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Wernher von Braun (1912–1977) war zeit seines Lebens von dem Traum beseelt, zum Mond zu fliegen und die dafür erforderliche Großrakete zu konstruieren. Um dieses Ziel zu verwirklichen, hat er vorrangig Militärraketen entwickelt, zunächst in Deutschland die «V2», dann in den USA die atomar bestückte «Redstone». Er war bereit, sich in den Dienst verschiedener Mächte zu stellen, wenn diese ihm die Mittel verschafften, die er für die Verfolgung seiner Vision benötigte. Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2018
Johannes Weyer
Wernher von Braun (1912–1977) war zeit seines Lebens von dem Traum beseelt, zum Mond zu fliegen und die dafür erforderliche Großrakete zu konstruieren. Um dieses Ziel zu verwirklichen, hat er vorrangig Militärraketen entwickelt, zunächst in Deutschland die «V2», dann in den USA die atomar bestückte «Redstone». Er war bereit, sich in den Dienst verschiedener Mächte zu stellen, wenn diese ihm die Mittel verschafften, die er für die Verfolgung seiner Vision benötigte.
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Dr. Johannes Weyer, geb. 1956 in Idar-Oberstein, ist seit 2002 Professor für Techniksoziologie an der Technischen Universität Dortmund — mit den Arbeitsschwerpunkten Mensch-Maschine-Interaktion und Steuerung komplexer Systeme. Von 1984 bis 1999 war er, unterbrochen durch Lehrstuhlvertretungen in Bamberg und Dortmund, als Assistent und Hochschuldozent an der Universität Bielefeld tätig.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Mai 2018
Copyright © 1999 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Covergestaltung any.way, Hamburg
Coverabbildung Umschlagfoto: akg-images/AP (Wernher von Braun, 1955)
ISBN 978-3-644-40365-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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www.rowohlt.de
Herkunft und Anfänge
Die frühen Jahre 1912–1930
Der Raketenflugplatz Berlin 1930–1932
Raketenforschung für die Reichswehr 1932–1934
Im Dienst des Dritten Reiches
Peenemünde 1935–1939
Im Strudel der Kriegswirtschaft 1939–1942
Sklavenarbeit 1943–1944
Kriegseinsatz und Untergang 1944–1945
Aufbruch ins Weltall
Wartestation Texas 1945–1950
Atomraketen für die USA 1950–1955
Das Satellitenprojekt 1954–1957
Beginn des Raumfahrt-Zeitalters 1957–1959
Der Wettlauf zum Mond 1960–1969
Washington 1970–1977
Anmerkungen
Zeittafel
Zeugnisse
Bibliographie
Namenregister
Über den Autor
Danksagung
Im Alter von siebzehn Jahren verfasste Wernher von Braun eine Science-fiction-Geschichte mit dem Titel Lunetta. Darin schildert er, wie zwei im ewigen Eis gestrandete Polarforscher von einem Raketenflugzeug geborgen werden, das sie an Bord der «Lunetta», einer von Menschenhand geschaffenen Station im Weltenraum, bringt. Einer der beiden Geretteten beschreibt, wie sich das Leben hier unter den neuen physikalischen Umständen so ganz anders abspielte als auf der Erde. Infolge des Fehlens jeglicher Schwerkraft besaß der Raum überhaupt keinen richtigen Fußboden – er hatte vielmehr auf allen Seiten Fenster und war von verschiedenen Streben durchzogen, die […] den Zweck hatten, den in der Halle befindlichen Menschen Anhaltspunkte für ihre Fortbewegung zu geben.[1] Der Kommandant der Station zeigt seinen beiden Gästen das Observatorium zur Beobachtung der Erde und erklärt ihnen, daß von hier aus ein verbreitetes Sicherungssystem auf der Erde dirigiert werde, welches auch das Scheitern der Polarmission registriert und ihre Rettung veranlasst habe.
Voller Faszination berichtet der Erzähler weiter: Wir kamen uns vor diesen Menschen hier oben unsäglich klein und deprimiert vor. […] Wir wollten es zunächst nicht recht glauben; aber die Anschauung lehrte uns bald, hier oben bei der Lunetta nichts mehr für unmöglich zu halten.[2] So verfügt Lunetta beispielsweise über einen Spiegel zur Bündelung des Sonnenlichts von 350 Metern Durchmesser, mit dessen Hilfe das Wetter auf der Erde beeinflusst werden kann. Bevor der Kommandant seine Gäste mit dem Raketenflugzeug nach Berlin zurückbringen lässt, weist er sie auf die ethischen Dimensionen der Raumfahrt hin: Die Führung dieses Spiegels ist mit großer Verantwortung verknüpft, da ein kleiner Fehler unter Umständen einen Waldbrand und noch viel schlimmere Katastrophen herbeiführen kann.[3]
Anhand dieses Schülerzeitungs-Aufsatzes – eines der wenigen Originaldokumente aus Wernher von Brauns Jugend – kann man ein Bild des jungen Gymnasiasten entwerfen. Auffallend ist zunächst das enorme Wissen in Sachen Raumfahrt, die Phantasie, das Gespür für praktische Anwendungen der damals noch exotischen Technik, vor allem aber die Fähigkeit, technische Projekte plastisch und für Laien verständlich zu schildern. Typisch ist jedoch auch die grenzenlose Faszination für die Raumfahrt und die mangelnde Sensibilität für die Frage nach Sinn und Zweck der neuen Technik. Denn es ist ein aufwendiger Umweg, die Havaristen zunächst zur Raumstation und erst von dort aus in ein Krankenhaus zu befördern. Die Frage, ob ein derartiger Aufwand erforderlich ist, um das angestrebte Ziel zu erreichen, kam Wernher von Braun auch bei späteren Raumfahrtprojekten nicht in den Sinn. Die Entwicklung von Raumfahrttechnik war für ihn nicht Mittel zum Zweck, sondern ein nicht hinterfragter Selbstzweck. Auch das politische Weltbild von Brauns ist in der Lunetta-Erzählung in Ansätzen erkennbar; denn die Vision einer Steuerung und Kontrolle irdischer Vorgänge durch im Weltall stationierte Spezialisten enthält in ihrem Kern ein technokratisches Konzept, demzufolge die technischen Experten kraft ihres Wissens regieren. Politische Entscheidungsverfahren – etwa die der parlamentarischen Demokratie – werden damit tendenziell überflüssig.
Um zu erklären, wie ein derartiges Weltbild entstanden ist, muss man in von Brauns Kindheit und Jugend zurückgehen, über die allerdings wenig bekannt ist. Wernher Magnus Maximilian von Braun, so der vollständige Name, wurde am 23. März 1912 in der Stadt Wirsitz in Posen (im heutigen Polen) als Sohn einer aristokratischen Familie geboren. Er hatte einen älteren Bruder, Sigismund (geb. 1911), und einen jüngeren Bruder, Magnus (geb. 1919). Sein Vater, Magnus Freiherr von Braun, war ein hoher politischer Beamter, der verschiedene Funktionen in Berliner Reichsministerien, aber auch in den östlichen Provinzen innehatte.[4] Er war ein deutschnationaler Antidemokrat, der aus seiner Ablehnung der Weimarer Republik keinen Hehl machte. Im März 1920 beteiligte er sich am Kapp-Putsch, dem Versuch rechtsextremer Nationalisten, die junge Republik zu liquidieren, und wurde deshalb seines Amtes als Regierungspräsident in Gumbinnen (Ostpreußen) enthoben. Als Mitglied des Reichswirtschaftsrates und Direktor der Deutschen Raiffeisenbank blieb er jedoch eine einflussreiche Person des öffentlichen Lebens. Im Juni 1932 wurde er Landwirtschaftsminister im Kabinett Papen, das als Wegbereiter der Nazis fungierte. Adolf Hitler übernahm ihn nicht in sein Kabinett, woraufhin er sich enttäuscht auf sein Gut in Oberwiesenthal bei Hirschberg in Schlesien zurückzog, das er 1930 erworben hatte.
Wernhers Mutter, Freifrau Emmy von Braun, wird als eine gebildete, weltoffene und warmherzige Frau geschildert. Sie war für den jungen Wernher eine wichtige Bezugsperson, von der er das Klavierspielen und fremde Sprachen sowie die Umgangsformen lernte, die später als Von-Braun-Charme sprichwörtlich wurden. Bei ihr fand das Kind die Zuwendung, die sein wacher Geist benötigte. Seine Mutter erinnerte sich später: «Er war wie ein trockener Schwamm und nahm jede Spur von Wissen begierig auf. Seine Fragen nahmen kein Ende.»[5] Sie brachte Verständnis für ihren Sohn auf, der unermüdlich aktiv war und mit allem herumbastelte – ein Verständnis, das dem Vater vollkommen fehlte. Vergeblich versuchte dieser, seinem Sohn «ein wenig elterliche Führung zugute kommen zu lassen»[6].
Die Kindheit zwischen diesen beiden gegensätzlichen Polen hat Wernher von Braun geprägt. Er wurde zu einer vielseitig gebildeten Persönlichkeit, deren Ausstrahlung alle Menschen beeindruckte, die mit ihm in Kontakt kamen. Wernher von Braun wusste stets, was er wollte, und hatte ein sicheres Gespür dafür, welches Risiko er eingehen konnte, um seine Pläne durchzusetzen. Die familiäre Konstellation mit der verständnisvollen Mutter als ruhendem Pol war eine ideale Situation, um die Verhaltensweisen einzuüben, mit denen von Braun später so viel Erfolg hatte. Ich tat nur das, was mir Spaß machte, und das waren meistens Dinge, die nicht auf dem Lehrplan unserer Klasse standen[7], schrieb er in seinen Erinnerungen.
Schon in den ersten Schuljahren auf dem französischen Gymnasium in Berlin schwänzte er den Physik- und den Mathematikunterricht, um zu Hause zu basteln. Er konstruierte ein Raketenauto, indem er Feuerwerksraketen auf einen Bollerwagen montierte, und jagte damit den Spaziergängern auf der Tiergartenallee Angst und Schrecken ein.[8] Wernher hatte an die möglichen Folgen nicht gedacht; er sah in erster Linie die technische Leistung: Ich war überwältigt. Der Wagen war zwar völlig außer Kontrolle und zog einen kometenartigen Feuerschweif hinter sich her, aber meine Raketen funktionierten besser, als ich es mir erträumt hatte.[9] Die Polizei nahm den Jungen in Gewahrsam; nur die Intervention des Vaters konnte eine Bestrafung verhindern.
Dieser reagierte mit Unverständnis auf seinen Sohn: «Diese technische Begabung, mit der Wernher so reichlich ausgestattet zu sein scheint, ist eine völlig neue Eigenschaft in unserer Familie. Ich weiß wirklich nicht, woher er sie hat.»[10] In einer Familie, deren Söhne Landbesitzer wurden, zur Armee gingen oder in den Regierungsdienst eintraten, war Wernher ein Sonderling[11]. Eine wichtige Quelle der Inspiration war seine Mutter, zu deren Hobbys die Astronomie zählte. Zur Konfirmation schenkte sie ihrem Sohn 1925 ein astronomisches Fernrohr, das die Leidenschaft auslöste, die ihn nicht mehr losließ. Denn beim Betrachten des Mondes fiel sein Entschluss, das Fahrzeug zu bauen, das man für eine Reise dorthin benötigt.
Die Hiobsbotschaft einer Nicht-Versetzung wegen schlechter Noten in Mathematik und Physik nötigte die Eltern zum Handeln; der Vater beschloss, dass der «Sohn mehr Anleitung und Führung brauchte, als er bereit war, von seinen Eltern anzunehmen»[12]. Wernher wurde daher mit dreizehn Jahren auf das Hermann-Lietz-Internat in der Nähe von Weimar geschickt, das für seine modernen Erziehungsmethoden bekannt war. In der Freizeit nutzte er sein Fernrohr ausgiebig, um seine astronomischen Kenntnisse zu vertiefen und dem Traum von Raumflug nachzugehen. Ein wichtiger Impuls war schließlich Hermann Oberths Buch «Die Rakete zu den Planetenräumen», das 1923 erschienene Grundlagenwerk der modernen Raketenforschung. Wernher hatte große Mühe, die vielen mathematischen Formeln zu verstehen. Doch der Traum vom Weltraumflug entfesselte in dem Jungen den Ehrgeiz, sein schwaches Fach Mathematik so lange zu pauken, bis er wenigstens die Hälfte des Buches[13] von Oberth verstand. Bald war er der beste Schüler der Klasse, der im April 1930 sogar zur vorgezogenen Abiturprüfung zugelassen wurde. Wenn Wernher ein Ziel vor Augen hatte, war er nicht zu bremsen.
Bereits während seiner Schulzeit unternahm er die ersten Schritte zur Realisierung seines Traums. Gemeinsam mit Mitschülern baute er ein kleines Observatorium, wobei er – wie später noch oft in seinem Leben – als Führer eines Teams agierte, das eine außergewöhnliche Tat vollbrachte. Zudem beschäftigte er sich mit dem Projekt einer Mondreise und verfasste ein Manuskript Zur Theorie der Fernrakete, das seinen hohen wissenschaftlichen Anspruch verdeutlicht. Dort heißt es: Unter einer Fernrakete ist ein Apparat zu verstehen, der zunächst im Laufe einer Antriebsperiode von ca. 1 bis 5 Min. durch einen Raketenmotor eine bestimmte Endgeschwindigkeit erreicht, mit der er dann gleich einem Geschoß in freier Wurfbahn den größten Teil der Wegstrecke durchfliegt. Die Berechnung seiner tatsächlichen Flugbahn […] stellt ein ballistisches Problem dar, das in zwei Hauptteile zerlegt werden kann:
1. Den Flug während der Antriebsperiode («Innenballistik»),
2. die antriebslose Wurfbewegung («Außenballistik»).[14]
Wernher von Brauns Jugend war von dem Traum geprägt, ins Weltall zu fliegen und die dafür erforderlichen Raketen zu konstruieren. Dieser Traum bestimmte die Entscheidungen für seine berufliche Zukunft: Er schrieb sich im Sommersemester 1930 an der Technischen Hochschule Berlin ein und nahm zugleich Kontakt mit den Raketenkonstrukteuren um Hermann Oberth auf.
In den zwanziger Jahren grassierte in Deutschland das Raumfahrtfieber, ausgelöst unter anderem durch Hermann Oberth, der erstmals konkrete Wege für die Realisierung der Raumfahrt aufgezeigt hatte. Viele Zeitgenossen hielten dies für Phantasterei. Die spektakulären Versuchsfahrten, die Max Valier ab 1928 mit Raketenautos durchführte, erzeugten jedoch eine große Resonanz in der Öffentlichkeit. Die Rakete wurde zum Symbol des nationalen Wiederaufstiegs, das zudem von der wirtschaftlichen Misere ablenkte. Der 1927 gegründete Verein für Raumschiffahrt (VfR), der zum Treffpunkt von Amateurastronomen und Raketenbastlern wurde, trug ebenfalls dazu bei, den Raumfahrtgedanken zu verbreiten. Wernher von Braun nahm 1928 erstmals an einem Treffen des VfR teil und wurde 1930 dessen Mitglied. Gegen Ende der zwanziger Jahre kristallisierte sich innerhalb des VfR die Idee heraus, eine eigene Rakete zu konstruieren und so den ersten Schritt zur interplanetaren Raumfahrt zu tun.
Einen weiteren Schub erhielt die Raumfahrtbewegung durch den Film «Die Frau im Mond», den die Berliner Ufa im Oktober 1929 in die Kinos brachte. Der Regisseur Fritz Lang hatte Oberth als wissenschaftlichen Berater engagiert und ihm den Auftrag erteilt, eine Rakete zu konstruieren, die als Reklame-Gag zur Filmpremiere starten und vierzig Kilometer hoch steigen sollte – angesichts der damaligen technischen Möglichkeiten ein völlig unrealistisches Projekt. Trotz mangelnder Ingenieurkenntnisse nahm Oberth dieses Angebot an. Gemeinsam mit Rudolf Nebel führte er in einer Werkstatt, die die Ufa zur Verfügung gestellt hatte, praktische Experimente mit der «Kegeldüse» durch, einem neuartigen Raketenmotor, der flüssige Treibstoffe verbrennt statt feste Treibstoffe wie seine leistungsschwächeren Vorgänger. Oberth arbeitete wie ein Besessener, verletzte sich bei einer Explosion ernsthaft, war aber trotz seiner revolutionären Erfindung nicht in der Lage, eine funktionierende Rakete fertigzustellen. Noch vor der Filmpremiere kehrte er enttäuscht nach Rumänien zurück und ließ das unfertige Projekt in den Händen seines Mitarbeiters Nebel zurück.
Wernher von Braun stieß im Frühsommer 1930 zu der Gruppe um Nebel und Oberth, der zu dieser Zeit wieder in Deutschland weilte. Studium und Hobby waren eng miteinander verknüpft, wie von Braun später schrieb: Raketenantrieb und die Idee des Weltraumfluges […] waren der eigentliche Grund gewesen, warum ich überhaupt beschlossen hatte, das Ingenieurstudium aufzunehmen.[15] Die Raketenbastler, denen sich auch Klaus Riedel anschloss, entwickelten auf dem Gelände der Chemisch-Technischen Reichsanstalt einen kleinen Flüssigkeitsraketenmotor, der am 23. Juli 1930 bei einem von der Reichsanstalt amtlich bescheinigten Test 90 Sekunden lang die erwünschte Leistung von 7 Kilogramm Schub erzeugte. Oberth kehrte anschließend aus finanziellen Gründen wieder in seine Heimat zurück.
Dieser Erfolg spornte die Raketen-Amateure an, ihre Arbeit auf eine kontinuierliche Basis zu stellen. Sie pachteten vom Heereswaffenamt einige alte Schuppen auf einem verlassenen Munitionslager in Reinickendorf und eröffneten dort am 27. September 1930 den «Raketenflugplatz Berlin». Geld war knapp, und es musste improvisiert werden. Nebel, den von Braun als hemdsärmeligen Macher beschreibt, entwickelte erstaunliche Fähigkeiten, Materialspenden von Firmen einzuwerben. In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit war zudem mancher Handwerker froh, auf dem Raketenflugplatz eine Beschäftigung, eine Unterkunft und eine warme Mahlzeit zu bekommen.
Das erste Projekt war die Minimum-Rakete, kurz Mirak – ein Kürzel, das Nebel spaßeshalber auch mit «Minimumeinsatz mit Mirakeleffekt»[16] übersetzte. Zwar startete Johannes Winkler am 14. März 1931 in Dessau die erste Flüssigkeitsrakete in Europa, doch wenig später war die Gruppe vom Raketenflugplatz so weit: Im Mai 1931 flog die erste Mirak; einige Dutzend weitere Starts folgten. Dabei war auch zahlendes Publikum anwesend, wodurch man die Kasse des Raketenflugplatzes ein wenig aufbesserte. Bereits hier wirkte ein Mechanismus, der bei späteren Projekten immer deutlicher hervortrat: Das Interesse der Öffentlichkeit, vor allem aber potentieller Geldgeber aus Industrie und Politik ließ sich nur durch gelungene Raketenstarts aufrechterhalten, was die Raketenforscher oftmals dazu verleitete, «Shows» zu inszenieren, das heißt, halbfertige Geräte zu starten.
Mirak war eine kleine, primitive Rakete, deren Design vom Zwang zur Improvisation bestimmt war. Nebels Neigung, die Materialien zu benutzen, die er umsonst beschaffen konnte[17], ließ beispielsweise keine andere konstruktive Lösung zu, als den Motor an der Spitze der Rakete zu platzieren. Mirak erreichte eine Höhe von bis zu 500 Metern, von wo aus sie am Fallschirm zurückschwebte. Sie war ein erster Schritt, der jedoch zeigte, wie viele Probleme auf dem Weg zu einer funktionierenden Flüssigkeitsrakete noch zu lösen waren.
Trotz der Doppelbeanspruchung durch Studium und Raketenflugplatz blieb Wernher von Braun genügend Zeit für andere Aktivitäten, vor allem für das Fliegen, das neben dem Wassersport seine größte Leidenschaft wurde. Bei einem Segelkurs lernte er 1932 Hanna Reitsch kennen, die später zur berühmtesten weiblichen Pilotin Deutschlands wurde. Hanna war eine hübsche, zierliche Person, wie Wernher Jahrgang 1912 und ebenfalls ein Abenteurertyp. Hanna war bei weitem das mutigste und furchtloseste Mädchen, das ich in meinem Leben traf[18], urteilte von Braun später. Mit ihr verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Sie trafen sich, wenn Hanna als Testpilotin in Peenemünde zu tun hatte. Wernher war eine attraktive Erscheinung, ein gutaussehender, hochgewachsener, charmanter Mann: Blond, blauäugig, mit einem jungenhaften Lächeln und tadellosen Manieren, ein «perfektes Beispiel des […] nordischen Ariers»[19]. Auf dem Raketenflugplatz wurde er «Sonnyboy»[20] genannt. Bis zu seinem 35. Lebensjahr blieb er jedoch Junggeselle.
Im Sommersemester 1931 studierte Wernher von Braun an der ETH Zürich. Berichtet wird von Experimenten, die er in seiner Studentenbude durchführte. Dabei wurden Mäuse auf einer quergestellten Fahrradfelge so lange im Kreis herumgeschleudert, bis sie verendeten. Von Braun versuchte, die Todesursache herauszufinden und daraus Schlüsse für die Durchführbarkeit bemannter Raumfahrtexpeditionen zu ziehen.
Am 4. Juni 1932 veröffentlichte die Zeitschrift «Umschau» einen Beitrag mit dem Titel Das Geheimnis der Flüssigkeitsrakete, in dem der zwanzigjährige von Braun den Stand der Raketenforschung in populärwissenschaftlicher Form darlegte und zugleich für die Förderung der Raketentechnik warb. Er diskutierte die Vorteile einer Flüssigkeitsrakete, erläuterte das Rückstoßprinzip, beschrieb konstruktive Details des Raketenmotors und behauptete schließlich, obwohl dies stark übertrieben war: Schon heute werden mit Flüssigkeitsraketen Steighöhen von 4000 m mit Leichtigkeit erreicht. Noch kühner war die Behauptung, es sei ohne besondere Schwierigkeiten möglich, schon jetzt Raketen für 50 oder 100 km Steighöhe zu bauen; denn erst 1942 erreichte die A 4 eine Höhe von 85 Kilometern. Alle derartigen Projekte seien jedoch bisher an der leidigen Geldfrage gescheitert. Um das Interesse potenzieller Geldgeber zu wecken, entwarf er vier Projekte: 1. Raketen für die Atmosphärenforschung, Erdbeobachtung und Meteorologie, 2. Postraketen für große Entfernungen, 3. den interkontinentalen Passagierschnellverkehr mit Raketenflugzeugen und 4. als langfristige Option die Mondrakete.[21]
Der chronische Geldmangel des Raketenflugplatzes Berlin machte es erforderlich, auf jede nur denkbare Weise für die Raumfahrt zu werben, sei es mit öffentlichen Demonstrationen von Raketenstarts, sei es mit überoptimistischen Versprechungen in populärwissenschaftlichen Artikeln. Doch die Industrie hielt sich auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise zurück, und die staatlichen Dienststellen reagierten ebenfalls zurückhaltend – mit einer Ausnahme, die für das Schicksal des Raketenprojekts, aber auch für von Brauns persönlichen Werdegang entscheidend werden sollte.
Das Heereswaffenamt (HWA) der deutschen Reichswehr trieb die Entwicklung der deutschen Raketenforschung voran und gab ihr zugleich eine neue Richtung. Im Zuge der geheimen Wiederaufrüstung wurden Überlegungen angestellt, eine neue Fernwaffe zu konstruieren, welche die Pariskanone übertreffen sollte, mit der man im Ersten Weltkrieg bereits Distanzen von 125 Kilometern überwunden hatte. Dabei machte sich das HWA eine Lücke im Versailler Vertrag zunutze, der die Entwicklung neuartiger Waffen nicht berücksichtigt hatte.
Wie neuere Forschungen belegen, führte das HWA bereits ab 1929 in viel stärkerem Maße Regie, als es in den Legenden um die deutsche Raketenforschung deutlich wird. Die meisten Darstellungen postulieren zumindest für die Zeit bis 1942/43 eine Trennung von Politik und Technik und weisen daher auch eine Verstrickung der Raketenkonstrukteure in das Nazi-Regime und dessen verbrecherische Politik zurück. Von Braun und seine Mitstreiter hätten unbehelligt von äußeren Zwängen geforscht und sich ausschließlich den technischen Problemen der Konstruktion einer Flüssigkeitsrakete gewidmet. Die Original-Quellen sprechen eine völlig andere Sprache.[22]
Bereits 1929 erhielt Oberst Karl Becker, der Leiter der ballistischen Versuchsabteilung und spätere Chef des HWA, von der Reichswehr die Genehmigung für ein Programm zur Erforschung von Feststoffraketen, die als Trägerwaffen für die chemische Kriegsführung verwendet werden sollten. Einer seiner Mitarbeiter war Walter Dornberger. Ab 1930 finanzierte Becker Arbeiten an Flüssigkeitsraketen, unter anderem die Versuche der Nebel/Oberth-Gruppe (mit 5000 Reichsmark), der er auch das Gelände für den Raketenflugplatz vermittelte.
Im Frühjahr 1931 kühlten sich jedoch die Beziehungen zwischen Nebel und Becker ab, da Nebels Publizitätssucht der Strategie des HWA zuwiderlief. Für die Raketen-Amateure war das marktschreierische Werben unverzichtbar; das HWA hingegen wollte eine ballistische Rakete entwickeln, um diese in einem künftigen Krieg als Überraschungswaffe einzusetzen und so den Kollaps der gegnerischen Moral herbeizuführen. Für ein derartiges Konzept, dessen militärische Logik schwer nachzuvollziehen ist, war die totale Geheimhaltung unabdingbar. Becker konnte nicht akzeptieren, dass das Geheimnis der Flüssigkeitsrakete gelüftet wurde, wie es von Braun in seinem «Umschau»-Artikel im Juni 1932 getan hatte. Das Projekt musste ganz aus der Öffentlichkeit verschwinden, und das HWA musste jene Aktivitäten um jeden Preis unterbinden, welche die Publizität der Raketentechnik erhöhten und den Finanzier im Hintergrund enttarnten.
Anfang 1932 unternahm das HWA einen letzten Versuch, die Leistungsfähigkeit und Seriosität der Nebel-Gruppe zu überprüfen, welche bislang die größten Fortschritte bei der Entwicklung von Flüssigkeitsraketen gemacht hatte, und sie zugleich in das Konzept einer geheimen Militärforschung einzubinden. Becker lud Nebel zu einer Vorführung eines Starts der vergrößerten Mirak II ein, die auf einem Armee-Testgelände in Kummersdorf außerhalb Berlins stattfinden sollte, denn – so Beckers Forderung – «Tag der Vorführung und sowie die Tatsache der Vorführung selbst sind unbedingt geheim zu halten»[23]. An dem Versuch, der am frühen Morgen des 22. Juni 1932 stattfand, nahm auch von Braun teil, dem hier die unterschiedlichen Herangehensweisen von Raketen-Amateuren und Waffen-Profis deutlich geworden sind: Dornberger führte uns zu einem abgelegenen Platz auf dem Artillerie-Testgelände, wo ein gewaltiges Aufgebot von Photo-Theodoliten, ballistischen Kameras und Chronographen aufgestellt war – Instrumente, von deren Existenz wir zuvor nichts gewußt hatten.[24] Der Test der Mirak II schlug fehl, vermutlich weil sie beim Transport über holprige Waldwege beschädigt worden war. Dies war ein «entscheidender Wendepunkt»[25] in der Politik des HWA, das sich nunmehr endgültig von Nebel distanzierte, dem man vorwarf, mit falschen Versprechungen agiert zu haben. Der hemdsärmelige Stil Nebels passte nicht mehr zu dem Ansatz, den das HWA immer stärker favorisierte, nämlich die Raketenentwicklung in eigener Regie in Form eines seriösen, wissenschaftlichen Forschungsprogramms zu betreiben.
6.9.1895 geboren in Gießen
1930 Mitarbeiter im Heereswaffenamt
1934 Abteilung für Feststoff-Raketen
1936 Leiter der Abteilung für Raketen-Entwicklung
März 1943 Leiter der Heeresversuchsanstalt Peenemünde
Sept. 1943 Leiter der Raketen-Einsatztruppen
1945–47 in britischer Haft
1947 Berater der U.S. Air Force
1950 Vizepräsident der Forschungsabteilung der Bell Aerospace
1960 Ruhestand in Mexiko
27.6.1980 gestorben während eines Besuchs in Deutschland
Hier schlug nun die Stunde Wernher von Brauns. Angesichts der chronischen Geldknappheit, die auf dem Raketenflugplatz herrschte, nahm er all seinen Mut zusammen und besuchte im Juli 1932 auf eigene Faust Oberst Becker im HWA. Dies belegt das enorme Selbstbewusstsein, mit dem der Zwanzigjährige ausgestattet war, aber auch den unbedingten Glauben an die Vision, für die er alles zu tun bereit war. Becker und von Braun verstanden sich auf Anhieb und kamen überein, die Raketenforschung auf eine neue Grundlage zu stellen. Von Braun zitiert Becker in seinen Erinnerungen mit folgenden Worten: «Von unserem Standpunkt aus besehen, betreiben Sie zu viel Effekthascherei. Es wäre besser, wenn Sie sich auf wissenschaftliche Fakten konzentrieren würden, statt Spielzeugraketen abzuschießen.» Er selbst reagierte auf diese Kritik taktisch: Meine Antwort lautete, daß wir derartige Daten gerne zur Verfügung stellen würden, wenn wir nur die dafür nötigen Meßinstrumente hätten. Und er hatte Erfolg; Becker bot von Braun eine gewisse finanzielle Unterstützung an, vorausgesetzt, daß wir bereit sind, unsere Arbeit in der Anonymität hinter den Mauern einer Armee-Einrichtung durchzuführen[26].
Von Braun hatte keine Skrupel, sich für ein geheimes Rüstungsprojekt zu entscheiden, welches am Rande der Legalität das Ziel verfolgte, «neue, die Bestimmungen des Versailler Vertrages nicht verletzende Waffenentwicklungen»[27] voranzutreiben, wie Dornberger es später freimütig formulierte. Ihm wie vielen seiner Mitstreiter fehlte ein klares Urteil[28] über die politische Entwicklung, die zu Hitlers Machtergreifung und zu den Untaten des nationalsozialistischen Regimes führte.
Die meisten Raketen-Amateure der Weimarer Zeit waren Vertreter einer «reaktionären Modernität»[29]
