Widerstehen - Ferdinand Sutterlüty - E-Book

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Ferdinand Sutterlüty

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Beschreibung

Die Unzufriedenheit in unserer Gesellschaft wächst. Die einen verzweifeln, andere verlieren sich in Kritik, die meisten machen einfach so weiter. Nur wenige ziehen wirklich Konsequenzen aus dem, was sie als falsch erkannt haben. Diese Menschen wollen nicht tatenlos zuschauen und haben den Mut, sich den herrschenden Zuständen und Erwartungen zu widersetzen. Der Soziologe Ferdinand Sutterlüty hat mit einigen von ihnen gesprochen. Mit einem Seenotretter und einem Lehrer, mit Aktivistinnen und Bergbauern. Mit einer Reinigungskraft, die gegen demütigende Arbeitsbedingungen und für den Aufbau gewerkschaftlicher Strukturen kämpft. Mit einer Forstbeamtin, die sich in einem jahrelangen Gerichtsverfahren gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz wehrt. Mit einem Künstler, der als Selbstversorger lebt, und einer Künstlerin, die mit Transfrauen arbeitet. Für Sutterlüty sind sie Hoffnungsträger und Pionierinnen, die zeigen, dass es auch anders geht – einmal laut, einmal leise, im Untergrund oder sehr öffentlich. Wie Figuren aus großen Romanen lassen sie niemanden unberührt.

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ferdinand Sutterlüty

Widerstehen

Versuche einesrichtigen Lebensim falschen

Hamburger Edition

 

Hamburger Edition HIS Verlagsges. mbH

Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Mittelweg 36

20148 Hamburg

www.hamburger-edition.de

 

© der E-Book-Ausgabe 2025 by Hamburger Edition

ISBN 978-3-86854-416-9

E-Book Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde

 

© der deutschen Ausgabe 2025 by Hamburger Edition

ISBN 978-3-86854-400-8

 

Umschlaggestaltung: Lisa Neuhalfen, Berlin

Inhalt

Cover

Titelei

Impressum

Vorwort

Josef Lose

Iwona Szrenicaska

Marva Davi

Georg Taritzer

Johanna Karleitner

Stella Mirnau

Jakob Donzler

Die Vergaldas

Nachwort

Danksagung

Zum Autor

Vorwort

In diesem Buch berichte ich von einer Reise zu Menschen, die mir von ihren alltäglichen Widerstandspraktiken erzählt haben. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die gesellschaftlichen Zustände, in denen sie leben, zutiefst ablehnen. Sie kritisieren nicht nur, sondern stehen auch existenziell für ihre Positionen ein. Manche tun dies im beruflichen Kontext, bei anderen lässt sich ihre Lebensweise insgesamt als Gegenentwurf zur herrschenden Ordnung und zu ihren Destruktivkräften begreifen. Ihre Handlungsformen sind – um einen bekannten Satz Theodor W. Adornos zu variieren – Versuche eines richtigen Lebens im falschen. Dafür nehmen sie das Risiko in Kauf, vor dem bisweilen harten Gericht der Konvention abgeurteilt zu werden.

Die in meinem ethnografischen Reisebericht vorgestellten Personen zeigen auf exemplarische Weise, dass es Alternativen zu den eingelebten Denkmustern und Gewohnheiten der kapitalistischen Kultur gibt. An ihrem Beispiel lassen sich Möglichkeitsräume sichtbar machen. Sie haben Wege gefunden, sich den weithin akzeptierten Ungerechtigkeiten zu widersetzen, die unsere Gesellschaft strukturieren; einige haben sich eine Lebensweise angeeignet, die ohne die Vernutzung unserer natürlichen Existenzgrundlagen auskommt.

Die erste Station der Reise ist eine Vorstadtsiedlung. Dort wohnt Josef Lose.* Er berät Geflüchtete und engagiert sich als Seenotretter auf dem Mittelmeer. Lose berichtet von den Folgen der Politik eines Europa, das seinen Wohlstand für sich behalten möchte.

Iwona Szrenicaska hat als Putzkraft in verschiedenen Hotels gearbeitet und gehört einer sozialen Klasse an, die multinational und weitgehend unsichtbar ist. Sie schildert ihre Erfahrungen in Deutschland sowie ihren unbeirrbaren Kampf gegen Demütigung und Ausbeutung.

Als Nächstes führt der Weg in eine Großstadt zur Künstlerin Marva Davi. In ihrem Werk widmet sie sich Transfrauen, die im Sexbusiness tätig sind. Davis Grundsatz lautet, dass Menschlichkeit nur durch das Überschreiten von Geschlechtergrenzen möglich ist.

Georg Taritzer unterrichtet an einer berufsbildenden Schule. Ihm zufolge beginnt die Herabwürdigung junger Menschen bereits mit den objektivierten Standards des Bildungssystems. Dem versucht er mit Respekt und Heiterkeit entgegenzuwirken.

Die Forstbeamtin Johanna Karleitner trifft in ihrer Amtsstube auf eine eingespielte Männerherrschaft und wird mit deren unökologischen Machenschaften konfrontiert. Sie verklagt ihren Arbeitgeber und muss erfahren, dass Widerständigkeit einen hohen Preis haben kann.

Stella Mirnau ist eine künstlerische und politische Aktivistin, die in einer entlegenen Gegend wohnt. Gemeinsam mit anderen baut sie ein Netzwerk auf, das als Denkfabrik der kritischen Gesellschaftsanalyse, Kraftwerk des Protests und als Laboratorium des nachhaltigen Lebens fungieren soll.

Ein Allrounder anderer Art ist Jakob Donzler. Der vielseitige Künstler lebt in einem verlorenen Landstrich, braucht kaum Geld und produziert keinen Müll. Gelegentlich taucht Donzler in der Öffentlichkeit auf, um mit seinen Aktionen auf die Zerstörungswut unserer Zeit aufmerksam zu machen.

Meine Reise endet beim Bergbauernpaar Cornelia und Franz Vergalda, das einen auf Selbstversorgung ausgerichteten und in alte gemeinwirtschaftliche Strukturen eingebetteten Hof betreibt. Die Vergaldas sehen in ihrem ökonomischen Ansatz ein zukunftsweisendes Prinzip und folgen zugleich einer eigenen Idee von sozialer Subsistenz.

All diese Personen habe ich ausfindig gemacht, um mit ihnen über die Praktiken ihres »verdeckten Widerstands« zu sprechen. Als ich zu meiner Reise aufbrach, beschäftigte mich die Frage, warum es verdeckten Widerstand auch in demokratischen Gesellschaften gibt, in denen doch prinzipiell alles kritisierbar und der öffentlichen Diskussion zugänglich sein sollte. Ich wollte wissen, aufgrund welcher Regularien und Machtverhältnisse sich Menschen dennoch gezwungen sehen, im Verborgenen zu agieren, um Zuständen entgegentreten zu können, die sie für untragbar halten. Damit war die Erwartung verknüpft, viel über die Verhältnisse in gesellschaftlichen Bereichen zu erfahren, in denen widerständige Praktiken unter dem Radar bleiben müssen. Ich wurde neugierig, was Menschen auszeichnet, die ihre und unsere Wirklichkeit nicht nur beklagen, sondern für ihre oppositionelle Haltung einstehen. Zu diesen Ausgangsfragen sollte meinem Buch einiges zu entnehmen sein.

Während seiner Entstehung haben mir die Befragten bald deutlich gemacht, dass verdeckter und offener Widerstand oft ineinander übergehen und dass eine Hinterbühne als Ort des Rückzugs und der Sammlung braucht, wer öffentlich Einspruch erheben will. So interessierte ich mich immer mehr für die Personen und die Gesamtgestalt ihrer Lebensführung. Was sie mir erzählten, öffnete den Blick auf je eigene, subjektive Universen und gab zugleich viel über die Missstände unserer Gegenwart preis. Die von ihnen beschriebenen Praktiken des Widerstands demonstrieren, dass es unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen auch ganz anders geht.

* Alle Protagonistinnen und Protagonisten dieses Buches tragen Decknamen. Eigennamen und Ortsbezeichnungen, die Rückschlüsse auf die Identität der Personen zulassen könnten, wurden ebenfalls pseudonymisiert.

Josef Lose

Bis kurz vor dem Interview bin ich nicht sicher, ob es stattfinden wird. Herr Lose hat lange darüber nachgedacht, ob er mit mir sprechen sollte. Während unserer Telefonate wirkt es außerdem so, als wäre er im Dauereinsatz, auch wenn seine Stimme klar und ruhig klingt. Am Tag vor dem vereinbarten Termin kommt die Nachricht, einer seiner Klienten solle morgen vor dem Landgericht Springeloh als Zeuge aussagen und bedürfe vielleicht seiner Unterstützung. Ich fahre, auf verschiedene Eventualitäten eingestellt, bei diesigem Dezemberwetter in den Montagmorgen hinein, und tatsächlich holt mich Herr Lose in einem roten Kleinwagen älterer Bauart vom Bahnhof Hüttsiedel ab.

Nach einer förmlichen Begrüßung mit dem kräftigen, bärtigen Mann geht es über Land nach Linekamp. Ich frage nach dem Gerichtsfall. Er habe heute Morgen schon mit dem Staatsanwalt telefoniert, der nun über die Hintergründe informiert sei. Vor der Einfahrt nach Linekamp weist er mich auf das ehemalige Zwangsarbeiterlager hin, das in der NS-Zeit etwas versteckt flussabwärts an der Pirlens gelegen hat. Er macht noch einmal kehrt und zeigt mir am Fluss, der früher oft über seine Ufer getreten sei, die von den Zwangsarbeitern gebauten, nun etwas überwachsenen Befestigungen. Wir wenden, und Herr Lose erzählt von seinen Gesprächen mit lokalen Zeitzeugen, die ihm nach Jahrzehnten des Schweigens ihre Erinnerungen an die Zwangsarbeiter mitgeteilt haben. Auf der Straße habe man damals faule und zermanschte Kürbisse ausgelegt. Die ausgehungerten polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen hätten die Kürbisse von der Straße gegessen oder seien auf ihnen ausgerutscht. »Die Arbeiter und Gefangenen sollten erniedrigt und gedemütigt werden«, erläutert Herr Lose.

Auf der Fahrt durch Linekamp bemerkt er an einer Stelle, dass wir uns gerade auf der Straße befänden, die nach Adolf Hitler benannt gewesen sei. Wir biegen ab in eine Vorstadtsiedlung. Das Geländeeines ehemaligen Pfarrwalds sei nach dem Zweiten Weltkrieg zur Neubebauung durch Vertriebene freigegeben worden. Damit sei die Auflage verbunden gewesen, später eine weitere Flüchtlingsfamilie im Haus einzuquartieren. Bald erfahre ich, dass Herrn Loses Eltern zu den Vertriebenen gehörten, die hier gebaut haben. »Und jetzt wohne ich wieder im Haus meiner Eltern«, sagt er, als wir dort schon fast angekommen sind. Das unauffällige, im Stil der 1950er Jahre gebaute Haus liegt etwas zurückgesetztvon der Straße; dahinter befindet sich ein Garten mit einer Rasenfläche und Grillstelle, allerlei Schuppen und Aufbauten. Drinnen setzen wir uns an den massiven Eichentisch in der Wohnküche mit Blick auf die Häuser der gegenüberliegenden Straßenseite.

Als ich interessiert auf die mit zwei Manualen und zahlreichen Registern ausgestattete Orgel im Raum verweise, spielt mir Herr Lose den Anfang eines mit »Präludium und Fuge« betitelten Stücks von Johann Sebastian Bach vor, dessen Noten gerade aufgeschlagen auf dem Pult liegen. Er lässt die Partitur beeindruckend flüssig und kraftvoll klingen, bis er eine Stelle mehrmals – mit den Worten: »Wie geht das?« – wiederholen muss, ehe sie sitzt. Als ich bewundernd sage, wie »erstaunlich rhythmisch« Bachs Präludium doch sei, antwortet Herr Lose: »Aber hallo!« Er kommt zurück auf die Stelle, an der er hängengeblieben ist. Sie setze sich aus ungewöhnlichen Intervallen und Akkorden zusammen, bei denen man sich unwillkürlich frage, ob sich die Passage wieder auflösen und das Stück zur ursprünglichen Tonart zurückfinden wird. »Hier hat Bach gezeigt«, stellt Herr Lose fest, »dass mit seiner Welt etwas grundlegend nicht stimmt. Er wusste das und hat es mit seiner Musik auch mitgeteilt.« Bevor das Interview beginnt, klärt mich Herr Lose darüber auf, dass er Musikwissenschaft studiert und zuvor lange in der örtlichen Kirchengemeinde als Organist gewirkt hat.

Mich würde zunächst Ihr Engagement als Seenotretter interessieren. Können Sie mir davon erzählen?

Beruflich bin ich eigentlich ganz woanders unterwegs. Aber ich hatte zur Vorbereitung auf eine Atlantiküberquerung, die wir 2013 zu viert auf einem Segelschiff machen wollten, einen Kurs belegt. Es war ein von der Bundeswehr angebotenes Training für Zivilisten, das mit Notfallequipment zu tun hatte. Dort haben wir Vom-hohen-Turm-Springen, Rettungswesten-Öffnen, Rettungsinseln-Feuerbekämpfung und auch Leckbekämpfung in einem Wrack geübt. Dafür stand uns ein früheres Schiff zur Verfügung, in das Wasser eingedrungen ist. Hinter einer Plexiglasscheibe konnten die anderen zusehen, wie so eine Fünf-Personen-Gruppe agiert, die sich koordinieren und mit Holzstöpseln irgendwie versuchen muss, das Leck zu stopfen. Danach wurde mit allen Beteiligten darüber gesprochen, was sie gesehen haben. Das war für mich als Therapeut eine faszinierende Erfahrung. Die Situationen wurden nicht als Hilflosigkeit und als schambehafteter Makel erlebt, sondern es wurden Menschen vor der Plexiglasscheibe beobachtet, die nach bestem Wissen und Gewissen handelten und manche Dinge doch kolossal übersahen. Das konnten sie nachher auch benennen, vielleicht sogar darüber lachen. Wir vier, die auf dem Segelschiff den Atlantik überqueren wollten, hatten uns abgesprochen: »Wir machen alle diesen Kurs mit.« Wir wollten sichergehen, dass wir wieder nach Hause kommen.

Als wir dann im Herbst 2013 auf dem Weg in die Karibik waren, sank ein Fischerboot mit vielen Hundert Menschen vor Isola Pelagia; es ist wenige Hundert Meter vor der Küste im Mittelmeer gekentert. Wir dachten: Eigentlich sind wir in der falschen Richtung unterwegs. Wir hatten von dem Unglück gelesen und wussten, dass das kein Einzelfall sein kann. Dass da nicht nur einmal ein Boot kommt, das keine EPIRB-Baken – also keine elektronischen Rettungssignalbojen – hat und auch keinen Funk. Da war mir klar: Ich muss da einmal hin!

Im Training haben wir es mit den physikalischen Mechanismen und Grenzpunkten zu tun bekommen, aber dann kam eben die Frage auf: Was läuft denn eigentlich im Hintergrund ab, welche Mächte sind im Spiel, dass Menschen in Not kommen? Wenn Kriege geführt werden, werden Flüchtlingsströme vorab miteinberechnet. Kriege werden geplant, es wird Material herangeschafft, daran verdienen Menschen, Institutionen, ganze Gruppen. Und sie wissen: Es werden sich Menschen in Gang setzen, sie werden fliehen. Natürlich. Wenn dann ein Schiff sinkt, werden die Fehler der Menschen, die sich in der Situation befinden, erkannt und manchmal richtig hochgekocht, weil dabei Leute verletzt werden oder sogar sterben können. Aber ich halte es für ganz wichtig, die Verantwortung im Blick zu haben oder die Rahmenbedingungen, derentwegen es so ist. Das ist nicht die Schuld von Menschen, die da beteiligt sind. Das ist noch ein Punkt, der aus meiner Sicht wichtig ist: frei von Schuldzuweisungen aktiv zu werden.

Sie sprachen von politischem Handeln, das Kriege nicht nur in Kauf nimmt, sondern auch herbeiführt, im Wissen um die Folgen in Form von Flüchtlingsströmen und Toten. Da frage ich mich, wie Sie das meinen, wenn Sie sagen, es sei wichtig, keine Schuldzuweisungen zu machen?

Ich könnte natürlich auch sagen: Gut, dann kämpfe ich doch gegen die Institutionen, die Kriege vom Zaun brechen, Krisen herbeiführen und aktiv befeuern, Flüchtlingsströme generieren. Aber der nächste Schritt wäre zu erkennen, dass diejenigen, die das planen, selbst in die Rahmenbedingungen verflochten sind. Ich werde mich nicht mit denen anlegen, denn dann werden sie mich in ihr Kalkül einbeziehen. Deshalb solidarisiere ich mich mit denen, die schon unterwegs sind und die wissen sollen: Wir hören euch. Sicher könnte ich gegen diejenigen, die das in Gang setzen, vorgehen und meine gesamte Kraft dafür einsetzen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Dann würden die im untergehenden Boot schon nicht mehr leben. Darauf beruht meine Entscheidung.

Ich verstehe.

Schuld – ich wünschte mir, ich würde keine Verurteilungen machen. Urteile und Schuldsprüche schleichen sich ein, aber ich würde sagen: Kann ich mir nicht leisten. Nach dem Einsatz 2016 war es besonders stark, dass ich dachte: Es gibt Verantwortliche! Da kam eine Menge Wut auf.

Das würde mich natürlich interessieren.

2016. Atmet mehrfach stark aus und schweigt.

War das Ihr erster Einsatz im Mittelmeer?

Ja, genau. Wir hatten aber 2015 schon Trainingstreffen. Wir haben uns verschiedenen Szenarien ausgesetzt, in denen Arbeitsgruppen bestimmte Aufträge bekamen. Auf meinen ersten Einsatz 2016 hatte ich mich auch mental intensiv vorbereitet. Ich bin daher nicht unerwartet auf schlimme Dinge gestoßen. Nur konnte ich vorher nicht wissen, wie das Erleben vor Ort ist, und es ist noch viel mehr passiert als gedacht.

Die Intensität 2016 war einfach dadurch enorm, dass ich mit vielen Kleinstkindern und toten Säuglingen zu tun hatte. Die haben wir geborgen. Das war nicht vorgesehen. Auf unserem Schiff, der Guard Maritime II, wurde über den Umgang mit Leichen überhaupt nie nachgedacht; auch nicht darüber, Leute an Bord zu nehmen, wie das jetzt eher üblich ist. Unsere NGO ist eine selbstverwaltete Einheit, und der selbstgewählte Auftrag der Guard Maritime war, wie der Name schon sagt, zu beobachten und zu melden. Das hat bis 2016 eigentlich immer gut geklappt: Wenn Seenotfälle gemeldet wurden, kamen Industrieschiffe, Militärschiffe, und die Leute wurden gerettet. Niemand wurde nach Libyen gebracht, überhaupt keiner ist auf eine solche Idee gekommen. Wenn ein Seenotfall gemeldet wurde, hat das MRCC – die Seenotrettungsleitstelle für die Seegebiete um Italien – übernommen. Dort wussten sie, welche Schiffe in der Nähe waren, und wir haben das auch gehört, wie Tanker per Funk angewiesen wurden, da- oder dorthin zu fahren. Für uns war die Entscheidung, jetzt auf einmal Leute an Bord zu nehmen, eine Überschreitung der selbst gezogenen Linien.

Was ist denn genau vorgefallen? Wo haben Sie die Leichen gefunden? Wie kamen die Leute zu Ihnen an Bord?

Ein großes Holzboot ist untergegangen, mit mehreren Hundert Menschen, und wir wurden dorthin beordert. Ich hatte Wache. Wir sind einfach hingefahren, wussten aber, wir brauchen bestimmt noch acht oder neun Stunden. Es sind schon Marineschiffe und andere Helfer dagewesen, aber es waren bereits viele Menschen ertrunken. Wir wurden vom Chef der Küstenwache angefragt. Die Leute von der italienischen Küstenwache, die das schon seit Jahren machten, halfen einfach. Das stand natürlich nicht in der Zeitung. Aber die anderen, die Militärschiffe, waren nach der Erstversorgung weg. Sie sind anonym schnell wieder weggefahren und durften auch nicht gefilmt werden. Dieses Küstenwachschiff blieb und hat die weitere Versorgung übernommen, und wir wurden gefragt, ob wir helfen, die Leichen zu bergen: »Könnt ihr bitte helfen und euer kleines Sechs-Meter-Schlauchboot zur Verfügung stellen, wir wollen die Leichen dort unterbringen. Wir haben sowas nicht.«

Auf voller Fahrt zum Unglücksort sichteten wir plötzlich ein Gummiboot. Wir mussten entscheiden: »Nehmen wir sie an Bord oder lassen wir sie untergehen?« Leicht hätten wir weiterfahren können, und die Crew hätte sich einigen können: »Dieses Gummiboot haben wir nie gesehen.« Es ist anders gekommen, wir haben gesagt: »Da ist ein Boot, da ist ein Boot! Achtung, da ist ein Boot! Achtung, da ist ein Boot! Achtung, da ist ein Boot!« Alle wussten: Jetzt müssen wir darüber sprechen. Es waren bei uns ja Freiwillige an Bord, also haben wir uns zusammengesetzt. Es dauerte ein bisschen, und dann haben wir beschlossen: »Wir fahren da hin. Unsere Schnellboote sind viel eher da, deswegen sollen sie mit ein paar Hundert Rettungswesten und einer Rettungsinsel in die Richtung des Seenotfalls zu dem Holzboot fahren. Und wir, die anderen, fahren direkt zu dem Gummiboot und nehmen die Leute an Bord.« Wie gesagt, das haben wir bis dahin noch nie gemacht, es war nicht abgesprochen, eine neue Situation. Uns war klar: Niemand gibt uns dafür einen formalen Auftrag. Wir machenʼs einfach. Ich habe dann darauf bestanden, dass wir alle hundertsechzig Leute, die wir schließlich an Bord der Guard Maritime II hatten, weiterhin mitnehmen.

So ist es gekommen, und wir hatten die Leute an Bord, als wir mit unserem großen Schiff dann auch vor Ort waren. Wir hatten hundertsechzig Leute an Bord, aber eine Besatzung von nur zwölf Personen. Wir haben Essen gekocht, obwohl wir gar nicht dafür ausgerüstet waren, für so viele Leute zu kochen. Das war auch eine richtig tolle Situation mit dem Kapitän des Küstenwachschiffs. Mit dem haben wir vereinbart, dass alle hundertsechzig Leute vor Einbruch der Dunkelheit von unserem auf deren Schiff gebracht werden. Wir wussten nämlich, dass sie auf jeden Fall nach Italien fahren. Wir wollten außerdem vermeiden, dass der Transfer von unserem Schiff mit Schlauchbooten nachts passiert. Das hat alles gut geklappt. Als die Sonne, damals im Mai, innerhalb von einer Minute unterging, waren alle auf dem Küstenwachschiff.

Beim Leichenbergen waren wir nur vier Freiwillige. Alle anderen waren dagegen und haben gesagt, sie könnten sich das überhaupt nicht vorstellen. Da waren der Fahrer, ein zweiter, der einer der Ältesten war und mit mir Wache hatte, ein Kameramann und ich. Wir waren die vier, die sagten: »Das machen wir jetzt.« Bergen ist eigentlich übertrieben, wir haben den Toten Rettungswesten an die Füße gebunden, um sie zu markieren und um zu verhindern, dass sie untergehen. Die Küstenwache konnte die Ertrunkenen dann mit dem Beiboot, das wir ihr geliehen hatten, mitnehmen und zu ihrem Schiff bringen. Das war nicht vorgesehen, richtig überrascht hat mich die Situation allerdings nicht.

Aber wie das aussieht, wenn ein Kleinstkind einen Meter unter Wasser schwimmt! Das hatte ich mir nicht ausmalen können. Es schwimmt reglos unter der Wasseroberfläche wie eine vollgesaugte Puppe. »Wer nimmt denn hier eine Puppe mit«, dachte ich, »es wird wohl ein Mensch sein. Da musst du jetzt dran!« Ich habe das Kind genommen und festgehalten, nicht nur markiert. Das wäre in einer Rettungsweste versunken, es war ja noch ein Baby. Da habe ich es einfach auf den Arm genommen und habe mich der Situation gestellt. Da entstand eine große Frage: »Was geht hier eigentlich vor? Was geht hier eigentlich vor, Leute! Dieses Kind hat nicht entschieden, ins Boot zu gehen. Die Eltern haben das auch nicht gemacht, die sind ja mitgestorben.« Bloß ein Verwandter hat überlebt, wie ich später herausgefunden habe.

Auf eigene Faust habe ich danach gesucht, wo die Leute vom gesunkenen Schiff an Land gebracht wurden. Da enden die Spuren gewöhnlich. Den Rest muss man selber herauskriegen, es sagt einem keiner etwas. Man stößt bei offiziellen Recherchen höchstens auf den Datenschutz. Dann habe ich eben auf verschlungenen Wegen ein Gräberfeld in einem Dorf über der silserrischen Küste ausfindig gemacht und bei der Staatsanwaltschaft gefragt: »Wie heißen die Kinder, die dort begraben sind?« Und tatsächlich hatte ein Verwandter, der mit an Bord war, einige der Leichen identifizieren können. Diesen Mann habe ich aber nicht mehr gesprochen. Das habe ich alles von mir aus gemacht und hat mit Guard Maritime – ich spreche hier von der Organisation, die den Namen ihrer Schiffe trägt – nichts zu tun.

Da bin ich ein paar Monate später hingefahren, einfach der Intuition nach, weil mich interessiert hat: Wo sind diese Menschen geblieben? Im Hafen habe ich dann dieses Küstenwachschiff wiedergetroffen und mit Verantwortlichen gesprochen. Ich habe tolle Leute kennengelernt, die diese Arbeit in Italien machen. Da ist etwas ganz Neues passiert, was ich überhaupt nicht vorhatte. Ich kam in Kontakt mit den Leuten im Dorf, die im Mai die Geretteten aufgenommen hatten. Sie hatten damals auch mehrere Kinder dort aufgebahrt und mit Hunderten von Leuten gesungen. Ich habe mit ihnen gesprochen und sie haben mich mehrfach wieder eingeladen. So entwickeln sich Wege; das war sehr hilfreich und ist es bis heute.

Aber schon bei dem Einsatz entstand die Frage: Was geht hier eigentlich vor auf diesem Planeten und was sehen wir alles nicht? Wir hätten ja auch einfach weiterfahren können. Auch das ist eine interessante Frage: Warum macht man das so und nicht anders?

Haben Sie eine Antwort darauf, warum Sie es so gemacht haben?

Oberflächlich habe ich wohl eine feste Entscheidung getroffen, aber was in mir diese Entscheidung hervorgebracht hat, kann ich auch nach langjähriger Suche nicht recht identifizieren. Das ist eine Struktur in einem, würde ich sagen, die kann ich auch beim besten Reflektieren mit Fachleuten vielleicht nicht ergründen. Bei dem, was ich gemacht habe, kann ich sagen: Ich steckte mittendrin. Ich habe eigene Kinder und eine Vergangenheit, und damit stecke ich mittendrin, auch biografisch. Da kann ich nicht einfach aussteigen und sagen: »Ich tue so, als wäre ich gar nicht da. Nein! Das ist jetzt mein Part, jetzt bin ich hier und muss das machen.« So fühlte sich das an.

Können Sie diese biografischen Pfade etwas beleuchten?

Nun ja, ich komme hier aus diesem Umfeld in der Region Drostvesten, und bin dann ein bisschen herumgekommen. Ich habe mich ausdrücklich distanziert von diesem kleinbürgerlichen, sehr behüteten, religiös verwurzelten Gebilde, an dessen Grenzen ich als Sechzehn-, Siebzehn-, Achtzehnjähriger gestoßen bin. Besonders habe ich diese Grenzen kennengelernt, als ich den Wehrdienst verweigert habe. Habe die Doppelbödigkeit erlebt, die Ohnmacht des Vertrauens, so würde ich das sagen.

Ohnmacht des Vertrauens?

Ja! Das ist eine sehr gläubige Gegend hier, mit starken Ritualen und manifestierten Glaubensregeln. Aber ich dachte: Wenn es darauf ankommt, sind sie plötzlich weg! Die Glaubensregeln sind auf einmal weg, wenn man sagt: »Ich verweigere, ich übe keine Gewalt aus, nur weil ein Staat das will. Das mache ich nicht! Ich weiß doch von meinen Eltern und von den Verwandten, was das bedeutet, ich habe doch ihre Geschichten als Kind gehört.« Ich habe die Not gespürt, die aus Krieg und Vertreibung entstanden ist, auch wenn die Geschichten nicht so richtig auserzählt wurden. Aber die Not war in den Stimmen zu hören, als ich noch klein war. Daran konnte ich mich wieder erinnern und habe gesagt: »Und jetzt mache ich es anders.« Da fehlte mir einfach der Rückhalt, und ich habe gemerkt: Der Grund ist doch nicht da, wenn ich wirklich verweigere, plötzlich brechen die Bindungen weg. Darum musste ich weg von hier.

Ich habe meinen Zivildienst dann in einer Internatsgruppe gemacht. Dort gab es eine Schule für geistig und körperlich behinderte blinde Kinder. Mit einundzwanzig Jahren habe ich mich 1988 nach Gundum abgesetzt. Da habe ich mich schon mit Soziologie, Erziehungswissenschaften und dann auch mit Musik beschäftigt, weil ich dachte, dort öffnet sich mir ein größerer Erkenntnisraum; gerade in der Systematischen Musikwissenschaft, die ja in der NS-Zeit verboten war. Dann ging es weiter mit offener Jugendarbeit in Gundum. Im Studium habe ich afrikanische Tekanka-Lo-Rhythmen kennengelernt und danach noch zusätzliche Kurse belegt.

Da wurde ich von der Stadt gefragt, ob ich im Jugendzentrum eines Vororts von Gundum eine Rhythmusgruppe anbieten wolle. Das Jugendzentrum war sehr verrufen, wegen des hohen Gewaltpotenzials, wegen der außerordentlich hohen Migrationsrate. Das Angebot habe ich angenommen, bekam die Instrumente und habe dann mit den Jugendlichen gearbeitet. Später war ich beim Café A im Krugtorviertel angestellt, einem Treffpunkt für Jugendliche, die in anderen Kneipen und Szenen in Gundum aufgrund ihrer semikriminellen Karrieren Hausverbot hatten. Das fand ich auch sehr interessant.

Als ich in Sallow Musiktherapie studiert habe, machte ich erneut mit offener Jugendarbeit weiter. Dort war es tatsächlich möglich, Abendveranstaltungen für mehrere Hundert Jugendliche zu machen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass die Gruppenleiter an der Eingangstür sagten: »Wer jetzt hier hereinkommt, gibt einfach die Pistolen und Messer ab.« Dann wurden die Pistolen und Messer abgegeben, und am Ende konnten sie ihre Waffen wieder mitnehmen. Das fand ich schon sehr beruhigend: »Es geht. Es geht! Du musst es machen!« Das ist so ein ähnliches Gefühl wie auf dem Schiff gewesen. Dann habe ich in Sallow, das muss ungefähr 1996 gewesen sein, eine Stelle als Musiktherapeut angenommen.

Ein Jahr später bin ich wieder hier in die Gegend gezogen, habe in der Erwachsenenpsychiatrie gearbeitet und eine Musiktherapie aufgebaut.

Wenn Sie so direkt nach dem Biografischen fragen: Als Kind habe ich gerne mit Autos, aber auch mit Puppen gespielt, und darüber wurde gelacht. Ich hatte ja zwei Schwestern, und in der Familie wurde gelacht, wenn ich mit Puppen gespielt habe. Es wurden auch Sprüche gemacht: »Ääh, spielt mit Puppen!« Als ich das hörte, hatte ich den Eindruck: Ihr habt keine Ahnung, ihr habt tatsächlich keine Ahnung von mir. Wieso sollte ich nicht mit Puppen spielen? Vielleicht ist das irgendwie interessant. Aber zu noch früheren Phasen komme ich nicht hin.

Oh nein, ist schon gut! Der Abstecher in Ihre Lebensgeschichte ergab sich ja aus Ihrem Bericht vom ersten Einsatz auf dem Mittelmeer. Soweit ich weiß, gab es noch mehr Einsätze.

Die nächste Mission war 2018 auf der Guard Maritime III, dem größeren Nachfolgeschiff, das bis zu fünfhundert Leute an Bord nehmen kann und eine breitere Besatzung hat. Dort wurde ich als Gästekoordinator eingesetzt. Ich war also für die Gäste – wie wir die Geretteten genannt haben – an Bord zuständig. Es ging um die Logistik, von der Verpflegung über das Kochen bis hin zu der Frage, wie die Gäste gesetzt werden. Natürlich habe ich viel von den Vorcrews übernommen, es fanden Übergaben statt. Aber ich habe auch gründlich darüber nachgedacht, was mir wichtig ist, wie ich diese Koordination aus meiner Erfahrung heraus gestalten würde. Denn 2016 war schon deutlich, dass es nicht »die« Flüchtlinge gibt und auch nicht »die« Boote. Die Menschen kommen aus unterschiedlichen Regionen und haben Unterschiedliches erlebt. Sie kommen mit unterschiedlichsten Spannungen, Geschichten, Atmosphären, Konfliktpotenzialen. Den Umgang damit wollte ich möglichst verfeinern, und ich hatte mir viel überlegt, wie ich ruhig und klar kommunizieren kann und wie zu vermeiden ist, dass Situationen eskalieren. Das waren meine Pläne und meine Vorbereitungen für den Einsatz, der 2018 von der Insel Vella aus starten sollte.

Im Hafen dort haben wir mehrere Tonnen per Hand ins Schiff gebracht – mehrere Tonnen Bohnen und Reis, Tee und Klamotten, Säuglingsnahrung und Schnuller. Und wir durften nicht losfahren. Das heißt, wir warteten. Wir waren startklar, sehr angespannt, hatten auch Sicherheitstraining, Piraterietraining, Feuertraining gemacht, alles Mögliche hatten wir gemacht. Nun waren wir so weit und wollten los und bekamen einfach nur einen kleinen Wink: »No!« – »Why?« – »Higher authorities!« Nach drei, vier Tagen wurde uns klar, was das bedeutete: Nicht die lokale Behörde hat verboten, dass wir ablegen, sondern höhere Autoritäten aus dem anonymen Off hatten das beschlossen. Da kamen sogar noch Kontrolleure, um den kleinen Dienstgeber vor Ort zu überprüfen. Ich habe eigentlich nicht geglaubt, dass das im einundzwanzigsten Jahrhundert mitten in Europa möglich ist. Wir waren eines der ersten Schiffe, das so massiv geblockt wurde.

Vorher war es die Human Rescue, die nicht in den Hafen von Vella einfahren durfte. Die Human Rescue, die frühere Guard Maritime II, lag da draußen und wurde nicht in den Hafen gelassen, mit siebzig oder achtzig Geretteten an Bord. Über eine längere Zeit fuhren Versorgungsboote hin und her, bis sie schließlich nach einem Hilfegesuch die Einfahrerlaubnis nach Vella erhielten. Wir waren wirklich froh und sind als Gruppe zum Hafen, auf die starken Außenfestungsmauern von Vella gestiegen und haben der Human Rescue zugewinkt. Sie wurde von zwei Militärschiffen, vorne und hinten, begleitet. Wir haben dann das Schiff aufgesucht, um den Menschen Solidarität zu zeigen.

Dort waren Leute von der Identitären Bewegung, die ein großes Plakat an die Hafenmauer gehängt hatten: »Refugees, go home!« Da kamen wir jetzt auch hin, und Sie können sich vorstellen, dass das Aufeinandertreffen unsichtbaren Sprengstoff barg. Ein kanadisches Crewmitglied, ein Physiker und Tiefseeforscher, sagte: »Ich bin nicht nach Europa gekommen, um mich hier mit Menschen zu prügeln. Wir werden uns von den Identitären in nichts verwickeln lassen. Nicht mit mir!« Die Mehrheit sah das zum Glück genauso. Es kam zu einigen Auseinandersetzungen, Polizei war da. Diese hatte uns in Vella ohnehin immer im Visier.

Aber dass wir nicht hinausfahren durften mit unserer internationalen, erfahrenen Crew und mit einem gut ausgerüsteten Schiff, hatte für mich eine unheimliche, ungeahnte Wucht. Selbst einer politischen Umgebung anzugehören, in der man festgehalten und gehindert werden kann, ein möglicherweise lebensrettendes Vorhaben umzusetzen, war schockierend. Ich wurde einfach nur still und dachte: »Okay, ich fahre jetzt nach Hause und bin sehr verwirrt. Aber ich werde auch ohne eine offizielle Erlaubnis auf jeden Fall weitermachen. Ihr könnt mich nicht aufhalten.«

Das führte dazu, dass ich mich mit anderen Aktiven, die das ähnlich sahen, auf die Suche nach Möglichkeiten gemacht habe. Wir haben uns gesagt: »Wir werden auf jeden Fall hinausfahren, und das geht nur mit einem Schiffskörper, der nicht zu groß ist und nicht über die jetzt bestehenden Gesetzgebungen festgehalten werden kann. Und das ist ein Segler. Also werden wir mit einem Segler hinausfahren mit dem Wissen: Wir werden keine Leute aufnehmen können, zumindest werden wir nicht großräumig retten können. Aber wir lassen uns nicht festhalten, und wir werden hinfahren.« Das wollte ich ja eigentlich schon 2014, und das ist 2019 dann auch geglückt.

Ich war mit einem Segler auf libyschem Gewässer, vor Tripolis. In dem Seegebiet gibt es zwei Grenzzonen, und es bestanden damals schon die Bestrebungen der Europäer, den Libyern eine eigene Rettungszone auszuweisen und diese halbwegs zu legitimieren: »Ihr könnt so viele Leute zurückzwingen, wie ihr wollt, ihr habt freies Spiel.« Das war die Devise. Es fanden auch Besetzungen und Beschüsse von Schiffen statt; deswegen haben wir ja unser Piraterietraining gemacht. Es gab da diese Vierundzwanzig-Seemeilen-Zone und die Zwölf-Seemeilen-Zone vor der Küste, und wir waren knappe zwanzig Seemeilen vor Tripolis. Das war ein sehr angenehmes Gefühl zu wissen: Es ist wahr, uns hat keiner festgehalten. Es kam dann Sturm auf. Keiner ist mehr freiwillig hinausgefahren, es konnte auch kein Fluchtboot kommen. Aber es hatte sich schon einmal gezeigt: Es geht, es funktioniert.

Das Gleiche haben wir dieses Jahr im August gemacht. Da waren wir an der Versorgung von über sechshundert Leuten beteiligt; knapp vierhundert davon kamen von einem untergehenden Holzboot, ähnlich wie damals 2016. Wir hatten eine Crew, die das schon ein bisschen kannte. Deshalb lief alles viel ruhiger und vielleicht auch weniger bedrohlich ab. Wir hatten Glück in der Zusammenarbeit mit der Trosvik Pride und der Guard Maritime III, wir waren nicht alleine mit vierhundert Leuten. Mit dem Segler auf so viele Leute zu treffen, davor hatten wir nämlich große Angst. Aber es gab für uns im letzten Sommer viele Einsätze, und wir hatten auch Menschen direkt an Bord; sofort, als wir in das Gebiet hineinfuhren.

Wie war das genau?

Bei diesem Vierhundert-Personen-Boot hatte die Guard Maritime große Rettungsinseln ausgeworfen. Dann schwammen da noch viele Rettungswesten herum, einige mit Menschen drin, einige ohne Menschen. Es waren Trillerpfeifen und Schreie zu hören, das war das Szenario, als wir in das Gebiet hineinfuhren und den Motor ausmachten. Wir haben herumgeleuchtet, es war stockdunkel, aber man sah Lampen: Rot, Rot, Rot, also Leute. Und dann noch dieses diffuse Pfeifen und Schreien. Innerhalb von ein paar Minuten hatten wir acht Leute an Bord. Wir haben einfach die Badeleiter seitlich hinausgelassen. Ich bin ganz langsam hin, weil man nicht weiß, ob sonst jemand in die Schiffsschraube gerät.

Einen, der keine Rettungsweste anhatte, haben wir einfach zu zweit oder zu dritt hereingezogen; er hätte es nicht mehr lange gemacht, fast wäre er ertrunken. Es haben sich alle erholt und sind sehr schnell eingeschlafen. Da lagen sie. Noch in derselben Nacht haben wir sie dann an die Trosvik Pride übergeben.

Der Gewichtigste hatte bestimmt über hundert Kilo. Der Mann war auch sehr verwirrt, er hat die ganze Zeit geredet. Er versuchte sich zu beruhigen, indem er einfach erzählte. Immer wenn wir in der Nähe waren, fing er an, mit uns zu reden: about Germany, his children. Er brabbelte flüsternd, die anderen wollten ja schlafen. Im Nachhinein habe ich gedacht: Es müsste doch extrem anstrengend gewesen sein, den Hundert-Kilo-Mann an Bord zu bringen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Das spielte keine Rolle. In diesen Situationen sind elementare Dringlichkeiten im Spiel, da hält man sich an etwas fest und greift mit der anderen Hand zu und zieht einfach jemanden herein. Das ist richtig faszinierend; da stehen einem Kräfte zur Verfügung, von denen man im Alltag nichts weiß. Jenseits der physischen Kräfte bekommt das eine andere Qualität, wenn ich eine Notsituation innerhalb des abgesperrten Gebiets einer Ölplattform habe; in ein solches Areal darf man nicht hineinfahren, aber just dort sank das Boot.

Nun ist es Zeit, die Pause einzulegen, um die Herr Lose vorab gebeten hatte. Er schaut wegen des besagten Gerichtsprozesses in seinen digitalen Posteingang und tischt belegte Brötchen auf. Bald darauf erscheint sein Sohn. Herr Lose stellt ihn mir betont mit beiden Vornamen vor – Hans Donatus – und herzt ihn liebevoll. Nachdem Vater Lose die Wohnküche zum Telefonieren verlassen hat, unterhalte ich mich mit Hans Donatus, habe wegen seiner Artikulation allerdings große Mühe, ihn zu verstehen. Am Abend werde er noch zum Sport gehen, teilt er mir mit. Ich versuche, das Gespräch in Gang zu halten, und bekomme einiges über seine beiden Lieblingsvereine in der Ersten und Zweiten Fußballbundesliga zu hören. Sein etwas jüngerer, vielleicht achtzehnjähriger Bruder Elias betritt die Wohnküche, stellt sich mir kurz vor und beginnt in der Kochnische etwas zu braten; dem Geruch nach Ham and Eggs. Elias nimmt Hans Donatus zwischendurch auf dem Sofa in den Arm; es wirkt wie ein eingespieltes, freudvolles Ritual. Von Elias erfahre ich, dass sie beide am Abend gemeinsam zum Sport gehen werden; während er im Fitnessstudio trainiere, werde sein Bruder durch spezialisierte Fachkräfte angeleitet.

Als ich wieder mit Herrn Lose alleine dasitze, erzählt er mir von seinen Sorgen mit Hans Donatus, der bis vor Kurzem in einem Café gearbeitet habe und dort mit allen gut zurechtgekommen sei. »Er spürt sehr gut, was andere Menschen brauchen«, fügt Herr Lose hinzu. Mit einem frischen Tee startet die zweite Interviewrunde. Elias und Hans Donatus betreten währenddessen ein paarmal die Wohnküche, ohne zu stören; Letzterer steht einmal für einige Minuten ruhig schweigend hinter seinem Vater, während dieser spricht.

Sie arbeiten, wie ich bereits weiß, auch beruflich mit Geflüchteten. Können Sie mir bitte erklären, was Sie genau machen?

Das ist ein weites Feld. Rein formal, also rechtlich gesehen, arbeite ich in einem der Beratungszentren, die nach 2015 entstanden sind. Dort bin ich als Kinder- und Jugendpsychotherapeut und Traumaberater tätig. Eigentlich bin ich für die ganze Klientel von jung bis ganz alt zuständig, für Männer ebenso wie für Frauen. Aber eine ganze Zeit lang landeten hauptsächlich sogenannte unbegleitete junge Alleinreisende bei mir. Weil die meisten keinen sicheren Aufenthaltsstatus haben, kommen in den Therapien mehrere Probleme zusammen. Die Leute haben möglicherweise eine psychische Komplikation, sei das nun eine Traumatisierung oder eine Verarbeitungsstörung, eine Reaktionsstörung oder eine Persönlichkeitsakzentuierung, die sie schon aus ihrer Heimat mitgebracht haben. Diese Komplikationen schwächen sich aufgrund einer räumlichen Veränderung ja nicht unbedingt ab.

Das Erste, was die Leute dann hier erreicht, ist: »Ach, das ist ein Flüchtling.« Das öffnet überhaupt erst die Eingangstür zum Beratungszentrum. Das ist so merkwürdig, denn sobald jemand sagt: »Ich bin kein Flüchtling mehr«, kann er gar nicht mehr bei uns behandelt werden. Aber der Grund, warum jemand so ist, wie er ist, und die Probleme hat, die er hat, besteht nicht unbedingt darin, dass jemand Flüchtling ist. Es ist ganz schwierig, das auseinanderzuhalten, aber wer auch immer kommt und Schwierigkeiten hat: Ich sehe es als meine Aufgabe, in der Therapie oder in der therapeutischen Begleitung verstehbar zu machen, was womit zusammenhängt, und dort, wo es sinnvoll erscheint, eine Bearbeitung zu ermöglichen. So würde ich meine Arbeit global beschreiben.

Das ist jetzt ein bisschen abstrakt, aber ich habe zunehmend Fälle, die ich in zwanzig Jahren Allgemeinpsychiatrie kaum gesehen habe. Das heißt Menschen, die fast so etwas haben wie eine dissoziative Epilepsie. Von normalen Medizinern und Notärzten wird das als epileptischer Anfall gewertet, die Menschen kommen dann immer wieder in eine Notaufnahme. Aber die Hintergründe der Anfälle sind nicht neurologisch abzuleiten; aufgrund einer Traumaverarbeitungssituation geraten Menschen in paraepileptische Zustände. Diese können dazu führen, dass sie sich die Zunge verletzen oder Zähne ausreißen. Oder die dissoziative Fugue, von der ich vorher nur gelesen und theoretisch gehört hatte. Der Begriff kommt von Flucht. Das heißt, ich gerate in einen Zustand, in dem ich sofort das Haus verlasse, egal, was ich gerade anhabe, und laufe die nächsten drei Tage einfach nur durch die Gegend. Ich bin dann auch nicht orientiert, also die Person weiß überhaupt nicht, wo sie ist, und wird dann irgendwo im Feld oder zusammengekauert hinterm Gebüsch wiedergefunden. Das sind Zustände von Personen, die im Gefängnis waren und gefoltert wurden.

Sprechen Sie von Menschen, die in nordafrikanischen Gefängnissen oder auf der Flucht gefoltert wurden?

Nein, meistens in politischen Kontexten, in Syrien oder im Iran. Oder es sind Deserteure, die das hier nicht sagen dürfen. Es hilft ihnen im Asylverfahren nicht, wenn sie sagen: »Ich bin nicht mehr bereit gewesen, als illegal im Iran lebender Afghane zwangsrekrutiert zu werden, um in Syrien in einem Gebirgszug nahe der israelischen Grenze Sondereinsätze zu machen.« Mit solchen Situationen habe ich zu tun, die schwer zu kommunizieren und auch politisch umstritten sind. Diese Menschen sagen vor dem BAMF – dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge – gar nicht, dass sie aus diesen Gründen hier sind. Und da sind wir schon im Thema.

Beim Thema Flüchtlingsstatus und bei der Frage, wie man sich dem BAMF gegenüber verhält?