Wer kennt schon Araca? - Christa Mehrgardt - E-Book

Wer kennt schon Araca? E-Book

Christa Mehrgardt

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Beschreibung

Araca ist der Name einer Zinnmine, die zwischen dem bolivianischen Altiplano im Westen und dem Amazonas-Tiefland im Osten liegt. Sie erlebte ihre Blütezeit in den 1920er Jahren. Damals wurde dort ein Telefonnetz eingerichtet, eine Straße zur Bahnstation und eine neue Seilbahn gebaut. Heute zeugen nur noch einige verfallene Bergwerksbauten und Stollen von der einst regen Bergwerktätigkeit in Araca. – Auf einer Schiffsreise im Januar 1914 nach Südamerika lernen sich Eduard Overlack und Elisabeth Lauenstein kennen. Sie verlieren sich aus den Augen und können infolge der Wirren des Ersten Weltkrieges nicht nach Deutschland zurückkehren. Als sich die beiden 1919 zufällig in Antofagasta, Chile, wiedersehen, ist er Direktor der Zinnmine in Araca, während sie als Lehrerin arbeitet. Sie heiraten und leben schließlich mit drei Kindern in 4.300 Meter Höhe in Araca. Erst als dem damaligen "Zinnkönig von Bolivien", Patiño, 1926 die feindliche Übernahme dieser florierenden Mine gelingt, macht sich die Familie auf den Weg zurück nach Deutschland.

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Seitenzahl: 277

Veröffentlichungsjahr: 2015

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DAS BUCH

Araca ist der Name einer Zinnmine, die in 5.000 Meter Höhe zwischen dem bolivianischen Altiplano im Westen und dem Amazonas-Tiefland im Osten liegt. Sie erlebte ihre Blütezeit in den 1920er Jahren unter der Leitung des Deutschen Eduard Overlack und war eine der ertragreichsten Zinnminen des Landes.

Heute zeugen nur noch einige verfallene Minen und Stollen von der einstmals regen Bergbautätigkeit dort.

Aus vielen Puzzlestückchen setzt sich etwas zusammen, das langsam zu einer Geschichte wird, der Geschichte von zwei jungen Auswanderen am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Heutzutage ist eine Geschichte dieser Art undenkbar. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als Frau allein auszuwandern, wie Elisabeth Overlack es getan hat, war sehr mutig. Damals dauerte die Reise mit dem Schiff fünf Wochen und jeder Brief dauerte genauso lang. Diese Geschichte musste einfach geschrieben werden.

DIE AUTORIN

Christa Mehrgardt hat vor Jahren damit angefangen, die Briefe und Fotos ihrer Eltern aus Südamerika zu sammeln. Sie sammelte die Tagebücher ihres Vaters, seine Taschenkalender voller Notizen, und überhaupt alle Dokumente und Fotos über ihr Leben. Die Geschichte ihrer Eltern ist außergewöhnlich und zudem ein zeitgeschichtliches Dokument, das sie nicht verlorengehen lassen wollte.

Schiff in der Magellanstraße

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Die Anfänge liegen in Deutschland

Eduard

Elisabeth

2. 1914 – Schiffsreise um Südamerika

Sich finden und wieder verlieren

Fahrt durch die Magellanstraße

3. In der Fremde

Elisabeth als Lehrerin in Osorno/Chile

Krieg in Deutschland – Heimweh

Eduard in Bolivien

Ein Flachländer besteigt den Illimani

Vom Gelegenheitsarbeiter zum Minendirektor

4. Sich Wiederfinden

Abschied von Osorno

Neubeginn in Antofagasta/Chile

Eine Geschäftsreise nach Antofagasta

Nichts ist mehr so, wie es vorher war

Zwei Heiratsanträge

Hochzeit in La Paz und Drei-Tage-Reise zur Mine

5. Zu Hause in Araca

In einer fremden Welt

Tanapaca wird als grüne Oase entdeckt

Feliciano, der Koch und gute Hausgeist

Hungersnot in Deutschland

Schwanger! – Das Kind soll in Deutschland geboren werden

6. 1921 – Erste Deutschlandreise

Fröhliche und entspannte Schifffahrt

Glückliches Wiedersehen mit den Familien

Auch in Deutschland geschäftlich unterwegs

Geburt des ersten Kindes

Rückreise – 40 Tage auf dem Schiff

Durch den neuen Panamakanal

Von unerträglicher Hitze in die Kälte

7. Familienleben in 4.300 Meter Höhe

Die Mine wächst

Anerkennung von der Firmenleitung

1922 – Tanapaca und Geburt des zweiten Kindes

Vorbei ist die Einsamkeit – ständiger Besuch ist Alltag

1923 – Inflation in Deutschland

Neue Pläne

8. 1924 – Lange Trennung

Allein in Araca

Früchte der langjährigen Tätigkeit – die Mine boomt

Ein besorgter Vater

Technische Neuerungen erleichtern das Leben

Patiño, der Zinnkönig von Bolivien

Der Kampf um die Mine

Eds Reise nach Deutschland

Unbeschwerte Ferienwochen

Ein Kindermädchen wird gefunden

Fräulein Hillmann bekommt ihre Ungefährlichkeit bescheinigt

9. Das Schicksal der Mine

Eine lange Reise mit drei Kindern und Kindermädchen

Einzug in das neue Haus

Unerfreuliche Verhandlungen um die Zukunft der Mine

Übergabe der Mine an Patiño

1926 – Abschied von Araca

Ferientage in Antofagasta

10. Neuanfang in Deutschland

Suche nach Arbeit und neuer Heimat

1926 – Geburt des vierten Kindes

1929 – Endlich zu Hause

Anmerkungen

Elisabeth (2. von rechts), hinter ihr Eduard

Vorwort

Auf einer Schiffsreise im Januar 1914 nach Südamerika lernen sich meine Eltern Eduard Overlack, 23 Jahre alt, und Elisabeth Lauenstein, 24 Jahre alt, kennen. Er folgte der Einladung eines Studienfreundes auf dessen Hazienda in der Nähe von La Paz, Bolivien. Sie hatte einen Vierjahresvertrag als Lehrerin an der deutschen Schule in Osorno, Chile.

Sie verlieren sich aus den Augen und können infolge der Wirren des Ersten Weltkriegs nicht nach Deutschland zurückkehren. Als sich die beiden 1919 zufällig in Antofagasta, Chile, wiedersehen, ist er Direktor einer Zinnmine in Araca, während sie hier ihre Zeit bis zu ihrer Rückkehr in die Heimat überbrückt. Sie heiraten und leben schließlich mit drei Kindern in 4.300 Meter Höhe in Araca.

Als dem damaligen "Zinnkönig von Bolivien", Patiño, 1926 die feindliche Übernahme dieser florierenden Mine gelingt, kehrt die Familie nach Deutschland zurück, wo ich, Christa Mehrgardt, als viertes Kind geboren wurde.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war es schon sehr mutig, allen Widerständen zum Trotz, als junge Frau allein auszuwandern, wie es meine Mutter getan hat. Meinen Vater dagegen trieb eher die Abenteuerlust.

Ich habe vor Jahren damit angefangen, die zahllosen Briefe, Tagebücher, Dokumente und Fotos meiner Eltern aus Südamerika zu sammeln und zu ordnen. Aus vielen Puzzlestücken setzte sich dann etwas zusammen, das zu einer Geschichte wurde: die Geschichte meiner Eltern. Sie ist ein außergewöhnliches und auch zeitgeschichtliches Dokument, das nicht verlorengehen sollte.

Die Anfänge liegen in Deutschland

Eduard

Mein Vater Eduard Overlack wurde am 23. Januar 1891 in Krefeld am Niederrhein geboren. Sein Vater Eduard, mein Großvater, hatte als Jüngster von 13 Geschwistern die väterliche Ziegelei übernommen. In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts gingen, wie überall, auch seine Geschäfte schlecht, und das gerade in der Zeit, als er geheiratet und eine Familie gegründet hatte. Seine Frau Sophie Girmes, meine Großmutter, hatte er sich von einem großen, am Stadtrand gelegenen Bauernhof geholt, an den heute nur noch eine Straße, die "Girmesgath", erinnert. Nun, seine Auserwählte musste wohl als fünftes von sechs Geschwistern etwas schwächlich geraten sein, denn in seiner Familie hieß es: "Was willst du bloß mit diesem schwindsüchtigen Mädchen?" Ein glattes Fehlurteil – sie wurde 85 Jahre alt! Sie bekam sechs Kinder, immer hübsch abwechselnd Söhne und Töchter, und wurde eine energische und resolute Mutter und Hausfrau, die es verstand, die Familie und das zunächst spärliche Einkommen zusammenzuhalten.

Währenddessen brachte der Vater mit Geschick und großem Einsatz die Geschäfte wieder in Gang. Es gelang ihm, alle der ca. 20 "Ringofenbesitzer" zusammenzubringen und das erste "rheinische Ziegel-Syndikat" zu gründen, dem er als Geschäftsführer jahrzehntelang vorstand und in dem von da an sehr erfolgreich gearbeitet wurde.

Mein Großvater war allseits anerkannt und geachtet, nicht nur wegen seiner Kompetenz und Gerechtigkeit, sondern auch wegen seiner ausgleichenden und liebenswürdigen Art im Umgang mit jedermann – und wegen seiner Großzügigkeit. Als er einmal nach langer Krankheit im Frühjahr zum ersten Mal wieder über die Bahngleise zu seiner Arbeit ging, rief ihm der Schrankenwärter zu: "Prost Neujahr, Herr Overlack!" Klar! Er hatte ja noch nicht wie üblich sein Neujahrsgeld – "Neujährken" genannt – bekommen. Und ebenso klar war, dass das Versäumte unverzüglich nachgeholt wurde. In der Familie mit der wachsenden Kinderschar ging es fröhlich und lebhaft zu, denn alle miteinander waren mit einer guten Portion rheinischen Temperaments und Humors ausgestattet. Dazu kam der rege Verkehr mit der zahlreichen und weitläufigen Verwandtschaft aus Stadt und Land.

Krefeld, der Heimatort, war eine schöne und gepflegte Stadt, wohlhabend und bekannt durch ihre zahlreichen Samt- und Seidenwebereien sowie ihre Färbereien. Ihre Besonderheit wurde hervorgehoben durch den Ausspruch: "Es gibt Gute und es gibt Böse und es gibt Krefelder."

Mit der zunehmenden Industrialisierung suchte die Stadtjugend immer stärker nach einer Gegenwelt, und die erschloss sich ihr immer mehr in der Natur. Überall schlossen sich Gruppen zum gemeinsamen Erforschen ihrer weiteren Umwelt zusammen. So entstand eine sich immer weiter ausbreitende Bewegung, die sich endlich zusammenfand und 1901 den "Wandervogel" gründete.

Mein Vater schloss sich etwa im Alter von zehn Jahren dieser Gemeinschaft an. Mit dem Rucksack auf dem Rücken, der Gitarre über der Schulter ging es hinaus in die Natur, um die Heimat kennenzulernen. Und am abendlichen Lagerfeuer wurde dann eifrig gesungen – alte Volks- und Wanderlieder.

Die Naturverbundenheit meines Vaters hatte hier ihre Wurzeln. Und – so seltsam es klingen mag – in der Jagd. Mein Großvater als leidenschaftlicher Jäger nahm schon früh seine Söhne mit auf die Jagd, mit dem Erfolg, dass auch die drei passionierte Jäger wurden. Dabei war natürlich das Aufspüren und Schießen von Wild das vorrangige Ziel. Aber ebenso wichtig war für meinen Vater das Eintauchen in die Natur und die Hege seines Reviers.

Später lernten wir Kinder bei unseren Eltern einen achtungsvollen Umgang mit der Natur und die Liebe zu ihr. Nie wurde bei unseren vielen Wanderungen im Wald laut gesungen oder gar geschrien: Wir wollten Wild und Vögel sehen und beobachten und nicht etwa verscheuchen. Zu meinen schönsten Erinnerungen gehört das stundenlange, schweigende Sitzen in der Abenddämmerung auf dem Hochsitz neben meinem Vater. Dass ich währenddessen inbrünstig betete, er möge in meiner Gegenwart, oh bitte, nichts schießen, ahnte er natürlich nicht. Aber es hat geholfen. –

Um Maschinenbau zu studieren, ging mein Vater nach Hannover. Das war für ihn ein großer Schritt hinaus aus dem bürgerlichen Alltag in der Familie in die Unabhängigkeit und Freiheit des Studentenlebens. Er suchte auch hier die Gemeinschaft und fand schnell Anschluss. Er wurde Mitglied im "Corps Ost-Westfalia", einer schlagenden Verbindung.

Hatten bisher bei den Wandervögeln das Wandern und Zelten in der Natur die Gemeinsamkeit geprägt, so galten jetzt andere Werte: Fechten und Zechen! Nun ist das Fechten ein schöner und auch disziplinierender Sport, wenn, ja wenn damals nicht das Austragen der Mensuren dazugehört hätte. Diese wurden nämlich ohne Gesichtsschutz gefochten, sodass es oft erhebliche Verletzungen gab, die "Schmisse", die das Gesicht meines Vaters sein Leben lang zierten. Jedes Mal, wenn er wieder mit einem neuen "Schmiss" nach Hause kam, schlug seine Mutter die Hände über dem Kopf zusammen und jammerte: "Das schöne Gesicht!"

Auch seinem Vater gefiel dieses lockere Leben nicht sonderlich. Und es gefiel ihm überhaupt nicht, dass sich die Corpsstudenten ziemlich elitär gebärdeten. Er erlebte es hautnah, als er einmal seinen Sohn in Hannover besuchte. Anstatt seinem Vater bei dessen Ankunft den Koffer abzunehmen, rief er dazu einen Gepäckträger herbei, was seinen sparsamen Vater ziemlich fassungslos machte. Aber ein Corpsstudent befolgte eben bestimmte Etikette.

Diesen Anflug von Arroganz hat ihm das Leben – wie sich noch zeigen wird – sehr bald ausgetrieben. Nie wieder war er sich später für irgendeine Arbeit zu fein. Eine Marotte der Corpsstudenten hat er aber beibehalten: Er nahm nie einen Regenschirm. Ja, er hat bis zu seinem Lebensende noch nicht mal einen besessen.

Jede Studentenverbindung hatte ihre eigenen "Farben", an denen sie voneinander zu unterscheiden waren, und die trugen sie an einem breiten Band über der Brust, am Degenkorb und an der oft etwas eigentümlichen Mütze. Die Ost-Westfalen trugen die Farben blau-weiß-orange. Und sie waren ziemlich stolz darauf.

Der Hauptgrund für den Eintritt in eine "Burschenschaft" aber war wahrscheinlich etwas ganz anderes: Ein Student, der in eine bisher fremde Welt kam, fand hier Aufnahme, Gemeinschaft, Hilfe und Freundschaft, die sehr oft lebenslang hielt. Obgleich mein Vater schon vor dem Diplom Hannover verließ, gehörte er von da an zu den "Alten Herren", und wann immer es sich einrichten ließ, besuchte er in Hannover die jährlichen, regelmäßig stattfindenden Treffen, die nach dem Krieg wieder aufgenommen wurden.

– Zu dieser Zeit durfte auch ich an solchen Treffen teilnehmen, die ich in schönster Erinnerung behalten habe. Mein Vater aber war nun strikt gegen jede Neugründung einer "schlagenden Verbindung", die er als nicht mehr in diese Zeit passend ablehnte. –

Einer der "Corpsbrüder" stammte aus La Paz, Bolivien, der dort eine Hazienda besaß. Er bot meinem Vater an, als sein Teilhaber zu ihm zu kommen. Das Vorexamen war bestanden, nun zeigte sich eine Alternative zum Diplom: Auswandern! Ich weiß nicht, ob mein Vater sehr lange überlegt hat oder ob seine Abenteuerlust schnell die Oberhand gewann; er nahm das Angebot an. So genau muss er sich aber nicht informiert haben, worauf er sich da einließ. Doch das erzähle ich an anderer Stelle.

Wie sich denken lässt, war mein Großvater alles andere als begeistert von dem Plan seines Sohnes, sein Studium an den Nagel zu hängen. Schließlich blieb ihm aber keine andere Wahl als einzuwilligen. Eine Bedingung aber stellte er: Sein Sohn sollte ohne seinen leichtsinnigen Freund Eugen Herbst reisen, dessen negativen Einfluss er fürchtete.

Am 24. Januar 1914, einen Tag nach seinem 23. Geburtstag, ging mein Vater an Bord des Postdampfers "Rhakotis" der "Deutschen Dampfschiffahrtsgesellschaft Kosmos" (DDG Kosmos). Mit an Bord ging trotz des väterlichen Widerstands sein leichtlebiger Freund Eugen.

Und hier kommt nun meine Mutter ins Spiel.

Elisabeth

Meine Mutter Elisabeth Lauenstein wurde am 25. Januar 1890 in Colnrade geboren, einem Dorf in der Nähe von Oldenburg, idyllisch an dem kleinen Fluss Hunte gelegen.

Ihr Vater Johannes – mein Großvater – war als Ältester von sechs Geschwistern in Hildesheim aufgewachsen, wo sein Vater ca. 20 Jahre lang Pastor an der dortigen St. Jakobi-Kirche war. Johannes folgte der Familientradition und studierte wie sein Vater und Großvater Theologie.

Ihre Mutter Luise Herminghausen – meine Großmutter – war nach dem frühen Tod ihres Vaters, der Pastor in Brake gewesen war, mit ihrer Mutter und dem Bruder in das nahe Göttingen gezogen. Hier lernte sie den Theologiestudenten Johannes Lauenstein kennen. Nach seiner Ordination zum Pastor heirateten die beiden 1887 in Göttingen. Zusammen übersiedelten sie nach Colnrade und bezogen das dortige Pfarrhaus. Hier trat der junge Pastor seine erste Pfarrstelle an, die leider auch seine letzte sein sollte! Die beiden "Pastorenkinder" waren also von ihrer Herkunft her offensichtlich bestens geeignet für das Leben und die Arbeit in einer Kirchengemeinde. Hier richteten sie sich ein, hier wurden die beiden Töchter Martha und Elisabeth geboren, hier gehörten sie zu den Honoratioren des Dorfes. Neben den vielfältigen Aufgaben eines Pastors, die sonntäglichen Gottesdienste usw., spielte die Arbeit in der Gemeinde eine wichtige Rolle. Mit viel Engagement und Freude setzte er sich für alles ein, was für das Dorf wichtig war, z.B. die Gründung der Feuerwehr und die Anschaffung einer Pferdespritze, die selbstverständlich, in Ermangelung eines dörflichen Gerätehauses, in der Pfarrscheune untergebracht wurde.

Ebenso selbstverständlich war das gelegentlich vom Pastor spendierte Fass Bier für die Feuerwehrkameraden. So lief scheinbar alles in geordneten Bahnen. Aber leider nur scheinbar. 1898, nach zehn Jahren einer geachteten Amtsführung, brach eine Katastrophe über alle herein: Der bis dahin angesehene Pastor der Gemeinde wurde – aus heute nicht mehr ersichtlichen Gründen – angeklagt und musste sich vor Gericht verantworten. Im Laufe des Verfahrens leistete er einen Meineid, und dieser – nicht der Anklagepunkt selbst – war schließlich der Grund zu seiner Verurteilung. Wie sich denken lässt, hatte das furchtbare Folgen für ihn und seine Familie. Unter demütigenden Umständen mussten sie das Dorf verlassen. Und sie mussten sich trennen.

Meine Großmutter zog mit ihren beiden Töchtern in ihre Heimatstadt Göttingen, aus dem großen Pastorat im Dorfmittelpunkt in die jetzt wohltuende Anonymität einer Stadtwohnung. Mein Großvater wanderte nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe nach Amerika aus. Am 7. Mai 1903 traf er dort ein und stellte am 13. Mai in New York seinen Antrag auf Einbürgerung. In White Plains begann er eine Arbeit mit schwer erziehbaren Jungen. Damit war er so erfolgreich, dass es ihm gelang, sich eine neue Existenz aufzubauen. So hatte er die Hoffnung, eines Tages seine Familie nachholen zu können.

Diese richtete sich, so gut es ging, in Göttingen ein. Ganz sicher wusste meine damals achtjährige Mutter nicht so richtig, was da so plötzlich in ihr Leben eingegriffen und es von Grund auf verändert hatte. Tatsache aber ist, dass Göttingen im Lauf der Jahre zu ihrer sehr geliebten Heimat geworden und es auch immer geblieben ist.

Meine Großmutter aber musste sehen, wie sie unter diesen ganz anderen Bedingungen allein zurecht kam. Um ihre kargen Finanzen aufzubessern, nahm sie ältere Damen bei sich auf, meist "adelige Fräuleins", die wohl nicht immer so ganz pflegeleicht waren. Meine Großmutter karikierte diesen leichten Dünkel, etwas "Besseres" zu sein, mit dem ihr eigenen Humor und dem bei uns viel zitierten Satz: "Dreck ist Dreck und 'von Dreck' ist auch Dreck." Noch einen ihrer drastischen Sprüche, mit denen sie ihre Lebenssituation für sich zurechtrückte, will ich hier auch anführen: "Wenn wir reich sind, essen wir Schnepfendreck [eine damals bekannte und teure Delikatesse; C.M.], und wenn wir arm sind, lassen wir die Schnepfen weg."

Inzwischen hatte mein Großvater in den USA Fuß gefasst, und durch seine so erfolgreiche Arbeit mit den Jugendlichen konnte er nun daran denken, seine Familie nachkommen zu lassen. Nach drei Jahren (1906) war es endlich soweit: Alles war bei ihm geregelt und für die Ankunft der Seinen vorbereitet, in Göttingen waren die Koffer gepackt und alle zur Abreise bereit, da traf ein alles veränderndes Kabel ein: Mein Großvater war innerhalb weniger Tage in White Plains/New York an den Folgen einer Angina pectoris gestorben!

Wieder saß die Familie auf einem Trümmerhaufen, wieder waren alle Pläne und Hoffnungen zerstört, wieder musste – so anders als gedacht – neu angefangen werden.

Zwar fiel die Unterstützung aus den USA jetzt fort, dafür bekam meine Großmutter nun eine Rente von der Landeskirche. Diese war für eine zehnjährige Beamtentätigkeit nicht eben hoch, aber sie hatte ja gelernt, mit wenig auszukommen.

Die beiden Schwestern wurden Lehrerinnen, einer der wenigen für junge Mädchen möglichen Berufe. Wie sich zeigte, der genau richtige für Elisabeth. Sie war tatsächlich die "geborene Lehrerin". Es fiel ihr leicht, mit Kindern umzugehen, ihnen das notwendige Wissen beizubringen und ihre Fähigkeiten zu wecken. Groß und schlank, blond und blauäugig, strahlte sie eine natürliche Autorität aus und war ansteckend in ihrer Fröhlichkeit und ihrer Begeisterungsfähigkeit. Es konnte passieren, dass die junge Lehrerin in der Pause auf dem Schulhof stand und lauthals den Frühling ansang. Kein Wunder, dass ihre Schülerinnen mit großer Liebe an ihr hingen.

Abgesehen von ihrem ersten Berufsjahr als Hauslehrerin in Arnheim – sie war damals gerade 20 Jahre alt – lebte und arbeitete sie in Göttingen. Göttingen: eine alte Universitätsstadt, lebendig und voller Anregungen. Bunt und vielfältig wie die Mützen der Studenten war auch das Leben in der Stadt, voller Abwechslung, Geselligkeit und Freundschaft. Für Elisabeth ein reiches und glückliches Leben. Trotzdem, etwas fehlte: mehr Unabhängigkeit und Freiheit. Ein Fahrrad sollte ihr dazu verhelfen. Von ihrem ersten selbstverdienten Geld kaufte sie sich also ein Fahrrad. Das war zu der Zeit fast so ein Ereignis wie heute das erste Auto. Und da es sich mit den damals üblichen langen Röcken schlecht Fahrrad fahren ließ, erstand sie gleich auch noch Hosen dazu, eine Art Pumphose, ordentlich unter den Knien gebunden! Trotzdem, für ihre Umgebung ziemlich "shocking" und so gar nicht "ladylike". Jetzt konnte sie mit ihren Freundinnen und Freunden Ausflüge in die schöne weitere Umgebung der Stadt machen, die sie von Herzen genoss.

Die tiefsitzende Sehnsucht nach Freiheit war aber auch damit noch nicht gestillt, die hatte andere, tiefer sitzende Gründe. Immer stärker wurde ihr bewusst, dass sie andere Vorstellungen von ihrer Zukunft hatte als ein Leben als Lehrerin in Göttingen oder als Frau einer ihrer Freunde. So sehr sie auch ihre Heimat liebte, so sehr wurde ihr immer deutlicher, dass sie ganz fort wollte. So wuchs allmählich der Plan in ihr, auszuwandern, am liebsten nach Afrika, in diesen riesigen geheimnisvollen Kontinent.

Ich bewundere ihren Mut, ihre Entschlossenheit und Zielstrebigkeit, mit der sie ihren Plan verfolgte und gegen alle Hindernisse ankämpfte. Da gab es keinen, der sie unterstützte, keinen, der ihr half. Im Gegenteil! Ein junges Mädchen ganz allein, wer sollte das wohl verstehen? Zu den nötigen Formalitäten gehörte auch das Gesundheitszeugnis ihres Hausarztes. Der bescheinigte nicht nur ihre körperliche und geistige Gesundheit, sondern gleich auch noch, was er von ihrem Plan hielt: nämlich nichts! Er versah dieses amtliche Papier mit dem Nachsatz: "Fräulein Lauenstein ist viel zu schade für Afrika." Den Traum von Afrika musste sie dann auch aufgeben, da es dort nirgends eine Stelle für sie gab. Eigentlich erstaunlich, denn bis zum Ersten Weltkrieg waren das heutige Namibia, Tansania und Kamerun deutsche Kolonien, in denen es überall deutsche Schulen gab. Warum auch immer, Elisabeth war es offensichtlich nicht bestimmt, in Afrika zu leben. So suchte sie weiter und fand eine Stelle in Osorno, Chile, für die sie einen Vierjahresvertrag bekam. Für Afrika hätten ihre englischen und französischen Sprachkenntnisse gereicht. Aber in Chile wurde spanisch gesprochen, und darum hieß es nun: Spanisch lernen. Mit ihrer Sprachbegabung kein Problem, zumal die lange Schiffsreise viel Zeit dazu bot.

Am 24. Januar 1914 war es soweit. Ihre Mutter und eine Tante brachten sie an Bord des Postdampfers "Rhakotis" der "Kosmos Dampfschiffahrtsgesellschaft". Am Kai taucht sie ein in den Trubel, der zum Auslaufen eines Schiffes gehörte. Alles strömte auf das Schiff, die Passagiere mit ihren Begleitern und das Personal, das Gepäck wurde aufgeladen – Lärmen, Rufen, Suchen, Fragen. Mittendrin Elisabeth. "Ich fühle mich in meinem Element. Diese Menschenmassen!" schreibt sie in ihrem ersten Brief. Und mittendrin ein junges Freundespaar, auch sie voller Abenteuerlust und Erlebnishunger: Eugen Herbst und Eduard Overlack.

Und hier beginnt nun die Geschichte meiner Eltern.

Erster Tag auf dem Schiff

1914 – Schiffsreise um Südamerika

Sich finden und wieder verlieren

Auf dem Schiff bezieht Elisabeth ihre Kabine, in der sie ihre "Kollegin und Schiffsgenossin für die nächsten fünf Wochen" antrifft: "Fräulein Hermann ist jung und hübsch. Mit der werd' ich mich vertragen können. Sie geht nach Valdivia, der Hafenstadt von Osorno."

Um 23 Uhr müssen alle Gäste von Bord, und Elisabeth nimmt endgültig Abschied von ihrer Mutter, für vier Jahre, wie sie glaubt. Dann bezieht sie zum ersten Mal ihre Koje. Aber wenig später klopft es an ihre Tür. Einem war es trotz der offiziellen Sperrung für Besucher gelungen, noch aufs Schiff zu kommen. Davon berichtet Elisabeths erster Brief von Bord: "geschrieben am 25.1.1914 – 1¼ Uhr morgens – Ernst [ein Freund von ihr; C.M.] hat mich wieder aus dem Bett geholt um 24 Uhr, und nun sitzen wir gemütlich beieinander und feiern meinen 24. Geburtstag. Es ist herrlich. Tausend Grüße, Deine Elisabeth." Am nächsten Morgen steht Elisabeth unter all den anderen winkenden und rufenden Passagieren an der Reling des auslaufenden Schiffes. Aus vollem Herzen singt sie mit, was die Bordkapelle spielt: "Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus, und du mein Schatz bleibst hier ...", das übliche Abschiedslied beim Verlassen des Heimathafens. So beginnt ihr neues Lebensjahr, aufregend und voller Zukunftshoffnung.

Als Erstes erkunden Elisabeth und Fräulein Hermann das Schiff und lernen die anderen Mitreisenden kennen: etwa den Bankbeamten, den Elisabeth um Rat fragen kann, wenn sie Probleme mit der neuen Sprache hat: "Verstehen kann man von dem Spanischen nicht die Bohne, selbst wenn jemand ein Wort sagt, das ich schon kenne." Dann sind da einige Lehrer auf dem Weg nach Valdivia: "Mit denen kommen wir wenig zusammen, es sind z.T. die reinsten Philister. Fräulein Hermann hat das Vergnügen, sie als Kollegen an der Schule zu haben. Ich bin froh, daß ich die Einzige bin, die nach Osorno geht." Aber solche Leute sind die Ausnahme, denn es gibt andere, wirklich interessante Passagiere. "Wir haben einen Rassenforscher an Bord. Der sitzt am liebsten vor einer kleinen Gemeinde und hält populärwissenschaftliche Vorträge. Der Mensch kennt die ganze Welt. Dies ist seine 108. Seereise. Jetzt verdient er sein Geld in den Minen von Bolivien. Er bekommt vom Staat einen Zuschuß, weil er nach Überresten alter Kulturen forscht. Neulich behauptete er, die Inkas wären der letzte schwache Überrest – früher hätten die Kulturen hier höher gestanden als in Ägypten."

Erst in einem späteren Brief erwähnt Elisabeth die Bekanntschaft mit Eduard Overlack und Eugen Herbst: "Herren sind genug, aber berühmt sind sie alle nicht. Uns gegenüber beim Dinner sitzen ein Ingenieur und ein Chemiker. Der Zweite geht aufs Geratewohl hinüber, ohne zu wissen, wo er ankommen wird."

Etwas erstaunlich ist es schon, dass Elisabeth besagten Ingenieur – Eduard Overlack – erst verhältnismäßig spät und auch nur so nebenbei erwähnt. Zu der Zeit sind sie längst bestens bekannt; denn einen besseren Tischnachbarn als ihn kann sie sich kaum wünschen. Nicht nur, dass er ein stattlicher, gut aussehender junger Mann ist – wenn man einmal von den "Schmissen" absieht, die sein Gesicht verunzieren –, er ist auch mit seiner guten Laune und seinem ganz besonderen Witz der beste Unterhalter und Gesellschafter.

Mit Fräulein Hermann hat Elisabeth die richtige Partnerin für ihre Unternehmungen gefunden, um ihre überschüssige Energie loszuwerden: "Die meiste Zeit klettern oder toben wir. Vom Gepäckraum sind wir durch die Lichtluke auf Deck geklettert. Dazu mußte ich Fräulein Hermann eine meiner Turnhosen leihen. Danach brauche ich immer besonders viel Zeit zum Händewaschen, denn bei der Turnübung wird man ganz schwarz." Kein Wunder! Sie reisen ja auf einem Dampfer, der alles mit seinem Ruß überzieht. Wenn die beiden sich ausgetobt haben, sitzen sie in ihrer Kabine und singen, begleitet von Elisabeths Gitarre. "Damit können wir uns stundenlang vergnügen."

Je länger sie unterwegs sind, um so abwechslungsreicher werden die gemeinsamen Unterhaltungen. Tagsüber werden Deckspiele gemacht und abends wird sehr oft getanzt. Und es wird so viel fotografiert, dass eines Tages das Fotopapier zur Neige geht. Und – es wird täglich wärmer! Aus dem deutschen Winter fährt das Schiff in den Frühling, um auf Teneriffa endgültig im Sommer anzukommen. Hier geht es nach einer Woche auf See zum ersten Mal an Land. Für Elisabeth und Fräulein Hermann endet dieser Ausflug, auf den sie sich so gefreut haben, mit einer Enttäuschung. "Leider war es, als wir ankamen, schon 17 Uhr dreißig und beinahe dunkel, sodaß wir von dem Leben dort kaum etwas sehen konnten. Außerdem war es Sonntag und alle Läden geschlossen – die Straßen waren einsam und ziemlich dunkel, dazu sind sie eng. Das Leben spielte sich nur auf der Plaza ab. Wir hatten die anderen verloren, es war heiß und schwül. Außerdem waren wir müde von dem Wein, der so süß und glatt ist, daß man Mengen davon trinken kann. Aber merken tut man es gründlich erst nachher. So verging uns die Stimmung bald."

Ziemlich frustriert kehren die einsamen Ausflüglerinnen auf das Schiff zurück. Aus dem Frust wird handfester Ärger, "als ein Teil der Herren betrunken zurückkam". Als Letzte kommen Overlack und Herbst. Sie ziehen mitten in der Nacht laut singend durch das Schiff und singen so kräftig, dass leider der Text des Liedes nicht zu überhören ist: "Küsst du denn, küsst du denn die Wangen deiner Braut – küss sie auf den Arsch, das ist dieselbe Haut!"

Das geht nun eindeutig zu weit, besonders für ein junges Mädchen mit festen moralischen Grundsätzen. Am nächsten Tag übersieht sie geflissentlich die beiden und ist für sie nicht ansprechbar. Für die ist wiederum ihr Verhalten überhaupt nicht zu verstehen, und sie reagieren ihrerseits zutiefst beleidigt. "Daraufhin machte ich ihnen meinen Standpunkt klar, und es kamen ein paar ungemütliche Tage." Aber lange halten sie diesen unerfreulichen Zustand nicht aus, merken wahrscheinlich selber, wie dumm sie sich eigentlich verhalten.

Die endgültige Versöhnung bringt dann die gemeinsame Arbeit der beiden Hauptstreithähne an der Äquatorzeitung. "Jetzt sind Overlack und ich die besten Freunde. Schon, wenn man ihn sieht, muß man lachen, denn ständig macht er die verrücktesten Witze." Die Äquatortaufe selbst ist eine willkommene Abwechslung und bringt viel Spaß und Gelächter mit sich. Sie findet ihren Höhepunkt im Galadinner und späteren Tanz. "Es sieht famos aus, wenn die Offiziere in ihren weißen Uniformen tanzen. Overlack, Herbst, Fräulein Hermann und ich haben den Tag mit einer Flasche Sekt im Mondschein an Deck beschlossen. Es war so heiß, daß wir uns nicht in unsere Kojen hinunterwagten."

Als nach zwei Wochen auf hoher See die Küste Amerikas auftaucht, wird sie freudig begrüßt. Am 17. Februar sind sie in Montevideo, Uruguay, und betreten nun zum ersten Mal südamerikanischen Boden. "Wundervoll war es, endlich mal wieder grüne Bäume zu sehen. Wunderschöne dunkle Akazien und Platanen säumen die Straßen, und auf der Plaza standen die schönsten Palmen. Montevideo ist eine moderne Großstadt mit 'Elektrischen' und wundervollen Läden. Die Häuser sind alle ziemlich niedrig, aber darunter einige ausgesprochen prächtig. Bei denen führt eine breite Marmortreppe in die 1. Etage. Die Leute sollen sehr reich sein. Alle Nase lang traf man Leute von der 'Rhakotis'. So hatten wir auch die beiden 'biederen' Deutschen Edi und Eugen aufgegabelt."

Inzwischen ist die Freundschaft zwischen ihnen so weit gediehen, dass sie sich immerhin beim Vornamen nennen. Nach den negativen Erfahrungen der beiden Frauen bei ihrem ersten Landgang auf Teneriffa können sie den jetzigen rundum genießen. Und auch das Treffen mit den inzwischen vertrauten Reisegenossen kann den Spaß nur erhöhen. "Köstlich waren die braunen Straßenbengel, die uns ständig umringten und uns mit ihren schwarzen lebendigen Augen anbettelten."

Wie gut, dass sie den Tag in Montevideo noch so richtig genossen haben, denn das war der letzte tropisch heiße Tag. Das Wetter schlägt ganz plötzlich um. "Schon am nächsten Tag hatte die Herrlichkeit mit der Sonne ein Ende – Nebel und Kälte den ganzen Tag, und jetzt kann man kaum noch draußen liegen", schreibt Elisabeth am 20. Februar. "Fast immer haben wir bewegte See. Das Schiff stampfte so, daß die hohen Sturzwellen bis auf die Back kamen. Wir stellten uns natürlich dahin und waren im Augenblick trotz Gummimantel vollkommen durchnässt. Das war herrlich! Von der höchsten Höhe sauste das Schiff plötzlich in die Tiefe, und ein großes Loch tat sich vor einem auf. Der 1. Offizier hat uns jetzt aber verboten, dort zu stehen, da man leicht über Bord gespült werden kann. Wundervoll ist es, wenn das Schiff schaukelt und in allen Fugen knarrt; besonders nachts, wenn alles schläft, und nur noch sehr wenig Licht brennt. Es ist unheimlich, aber gemütlich!"

Fahrt durch die Magellanstraße

Das Schiff hat das Ende Südamerikas erreicht. Um vom Atlantik in den Pazifik zu gelangen, muss es das gefürchtete Kap Hoorn umrunden oder die Passage durch die Magellanstraße wählen, die Patagonien von Feuerland trennt, die als die gefährlichste Meerenge der Welt gilt. Zunächst aber zeigt sich diese von ihrer ruhigen Seite. Am 22. Februar – fünf Tage nach ihrem sommerlichen Ausflug in Montevideo – legt der Dampfer in Puntas Arenas an, der südlichsten Stadt der Welt. Zu dieser Zeit allerdings hat man kaum das Gefühl in einer Stadt zu sein, denn sie besteht hauptsächlich aus Wellblechhütten. Während die meisten Passagiere in einer Kneipe hängenbleiben, machen Ed und Elisabeth zusammen einen weiten Ausflug ins Land. "Von der Höhe hatten wir einen wundervollen Blick. Vor uns lag die Stadt mit dem Hafen. Man konnte über die ganze Magellanstraße bis nach Feuerland sehen. Hinter uns war der abgebrannte Wald. Daraus waren Wiesen und Koppeln geworden, aber überall standen die kahlen Baumstämme. Und je weiter wir gingen, desto mehr wurden es. Aber nach 1½ Stunden waren wir in einem wundervollen Tal. Ein breiter Gebirgsbach mit vielen Steinen floß hindurch. Hier wurde früher Gold gewaschen. An den Abhängen war der kahle Wald, die Stämme z.T. verkohlt. Es sah ganz gespenstisch aus. Aber schön war es doch, als es endlich grün wurde. Dabei der Sonnenschein und die wundervolle Einsamkeit. Ich konnte mir gar nicht denken, daß wir hier im südlichsten Amerika saßen, man hatte das Gefühl, zu Hause einen schönen Sonntagsspaziergang gemacht zu haben. Das Schönste am Tag war der Blick über die grünen Wiesen und den grünen Wald. Das kann ich auf Dauer doch nicht entbehren."

Um 21 Uhr läuft das Schiff wieder aus. "Es ist immer ein wundervoller Anblick, wenn die Stadt im Lichterglanz vor einem liegt und man sie dann immer weiter entschwinden sieht." Nach dem ungewohnten langen Marsch will Elisabeth nur eins: "recht lange pennen." – "Aber um 6 h weckte mich die Stewardess, es wäre zu schön draußen. Alle waren schon an Deck. An beiden Seiten des Schiffes waren die Felsen ganz nah. Schroff und steil steigen sie aus dem Wasser bis zu 1.000–2.000 m hoch. Auf der Höhe waren Schneefelder oder große Eisflächen. Ein Gletscher reichte fast bis ins Wasser. Stundenlang zogen diese Bilder an uns vorbei, immer wechselnd und neu. Wundervolle Buchten und Straßen führten weit in die Felsen. Aber eine furchtbare Einsamkeit herrschte dort. Wir malten uns aus, daß das Schiff plötzlich liegen bleiben müßte. Dann hätten wir kaum irgendwo mit den Booten landen können. Der Gedanke, daß es nicht weiterging, konnte einem wohl kommen bei dem furchtbaren Sturm. Wenn man draußen stand, war es wie ein einziger Donnerschlag ohne Ende. Von innen hörte es sich an wie Heulen und Pfeifen und Toben. Wir hatten Windstärke 10. Die Maschinen standen auf volle Kraft, aber es war, als ob man kaum vorwärts käme. Das Schiff wurde immer gehoben und senkte sich in die Tiefe, und die Hälfte des Schiffes war ganz verdeckt, wenn solch eine Welle über den Bug kam. Draußen sein konnte man nicht lange. Wir sind nur um Luft zu schnappen ein paar Mal um die Ecke gegangen. Das war eine schwere Arbeit. Zu Fünfen eingehakt probierten wir es immer wieder. Das Lachen dabei war natürlich die Hauptsache. Das ist übrigens die beste Medizin gegen Seekrankheit. Es wurde zur stehenden Redensart: 'Wer will mit um die Ecke gehen!'"

So verlief dieser Sturmtag. Die meisten Passagiere verzogen sich früh am Abend in ihre Kojen. Aber "... ich setzte mich zu ein paar anderen an den Tisch, und wir haben den Abend bis ½ 24 h doch noch ganz gut rumgebracht. Und das war ganz schlau von mir, denn das Schlafen ging nur mäßig. Legte man sich auf die eine Seite, so rollte man auf die andere und umgekehrt. Bald war der Kopf hoch, bald die Füße, man wußte wirklich nicht, wie man liegen sollte. – Dafür habe ich am nächsten Tag fast den ganzen Tag geschlafen. Mir war, als wenn die Seekrankheit nicht allzuweit entfernt wäre, aber zum Glück verhielt sich der Magen ruhig." Einen Tag später liegen die Magellanstraße und der Sturm hinter ihnen. "Heute kommt sogar die Sonne schon wieder durch den Nebel."