Wie man aus Trümmern ein Schloss baut - Dörte Maack - E-Book

Wie man aus Trümmern ein Schloss baut E-Book

Dörte Maack

0,0

Beschreibung

Dörte Maack führt das Leben einer schillernden Zirkusartistin – bis sie die Diagnose einer unheilbaren Augenkrankheit wie ein Schlag trifft. Sie fasst zwei Pläne. A: Nicht blind zu werden. B: Wenn doch, sich das Leben zu nehmen. Sie klammert sich an jeden Strohhalm, doch die Erblindung schreitet fort. Am Tiefpunkt angekommen, spürt sie gleichzeitig wieder etwas Boden unter den Füßen. Es reift Plan C: Sie geht als blinde Moderatorin und Rednerin zurück auf die Bühne und lernt mit dem letzten bisschen Sehrest den Mann ihres Lebens kennen, der für sie fortan nicht mehr älter wird. Bewegend und mit viel Witz schildert Dörte Maack den Prozess dramatischer Veränderungen, die sie mit Mut und Zuversicht selbst in die Hand nimmt. Das Buch inspiriert Menschen in schweren Lebenskrisen, den Hindernissen zu trotzen und in das Leben zu vertrauen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 313

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Dörte Maack

Wie man aus Trümmern ein Schloss baut

Die Geschichte meines Erblindens und wie ich wieder Lebensfreude fand

Patmos Verlag

Inhalt

Prolog

Ungeküsste Frösche

Do wat du wullt, de Lüüd snackt doch

Trunkene Tage

Wir fallen nicht

Hornbrillen und andere Irrtümer

Die Party ist zu Ende

Medizin, Mythen und Magie

Versteckspiele

Blind Dates

Knallsüß und erfolgreich

Blinde Passagierin

Eine kleine Formalität

Blick zum Mond

Welken oder wachsen

Die mangelnde Fantasie der Sehenden

Fingerspitzengefühle

Liebe auf den letzten Blick

Lauf, lauf, lauf, Sprung!

Irgendwo wird immer getanzt

Licht und Schatten

Die schönsten Kinder der Welt

Was sollen die Leute sagen?

Spiele mit der Macht

I am with three blind people

Wir haben es geschafft

Zurück ins Rampenlicht

Wer soll es denn sonst machen?

Immer noch Konfetti im Haar

Phasen der Veränderung

Vorahnung

Schock

Verneinung und Widerstand

Einsicht: Wut, Angst und Trauer

Akzeptanz

Ausprobieren

Erkenntnis

Integration

Der Zauber im Zerbrochenen

Ich und die Beziehung zu den anderen

Ich und die Beziehung zu mir selbst

Ich und der Sinn in meinem Leben

Epilog

Über die Autorin

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Für meine Mutter Marga

Prolog

Wir stehen in Hamburg am Bahnsteig, Martin, die Kinder, der Hund und ich. Zwei unfassbar große Koffer, zwei winzige Koffer – einer mit Nixen- und einer mit Batmanmotiv – und zwei kleine bunte Tagesrucksäcke stehen um uns herum. Die Lautsprecher knacken: »Auf Gleis 7 fährt jetzt ein: der ICE nach München über Hannover und Würzburg. Die Wagen der ersten Klasse befinden sich im Abschnitt A bis C, die Wagen der zweiten Klasse im Abschnitt D bis G.«

»Mist, geänderte Wagenreihung. Kommt mit!«, ruft Martin.

»Lila, voran, Tempo«, gebe ich leise meiner Blindenführhündin das Kommando.

Der Zug fährt ein und kommt zum Halten. Wir rennen am Bahnsteig entlang, Martin voran, alle anderen hinterher. Wir erreichen einen Einstieg. Hoffentlich den richtigen, denke ich. Martin hievt die Koffer und Rucksäcke in den Zug. Danach wagt zuerst Eileen, dann Emil den Schritt über den bedrohlichen Abgrund zwischen Zug und Bahnsteigkante. Konzentriert klettern die Kinder die Stufen hoch in den Zug hinein. »Lila, hopp«, rufe ich, und meine Hündin springt mit einem großen Satz in den Zug. Danach taste ich mit den Füßen nach den Stufen. Geschafft. Wir sind im Zug – aber noch nicht im richtigen Wagen. Schwer bepackt wühlen wir uns durch zum Wagen 9, Plätze 62 bis 65, den vier Plätzen mit Tisch im Großraumwagen. Schnell stecken wir unser kleines Revier ab. Wir wuchten die großen Koffer und Rucksäcke nach oben in die Gepäckablage, verstauen die kleinen Koffer und Rucksäcke, die Hündin und ihr Führhundgeschirr kommen unter den Tisch. Wir füllen den verbliebenen Platz mit Knabbergemüse, Trinkflaschen, Malbüchern, Buntstiften, Memory-Karten und dem Player mit den Kinderhörspielen.

»Papa, wo ist mein Schnitzmesser?«, »Schnuffel, hast du die Reisepässe der Kinder eingesteckt?«, »Mama, wann kriege ich endlich ein Eis?!«, plappern alle durcheinander, während Lila eine Sitzreihe weiter nach vorn robbt. Hier knistert es interessant und Menschen lassen leckere Kekskrümel zu Boden fallen.

Ich muss jetzt dringend pinkeln. Wo ist mein Blindenstock? Er ist tief verbuddelt zwischen Sandspielzeug, Hundefutter und Badeklamotten. Martin kann mich nicht hinführen. Das Risiko, die Kinder alleine zu lassen, wäre zu groß, denn dann würde die gesamte Fami­liendynamik, die wir gerade erfolgreich in den Zugfahrmodus gebracht hatten, gefährlich ins Wanken geraten. Ein Begleitservice für mich ist ausgeschlossen, aber auch nicht nötig, befinde ich. »Bleib du bei den Kindern, ich geh’ mal kurz zur Toilette«, werfe ich Martin zu, bevor ich mich auf den Weg mache. Was soll auf diesen fünf Metern schon schiefgehen?

Ich folge dem Gang des Großraumwagens an ein paar Sitzreihen vorbei. Der Gang ist so eng, dass ich trotz heftiger Schaukelei des Wagens nur unwesentlich aus der Bahn geworfen werde. Am Ende des Ganges öffnet sich eine Schiebetür mit einem leise surrenden Geräusch ganz automatisch. Ich gehe hindurch und folge weiter dem Teppichboden. Links ertaste ich die kühle Fensterfront. Jetzt verändert sich die Akustik und ich merke, dass die beiden Ausstiegstüren links und rechts von mir sind. Ich bin also auf dem richtigen Weg, gleich muss die Zugtoilette kommen. Liegt sie rechts oder links? Im Gang ist niemand, den ich fragen kann. Ich taste nach der rechten Wand. Kaum berühre ich diese Wand, öffnet sich mit einem schnarrenden Geräusch wieder eine Schiebetür. Das ist ja richtig klasse: Ich habe die Toilette schon gefunden und sie ist frei! Ich trete schnell durch die Tür und bin irritiert. Das kann nicht die Toilette sein. Toilettenräume im ICE sind eng und schmal. Verglichen damit stehe ich in einem großen Saal. Die Schiebetür hinter mir steht noch weit offen. Eine männliche Stimme von links unten sagt etwas, das klingt wie »Banster sie nicht schlonk Tür infekt … äh hmm versetzt, nein …!« Ich folgere blitzschnell: Dieser offensichtlich sehr kleine Mann mit der nuscheligen Aussprache steht vor der eigentlichen Toilettentür in einem Vorraum. Er wartet, weil die Kabine noch besetzt ist. Mit meinem charmantesten Lächeln wende ich mich dem fremden Mann zu und frage sehr freundlich: »Oh, warten Sie hier auch?« Im nächsten Satz würde ich ihm erklären, dass ich blind bin und man mir das nicht gleich ansieht, da ich keinen Blindenstock dabeihabe, was wiederum daran liegt, dass ich nur wenige Schritte von hier entfernt mit meiner Familie sitze. So plante ich den weiteren Verlauf unserer Unterhaltung, doch so weit kommen wir nicht. Der kleine Mann wurschtelt hektisch irgendwas und eilt wortlos mit schnellen Schritten aus der großen Türöffnung davon. Ich finde das ziemlich unhöflich. Vielleicht dauerte ihm das Warten zu lange oder er befürchtete, dass ich mich vordrängeln möchte? Ich warte noch einen weiteren Moment ab. Es tut sich nichts und in der Toilettenkabine ist auch nichts zu hören. Ich suche links nach dem Türgriff der Kabine. Was ich finde, überrascht mich: Dort, wo eben noch der kleine Mann zu mir sprach, ist keine Tür, dort ist die Toilettenschüssel. Schlagartig ist mir klar, dass der Mann nicht klein war. Er hat auf der Toilette gesessen. Ich bin in der geräumigen Rolli-Toilette. Hier ist der Absperrmechanismus für Nicht-Eingeweihte nicht ganz einfach zu bedienen und der Mann hat es offensichtlich nicht verstanden, die Tür abzusperren.

Da erreiche ich blindes Huhn nun mein Ziel mit so viel Leichtigkeit und bringe einen ahnungslosen Mitreisenden in eine echte Scheißsituation. Ich schließe lächelnd die immer noch weit geöffnete große Schiebetür und drücke auf den speziellen Schließknopf. Unsere Italienreise fängt richtig gut an, denke ich.

Zwanzig Jahre nach der Diagnose »unheilbare Augenerkrankung – Erblindung unausweichlich« kann ich von Herzen über meine Blindheit lachen. Ich bin angekommen in einem farbenfrohen Leben, das für mich lange absolut unerreichbar zu sein schien.

Ungeküsste Frösche

»Nie wieder Pinneberg«, hatte ich Ende der 80er-Jahre voller Übermut nachts an eine Häuserwand gesprüht. Ich hatte das Abitur in der Tasche und war so wahnsinnig froh, endlich aus der Kleinstadt rauszukommen. Nach einer Party war ich nicht ganz nüchtern, hatte eine Spraydose mit roter Farbe dabei und kam mir damit so cool wie eine Berliner Hausbesetzerin vor. Meine Sprühaktion brachte es sogar ins Pinneberger Tageblatt. Nicht, weil in Pinneberg zuvor noch nie jemand eine Wand besprüht hätte, sondern weil am nächsten Tag Kommunalwahl in Schleswig-Holstein war. Die Bürgermeisterwahlen interessierten mich gar nicht, aber die von mir ganz zufällig ausgewählte graue Betonwand war, so stand es im Lokalblatt, eine Mauer des Pinneberger Rathauses. Das war eine Verwechslung des Redakteurs, denn wie fast alle Bauten in Pinneberg war dieses Rathaus ein unscheinbarer Zweckbau der 60er-Jahre und kaum von anderen Gebäuden in der Innenstadt zu unterscheiden. Im Tageblatt hielt man meine persön­liche spätpubertäre Befreiungsaktion für eine gezielte politische Tat einer noch unbekannten Pinneberger Untergrundgruppe. »Irgendwann musste hier doch mal etwas Interessantes passieren«, hatte der Redakteur vermutlich gehofft.

Die harmlose Kreisstadt Pinneberg in Schleswig-Holstein war immer schon das liebste Spottobjekt der benachbarten Hamburger, obwohl keiner so richtig weiß, wie genau es dazu kam. Vielleicht liegt es am Autokennzeichen. Das PI auf dem Nummernschild steht aus Sicht der Großstädter für »Provinzidiot« oder vielleicht auch für »pennt immer«. Pinneberg gilt in Hamburg als Inbegriff der Langeweile und Hässlichkeit. Als Pinneberger muss man irgendwie mit diesem Stigma klarkommen. Man belügt sich selbst ein bisschen und tut so, als gehöre man zu den Weltstadtbewohnern. »In nur zwanzig Minuten bist du mit der S-Bahn mitten in der City«, war damals wie heute der Lieblingssatz eines Pinnebergers. Mit »City« ist dann natürlich nicht die kleine Pinneberger Fußgängerzone gemeint. Zur weiteren Stärkung des geschundenen Selbstbewusstseins sucht man sich als Pinneberger seinerseits gern Spottopfer. Früher fand man sie in den umliegenden Dörfern. Die Pinneberger definierten deren bäuerliche Bevölkerung als die eigentlichen Provinzidioten, die Prisdorfer zum Beispiel. Prisdorf ist das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin und das bis zum Abitur meine Heimat war.

Ich lebte in einem großen schmucken Bauernhaus mit einem riesigen Heuboden, mit Kuhstall, Schweinestall, Hühnerstall. Ein gutmütiger Collie, viele Katzen in allen Farben, ein großer Gemüsegarten und zwei Streuobstwiesen mit Bäumen zum Draufklettern, ein kleiner Fluss hinter dem Haus und saftige grüne Wiesen voller pastellfarbenem Wiesenschaumkraut und tiefgelben Sumpfdotterblumen. Das war in rosiger Rekonstruktion meiner Kindheitserinnerungen das norddeutsche Bullerbü. Ich war Lisa mit blonden geflochtenen Zöpfen. Wie sie hatte auch ich zwei Brüder. Nur waren sie viel älter als Lasse und Bosse bei Astrid Lindgren und mussten deshalb schon sehr viel auf dem Hof mitarbeiten. Aber ich war nicht nur die wohlbehütete, brave Lisa, ich war auch die eigensinnige, wilde Pippi, die viel allein spielte: In der Wildnis pflückte ich bunte Blumensträuße, baute ein Floß, saß in den Bäumen, kuschelte die Katzenbabys oder übte Saltos im Heu. Gegenüber wohnte Tommy, der im richtigen Leben Bernd hieß. Er war so alt wie ich, hatte blonde strubbelige Haare und Sommersprossen. Beide waren wir nicht im Kindergarten und verbrachten sehr viel Zeit miteinander. Gemeinsam badeten wir als Nackedeis in der Kuhtränke auf der Hausweide, heirateten heimlich im Kuhstall mit zwei der roten Plastikringe, die die Hühner am Bein trugen. Manchmal haben Bernd und ich uns geprügelt. Ich war stärker und konnte kratzen wie eine Katze. Das tat weh und Bernd lief dann weinend nach Hause zu seiner Mutter. Wir haben unsere Wunden geleckt, schnell alles vergessen und uns noch am selben Tag wieder vertragen.

Die beste Zeit war der Sommer. Dann war unser großer Gemüsegarten ein üppiges Paradies. Alles, was reif war, erntete ich und stopfte die farbenfrohe Beute direkt in meinen Mund: Himbeeren, Stachelbeeren, Erbsen, junge Karotten und Radieschen und natürlich die Erdbeeren. Manchmal musste ich beim Strohfahren, beim Kühehüten, Kälbertränken oder bei der Milchkontrolle ein bisschen mithelfen.

Meine beiden Brüder waren vierzehn und sechszehn Jahre älter. Mit mir hatte keiner mehr gerechnet. Ich war nicht geplant und für mich gab es keine Pläne. Später würde der ältere meiner Brüder sagen: »Wir wurden noch erzogen, aber Dörte wurde verzogen«, und würde damit meinen, dass ich sehr viel Freiheit und kaum Grenzen erfahren habe. Ich würde später sagen: »Ich habe mich selbst erzogen«, und würde damit meinen, dass die Erwachsenen zu beschäftigt waren, um sich um mich zu kümmern.

In unserem Haus waren die beiden Weltkriege noch nicht lange her. Einige Fenster in den alten Holztüren hatten einen Sprung. Das war passiert, als die benachbarte Bahnstrecke bombardiert wurde. In den großen dunklen Eichenschränken und Truhen, in denen ich an langen Wintertagen so gern wühlte, fanden sich Uniformen, Säbel und Orden. Auch im Kopf meines Vaters und besonders im Kopf meiner Großmutter schien der Krieg noch ganz nah zu sein.

Als meine Mutter mit mir schwanger war, hoffte sie auf ein Mädchen. Meine Großmutter glaubte nicht daran und sagte: »Mädchen wachsen auf diesem Hof wohl nicht.«

Sie war schon mit Anfang zwanzig Mutter von drei Söhnen und Witwe. Ihr Mann kam aus dem ersten Weltkrieg nicht zurück. Auf dem Rückweg von der Krim bekam er die Spanische Grippe. »Ernst, wir kommen doch jetzt nach Haus«, hatte ein Kamerad ihn ermutigen wollen und er antwortete: »Ihr kommt alle nach Haus, aber ich nicht mehr.«

Er wurde in Griechenland bei Saloniki begraben und musste seine junge Frau mit den Kindern und dem großen neuen Hof allein lassen.

Die drei Söhne mussten in der Landwirtschaft früh sehr hart arbeiten. Obwohl er fast noch ein Kind war, musste auch der jüngste Sohn, der später mein Vater werden sollte, den schweren Ackergaul oft allein anschirren. Einmal schlug der bockige Gaul heftig aus und traf meinen Vater in den Bauch. Aus Angst vor den Kosten wurde kein Arzt gerufen. Ein Nachbar brachte den schwer verletzten Jungen schließlich im letzten Moment noch ins Krankenhaus. Es war allerhöchste Zeit: Er wäre fast innerlich verblutet. In einer langen Notoperation wurde ihm die Milz entfernt und sein Bauch wieder zusammengeflickt.

Der zweite Weltkrieg nahm meiner Großmutter dann zwei ihrer Söhne. Ihr ältester Sohn, der den Hof hätte übernehmen sollen, kam aus Russland nicht zurück. Ihr mittlerer Sohn, der als einer der ersten aus dem Dorf in Hamburg Abitur gemacht hatte, war ein Offizier der Luftwaffe. Er wurde mit seiner Propellermaschine abgeschossen. Nur mein Vater musste wegen der Folgen seiner Operation nicht in den Krieg ziehen. Er war der Einzige, der meiner Großmutter blieb. Sie sagte später bei schlimmen Ereignissen immer: »Wer weiß, wozu das noch gut ist.«

Meine Brüder bekamen die Namen ihrer gefallenen Onkel, deren gerahmte Fotos in Schwarz-Weiß über dem Sofa meiner Großmutter hingen. Ich bekam nicht so einen gebrauchten altmodischen Namen wie meine Geschwister. Meine Brüder wählten »Dörte« für mich aus. Sie fanden den Namen damals total schick und modern. Sie konnten nicht wissen, dass keine Mädchen außerhalb von Norddeutschland und auch dort keine, die nach 1970 geboren wurden, so heißen würden.

In der Grundschule lernte ich Mädchen kennen und spielte immer weniger mit Bernd. Meine neuen Freundinnen waren die Töchter der Zugezogenen. Sie lebten mit ihren Familien in Einfamilienhäusern in den Neubaugebieten. Sie hatten Zentralheizung, große Fenster ohne Gardinen und Möbel aus hellem Holz. In ihren Wohnzimmern standen offene Bücherwände und Stereoanlagen. Viele hatten Partykeller mit Tresen und Barhockern und im Garten hatten manche sogar einen Swimmingpool. Meine Freundinnen hatten Väter, die morgens im Anzug zur Arbeit fuhren und abends wiederkamen. Sie hatten Mütter mit Kurzhaarfrisuren, die mit dem Auto zum Supermarkt fuhren, Tennis spielten und in modernen Einbauküchen lange Spaghetti kochten oder Artischocken zubereiteten.

In den Ferien fuhren meine Freundinnen mit ihren Eltern mit dem Wohnwagen nach Frankreich, mit der Segelyacht nach Schweden oder flogen mit dem Flugzeug nach Spanien. Als mir mein Bullerbü langsam zu klein erschien, fing ich an, die anderen um ihre Ferienabenteuer in den fernen Ländern zu beneiden. Dass die anderen mich wegen des Heubodens, der Kletterbäume und der Katzenbabys beneideten, war mir nur ein schwacher Trost.

Immer öfter sagte ich zu Hause Sätze, die mit »Die anderen haben auch alle …« anfingen, und meine Mutter antwortete mir dann immer in ihrer einfühlsamen, warmherzigen Art: »Das mag sein, aber wir sind nicht die anderen.«

Sie hatte verdammt recht. »Leider«, fand ich. Trotzdem hatte ich mit den Kindern der anderen eine sehr gute Zeit. Annette, Anke, Steffi, Berrit, Kirstin und ich liefen Nachmittage lang Schlittschuh, bauten Verstecke im Wald und verkleideten uns oft. Wir turnten, tanzten, spielten Handball und Tennis im TSV Prisdorf. Am besten war es mit Annette. In einer Osternacht standen wir um Mitternacht auf, gingen stumm zu einer Quelle, um uns dort zu waschen. Das würde ewige Schönheit bringen, hatten wir irgendwo über diesen aufwendigen Osterbrauch gelesen. Wir fanden nur den Graben neben den Bahngleisen, wuschen uns trotzdem und waren sicher, dass wir nun immer schön sein würden. In den Wiesen der Pinnau-Niederung suchten wir nach Fröschen, um sie zu küssen. Keiner verwandelte sich in einen Prinzen. Das machte aber nichts, denn es gab ja noch unzählige ungeküsste Frösche und sicher würden wir irgendwann den richtigen Frosch finden.

Unsere Lehrerin in der Dorfschule war Frau Allègue. Sie war eine kluge, sehr strenge Frau und ich habe sie sehr gemocht. Obwohl mir die Vorbereitung durch den Kindergarten fehlte, war Schule für mich von Anfang an leicht. Ich war im Unterricht ein stilles Kind, erledigte aber alle schriftlichen Arbeiten meist fehlerfrei. Meine Lehrerin leitete auch die kleine Dorfbücherei. Am Ende der vierten Klasse hatte ich dort jedes Kinderbuch mindestens einmal durchgelesen.

Frau Allègue bestand schließlich darauf, dass ich auf das Gymnasium gehen sollte. Mein Vater war überhaupt nicht begeistert, fand das generell und besonders für Mädchen überflüssig. Zum Glück konnte sich meine Lehrerin mit ihrer Autorität bei ihm durchsetzen.

Frau Allègue hatte einen klaren Blick für die Möglichkeiten, die in den ihr anvertrauten Kindern steckten. In mein Poesiealbum schrieb sie ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe, das mir bis heute viel bedeutet: »Ursprünglich eignen Sinn lass dir nicht rauben! Woran die Menge glaubt, ist leicht zu glauben.«

In meiner Straße wohnte in einer Doppelhaushälfte Katja. Bei ihr zu Hause war alles ganz besonders doll anders als bei mir. In ihrem Wohnzimmer hing eine Grafik, die Wolf Biermann mit einer unbekleideten Frau mit drei Brüsten zeigte. Das kannte ich so nicht. In unserem Wohnzimmer, das wir »Gute Stube« nannten, hingen norddeutsche Landschaften im Eichenrahmen. Katjas Mutter war Lehrerin und eine sehr eindrucksvolle Person. Im Sommer sonnte sie ihre üppige Fülle splitternackt auf der Terrasse. Sie leitete eine Theatergruppe in unserem Sportverein. Das war neu. Mit uns Kindern spielte Katjas Mutter die Stücke des Grips-Theaters, einem emanzipatorischen Kindertheater aus Berlin. Wir sollten uns mit kreativen Schimpfworten wie »Du vollgeschissener Turnschuh!« anbrüllen und Lieder mit Mutmachparolen singen:

»Trau dich, trau dich. Andern geht’s genauso schlecht – Trau dich, trau dich. Kämpft um euer Recht!«

Ich war nicht gut darin. In Gegenwart vieler Menschen war ich ein sehr stilles Mädchen und verstand außerdem nicht, um welches Recht wir da eigentlich kämpften.

Katja lud mich immer zu ihrem Geburtstag ein. Als sie zwölf wurde, war sie in der 6. Klasse. Ich war elf und gerade in die 5. Klasse gekommen. Wir waren beide auf demselben Gymnasium in der Stadt, in Pinneberg.

Katja hatte auch Jungs aus ihrer Klasse eingeladen. Einer hieß Percey. »Percey – so heißen die Jungs im Dorf nicht. So heißt man nur in der Stadt«, analysierte ich.

Ich fand Percey toll und wollte, dass er mich auch toll findet. Zuerst versuchte ich ihn mit Hula-Hoop zu beeindrucken. Ich konnte das so lang wie keine: Zehn Minuten am Stück kreiste der rote Plastikreifen um meine Hüften! Später spielten Percey und ich mit ein paar anderen Geburtstagsgästen Wortfix. Man musste eine Karte ziehen, auf der zum Beispiel »Ein Fluss mit …« stand. Dann musste man eine Scheibe drehen. Wenn sie zur Ruhe kam, zeigte sie einen Buchstaben. »Ein Fluss mit K«. »Krückau«, rief ich sofort, und nachdem Katjas Mutter bestätigte, dass dies tatsächlich ein winziger Nebenfluss der Elbe in der Marsch war, durfte ich die Karte behalten. Weil ich so viel wusste, hatte ich am Ende den höchsten Kartenstapel von allen vor mir liegen. Ich war total gut in diesem Spiel und Percey würde mich toll finden – das war gewiss.

Percey schaute mich an und sagte: »Ich glaube, du bist eine Hexe.«

»Warum?«, fragte ich.

»Weil du so schlau bist … und so hässlich.«

Do wat du wullt, de Lüüd snackt doch

»Bitte schreibt alle auf, die ihr in unserer Klasse für Außenseiter haltet«, forderte unser Klassenlehrer uns auf. Kornelius Thuma war gerade mit seinem Referendariat fertig und die 5d war seine erste Klasse. Er hatte lange Haare, trug meist einen übergroßen handgestrickten Pullover und saß mit Vorliebe auf der Lehne seines Lehrerstuhls mit den Füßen in den Birkenstocksandalen auf der Sitzfläche. Eine gute Klassengemeinschaft war ihm wichtig und er hielt die öffentliche Diskussion der möglichen Außenseiter anscheinend für eine geeignete Maßnahme. Es verunsicherte mich, dass mein Name auch an der Tafel stand. War ich jetzt eine Außenseiterin? Es war kein Trost, dass die Namen der halben Klasse dort standen. Für alle, die zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein oder sonst irgendwie anders waren als die meisten, war der Übergang in die große weiterführende Schule schwierig. Wir alle suchten unseren Platz und fingen an zu vergleichen. Dazuzugehören war alles, bloß kein Außenseiter sein! Mein Fall wurde diskutiert und schließlich wurde mein Name von der Tafel gewischt. Ich hatte zu viele Freundinnen aus der Grundschule, die zu mir hielten. Das hatte Gewicht, auch wenn meine neuen Pinneberger Mitschüler befanden, dass ich nach Bauernhof roch. In Prisdorf hatte das niemanden gestört, im Gegenteil. Mein Vater war sehr stolz auf unseren ertragreichen Hof und andere Kinder kamen immer gern zu uns zum Spielen. »In Pinneberg ist es ein Makel, vom Bauernhof zu kommen«, begriff ich. Ich stank und ich war hässlich. Dabei war ich eigentlich gar nicht wirklich hässlich, doch objektiv betrachtet, hatte ich ziemlich uncoole Klamotten, einen blöden Haarschnitt und eine wirklich sehr hässliche Brille.

Der Wechsel auf das Gymnasium läutete zugleich das Ende meiner Kindheit ein. An den langen Winterabenden fühlte ich mich jetzt oft sehr einsam. Ich konnte mich nicht mehr allein ins Spielen vertiefen und hätte jemanden zum Reden gebraucht. Stattdessen saß ich mit meiner alten Oma vor dem Fernseher, während meine Eltern bis acht Uhr abends im Stall arbeiteten.

Wie sehr mich der Start auf dem Gymnasium verunsicherte, war mir nicht bewusst. Ich bekam Bauchschmerzen, die langsam so stark wurden, dass ich für zwei Wochen ins Krankenhaus kam. »Guck mal, wir haben uns Monchichis gekauft«, kicherten meine beiden besten Freundinnen Annette und Kirstin fröhlich, als sie mich im Krankenhaus besuchten. Diese affenähnlichen Püppchen aus Japan waren der letzte Schrei auf dem Spielzeugmarkt. Ihre neuen Monchhichis machten die beiden zu einer verschworenen Einheit. Ich hatte keinen Monchhichi und war außen vor.

Die Ärzte konnten nichts in meinem Bauch finden und entließen mich ohne Befund. Die Schmerzen einer Kinderseele konnten ihre Apparate nicht messen. Doch auch ohne Behandlung ließen meine Bauchschmerzen langsam nach. Ich verstand immer besser, was wichtig ist, um dazuzugehören. In Sport war ich gut, damit konnte ich leicht punkten. In anderen Fächern flogen mir die guten Noten einfach zu und ich ließ andere gern abschreiben.

»Oh mein Gott, wie süß Robbie wieder guckt«, seufzte Kirstin jedes Mal, wenn die neue Bravo rauskam. Genau wie Annette war sie verrückt nach »The Teens«, einer Boyband aus Berlin. Die fünf Jungs waren kaum älter als wir und stürmten mit ihrer LP Teens & Jeans & Rock’n’Roll die Charts. Wie meine beiden Freundinnen tapezierte ich die Wände meines Kinderzimmers mit Postern der Band, lebensgroßer Starschnitt aus der Bravo inklusive. Eigentlich interessierte ich mich nicht besonders für die Band und ihre Musik, aber ich tat so, als wäre ich genau wie die anderen in einen dieser Jungs verknallt. Dazuzugehören hatte seinen Preis. So zu tun als ob, ließ sich nicht vermeiden.

In der 7. Klasse wurden wir neu zusammengewürfelt. Wie ich wählten auch Kirstin und Annette Französisch und gingen weiterhin in dieselbe Klasse. Unsere Dreierkonstellation als beste Freundinnen brachte jeder von uns über viele Jahre Freude und Kränkungen zugleich. Im ständigen Wechsel war immer eine von uns außen vor. Eigentlich harmlose kleine Intrigen und Machtspielchen belasteten uns. Ein niedrig dosiertes stetiges Gift. Wir konnten nie offen darüber reden. Es war eben nicht so einfach, wie Herr Thuma sich das vorstellte.

In der neuen Klasse wurden meine Noten noch besser und ich erhielt eine Auszeichnung als Klassenbeste. Das freute mich nicht sehr, denn gute Noten waren nicht mein Bestreben, nur mein Glück. Mein einziges Bestreben war es, dazuzugehören und cool zu sein. Dafür durfte man auf keinen Fall eine Streberin sein. Ich fing an, in der Schule aufmüpfig zu werden: ein bisschen den Unterricht stören, ein paar Streiche. Das brachte Ansehen und machte meine Noten auch nur wenig schlechter. Meine Eltern ließen mich machen und mischten sich nicht ein. Meine Erfolge nahmen sie ohne Überschwang zur Kenntnis, regten sich aber auch kaum über die vereinzelten blauen Briefe mit meinen Schandtaten auf.

»Do wat du wullt, de Lüüd snackt doch!«, sagte meine Oma häufig. Das hörte sich bei ihr nicht resigniert an, sondern eher nach einem Plädoyer für Eigensinn. Von dieser Haltung war ich noch ganz weit entfernt, machte mich aber langsam auf den Weg. Bei der Wahl von Frisuren und Klamotten experimentierte ich wild, fand aber lange keine Linie. Der Schlabberlook der Ökos gefiel mir zwar an anderen, aber nicht an mir, und der markenbetonte, glattgebügelte Look der Popper war mir viel zu schnieke.

In der 10. Klasse sollten wir wieder etwas über andere aufschreiben. Wir zogen einen Zettel mit einem Namen und sollten diese Person beschreiben. Unsere Beschreibungen hingen wir anonym an eine Pinnwand. Jeder sollte dann die zutreffende Beschreibung für sich heraussuchen. Meine war nicht dabei. Am Ende hing da nur noch ein Blatt: selbstbewusst, kreativ, viele verrückte Ideen, sportlich, überdreht, ausgefallene Klamotten …

»Das beschreibt dich doch perfekt«, fand Frau Hadersbek, unsere Deutschlehrerin. So ein Quatsch, ich war schüchtern, talentfrei, unattraktiv und schlecht gekleidet … Vor allem die Jungs in meiner Klasse sahen das ganz sicher so, glaubte ich. Trotzdem war ich ihnen nicht vollkommen egal. Sie hielten mir kollektiv eine Standpauke, als ich auf der Klassenfahrt in München mit einem einheimischen Jungen namens Klaus knutschte. Ich hatte noch keine Übung und unsere Schneidezähne stießen dauernd zusammen. Aber Klaus schien mich trotzdem sehr zu mögen. Im Biergarten trafen wir seine Freunde, die über meinen norddeutschen Vornamen schallend lachten. Klaus lachte nicht, sondern meinte mitfühlend: »Ja, aber deine Eltern haben dich doch sicher nicht so genannt.« Er konnte sich offenbar nicht vorstellen, dass »Dörte« etwas anderes als ein Spitzname war. Nach der Knutscherei wurde ich in der Jugendherberge ins Zimmer meiner Mitschüler zitiert. »Du hast die Ehre unserer Klasse beschmutzt«, war ihr Vorwurf. Auch unser Lehrer Herr Kaminski war wenig amüsiert über mein bayerisches Abenteuer und erteilte mir einen offiziellen Tadel.

Die Oberstufe mit ihrem Kurssystem war für mich eine Befreiung. Alle Klassen mischten sich und im gesamten Jahrgang fand ich viele neue Freunde. Ich wurde Jahrgangssprecherin und im Jahr darauf mit Annette, Melanie, Harald und Carsten in einem sogenannten »Kollektiv« zur Schülersprecherin gewählt. Es war die Zeit der großen Friedensdemos gegen die Stationierung neuer Atomraketen. Wir waren voller Engagement dabei. »Weine nicht, wenn der Reagan fällt, er ist ja nur ein Westernheld. Alles, alles geht vorbei, auch die Pershing 2« und »We shall overcome …« sangen wir auf Hamburgs Straßen. Wir feierten viel, knutschten, tranken und kifften ein bisschen. Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll … Schlimm? Nein, nur ein ganz kleines bisschen schlimmer als der Durchschnitt.

Weil meine Eltern nie Urlaub machten, ich aber die Welt sehen wollte, begann ich früh, selbst Reisen zu organisieren. Mit dreizehn Jahren plante ich eine Radtour nach Dänemark mit meiner Cousine Susan und meinen Freundinnen Annette und Pascale. Die Jugendherbergen buchte ich per Post und Handys gab es noch nicht, dennoch klappte alles prima. Das Schlimmste, was uns auf dieser Tour zustieß, war der Diebstahl unserer großen Packung Schmelzkäseecken in der Jugendherberge auf Æerø. Der Anfang war gemacht und es folgten viele weitere Radtouren und später Reisen mit Interrail-Tickets und per Anhalter quer durch Europa. Mehrmals waren wir in Portugal, schliefen am Strand und lebten fast ohne Geld ganz herrlich.

Die Welt war voller Abenteuer und voll von wunderbaren Menschen. Was wir taten, war nicht immer ungefährlich und wir hatten manchmal mehr Glück als Verstand. Einige Male half uns unsere eigene Gewitztheit aus brenzligen Situationen heraus, andere Male half uns nur noch das rechtzeitige Eingreifen eines Schutzengel-Sondereinsatzkommandos. Risiken nahmen wir nicht ernst. Meine Mutter wusste, dass ich mich nicht aufhalten lassen würde, machte sich aber Sorgen. »Erzähl mir bitte nicht alles, sonst kann ich nicht ruhig schlafen«, bat sie mich. Mein Vater sagte nichts dazu. Er hatte sich schon bei der Erziehung seines zweiten Sohnes die Finger verbrannt, denn lange Haare und Rockmusik waren Ende der 60er-Jahre für einen Bauernsohn nicht akzeptabel. Mein Bruder zog mit sechzehn Jahren im Streit von zu Hause aus. Mein Vater wollte nicht noch ein Kind verlieren und ließ mich einfach in Ruhe.

Auf einem Trip per Anhalter mit meinem Mitschüler Christian lernte ich in München Paul Brady kennen. Ich hatte zunächst keine Ahnung, dass der nette Typ ein bekannter irischer Singer-Songwriter war. Ein paar Tage später in Wien sprach uns ein Schauspieler an. Er fand uns junge Vagabunden niedlich, lud uns in ein teures Restaurant ein und schenkte uns zum Abschied hundert Mark. »Mit Geld ist das Leben viel lustiger«, meinte er. Es war Dietrich Siegl, der in der Lindenstraße den Tennislehrer Stefan Nossek spielte. Meine Mutter liebte »Lindenstraße« und hielt mich später stets über das Schicksal des Tennislehrers auf dem Laufenden. Irgendwann schoss Klausi Beimer ihn aus Versehen mit einem Luftgewehr blind und dann lief er auch noch vors Auto. Zum Glück war das nur ein Fernsehschicksal.

Es gab so unendlich viel Spannendes außerhalb der Schule zu entdecken. Um in der Oberstufe weiterhin richtig gut zu sein, hätte ich in einigen Fächern stur büffeln müssen, aber das gefiel mir nicht. Ich war nur noch richtig gut in den Fächern, die mich wirklich interessierten. Ich beschäftigte mich voller Enthusiasmus mit dem Nationalsozialismus und mit Feminismus, hielt hierzu haufenweise Referate. Meinem Klassenlehrer aus der 5. Klasse, Herrn Thuma, begegnete ich in der Oberstufe als Geschichtslehrer wieder. Er hatte immer noch lange Haare und wir waren jetzt per Du. »Wie willst du mich eigentlich im mündlichen Abitur prüfen? Ich weiß doch jetzt mehr als du«, fragte ich ihn kurz vorm Abi. Das meinte ich ernst, denn wie konnte er so viel spezielles Wissen über »Frauen im Nationalsozialismus« haben wie ich?

Am meisten liebte ich meinen Deutschleistungskurs und deren Lehrerin Frau Kotarowski. Ich bewunderte sie, denn sie war unglaublich gebildet und stilvoll. Dabei hatte sie auch noch einen feinen Sinn für Humor und war trotz allem sehr dezent. Am allermeisten mochte ich das Halbjahr, in dem es um »Politische Rede« ging. Wir analysierten berühmte Reden und sollten schließlich eine eigene Rede schreiben und vortragen. Auf der Suche nach einem passenden Thema hörte ich im Radio einen Beitrag über die Pläne einer amerikanischen Schule, Schüler zu regelmäßigen Cannabistests zu zwingen. »Würde so etwas an unserer Schule geschehen, würde ich als Schülersprecherin zum Boykott dieser Tests aufrufen!«, war ich sicher. Ich hatte mein Redethema! Ich schrieb mit Feuereifer an meiner Rede gegen Generalverdacht, Kriminalisierung und Überwachung. Das Ergebnis war brillant, fand ich. Mein flammendes Plädoyer beeindruckte Frau Kotarowski dann auch total. Leider ganz anders, als ich es erhofft hatte. Sie führte im Anschluss an den Unterricht mit mir ein sehr ernstes Gespräch unter vier Augen: »Dörte, hast du ein Problem mit Drogen? Brauchst du Hilfe?« Nein! Nein und darum ging es doch auch gar nicht! Ich wusste noch nicht, dass man nie sicher sein kann, wie die eigenen Gedanken bei anderen ankommen. Mir fehlte die Erkenntnis, dass es am besten ist, sich nicht von der Meinung anderer abhängig zu machen und den eigenen Weg zu gehen. So blieb mir nichts anderes übrig, als meine Begeisterung für die öffentliche Rede kleinlaut an den Nagel zu hängen.

Ein sehr besonderer Kurs in meinem Abiturjahr war der Religionskurs bei Frau Höfmann. Ich hätte diesen Kurs, wie es fast alle anderen taten, einfach abwählen können, aber meine Lehrerin lockte mich mit dem Versprechen: »Wir werden uns mit feministischer Theologie auseinandersetzen.« Da konnte ich nicht ablehnen und saß ein weiteres halbes Jahr wöchentlich zwei Stunden nur mit Thomas, Stefanie und Frau Höfmann zur Besprechung theologischer Themen zusammen. Die Literatur zur feministischen Theologie verschlang ich gierig und natürlich würde ich dazu ein Referat halten. Zu meiner Überraschung wollte auch unser Schulleiter Herr Hallberg dieses Referat hören. Keine Ahnung, was den älteren Herrn am Feminismus interessierte. In meinem Referat ging es um die These der Forschung, dass die ersten Menschen glaubten, Kinder entstünden durch die Frau allein. »Dies glaubte man deshalb, weil zwischen der Zeugung und den ersten deutlichen Anzeichen einer Schwangerschaft so viel Zeit liegt, dass der Zusammenhang nicht offensichtlich ist«, erläuterte ich diese These. An dieser Stelle hatte mein Schulleiter eine Zwischenfrage, die mich bis heute irritiert: »Also, der … ähm … Beischlaf wurde aber trotzdem vollzogen?«

Ich antwortete sachlich: »Ja, davon ist auszugehen.«

»Pinneberg ist einfach nur total hinterm Mond. Nichts wie weg von hier!«, dachte ich immer häufiger.

Trunkene Tage

»Berufswunsch: Journalistin, Poetin, Weltreisende, Barbesitzerin, Unternehmerin und ich will Zirkus machen«, war neben meinem Namen in der Abi-Zeitung zu lesen. Diese Liste hatte ich spontan erstellt und wäre mehr Platz gewesen, hätte sie noch viel länger sein können. »Wer kommt wohl als Erstes ins Gefängnis?«, war eine der Abstimmungsfragen für dieses Blatt. Als Mitglied der Redaktion zählte ich die Stimmen der Befragung aus und staunte. Die Namen, die bei dieser Frage am häufigsten genannt wurden, waren: Laurenz, Sundeep und Dörte. Laurenz und Sundeep machten irgendwas mit Drogen, aber warum sollte ich auf einer Anklagebank sitzen? Ich hatte nur eine Rede über einen fiktiven Drogentest gehalten und einmal im Übermut eine Farbspraydose im öffentlichen Raum benutzt. »Ich bin viel zu harmlos, um in den Knast zu kommen«, war ich sicher. Ich konnte nicht ahnen, dass ich viel später tatsächlich in eine Justizvollzugsanstalt kommen würde, und das auch noch begleitet von einem Fernsehteam.

»Solange ich mich nicht entscheiden kann, was ich werden will, ist es am besten, Studentin zu sein«, dachte ich und schrieb mich erst einmal für Germanistik und Anglistik ein. Die Uni war eine totale Enttäuschung: viel zu verkopft und trocken. Trotzdem ging ich fleißig in die großen anonymen Vorlesungen und Seminare, bestand Klausuren, schrieb Hausarbeiten und sammelte ordentlich Scheine. Wozu das gut sein könnte, würde sich gewiss irgendwann zeigen.

Neben der Unterstützung durch meine Eltern verdiente ich meinen Lebensunterhalt als Kellnerin. »Aushilfe gesucht«, hatte ich schon in der 11. Klasse auf einem Aushang im Fenster einer Eisdiele am Altonaer Spritzenplatz gesehen. Ich hatte sofort im Laden nachgefragt und Rolf Tamm, der Inhaber, hatte mich gleich dabehalten. Meine Karriere hatte ich beim Abwasch begonnen. In den kommenden Wochen, Monaten und Jahren hatte ich mich über Fenster links (Außer-Haus-Verkauf nur bei gutem Wetter), Fenster rechts (Außer-Haus-Verkauf an allen Tagen), Kellnerin 2, Kellnerin 1 bis zur »Leitenden Buffetkraft« hochgearbeitet. Nun war ich in diesem Eiscafé während meiner Schichten für alles, von der Bestellung über die Personaleinteilung bis hin zur Abrechnung, verantwortlich. Rolf war sehr selten da und wir als sein Team brachten den Laden zum Brummen. Wir waren jung, unbeschwert und entscheidungsfreudig. »Sie finden den Kuchen zu trocken? Kein Problem, ich bringe Ihnen einen anderen«, »Sie finden, dass die Eiskugeln zu klein sind? Kein Problem, ich mache sie größer«, »Sie haben nicht genug Geld? Kein Problem, ich mache es günstiger.« Wir pfiffen auf die betriebswirtschaftlichen Vorstellungen unseres Chefs, der darauf beharrte, dass eine Kugel Eis das Gewicht von vierzig Gramm unter keinen Umständen überschreiten dürfe. Wir machten alle Kunden glücklich. Das sprach sich rum und der Eisladen wurde Kult. Na ja, so viel Kult, wie ein Eiscafé Venezia mit Spaghetti-Eis und Krokantbecher eben sein kann. Ich liebte diesen Job sogar dann, wenn ich an langen, heißen Sommertagen nach Mitternacht völlig verschwitzt und verklebt noch die Stühle anketten und die Sahnemaschine reinigen musste. »Mir kann gar nichts passieren«, dachte ich mir. »Ganz egal, ob ich auf die Nase falle, ich kann mich immer gut mit Kellnern über Wasser halten.«

Ich zog nach dem Abitur in eine große WG mit taxifahrenden Musikern und anderen kreativ-chaotischen Typen in die Eulenstraße. Andreas, einer meiner Mitbewohner, zeigte mir, wie man mit drei Bällen jongliert. Das faszinierte mich vom ersten Augenblick an und ließ mich lange nicht los. Am Sportfachbereich der Hamburger Uni gab es Kurse für Jonglieren und Akrobatik. Das war in den 80er-Jahren ganz neu und genau richtig für mich. In der Akrobatikgruppe wurden wir schnell zu einer eingeschworenen Gemeinschaft. Schon bald buchten uns Stadtteilfeste für Auftritte. Den Applaus für unser amateurhaftes Können nahmen wir als Ansporn. Wir trainierten, so oft es ging, fuhren für Workshops nach Holland, wo die Partnerakrobatik der Como Brothers schon weit verbreitet war. Bei den Jongliertreffen gab es einige, die als Jongleure schon sehr erfolgreiche Straßenkünstler waren und für bezahlte Auftritte gebucht wurden. Weil die neuen Zirkuskünste noch eine Nische waren, konnten auch blutige Anfänger wie ich schnell Teil der bunten Familie werden. Ich hatte total Feuer gefangen, lernte auch noch Einradfahren und las alles, was ich über Zirkus in die Finger bekommen konnte. Für meine ersten beiden Auftritte wurde ich von mir selbst engagiert: Für den Geburtstag meines Vaters in unserem Wohnzimmer und für die Hochzeit meiner Cousine Gabi im Saal einer Gastwirtschaft in der Elbmarsch. Im Frühsommer 89 verbrachte ich ein paar Wochen in Lausanne bei Pascal, einem belgischen Architekten, mit dem mich eine leidenschaftliche Affäre verband. Mindestens genauso leidenschaftlich wie diese Liebesgeschichte waren meine ersten Auftritte als Straßenkünstlerin auf der Promenade des Genfer Sees. Das war sehr mutig und zugleich sehr naiv. Ich ging an die Sache genauso ran, wie ich es als Kind von Pippi Langstrumpf gelernt hatte: »Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.« Meine Jonglierkunst war kaum besser als mein Schulfranzösisch. Beides hatte einen sehr eigenwilligen Charme und dennoch schauten die Leute mir zu, klatschten Beifall und warfen danach reichlich Geld in meinen Hut. Ich war ganz besoffen davon. Auch das Liebesabenteuer mit Pascal machte mich trunken. Das war immer noch neu für mich. In Pinneberg hatte ich kein Glück in der Liebe. So oft war ich in Jungs verliebt, die umgekehrt nicht in mich verliebt waren. Zielstrebig guckte ich mir immer wieder den einen aus, der sie alle hätte haben können. Leider entschied der sich dann immer für eine andere. Jenne war eine Ausnahme. Mit ihm hatte ich vorm Abi ein paar schöne Monate. Er war ein bisschen übergewichtig, obwohl er Sport als Leistungskurs hatte, außerdem hatte er rote Haare und schlimme Neurodermitis. Das machte ihn nicht weniger begehrenswert und ich fand ihn sehr sexy. Ausstrahlung fand ich anziehender als nur Optik. Ich suchte keinen Posterboy, also nicht so ganz unbedingt.