Werner Perrey - Jutta Matz - E-Book

Werner Perrey E-Book

Jutta Matz

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Beschreibung

Werner Perrey war der bekannteste Puppenspieler der 1920er Jahre in Norddeutschland.

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EPUB
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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2020

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VORWORT

Als ich Anfang 2018 gefragt wurde, die Biografie von Werner Perrey zu schreiben, sagte ich gerne zu. Vom Kieler Kasper hatte ich noch nie gehört.

Als Erstes führte ich mehrere Gespräche mit Werner Perreys Kindern Antje Bodanowitz und Henning Schmidt. Vor allem die klare und detaillierte Erinnerung von Frau Bodanowitz führte dazu, dass noch Material an entlegenen Orten gefunden werden konnte. Zudem konnte der Kontakt zwischen Antje Bodanowitz und der Tochter von Dörte Helm hergestellt werden. Beide Damen hatten sich schon lange gewünscht, mit der jeweils anderen Familie Kontakt aufzunehmen. So konnten sie sich über die gemeinsame Puppenspielvergangenheit ihrer Eltern austauschen.

Auch ein Gespräch mit dem Enkel Jörg Bodanowitz brachte Erhellendes zutage. Die zweite noch lebende Tochter von Werner Perrey wollte nicht einbezogen werden.

Im Laufe der Recherche kristallisierte sich das Bild eines ungewöhnlichen Menschen heraus.

Eine wesentliche Quelle waren die Briefe, die Werner Perrey über einen Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren an seine große Liebe Hedwig Schmidt in Flensburg schrieb und die der gemeinsame Sohn, Henning Schmidt, zur Verfügung stellte.

Das aus meiner Sicht erfreulichste Resultat dieser Arbeit ist, dass der Sammlung Puppentheater und Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums zahlreiche zuvor in Privatbesitz befindliche Handpuppen übergeben werden konnten, nachdem Werner Perrey schon zu Lebzeiten einen Teil seines schriftlichen Nachlasses dorthin gegeben hatte.

Jutta Matz März 2020

WERNER PERREY – DER KIELER KASPER

VORWORT

KINDHEIT, JUGEND, KRIEG UND STUDIUM

DER PUPPENSPIELER

ANFÄNGE

NACH DEM ERSTEN WELTKRIEG

REPERTOIRE UND ANSPRUCH

AUSSTATTUNG

AUF REISEN

DIE BÜHNE IN DER KRITIK

DIE PUPPENBÜHNE IM RUNDFUNK

WIE GING ES WEITER?

ZWEI FAMILIEN ODER DIE ZWEI LEBEN DES WERNER PERREY

ANTJE BODANOWITZ – VATERS ZWEITES LEBEN

DIE ZWEITE FAMILIE – AUS SICHT VON HENNING SCHMIDT

DIE ZWEITE FAMILIE – DIE BRIEFE WERNER PERREYS AN HEDWIG SCHMIDT

ARBEIT FÜR DEN RUNDFUNK

ERNST BARLACH

FILMARBEIT

NORDMARK-FILM

WEITERE PROPAGANDAFILME

FILMARBEIT NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG

DAS (ÜBER-) LEBEN IN SCHWIERIGEN ZEITEN

ROBERT DE BOUGY

DER LANDESBEAMTE

DER FREIBERUFLER – EXISTENZKÄMPFE – DIE 1950ER UND 1960ER JAHRE

MARTHA PERREY

ABSCHLIESSENDE BETRACHTUNG

SCHLUSSBEMERKUNG

STAMMBAUM

LITERATUR UND QUELLEN

1 KINDHEIT, JUGEND, KRIEG UND STUDIUM

Antje Bodanowitz: Mein Vater Werner Perrey wurde am 14. November 1896 in Oliva bei Danzig geboren. Seine Eltern, Eduard Perrey und Martha Kegenbein, konnten damals nicht heiraten, weil mein Großvater beim Militär noch nicht den Dienstgrad erreicht hatte, mit dem man heiraten durfte. So wurde mein Vater unehelich geboren und wuchs zeitweise bei den Eltern der Mutter auf. Nach der Militärentlassung meines Großvaters heirateten Vaters Eltern, und er bekam nun auch den Namen seines Vaters. Zuvor hatte er Kegenbein geheißen. 1900 wurde sein Bruder Herbert geboren und 1903 die Schwester Elsbeth. Als mein Vater zehn Jahre alt war, holten ihn seine Eltern nach Kiel. In der Zwischenzeit war mein Großvater Postbeamter, von Königsberg nach Kiel versetzt worden und hatte ein Siedlungshäuschen in Russee gekauft.

Bis zu seinem fünften Lebensjahr lebt Werner Perrey bei einer Familie Krumreich in Danzig und besucht die Vorschule des Gymnasiums in Langfuhr, einem Danziger Vorort. 1901 siedelt er zu den Großeltern Kegenbein nach Königsberg um, wo er weiter eine Vorschule und später eine Realschule besucht.1

Werner Perrey selbst schreibt über seine Kindheit 1957 in einem Brief an den Bruder seiner Mutter, Richard Kegenbein: Bis zu meinem 12. Lebensjahre kannte ich weder Vater noch Mutter mit Namen. Sah ich beide gelegentlich einmal in Königsberg, so war für mich der eine Onkel Eduard, meine Mutter aber nur Tante Martha… Auch ist mir in Erinnerung verblieben, welche Verwirrung die Namensänderung in mir anrichtete, hieß ich doch während der ersten Lebensjahre Werner Kegenbein und mußte nun diesen Namen ablegen und einen anderen dafür erlernen.2

Nach dem Umzug zu den Eltern besucht er in Kiel, wie später auch sein Bruder, ein Reformrealgymnasium, entweder die jetzige Humboldtschule oder die Max-Planck-Schule. Er verlässt die Schule Ostern 1913 mit siebzehn Jahren mit der sog. Primareife, vergleichbar mit der heutigen Fachhochschulreife.

Antje B.: Noch vor dem Ersten Weltkrieg absolvierte er eine landwirtschaftliche Ausbildung auf Gut Güldenstein. Ich sehe ihn nach wie vor hoch zu Ross vor mir, wie auf einem Foto, das ich noch habe.

Werner Perrey hoch zu Ross, aufgenommen zwischen 1913 und 16 auf Gut Lensahn oder Gut Güldenstein

Werner Perrey selbst berichtet, er habe von Ostern 1913 bis Januar 1915 eine Landwirtschaftslehre auf dem großherzoglichen Gut Lensahn in Ostholstein absolviert, als Vorbereitung auf die Auswanderung in die Kolonien auf Besitzungen eines Onkels. Erst von Januar 1915 bis Mai 1916 war er dann Gutsverwalter auf dem benachbarten Gut Güldenstein anstelle des zum Kriegsdienst eingezogenen Verwalters.3

Antje B.: Später hat er von dieser Zeit immer geschwärmt. Der Hintergrund war, er sollte nach Südwestafrika gehen und eine Farm übernehmen, die der Bruder meiner Großmutter dort besaß. Nach dem Ersten Weltkrieg war das ja passé, weil es die Kolonien nicht mehr gab. Später in Resenis hat er den Bauern immer Vorträge über Landwirtschaft halten können, weil er ja Ahnung hatte. Die waren immer stinksauer, was der Perrey schon wieder zu sagen hatte. Ein Beispiel: Wenn die Bauern mit ihren Wagen mit Holzrädern vom Feld kamen, fuhren sie sie in den Felder Dorfteich, damit das Holz aufquoll und die Eisenreifen wieder fest auf den Rädern saßen. Als später die Trecker aufkamen, machten die Bauern das Gleiche mit den Treckern. Darüber hat sich mein Vater furchtbar aufgeregt.

Im Mai 1916, mit 19 Jahren, wird auch Werner Perrey Soldat. Er berichtet – 1938, in einem Lebenslauf – er habe als Schütze an der Westfront gedient, bis er im Oktober 1918 erkrankte und ins Lazarett überwiesen wurde, von wo am 1. Januar 1919 die Entlassung erfolgte.4

In der Familie hat sich eine andere Sicht der Dinge erhalten:

Antje B.: Es kam der Erste Weltkrieg, und beide Brüder meldeten sich, um in den Krieg zu ziehen. Auf dem Paradeplatz in Rendsburg lernten sie das Exerzieren. Anschließend kamen sie nach Frankreich an die Front. Als die Schwester konfirmiert wurde, gab es für Vater die Möglichkeit, Heimaturlaub zu bekommen. Aus irgendwelchen Gründen verzögerte sich danach seine Rückkehr an die Front. Als er schließlich an seinen Einsatzort zurückkehrte, lebte keiner seiner Kameraden mehr. Das hat mein Vater zum Anlass genommen zu desertieren. Er hatte das Glück, gut Französisch zu sprechen, dazu kam unser französischer Name. Er schlug sich von Ort zu Ort durch und kam letztlich gegen Ende des Krieges verwanzt und mit Krätze, aber heil und ganz wieder zu Hause in Kiel an.

In einem Brief aus dem Jahr 1921 schreibt Werner Perrey: Dann kam der Krieg. Ich war von Anfang an fast mit dabei. Dann erzählt er von seinem Begleiter Kasper, den er bei der Rückkehr aus dem Urlaub mit in den Schützengraben genommen habe. In diesem Zusammenhang berichtet er auch, er sei in Verdun gewesen, wo er unglücklicherweise seine Aufzeichnungen mit Kaspergeschichten verloren habe.5

In einem nach dem Krieg verfassten Kriegstagebuch, in Teilen vermutlich erst 1920 oder Anfang 1921 entstanden, den Erinnerungen als Soldat, berichtet Werner Perrey über diese Zeit. Überschwänglich zieht er nicht in den Krieg. Der Abschied von Güldenstein und der Familie fällt ihm schwer. In Berlin, wo er noch einige Tage bei Großmutter und Tante verbringt, trifft er Anfang Mai auf einen Trupp neu eingezogener Soldaten:

Mir kam dieser Zug vor wie Menschen, die man zur Schlachtbank führte und ich konnte mich eines recht bedrückten Gesichtes nicht erwehren, besonders im Hinblick, dass ich in zehn Tagen einem ähnlichen Schicksal entgegen ging.6

Noch wenige Monate zuvor, Anfang 1916, hatte es in einem Brief schwärmerisch geklungen: Eines Tages werden auch mich eisenbeschlagene Stiefel tragen, werden mit mir laufen und marschieren. Meine Seele wird aufjauchzen und lachen und glücklich sein. Denn ich werde hinausziehen, um mir die Manneswürde zu holen… Denn die Seele muß einer harten Lebensprüfung unterzogen werden um frei zu werden. Und muß ihren bitteren Schmerz alleine und als Sieger ausfechten… Vielleicht wird dort draußen der Seele seichtes Gewebe grausam zerstört von den Schicksalshänden und wird nie wieder atmen können … Vielleicht wird auch eine dumme Kugel in sie hineintanzen und sie entführen… Aber hinaus möchte ich doch!7

Nach der Einberufung im Mai 1916 führt ihn sein Weg zuerst nach Meiningen in Thüringen, dann kurz nach Rendsburg, dann für ebenfalls kurze Zeit nach Heide in Holstein und Flensburg und anschließend zur Ausbildung nach Munster-Lager und danach erneut nach Flensburg. Von dort geht es im Oktober 1916 nach Döberitz bei Berlin. Anfang November rücken die Kameraden aus an die Front, während Werner Perrey krank, mit einer Blutvergiftung, zurückbleibt. Über den folgenden Winter schreibt er:

Die Zeiten die nun kamen, sind für mich wohl die schlechtesten und drückendsten gewesen. Der kalte Winter 17 wo uns nur zwei kleine Knüppelgen Holz für den Tag als Heizmaterial zugewiesen worden waren, und wo wir Briketts und Kohlen gestohlen haben, wie die Raben auf dem Felde die Saat.

Weihnachten 1916 und einen Kasperabend kann er bei der Verwandtschaft in Berlin verbringen. Die Wochen danach ist Zeichenzeit (was immer das bedeutet, vielleicht ist auch zeichnen gemeint) und Schreibtstubenarbeit. Dann:

Am 8. März 1917 war für uns der glorreiche und bange Augenblick des Ausrückens gekommen. Fast möchte ich sagen, es war für uns alle ein rechter Freudentag. Nie hat die Sonne stahlharter (Lesefehler?!) und nie der Himmel dunkler mir erschienen, denn damals. Mit Fahnen und Tannengrün bekränzt, von der Musik geführt, so sind wir hinausgezogen durchs Tor.

Werner Perrey gelangt nach Lothringen, in die Vogesen, wird zunächst als Schreiber eingesetzt. Zum ersten Mal sieht er die direkten Auswirkungen des Krieges in Form zerschossener Häuser. Probleme bekommt er dort mit Vorgesetzten, nach eigener Aussage wegen seiner großen Klappe. Seine Feuertaufe erlebt er im Wald bei Chambrey, ebenfalls in Lothringen, gut 100 Kilometer entfernt von Verdun. Im Folgenden wird er in der gleichen Gegend als Postordonnanz, also als militärischer Postbote, eingesetzt. Ein halbes Jahr verbleibt er in dieser Stellung und berichtet über eine relativ ruhige Zeit, in der die Kompanie nur einen Toten und einen Schwerverletzten zu beklagen hat. Auf seinen Posttouren ist es ihm möglich, Obst und Pilze für sich und die Kameraden zu sammeln. Im Dezember 1917 gibt es Heimaturlaub, und damit endet das Kriegstagebuch. Über das letzte Kriegsjahr, seine Aufenthaltsorte, Tätigkeit, Krankheit oder mögliche Desertion erfahren wir nichts.

Thema ist hingegen das schlechte Benehmen von Offizieren und Unteroffizieren: Von den Gelagen und Saufereien die unsere Offiziere abhielten, will ich lieber schweigen… O welch aufgeblasene Wichte und in deren Händen lag unsere Führerschaft. Gewiss gab es auch schneidige und gewissenhafte Offiziere, doch möchte ich fast sagen in recht kleinem Verhältnis zu der großen Zahl der Gewissenlosen.

Nach der Rückkehr aus dem Krieg bemüht sich Werner Perrey, eine Anstellung in der Landwirtschaft zu bekommen. Er schreibt: Das führte zu keinem befriedigendem Erfolg.8 Deswegen belegt er einen Sonderkurs und macht im Frühjahr 1920, mit 23 Jahren, doch noch das Abitur.

Gleich anschließend wechselt er an die Christian-Albrechts-Universität, und vom Sommersemester 1920 bis zum Wintersemester 1925 studiert er in Kiel Naturwissenschaften - Physik und Chemie - Sozialökonomie, Geschichte und Philosophie.9

Schon 1921 oder 1922, die Angaben variieren, beginnt Werner Perrey das, was er später seine schriftstellerische Tätigkeit, nennt. Er wird Puppenspieler, schreibt eigene Stücke, in der Regel unter dem eigenen Namen. Manche spätere Veröffentlichungen erfolgen unter dem Pseudonym Peter Maria Vrolik.

Unterbrochen wird das Studium von April bis zum Herbst 1923 durch eine Reise nach Finnland. Er lässt sich von der Universität beurlauben und arbeitet dort, so nennt er es 1938, als Sekretär. Seine Tochter ist sich sicher, dass er auch dort als Puppenspieler aktiv war und parallel sein Studium fortgesetzt hat.

Zwischen 1925 und 1929 ruht Werner Perreys Studium nach eigenen Angaben. In dieser Zeit gibt er Hunderte von Puppenspielvorführungen. Neben Gastspielen im Reich wurde ich zu Reisen nach Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark, Holland und Polen (abgetretenes Gebiet) verpflichtet.10 Zudem beginnt, laut Lebenslauf, 1925 auch die Zusammenarbeit mit der NORAG, dem Hamburger Funk, wie er es nennt, für die er als Regisseur und Schriftsteller arbeitet. Nachweise für diese Zusammenarbeit gibt es erst seit Ende 1929. Die erste belegte Radiosendung unter Mitarbeit von Werner Perrey datiert vom September 1929. Spätestens jetzt lernt er auch Ernst Barlach kennen und wirkt 1930 an einer Radiosendung über dessen Werk mit.

Werner Perrey hat, wie fast während seines gesamten Berufslebens, viele Eisen gleichzeitig im Feuer. Neben dem Puppenspiel und der Tätigkeit für den Rundfunk arbeitet er an einem Buch, das er Anfang 1930 fertigstellt. Worum es darin geht, ist leider nicht bekannt. Ende März 1930 ist er soweit, das Buch abzusenden. Die Puppenspieltruppe befindet sich auf Spielreise, zwischendrin reist er nach Berlin, um beim Kultusminister Zuschüsse für unsere Arbeit zu erbitten, bekommt aber nur ein vielleicht. Ernst Barlach verweist ihn in dieser Angelegenheit an einen Mann, der weiterhelfen soll, auch das wohl vergeblich.11 Weiter hört man nichts davon, auch über das Buchprojekt gibt es keine weitere Nachricht.

Ebenfalls im Frühjahr 1930 entschließt er sich, sein Studium wieder aufzunehmen, dass er letztlich aber nicht zum Abschluss bringen kann. Er studiert künftig Literatur- und Theaterwissenschaft, Philosophie und Geschichte. Im März schreibt er an Hedwig Schmidt, er wolle jetzt im Frühjahr sein Studium wieder aufnehmen …und mein Examen bauen, wie es Heise tun will. Im bereits zitierten Lebenslauf schreibt er: Neben dem Studium betätige ich mich wie früher als Schriftsteller und Regisseur und zwar fast nur für den Hamburger Funk, die NORAG.

In einem Zeitungsartikel von 1935 über Weg und Arbeit des niederdeutschen Puppenspielers Werner Perrey heißt es über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: Perrey packt seine Puppen ein und zieht in die Hörsäle. Er will Grundlage, kein Examen haben.

Möglicherweise ist diese Darstellung ein wenig beschönigend, auch wenn das breit angelegte Studium genau das belegt. Eine mögliche Ursache für den fehlenden Studienabschluss nennt der bereits erwähnte Lebenslauf. Dort heißt es für den Winter 1932/33:

Ein Gastspiel in Hamburg, das auf eigene Regie von mir im Winter veranstaltet wird, mißglückt – ich verliere sämtliche Rücklagen und Vermögen. Die Folge davon ist: Aufgabe des Studiums, Verzicht auf Promotion, da Geldmittel nicht vorhanden sind, zumal nach dem Tode unseres Kindes auch meine Frau schwer erkrankt.12

Es scheint, als habe die Wirtschaftskrise wesentlichen Anteil daran, dass Werner Perrey sein Studium nicht zum Abschluss bringen kann. Eine Promotion hat er zeitweise tatsächlich angestrebt. Seine Tochter erinnert sich, dass unter anderem auch die angefangene Doktorarbeit 1944 bei dem zerstörerischen Bombenangriff auf Kiel verbrannt ist.

Die angestrebten Grundlagen konnte Werner Perrey Dank seines breit aufgestellten Studiums zweifelsohne erwerben. Seine Kinder beschreiben ihn als wandelndes Lexikon, auch ohne Studienabschluss.

1 Lebenslauf Werner Perrey 1938 (ohne Datum), in: BArch R 9361 V/9021.

2 Werner Perrey an Richard Kegenbein 12.08.1957.

3 Lebenslauf Werner Perrey 1938 (ohne Datum), in: BArch R 9361 V/9021.

4 Lebenslauf Werner Perrey 1938 (ohne Datum), in: BArch R 9361 V/9021.

5 Werner Perrey an Benno von Polenz 08.02.1921, Archiv Stadtmuseum München, Perrey 287, Dresden/Linkarchiv.

6 Eintrag von 1920 oder 1921, in: Tagebuch W. Perrey, begonnen in Güldenstein 26.11.1915, beendet in Hamburg 06.04.1923.

7 Abschrift eines Briefes an Guschi, 13.01.1916, in: Tagebuch W. Perrey, begonnen in Güldenstein 26.11.1915, beendet in Hamburg 06.04.1923.

8 Lebenslauf Werner Perrey 1938 (ohne Datum), in: BArch R 9361 V/9021.

9 ebd.

10 ebd.

11 Briefe an Hedwig Schmidt, Frühjahr 1930

12 Lebenslauf Werner Perrey, 1938 (ohne Datum), in: BArch R 9361 V/9021.

2 DER PUPPENSPIELER

ANFÄNGE

Das Puppenspiel wurde Werner Perrey (fast) in die Wiege gelegt.

Antje B.: Schon als Kind hat mein Vater vom spitzenverzierten Steckkissen, in dem seine kleine Schwester lag, ein Stück abgeschnitten, sich eine Kartoffel genommen, ein Gesicht hineingeschnitzt, sich diese auf den Finger gesteckt, darum die Spitze als Kleid gewickelt und für sich selbst Puppentheater gespielt.

Ein Zeitungsartikel von 1935 zitiert Werner Perrey, er habe erstmals als Zwölfjähriger auf dem Kieler Jahrmarkt ein Puppenspiel erlebt, wovon er völlig fasziniert gewesen sei. Schon bald habe er daraufhin seinen eigenen Kasper und seinen eigenen Teufel geschnitzt.13

In einem Brief aus dem Jahr 1921 berichtet Werner Perrey über seine Anfänge als Puppenspieler:

Der erste Schritt, den ich auf dem Wege zum Handpuppenspiel tat, war ein Versuch mit ganz einfachen, selbstangefertigten Kartoffelköpfen. Als Untertertianer begann ich damit. 1912 hatte ich als Untersekander einmal Gelegenheit eine solche Komödie an einem Lehrertag in Kiel zu spielen. Ich war über die Fröhlichkeit und die große Anteilnahme an meinem Spiel von seiten meiner Zuhörerschaft baß erstaunt… Damals ging mir die Erkenntnis auf, welch ungeheuer feines Ding es um das Handpuppenspiel ist. 1913 sah ich in Kiel Ehlert14 spielen. Ich bat diesen, hinter die Kulissen gucken zu dürfen… Kleine Aufzeichnungen und ein gutes Gedächtnis erlaubten mir sofort an den Bau einer solchen Bühne zu gehen. Ein paar Mädel aus dem Wandervogel quälte ich solange bis ich Puppenkleider hatte. Ein Bub schnitzte mir nach ein paar Zeichnungen Köpfe. Davon ist der beste der Kasperkopf geworden. Heute noch benutze ich ihn… Als ich mit diesen Vorbereitungen fertig war, begann das Spielen in größerem Maßstabe. Ich ging an die Ausarbeitung von Kulissen, Schnitzen von Würsten, Laubsägen einer Schüssel usw. … Da ich nun Kulissen hatte und Versatzstücke (Schüssel, Baum, Kommode) so schaffte ich mir mit meinem Bruder zusammen eine „Bühnenbeleuchtung“. … Mit meinem Bruder zusammen arbeitete ich eine leicht ab- und anzubringende elektrische Beleuchtung aus. So war es mir möglich bei den Donnerszenen das Licht auszuschalten, die Schüssel mit den Würsten jedem Blick verborgen, im dunkeln auf die Spezialleiste zu praktizieren, oder die Fee in rosenrotem Lichte erscheinen zu lassen… Ich habe meine Zuschauer, besonders auch die Alten jedes Mal mit diesen Neuerungen in Erstaunen und Entzücken versetzt. Es war eine richtige kleine „Bühne“.15

Der Erste Weltkrieg unterbricht zunächst die Puppenspielerambitionen. Aber ganz ohne geht es nicht. Ein Tagebuchtext aus dem Jahr 1916, augenscheinlich für die spätere Veröffentlichung geschrieben, spricht von Werner Perreys inniger Verbindung zu Kasper:

Auf dem Tische liegt mein gepackter Soldatentornister.

Goldene Sonnenstrahlen liegen drauf wie ein Bündel allerfeinsten Gewebes und breiten über ihn einen geheimnisvollen Märchen-Schleier …..

Eine große leere Schachtel steht offen neben dem Tornister.

Da hinein hatte ich meinen lieben Kasper mitsamt den alten Erinnerungen und den letzten Grüßen gepackt und wollte alles nach hause schicken.

Denn ein Soldatenherz, das da hinauszieht, muß das Alte zu vergessen suchen. –

Aber mein treuer Kasper hat gebettelt und geweint.

Er möchte doch so gerne mit.

Und als ich mich nicht erweichen ließ, hatte er getrotzt und kein, kein einziges Wort mehr zu mir gesprochen.

So habe ich ihn dann mitgenommen und in meinen Tornister gesteckt.

Und mit ihm sind die alten Erinnerungen und die vielen Grüße, die ich in die Schachtel gepackt hatte, hinausgeschlüpft und haben sich in meinem Soldatentornister verkrochen……

Über Kaspers hölzernen Wangen rollt eine Träne vor lauter Rührung.

Verstohlen schaut er zu mir auf und schämt sich seines weichen Herzens.

Weiter schreibt er über sein Puppenspiel im Krieg:

1916 im Schützengraben überkam mich die alte Sehnsucht nach dem Kasper zu Haus. Vom Urlaub zurückgekehrt, brachte ich ihn mit und haben draußen manche feine Freude mitsammen erlebt. Stücke wurden improvisiert. Bald hatte Kasper Streit mit dem Herrn Feldwebel, bald mit dem Kompagnieführer. Ich habe manchem manche bittere Pille zu schlucken gegeben, und wenn der Schuh irgendwo drückte der klagte Kasper sein Leid und dieser erzählte des sonntagsnachmittag, wenn wir in Ruhe waren, allen Zuhörern, was ihm widerfahren war.16