vergessen möchte ich auch nicht den dicken Wirt aus der Bahnhofskneipe, der gut und gerne seine drei Zentner auf die Waage brachte. Der hat mir mit einem kleinen Kindergläschen Fassbrause den allergrößten Durst fürs Erste gelöscht, und der Durst war immer groß. Es machte „Zisch!“ und das Glas war leer. Auf seine Frage: „Haste noch Durst?“, schüttelte ich jedoch den Kopf und steckte das auf den Pfennig genau abgezählte Geld ein. In dieser Zeit kam ich zu der Erkenntnis, dass überwiegend die Bessergestellten und Wohlhabenden wenig geneigt waren, etwas von ihrem Reichtum abzugeben.
Neben Brot, Brötchen und anderem Kleingebäck hatte ich auch manchmal zerbrechliche Torten zu transportieren. Und das war schon eine ziemliche Herausforderung meiner Fahrkünste: auf dem Rücken einen großen Rucksack, auf dem Gepäckständer einen weiteren Rucksack mit gestapelten frischen Broten, die während der manchmal recht holprigen Fahrt keine Dellen bekommen durften, links und rechts an der Lenkstange Beutel mit Kleingebäck und in der linken Hand – die Torte. Da musste man schon ein halber Akrobat sein. Zum Glück war damals der Straßenverkehr von Stölln nach Rhinow so überschaubar, dass ich meine Arme nicht zu benutzen brauchte, um anzuzeigen, dass ich rechts oder links einbiegen wollte. Dennoch war ich heilfroh, wenn ich ohne Sturz und ohne Blessuren meine Ware in unversehrtem Zustand abliefern konnte. Nach meiner jeweils letzten Fahrt machte ich dann die Abrechnung bei Frau Lützen, die immer wieder erstaunt war, wie penibel und übersichtlich ich ihr die Abrechnungsliste übergab. Ihr Lob machte mich gleich größer. Vielleicht wäre ich mal ein guter Buchhalter geworden.
Meine Ausbeute an so einem Sonnabend war recht ergiebig: Von Frau Lützen bekam ich drei Mark, eine Art „Festlohn“, dazu ein kleines Brot, einige Brötchen und gelegentlich sogar noch etwas Kleingebäck, Amerikaner oder Schnecken. Zusammen mit meinem Trinkgeld von den Rhinower Kunden, das meist so zwischen 2,50 und 3,00 Mark betrug, war es jedes Mal ein erfolgreicher und schöner Tag, und ich konnte kaum das nächste Wochenende erwarten. Bevor ich mich von Frau Lützen verabschiedete, ging ich gewöhnlich noch schnell in die Backstube, um auch Herrn Lützen ein schönes Wochenende zu wünschen. Meist stand er vor seinem Backofen, nach Luft ringend, denn er hatte ein schweres Asthma-Leiden und musste in regelmäßigen Abständen nach seinem Beatmungsgerät greifen. Trotz seines Leidens war er aber immer freundlich und in bester Laune.
Als ich im August 1951 meine Tätigkeit bei Lützens aufgeben musste, weil ich nach Zehdenick zur Oberschule kam, und mich nach meiner letzten Fahrt von den Bäckersleuten verabschiedete, waren sie schon ziemlich traurig darüber, und auch mir standen die Tränen in den Augen. Als ich Herrn Lützen aber sagte, dass Ernst meine Arbeit gerne übernehmen würde, war er hellauf begeistert. Er nannte meinen Bruder, den er schon kennengelernt hatte, als er mich ein paar Mal vertreten musste, liebevoll „Ernesto“. Und Ernesto fuhr dann noch fünf Jahre lang für Lützens das Brot aus, obwohl er nach einem Jahr jeden Tag zur Oberschule nach Rathenow fahren musste, auch sonnabends, bis er schließlich nach dem Abitur in Karl-Marx-Stadt begann, Maschinenbau zu studieren.
Die Lebensverhältnisse in der Lilienthalstraße bei „Zement-Giese“ wurden immer unerträglicher, obwohl wir mit unseren Kaninchen und dem Schwein eine kleine Aufbesserung hatten. Und die Arbeit in Stölln wurde für unseren Vater, der so langsam auf das Rentenalter zuging, noch umfangreicher dadurch, dass er nun die ganze Woche bei dem Bauern wohnte und ihm somit jederzeit zur Verfügung stand, praktisch vierundzwanzig Stunden am Tage. Der jedoch dachte nicht daran, die zwanzig Mark Wochenlohn um lumpige fünf Mark aufzustocken; er brachte das Geld lieber in die Kneipe. Eine Kündigung seitens meines Vaters war schließlich die Folge dieser unhaltbaren Zustände. Wenige Jahre später ist der Bauer dann sowieso in den Westen gegangen.
Vor seiner Kündigung allerdings wollte ich, dass mein Vater noch das Radfahren erlernte. Wer aber sollte es ihm beibringen, und wo konnte er üben, ohne dabei beobachtet zu werden? Lust hatte er schon, aber er traute sich nicht so richtig. Der Hauptgrund aber war sicher: Er wollte sich nicht blamieren. Bei einer günstigen Gelegenheit auf einer harten Koppel ergriff ich die Initiative, und jetzt gab es kein Zurück mehr. Papa musste aufs Rad, und siehe da, er stellte sich erstaunlich geschickt an mit seinen über sechzig Jahren. Ein paar Versuche und schon klappte es. Nach diesem Erfolgserlebnis kam dann also gleich das nächste: die Kündigung in Stölln. Jetzt blieb er in Rhinow und sah sich hier nach einer neuen Arbeit um. Eine passende Anstellung, außer in der Landwirtschaft, war für sein Alter schwer zu bekommen. Er versuchte es bei „Szaika“, das war das Sägewerk, unweit am Rhin gelegen. Das war eine Knochenarbeit, aber die Arbeitszeit war geregelt und nicht so lang wie beim Bauern, wo der Tag zwölf Arbeitsstunden hatte. Das Sägewerk aber sollte ihm kein Glück bringen. Eines Tages fiel ihm ein Baumstamm auf den Fuß, und der gebrochene Fuß beendete nach kurzer Zeit auch diesen Job im Sägewerk.
Meine Mutter war inzwischen damit beschäftigt, sich nach einer neuen Wohnung umzusehen, denn die erste große Familienfeier stand ins Haus: meine Konfirmation. Konfirmiert wurde in der evangelischen Kirche meistens am Palmsonntag; das war im Jahre 1950 der 2. April.
Dass wir bis zu diesem Zeitpunkt noch eine neue Wohnung finden würden, war so gut wie ausgeschlossen. Beziehungen hatten wir keine. Beziehungen hatten meist etwas mit Bestechung zu tun oder mit irgendwelchen krummen Machenschaften. Damit wollten meine Eltern nichts zu tun haben. Sie waren grundehrlich.
Die Vorbereitungen für meine Konfirmation liefen an – das erste große Familienfest hier im Osten, in der DDR. Die allerwichtigsten Fragen waren: Wen laden wir ein und wo bringen wir die Gäste unter? Wie soll das alles funktionieren, hier in unserer winzigen Wohnung neben dem Schweinestall? Fragen über Fragen, die wir jetzt gemeinsam zu lösen hatten. Einige Familien, mit denen meine Mutter Kontakt hatte, erklärten sich freundlicherweise bereit, Gäste aufzunehmen.
Einen Konfirmationsanzug brauchte ich auch noch. Bisher hatte ich noch nie einen richtigen Anzug mit langer Hose getragen, geschweige denn, besessen. Punkte von der Kleiderkarte wurden gesammelt, um aus Meterware einen Anzug für mich schneidern zu lassen. Und zum Zahnarzt musste ich auch noch, zum ersten Mal in meinem Leben. Bis 1944 wurden wir Kinder von der Schule aus vom Schulzahnarzt untersucht; das war Pflicht. Und später, unter den Russen, hatten wir keinen Zahnarzt und zum Glück auch keinen gebraucht. Aber jetzt war es unumgänglich.
Als ich dann das erste Mal auf so einem beengten Stuhl saß und der Arzt mit dem Bohrer und diesem nervenden Geräusch meine Zähne bearbeitete, dachte ich nur: Wann hört der endlich auf? Er hörte nicht auf, er machte nur mal eine Pause, um mir zu sagen: „Spuck aus!“ Ich schaute nach links, da stand die Helferin; ich schaute nach rechts, da stand der Arzt. Wo sollte ich denn hinspucken? Da spuckte ich einfach geradeaus, einfach so in die Gegend.
Totenstille! Dann aber prasselte ein Donnerwetter auf mich nieder, und ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Jetzt erst machte mich die Arzthelferin auf die links neben mir angebrachte weiße Schale mit dem dicken Rand und dem Loch in der Mitte aufmerksam. Ich hatte gedacht, das sei irgendeine Schüssel aus Porzellan; da kann man doch nicht einfach reinspucken. Es war pure Ahnungslosigkeit und nicht etwa die Rache dafür, dass seine Mutter nie einen Pfennig Trinkgeld für mich übrig hatte, wenn ich das bestellte Brot bei ihr ablieferte. Noch heute schäme ich mich für meine Dummheit. Als ich die Praxis verließ, hatte der Zahnarzt sich wieder beruhigt, schaute schon wesentlich freundlicher drein und schüttelte mir sogar noch schmunzelnd die Hand.
Inzwischen war es April geworden und die Konfirmation stand kurz bevor. Reni und Hans waren gekommen – für sie sicher eine historische Fahrt, denn erstmalig waren sie im Osten, in der am 7. Oktober 1949 gegründeten „Deutschen Demokratischen Republik“. Aber auch noch andere Verwandte aus Westdeutschland und West-Berlin waren angereist. Mit der Unterbringung hatten wir zwar unsere liebe Not, aber „Raum ist in der kleinsten Hütte“. Davon ließen wir uns leiten, und alle waren letztendlich zufrieden. Mein Konfirmationspartner Georg, mit dem zusammen ich kniend von Pfarrer Ebeling den Segen empfing, war der jüngste Sohn der Familie Winter. Die Familie Winter stammte aus dem ostpreußischen Elbing. Herr Winter übte in Rhinow eine Funktion aus, die heute kaum noch jemand kennt und die geradezu mittelalterlich anmutet. Er war ein sogenannter „Stadtschreier“, der mit einer Glocke durch die Straßen zog, an allen belebten Ecken stehen blieb und die wichtigsten Neuigkeiten mit kräftiger Stimme verkündete. Anschlagtafeln für irgendwelche Mitteilungen gab es damals noch nicht.
