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"Wie das Leben sein kann" erzählt die Lebensgeschichte von Frieda, die trotz aller Widrigkeiten - bis hin zum sexuellen Missbrauch - ihr Leben in staunenswerter Weise meistert. Als heranwachsendes Mädchen (Friedi) spürt sie, dass auf dem Hof, wo sie nach dem Krieg von ihren Eltern als "Hilfskraft" abgegeben wurde, etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Der aus der Gefangenschaft heimgekehrte Bauer, beansprucht alsbald nicht nur ihre hilfreichen Hände, sondern er hat es vor allem auf ihre Hüften abgesehen. Die Friedi weiß nicht, was richtig oder falsch ist und ist seinen Absichten hilflos ausgeliefert. Später durchlebt die zur Frau gewordene Frieda ähnliche "Spiele" in einer "Männerwelt" voll von Alkohol und Gewalt. Erst nach vielen Jahren durchschaut sie, dass Beziehung nicht automatisch Unterdrückung bedeuten muss. Damit beginnt ein mühsamer aber befreiender Weg zur eigenständigen und gefestigten Persönlichkeit. Frieda wird bewusst, dass sie diese Dinge nie vergessen kann und auch gar nie vergessen will. Doch sie will sich nicht im Grausen der Vergangenheit suhlen. Wenn ihr manchmal der Boden unter den Füßen wegzubrechen droht, "greift" sie nach den Sternen. Aber nicht um sie vom Himmel zu holen, sondern um sich von da oben zuzuschauen - "da weitet sich der Blick". Sie findet es gut, dass jetzt über "Missbrauch" geredet wird, aber sie findet es nicht gut, dass dieser Missbrauch schon wieder von manchen missbraucht wird, um politisches oder finanzielles Kapital daraus zu schlagen. Und besonders stört sie, dass - neben all diesem "Gerede" - Mädchen und Frauen noch immer so viel Leid und Grausamkeit zugefügt wird. Eine Lektüre zum Entdecken jener blinden Flecken, die im Spiegelbild das "Seinerzeit" verdecken.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2018
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... gewidmet all jenen,
die schweigen,
weil sie
nicht reden können.
Kapitel
... zufällige Begegnung
... seinerzeitige Normalität
... vom Regen in den Guss
... und die Moral von Seinerzeit
... hoffnungsfrohes Abwärtsgleiten
... ertrinkende Träume
... hin und her, vor und zurück
... staunenswerte Gedanken
... es ist, weil es ist, sagt das Leben
... kleines Nachwort des Autors
Poesie
unwirklichkeits-wunsch
seinerzeit-glückseligkeit
angst-versteck
lach-haft
zerrissen
fort
stolper-welten
tot-los
froh-flöckchen
vergiss
er-wachen
Illustration
bauer-power
lach-trompete
sag-mama
gockelwolf-wut
frei-schreibung
kind-mama
pausen-glück
fern-zug
hascherl
rausch-kugel
flocken-zauber
die wahrheit sei gelogen
so wünsch ich manchmal mir
doch leider –
das was da steht
geschah ganz wirklich hier
vielleicht sollt man 's vergessen
nur sein in lust und freud
doch leider –
das was da geschah
geschieht – hier – auch noch heut
… eigenhändig (von Frieda)
… eins zu eins übernommen
Ich wahr die Dochter einer Arbeitervamieli, hate eine schwere Kindheit. Ich muste bei meinem Bruder in der Landwirtschaft viel Arbeiten, durch den Krieg war es sehr schlecht, ich hate die ganze Schulzeit nur ein trokenes Stück Brot für die Schuljause, konnte oft nicht in die Schulle, weil ich am Hof Arbeiten muste. Mit 11 Jahre kamm ich zu einen Bauern 3 gestunden von zu Hause entfernt aber die Bäuerin wahr sehr net zu mir und lobte mich immer bei der Arbeit aber ich hate schrecklich Heimweh ich durfte nur 1 – 2 mal im Jahr nach Hause, da gab es viele Trehnen.
Mitte 1946 kam der Bauer von der Krieksgefangenschaft nach Hause . Nach kurzer Zeit fing für mich der leidensweg an. Ich muste mit in den Wald Arbeiten da fing er an zu krapschen, das ging so weiter einmal Wald einmal Mühle.
... zufällige Begegnung
… rückblickend
Die Frieda ist mir eines Tages begegnet. Ich weiß nicht mehr genau wann das war, aber ich kenne sie nun seit einigen Jahren. Wie wir eines Tages über Sexualität zu reden angefangen haben, weiß ich auch nicht mehr. Ich glaube aber, ich habe ihr von meinem Buch erzählt, das ich über dieses Thema geschrieben habe. Und dann glaube ich mich zu erinnern, dass sie gemeint hat, dass sie dieses Buch gerne lesen würde. Verwundert war ich, dass sie recht eigentümlich betont hat, dass sie das sicher "dalesen" würde. Vorerst war mir nicht klar, was sie damit sagen wollte. Erst später wurde mir bewusst, dass da etwas war, das ihr in zweifacher Hinsicht Kummer bereitete.
Da war einerseits das, was sie erlebt hat. "Weißt du, das mit dem Sex …", begann sie zögerlich. "Darüber wüsste ich auch viel zu schreiben. Wenn man schon nichts mehr ändern kann, dann sollen es die Leute wenigstens wissen, vielleicht werden sie dann gescheiter." Auf meinen Rat, einfach draufloszuschreiben, meinte sie, dass das nicht so einfach sei. Und dann wurde mir nach und nach klar, dass hier das zweite Hindernis war: Schreiben. "Wir haben halt damals nicht so viel lernen können, der Krieg, die Arbeit. Da ist für das Lesen und Schreiben nicht viel Zeit geblieben." Natürlich könne sie lesen und schreiben, aber halt schlecht. Und überhaupt: ein Buch schreiben, das sei viel zu kompliziert.
Und so sind wir nach und nach ins Gespräch gekommen. Sie hat sich zwischendurch selbst gewundert, wie sie über Dinge reden konnte, die sie zuvor nie über die Lippen gebracht hat. Sie hat auch immer wieder betont, wie froh sie darüber sei, dass sie alles sagen könne, ohne die geringste Bewertung ihrer Worte befürchten zu müssen. Dass da einfach jemand kommentarlos zuhört. Dass die "dümmsten Sachen" nicht für dumm, und die "schlimmsten Dinge" nicht für böse gehalten wurden, war ihr angenehm neu. Sie konnte das befreiende Gefühl, das sich zunehmend in ihr breit machte, kaum fassen.
Und so sind wir Schritt für Schritt durch ihr Leben gewandert. Im gegenseitigen Vertrauen, dass da nichts angetastet wird, was weiterhin ruhen soll. Dass aber andererseits alles angesprochen werden darf, was sie sagen wollte – aber immer mit Bedacht und ohne verletzt zu werden.
Das, was schließlich Eingang in dieses Buch fand, ist das, was sie in ihrem Leben am meisten berührte und beschäftigte.
Mit dem Text seinerzeit-glückseligkeit (Seite →, 13) soll ein Stück Welt, in der Frieda ihre Kindheit erlebte, poetisch umrahmt, spürbar gemacht werden.
glücklich sein – tagaus tagein in kinderschuhen – barfuß –
wiese sand und straßenstaub
fantasie-welten – stein-autos – das schönste spielzeug –
feuchte-erde-häuser – lehm-menschen – frei erfunden
so einfach – gar nichts – und doch alles
ein blick von oben – erwachsene – so groß – wie götter
worte – blicke – in grund und boden stampfen
oder unendlich glücklich machen
glücklich sein – am abend – schlafen gehn
deine schritte – knarrendes holz im finstern
tastend – das bett – rascheln – der strohsack
– es riecht nach schlaf
zusammengekauert – horchen – stille hören
manchmal unterbrochen – von nebenan
– der vater – oder die mutter
der schrei – vom nahen wald – unheimlich – dieser vogel
der tut dir bestimmt nichts – hat die mutter gesagt
vater unser – der du bist und – gegrazeist du maria
gegrazeist??? egal – der vater sagt immer so – beim vorbeten
wenn advent ist – oder bald ostern kommt
glücklich sein – in der nacht – wenn man aufwacht
aus dem bett steigen – tasten – unterm bett
da steht er – der kochl *) – metallener klang
wenn man sich setzt – kalt – aber nur kurz – dann ist es gut
da darf es rinnen – da gehört es hin – das plätschern
– noch ein paar tropfen
vorsichtig zurück schieben – damit nichts überschwappt
der geruch – unterm bett – nicht im bett – wie schön
nicht mehr der warme nasse fleck – einfach passiert
wenn man endlich wach geworden ist – zu spät
dann in der früh – feucht und kalt – schand-fleck
warum kann der erdboden nicht wirklich verschlucken
aber jetzt – diese freude – stolz
wieder hineinkuscheln unter die warme decke – alles trocken
der vater schnarcht
glücklich sein – am morgen
früh aufstehen – müde – und doch schön
die wiese – die kuh – sie dampft
im kühlen morgengrauen
fußspuren im tau – von ihr – von mir
mit schleifendem schritt – barfuß – in das glitzern schreiben
im nieselregen kauern – am bach unter dem baum
dem rauschen lauschen – kaum atmend – horchen
die zärtlichen kälteschauer – die über den rücken krabbeln
– gewähren lassen
die sonnenstrahlen streicheln – im gras liegend –
in die wolken schauen – schweben
ganz einfach – glücklich sein – barfuß in kinderschuhen
… anmerkend (vom Autor)
Um Frieda vor einem eventuellen Zugriff diverser Medien zu bewahren, ist ihre Lebensgeschichte in einen fiktiven Rahmen gebettet. Um die damalige Zeit verständlicher und zugänglicher zu machen, sind ihre Mitteilungen mit meinen persönlichen Erfahrungen umrahmt und poetisch und graphisch ausgeschmückt. Die Namen aller Personen sind geändert.
Bis auf den – im Original belassenen – Text auf Seite →, wurden die Auszüge aus dem "dicken Heft" in Bezug auf Rechtschreibung korrigiert und grammatikalisch minimal angepasst. Das Gleiche gilt für die später in einem Notizblock und auf losen Blättern von – der inzwischen zur erwachsenen Frau gewordenen – Frieda vermerkten Ereignisse. Dies geschah mit der Absicht, die Lesbarkeit ihrer Aufzeichnungen zu erleichtern. Dabei wurde aber großer Wert darauf gelegt, dass die Charakteristik ihrer Sprache gewahrt bleibt.
Vermerkt will noch sein, dass das "dicke Heft" für Frieda im Laufe der Zeit eine ganz eigene Dimension bekommen hat. Es wurde für sie viel umfassender als diese seinerzeit auf dem Dachboden gefundene Schreibunterlage. Sie meint, dass alles, was sich da an "Schreiberei" angehäuft hat, dazugehört. Sie meint, dass da auch all ihre durchlebten Ängste, Befürchtungen, Träume und Hoffnungen dazugehören. Ja, ihr ganzes Leben sei ein einziges "dickes Heft".
Die hier festgehalten Auszüge aus diesem "dicken Heft" ergeben einen kleinen Einblick in eine seltsam berührende Lebensgeschichte.
... seinerzeitige Normalität
… eingekerbt
Das "dicke Heft" war zwischendurch verschollen. Und die Frieda hat es nicht sonderlich vermisst. Vielleicht war es ihr irgendwie sogar recht. Sie wollte gar nicht daran erinnert werden, was sie als Friedi da alles hineingeschrieben hat. Besser alles vergessen. Verdrängen. Doch alsbald ist der Frieda klar geworden: Die Zeilen der Friedi stehen nicht nur in diesem Heft. Sie sind überall hingekritzelt. An den unmöglichsten Stellen. An den tapsigen Fingern mancher Männerhände. In manch männlichen Körpergerüchen. Am "Hosentürl" manch feiner Herrn. An der dunklen Zimmerdecke manch schlafloser Nacht. Im Duft mancher Nadelwälder. Und, und, und … Und sie sind nicht nur von außen auf sie zugekommen. Die Frieda hat mit der Zeit gespürt: Diese Zeilen sind eingekerbt – zutiefst da drinnen. In ihr selbst. Einkerbungen in der Seele.
So ist die Vergangenheit immer wieder zur Gegenwart geworden. Etwas, was mit etwa zwölfeinhalb Jahren angefangen hat, ist nicht mehr weggegangen. Dabei hat sie damals angefangen mit der Schreiberei, weil sie geglaubt hat, dass "es" damit irgendwie weggeht. Sie hat "es" von-sich-weg schreiben wollen. Denn sie war sich sicher, dass da etwas nicht stimmen konnte. Dass das eigentlich gar nicht sein dürfe. Dass das Sünde war. Aber auf sich allein gestellt – ahnungslos und verschreckt – hat sie wenig bis gar nichts dagegen tun können. Außer: aufschreiben. Damit alles wieder verschwindet. Diese ganze Last, die man ihr damals auferlegt hat. Aber "es" ist geblieben. Mit und ohne Zeilen im dicken Heft.
Ob man in der damaligen Zeit überhaupt etwas dagegen tun hätte können, lässt sich im Nachhinein schwer sagen. In den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit sind viele Dinge anders gewichtet worden. Die Sorgen eines jungen Mädchens waren da wohl nicht so wichtig.
Das Aufschreiben, mit dem sie als Friedi angefangen hat, hat sie auch als Frieda beibehalten. Und so hat sie über viele Jahre immer wieder aufgeschrieben, was sie gerade bewegt hat. Sie hat nie daran gedacht, dass das von anderen gelesen werden soll. Im Gegenteil: Sie war darauf bedacht, ihre durchlebte Welt geheim zu halten. Erst im fortgeschrittenen Alter kam sie zur Überzeugung, dass Reden hilfreicher sein kann als Schweigen.
… seinerzeit
Man wird uns "übermorgen" in etwa so weise beurteilen wie wir das gegenwärtig mit vergangenen Generationen tun können. Wir sind nämlich alle "Seiner-Zeit-Kinder" und irgendwie in den jeweiligen Vorstellungen gefangen.
"Renn!", hat der alte Bauer gesagt. Männer sind einfach über die jungen Mädchen hergefallen. Und wenn sie "Nein" gesagt haben, hat das eh "Ja" geheißen. Und die Sophie musste immerhin durch den Wald hinuntergehen zur Mühle. Der Michl war sonst ein harmlos scheinendes Mannsbild. Aber wenn er da in der Mühle vor sich hingearbeitet hat, und wenn da ein junges Mädchen das Essen gebracht hat, da hat er schon ein bisserl herumgreifen wollen. Und als die Sophie den Bauern gefragt hat, was der Michl will und was sie tun soll, da hat der Bauer gesagt: "Renn!" Damit hat die Sophie gewusst, was sie tun muss, wenn der Michl wieder anfangen will.
Die Friedi hat nicht so einen gütigen Bauern gehabt. Sie hat zwar "Data" zu ihm sagen dürfen, aber sie hat nicht gewusst, wo sie hinrennen soll. Und damit beginnt die Geschichte, die da erzählt werden soll. Richtiger gesagt: aufgeschrieben worden ist. In einem dicken Heft. Und die Friedi hat darauf vermerkt: "Geheim! Nicht lesen, nur wenn ich sage!" Heute würde man sagen, es ist ihr Tagebuch gewesen. Für sie war es einfach das dicke Heft, in dem sie aufschreiben wollte, wie das Leben sein kann.
Warum sowohl die Sophie als auch die Friedi und unzählige andere Heranwachsende mit einer Welt konfrontiert waren, die mitunter recht schwierig war, hatte einen simplen Grund: Es war der "reiche Kindersegen" – von den Kanzeln gepredigt und gewürdigt. Der vielen Kinder waren in vielen Familien aber einige zu viel. Die vielen Münder überforderten das Angebot an vorhandener Nahrung. Der oft sehr enge Wohnraum bot zu wenig Platz für alle. Und da musste dann eben jemand weg. Oder mehrere. Und manchmal hat sich da recht Seltsames abgespielt. Zum Beispiel mit der Hedi. Etwa vier Stunden ist die Hedi mit der Mama gegangen. Dann ist der große Bauernhof dagestanden, und die Hedi hat sich an die Mama geklammert. Müde und weinerlich. Der Bauer hat sie gefragt, wie alt sie denn schon sei. Da hat sich die Hedi noch fester angeklammert. Erst auf gutes Zureden hat sie eine Hand kurz gelöst und die fünf Finger gespreizt. Jetzt brauchst du ja schon bald die zweite Hand, hat die Mama gesagt. Immerhin ist die Hedi schon fast sechs gewesen. Dann hat der Knecht gesagt, dass er ihr was ganz Schönes zeigen kann. Das Kalb sei erst fünf Tage alt. Das hat verlockend geklungen. Schüchtern und verschreckt ist sie dann mitgegangen in den Stall. Und wie sie wieder zurückgekommen sind, ist die Mama nicht mehr da gewesen. Und so hat sie die Mama jahrelang nicht mehr gesehen. Und wie die Hedi langsam erwachsen geworden ist, hat sie gemeint, dass sie die Mama nie mehr sehen will. Es sei ihr zwar nie schlecht gegangen auf dem Bauernhof, aber das, was ihr die Mama damals angetan habe, könne sie nie vergessen.
Na ja, so hat es sich halt damals für manche abgespielt. Zehn, zwölf, vierzehn Kinder – da hat man schauen müssen, wie man sie alle durchbringt. Und da war man den Bauern sehr dankbar, wenn sie wen bei sich aufgenommen haben. Die Bauernhöfe hatten ja meist den nötigen Wohnraum, und man konnte vor allem fleißige Hände gebrauchen. Der eine oder andere Bauer hat da wohl etwas mehr in Anspruch genommen als die fleißigen Hände.
Die inzwischen zur Frieda gewordene Friedi ist zwar um einiges älter als ich, aber ich glaube sie zu verstehen. Warum ich ihr Fühlen recht gut nachempfinden kann, kommt daher, weil ich – wenn ich die Gegebenheiten, die ich in meiner Kindheit vorgefunden habe, entsprechend zuordne – eine Generation mehr durchlebt habe als das in der Realität möglich ist. Klingt komisch, ist aber so. Die Zeit in meinem Umfeld war irgendwie ein bisserl "hinten nach". Heute würde man mit romantischem Unterton sagen: "als ob die Zeit stehen geblieben wäre". Somit glaube ich die Welt der Friedi recht gut zu kennen. Ja, ich kann hier zur Veranschaulichung sogar ruhig ein Stück meiner eigenen Geschichte einflechten. Sie ist der von Friedi in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich.
Es war dieser ländliche Raum, mit all seiner Schönheit und Härte. Mit Härte ist nicht so sehr das gemeint, was unmittelbar körperlich spürbar war. Mitunter wehgetan hat. Der Rücken, wenn nachts die Bretter durch das flach gelegene Stroh drückten. Die Blasen an den Fingern, nach harter Arbeit. Die blutige Zehe, vom Stein auf der Schotterstraße. Schuhe waren im Sommer überflüssig. Und das war mitunter recht angenehm. So konnte man den Staub zwischen den Zehen spüren. Ein sanftes Kitzeln auf den Fußsohlen. Denn an manchen Stellen war die Straße samtig weich. Besonders wenn der Luis sie mit frischem Sand geebnet hatte. Ich habe ihn bewundert. Wie er da so ruhig und gelassen sein Wagerl vor sich her geschoben hat. Und diese Treffsicherheit. Das ging "schwups", und der Sand flog von seiner Schaufel zielgenau in die Schlaglöcher. So ohne gröbere Holprigkeit war auch das Radfahren eine wahre Freude. Ich konnte meine Lehrerin nicht verstehen, als sie mich ganz entgeistert angeschaut hat. "Wegmacher", habe ich gesagt – auf die Frage, was wir einmal werden wollen. "Wegmacher?" Und dass das doch kein richtiger Beruf sei, hat sie noch gesagt. Zugegeben: Idole sind scheint's auch recht zeitbedingt. Aber der Luis war ein Wegmacher, und das ist beileibe kein Straßenkehrer.
Auch die Straßenbenützer waren noch ganz andere: Fußgänger, Radfahrer, Pferdefuhrwerk, ein paar Motorräder. Autos sind fast keine gefahren. Wenn dann doch eines gekommen ist, ist auch immer dieser Konflikt gekommen – zwischen Neugier und Verstecken. Wie immer, wenn etwas "Fremdes" oder "Lautes" auf einen zugekommen ist. Und das war eine der eigentlichen Härten: Dieses hilflose Verschreckt-Sein. Dieses kindliche "Sich-verstecken-wollen". Vor einer diffusen Bedrohung. Dieses "Sich-ohnmächtig-fühlen". Gehemmt, schweigsam, verschämt. Verspannte Lippen unter geröteten Wangen – stumm. Und weil das Versinken im Erdboden nicht geht – lächeln! "Ja" sagen. Um die Unbill eines "Nein" zu umgehen. Erschwindeltes Unwohlsein – bloß! Aber immer noch angenehmer als Blicke und Zeigefinger.
Es hat aber neben all dem diese unbeschreibliche Schönheit gegeben. Dieses Horchen in einer heute nicht mehr nachvollziehbaren Stille. Diese Nächte – in totaler Finsternis oder mit faszinierendem Sternenhimmel. Diese glitzernde Morgensonne im taufeuchten Gras – die eigene Spur. Dieses feuchtkühle Anschmiegen der Gräser an die bloßen Füße. Diese uneingeschränkte Fantasie – noch ganz unbeeinflusst von irgendwelchen Medien.
Die Welt ist noch flach gewesen und ich habe immer ganz weit da hingehen wollen, wo sich Himmel und Erde berühren. Als dann in der Schule meine Welt zur Kugel geworden ist, ist ein Stück Fantasie zerbrochen. Erst als sich der Vater einen Gucker gekauft hat und mich damit in den Nachthimmel hat schauen lassen, hat sich meine Welt wieder verändert. Diese Sterne, dieses Strahlen – und der Mann da oben auf dem Mond. Da ist die Fantasterei wiedergekommen.
Es ist nicht so, dass es damals in meiner Umgebung nicht schon so etwas wie Matratzen und das elektrische Licht gegeben hat, aber ich bin auf einem Strohsack im Schein einer Petroleumlampe zur Welt gekommen. Ein Strohsack war etwas sehr Persönliches. Ähnlich wie der Löffel. Da hat man hinten beim Stiel seinen Namen eingeritzt. Und damit war es dein Löffel. Der Strohsack hat keinen Namen bekommen. Und man hat ihn in der Kindheit meist mit anderen teilen müssen. Aber mit der Zeit hat dann jeder seinen ureigenen Strohsack gehabt – und seinen Löffel. Und jeder hat gewusst, was passiert ist, wenn es geheißen hat, dass jemand seinen Löffel abgegeben hat. Aber während ein Löffel auch nach dem Tod seines Benützers noch irgendeine Verwendung gefunden hat, ist vom Strohsack nichts geblieben. Es war eine seltsame Stimmung: der Feuerschein hinterm Garten. Erst eine große Flamme. Dann das leise knisternde Flackern. Und dann ist da nur noch ein kleines rauchendes Häufchen Asche auf der Wiese gelegen. Die Großmutter ist dann noch drei Tage auf der Bahre gelegen. Beim Großvater gab es einige Zeit später die gleiche Zeremonie.
Der Strohsack war großartig, wenn er frisch gefüllt worden ist. So hoch und so weich. Und nur wer das erlebt hat, kann die Freude über einen frisch gefüllten Strohsack verstehen, an die sich die Frieda erinnert, als sie noch die Friedi war. Und das Licht hat man riechen können – von der Petroleumlampe. Wenn ich alle paar Wochen das Lichtöl in einem kleinen Kanister heimgetragen habe, den der Kaufmann im Dorf, wo die Schule gewesen ist, angefüllt hat, habe ich wahrscheinlich auch nach Licht gerochen. Und wer weiß wonach ich sonst noch gerochen habe. Gewaschen haben wir uns vor dem Haus beim Brunnen. Hände und Gesicht.
Die Friedi hat in ihrer Welt das Gleiche getan. Für sie war es aber mitunter schwierig: Sie hätte sich aus einem bestimmten Grund auch dringend anderswo waschen müssen. Doch am helllichten Tag, da beim Brunnen vor dem Haus, hat sie das nicht machen können – aber zu dieser Geschichte kommen wir später noch.
Im Winter ist das Wasser sehr frisch gewesen – heute würde man sagen "eiskalt" – und wir haben oft erst das Eis wegschlagen müssen. Warmes Wasser hat man sich nur etwa einmal in der Woche gemacht. In der Lawur – so haben wir dazu gesagt. Und dann hat man etwas mehr gewaschen als die Hände und das Gesicht. Im Stüberl – möglichst schnell – mit einem unguten Gefühl. Wenn da wer hereinkommt und sieht es – man wäre vor Scham vergangen.
Zu meinem Vater habe ich "Sie" gesagt und er hat zu seinem Vater "Uicher" gesagt. Später habe ich durchschaut, dass "Uicher" die dritte Person ist und "Euer" geschrieben wird. Das Wort der Älteren hat etwas gegolten, und wer sich dagegen aufgelehnt hat, hat es schwer gehabt. Ich erinnere mich noch genau. Mit der Schwester hätte ich mitgehen sollen. Zum Nachbarn. Irgendetwas war zu holen. Ich weiß nicht mehr was. Aber ich wollte nicht so recht. Da ist der Vater etwas lauter geworden. Und dann war die Tür ziemlich laut. Hinter meinem Rücken. Viel zu laut. Ich hätte mir in diesem Moment ohnedies schon selbst am liebsten auf den Kopf geschlagen. Zurückkommen soll ich, hat's geheißen. Aber das hab ich nicht gehört. Weil ich so schnell weggerannt bin. Und zur Schwester bin ich extra freundlich gewesen. Und ich hab mir und ihr alles Mögliche einreden wollen. Aber das schlechte Gewissen hat genau gewusst, dass die Tür nicht von allein zugefallen ist. Der Weg ist viel zu kurz gewesen. Und als ich dann die viel zu laut zugefallene Tür wieder ganz leise aufgemacht habe, ist der Vater da gestanden. Als ob er sich in der Zwischenzeit nicht vom Fleck gerührt hätte. Die kleine Dachtel (Klaps auf den Hinterkopf) hat nicht wirklich weh getan. Weh getan hat dieser Blick. Dieses schiere Entsetzen über ein missratenes Kind. Diese bebende Enttäuschung in der Stimme. Es war im Grunde genommen undenkbar, dass ein Kind zurückgeredet hat.
Als Kind hat man sowieso wenig geredet. "Beim Essen gogazn d'Heana" – das hat geheißen, dass beim Essen nur die Hühner gackern und wir gefälligst unseren Schnabel halten sollen. Von der Schule haben wir auch nie erzählen dürfen. "Schula-Gschichtn interessieren uns nicht", hat es da sofort geheißen.
All das hat die Friedi auch so ähnlich erlebt. Und ihr war das "schweigen müssen" gar nicht so unrecht – reden wäre für sie noch viel schlimmer gewesen.
