Wie haschen nach Wind - Ernesto Moiy - E-Book

Wie haschen nach Wind E-Book

Ernesto Moiy

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Beschreibung

"Jetzt, im Spätherbst seines Lebens, schaute er oftmals kritisch zurück auf die Jahre, in denen er wie ein Getriebener den Zielen seiner Wünsche hinterhergehechelt war. Eine geheimnisvolle Unruhe war in diesen Jahren sein ständiger Begleiter gewesen. Irgendwo angekommen, glaubte er im nächsten Moment wieder aufbrechen zu müssen, weil er an einem anderen Ort vielleicht etwas versäumen könnte. All dieses Suchen war für ihn in der Rückschau auf diese Jahre "wie haschen nach Wind." Eigentlich hatte er immer nur nach Liebe und Zuneigung gesucht und nach ein wenig Anerkennung, um die Selbstzweifel zu besiegen, die ihn seit der Kindheit begleiteten." Henning wird im Nachkriegsjahr 1946 als unehelicher Sohn einer jungen Kriegswitwe in einem konservativ geprägten Ort in Westfalen geboren. Als er im Alter von neun Jahren seine Mutter verliert, wird ihm immer deutlicher bewusst, dass er nicht nur in den Familien der Nachbarschaft, sondern selbst im Umfeld seiner umfangreichen Verwandtschaft als Außenseiter wahrgenommen wird. Die teils offene Ablehnung begleitet ihn während der Schulzeit und später in der Berufsausbildung. Statt Lob, Ermunterung und Umarmung erfährt er dauernde Korrekturen und permanente Hinweise auf seine fragwürdige Herkunft. Diese Verletzungen und Enttäuschungen hinterlassen bis ins späte Erwachsenenalter schmerzende Wunden. Henning entwickelt eine selbstzerstörerische Menschenangst, fühlt sich beruflich wie privat gelähmt. Immer wieder stößt er an Grenzen, die er eigentlich intellektuell überwinden könnte. Doch die Angst vor Zurückweisung und Versagen lähmt seine Zuversicht auf eine bessere Zukunft. Auch die Heirat mit einer jungen, gutaussehenden Frau verleiht ihm keine Stabilität, zumal sich diese Ehe schon nach kurzer Zeit auf eine beiderseitige Pflichterfüllung, eine Art Notprogramm, reduziert. Wie schwere Mühlsteine hängen Lust und Moral an seinem Hals. Selbstzweifel und Depressionen bestimmen sein Leben. Gibt es einen Ausweg? Was kann ihm Halt geben? Das Buch erzählt ungeschminkt von dem zerstörerischen Kampf gegen Vorurteile, Stigmatisierung, und Ausgrenzung, aber auch von der Widerstandskraft eines jungen Mannes im Nachkriegsdeutschland.

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Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Pseudonym

Wie haschen nach Wind

Eine lebenslange Suche nach Anerkennung

Autobiografie

Copyright: © 2022 Ernesto Moiy

Lektorat: Stefanie Reimann

Umschlag & Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Verlag und Druck: tredition GmbH An der Strusbek 10 22926 Ahrensburg

Softcover

978-3-347-78445-1

Hardcover

978-3-347-78446-8

E-Book

978-3-347-78447-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Sehnsucht …

Ich suche Dich … sah noch nie in Dein Gesicht.

Ich erahne Dich nur mit Deiner Zärtlichkeit.

Ich rufe nach Dir, weiß nicht einmal Deinen Namen.

Ich hoffe nur, dass es Dich gibt.

Ich schaue in Deine Augen, sie sahen mich nie an.

Ich glaube daran, dass sie mich irgendwann anlächeln werden.

Ich sehne mich in Deine Arme, sie haben mich nie berührt.

Ich hoffe so sehr, dass sie mich auffangen.

Ich warte auf Worte von Dir, Dein Mund rief nie meinen Namen.

Doch schon Dein stummes Verstehen, würde mich glücklich machen.

Ich suche Deine Nähe, hab nie Deine Wärme gespürt.

Wie gerne würde ich bei Dir ausruhen.

Ein unehelicher „Bastard“

Das Dreitausenseelendorf Friesberge im Sauerland war an jenem Morgen im Januar 1946 völlig zugeschneit.

Der scharfe Ostwind hatte große Schneeberge angehäuft und die Hauptstraße, die mitten durch den Ort führte, war kaum zu erkennen. Straßen, Wege, Wiesen und Felder wirkten wie eine gleichmäßige, weiße Ebene. Überall hingen dicke, lange Eiszapfen an den Dächern und an den schiefen Dachrinnen der alten Fachwerkhäuser. Wie eine dicke Daunendecke hatte sich der Schnee auf Häuser und Straßen gelegt. Nur wer unbedingt musste, verließ heute das Haus. Aus den alten Fachwerkhäusern, rechts und links der Straße, stieg grauer Rauch aus den Kaminen, der schnell vom tristen Grau des Wintertags aufgesaugt wurde.

Doch nicht in jedem Haus rauchte der Schornstein. Viele Wohnungen blieben unbeheizt, denn Holz und Kohle waren zu einem knappen Gut geworden.

Direkt an der Hauptstraße, in einem älteren Dreifamilienhaus, wohnte die Kriegswitwe Gerda Gaumann mit ihrem Sohn Klaus in einer Zweizimmerwohnung. Klaus war das Kind ihrer großen Liebe. Vier Jahre waren seit dem Tag vergangen, an dem sie die Nachricht vom Tode ihres Mannes Norbert erhalten hatte. Norbert Gaumann war wie viele andere Soldaten in der Schlacht um Stalingrad gefallen. Er war nur 29 Jahre alt geworden. Ein großes Porträt an der Wand, über dem alten Sofa, erinnerte an den Mann, mit dem sie nur wenige Jahre verheiratet gewesen war.

Mit ihm waren ihre Träume gestorben und ihre Freude am Leben, denn sie hatte Norbert sehr geliebt. Wie sehr hatte sie seinen trockenen Humor gemocht, seine unkomplizierte Art. Ja selbst in ausweglosen Situationen hatte er immer noch einen aufmunternden Spruch gefunden und sie mit einem Lächeln aufgerichtet.

Dieser Mann war etwas Besonderes gewesen. Stets hatte er ihr das Gefühl gegeben, geborgen, versorgt und geliebt zu sein. Ihre kurze Ehe erschien ihr rückblickend wie ein Traum, der jäh unterbrochen wurde, bevor sie überhaupt richtig damit begonnen hatten, eine Familie zu sein.

Ihr gemeinsamer Sohn Klaus hatte seinen Vater nur einmal kurz, während eines Fronturlaubs 1941, gesehen. Inzwischen war der Junge fast sieben Jahre alt, und sie liebte ihn auch deshalb, weil er sie oft ablenkte von der großen Trauer, die noch immer ihr Herz gefangen hielt.

Die Jahre des Krieges, in denen sie damit beschäftigt war, sich und ihren Sohn zu versorgen, hatten Gerda nicht sehr viel Zeit zum Nachdenken gelassen. Die karge Witwenrente reichte kaum zum Leben, deshalb hatte sie in einer Nähstube am Ort ausgeholfen, wenn es zeitlich möglich war. Hin und wieder hatte der Postbote ein Paket ihres nach Amerika ausgewanderten Bruders gebracht. Meistens waren es Kleidungsstücke für ihren Sohn Klaus gewesen und nur manchmal hatte sie auch etwas Schokolade oder ein kleines Päckchen mit echtem Bohnenkaffee darin gefunden.

Lebensfreude hatte sie schon lange keine mehr verspürt. Stets war sie damit beschäftigt gewesen, für den nächsten Tag zu sorgen. Manchmal, an langen Winterabenden, wenn Klaus schlief, hatte sie den braunen Schuhkarton aus dem Kleiderschrank genommen und sich die alten Hochzeitsbilder angeschaut. Und wenn sie dann später zu Bett gegangen war, hatte sie noch lange wach gelegen und still in ihr Kopfkissen geweint.

So waren die Jahre dahingegangen, freudlos und ohne Aussicht auf bessere Tage.

Und nun würde sich die wirtschaftliche Lage der kleinen Familie noch weiter verschlechtern, denn neben ihr, eingewickelt in einer weißen Wolldecke, lag ihr neugeborenes Kind. Sie wollte den Jungen Henning nennen. Dieser Name hatte auch Klaus gefallen, der auf der Bettkante saß und lächelnd seinen kleinen schlafenden Bruder anschaute.

Die Hebamme Frieda war vor einer Stunde wieder gegangen, da die Geburt ohne Komplikationen verlaufen war. Eigentlich sollte ihre in der Nähe wohnende Schwester Lore jetzt bei ihr sein, aber sie war wohl noch damit beschäftigt, den Eingang zu ihrem Haus vom Neuschnee zu befreien, der in der Nacht zuvor reichlich gefallen war.

Gerda war froh, dass sie nach der anstrengenden Geburt ein wenig ausruhen konnte. Sie schloss ihre Augen und ihre Gedanken gingen auf Wanderschaft, zurück in die Zeit ihrer Schwangerschaft und in die Monate davor, als sie dem Vater ihres neugeborenen Sohnes begegnet war.

Kurz vor Kriegsende im März 1945 hatte sie den jungen Leutnant zum ersten Male gesehen. Er war ihr entgegengekommen, als sie gerade dabei war, einen Eimer mit Frischwasser aus dem neben der Straße liegenden kleinen Brunnen ins Haus zu tragen.

Der blonde Kerl mit seinen blauen Augen war ihr nicht unsympathisch gewesen, als er in seiner zerknitterten, aber sauberen Uniform freundlich lächelnd vor ihr stand und gefragt hatte, ob er für sie den schweren Eimer ins Haus tragen dürfe. Ganz in der Nähe hatte er seit einigen Tagen in der Nachbarschaft ein Privatquartier bezogen. Dort würde er fünf Tage wohnen, bis die in Hartensen stationierte Kompanie einen neuen Marschbefehl erhielt.

Die Häuser waren inzwischen vollgestopft mit zurückdrängenden Soldaten und Flüchtlingen aus den Gebieten des Ostens, die vor der immer näher rückenden Sowjetarmee nach Westen flüchteten.

Später hatte sie den jungen Soldaten zu einem Kaffee eingeladen und ihm von ihrem gefallenen Mann erzählt, von ihrer kurzen Ehe, von den verloren gegangenen Träumen und von den durchweinten Nächten.

So hatte alles begonnen. Der junge Leutnant hatte nach wenigen Tagen ihre Einsamkeit und Sehnsucht nach Umarmung bemerkt, und sie hatte sich nicht gewehrt, als er sie irgendwann in seine Arme genommen hatte.

Für ein paar Tage hatte sie ihre Trauer vergessen können und wenn die Sirenen heulten und die heranfliegenden Bomberverbände mit der vernichtenden Fracht über die Häuser des Dorfes flogen, hatte sie sich endlich wieder einmal etwas sicherer gefühlt und das Leid, die Tränen der letzten Jahre für ein paar Stunden vergessen.

In den folgenden Tagen hatte ihr neuer Freund die kleine Familie mit Lebensmitteln aus Wehrmachtsbeständen versorgt und Gerda hatte jede Kleinigkeit dankbar entgegengenommen. Nach den Entbehrungen der Kriegszeit konnte sich Söhnchen Klaus sogar mehrmals über Schokolade oder ein paar trockene Kekse freuen.

Aus den fünf Tagen waren zwei Wochen geworden, dann war die kurze Freundschaft durch einen neuen Marschbefehl beendet worden. Die Kompanie des Leutnants wurde über Nacht in Richtung Rheinland verlegt, um der anrückenden amerikanischen Armee zusätzlichen Widerstand zu leisten.

Gerda war wieder alleine mit Sohn Klaus und mit ihren Zukunftsängsten. Nicht einmal ein Bild oder eine Adresse hatte der junge Leutnant zurückgelassen. Alles erschien ihr im Rückblick wie ein unwirkliches Abenteuer, hätte nicht ihr neugeborenes Kind neben ihr sie an die Realität erinnert.

Kurze Zeit später, als ihr Bekannter weiter gen Westen befehligt worden war, hatte sie mit Schrecken festgestellt, dass sie schwanger war. Danach traute sie sich wochenlang nicht mehr in die Öffentlichkeit. Eine Mischung aus Scham und Hilflosigkeit hatte sie gefangen genommen. Die wenigen Besorgungen hatte sie ihrem siebenjährigen Sohn Klaus übertragen.

Obwohl sie sich gerne jemandem anvertraut hätte, hatte Gerda keiner ihrer Schwestern von der Schwangerschaft berichtet. Nur der jungen Grete Wirth, die mit ihrem alten Vater im gleichen Hause wohnte und mit ihr befreundet war, hatte sie von ihrem Zustand erzählt.

Im Haus lebte auch Gretes Bruder mit seiner jungen Frau Elsa. Beide hatten erst kürzlich geheiratet. Doch Gerda konnte mit Elsa nichts anfangen. Die Frauen waren sich unsympathisch, hatten öfter Streit, wenn es darum ging Hausflur und Treppensteine sauber zu halten. Außerdem hielt Gerda ihre Hausgenossin für eine unaufrichtige und hinterhältige Person, die stets ihren Vorteil suchte und mit ihrem Mann im Rücken glaubte, den Ton im Haus bestimmen zu können. Auch Grete sprach mit ihrer Schwägerin nur dann, wenn es sich nicht vermeiden ließ.

Dass man sich ab und an begegnete im dunklen, fensterlosen Hausflur, ließ sich kaum vermeiden. Das alte Haus bot wenig Diskretion, denn die alten, dünnbrettigen Eingangstüren zu den Wohnungen lagen nur wenige Meter voneinander entfernt und zwischen Tür und Rahmen gab es genügend Platz, um für neugierige Lauscher allerlei Neuigkeiten und Geheimnisse zu erfahren.

Im Mai 1945 hatte Hitlerdeutschland kapituliert. Der Zweite Weltkrieg und das Töten auf den Schlachtfeldern und in den Konzentrationslagern hatte ein Ende gefunden. In den großen Städten des Landes wurden die ehemaligen Feinde als Befreier gefeiert. Doch in den meisten Familien beweinte man den gefallenen Ehemann, Vater, Sohn oder Bruder. Auf den Schlachtfeldern in Europa, Nordafrika und in Konzentrationslagern hatten Millionen Menschen ihr Leben gelassen. In den Bombennächten der letzten Kriegsjahre waren Hunderttausende, vorwiegend Frauen und Kinder, in den brennenden Städten des besiegten Deutschlands umgekommen. So mancher Platz am Tisch in den Häusern und Wohnungen blieb auch jetzt im Frieden leer.

Doch die meisten Menschen wirkten dennoch wie befreit und begannen damit, ihr Leben wieder neu zu ordnen. Es überwog die Freude darüber, den schrecklichen Krieg überlebt zu haben.

In Gerdas Seele war kaum Platz für diese Freude auf eine Zukunft ohne Krieg, Tod und Entbehrungen gewesen. Sie wusste nicht, wie es weitergehen sollte in ihrem Leben als Kriegswitwe mit zwei unmündigen Kindern. Ihre Schuldgefühle und ihre Selbstanklagen nahmen täglich zu. Sie fühlte sich einsamer, hilfloser als je zuvor.

Noch immer trug sie ihr Geheimnis schweigend mit sich herum, ging den Menschen aus dem Wege und besuchte nur selten ihr nahe gelegenes Elternhaus. Auch die Besuche der Gottesdienste bereiteten ihr keine Freude mehr. Sie glaubte, man könne ihren Zustand an ihren Augen ablesen, in ihrem Gesicht die empfundene Schande erkennen.

Wie sollte sie ihre Situation nur erklären? Wer wusste schon von ihren schlaflosen Nächten und ihrer Einsamkeit, von ihrer Sehnsucht nach Umarmung?

Wer konnte schon verstehen, was geschehen war und wie es dazu kommen konnte, dass sie das Kind eines durchziehenden Soldaten unter ihrem Herzen trug. Zwei ihrer Schwestern hätte sie ins Vertrauen ziehen können. Beide waren selbst noch vor der Verlobungszeit schwanger geworden.

Eine davon war ihre älteste Schwester Lore, die sie jeden Moment erwartete. Sie hatte später den Vater ihres Kindes geheiratet und damit einen Skandal vermieden. Doch Gerda war mit ihrem unehelichen Kind alleine und das in einem Umfeld, wo derartige Fehltritte teils versteckt, teils offen mit Naserümpfen und diskriminierenden Blicken quittiert wurden. Ein Kind ohne offiziellen Vater zu erwarten, war ein Skandal. Dass sie sich mit einem durchziehenden Soldaten eingelassen hatte, machte dieses Geschehene zu einem unverzeihlichen Fehltritt.

Anders war es ihrer jüngsten Schwester Luise ergangen. Sie hatte Glück gehabt. Einige Monate nach dem Ende des Krieges , hatte sie abends heimlich an Gerdas Küchenfenster geklopft. Mit Tränen in den Augen hatte sie berichtet, dass sie von einem Soldaten schwanger war, der Wochen zuvor Quartier im elterlichen Haus bezogen hatte. Alfred, so hieß dieser gestrandete Soldat aus dem Osten, hatte sich im Hause nützlich gemacht, die Kuh und die Ziegen versorgt und war dem alternden Vater auch bei anderen Arbeiten eine Hilfe gewesen. Als er Ende Mai 1945 nach Kriegsende hungernd an die Haustüre geklopft und nach Arbeit gefragt hatte, war ihr Vater froh über die angebotene Hilfe gewesen, denn die Brüder waren noch nicht aus dem Krieg heimgekehrt und niemand wusste, wo sie sich befanden und ob sie je wieder nach Hause kommen würden.

Zunächst hatte Luise keinen Gefallen an diesem zwar fleißigen, aber etwas schroff auftretenden Mann gefunden, der ihr wortkarg und etwas launisch erschien. Später, bei der täglichen Zusammenarbeit auf den Feldern und beim Füttern und Melken der Ziegen, waren sich beide näher gekommen.

Irgendwann war es dann passiert und nun war sie schwanger. Gerda fühlte sich bei dieser Nachricht wie vor den Kopf gestoßen. Nicht auch noch Luise, ihre junge Schwester, die als letzte von zwölf Kindern im elterlichen Hause wohnte! Als sie mit zitternder Stimme von ihrer eigenen Schwangerschaft berichtete, waren sich beide in die Arme gefallen und hatten minutenlang geweint.

Irgendwie fühlte sich Gerda seit diesem Tage nicht ganz so alleine mit ihrem Geheimnis. Doch helfen würde ihr niemand, das musste sie alleine durchstehen. Einen Mann für ihr Kind gab es nicht. Sie würde ein uneheliches Kind gebären, ein Kind der Schande, das Ergebnis einer kurzen und heftigen Beziehung.

Aber das größte Unbehagen bereitete ihr der Gedanke an die kleine christliche Gemeinschaft am Ort, deren Mitglied sie war. Und als sie nach Bekanntwerden ihrer „unmoralischen Schwangerschaft“ dem Gemeindevorstand Rede und Antwort stehen musste, wurden ihre schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen.

Wie eine Angeklagte musste sie dem ausschließlich von Männern besetzten Vorstand über ihre Schwangerschaft berichten und wie es dazu gekommen war. Beschämt und gedemütigt hatte sie sich gefühlt. Alles was sie sagte, wurde mit Skepsis zur Kenntnis genommen. Nicht ein Teilnehmer dieses fragwürdigen Tribunals hatte ein Wort des Verständnisses für sie gehabt. Und als jemand noch den Verdacht äußerte, ihr Schwager Hermann Dietl, der Ehemann ihrer Schwester Lore, sei der Vater des ungewollten Kindes und nicht der junge Leutnant, hatte sie nur noch geweint und ihre Empörung war in ihrem Schluchzen völlig untergegangen.

Ihre Erinnerungen wurden unterbrochen, als Lore durch die Küche kommend das Schlafzimmer betrat. Wortlos ging sie an den Rand des Bettes und betrachtete das neugeborene Kind. Ihr Gesicht war regungslos, als sie minutenlang auf Henning herabblickte. Es schien, als suchte sie nach Ähnlichkeiten mit ihrem Hermann. Die Gerüchte um Gerda und ihren Mann Hermann waren ihr natürlich zu Ohren gekommen. Sie wusste, dass ihre Schwester von einigen Männern des Dorfes begehrt wurde. Gerda war ja auch eine sehr attraktive Frau und außerdem ungebunden. Ein wenig mitleidig schaute Lore in Gerdas Gesicht und lächelte dabei leicht verlegen. Das schwarzbraune Haar und die etwas vorstehenden Wangenknochen gaben ihrer Schwester ein fast edles Aussehen. Die großen, dunkelbraunen Augen verliehen ihren Gesichtszügen tiefe Sinnlichkeit und Würde. Zu verstehen war es schon, dass die Männer dieser jungen Frau von Anfang dreißig den Hof machten. Aber dass ihr treuer Hermann ebenfalls zum Kreise der Verehrer zählen sollte, das schien ihr abwegig. Außerdem hatte ihr Mann diese Verdächtigungen überzeugend von sich gewiesen. Nun, es gab keinerlei Grund, dem Getratsche der Nachbarschaft weiter auch nur einen Gedanken zu widmen.

Ein wenig erleichtert reichte sie der im Bett liegenden Gerda die Hand, gratulierte, beugte sich nieder und küsste Gerda flüchtig auf deren Wange. Lore berührte mit der Außenseite ihrer Hand ganz leicht die rosige Wange des schlafenden Kindes und verließ das Schlafzimmer. Zuvor aber fuhr sie Klaus mit ihrer Hand liebevoll durch dessen schwarzes, lockiges Haar. Wie sehr sich doch diese beiden Kinder voneinander unterschieden. Hier der dunkelhaarige Klaus mit seinen schwarzen Locken und dunkelbraunen Augen, dort der eben erst geborene hellhaarige Henning. Obwohl die Farbe der Haare und Augen bei Neugeborenen noch nicht eindeutig zu bestimmen waren, konnte jedermann sehen, dass Henning und Klaus sich sehr unterscheiden würden.

Lore hatte inzwischen damit begonnen, die schmutzige Wäsche aufzusammeln. Emotionen und viele Worte gehörten nicht zu ihren Eigenschaften. Als älteste Tochter von zwölf Kindern war sie der Mutter schon früh im Haushalt eine Hilfe gewesen, indem sie ihre kleinen Geschwister versorgte. Wenn es Arbeit gab, wo und wann auch immer, packte sie zu.

Hierbei entwickelte sie eine Dynamik und Zielstrebigkeit, die kaum Platz ließ für Nachdenklichkeit oder Zweifel an ihrem Tun. Wenn sie eine Arbeit übernommen hatte, dann bestimmte sie den Takt und die Geschwindigkeit wie ein Regimentskommandeur, der keinen Widerspruch duldete.

Sie räumte Schlafzimmer und Küche auf und legte Holz im Herd nach. Nachdem sie für Gerda und Klaus das Abendbrot zubereitet hatte, nahm sie alle schmutzigen Wäschestücke, legte sie in einen Korb und verabschiedete sich von den beiden. Wenn es nötig würde, wäre sie in der Nähe, denn das Haus von Lore und Hermann Dietl stand nur 50 Meter entfernt auf der anderen Straßenseite.

Durch das etwas laute Zuschlagen der Zimmertüre war der kleine Henning erwacht. Zunächst rieb er sich die noch fest geschlossenen Augen und begann dann zu schreien. Gerda setzte sich auf die Kante des Bettes, nahm den Kleinen in den Arm und säugte ihn. Klaus sah ihr dabei neugierig zu und stellte allerlei Fragen; das alles war völlig neu für ihn.

Wenige Tage später suchte Gerda im benachbarten Bergergrund das Amtshaus auf, um ihren neugeborenen Sohn registrieren zu lassen. Obwohl sie nach dem Verlassen des Busses nur kurz durch den weichen Schnee zum Amtshaus laufen musste, bereitete ihr jeder Schritt große Mühe. Schon seit Monaten fühlte sie bei jeder Anstrengung eine nie zuvor gekannte Schwäche, und als sie die wenigen Treppenstufen zum Amtshaus hinauf schritt, begann sie laut zu keuchen. Bisher hatte sie diese Schwäche mit ihrer Schwangerschaft erklärt und wenig darüber nachgedacht. Doch heute bekam sie ein wenig Angst, denn sie konnte ihren Zustand nicht deuten.

Wenige Minuten später saß sie im Dienstzimmer des Standesbeamten, der die Geburt registrieren sollte. Schon früher hatte ihr der Gedanke an diese notwendige Prozedur Unbehagen verursacht. Dieses Unbehagen verstärkte sich in dem Moment, als der Beamte nach dem Namen des Vaters fragte. Gerda blickte zu Boden und eine leichte Rötung lag auf ihrem Gesicht, als sie erklärte, dass der Vater des Kindes unbekannt sei. Ihr Gegenüber unterbrach seine Notierungen und entgegnete etwas herablassend, ob dies daran läge, dass mehrere Männer dafür infrage kämen.

Die leichte Schamröte, die Gerdas Antlitz bisher zeigte, wich einer ausgewachsenen Zornesröte. Mit erregter Stimme verbat sie sich derartige Unterstellungen und versuchte dann etwas ruhiger, ihre Geschichte vorzutragen. Ihre Schilderung endete mit der Bitte, dass sich das zuständige Vormundschaftsgericht an der Suche nach dem Vaters beteiligen solle. Denn Gerda kannte nicht einmal den Namen der Kompanie, zu der ihr Leutnant gehörte. Außer seinem Vor- und Nachnamen wusste sie nichts von ihm. Sie konnte nicht einmal sagen, ob es der richtige Name war, den der junge Soldat genannt hatte.

In den Wirren der letzten Kriegswochen hatte es keinen geordneten Rückzug von Militäreinheiten gegeben. Die Soldaten, die im März 1945 in Friesberge und Bergergrund für zwei Wochen kampiert hatten, gehörten verschiedenen Einheiten an. Darüber, woher sie kamen und wohin sie gingen, hatte ihr kein Mensch etwas sagen können. Rückblickend musste sie sich eingestehen, doch etwas naiv diese Affäre zugelassen zu haben. Wo sollte sie suchen und wen fragen? Immer hätte sie erklären müssen, dass sie den Vater ihres unehelichen Kindes suchte, der vielleicht nicht einmal wusste, dass ihre kurze, heftige Liebe nicht ohne Folgen geblieben war.

Während diese Gedanken durch ihren Kopf rasten, betrachtete sie den vor ihr sitzenden Beamten. Seine Körperfülle schien nicht auf Mangel und Entbehrungen hinzuweisen. Wie ein Oberlehrer stellte er die Fragen oder reagierte mit arroganter Mimik und mit teilweise verletzenden Kommentaren auf Gerdas Antworten. Gerne hätte sie diesem Widerling ihre Handtasche auf den haarlosen Schädel geworfen, denn jede seiner Fragen wurde von einem hämischen Unterton und einem hinterhältigen Grinsen begleitet.

Als man ihr die amtliche Geburtsurkunde überreichte, nahm sie diese kommentarlos an sich. Fast uninteressiert überflogen ihre Augen das Blatt Papier, auf dem stand:

Name des Kindes:

Lomm Henning

Geburtsdatum:

05.01.1946

Geburtsort:

Friesberge Kreis Hartensen

Vater:

Unbekannt

Mutter:

Witwe Gerda Gaumann, geb. Lomm

Sie faltete die Urkunde zusammen und steckte das Papier in ihre Handtasche. Anschließend erhob sie sich von dem harten, unbequemen Stuhl und verließ grußlos das Zimmer. Niemand bemerkte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten.

Draußen auf der Treppe blies ihr ein kalter Ostwind ins Gesicht und verteilte die Tränen ihrer Empörung auf ihren blassen Wangen. Wie von einer schweren Last gedrückt schritt sie langsam die Stufen hinab und begab sich zur Bushaltestelle.

Dort angekommen bemerkte sie, dass der nächste Bus erst in 40 Minuten abfahren würde. Trotz der ungeräumten Bürgersteige stapfte sie durch den hohen Schnee an der Rathausstraße entlang zur Wohnung ihres Bruders, der unmittelbar an der Straße in einem alten Mehrfamilienhaus mit seiner Frau Hulda wohnte. Ihr Bruder Jakob war ihr der Liebste von allen Geschwistern. Gerne hätte er mit Hulda Kinder gehabt, aber nach zwei Fehlgeburten und dem Rat des Arztes hatten sie aus Rücksicht auf Huldas Gesundheit ihren Kinderwunsch aufgegeben. Sie kompensierten ihren Verzicht damit, dass sie oft Kinder aus der Verwandtschaft oder Nachbarschaft für einige Tage bei sich aufnahmen und mit gutem Essen und manchen Leckereien verwöhnten.

Jakob war ein stiller, in sich gekehrter Mann. In Folge eines Betriebsunfalls war er für den Kriegsdienst als untauglich eingestuft worden. Er hatte deshalb während der ganzen Kriegsjahre in einer Filzfabrik gearbeitet, in der wärmendes Schuhwerk und andere Isolierteile hergestellt wurden. Hulda, ihre Schwägerin, war hingegen überhaupt nicht introvertiert. Stets war sie über die neusten Begebenheiten im Haus, in der Straße und im kleinen Städtchen bestens informiert. Sie hatte auch die Angewohnheit, ständig über körperliche Krankheiten zu klagen, obwohl diese in Mehrzahl eigentlich von ihr selbst verschuldet wurden, denn sie hatte einen gesegneten Appetit und dies war nicht ohne Folgen für Blutdruck und Gewicht geblieben.

Wie viele andere gute Köche und Köchinnen hatte sie die Angewohnheit, bereits während des Kochens und der Zubereitung von Speisen, allein schon durch ununterbrochenes Probieren, einen frühzeitigen Sättigungsgrad zu erreichen. Später am gedeckten Tisch, wenn das eigentliche Essen beginnt, ist der Hunger dann oft frühzeitig gestillt.

Schwägerin Hulda bildete da eine wirkliche Ausnahme. Sie konnte noch so viel probiert, abgeschmeckt und gekostet haben, trotzdem bemühte sie sich beim späteren Essen stets um eine intensive Teilnahme. Und sollte am Ende eines ausgiebigen Mahls in einem der Töpfe oder Schalen wirklich noch ein Rest entdeckt werden, folgte rituell die Aufforderung an ihren Mann Jakob: „Oh, mein Lieber, nimm du bitte noch den Rest, es wäre zu schade, wenn er ungegessen blieb.“ Jakob, der die Szenen kannte, schmunzelte dann verstehend und erklärte regelmäßig lächelnd von seinem bereits überfüllten Magen, wohl wissend, dass seine Frau Hulda nur allzu gerne die Aufgabe des Resteverzehrens übernahm.

Ehrlich gesagt, war es auch eine besondere Freude, sich von Hulda bekochen zu lassen. Als junges Mädchen hatte sie als Köchin in gut situierten Familien ihren Dienst getan und ihr Kochtalent dabei zweifelsohne zur Vollendung gebracht. Hulda war eine sehr häusliche und gutmütige Frau. Was die Sympathien für sie allerdings etwas schmälerten, war ihre Eigenart, leicht quengelig zu werden. Dies geschah besonders dann, wenn körperliche Arbeiten zu verrichten waren oder ihre Neigung, ausreichend und fett zu essen, ihr Wohlbefinden schmerzlich eingrenzten. Dann konnte sie wie aus heiterem Himmel zu weinen beginnen, aber wenn es ihr sinnvoll erschien, ebenso schnell wieder damit aufhören und ihrem Gesicht einen völlig anderen Ausdruck verleihen.

Gerda hatte inzwischen den dunklen, fensterlosen Hausflur erreicht. Jakob und Hulda wohnten im Stockwerk darüber. Schritt für Schritt tastete sie sich am Treppengeländer nach oben, wobei jeder Tritt vom Knarren der alten Holzstufen begleitet wurde. In der Mitte der Treppe befand sich auf einem kleinen Absatz eine Türe, hinter der sich ein aus Brettern gezimmertes Plumpsklo befand. Der üble Geruch durchzog das ganze Treppenhaus. Noch ein paar Stufen höher und Gerda stand vor der Wohnungstüre ihres Bruders. Wieder empfand sie diese Atemnot und wieder musste sie um Luft ringen. Hulda hatte die Tritte draußen bereits wahrgenommen, öffnete neugierig die Türe und freute sich sichtbar über den unerwarteten Besuch ihrer Schwägerin.

Allerdings bemerkte sie unverzüglich Gerdas offensichtliche Atemnot und ihre bläulich eingefärbten Lippen. Ohne Huldas Fragen abzuwarten, berichtete Gerda von den Luftproblemen, die sie seit einigen Monaten empfand und die sich auch nach der Schwangerschaft nicht gebessert hatten. „Vielleicht ist es auch die Aufregung und die Begegnung auf dem Amt, die dein Herz in Mitleidenschaft gezogen haben“, vermutete Hulda.

Sie setzte Kaffeewasser auf und nach kurzer Zeit standen zwei Tassen mit herrlich duftendem Kaffee auf dem Tisch. Beide Frauen plauderten noch ein wenig, während sie den heißen Kaffee schlürften. Dann allerdings wurde es Zeit für Gerdas Aufbruch. Der Bus würde in fünf Minuten an der Haltestelle sein, die sich nur wenige Meter vom Haus entfernt in der gleichen Straße befand. Gerda erreichte den Bus rechtzeitig, musste aber beim Abschied ihrer Schwägerin versprechen, in Kürze einen Arzt aufzusuchen. Nach einer kurzen Fahrt hatte der gelbe Postbus Friesberge erreicht.

Henning, ihr Neugeborener war währenddessen von ihrer Freundin Grete Wirth in deren Wohnung beaufsichtigt worden. Allerdings, so erzählte Grete, hatte der Kleine ununterbrochen geschlafen und nicht einmal die Abwesenheit seiner Mutter bemerkt.

An einem warmen, schwülen Sommerabend des gleichen Jahres, Henning war inzwischen acht Monate alt, machte sich Gerda mit Klaus auf den kurzen Weg zum Haus ihrer Eltern. Das alte Fachwerkhaus war nur 200 Meter von Gerdas Wohnung entfernt. Im März zuvor war ihre jüngste Schwester Luise von einem gesunden Mädchen entbunden worden. Luise kümmerte sich um die inzwischen betagten Eltern und es war eine ausgemachte Sache, dass sie mit ihrem Mann Alfred das Haus erben würde. Gerda wollte nur ein halbes Stündlein bleiben, weil sie Henning in seinem Kinderbettchen zurückgelassen hatte. Er war zwar satt, sauber gewickelt und schien äußerst müde zu sein, aber für längere Zeit wollte sie ihn nicht alleine lassen.

Gegen 20.00 Uhr kehrten beide ins Haus zurück. Gerda nahm den Zimmerschlüssel aus dem Versteck, das sie seit Jahren dafür benutzte, und öffnete die Türe, die vom Hausflur in ihre kleine Küche führte. Auf den ersten Blick schien alles so zu sein wie immer. Schnell öffnete sie die Türe ins Schlafzimmer, um zu sehen, ob ihr Kleiner noch immer schlief. Mit Schrecken musste sie feststellen, dass sämtliche Türen des Kleiderschrankes und der Wäschekommode geöffnet waren. Aufgeregt und völlig fassungslos vor Angst schaute sie hinter die Türe, wo das kleine Kinderbett ihres Sohnes stand. Doch Henning lag friedlich schlummernd unter seiner weichen Decke und nur ein nacktes kleines Füßchen lugte darunter hervor.

Nachdem feststand, dass das Kind wohlauf war und sich die erste große Aufregung gelegt hatte, begann Gerda damit, Schrank und Kommode zu durchforsten. Viel zu prüfen gab es nicht. Sämtliche Bettwäsche, Unterwäsche, Decken waren ausgeräumt. Der oder die Einbrecher hatten nicht einmal die wenigen Babysachen von Henning zurückgelassen. Gerda war schwer getroffen. Vieles von dem, was man gestohlen hatte, war von ihr in stundenlanger, mühevoller Arbeit selbst zusammengenäht worden. Aus Wut und Enttäuschung über das Geschehene laut schluchzend setzte sie sich auf einen der Küchenstühle und weinte minutenlang hemmungslos.

Klaus war inzwischen über die Straße zu seiner Tante Lore gelaufen und hatte fast atemlos, mit aufgeregter Stimme gerufen: „Tante Lore, Tante Lore, bei uns wurde eingebrochen!“ Dann hatte er zitternd und weinend nach Worten gesucht, um vom dem Schrecklichen zu berichten. Lore und ihr anwesender Mann Hermann begaben sich unverzüglich ins Nachbarhaus, um nach Gerda zu sehen. Nur ein paar Blicke ins Schlafzimmer genügten, um sich davon zu überzeugen, was geschehen war.

Bei aller Freude darüber, dass dem kleinen Henning kein Leid geschehen war, überwog die Wut über die Erkenntnis, dass es gemeine und skrupellose Menschen gab, die selbst einer mittellosen Kriegswitwe noch das letzte Hab und Gut entwendeten, um sich zu bereichern.

Insgesamt war der Vorgang seltsam. Keine Fensterscheibe war beschädigt worden. Auch die Eingangstüre zur Wohnung zeigte keine Spuren von Beschädigungen, die auf eine gewaltsame Öffnung hingewiesen hätten. Nirgendwo waren Spuren eines Einbruchs zu entdecken.

Also mussten die oder der Einbrecher mit Hilfe des Haustürschlüssels in die Wohnung gelangt sein, und der hatte ja bei Gerdas Rückkehr dort gelegen, wo sie ihn immer versteckte, wenn sie das Haus verließ.

Die Befragung der übrigen Hausbewohner brachte keine neuen Erkenntnisse. Grete Wirth, die mit ihrem betagten Vater in der gegenüberliegenden Wohnung des Hauses lebte, war an diesem Abend mit ihrem Verlobten zusammen und kehrte erst nach 23.00 Uhr zurück. Ihr Vater hatte nichts bemerkt, was auf fremde Besucher hätte schließen können. An jenem Abend hatten sich nur Paul Wirth und seine Frau Elsa im Hause aufgehalten. Aber auch die beiden konnten sich weder an seltsame Geräusche noch an fremde Personen im Hausflur in der Zeit zwischen 19.00 und 20.00 Uhr erinnern.

Am nächsten Morgen informierte man den Dorfpolizisten Grünberg, der am Nachmittag zwecks Aufnahme eines Protokolls erschien, denn Gerda wollte offiziell Anzeige wegen Einbruch und Diebstahl erstatten. Für den Wachtmeister schien dieser Vorgang wenig Bedeutung zu haben. Er befragte noch einmal alle Hausbewohner, ohne jedoch auch nur einen Schritt in seinen Ermittlungen weiterzukommen. Gerda glaubte zu wissen, wer ihre Schränke und Schubladen ausgeräumt hatte, wenigstens gab sie dies zu Protokoll.

Hungerjahre

Es war die Zeit, als Deutschland in verschiedene Militärzonen aufgeteilt war, die die Siegermächte des zu Ende gegangenen Krieges verwalteten. Es war auch die Zeit der Hamsterungen, wie man den intensiven Austausch von Waren nannte, der mangels eines funktionierenden Marktes zwischen Land- und Stadtbewohnern eine außergewöhnliche Dynamik entwickelte.Obwohl dieser Schwarzmarkt, der sich der Kontrolle der Besatzungsmächten entzog, streng verboten war, waren die verarmten Menschen fast täglich unterwegs, um zu tauschen. Bauern hatten Fleisch, Wurst, Schinken und Butter. Andere wiederum Bettwäsche, Hausgeschirr oder teure, wertvolle Schmuckgegenstände. Es lag nahe, Gegenstände gegen Essbares einzutauschen.

Begehrtes Ziel vieler war in jenen Tagen das nahe gelegene Land Hessen. Dort gab es eine Menge Bauern, außerdem wurde Hessen von den Amerikanern verwaltet, die dem Treiben der Schwarzmarkthändler mit weniger Strenge zusahen, wohl wissend, dass die deutschen Familien fast nur noch aus hungernden Frauen und Kindern bestanden.

Täglich waren auch die Friesberger mit geheimnisvoll gefüllten Taschen und Koffern unterwegs, um im angrenzenden Hessenland zu tauschen. Zwei Tage nach dem Einbruch in Gerdas Wohnung bewegte sich morgens wieder eine Gruppe Menschen zur Bushaltestelle nach Hartensen, um dann von der Kreisstadt aus per Bahn das Ziel Hessen zu erreichen. Die Gruppe wäre Gerda nicht weiter aufgefallen, hätte sich nicht in ihrer Mitte Paul Wirth befunden, der große Mühe hatte, zwei völlig überladene alte Pappkoffer in Richtung Busstation zu schleppen. In diesem Moment sah Gerda ihre Vermutung bestätigt. Sie glaubte sicher zu wissen, wem es gelungen war, ohne Spuren zu hinterlassen, genau zum richtigen Zeitpunkt ihrer Abwesenheit und ohne Gewaltanwendung, ihre Wohnung leer zu räumen. Alles hatten die oder der Dieb mitgenommen, selbst den kargen Windelvorrat für Henning.

Noch am selben Tage kam es zwischen Gerda und ihrer Mitbewohnerin Elsa Wirth zu einer heftigen Auseinandersetzung. Völlig außer sich vor Wut, hatte Gerda Elsa des Diebstahls bezichtigt und sich sogar die Mühe gemacht, die Logik zu erklären, die in ihrem Verdacht steckte. Beide Frauen hatten mit Schimpfworten nicht gespart und Elsa hatte sogar versucht mit körperlichen Attacken Rache für die nach ihrer Ansicht haltlosen Beschuldigungen zu nehmen. Glücklicherweise war Grete, Elsas Schwägerin, resolut dazwischengegangen und hatte die beiden Streithennen getrennt.

Von diesem Moment an war aus der Abneigung der Streitenden Hass geworden. Wenn es zukünftig überhaupt noch zu einem Wortwechsel kam, dann nur, um sich immer wieder neu zu beschimpfen.

Gerda war wieder zurück in ihrer Wohnung, als sie plötzlich die Kontrolle über ihre Beine verlor und für einen Moment das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. Glücklicherweise war zu diesem Zeitpunkt noch Grete bei ihr, die zuvor versucht hatte, beruhigend auf sie einzuwirken. Mit ihrer Hilfe tastete sich Gerda zum kleinen Sofa und legte sich hin. Nach wenigen Minuten war der Schwächeanfall vorbei. Allerdings konnte sich Gerda noch immer nicht beruhigen, denn Elsa hatte sie im Laufe der heftigen Auseinandersetzung Soldatenflittchen genannt.

„So also reden die Menschen über mich“, wollte sie von Grete bestätigt wissen. „Nein, nicht alle Menschen sind wie Elsa, und nicht alle Menschen legen es drauf an, dich zu verletzen“, beruhigte Grete.

Beide plauderten noch eine halbe Stunde und als Klaus nach Hause kam, ging Grete zurück in ihre Wohnung, jedoch nicht ohne beiden vorher zu sagen, dass man sie jederzeit rufen könne, falls sie gebraucht würde.

Klaus bemerkte sofort, dass irgendetwas seine Mutter aus der Fassung gebracht hatte. Er sah in ihre dunklen, fast schwarzen Augen, die wie Fremdkörper im blassen Gesicht wirkten. Und diese Augen wirkten unendlich traurig. Klaus legte sich zu ihr und kuschelte sich eng an den Körper seiner Mutter. Sie bedeutete ihm alles. Während andere Jungs in seinem Alter auf den umliegenden Wiesen tobten, Fußball spielten oder Hütten bauten, hielt er sich lieber in ihrer Nähe auf, half ihr in der Küche, beim Wäschewaschen oder häkelte ihr aus bunten Garnen Topflappen. Wenn er einmal mit Kindern spielte, dann waren es Mädchen aus der Nachbarschaft. Am liebsten aber hing er an Gerdas Rockzipfel. Ganz gleich was sie tat und wo sie sich aufhielt. Hauptsache, er war ganz nahe bei seiner Mama.

Viele Jahre lang hatte Klaus seine Mutter für sich alleine gehabt und nach dem Tode seines Vaters hatte die Familie eben nur aus diesen zwei Menschen bestanden, die sich nicht aus den Augen ließen und eine starke Bindung entwickelt hatten. Nun, da Henning hinzugekommen war, musste Klaus sich die Aufmerksamkeit seiner Mutter mit seinem kleinen Bruder teilen. Dies wurde ihm immer dann besonders bewusst, wenn seine Mama sich viel Zeit für Henning nahm. Seine schmutzigen Windeln wechselte, ihn zärtlich liebkoste und dann auch viel Zeit damit verbrachte, ihn zu stillen.

Diese besondere, innige Nähe des Bruders zu seiner Mutter ärgerte ihn mitunter, und sobald Mutters Schoß wieder frei war, umarmte er sie mit noch größerer Zuneigung und kletterte auf ihren Schoß.

Wenn in einem kleinen Dorf wie Friesberge eine Witwe einen unehelichen Sohn zur Welt brachte, vergingen nur wenige Tage, bis die Nachricht das letzte Haus des Dorfes erreichte. Betraf es eine Familie, deren Mitgliedschaft in einer christlichen Gemeinschaft bekannt war, wuchsen die Moralisten wie Pilze aus dem Boden. Doch es gab auch Menschen, die Gerda ohne Häme, mit Verständnis und Barmherzigkeit begegneten. Das waren die Stillen, die sich nicht ihre Mäuler zerrissen und vielleicht ahnten, was es als junge Witwe bedeutete, viele Jahre allein sein zu müssen.

Unter ihnen war auch das wohlhabende Ehepaar Kassler. Beide waren Mitte dreißig, aber ihr Kinderwunsch war bislang unerfüllt geblieben. Die Kasslers betrieben ein kleines Baugeschäft und gehörten zu den angesehenen Familien des Ortes. Irgendwann hatten beide den Mut gefunden und Gerda an einem Abend aufgesucht. Natürlich war die wirtschaftliche Situation der kleinen Familie mit dem Neugeborenen kein Geheimnis, auch nicht für das Ehepaar Kassler. Mit einfühlsamen Worten, doch etwas verschämt, schlugen sie Gerda vor, Henning zu adoptieren und ihn als eigenen Sohn in ihrer Familie aufzunehmen. Er würde es gut haben bei ihnen, so versprachen sie mit erwartungsvoller Miene.

Der Gedanke daran, ihren kleinen Liebling wegzugeben, ihn später aufwachsen zu sehen in der Familie anderer Leute, war für Gerda unvorstellbar. Dass irgendjemand glaubte, sie wäre dazu in der Lage, machte sie wütend und traurig zugleich. Zu keinem Zeitpunkt wäre es ihr in den Sinn gekommen, aus welchem Grunde auch immer, dieses Kind wegzugeben. Die Kasslers schämten sich sehr, als sie Gerdas verhaltene Empörung und ihren Tränenfluss bemerkten. Es bedurfte daher keiner weiteren Erklärung, um zu wissen, dass ihr Besuch erfolglos bleiben würde. Sie hatten es gut gemeint, aber Gerdas Liebe wohl völlig unterschätzt. Sie entschuldigten sich, nahmen Gerda beim Abschied in ihre Arme und verließen die Wohnung mit einem Gefühl aus Enttäuschung und Scham.

Der Winter 1946/47 brachte eisige Kälte über das ausgehungerte Nachkriegsdeutschland. Die Temperaturen sanken nachts auf unter Minus 20 Grad. In den schlecht beheizten Häusern froren die Wasserleitungen ein. So manches neugeborene Kind wurde Opfer dieses Hungerwinters. In den Städten und auf dem Land erfroren vor allen Dingen die Flüchtlinge aus dem Osten, die keine beheizte Unterkunft gefunden hatten.

Auch Gerda hatte große Mühe ihre Zweizimmerwohnung warm zu halten, denn Kohlen waren nirgendwo erhältlich. Einige wenige Familien, die noch über Vorräte an Haubergsholz verfügten, sorgten dafür, dass Gerdas Feuer im Herd nicht erlosch. Natürlich beteiligten sich auch ihre Geschwisterfamilien daran, diese Notsituation zu meistern

Der Winter hielt bis in den Februar 1947 an. Dann, gegen Ende des Monats, setzte sich langsam milde Luft aus dem Süden durch und beendete die frostigen Tage und Nächte. Zurück blieb nach wie vor der große Hunger unter der schlecht versorgten Bevölkerung.

Die Besatzungsmächte waren noch vorwiegend damit beschäftigt, die zerstörte Infrastruktur im besiegten Deutschland notdürftig zu erneuern. Geeignete Verwaltungsstrukturen, die nötig gewesen wären, die Versorgung der Bevölkerung zu organisieren, gab es noch nicht.

An den amtlichen Ausgabestellen wurden einmal monatlich Lebensmittelkarten ausgegeben. Diese trugen unterschiedliche Farben für Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen.

Diejenigen, die eine körperliche Arbeit z.B. beim Beseitigen der Trümmer in den Straßen nachweisen konnten, mussten sich die zusätzlichen Kalorien hart erarbeiten.

In Friesberge wütete der Hunger weniger grausam. Viele der Einwohner arbeiteten vor und während des Krieges als Nebenerwerbslandwirte. Auch wenn die Schweine, Kühe und Pferde weitgehend aus den Ställen verschwunden waren, hatten doch manche Einweckgläser mit Wurst und Fleisch, versteckt hinter Brettern und Verschlägen, im Haus überlebt.

Nicht selten kamen Onkel Jakob und Tante Hulda vorbei und sorgten dafür, dass Gerdas Brotkorb notdürftig gefüllt wurde. Manchmal kam ein Paket von Gerdas Bruder aus Amerika. Der Älteste der zwölf Geschwister war bereits in den zwanziger Jahren mit seiner jungen Frau aus dem Bergischen dorthin ausgewandert und wohnte in der Nähe von New York DC in Rochester.

Aufbruch in eine neue Zeit

Man schrieb inzwischen das Jahr 1949.

Die Flüchtlingstrecks der vertriebenen Menschen aus dem Osten Deutschlands waren von den Straßen verschwunden. Sie hatten, wenigstens vorübergehend, eine Unterkunft gefunden. An manchen Tagen waren noch ärmlich gekleidete Frauen auf den Straßen zu sehen, unterwegs auf der Suche nach einer Bleibe oder versprengten Verwandten. Oft trugen sie ihre Kleinkinder wie Lumpenbündel auf ihrem Rücken oder vor ihrem Bauch. An der Art, wie sie gingen, konnte man ihre Hoffnungslosigkeit erkennen, ohne dass man zuvor in ihre ausgemergelten Gesichter gesehen hätte. Die ersten Kriegsgefangenen waren auch zurückgekehrt und man sah deshalb öfter wieder Männer in Zivilkleidern durch den Ort laufen. In vielen Häusern und Familien blieben die Plätze der Männer, Söhne und Brüder jedoch weiterhin leer. Die Sorge der Menschen um vermisste Angehörigen lähmte noch immer die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Täglich wurden in den Radios die endlos langen Listen der Vermissten verlesen, deren Suche vom Roten Kreuz organisiert wurde. Die Suche beschränkte sich nicht nur auf vermisste Soldaten. Tausende von Familien waren auf der Flucht vor der Roten Armee getrennt worden. Eltern suchten ihre Kinder und Kinder nach Eltern und Geschwistern.

Viele der Geflüchteten fanden im Umfeld von Hartensen eine neues Zuhause. Auffällig war ihre Energie, die sie beim Aufbau einer neuen Existenz zeigten. Und wenn sich in diesen Tagen die Schaufenster wieder füllten, neue Lebensmittelläden oder Gemüsegeschäfte öffneten, dann standen an den Kassen nicht selten die neuen Mitbürger aus dem Osten Deutschlands, die unschwer an ihren Dialekten zu erkennen waren.

Die vergangenen Jahre waren hart gewesen für Gerda und ihre Kinder. Hin und wieder hatten ihr andere Mütter ein paar brauchbare Kindersachen für ihre Söhne geschenkt. Einmal jährlich erreichte sie auch ein Paket ihres nach Amerika ausgewanderten Bruders, in dem sich vorwiegend Hosen und Jacken für ihre Söhne befanden. Nicht wenige Male musste sie allerdings die Kleidungsstücke an Familien geben, deren Kinder jünger und kleiner waren als Henning. Umso mehr freute sich Gerda über den 5-Dollar-Schein, der regelmäßig wie ein leuchtender Stern ganz oben auf den Kleidungsstücken lag, und über eine kleines Päckchen mit echtem Bohnenkaffee.

Sie selbst hatte wieder damit begonnen, bei ihrer Freundin in der Nähstube zu arbeiten. Sie hatte keine andere Wahl. Die geringe Witwenrente reichte kaum für ein menschenwürdiges Auskommen, und hätte nicht ihr älterer Bruder Jakob hin und wieder die Zahlung von Rechnungsbeträgen übernommen, hätte sie selbst auf das Allernötigste verzichten müssen.

Von einem Vertreter der Blindenwerkstatt aus der Kreisstadt Bergergrund hatte sich Gerda dazu überreden lassen, Bürsten, Kehrbesen und neuwertige Putzlumpen im Ort zu verkaufen. Einmal im Monat lieferte sie die zuvor bestellten Waren in den Häusern des Ortes ab und kassierte die Rechnungsbeträge. Seit einigen Wochen wurde sie dabei von Henning begleitet. Beide liefen dann durch den Ort und trugen in ihrer Mitte den für Henning viel zu großen Holzkorb, in dem sich Reinigungsbürsten, Klobürsten und Kehrbesen befanden. Nicht wenige Menschen aus Friesberge kauften nur aus Mitleid etwas ab, wenn die nach Atem ringende Frau mit ihrem blassen Gesicht an die Haustüre klopfte.

Am anderen Ende des Ortes wohnte die Familie Hoffmann in einem alten, etwas heruntergekommenen Fachwerkhaus. Lina und Robert Hoffmann kauften zwar nicht regelmäßig Bürsten oder Aufnehmer, aber zur Freude von Gerda wurde sie bei jedem Besuch zu einer Tasse Kaffee eingeladen. Hoffmanns betrieben eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft. Sobald man das Haus betreten hatte, roch es nach Kuhstall, und die Fliegen, die sich in der Küche aufhielten, waren kaum zu zählen. Henning erhielt regelmäßig eine Schnitte Schwarzbrot, die dick mit hausgemachter Butter bestrichen wurde, und manchmal legte Tante Lina noch ein kleines Stück Leberwurst dazu. Von Zuhause kannte er fast nur den von Mama Gerda selbst gemachten Brotaufstrich, eine Mischung aus Milch, Mehl und Zucker, den alle nur Papp nannten.

Schwarzbrot und Kaffee waren oft das Einzige, worüber sich Gerda an solchen Tagen freuen konnte, wenn ihre Verkaufsbemühungen mal wieder erfolglos geblieben waren.

Nach einem insgesamt enttäuschenden, erfolglosen Jahr beendete Gerda ihre Arbeit als Hausierer und ließ die unverkaufte Ware abholen. Am Ende dieses Jahres war der bescheidene Gewinn, den sie mit dem Verkauf zu erzielen hoffte, aufgezehrt. Zu viele ihrer Abnehmer zahlten nicht pünktlich oder gar nicht. Mitunter öffneten sie ihre Haustüren nicht einmal mehr. Außerdem schaffte es Gerdas krankes Herz nicht, den Korb mit Bürsten und Tüchern durch den Ort zu tragen. Sie entschied sich, wieder öfter als Näherin zu arbeiten. Gerdas Arbeit in der Nähstube bereitete ihr Freude. Die Gelegenheit, mehrmals monatlich aus ihrer engen Zweizimmerwohnung herauszukommen, nahm sie gerne an. Vor allem in den Wochen vor Weihnachten arbeitete sie fast jeden Abend an fremden Kleidungsstücken. Mit dem damit verdienten Geld konnte Gerda ein paar Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder Klaus und Henning kaufen.

Jakob und Hulda hatten von Anfang an einen Narren an Henning gefressen. Weil sie selbst ohne Kinder geblieben waren, kon zentrierte sich ihre Zuneigung ganz auf Gerdas Jüngsten. Mehrmals in der Woche kamen beide vorbei, um Henning in den Arm zu nehmen, und wenn Jakob den Jungen mit seinen Händen hochhob, dann leuchteten seine Augen so, als wenn er sein eigenes Kind im Arm halten würde.

Irgendwann hatte Henning bemerkt, dass andere Kinder Mama und Papa sagten. In seinem Umfeld gab es nur eine Mama, die er so nennen konnte. Und weil sein Onkel Jakob der Mann war, den er sehr oft in seiner Nähe wahrnahm, hatte er ihn wie selbstverständlich einmal mit Papa angesprochen. Niemand hatte etwas dagegen gehabt, weder Gerda noch Hulda und schon gar nicht Jakob, der daraufhin zu diesem Kind ein noch tiefer gehendes Verhältnis entwickelte und mächtig stolz war, Papa genannt zu werden.

Viele Erwachsene aus dem Dorf, die das zum ersten Male wahrnahmen, wunderten sich darüber. Henning jedoch hatte kein Problem damit, diesen Mann Papa zu nennen. Fragen hierzu würde er erst später stellen. Für den Moment war ein Papa für ihn lediglich eine männliche Person, von der er sich geliebt fühlte, die sich für ihn interessierte und Freude empfand, wenn er ihn erblickte. So entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahre eine besondere Beziehung zwischen den beiden.

Nicht dass Henning von diesem Papa hin und wieder mal liebkost worden wäre, nein, offen gezeigte Emotionen der Zuneigung gehörten nicht zu Jakobs Eigenschaften. Für Henning war es die Erkenntnis, in diesem Mann einer Person zu begegnen, der er unerschütterlich vertrauen konnte. Oftmals nahm Jakob ihn mit seinem altern Motorrad auf kleine Reisen mit, nie schimpfte er oder wurde laut, stets bestätigte er begeistert, was für ein liebenswerter Junge er sei. Natürlich gab es regelmäßig Geschenke zu den Weihnachtsfesten und seinen Geburtstagen. Und die größte Freude er fuhr Henning, als er zu seinem 4. Geburtstag ein Dreirad mit bunten, großen Metallrädern geschenkt bekam.

In die Zuneigung, die Henning zu seinem „Papa“ entwickelte, wurde natürlich auch mehr und mehr Jakobs Frau Hulda mit einbezogen. Denn sie liebte diesen Jungen ebenfalls von ganzem Herzen.

Henning war ein sehr aufgeweckter und aktiver Junge. Im Gegensatz zu seinem Bruder Klaus hielt er sich nur bei ausgesprochen schlechtem Wetter im Haus auf. Voller Tatendrang und Neugierde entdeckte der Fünfjährige im Umkreis des alten Fachwerkhauses so manches. Die am Haus vorbeiführende Kreisstraße war kaum befahren, so dass Henning und andere Kinder aus der Nachbarschaft die Straße gerne als Spielplatz nutzten. Sie suchten weiche Steine in der Umgebung und malten damit Bilder oder Hüpfkasten auf die glatte Asphaltoberfläche. Nur manchmal kam ein Auto oder ein Motorradfahrer vorbei und störte die spielenden Kinder. Gerda beobachtete ihren Sprössling oft dabei , wenn er mit seinem Dreirad zwischen Haus und Straße spielte. Seine weißblonden Haare leuchteten dann wie frisches Stroh, und sie hatte das Bedürfnis, vor das Haus zu treten und Henning ganz feste an sich zu drücken.

Im April 1952 wurde Henning eingeschult. Von dieser Zeit an besuchte er die einzig vorhandene Volksschule in Friesberge, auf der sich sein großer Bruder bereits seit sieben Jahren befand. Weiterführende Schulen in der Nähe gab es nicht. Das Schulgeld für eine Realschule oder ein Gymnasium hätte Gerda nicht zahlen können. Die Schüler und Schülerinnen dieser Einrichtungen kamen ausschließlich aus finanziell besser gestellten Familien.

Henning hatte sich schnell an den Rhythmus der neuen Tagesabläufe gewöhnt. Die Klassenlehrerin begegnete den Erstklässlern emphatisch und liebevoll. Doch eine Sache passte Henning ganz und gar nicht. Eine lange Hose für Knaben und heranwachsende Jungs gab es in den Nachkriegsjahren nicht. Die Mädchen trugen ausschließlich Röcke und Jungens kurze Hosen, die nicht immer das Knie bedeckten. Lange Strümpfe, die bis zu den Oberschenkeln reichten, schützten im Winter die nackte Haut der Kinder. Die Strümpfe wurden von Gummi-Strumpfbändern gehalten, die an einem sogenannten Leibchen befestigt waren und jeweils zu zweit aus den manchmal langen, manchmal kurzen Hosenbeinen heraustraten. Nicht jedes Strumpfpaar reichte bis zum Hosenansatz, so daß ein Teil des Beines nackt blieb.

An der Größe des nackten Bereichs konnte man die sozialen Verhältnisse der Kinder einschätzen. Kinder mit ausreichend langen Strümpfen mussten selten die unpassenden Strümpfe ihrer älteren Geschwister tragen und ertragen.

Henning dagegen trug schwarze Strümpfe aus „Großmutters Kleiderschrank“. Farbe und Form weckten natürlich die Aufmerksamkeit seiner Mitschüler. Es bedurfte mancher Ansage der Klassenlehrerin, um Henning vor Spott zu bewahren.

Manchmal, wenn Gerda mit Henning unterwegs war, wurde sie von Bekannten spaßeshalber gefragt, ob man den Jungen mit nach Hause nehmen dürfe oder ob sie ihn behalten wolle. Mit einem Augenzwinkern erklärte sie dann stets, dass sie sich das überlegen wolle. Im nächsten Moment jedoch stellte sie klar, dass ihr Kind unverkäuflich sei! Dann schmunzelten alle Beteiligten und schauten auf Henning, den derartige Fragen ebenso verwirrten wie die Antwort seiner Mutter, auch wenn sich diese am Schluss eindeutig zu ihm bekannte.

Zu Hennings hartnäckigen Verehrern gehörte das Ehepaar Flicks aus der Kreisstadt Bergergrund. Die Flicks waren eine wohlhabende Familie, deren Kinderwunsch nicht in Erfüllung ge gangen war. Sie waren oft in Friesberge zu Besuch und hielten sich dann in Gerdas Nachbarschaft bei der Familie Mahler auf, die ebenfalls zu den begüterten Familien des Ortes zählte. Eigentlich war es der Großvater Grünemann, der als Beamter in höherer Position den relativen Reichtum der Mahlers begründete. Rudolf Grünemann war in den Zwanziger Jahren aus einem Nachbarkreis zugezogen. Am Ortsausgang von Friesberge, direkt oberhalb der Hauptstraße, hatte er mehrere Tausend Quadratmeter Bauland erworben und inmitten dieses Geländes ein ansehnliches, großes Haus gebaut. Seine Tochter Lore wohnte mit ihrem Mann Herbert Mahler und ihren drei Kindern ebenfalls in diesem Haus. Gerda und Lore kannten sich schon seit ihrer Kindheit und jetzt, da sie fast nebeneinander wohnten, traf man sich schon einmal zu einem kurzen Plausch. Allerdings wurde Gerda bei derartigen Besuchen immer von einem leichten Unbehagen begleitet, das sich schon dann bemerkbar machte, wenn sie über den kiesbedeckten Weg, zwischen den Koniferen, auf das Haus zuging.

Natürlich waren das alles nette Leute, die sie nie spüren ließen, dass sie eigentlich einer anderen sozialen Schicht angehörten und nicht zu Gerda passten. Grünemanns waren reich, hatten nicht nur eine Zentralheizung in ihrem großen Haus, sondern beschäftigten auch ein Dienstmädchen. Wenn Gerda später die beheizte Diele betrat und im großen, gemütlich eingerichteten Wohnzimmer Platz nehmen durfte, verflogen ihre Bedenken ganz schnell und sie freute sich auf den guten Bohnenkaffe, dessen aromatischer Geruch bereits durch die Zimmer wehte.

Bei einem solcher Besuche, an dem Gerda von ihrem Sohn Henning begleitet wurde, lernten beide die Familie Flick kennen. Herr und Frau Flick waren ganz begeistert von Henning. Abwechselnd fuhren beide mit ihren Händen durch Hennings blonde Haare und überboten sich wortreich mit Komplimenten, während der Junge ein wenig verängstigt in der Mitte des Raumes stand und Hilfe suchend seine Mutter anschaute. Es kam, was kommen musste, und schon bald war Herr Flick bereit, Henning sofort zu adoptieren, wenn es Gerda nur zulassen würde. Dass Frau Flick ihrem Mann begeistert zustimmte, empfand Henning als schmerzhafte Bedrohung, zumal seine Mutter mit der Antwort gefährlich lange auf sich warten ließ. Endlich machte sie dem Werben ein Ende und Henning versteckte seinen kleinen Kopf im Schoß der Mutter. Niemand sollte sehen, wie viel Angst ihm solche Situationen machten und wie er weinte.