Wie ein gefangener Vogel - Katy Morgan-Davies - E-Book

Wie ein gefangener Vogel E-Book

Katy Morgan-Davies

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Beschreibung

Ein liebes Wort, eine Umarmung, Menschen, denen man vertrauen kann - all das hat Katy nie erlebt. Abgeschottet von der Außenwelt wuchs sie in einer Sekte auf, in der Misstrauen, Verrat und Gewalt Normalität waren. Ihr Vater herrschte wie ein Despot über die Sektenmitglieder. Die besonders bösartige Genossin Sian war ihre Mutter. Gezeugt wurde Katy nur, weil ihr Vater ein Opfer brauchte, um seine Manipulationsstrategien auszuprobieren. Erst als Katy Gefahr lief, ernsthaft zu erkranken, gelang ihr die Flucht in ein Leben in Freiheit ...

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Seitenzahl: 667

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungPrologErster Teil: Glaube1. Kapitel: Frühe Jahre2. Kapitel: »AB ist Gott, Gott ist AB«3. Kapitel: Erziehung4. Kapitel: Das Kollektiv5. Kapitel: Verrat6. Kapitel: Besuch?7. Kapitel: Draußen8. Kapitel: Genossin Leanne9. Kapitel: Vierzig Prozent10. Kapitel: Das Badezimmer11. Kapitel: Der Nachbargarten12. Kapitel: Das TraumtagebuchZweiter Teil: Auflehnung13. Kapitel: Im Wohnungsamt14. Kapitel: Umzug15. Kapitel: Tischgespräche16. Kapitel: Gedanken zur Neuen Welt17. Kapitel: JACKIE18. Kapitel: Pubertät19. Kapitel: Versöhnung20. Kapitel: Auflehnung21. Kapitel: Genossin Sian22. Kapitel: Der Sturz23. Kapitel: Ermittlungen24. Kapitel: FreispruchDritter Teil: Gestutzte Flügel25. Kapitel: Ein bisschen mehr Freiheit26. Kapitel: Harry Potter und das einsame Mädchen27. Kapitel: Vorsichtige Gegenwehr28. Kapitel: Ein neues Zuhause29. Kapitel: Eine eigene Wohnung?30. Kapitel: Genossin Oh31. Kapitel: Peregrine32. Kapitel: Fluchtpläne33. Kapitel: Nach Draußen34. Kapitel: RückkehrVierter Teil: Erkenntnis35. Kapitel: Kein Erbarmen36. Kapitel: Neujahr37. Kapitel: Roddy38. Kapitel: Nächtlicher Besuch39. Kapitel: Das Kind40. Kapitel: Aufruhr41. Kapitel: Lossagung42. Kapitel: Eine Soldatin43. Kapitel: Die Geburt von Roseanne Kathryn Davies44. Kapitel: Pläne45. Kapitel: Fremde im Haus46. Kapitel: Der Brief47. Kapitel: Kleine Schritte48. Kapitel: Das Hilfsangebot49. Kapitel: AufbruchFünfter Teil: Fliegen Lernen50. Kapitel: Frei51. Kapitel: Im Krankenhaus52. Kapitel: Zu viel, zu schnell53. Kapitel: Abhängigkeit54. Kapitel: Polizeiliche Ermittlungen55. Kapitel: Die Zeugenaussage56. Kapitel: Familie57. Kapitel: Abschied58. Kapitel: Landleben59. Kapitel: Orientierung60. Kapitel: Verzeihen lernen61. Kapitel: Ein neuer Name62. Kapitel: Die Gerichtsverhandlung63. Kapitel: Das UrteilEpilog

Über dieses Buch

Ein liebes Wort, eine Umarmung, Menschen, denen man vertrauen kann – all das hat Katy nie erlebt. Abgeschottet von der Außenwelt wuchs sie in einer Sekte auf, in der Misstrauen, Verrat und Gewalt Normalität waren. Ihr Vater herrschte wie ein Despot über die Sektenmitglieder. Die besonders bösartige Genossin Sian war ihre Mutter. Gezeugt wurde Katy nur, weil ihr Vater ein Opfer brauchte, um seine Manipulationsstrategien auszuprobieren. Erst als Katy Gefahr lief, ernsthaft zu erkranken, gelang ihr die Flucht in ein Leben in Freiheit …

Über die Autorin

Katy Morgan-Davies wurde 1983 in London geboren. Nach der Flucht aus der Sekte hat sie erfolgreich ihren Schulabschluss nachgeholt und studiert nun Englisch und Mathematik. Bei einer Untersuchung wurde ihr ein IQ von 120 attestiert. Die Herkulesaufgabe jedoch, die das Leben in Freiheit an sie stellt, ist die Bewältigung des Alltag mit all seinen sozialen und organisatorischen Herausforderungen. Heute lebt Katy in Leeds.

Katy Morgan-Davies

WIE EIN

GEFANGENER

VOGEL

Meine Kindheit und Jugend in der Psychosekte meines Vaters

Aus dem Englischen von Simone Schroth

BASTEI ENTERTAINMENT

Deutsche Erstausgabe

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2018 by Katy Morgan-Davies

Titel der englischen Originalausgabe: »Caged Bird«

Originalverlag: Transworld Publishers, a part of the

Penguin Random House group of companies

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Elisa Valérie Thieme, Düsseldorf

Titelillustration: © goodynewshoes/iStockphoto

Umschlaggestaltung: Tanja Østlyngen

E-Book-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-7229-8

www.luebbe.de

www.lesejury.de

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Damit die kulturelle Vielfalt erhalten und für die Leser bezahlbar bleibt, gibt es die gesetzliche Buchpreisbindung. Ob im Internet, in der Großbuchhandlung, beim lokalen Buchhändler, im Dorf oder in der Großstadt – überall bekommen Sie Ihre verlagsneuen Bücher zum selben Preis.

Für euch, die ihr mir geholfen habt, meine Flügel zu finden.Ihr wisst schon, dass ihr gemeint seid.

Allein

Von klein an ging ich eigne Bahn;

Ich sah nicht so, wie andre sahn;

Was mich ergriff zu Lust und Pein,

Das mußte ungewöhnlich sein;

Ich schöpfte Leid aus anderm Quell;

Und klang mein Herz in Freude hell,

War’s Klang, den nie ein andres gibt.

Edgar Allan Poe

Hinweis der Autorin:

Alles in diesem Buch Wiedergegebene ist wahr, und viele Informationen lassen sich öffentlich einsehen. Gleichzeitig habe ich bestimmte Namen, Personenbeschreibungen und Ortsangaben verändert, um die Anonymität einiger Betroffener zu wahren. Im Fall von Leanne und Cindy war das aus juristischen Gründen notwendig, weil sie vor Gericht ausgesagt haben. Bei anderen geht es mir um die Wahrung ihrer Privatsphäre – also um etwas, was man mir nie gewährt hat.

Prolog

Clapham, London

1983

Ein Weinen erklang aus dem Babybettchen, aber keine der umstehenden Frauen tat etwas, um das Kind zu trösten. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem einzigen Mann im Raum.

Voller Ehrerbietung starrten sie ihn an, und dabei leuchteten ihre Augen nicht vor Glück, sondern vor Ehrfurcht. Ihre Körper waren angespannt, bereit, ihm noch besser zu dienen. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen. Stattdessen warteten sie darauf, dass er die Stimme erheben würde.

Das Kind weinte weiter: eine Respektlosigkeit. Verärgert schüttelte der Mann das Bettchen. Stille trat ein. Er öffnete den Mund, um sie zu füllen.

»Dieses Kind«, verkündete er in gebieterischem Ton, während er in das Bettchen und zugleich weit in die Zukunft blickte, »wird einmal mein größter Feind sein«.

Erster Teil: Glaube

1. Kapitel:Frühe Jahre

Ich verehre den geliebten Genossen Bala

Sorgfältig vollendete ich die Form des letzten »a«, wobei ich den Bleistift mit meiner dreijährigen Hand fest umschloss. Gerade hatte ich den ersten Satz meines Lebens geschrieben.

Insgeheim war ich zufrieden mit mir. Trotzdem erwartete ich kein Lob von der Genossin, die mir Unterricht erteilte: Was ich geleistet hatte, verdankte ich nicht mir, sondern dem Genossen Bala, und jede andere Sichtweise wäre Selbstliebe gewesen. Bala war der Stern unseres Lebens, der Einzige auf der ganzen Welt, dem Lobpreisungen zukamen. Und genau aus diesem Grund brachten mir die Genossinnen das Schreiben bei: damit ich ihn durch das geschriebene Wort preisen konnte. Meinen eigenen Namen – Prem Maopinduzi – zu Papier zu bringen, wäre genauso wenig denkbar gewesen wie die Wiedergabe eines Schimpfworts.

Das Schreiben stellte in unserem Haus einen festen Bestandteil des Lebens dar – ständig verfasste man Berichte und Pläne, und die Genossinnen mussten oft Dinge notieren, anstatt sie laut auszusprechen, weil uns möglicherweise faschistische Agenten belauschten. Deswegen war ich begeistert, es endlich zu lernen. Auch hatte ich Worte schon immer geliebt: Es fühlte sich so an, als wäre ich mit der Fähigkeit zu lesen zur Welt gekommen. Trotzdem bemängelte Genossin Josie nur zu bald meine Handschrift. Die Wörter neigten sich nach hinten, was bedeutete, dass auch ich zurückgeblieben war. Meine Handschrift musste genau der von Bala entsprechen: Alles andere war ein Zeichen der Auflehnung.

Mit vollem Namen hieß der geliebte Genosse Bala Aravindan Balakrishnan; wir nannten ihn auch »AB«. Er lebte mit mir und sechs erwachsenen Genossinnen – Josie, Sian, Aisha, Leanne, Cindy und Oh – als Leiter unseres Kommunistischen Kollektivs (KK) im Süden Londons. Zu jener Zeit hieß es noch »Arbeiterinstitut für das Gedankengut des Marxismus und Leninismus Mao Zedong«. ABs Frau, Genossin Chanda, und ihre behinderte Schwester Shobha lebten ebenfalls hier, doch als kleines Kind sah ich sie nur sehr selten. Auch Cindy und Leanne waren nur Randfiguren in meinem Leben, weil sie zum Arbeiten in die »Draußen-Welt« gingen und damit »große Geldbeträge« für ABs KK verdienten. Der Rest von uns verbrachte seine Zeit mit Arbeiten für AB: Unsere Leben waren dem Dienst an ihm gewidmet.

Seinen besonderen Status konnte man daran erkennen, dass alle anderen sich ihm gegenüber unterwürfig verhielten. Wir standen auf, wenn er einen Raum betrat, grüßten ihn jedes Mal, wenn wir ihm auf dem Flur begegneten, ließen ihn beim Essen immer zuerst zugreifen. Wir durften sein Zimmer nicht betreten, ohne anzuklopfen und seine Antwort abzuwarten, und wenn er anwesend war, hatten wir ihm das Gesicht zuzuwenden. Dabei mussten wir ständigen Augenkontakt mit ihm halten, um ihm unseren Respekt zu erweisen. Genosse Bala war ein sehr wichtiger Mann. Mit seinen 1,60 Metern, den schwarzen Locken, der braunen Haut und den dunklen Augen hinter den dicken quadratischen Brillengläsern mochte er ziemlich gewöhnlich aussehen – das war jedoch eine Illusion.

Genosse Bala würde in der Zukunft die Welt beherrschen.

Zurzeit befand er sich in einer Art Exil, nur von uns Genossinnen als Gefolgsleuten umgeben, doch über die im Entstehen begriffene Neue Welt würde er herrschen. Eines Tages, wenn seine geheime Führung für alle Offenbar würde, würde er sich sämtliche Regierungen unterwerfen und die Rolle übernehmen, die ihm von Rechts wegen zustand.

Jeden Tag sagte man mir, wie glücklich ich mich schätzen durfte, das erste Kind in ABs Neuer Welt zu sein. Die Genossinnen verkündeten dann, mit welcher Eifersucht es sie erfülle, dass ich keinen der Nachteile der Alten Welt erleiden musste – zum Beispiel Angehörige und Freunde. Anders als die Genossinnen hatte ich keine Eltern. Man sagte mir, ich sei am 7. Januar 1983 »auf die Hand des Genossen Bala gesprungen«. Obwohl alle Mitglieder des Kollektivs an meiner »kontrollierten Entwicklung« teilhatten, war es AB, dem ich versprochen war, AB, für den ich in meinem Inneren einen Tempel errichten musste – ich selbst warAB. Meine Erziehung trug die Bezeichnung »Projekt Prem« und sollte später einmal als Blaupause für alle anderen Kinder dienen.

Doch trotz dieser Vorteile meines Pionierlebens – oder besser gesagt gerade wegen ihnen – befand ich mich in großer Gefahr. Die derzeitigen Regierungen, so erklärte man mir, würden vor nichts zurückschrecken, um zu verhindern, dass AB sie stürzte. Der böse Britisch-Faschistische Staat (BFS) war davon besessen, ihn aufzuspüren und zu verhindern, dass seine Herrschaft Offenbar wurde, und wenn man mich entführen und töten könnte, würde das ABs Neue Welt an ihrer empfindlichsten Stelle verwunden. So herrschte in unserem beschaulichen Südlondoner Reihenhaus ein permanenter Kriegszustand.

Zu meinem eigenen Schutz durfte ich niemals allein sein und auch aus dem Fenster zu sehen war mir nicht gestattet. Die Genossinnen begleiteten mich überallhin; abwechselnd lagen sie neben mir im Bett oder bewachten mich, wenn ich zur Toilette ging. Ohne eine Aufpasserin konnte ich das Haus nicht verlassen, nicht einmal – oder gerade dann nicht – wenn ich in den rückwärtigen Garten wollte, denn die unmittelbaren Nachbarn waren eben jene Agenten, die wir am meisten fürchteten. Wie viele Gelegenheiten sich ihnen boten, mich zu packen und zu entführen!

»Unter keinen Umständen darf jemals jemand das Haus betreten und hinter die Linien des Kollektivs gelangen.« Vielleicht war das die heiligste von ABs zahlreichen Anweisungen – und wir nahmen sie ernst. Die Haustür wurde selten geöffnet; stattdessen befahlen die Genossinnen den Leuten mit lauter Stimme, sie sollten wieder gehen. Ich wusste von klein auf, dass es mich zu verstecken galt. Die Genossinnen erklärten mir, ich sei etwas ganz Besonderes und hätte riesiges Glück … Aber ich fühlte mich nicht wie jemand, der Glück hatte.

Ich hatte Angst.

Das Bewusstsein, dass jeder Draußen ein Feind war und ich nur den wenigen Genossinnen trauen konnte, flößte mir große Furcht ein. Ich litt unter Albträumen von den faschistischen Agenten, die uns umgaben: gesichtslose Schemen in schwarzen Anzügen und mit Kapuzenmasken. Wenn sie in meinen Träumen diese Masken abnahmen, sahen sie aus wie unsere unmittelbaren Nachbarn.

Meistens war ich Drinnen eingesperrt und obwohl mir die Gefahr bewusst war, zog es mich zum natürlichen Tageslicht, das durch die Netzvorhänge am Fenster strömte. Aber dumm war ich nicht: Wenn ich es wagte, mich einem Fenster zu nähern, behielt ich die gerade anwesende Genossin genau im Auge, damit sie meine Regelübertretung nicht bemerkte und achtete außerdem immer sehr genau darauf, dass mich Draußen niemand sah. Es bestand immer nur Gelegenheit für kurze verstohlene Blicke. Aber ich genoss es, die vielen Passanten zu sehen, die auf dem Weg zu Orten waren, die ich mir nicht einmal vorstellen konnte, in Kleidung, die mir im Vergleich zu dem, was wir trugen, so bunt erschien. Da gab es indische Männer und Frauen wie AB und Chanda, Schwarze, und hässliche schmutzige Weiße. Trotz der schrecklichen Geschichten, die man mir erzählte, fand ich, dass sie alle nett und freundlich wirkten. Wie hätte ich mich vom Anblick der lachenden und sich unterhaltenden Menschen, die dort vorbeigingen, nicht angesprochen fühlen sollen?

Lachen war im KK streng verboten. Das enttäuschte mich, denn ich hatte einen angeborenen Sinn für Humor und mochte Streiche ganz besonders, aber ich durfte nichts Albernes sagen, mir nichts Lustiges ausdenken oder kichern. Wenn man sprach, erntete man Tadel: AB erklärte, wenn etwas wichtig sei, solle man es aufschreiben und ansonsten »dMh« (den Mund halten). Immer wieder deutete er auf sein Ohr oder formte mit beiden Händen ein Fernglas, um mich daran zu erinnern, dass die faschistischen Agenten uns nie aus den Augen ließen. Selbst die Mahlzeiten nahmen wir schweigend ein.

Im Gegensatz dazu schien mir Draußen irgendwie freier. Die Leute warfen den Kopf zurück und brachen in lautes Gelächter aus, oder sie lächelten einander ohne Scheu an. Wie ich so sicher verborgen hinter dem Netzvorhang stand, durchströmte mich eine ganz merkwürdige Empfindung. Es machte mich traurig, kein Teil der Draußen-Welt zu sein.

Als Dreijährige beobachtete ich einmal eine weiße Familie, die Draußen vorbeischlenderte. Die Leute wirkten so glücklich, und ihre Freude berührte mein Herz. Spontan sprach ich meine Gedanken laut aus: »Ich mag hässliche schmutzige Weiße.«

»Was hast du da gerade gesagt?« ABs Stimme war laut und aggressiv, und ich spürte, wie sich mir der Magen zusammenkrampfte, wie immer, wenn AB in Gebrüll ausbrach.

Wie der Blitz schoss er durchs Zimmer und war neben mir. Es überraschte mich immer wieder, wie schnell er sich bewegen konnte. Ich riskierte einen Blick nach oben und sah, dass sich sein Gesicht verdunkelt hatte, wie durch eine Gewitterwolke.

Obwohl die Gefahr sich ja Draußen befand – zumindest hatte man mir das gesagt –, erfüllte mich plötzlich Angst … vor ihm. Denn seine Augen waren blutunterlaufen und brannten wie schwarze Kohlen, in seinem Blick loderte Zorn. Bevor ich etwas sagen oder mich bewegen konnte, landete seine Hand auf mir, prügelte mit unglaublicher Kraft Gehorsam in mich hinein.

Ich schrie laut vor Schmerz – aber nicht vor Überraschung. Meine Worte stellten eine offensichtliche Verletzung von ABs Richtlinien dar, und das war das Schlimmste, was man sich zu Schulden kommen lassen konnte.

Wenn ich irgendetwas mochte, was ihm nicht gefiel, oder umgekehrt, wandte ich mich damit gegen ihn – egal, ob es sich um eine Person oder ein Stück Obst handelte. Einmal wurde mir von einem Stück Kakipflaume schlecht, und ich musste würgen, mich dann übergeben. Genossin Sian war über meine Respektlosigkeit gegenüber ABs Lieblingsfrucht so entsetzt, dass sie mich zwang, das Erbrochene aufzuessen, und dabei wiederholte sie ständig, wie undankbar ich doch sei. ABs Ansichten waren stets die richtigen, und man dufte niemals das Gegenteil behaupten. »Zwei plus zwei ergibt vier«, verkündete er voller Zufriedenheit, und das bedeutete, dass sich seine Überzeugungen so wenig bestreiten ließen wie mathematische Gesetze.

Er schlug mich nicht aus Grausamkeit: So erwies er mir seine Güte. Es geschah zu meinem eigenen Besten. Das sagten mir die Genossinnen: Indem er mich schlug, rettete mich AB; diese praktische Arznei wurde mir verabreicht, damit ich gesund wurde. Als kleines Mädchen hielt ich das für notwendig. »Liebe zeigt sich im Handeln«, erklärte AB. Die Schläge waren ein Zeichen dafür, wie viel ich ihm bedeutete, meine Flecken in allen Farben Male der Liebe. Wenn er mich schlug, bezeichnete er das als »Guten Kampf«, denn er ging gegen die negativen Kräfte in meinem Inneren vor, um mich auf den Weg in die Neu-Welt zu bringen.

Meine frühsten Erinnerungen wurden von Gewalt beherrscht – und diese Gewalt richtete sich nicht nur gegen mich. Denn die anderen Genossinnen hatten ABs Richtlinien ebenfalls zu folgen, und nur zu oft mussten auch sie ihre Lektion lernen. Ich erinnere mich daran, wie Sian unter der Wucht seiner Schläge auf dem Sofa landete, daran, wie er Cindy so grob an sich riss, dass alle Knöpfe von ihrer lilafahrenden Bluse absprangen, daran, wie er Ohs Gesicht unter seinem großen schwarzen Stiefel zerquetschte, an dicke Blutfäden, die im Laufe der Jahre aus unzähligen Nasen und Ohren tropften. Am schlimmsten war es für mich, wenn ich mitansehen musste, wie Genossin Aisha geschlagen wurde, denn sie war eine winzige Frau, nur etwas über 1,40 Meter, und sie wirkte so wehrlos. Ich erinnere mich daran, wie ich zusammenzuckte, nicht hinsehen konnte, wenn Bala sie schlug.

Ich griff nie ein – was hätte ich auch tun können? Stattdessen versteckte ich mich, versuchte mich dem Kollektiv gegenüber so unsichtbar wie möglich zu machen. Einmal ging eines der Sektenmitglieder dazwischen, als AB Sian schlug, doch er schleuderte die Frau nur von sich und schlug Sian zehnmal so heftig, weil sich jemand eingemischt hatte. Nach diesem Vorfall trat niemand mehr durch Taten oder Worte für eine der anderen ein. Stattdessen standen alle im Kreis und sahen zu.

Ehrlich gesagt war die Wahrscheinlichkeit, dass eine Genossin einer anderen zu Hilfe eilte, ohnehin verschwindend gering, denn die meisten Schläge erfolgten, weil jemand jemanden angeschwärzt hatte. Jede beobachtete die anderen mit Adleraugen, lauerte auf die kleinste Regelverletzung, und wenn so etwas vorfiel, hielt jede Genossin voller Eifer das schlechte Benehmen der anderen fest oder ging damit heimlich zu AB; manchmal war eine der Frauen so unklug, mit einer anderen ein Geheimnis zu teilen, und diese gab dann ihr Wissen direkt an Bala weiter. Ich spürte eine schreckliche Eifersucht zwischen den Frauen, eine Begierde zu beweisen, dass sie selbst ABs treueste Anhängerin waren, weswegen jede von ihnen ständig versuchte, die anderen herabzusetzen, um sich über sie zu erheben und auf der Liste seiner Günstlinge aufzusteigen.

In meinen unwissenden Augen schien ihr Verhalten hässlich, doch AB fand es anscheinend nobel. In Wahrheit hasste jede alle anderen, und jede fürchtete alle anderen, und wenn zwei von ihnen sich gut verstanden, ging es dabei nur darum, einer Dritten zu schaden. Wenn allerdings zwei Genossinnen auch nur den Verdacht erregten, ein klein wenig freundlich miteinander umzugehen, verkündete AB, sie bildeten eine »antiparteiliche Clique«, und ließ sofort eine Strafe folgen, weil man sich nicht ausschließlich auf ihn konzentrierte. Wir lebten in einem Haus voller Hass.

Wenn AB uns schlug, war er wie im Rausch, böse und gewalttätig. »Einundzwanzig Schläge«, sagte er dann voller Verachtung. »Siebzehn kommen noch.« Doch trotz seiner sadistischen Freude herrschte im Kollektiv die Überzeugung, dass wir es gewesen waren, die diesen sanften, guten Mann durch unsere unaussprechlichen Taten in die Wut getrieben hatten. Es schien die Genossinnen mit Dankbarkeit zu erfüllen, wenn sie geschlagen wurden: Aisha zum Beispiel murmelte immer wieder »Ja, ja, ja!« Ich erinnere mich nur daran, dass Oh sich manchmal wehrte; ganz unerwartet begehrte sie gegen die Strafe auf. Ein absolutes Tabu, denn AB war Richter und Henker in einem, und wir hatten keine Gnade zu erwarten. Insgeheim bewunderte ich sie für ihren unabhängigen Geist – doch am Ende musste sie sich immer unterwerfen.

Jede Regelverletzung konnte eine Strafe einbringen: wenn man Krach machte, morgens noch verschlafen war, zu einer anderen Genossin sagte, ihr Haar sehe schön aus, … Eine der größten Herausforderungen des Kollektivlebens bestand darin, dass sich die Regeln jede Sekunde ändern konnten, sodass etwas, das gestern noch erlaubt gewesen war, am nächsten Tag als unverzeihliches Verbrechen verdammt wurde. Das erfüllte mich mit schrecklicher Sorge: Es gab keinen einzigen Augenblick der Zufriedenheit oder der Ruhe.

Doch trotz meiner Anstrengungen wurde ich ständig geschlagen; manchmal benutzte er die Hände, manchmal ein Lineal oder den großen Holzbesen, mit dem sonst der Innenhof gefegt wurde. Hin und wieder zwang er mich sogar, mich selbst zu schlagen, dann packte er meine kleinen Hände und drückte sie mir brutal ins Gesicht. Die am schlimmsten entwürdigende Strafe bestand jedoch darin, dass AB seinen Pantoffel auszog und mich damit schlug; auf diese Weise brachte er seine Verachtung für mich zum Ausdruck. »Du bist den Schmutz unter meinen Schuhsohlen nicht wert!«, zischte er dann. Ein anderer seiner Lieblingssätze lautete: »Du dürftest nicht einmal die Scheiße essen, die ich als Kind ausgeschieden habe!«

Diese Züchtigungen waren unendlich schmerzhaft. Wieder und wieder traf er dieselbe Stelle. Oft setzte er dabei solche Kraft ein, dass sich auf seinen eigenen Händen blaue Flecken bildeten. »Sieh nur, was du mir angetan hast!«, schrie er dann. Außerdem betonte er, wie sehr er darunter litt, jemandem Schmerzen zuzufügen, den er liebte.

Nach einer solchen Züchtigung nahm er mich manchmal in den Arm und fragte in sanftem Ton, wie ein hingebungsvoller Lehrer: »Wer trägt die Schuld an der Spaltung zwischen uns?«

Ich antwortete darauf brav: »Ich war es. Ich habe diese Spaltung verursacht.«

Die Schuld lag immer bei mir; wäre ich ein braves Mädchen gewesen, wäre es niemals dazu gekommen. Dieses Wissen setzte mir furchtbar zu. Ich hasste mich selbst deswegen. Weil niemand jemals die Stimme erhob, um mich zu verteidigen – alle, die ich kannte, stimmten immer nur mit AB darin überein, dass ich ein schlechter Mensch war –, stellte meine Schlechtigkeit eine unumkehrbare Tatsache dar, sie machte ebenso sehr einen Teil meiner Selbst aus wie mein Schatten.

Nachdem ich für meine Bemerkung, ich hätte hässliche schmutzige Weiße gern, geschlagen worden war, stand ich vorsichtig vom Boden auf. Ich konnte mich glücklich schätzen, dass mir das Ganze nur eine Züchtigung eingebracht hatte. Denn wenn er wollte, konnte AB uns umbringen, indem er einen einzigen Druckpunkt manipulierte oder seinen tödlichen Blick einsetzte. Noch mehr fürchtete ich mich jedoch vor der »Spontanen Menschlichen Selbstentzündung« (SMS). AB und Genossin Josie sprachen sehr häufig darüber: Einigen Leuten war das widerfahren, und außer ein paar Knöpfen von ihrer Kleidung war nichts mehr von ihnen übrig. »Falsche Gedanken können dich verbrennen!«, verkündete AB – und ich wusste, dass er nicht übertrieb, denn kein revolutionärer Gedanke war ungefährlich. Ich lernte, dass AB die Gedanken anderer kontrollieren konnte, und das bedeutete, dass er (und seine weltweit verstreuten unsichtbaren Apparate) Gedanken lasen und dass ein einziger seiner eigenen ausreichte, damit schlimme Dinge geschahen.

ABs Lektionen wurden mir täglich eingebläut und mit der Zeit entwickelten sie ihre Wirkung. Eines Nachmittags Mitte der Achtzigerjahre durfte ich ausnahmsweise mit Genossin Sian in den verwilderten Garten. AB ließ ihn absichtlich verkommen, damit die faschistischen Agenten uns nicht so leicht beobachten oder bei uns eindringen konnten. An diesem Tag schaute ich zufällig durch das lange Gras nach oben und bemerkte zu meinem Schrecken, dass mir die hässliche schmutzige weiße Frau von nebenan von ihrem Fenster aus frech zuwinkte. Sie verließ auch nur selten das Haus, weil sie eine Behinderung hatte.

Genossin Sian war die Geste der Frau nicht entgangen. »Der verdammte faschistische Staat will dich uns wegnehmen!«, stieß sie angewidert hervor. »Nicht zurückwinken!«

Also bewegte ich meine Hände nicht mehr. Ich wandte mich von der Frau im Rollstuhl ab. Wie die gute Soldatin, zu der man mich erzog, gehorchte ich bedingungslos meinem Anführer.

2. Kapitel:»AB ist Gott, Gott ist AB«

»Genossin Prem, nicht!« Genossin Sian packte mit festem Griff meine beiden Hände, die ich ihr in der Hoffnung entgegengestreckt hatte, mit ihr kuscheln zu dürfen. Dann stieß sie mich von sich. Sie war eine weiße Frau Mitte dreißig mit langem, hellbraunem Haar; ich fand sie sehr hübsch, aber ihr Charakter erwies sich als nicht annähernd so schön wie ihr Gesicht. Kalt und streng war sie, und sie meldete AB auch die kleinsten Regelübertretungen.

Den Mittagsschlaf fand ich allgemein sehr schwierig. Weil ich den ganzen Tag im Haus eingesperrt war und keine Gelegenheit zum Bewegen hatte, rauschte die ungenutzte Energie durch meinen Körper, und ein Nickerchen war das Letzte, was ich wollte oder brauchte. Ich hätte diese Stunden gut ertragen können, wenn ich mit den abwechselnd neben mir schlafenden Genossinnen hätte kuscheln dürfen, aber es war uns streng verboten, uns zu umarmen oder auch nur zu berühren: Stocksteif mussten wir stattdessen nebeneinanderliegen. Ich durfte nicht die Hand ausstrecken, um ihnen übers Haar zu streicheln, und an sie schmiegen durfte ich mich auch nicht. Hätte ich das getan, hätte ich damit AB verraten. Wenn ich einer Genossin näherkam, bedeutete das, dass ich mich nicht auf ihn konzentrierte. Das wurde mir auch vorgehalten, wenn ich einer von ihnen sagte, ich hätte sie gern. Stattdessen wurde mir befohlen, mich dieser Frau gegenüber feindselig zu verhalten. Die Genossinnen dagegen sollten mich schelten, wenn ich ihnen gegenüber meine Zuneigung zum Ausdruck brachte.

Das schloss Dinge ein, die ich im Schlaf tat. Genossin Josie machte sich einmal nachts schreckliche Sorgen, weil ich im Tiefschlaf die Arme um sie geschlungen hatte. Dieser Vorfall war so schambesetzt, dass man niemals laut davon sprach: Josies schriftlicher Bericht wurde mir zusammen mit ABs ebenfalls niedergeschriebener Anweisung übergeben: »Übe dich in Selbstkritik! Das ist eine ernste Sache!« Außerdem stand da, ich müsse den schwächeren Teil meines Ichs eliminieren, wenn ich am Leben bleiben wolle. Noch Monate später nässte ich vor Angst ins Bett. Wenn ich schon für Dinge bestraft wurde, die ich im Schlaf tat, welche Hoffnung gab es dann überhaupt für mich?

Es wäre auch den Genossinnen vorgeworfen worden, wenn sie jemals auf meine ungeschickten Annäherungsversuche eingegangen wären. AB gab bekannt, dass jede Genossin, die sich mit mir gegen ihn verschwor, aus dem Haus geworfen würde.

Nur AB durfte mich berühren. Jeden Morgen und jeden Abend stand ich demütig vor ihm. Zur festgelegten Zeit umarmte er mich, fuhr dabei mit seinen Fingern langsam meinen Rücken hoch und runter. Manchmal wollte er mich sogar »ausgiebig beschnuppern«, dann spitzte er die Lippen und drückte sie mir auf die Wange. Mir war es unheimlich, wenn er mich berührte, als versehe er mich mit seinem Siegel: Du gehörst mir. Weil ich immer daran denken musste, wie oft er mich schon geschlagen hatte, fühlte sich diese Freundlichkeit vorgetäuscht an. Niemals empfand ich es so, dass mich gerade jemand umarmte, dem an mir gelegen war; viel eher wirkte das Ganze wie ein Tausch: wie die Bezahlung dafür, dass ich ihm gehorchte und diejenige war, die ich für ihn zu sein hatte. Die Liebe des Genossen Bala war stets an Bedingungen geknüpft.

Da ich geradezu nach Zuneigung lechzte, war ich als Kind trotz allem dankbar für Balas unheimliche Berührungen. Ich sehnte mich so sehr nach Zärtlichkeit, dass ich nachts meine Decken ganz dicht an mich zog und das Gesicht in ihnen verbarg. Manchmal überflutete mich die völlige Einsamkeit meines Lebens, und ein Schluchzen stieg in meiner Kehle auf. Schnell stopfte ich mir dann die Steppdecke in den Mund und erstickte so mein Schluchzen, damit die Frau, die gerade neben mir lag, es nicht hörte. Mir war nicht erlaubt, vor anderen zu weinen.

Rasch lernte ich, dass unbelebte Objekte viel eher mein Vertrauen verdienten als Menschen. Wenn mich eine Genossin verriet, nahm mich das jedes Mal so sehr mit, dass ich schließlich lernte, niemandem zu vertrauen. Viel hatte ich nicht, aber ich besaß ein wenig Lego-Spielzeug, und entwickelte eine Beziehung zu einer kleinen Figur in einem weißen Anzug, die ich Maria Franklin nannte. Doch eines Tages war Maria verschwunden. So sehr ich auch nach der Lego-Figur suchte, ich konnte sie nirgendwo finden.

Dasselbe geschah mit anderen Dingen, die mir etwas bedeuteten. Als ich drei Jahre alt war, hatte ich eine gelbe Schmusedecke. Aber weil ich sie mochte, nahm man sie mir weg. Bala verstaute sie im obersten Schrankfach in seinem Zimmer, außerhalb meiner Reichweite. Manchmal zeigte er mir die Schmusedecke, und dann wurde ich immer sehr traurig, weil ich sie im Arm halten wollte, das aber nicht durfte.

Meine Isolation zeigte sich vielleicht am deutlichsten, wenn ich krank war. Krankwerden galt als Zeichen dafür, dass man sich nicht an ABs Richtlinien hielt. Im Kollektiv herrschte die Überzeugung, dass es einem schlecht ging, weil man ein schlecht war. Krankheit wurde als Ausdruck der inneren Verdorbenheit verstanden. Deswegen tadelte man mich, wenn ich mich übergeben musste oder Bauchschmerzen hatte: Wenn ich mich richtig auf AB konzentriert hätte, wäre mir so etwas nie widerfahren. (Dabei lag es manchmal daran, dass ich mich auf AB konzentriert hatte, nämlich auf eine mir bevorstehende Tracht Prügel, wegen derer ich Bauchkrämpfe bekam und mir vor Angst in die Hose machte.)

»Mach dich mental gesund, nicht krank«, gebot AB mit Vorliebe. Dafür brauchte ich mich nur auf ihn zu konzentrieren, dann würde es mir besser gehen: Mit ABs Unterstützung ließ sich jede Krankheit kurieren. Diese Regeln galten für alle im Kollektiv; man hätte mir auch niemals erlaubt, einen Arzt aufzusuchen, weil ich vor der Draußen-Welt verborgen bleiben musste. Lediglich Medikamente waren ab und an gestattet. AB selbst brauchte solche Mittel jedoch nie: »Ich gehe in keine Apotheke«, verkündete er stolz. In den weitaus meisten Fällen erklärte er jedoch, die Krankheit müsse durch Prügel aus der betroffenen Person vertrieben werden.

Das geschah im September des Jahres 1987, als ich vier Jahre alt war. Ich war eine Woche krank gewesen und hatte mich jeden Morgen übergeben. Bala tobte wegen dieses fortdauernden Ungehorsams und hatte mich mit »praktischen Liebesbeweisen« geradezu überschüttet, aber das hatte keinen Unterschied gemacht. Ich bekam mit, dass er und Genossin Sian im Flüsterton über mich sprachen. Mein Bauch reagierte darauf wieder mit ängstlichen Schmerzen, denn wenn man gegen Balas Richtlinien verstieß, drohte einem womöglich eine Tracht Prügel, und in meinen Kopf drehte sich alles um die Frage, was die beiden mir als Nächstes antun würden.

Manche Strafen waren leichter zu ertragen als andere. Essensentzug gehörte dazu. Irgendwann bekam ich zu den Mahlzeiten wieder etwas, denn verhungern ließen sie mich nicht. Die Strafe, die ich am meisten fürchtete, bestand darin, dass alle aus dem Zimmer gingen, die Tür hinter sich schlossen und mich allein ließen. Wieder und wieder hatte man mir von den lebensbedrohlichen Konsequenzen berichtet, die eintreten würden, wenn keine der Genossinnen auf mich aufpasste, deswegen erfüllte mich das Alleinsein mit lähmender Angst. AB sorgte dafür, dass ich die Gefahr niemals vergaß: »Verlasst das Zimmer«, befahl er den anderen. »Dann kann der Nachbar kommen und sie mitnehmen.«

An jenem Septembertag war mir übel vom Kranksein und vor Angst. Ich hörte, wie sich AB und Genossin Sian darüber berieten, wie sie mich am besten anpacken sollen. Plötzlich kam AB ins Zimmer und verkündete, er werde »sie« rufen, wenn es mir nicht sofort wieder besser ginge. Ich wusste nicht, wer »sie« waren; im Nachhinein denke ich, er meinte vielleicht einen Krankenwagen. Aber bei »sie« musste ich an faschistische Agenten denken, und das erfüllte mich mit Entsetzen. Etwas Schlimmeres hätte er gar nicht sagen können. Als ich sah, wie Genossin Sian den Telefonhörer in die Hand nahm, zwang ich mir rasch ein gekünsteltes Lächeln auf mein bleiches Gesicht, damit sie den Anruf bleiben ließ.

Es gelang mir, sie zu stoppen – aber gesund wurde ich davon immer noch nicht. Deswegen entschied AB schließlich, genug sei genug. Am Sonntag, dem 20. September, lag ich matt auf dem Boden, immer noch die Säure des Erbrochenen in Mund und Nase. Er zerrte mich durchs Haus und in den Flur, zur Haustür. Dort lag ich zu einem Ball zusammengerollt auf dem Boden. Noch nie hatte ich AB so wütend gesehen. Er hob einen Fuß und trat mir heftig gegen den Kopf; als Nächstes zielte er auf mein Gesicht, direkt auf die Nase. Schnell wandte ich das Gesicht ab, sodass mich sein Fuß an der Wange erwischte.

Das reichte jedoch als Bestrafung nicht aus. Mit einem letzten wilden Brüllen packte mich AB, riss die Haustür auf – und warf mich nach Draußen.

Obwohl ein milder Herbsttag war, war der Schock so extrem, als wäre ich in Eiswasser gelandet. AB schlug mir die Tür vor der Nase zu, und ich spürte, wie eine übermächtige Panik in mir aufstieg, genau wie ein Ertrinkender merkt, dass sich seine Lungen mit salzigem Meerwasser füllen.

Ich war Draußen. Ich war allein. Mir konnte alles Mögliche zustoßen.

Obwohl es mir als Teil des Kollektivs verboten war, Lärm zu machen und zu weinen, schrie ich aus vollem Hals. Meine Tränen vermischten sich auf meinem Gesicht mit Rotz und Erbrochenem, während ich schluchzend um Erbarmen flehte. Ich kannte die Welt hier Draußen nicht; selbst im Garten hatte ich nur wenig Zeit verbracht. Es war, als hätte man mich auf einem feindlichen, mir unbekannten Planeten ausgesetzt. Und ohne eine Genossin, die auf mich aufpasste, könnte mich jeden Moment ein feindlicher Agent entführen, das wusste ich ganz genau. Ohne AB würde ich sterben müssen – das war nur eine Frage der Zeit.

Schwach und verzweifelnd wimmernd hämmerte ich gegen die Tür. Schließlich zeigte AB seine übergroße Barmherzigkeit und ließ mich wieder ein. Eine unendliche Dankbarkeit erfüllte mich, weil ich wieder unter dem Schutz des Kollektivs stand, deswegen stimmte ich aus vollem Herzen ein, als die Genossinnen nun ABs Wahrheiten verkündeten, und der mir so vertraute Refrain erfüllte mich mit Erleichterung: »AB ist die Natur, die Natur ist AB.«

Denn AB konnte über die ganze Welt gebieten: über die Sonne, den Mond, die Erde, die Sterne. Wenn er wollte, überfiel ein starker Frost ein Land, wütete ein wildes Feuer tagelang. Er konnte Erdbeben hervorrufen, um seine Feinde zu strafen, er konnte Explosionen ertönen oder Einzelne dem Tod anheimfallen lassen. »Aravindan ist überall«, erklärte mir AB während meines Unterrichts. Dazu erstellte er Diagramme, in denen er im Zentrum aller Dinge stand. Die Genossinnen und ich verkündeten weiter im Chor: »Indien ist die Welt, und die Welt ist Indien.«

AB stammte aus dem indischen Kerala, wenn also die Zeit der Offenbarung gekommen war, würde Indien das Zentrum werden (insgeheim war es das schon). »ABs Weisheit ist die Wahrheit, und die Wahrheit ist ABs Weisheit«, so fuhren die Genossinnen und ich fort. Unsere Stimmen verschmolzen miteinander, bis wir mit einer einzigen Stimme sprachen. »ABs CRISHELP ist der Schlüssel, und der Schlüssel ist ABs CRISHELP.«

CRISHELP stand für Continued Revolution in Stages and Heavenly Eternal Life Programme: Diesem Programm zur »Fortgesetzten Schrittweisen Revolution zum Ewigen Himmlischen Leben« unterzog uns AB, damit wir Teil der Neuen Welt werden konnten. Das »ewige Leben« war wichtig; das gehörte zu den Dingen, die uns unser Anführer beibrachte.

AB war unsterblich. Er konnte ewiges Leben schenken. Wenn wir ihm wahrhaftig folgten, konnten auch wir ein längeres, sogar ein ewiges Leben haben, so verkündete er.

Es gab noch eine finale, fünfte Wahrheit – aber das war eine verborgene, und wir mussten »dMh« – den Mund halten –, was sie betraf. Wenn wir sie in unserer Litanei erreichten, verstummten wir jedes Mal. Unsere Lippen jedoch bewegten sich noch.

»AB ist Gott, Gott ist AB.«

3. Kapitel:Erziehung

Erstaunlicherweise gab AB sich bescheiden, wenn es um seine göttliche Identität ging. Einige seiner Anhänger wollten offen zu ihm beten, doch solche Ideen lehnte er strikt ab. »Ihr urteilt aus der Perspektive der Alten Welt über mich«, tadelte er dann die Genossinnen. »Die Praxis ist das Gebet.«

Das bedeutete, wir hatten seinen Anweisungen bis ins Kleinste zu folgen und durften nie eine Meinung äußern, die dem entgegenstand, was er gesagt hatte. Vielleicht hatte ich wegen ABs bescheidener Einstellung verwirrende, widersprüchliche Gefühle, was seine Heiligkeit betraf. Mir erschien er ganz einfach wie jeder andere, aber weil die anderen alle fanatisch an ihn glaubten und ihn mit überzeugter Verehrung behandelten, musste ich ihnen folgen. Ich verstehe das nicht, weil ich nur ein Kind bin, sagte ich zu mir selbst.

Genossin Sian war seine ergebenste Verehrerin, sie hatte sich ihm ganz und gar unterworfen. »Der geliebte Genosse Bala ist der Stern unseres Lebens! Ihm verdanken wir unser Leben«, war das Erste, was sie mir beibrachte, als meine offizielle Erziehung innerhalb des Kollektivs begann. Sie schrieb es in riesigen, kommunistenroten Lettern in mein Heft – das war die Farbe, mit der wir nur ganz Spezielles festhielten.

Für mich war sie so etwas wie der Schäferhund der Gruppe; sie schnappte immer nach den Knöcheln der anderen Frauen, damit sie nicht aus der Reihe tanzten. Ich vermutete, ihre Verehrung für AB war der Grund dafür, dass man sie dazu ausersehen hatte, meine Ausbildung zu überwachen. Genossin Sian war diejenige, die sich am häufigsten um mich kümmerte. Mir wäre jede andere Genossin lieber gewesen. Vielleicht lag das daran, dass die anderen keine unmittelbare Verantwortung für mich übernehmen mussten – jedenfalls gelang es mir bei ihnen viel häufiger, sie zum Nachgeben zu erweichen: Wenn etwas Lustiges passierte, gestanden sie mir manchmal ein Kichern zu, über das nicht berichtet wurde, oder ich durfte einen Fehler machen, ohne dass das Konsequenzen hatte. Sian hingegen nahm ihre Pflicht so ernst, dass auch die kleinste Verfehlung sofort AB berichtet wurde, ohne dass ich noch eine Chance bekommen hätte, geschweige denn eine weitere. Es war, als hätte sie ihre gesamte Energie darauf konzentriert, dem Kind, das sie bewachen musste, niemals gefühlsmäßig nahe zu kommen.

Oft erhielt sie Unterstützung von Genossin Josie, die fast drei Jahre jünger war als sie. Auch Josie war weiß und trug ihr braunes Haar zu einem festen Knoten oder einem in sich gedrehten Zopf frisiert. Sie sah aus wie die Verkörperung einer strengen Dame; bis heute erinnere ich mich an den stechenden Blick ihrer blauen Augen. Sie starrte auf alles herab, was ich tat, als traue sie mir nicht, und als müsse sie diesen Kontakt ihrer fast nie zwinkernden Augen zu mir aufrechterhalten, um sicherzustellen, dass ich AB auch gehorchte. Die Intensität ihres Blickes verunsicherte mich stark. Als ich älter wurde, übernahmen Josie und Sian die Aufgabe, meine Lese- und Schreibfähigkeiten zu fördern. Als ich vier oder fünf Jahre alt war, gab mir AB ein Tagebuch und wies mich an, jeden Tag Dinge darin festzuhalten. Ich vermute, dass es dazu dienen sollte, meine Kindheit für die Nachwelt festzuhalten; schließlich kam dem »Projekt Prem« eine große Bedeutung zu.

Auch das Tagebuch wurde dazu verwendet, mich zu kontrollieren. Während der ersten zwei Jahre schrieb Sian alles für mich auf, danach übernahm ich diese Aufgabe, wobei mich immer eine Genossin überwachte, damit ich nichts niederschrieb, was nicht in das Tagebuch gehörte. Dort hielt ich jedes noch so winzige Detail meines Lebens fest: was ich aß, wie oft ich zur Toilette ging, ob mein Stuhlgang weich oder fest war. Weil ich so selten aus dem Haus kam, stand da nicht immer, was ich den ganzen Tag so tat, denn ich saß die meiste Zeit zu Hause und lernte Dinge über den Genossen Bala. Doch als ergebene Anhängerin hielt ich alles fest, was AB tat: wohin er ging, wann er das Haus verließ, was er trug; auch die Jahrestage seiner großen Siege gegen den Britisch-Faschistischen Staat notierte ich. In seiner Großzügigkeit gab er mir ein paarmal eine Haarsträhne, die ich dann feierlich in mein Tagebuch klebte.

Sämtliche Unterrichtsstunden hatten AB zum Mittelpunkt. Ich erfuhr, dass er 1963 nach Großbritannien gekommen und dass das KK 1967 gegründet worden war, als er und Chanda sich verlobt hatten; die anderen Genossinnen waren dem Kollektiv während des folgenden Jahrzehnts nach und nach beigetreten. Im August 1971 war AB ein Sieg über den Britisch-Faschistischen Staat gelungen, als er in einem Londoner Taxi einem Mordversuch entging: Der Britisch-Faschistische Staat hatte einen tödlichen Strahl ausgesandt, mit dem AB über das Taxameter getötet werden sollte; er sollte ihn treffen, wenn er sich zum Bezahlen nach vorn beugte. Doch diese Pläne waren vereitelt worden, weil ABs Mitfahrer die Rechnung beglichen hatte, sodass der für ABs Kopf bestimmte Strahl stattdessen seine Brust traf. Man konnte immer noch das Mal sehen, einen roten Fleck von der Größe einer Münze, der eher wie eine große Pustel aussah. Mir erschien diese ganze Geschichte äußerst gruselig – als gäbe es draußen nicht schon genug, vor dem man sich fürchten musste!

Außerdem erzählte man mir die Geschichte, wie Sian von einer misstrauischen Zweiflerin zu Balas ergebenster Anhängerin geworden war. Auch wenn das heutzutage unmöglich schien, hatte sie einmal ABs Behauptungen infrage gestellt und Beweise dafür gefordert. Am 1. Februar 1976, als das Kollektiv noch an einem anderen Ort gewohnt hatte, hatte Bala den heldenhaften Kampf mit den Nachbarn aus der oberen Etage ausgefochten: Das waren faschistische Agenten, laut und immer darauf aus, AB Schwierigkeiten zu bereiten, genau wie es der Britisch-Faschistische Staat von ihnen verlangte. Nach einer Nacht mit wilden Partys war Bala mit einem Fleischerbeil auf sie losgegangen. Eines seiner Angriffsziele hatte die Hand auf dem Geländer ruhen lassen; Bala schlug mit der Klinge zu und wollte ihm die Hand vom Gelenk trennen, doch der Agent zog sie gerade noch rechtzeitig weg. Die Wucht des Schlages war so groß, dass sich die Klinge in das Geländer bohrte.

Bala verbrachte fast zwei Monate im Gefängnis, weil ihn der Britisch-Faschistische Staat trotz seiner Unschuld dafür verurteilte, durch seine Kämpfe politisch gegen die BFS-Agenten aktiv geworden zu sein. Für Sian war das der Tag, an dem sie »erwachte« und das wahre Wesen des Britisch-Faschistischen Staates in Großbritannien erkannte. Zuvor hatte sie geglaubt, nur in Ländern der Dritten Welt könnte ein Unschuldiger wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet werden. Als ihr AB danach gebot: »Frage nicht nach Beweisen, glaube einfach; glaube an mich, konzentriere dich auf mich«, tat sie, was er ihr sagte.

Das war nicht das einzige Mal, dass der Britisch-Faschistische Staat Bala ungerechtfertigterweise ins Gefängnis steckte. Im Jahr 1974 wies man ihn für zwei Tage in die geschlossene Abteilung der Nervenklinik von St Albans ein; ich glaube, wegen seiner Kämpfe mit der Polizei. Oft gab er deswegen an und verkündete triumphierend: »Sie dachten, ich wäre verrückt!« Doch all das hatte zu ABs genialem Plan gehört: Er wollte die Erfahrung des Eingesperrtseins machen, damit er später, wenn er einmal über die Welt herrschte, alles über die Institutionen des faschistischen Staates wusste, sie von innen heraus kannte. Dann, 1978, kam er ins Gefängnis, weil er einen Polizisten angegriffen hatte. All diese Erfahrungen trug er wie Ehrenzeichen; sie waren Beweise dafür, dass ihn der Britisch-Faschistische Staat verfolgt hatte, und dafür, wie er tapfer er jegliche Schikane aushielt.

Auch über die Weltgeschichte lernte ich viel. ABs Geburtstag war der 16. Juli, was bedeutete, dass er am 16. Oktober gezeugt worden war, und alle wichtigen Weltereignisse fanden deswegen an diesen beiden Tagen statt, denn AB war das Zentrum von allem. Sei es der Start von Apollo 11 am 16. Juli 1969, als Neil Armstrong zum Mond geflogen war, oder der Test der ersten Atombombe am 16. Juli 1945 in der einsamen Wüste von New Mexico – man brachte mir bei, dass alles mit AB in Zusammenhang stand. AB selbst war 1940 geboren worden, doch natürlich hatte sein Geist schon immer existiert.

Am wichtigsten war wohl das, was man mir über »Synchronisation« beibrachte: Bestimmte Ereignisse wurden direkt von Bala beeinflusst und hingen mit den Ereignissen innerhalb des Kollektivs zusammen. AB machte häufig von seiner Gewalt über die natürliche Welt Gebrauch; das konnte er über das geschriebene oder gesprochene Wort oder in Gedanken und so übte er Vergeltung für jede Form von Auflehnung. Ich musste lange Listen schreiben, in denen sie alle verzeichnet waren. Dazu zählte unter anderem: »Die Raumfähre Challenger explodierte, als sich Genossinnen gegen AB wandten.« Dieses Beispiel hatte eine große Wirkung auf mich: Damals, 1986, war ich schon auf der Welt gewesen, drei Jahre alt. Alle sieben Besatzungsmitglieder waren bei der Katastrophe ums Leben gekommen. Der richtige Name des Raumschiffs war »Challenge-R«, erklärte AB – »R« stand dabei für »Ara« – und wir Genossinnen hatten ihm widersprochen, ihm einen »Challenge« aufgezwungen, darum hatte der Rauch bei der Explosion auch eine bestimmte Gestalt angenommen. Voller Entsetzen hörte ich zu, wie er diese Verbindung herstellte: Damit lieferte er den Beweis.

Mir wurde ganz schlecht bei dem Gedanken, dass sieben Leute hatten sterben müssen, weil wir uns gegen AB gewandt hatten. Während ich so belehrt wurde, entstand ein unangenehm saurer Geschmack in meinem Mund, der immer intensiver wurde und den ich einfach nicht runterschlucken konnte. Es fühlte sich an, als würde mich etwas beflecken, ganz tief in mir drin. Schuld. Denn ich hatte diese Toten zu verantworten. Ihr Blut klebte an meinen Händen.

Ich holte ganz tief Luft. Ich wusste, es gab nur eine Möglichkeit, solche schrecklichen Ereignisse in Zukunft zu verhindern: Ich muss mich bessern. Ich muss ein besserer Mensch werden. Ich beschloss, AB mit noch größerer Ergebenheit zu folgen als vorher. Dieses Mal ging es jedoch nicht darum, meine eigene Haut vor seinen Prügeln zu retten, sondern darum, alle anderen vor seinem Zorn zu beschützen.

4. Kapitel:Das Kollektiv

Hätte ich eine Lieblingsgenossin wählen müssen, wäre es wahrscheinlich Aisha gewesen. Mit Anfang vierzig war sie die älteste der Frauen, obwohl sie vier Jahre von AB trennten. Sie stammte aus Malaysia und hatte kurzes glattes Haar, das wie ein Vorhang ihr Gesicht umgab. Außerdem trug sie eine Brille mit schwerem Rahmen. Was ganz außergewöhnlich war: Sie behandelte mich nicht wie eine kleine Erwachsene, sondern wie ein Kind, und das kostete ich aus. Die Genossinnen Sian und Josie hatten noch nie Umgang mit Kindern gehabt, bevor sie dem »Projekt Prem« zugeteilt worden waren; Aisha dagegen hatte viele Geschwister und deswegen mehr Erfahrung mit Kindern. Ich glaube, dass sie mir deshalb hin und wieder ein wenig kindliche Freude zugestand; sie schien zu wissen, dass ich mich danach sehnte. In meinen Augen war sie ein Glücksbringer oder ein Schutzengel.

Allerdings war es durch diese gemeinsamen schönen Momente auch immer umso schwieriger, wenn sie mich an AB verriet, wozu es ganz unausweichlich kommen musste. Ich hatte einmal in aller Unschuld zu ihr gesagt, dass ich das Wort »Israel« lieber hörte als das Wort »Palästina«. An meiner Äußerung gab es nichts Politisches – ich war ja erst fünf Jahre alt. Mir gefielen ganz einfach das scharfe »Is« und das weiche »rael«, mit dem das Wort über meine Zunge rollte.

Ich vermute, Aisha hatte diese Äußerung Sian gegenüber erwähnt, denn diese hatte allen Genossinnen die Anweisung erteilt, ihr bis ins Kleinste zu berichten, was ich tat, und natürlich wurde das Ganze so zu Bala weitergetragen. Er schlug mich, weil ich reaktionär war, dann zerrte er mich an den Beinen durchs Wohnzimmer, von einer Seite des Raumes auf die andere; bei jedem Zentimeter brannte der dunkelblaue Teppich mit den roten Blumen heiß unter mir. Diese schmerzhaften Brandwunden dienten mir als Erinnerung daran, dass ich niemandem vertrauen konnte.

Weil es aber im Kollektiv nur neun Leute gab, die meine persönliche kleine Welt bevölkerten, waren die Genossinnen die Einzigen, von denen ich etwas lernen konnte. Genossin Oh – eine kleine Frau chinesischer Abstammung aus Malaysia, war in gewissem Sinne mein Vorbild, allerdings nicht in der Art und Weise, wie es Genossen Bala gefallen hätte. Sie war eine sehr kompetente Person, die Entscheidungen häufig aus eigenem Antrieb traf (etwa, wenn es darum ging, ob man in einem Geschäft ein neues Produkt kaufen sollte). Sie fragte dann nicht zuerst Bala, was sehr gewagt schien. Während viele der Genossinnen ohne seine Anleitung hilflos wirkten, konnte Oh für sich selbst einstehen. Immer wieder kam es zu Zusammenstößen zwischen ihr und Josie: Ohs starker Charakter ließ sie ziemlich direkt im Umgang werden, und für gewöhnlich war es Oh, die Balas Strafe zu spüren bekam, weil sie und Josie nicht gut zusammenarbeiteten.

Genossin Cindy sah ich nur selten. Sie war der letzte Neuzugang im Kollektiv und erst weniger als zehn Jahre Mitglied der Bewegung. Manchmal übernahm sie eine Schicht und schlief neben mir, doch meistens arbeitete sie außer Haus und machte einen müden Eindruck, wenn sie zu uns zurückkehrte. Sie war still und wirkte unglücklich.

Und dann gab es noch Leanne. Oh, Leanne … Weil sie arbeitete, war sie nicht so oft zu Hause und konnte entsprechend selten Bericht über mich erstatten. Daher war ich ihr gegenüber freundlicher eingestellt als den anderen. Sie war ganz anders als Cindy, die so oft niedergeschlagen wirkte.

Leanne war immer freundlich, egal, wie erschöpft sie sich fühlte. Sie schnitt mir regelmäßig das Haar und verpasste mir eine strenge Jungen-Frisur. Obwohl ich sie eigentlich nur an den Wochenenden sah, lächelte sie mir immer zu und machte ein bisschen Unsinn mit mir.

Am schönsten war es, wenn sie an Samstagen die Nachtschicht übernahm und neben mir schlief. Das lief ganz anders ab als bei Sian oder Josie. Manchmal flüsterte Leanne sogar mit mir, wenn wir Seite an Seite dalagen. Und sie erzählte auch Geschichten darüber, was bei ihr auf der Arbeit passiert war. Merkwürdigerweise kamen darin nie irgendwelche faschistischen Agenten vor, ganz anders als in jedem von ABs Berichten über Draußen. Sie sprach über ihre Kollegen oder einen Unfall, der im Zug passiert war. Ich liebte diese Samstagnächte. Sie kuschelte natürlich nicht mit mir, aber wenn ich ganz großes Glück hatte – und wenn Leanne gerade in einer besonders rebellischen Laune war – berührte sie manchmal flüchtig mein Bein. Dann fühlte ich mich, als wäre ich im Himmel.

Ihr gelang es auch, andere Dinge wie Spaß erscheinen zu lassen. Irgendwann bekam ich ein rosafarbenes Fahrrad mit Stützrädern und einem Weidenkorb am Lenker – dazu sagte man mir natürlich, dass ich nur im Haus damit fahren durfte. Leanne räumte den Flur frei, steckte eine Taschenlampe vorne in den Korb und schaltete alle anderen Lichter aus. Das war so aufregend! Ich liebte es, mit aller Kraft in die Pedale zu treten und zu beobachten, wie der Lichtstrahl wild über die Wände flackerte; dann fühlte ich mich stark und spürte voller Aufregung, wie mich die Bewegung mit sich nahm … Ich musste fast die ganze Zeit still sitzen, deswegen fühlte sich das Fahren auf diesem Rad wie Fliegen an, auch wenn mir der wenige Platz nicht viele Manöver ermöglichte. Ich konnte nicht anders: Ich musste kichern, während ich so durch den Flur raste.

Sian und Josie bereiteten diesem Spiel schnell ein Ende. Ich war so dumm gewesen, Sian gegenüber Begeisterung zu äußern. Ein Sakrileg. Sofort wurden wir Leanne und angezeigt, weil wir eine Clique gebildet hatten, die sich gegen die Partei wendete. Danach erzählte mir Leanne nicht mehr ganz so oft Geschichten … Aber hin und wieder tat sie es immer noch.

Leanne hatte etwas an sich, das sie nicht so recht zum Rest der Gruppe passen lassen wollte. Vielleicht lag es daran, dass sie jeden Tag nach Draußen ging und so von der Alten Welt befleckt war – jedenfalls hätte AB genau das gesagt. In jedem Fall übte die Alte Welt einen mächtigen Einfluss aus. Denn am 23. April 1988, ich war damals fünf, machte Leanne plötzlich eine unerwartete Ankündigung, als wir eines Abends alle zusammen im Wohnzimmer saßen. (Wenn ich mich richtig erinnere, war Cindy gerade auf der Arbeit.)

»Ich gehe«, erklärte sie abrupt.

Sie meinte, was sie sagte: Sie wollte ABs Kollektiv verlassen. Der Schock traf mich bis ins tiefste Innere.

»Hinsetzen«, stieß AB verächtlich hervor. Als Leanne nicht sofort gehorchte, stieß er sie grob in einen Sessel. Doch sie stand wieder auf und lief im Zimmer auf und ab.

»Haltet sie fest!«, befahl er in scharfem Tonfall.

Und wie Marionetten stürzten sich einige der anderen Genossinnen auf Leanne. In ihren Bewegungen lag eine ganz bestimmte Sicherheit, die sich daraus ergab, dass sie in der Überzahl waren. Wie ein Wolfsrudel packten sie Leanne und sorgten dafür, dass sie auf dem Boden lag und sich nicht mehr bewegen konnte. Rasch setzte sich AB rittlings auf Leanne, die von den anderen festgehalten wurde. Sie wehrte sich, doch das war aussichtslos. So fest er nur konnte, schlug AB Leanne ins Gesicht, mit beiden Händen, immer, immer wieder.

Während ich die Szene verfolgte, mit starrem Blick und voller Entsetzen, verfärbte sich Leannes Gesicht, das normalerweise so leuchtete, ganz schwarz; weil Bala sie so unbarmherzig schlug, war die Haut um ihre Augen schon ganz dunkel. Mir wurde übel, aber das durfte ich mir nicht anmerken lassen. Ich durfte nicht aufschreien, konnte ihr nicht helfen. Nur zusehen konnte ich.

Etwas Grauenhafteres hatte ich noch nie miterlebt. Leanne wurde verprügelt, während AB ihre Bestrafung triumphierend genoss. Der Klang seiner Fäuste auf ihrem Gesicht, ihre Schmerzensschreie, das Keuchen der anderen Genossinnen … Ich ertrug es einfach nicht mehr. Ein warmer Urinstrahl rann mir am Bein hinab.

Vom Verstand her wusste ich, dass das Ganze zu Leannes eigenem Besten geschah. Aber warum schrie dann jedes einzelne Molekül in meinem Körper, dass hier ein Unrecht geschah? Was stimmt denn bloß nicht mit mir?, fragte ich mich voller Sorge. Ich müsste doch im Stande sein, AB mit reineren Gefühlen zu lieben als alle anderen; schließlich war ich in das Kollektiv hineingeboren worden. Trotzdem konnte ich mich von einem ganz frühen Alter an nur an Abneigung gegen AB erinnern. Warum, wunderte ich mich, kann ich ihn nach all den Jahren immer noch nicht aus vollem Herzen lieben? Ich würde einfach Geduld haben müssen. Vorerst kniff ich die Augen zu, weil ich den Anblick nicht mehr ertragen konnte. Ich würde es schon noch lernen.

5. Kapitel:Verrat

Nach diesem Vorfall sang ich die revolutionären Lieder zu Balas Lobpreisung sogar noch lauter. Dass diese Ergebenheit notwendig war, hätte ich sowieso nicht vergessen können, denn noch wochenlang waren auf den Leannes Gesicht blaue Flecke zu erkennen. Bala hatte sie so schlimm geschlagen, dass sie mehrere Wochen lang nicht zur Arbeit gehen konnte. In meinem Tagebuch wurde ABs »heldenhafter Kampf« mit ihr getreulich festgehalten. Er sprach oft darüber und sagte dann stolz: »Wisst ihr noch, wie mir Leanne gegen die Faust gelaufen ist?«

Im Kollektiv sangen wir jeden Morgen: »AB hat die ganze Welt in seiner Hand«, »England muss sterben« und »Werde eins mit ABs Ewigwährendem Geist«. Wir sangen Lieder darüber, wie die Alte Welt zerstört und die Neue Welt aufgebaut wurde, darüber, wie »einzigartig energisch« AB war, und solche, die ABs Indien verherrlichten. Ich hatte damals keine Gelegenheit, irgendwelche andere Musik zu hören, deswegen machte mir dieses Singen sogar in gewisser Weise Spaß.

Außerdem tat ich mein Bestes, mich während unserer »Diskussionsrunden« zu konzentrieren. Die Bezeichnung war eigentlich eine irreführend: Genau genommen handelte es sich um tägliche stundenlange Monologe von AB. Wir alle standen im Kreis (als Kind durfte ich mich hinsetzen) und hatten unsere Blicke auf ihn fixiert, während er sprach. Die Frauen waren oft müde, weil alle Genossinnen einen sehr harten Tagesplan voller Pflichten absolvieren mussten, und hin und wieder nickte eine von ihnen ein, wenn sie so dastand und ewig ABs monotoner Stimme lauschte. Nach ein paar Sekunden schreckte sie dann wieder hoch, desorientiert, in der verzweifelten Hoffnung, er hätte nichts bemerkt – manchmal war es jedoch die schmerzhafte Berührung von ABs flacher Hand, die sie wieder zu sich gebracht hatte.

Diese Predigten besaßen keinerlei Struktur. AB behandelte sich selbst, Ereignisse des täglichen Lebens, seine Pläne für die Neue Welt. Am deutlichsten erinnere ich mich jedoch an seine Angriffe gegen die Kollektivmitglieder. Dann würdigte er die jeweilige Person immer wieder herab, denn er vertrat die Überzeugung, dass sie jedes Gespür für ihr eigenes Selbst ausrotten und ihre Persönlichkeiten vernichten mussten. Außerdem machte er sich über ihr vergangenes Leben lustig, zog in den Schmutz, was ihnen einmal Freude bereitet hatte, und tadelte sie für genau die Dinge, die ihnen zuvor ihre Individualität verliehen hatten.

AB lehrte uns, dass die Frauen jede Verbindung außerhalb des Kollektivs durchtrennen mussten: Nur so konnten sie ihre bedingungslose Treue beweisen. Das betraf auch die Familien. Anders als ich, die ich keine Eltern hatte und direkt in ABs Hand geboren worden war, hatte jede Genossin einmal eine Mummy und einen Daddy gehabt. Dieses Konzept war mir völlig fremd, aber wenn ich so zuhörte, was AB beschrieb, wurde mir klar, dass ich nichts verpasste. So blieb mir die tägliche Pflicht erspart, die Familie zu verleugnen, aus der ich gekommen war, denn das mussten die anderen Genossinnen tun – sie schrieben bösartige Abhandlungen zu diesem Thema und wandten sich öffentlich von denen ab, die sie einmal geliebt hatten. Wie immer galt Sian als vorbildliche Schülerin. Häufig wurde eine Lieblingsanekdote zitiert: Sians Mutter, Ceri, hatte in den frühen Achtzigerjahren verzweifelt versucht, ihre Tochter zu finden. Irgendwann hatte sie unser Haus aufgespürt, wurde dort jedoch kurz und knapp mit den Worten: »Geh weg, ich habe keine Mutter« abgefertigt.

Selbstkritik ermutigte man ebenfalls. Wir mussten alles aufschreiben, was mit uns nicht stimmte; eifrig hielt Genossin Sian meine Fehler fest, als ich noch klein war. Das dauerte manchmal sehr lange – mit uns stimmte einfach eine ganze Menge nicht.

»Niemand ist so nutzlos und dumm wie diejenigen, die um mich herum leben«, verkündete AB oft. Ihm zufolge reichte die Unfähigkeit der Genossinnen so weit, dass unmittelbare Unterstützung durch eine Gottheit die einzige Rettung darstellte. Genau deswegen hätten sie sich ihm zugewandt. »Ich habe nie eine von euch eingeladen«, erklärte er während seiner Wutausbrüche. »Aus der Güte meines Herzens heraus kümmere ich mich um euch, also vergesst nie, welches Glück euch zuteilwird.«

Während der Diskussionsrunden stimmten sie widerspruchslos zu. Wenn er sich an sie wandte, sagte Aisha immer wieder »Vielen Dank, vielen Dank«. Oh zupfte verlegen an ihrer Bluse herum. Genossin Josie starrte ihn bewundernd an, als sähe sie tatsächlich die göttliche Erscheinung, für die sie ihn hielt, und dabei zog sie die Augenbrauen angestrengt zusammen, um jedes Bisschen des himmlischen Nektars, das von seinen Lippen tropfte, noch besser aufnehmen zu können. Obwohl AB auch manchmal die ganze Gruppe niedermachte, richteten sich die meisten seiner Attacken ganz persönlich gegen eine bestimmte Frau. Er schien immer genau zu wissen, wo er ansetzen musste: Josie stammte aus einer wohlhabenden Familie, weswegen AB behauptete, ihre Angehörigen seien Kriminelle, die davon profitiert hatten, dass Unschuldige in ungerechten Kriegen und Besatzungssituationen verletzt wurden und ihr Leben verloren. Sians Vater hatte Selbstmord begangen, als sie siebzehn war. Sie hatte als Letzte mit ihm gesprochen, also erklärte AB, sie sei der Grund dafür, dass er sich in den Kopf geschossen hatte, und quälte sie mit der Behauptung, sie sei erblich belastet. Aisha erinnerte er regelmäßig daran, es würde ihn nur einen einzigen Anruf kosten, sie abholen und aus dem Land bringen zu lassen, wenn sie ihm nicht zu hundert Prozent ergeben wäre.

Weil AB den Genossinnen beigebracht hatte, dass sie von der Aufgabe des eigenen Selbst profitieren würden, waren viele von ihnen eifrig darauf gedacht, ihren Mitstreiterinnen dabei zu helfen, diesen Zustand der inneren Leere zu erreichen: Das war der Zenit, auf den sie zustrebten. Wenn sich also AB während der Diskussionsrunden auf eine bestimmte Frau stürzte, spottete und quälte sie nicht nur eine Stimme. Wie ein Rudel Hyänen fielen die Genossinnen gemeinsam über ihre Beute her und jagten sie. Nicht alle beteiligten sich, aber selbst wenn nur eine einzige Frau einstimmte, verschlimmerte sich die Situation enorm. Gelächter durchlief den Kreis wie eine Feuerbrunst, die unbarmherzigen Flammen erreichten Stellen, die ABs eigene Worte vielleicht nicht zu erfassen vermocht hätten.

Ich hasste es, wenn ich an der Reihe war. Dann zerrte mich Bala in die Mitte des Kreises und beschimpfte und verspottete mich, während die anderen zusahen und manchmal auch mitmachten. Ich entwickelte ein nervöses Kichern – ein alles andere als nützlicher Tick, denn ich wurde ja geschlagen, wenn ich lachte. Aber ich konnte einfach nicht anders; nur mit diesem Mechanismus ließ sich das Ganze überstehen: Wenn ich nicht lache, muss ich weinen … Ich spürte, wie das Kichern wie eine Blase in mir hochstieg, zu platzen drohte; ich versuchte es zurückzuhalten, wie einen Rülpser, aber es war genauso wenig zu stoppen und genauso ein Zeichen fehlender Manieren. Dann brach es aus mir heraus: der obszöne Klang eines Kinderlachens.

Sie wechselten sich ab, wenn sie so über mich herfielen. Sie rissen mich förmlich auseinander; wie Geier machten sie sich über mein Innerstes her. Am gruseligsten war vielleicht, die hin und wieder freundlichen Genossinnen so zu sehen: als gnadenlose Monster, die kein gutes Haar an mir ließen, nur weil AB