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Dies ist die (auto)biografische Geschichte von einem, der auszog um in Deutschland mit einer englischsprachigen Rock Band Karriere zu machen, es schaffte und auch wieder nicht. Dieses Buch schildert den musikalischen Werdegang des Sängers Frank Wolfraum sowie seinen musikalischen Begleitern der Band 7 Wishes und vielen anderen Menschen, denen er bei seiner über zwanzig jährigen Reise begegnete. Dieses Buch ist ein authentisches Dokument aus den Jahren 1981 bis 1997 (mit einer Ergänzung aus dem Jahr 2008) und schildert die Verhältnisse von Plattenindustrie zu Bands und Bands zum Musikgeschäft. Es schildert auch die harte Arbeit die hinter einer erfolgreichen Band steckt und zeigt die Opfer, die für den Erfolg gebracht werden mussten. Dennoch ist es kein Buch über Bitterkeit und Frustration, sondern ein Dankeschön an alle, die den Weg der Band 7 Wishes bereitet und begleitet haben. Die Rock Band 7 Wishes gehörte Mitte/Ende der neunziger Jahre zu den erfolgreichen deutschen Hard-Rock Bands, die vielerorts Anerkennung fanden, nur nicht im eigenen Land. Eine ehrliche Geschichte, die nicht nur Musiker begeistern wird...
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2013
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„When Rock‘n Roll turns to buzinez“ erschienen in deutscher Sprache
Autoren: Diana Rudolph und Frank Wolfraum
Published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
Copyright: © 2013 Frank Wolfraum / Wolfraum - Das Medienbüro GmbH
ISBN 978-3-8442-7124-9
Layout & Design by Wolfraum – Das Medienbüro GmbH
Agentur für Werbung, Marketing & Produktion
www.wolfraum.com
Dieses Buch und mein Dank ist all denen gewidmet, die ich auf meinem Weg getroffen habe. Besonders jedoch widme ich dieses Buch meinem Großvater, Jakob Heinrich Spieß, bei dem ich glücklicherweise aufwachsen durfte. Sein Versuch mir die Musik auszureden gab mir mehr als einmal die Kraft weiterzumachen. Leider verstarb er viel zu früh am 20. Dezember 1999.
Ich, Frank Wolfraum, schrieb dieses Buch gemeinsam mit Diana Rudolph im Zeitraum von 1996 bis 2000 (letzte kleine Ergänzungen kamen noch vor der Veröffentlichung im Jahr 2013). Dieses Buch ist eine Anerkennung für all meine Freunde und Musikerkollegen, die mir in meiner Zeit als Musiker – und natürlich auch danach – zur Seite standen und zum Teil bis heute stehen.
Auch werden in diesem Buch einige leicht widersprüchliche Aussagen zu finden sein, ebenso wie etwas verwirrende Sprünge, dass liegt jedoch daran, dass ich einen Großteil des Buches aus der Vergangenheit erzähle und einen anderen Teil des Buches fast in einem Tagebuch-Rhythmus geschrieben habe. Die daraus entstehenden Konflikte habe ich mit Absicht nicht redigiert oder korrigiert, da ich meine Eindrücke aus dieser Zeit nicht verwischen wollte.
Leider handelt es sich bei diesem Buch nicht um eine Karriere Story wie etwa die der Beatles oder Rolling Stones. Es ist eigentlich nur die Geschichte eines Musikers der alles gab um erfolgreich zu sein, jedoch immer wieder akzeptieren musste, dass man den Erfolg dem Zeitgeist anpassen muss, und das die Strategie immer über Intuition und Kreativität siegt.
Dennoch soll es kein trauriges Buch darstellen, sondern einfach nur eine Geschichte, für die es eigentlich nicht einmal einen richtigen Anfang gibt.
Man sollte dieses Buch eigentlich mit einer Frage beginnen.
Und zwar mit der Frage: „Warum schreibt einer ein Buch über eine Rock-Band die eigentlich nie richtig populär oder erfolgreich war?“
Die unbefriedigende Antwort: „Man sollte den Erfolg einer Band nicht an Platin-Platten oder an der Anzahl der Welttourneen messen. Für deutsche Verhältnisse in den 90er Jahren war 7 Wishes eine ziemlich erfolgreiche „German-Band“. Denn es gibt in der ganzen Rock-Historie nicht mehr als vielleicht 10 oder 20 internationale Star-Bands (im Bereich englischsprachigen Rock versteht sich) die aus Deutschland kamen bzw. kommen. Und gemessen daran waren wir ziemlich weit oben.
Nun ist dieses autobiographische Buch nicht dazu gedacht, ausschließlich den Werdegang einer Rockband aufzuzeigen. Es ist auch keine ausschließliche Auflistung von „Sex’n Drugs’n Rock’n Roll“-Stories – auch wenn es da einige gäbe. Noch viel weniger ist es ein Buch, das den Weg zum Erfolg in Rezeptform aufzeigt. Dieses Buch dient eigentlich nur dem Zweck, all denen zu danken und zu gedenken, die mich auf diesem Weg begleitet haben. Ein jeder von ihnen hat mir auf meinem Weg zu meiner heutigen Situation etwas mitgegeben. Es steht hier nicht zur Debatte, wie viel, oder was mir gegeben wurde, denn nicht nur Positives kann im Rock’n Roll helfen.
Ich möchte mich auf diesem Weg bei all denen bedanken, die mich geprägt haben. Auch wenn ich zu den meisten dieser Menschen keinen oder nur noch wenig Kontakt habe. Dies ist gewiss kein Zeichen von Überheblichkeit oder Arroganz, sondern resultiert aus der Tatsache, dass ich da wo ich jetzt bin einfach nicht mehr die Zeit habe mich um alle diese Menschen zu kümmern. Dieses Buch hier soll Euch aber zeigen, dass ich Euch nie vergessen habe.
Ein weiterer Zweck dieses Buches ist es, Nicht-Musikern oder Musikern die am Anfang stehen einen Blick hinter die Kulissen des Business zu gewähren. Denn eines ist vorab schon als Fazit festzuhalten: Stars werden nicht geboren. Stars werden gemacht. Und den Erfolg eines echten Musikers kann man nicht in Verkaufszahlen von Platten messen. Die Verkaufszahlen belegen lediglich das Geld, welches er verdient. Nicht aber den Einfluss den er auf eine Musikszene ausübt. Ich habe auf meinem Weg Musiker kennengelernt, die haben nie eine Platte gemacht und waren trotzdem außerordentlich prägend und somit erfolgreich für die deutsche Musikszene.
Ich möchte hier auch all unseren Partnerinnen, Freunden, Gönnern, Crews, Fotografen, und Helfern danken. Ebenso geht mein Dank an die unzähligen Leute, die uns in der Industrie (seien es Plattenfirmen, Radiostationen oder Tourneeveranstalter) geholfen haben und so manches mal über uns fluchen mussten.
Der größte Dank allerdings geht an unsere Fans für ihre unvergleichbare Treue und Solidarität. Denn dass es auch rund 15 Jahre nach unseren eigentlichen Erfolgen noch immer Menschen gibt, die unsere – mittlerweile alten – Platten kaufen ist keineswegs selbstverständlich.
Bei unseren Partnerinnen möchte ich mich für ihre Geduld und ihr Verständnis bedanken. Auch wenn viele es nicht bis zum Schluss durchhielten.
Am meisten jedoch danke ich auch all denen, die meinen Traum Musiker zu werden immer belacht haben. Ihr habt mir die Kraft gegeben so lange weiter zu machen, bis ich es geschafft hatte.
Zu Beginn mein Kurzlebenslauf mit allen grundsätzlichen Daten:
Vollständiger Name ist: Frank Wolfraum, Jahrgang 1966 (Ältester von 4 Geschwistern)
Geburtsort: Darmstadt, D
Vater: Alles was ich von ihm weiss ist, dass er Peter Wolfraum hieß, gesehen habe ich Ihn nie in meinem Leben.
Mutter: Erika Wolfraum. Ein Opfer der Sechziger Jahre. Bemühte sich redlich, doch konnte sie nicht verhindern, dass ich zu meinem Großvater kam. und getrennt von meinen Geschwistern aufwuchs.
Erziehungsberechtigt war für mich mein Großvater mütterlicherseits – Jakob Spieß. Ein Mann, der sein Leben dazu nutzte, um es anderen Menschen zu opfern und zu helfen. Als ihn jeder ausgenutzt hatte und er dann selbst Hilfe benötigte waren nur sehr wenige Menschen für ihn da. In dieser Zeit lernte ich viele Menschen zu hassen. Jakob Spieß ist ein Mensch, den ich immer lieben und respektieren werde.
Ich wurde im Sommer 1971 im Alter von fünf Jahren eingeschult. Nach zahllosen, umzugsbedingten Schulwechseln verließ ich als durchschnittlicher Schüler die Schule nach zehn Jahren. Ich begann 1982 eine zweigeleisige Ausbildung zum Schriftsetzer und Drucker, die ich bereits – vorgezogen – nach zweieinhalb Jahren erfolgreich abschloss. Ich arbeitete anschließend als Typograph in diversen Kreativ-Abteilungen von Verlagen und Zeitungsbetrieben und landete nach meinem Grundwehrdienst im Sommer 1988 bei einem Forschungsinstitut für Zeitungs- und Drucktechnik in Darmstadt.
Ich glaube, hier ist bewiesen, dass ich nicht als Musiker geboren wurde, sondern als ganz „normaler“ Mensch durchs Leben zog. Nun möchte ich jedoch von diesen Dingen zurück auf den wesentlichen Punkt kommen. Den Anfang.
Es ist wohl nicht ganz einfach, wenn man als Ungeübter über eine so globale Sache wie einen musikalischen Werdegang schreiben soll. Vielleicht wäre es auch besser gewesen, ich hätte mich mit einem professionellen Autor zusammen getan; aber ich glaube, nur so wie es jetzt ist wird die Wahrheit unverfälscht und im Originalton wiedergegeben.
Vielleicht fängt man ein solches Thema am besten so an, wie all die Märchenbücher beginnen die man als Kind gelesen hat:
Es war einmal am 18. Mai 1981 – dieses Datum ist mir deshalb so genau in Erinnerung geblieben, weil an diesem Tag einer der Menschen Geburtstag hat, die meinen musikalischen Werdegang in der Anfangszeit besonders intensiv geprägt haben und zu dem ich bis heute einen engen und freundschaftlichen Kontakt habe.
An diesem 18. Mai war ich als Teenager gerade unterwegs zu einem meiner wirklich guten Freunde der mit mir zusammen in der selben Dorf-Fußballmannschaft spielte. Er heißt bürgerlich Ralph W., hörte aber schon immer auf den Spitznamen „Erbs“.
Ich kam irgendwann am frühen Nachmittag bei ihm an und wollte mit ihm seinen Geburtstag feiern. Seine Mutter öffnete mir die Tür und sagte er sei im Keller. Als ich die Tür zu diesem Kellerraum öffnete sah ich ihn, auf der Platte einer Modelleisenbahn sitzend, beim Gitarre spielen. Ich wusste nichts von seinem Hobby und davon, dass er Gitarre spielte – obwohl ich Ihn schon so viele Jahre kannte. In diesem Moment war das alles allerdings völlig sekundär. Er saß da, in seinen „Strichmännchen-Hosen“, ein Relikt, dass ihn über locker 10 Jahre begleitete und von dem er bis heute noch nicht ganz weg ist, und spielte ganz einfache zwei oder drei Akkorde auf einer alten E-Gitarre und lärmte über einen FAL-Combo Verstärker. Diese Verstärker wurden zwei Dörfer von uns entfernt gebaut, waren lausig aber robust und sind heute wahrscheinlich nur noch Leuten bekannt, die aus unserer Gegend kommen. All das hatte eigentlich eher etwas lächerliches, war aber in diesem Augenblick eine der Situationen an die ich mich mein Leben lang haargenau erinnern werde.
Ich vergaß ihm zu gratulieren und sprach ihn sofort darauf an, warum er mir denn nie erzählt habe, dass er Gitarre spielt und sogar ein altes Aria-Schlagzeug besaß.
Er sagte mir es gäbe da nichts zu erzählen. Das Schlagzeug gehöre einem Drummer, mit dem er einmal versucht hatte eine Band zu gründen. Da wäre auch noch ein zweiter Gitarrist namens Volker dabei gewesen, der auch als Sänger agierte. Aber sie hätten es wohl gesteckt und wollten keine Zeit mehr in die Sache investieren. Nur er selbst würde ab und zu mal hier unten sitzen und ein paar Akkorde spielen, man wüsste ja nie wofür es gut sei.
Wir quatschten dann bei ein paar Flaschen Bier (das wir eigentlich noch gar nicht hätten trinken dürfen) über Musik und all das ganze Geschehen drum herum. Wir glaubten damals wirklich etwas vom Musikgeschäft zu wissen. Aber realistisch betrachtet hatten wir von der Musikindustrie genau so viel Ahnung wie von Ackerbau und Viehzucht.
Bei diesen Gesprächen, haben wir sehr schnell festgestellt, dass wir beide das Gefühl hatten, einfach zehn Jahre zu jung zu sein. Denn wir waren beide Fans von Bands wie Led Zeppelin, Deep Purple, The Who, The Doors, Stones, Beatles und so weiter. Auch liebten wir Musiker wie Hendrix, Clapton oder Janis Choplin. Und wir ärgerten uns, dass wir aufgrund unseres Alters nur wenige dieser Genies live erleben durften.
Also gaben wir unseren Eltern die Schuld, mit der Begründung sie seien zu schüchtern gewesen.
Nach all diesen Gesprächspunkten, und vielleicht auch nach dem ganzen Bier, spielte er zum Thema „Deep Purple“ die Anfangsmelodie von „Child in Time“. Sie war nicht gut interpretiert, aber sie waren zu erkennen. Ich holte mir die Snare-Drum von dem Schlagzeug, dass einem mir bis dahin vollkommen unbekannten Schlagzeuger gehörte, und begann zu singen um dann die später anfallenden Wirbel auf eben dieser Snare zu Ende zu bringen.
Im nach hinein bin ich mir zwar bewusst, welch eine Zumutung das für die Umwelt und die Nachbarschaft war, aber das war uns egal. Es war nicht gut, aber notwendig.
Natürlich war danach bei mir und Erbs der Gedanke geboren, unsere üblen Machenschaften in einer Band gipfeln zu lassen. Einen Schlagzeuger zu bekommen war einfach, da der Drummer dem das Drumset in Erbs’ Keller gehörte ja irgendwie erreichbar sein musste. Einen zweiten Gitarristen wollten wir auf keinen Fall. So kam ein paar Tage später der Drummer Michael Rh. auf den Plan. Er war zwei Jahre jünger als ich, aber schon größer. Daran hat sich übrigens bis heute nichts geändert.
Ich konnte mich erinnern, dass ich auf dem Weg zu meiner Schule im Schulbus mal mit einem Jungen gesprochen hatte, der ebenfalls aus unserem Kaff kam. Der hatte mir erzählte er könnte Orgel spielen. Ich erzählte Erbs und Michael davon und beschrieb den Jungen. Erbs und Michael kannten ihn sogar und wussten wo wir ihn finden konnten.
Es sollte sich später herausstellen, dass er einer der fähigsten von uns allen war und bis heute noch einer der besten Organisten ist die ich kenne. Leider spielt er (meines Wissens) schon lange nicht mehr öffentlich. Wir haben ihn damals bequatscht und er hat mitgemacht. Nun waren wir zu viert und brauchten einen Namen. Die Band sollte den Namen „Witness of Time“ tragen. Der Name wurde aber später der Einfachheit wegen auf „Witness“ reduziert. Wir stellten nämlich fest, dass der Name „Witness of Time“ auf einem Plakat wie wir es uns leisten konnten wegen der vielen Buchstaben viel zu klein werden würde.
Zum Thema Plakat kann ich sagen, dass wir A2-Plakate (einfarbig schwarz-weiss) hatten, bevor wir über ein musikalische Programm verfügten. Ich war schon immer der Meinung, dass man für eine gute Sache mit der Werbung nicht früh genug beginnen kann. Das kommt wohl davon, wenn mein eine Ausbildung in diesem Bereich macht. Ein Beruf auf den ich auch heute noch stolz bin.
Musikalisch lief das Ganze für unsere Vorstellung sehr gut. Wir hatten eine beachtliche Menge an Cover-Songs (die wir auf einer Wunschliste zusammen getragen hatten) und ich glaube mich erinnern zu können, sogar schon ein paar eigene Nummern. Allerdings mussten wir doch die Notwendigkeit eines Solo-Gitarristen erkennen. Erbs zeigte sich auf Dauer etwas überfordert. Gott sei Dank kannte unser Organist Klaus, genannt Fröschel, einen Gitarristen. Er hieß Stephan Kl. und er war ein paar Tage älter als wir, außerdem er war gut und zuverlässig. Nun begannen wir mit dem Ausbau des Proberaums in Erbs’ Keller. Wir schmissen die Modelleisenbahn raus, nagelten Teppiche an die Wände und die Decke, stopften Türrahmen und Kellerfenster mit alten Kissen und Matratzen vom Sperrmüll aus und probten fortan zweimal pro Woche. Meistens wurden daraus drei oder auch vier Proben, da keiner von uns eine feste Freundin oder ein anderes Hobby hatte.
Stefan Kl. (l.) und Ralph „Erbs“ W. (r.)
Das mit den Mädels kam dann später hinzu und brachte noch einige Probleme mit sich. Aber dazu vielleicht später.
Unser gesamtes Anfangs-Equipment bestand aus einem Aria Schlagzeug, einer Korg BX 3 Orgel mit original Lessli Kabinett, einem Drei-Kanal FAL-Combo Verstärker und einem Mikrophon. Der FAL-Combo (mit zwei 12 Zoll Speakern) diente mit einem Kanal für Erbs’ Gitarre, mit dem zweiten Kanal für meinen Gesang. Später sollte über den dritten Kanal auch noch der Bass laufen. Erbs spielte eine alte Stratocaster Kopie, Stephan eine Les Paul Kopie und einen Kombo-Verstärker.
Da wir ja absolute Newcomer in der Musikszene waren brauchten wir jemanden, an dem wir uns etwas orientieren konnten. Es sollte jemand sein, der selbst in dem Geschäft stand und wenn möglich auch schon gewisse Erfolge und Erfahrungen hatte. Denn es ist leichter aus den Fehlern anderer zu lernen als sich dauernd aus dem eigenen Mist wieder frei zu schaufeln. So suchten wir uns jemanden, dem wir uns anvertrauen konnten und der bereit war ein paar Ahnungslose durch den Anfang zu lotsen.
Es gab einen Angestellten in der pleite gegangenen Firma meines Großvaters zu dem ich schon immer eine besondere Bindung hatte und heute mehr denn je habe. Dieser Mann war auch Rocksänger und war in den Sechzigern, den Siebzigern und bis Mitte der Achtziger sehr erfolgreich. In den Sechzigern war er der Kopf einer Band mit dem Namen „The Clouds“. Später hatte er noch die Formation „Tschentelmen“ und etwa Mitte der Achtziger trat er als Solist auf.
Dieser Mann heißt Peter „Pitche“ Fe. und hatte schon immer so eine Art Vaterfunktion in meinem Leben. Diese Rolle hatte er wohl deshalb, weil ich meinen eigenen Vater nie gekannt habe. Wahrscheinlich waren er und mein Großvater es auch, denen ich meinen Hang zur Musik verdanke. Mein Großvater war Schlagzeuger und somit musste ich ja vorbelastet sein. Ich hatte schon im Kindesalter immer mit Bands zu tun – allerdings waren es mehr die Musiker von Pitche. Ihn fragte ich auch eines Tages um Rat, weil meine Stimme permanent heiser war und ich stellenweise nur noch mit Zetteln kommunizieren konnte. Er nahm sich damals meiner an, sorgte für einen etwas besseren und gezielteren Einsatz meiner Stimme und betreute mich bei all meinen Problemen in dem damals noch so einfachen Amateur-Rock-Geschäft. Er war auch derjenige, der uns daran erinnerte, dass wir einen Bassisten brauchten.
Einen Basser fanden wir ebenfalls in unserem Bekanntenkreis. Er hieß Bernd Ar., spielte Bass und Gitarre und war der erste von uns allen, der darauf bestand, dass wir mit Backgroundgesang arbeiten müssten. Allerdings musste er sich noch etwas gedulden, da wir kein zweites Micro hatten und unsere Finanzlage es nicht zuließ einfach ein Micro plus Stativ zu kaufen.
Pitche wurde im Laufe der Jahre so etwas wie der Pate dieser Band. Er schenkte mir auch mein erstes eigenes Mikrofon der Marke Shure. Wir haben damals viel Zeit miteinander verbracht und waren anschließend meistens betrunken. Damals glaubte ich noch an Ian Durys Devise „Sex and Drugs and Rock’n Roll“. Da wir noch sehr jung waren, sollte der Sex noch etwa ein Jahr auf sich warten lassen, Drugs waren auf dem Land nicht zu bekommen, (das war damals wirklich noch so) also hielten wir uns alle an Bier und Songs von CCR, Hendrix, Deep Purple, Cream, und so weiter.
Als ich etwas später raus bekam dass Mädchen – entgegen der Behauptung meines Großvaters – auf Musiker stehen, wurden unsere Proben immer öfter von Mädels besucht. So probten und partyten wir vor uns hin. Wir coverten und experimentierten auf Teufel-komm-raus. Immer öfter besuchten uns Freunde und Freundinnen von der Schule oder sonst wo her. Manchmal waren in unserem kleinen ca. vier mal vier Meter großen Raum außer uns Musikern und den Instrumenten noch bis zu zehn Zuschauer. Außerdem wurden die Proben immer öfter zu Partys, die bis in die frühen Morgenstunden dauerten. Da wir alle noch zur Schule gingen oder höchstens in der Lehre waren kümmerten wir uns einen Dreck um „den Morgen danach“.
Eines Tages, wir waren im Proberaum, kam plötzlich einer von den anderen an und sagte: „Leute, wir müssen uns der Öffentlichkeit mitteilen. Wir brauchen einen Auftritt.“
Uns allen war klar, dass dieser Punkt irgendwann erreicht war, aber wir konnten uns erst nach einigen Bieren mit dem Gedanken anfreunden. Der nächste größere Termin auf unserem Terminkalender der dafür geeignet war, war mein sechzehnter Geburtstag. Es wurde beschlossen unsere übliche Party etwas auszuweiten. Welche Ausmaße das Ganze haben würde war uns – und vor allen Dingen mir – zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht bewusst.
Wir haben bei mir Zuhause, in einem Mietshaus, den Party-Keller beschlagnahmt, haben all unsere Instrumente zusammen getragen und jedem erzählt, er sollte doch zur Party des Jahrhunderts kommen. Pitche hatte mir ein Paar Boxen und eine kleine Endstufe geliehen; ich sang ja immer noch über den FAL-Combo von Erbs, während er darüber gleichzeitig Gitarre spielte. Heute undenkbar, damals Standard.
Unsere zu diesem Zeitpunkt bereits vorhandenen Freundinnen mussten Salate und Würstchen machen. So war alles genauestens geplant. Nur dass wir spielten, und das Pitche einen kleinen Gastauftritt gab, haben wir niemandem erzählt. Dummerweise auch nicht den Nachbarn.
Es war soweit. Der erste Live-Gig in meinem Leben. Ich war fünfzehn Jahre alt und sollte auf der Bühne Geburtstag haben.
Gegen acht Uhr kamen die ersten Gäste. Die Bude war viel zu klein, denn nach Schätzungen von Beteiligten kamen etwa 200 Leute. Da wir aufgrund hoher Nervosität eine gewaltige Menge Alkohol intus hatten, kann ich mich an den Ausgang des Ganzen nicht mehr erinnern. Ich weiss nur noch, dass wir spielten, mir jemand gratulierte und dass plötzlich eine Tanzkapelle – angeführt von einem musikalischen Bremsklotz mit dem Namen Jörg O. – uns das Ruder aus den besoffenen Händen nahm und ihren Humtaataa-Mist spielten. Pitche, der etwas später kam, versuchte mit den Combo-Trotteln ein paar Rocknummern zu improvisieren, scheiterte aber an deren Unvermögen. Wie diese Freaks auf die Party kamen weiss bis heute keiner so genau. Aber wir kannten ohnehin die wenigsten Leute. Das war uns, und besonders mir, egal. Außer das einem Nachbarn – weil er sich über den Lärm beschwerte – die Nase gebrochen wurde verlief alles relativ geordnet und sauber. Ach ja, wenn ich mich recht erinnere hatte ich noch Streit mit meiner damaligen Freundin, mit der ich von da ab allerdings noch über zwei Jahre zusammen bleiben sollte und die noch so manches üble Ding miterleben musste.
Die Denkwürdigkeit dieser Party wurde dann über lange Zeit durch nichts überboten. Lediglich ein paar Jahre später zelebrierten wir des öfteren seltsame Partys bei Erbs neben unserem Proberaum. Ich glaube wir wollten damals, wie viele andere, unser Bewusstsein erweitern oder so. Also bei uns hat das irgendwie nie funktioniert. Das Einzige was ich bei einer solchen Bewusstseinserweiterung erlebt habe, musste mein Hausarzt behandeln. Da sind stellenweise Dinge passiert, die ich hier und auch sonst wo nicht erwähnen möchte. Aber schön und lehrreich war es auf jeden Fall.
Wir hatten mit der Band Witness dann noch einen zweiten Auftritt, ungefähr zwei Monate später. Der Gig war auf einem Schulfest an unserer Gesamtschule. Wir sollten dort in der Sporthalle spielen. Die Halle war riesig und fürchterlich dekoriert. Es gab alberne Luftballons und Girlanden über der Bühne. Die Bühne selbst bestand aus teppichbezogenen Holzkisten mit je einem Quadratmeter Grundfläche. Wir mussten uns beim Aufbau den ganzen Kram selbst zusammen klauben und irgendwie zu einer Bühne zusammenfügen und befestigen.
Damals lernte ich zum ersten mal die Bedeutung von Gaffa-Tape (das ist ein Gewebe-Klebeband, dass von Musikern fast heilig gesprochen ist, da es immer und überall klebt und im Regelfall acht von zehn Auftritten rettet) kennen. Ohne das Zeug hätte die Bühne nie gehalten.
Da wir zu dem Zeitpunkt noch keine eigene PA hatten, haben wir einfach Pitche als Headliner gesetzt. Er stellte damals die PA und wir konnten den gemeinsamen Auftritt – welcher an meinem Geburtstag im Alkohol unterging – hier nachholen. Alles lief eigentlich sehr gut. Die PA war exzellent. Der Aufbau war schnell erledigt. Wir machten zum ersten mal in unserem Leben einen Soundcheck.
So gegen 18.00 Uhr fuhren Pitche und seine Mannen nach Hause um sich umzuziehen. Sie wollten um ca. 22.00 Uhr wieder zurück sein.
Der Abend begann um 18.00 Uhr. Die Turnhalle wurde aufgeschlossen und die Leute kamen in Strömen. Um 19.30 begann das Programm mit Thomas K. und seinen Tubisten. Diese Freaks spielten Rocksongs auf der Tuba. Es waren ungefähr sechs oder sieben Musiker und das Resultat war – aus meiner Sicht – entsetzlich. Zumal sie auch Songs wie „Smoke on the water“ und ähnliches verunstalteten.
Wir waren erst gegen 20.30 Uhr dran und hatten von daher etwas Zeit für einige Drinks. Was wir nicht bemerkten war, dass ab etwa 20.00 Uhr ein extrem dichter Nebel aufkam, der uns später noch zum rotieren bringen sollte.
Wir begannen pünktlich mit unserem Set. Erstmals war der Opener Song ein eigenes Stück. Er hieß „Gentleman-Rock“. Den Song habe ich noch heute drauf und kann sogar den größten Teil des Textes noch auswendig.
Da ich schon immer unter einem sehr nervösen Magen leide – immer wenn ich mich über längere Zeit zu sehr aufrege übergebe ich mich als würde man mich dafür bezahlen – passierte mir bei diesem Auftritt ein Missgeschick der peinlichen Art. Aufgeputscht durch die etwa 600 Zuschauer im Saal, die gute Stimmung, die super PA und so weiter wurde ich so nervös, dass ich mich während des Opener Songs übergeben musste. Nun ist das auf einer Bühne vor 600 Leuten nicht so einfach unbemerkt zu erledigen. Da ich passend zum Opener Song „Gentleman-Rock“ einen Zylinder trug blieb mir nichts anderes übrig, als hinter einem PA-Turm (damals waren das noch Türme) zu rennen. Dort habe ich dann die Edelkopfbedeckung doch etwas zweckentfremdet.
Peter „Pitche“ Fe. und Frank Wolfraum beim ersten und einzigen gemeinsamen Auftritt. Peter war als einziger seiner Band durch den Nebel gekommen.
Ein echtes Erlebnis war auch die Tatsache, dass die Turnhalle nicht hoch genug abgesichert war. Das heißt, uns flogen mehrmals die Sicherungen um die Ohren. Als das zum ersten mal geschah, kam unser Drummer Mike zu mir und sagte er würde für die Dauer der Unterbrechung ein Drumsolo spielen. Ich war einverstanden und er legte los. Ich weiss heute nicht mehr, ob das was er spielte besonders gut war, aber er musste es noch bei drei weiteren Stromausfällen demonstrieren. Er hat mich dafür dann gehasst, denn jedes mal wenn der Strom weg war, kündigte ich ein weiteres Solo an. Später haben sie dann die Zapfanlage an einen separaten Stromkreis gehängt und wir hatten Ruhe. Ruhe hatten allerdings nicht nur wir, sondern auch der Verstärker von Stephan Kl.. Er hatte das permanente „Strom-an“ „Strom-aus“ nicht verkraftet. Das verrückteste daran war allerdings, dass wir es erst am Ende unseres Auftritts merkten. Die Zuschauer haben es sogar überhaupt nicht bemerkt.
Grundsätzlich machen sich die meisten Musiker viel zu viele Gedanken über alles, was das Publikum hören oder sehen könnte. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass das Publikum bedeutend weniger hört als man selbst. Ich habe schon bei manchen Auftritten um ganze Halbtöne daneben gelegen, oder bei fehlendem Monitoring mehrmals Einsätze verpasst und man hat mir nachher gesagt es wäre die Show meines Lebens gewesen. Nur die eigene Band und die bei jedem Konzert anwesende „Musikerpolizei“ (diese Sorte alberner Musiker, die nur zu Konzerten geht, um die Fehler anderer aufzudecken – obwohl sie selbst meistens die größten Nieten sind) haben etwas gemerkt. Aber leichte Verstimmungen an Gitarre oder Bass, vergessene Abschläge oder verpatzte Choreinsätze etc. bleiben von den meisten unbemerkt. Dennoch sollte man Live so fehlerfrei wie möglich sein, um die daraus resultierende Selbstsicherheit für die Spielfreude zu nutzen.
Als wir um 21.45 Uhr fertig und entnervt von den vielen Stromausfällen in die Garderobe kamen, suchten wir vergebens Pitche. Wen immer wir fragten, keiner hatte ihn oder einen seiner Musiker gesehen. Wie wir später erfuhren steckten die Jungs irgendwo im Nebel. Der Schulleiter wollte nach einer viertel Stunde wieder Musik hören. Also gingen wir noch mal raus und spielten wie die Bekloppten unsere Songs erneut durch. Irgendwann beim dritten mal „Knocking on heavens door“ hörte ich plötzlich eine mir vertraute Stimme. Pitche war da. Die Band zwar noch nicht; aber wenigstens er. Wir sangen zu zweit eine fünfzehn Minuten Version von Bob Dylans Machwerk und er übertönte alle meine falschen Töne.
Als dann endlich seine Band eintraf gingen wir nach fast drei Stunden Auftritt von der Bühne. Wir waren so fertig, dass wir von Pitche nichts mehr mitbekamen. Das einzige was wir noch mitgekriegt haben war, dass sie Pitche nach ungefähr drei Nummern den Strom abdrehten. Denn um 24.00 Uhr musste alles geräumt sein. Es tat mir damals sehr leid für ihn, zumal niemand von uns Geld bekam.
Letzte Besetzung von Witness v.l.n.r.: Bernd W., Frank Wolfraum, Peter If., Michael Wl., Michael Rh., Klaus M., Ralph W.
Dies war dann auch der letzte Auftritt dieser Formation unter dem Namen Witness. Nicht dass wir nicht angekommen währen, sondern wir wollten etwas Neues und Anderes machen. Es gab auch einige personelle Wechsel und Umstrukturierungen. Was nicht heißen soll, dass jemand rausgeworfen wurde, nur hatte der eine oder andere festgestellt, dass das Musik-Bizz doch nicht sein Fall war.
Aus Witness wurde in dieser Zeit die Deutsch-Rock-Band „Aquavid“. Eigentlich hieß sie Aquavit, wie der Schnaps, aber das war dann doch zu gefährlich, wegen des eingetragenen Markenzeichens der Alkohol Firma. Wir hatten in dieser Zeit einige Besetzungswechsel an Bass und Sologitarre. Am Bass kam Norbert Cl., den wir Ami nannten. Nicht um ihn zu ärgern, sondern weil er einer war (vorher gab noch ein gewisser Dirk Schw. ein kurzes Gastspiel am Bass). An der Sologitarre kam nach Michael Wl. – und noch jemand an den ich mich nicht mehr erinnern kann – Burkhard Gl. (ein echtes Gitarrentier). Der Einfachheit wegen nannten wir ihn Buck.
Aquavid (stehend v.l.n.r.): Burkhard „Buck” Gl., Norbert „Ami” Cl., Frank Wolfraum, (sitzend v.l.n.r.): Klaus „Fröschel“ M., Ralph „Erbs“ W., Michael Rh.
