Wieso? - Warum? - Weshalb? - Peter Hintermann - E-Book

Wieso? - Warum? - Weshalb? E-Book

Peter Hintermann

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Beschreibung

Meine beschriebenen Erlebnisse beruhen auf wahren Begebenheiten, alle Namen wurden aber frei erfunden, Ähnlichkeiten sind also zufällig und nicht beabsichtigt. Wie heisst es in der Werbung? "Bei Problemen fragen sie den Fachmann und lesen sie die Packungsbeilage!" Nebenwirkungen könnten sich nur beim Lesen zeigen: Es werden nämlich nicht nur schöne, liebe und nette Dinge erzählt und beschrieben, sondern eben Dinge und Situationen aus einem speziellen Leben, nicht filtriert und nicht geschönt. Die Wahl der Begebenheiten und Worte wird mir Probleme machen, denn es werden nicht immer Ausdrucksformen vom Feinsten sein, sie entsprechen aber eben der harten Realität. Wer es also nach dieser Warnung noch wagt, meine "Memories" zu lesen, tut dies auf eigene Verantwortung und ist selber schuld!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Peter Hintermann

Wieso?Warum?Weshalb?

Copyright: © 2018 Peter HintermannSatz: Erik Kinting / www.buchlektorat.net

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

978-3-7469-5890-3 (Paperback)978-3-7469-5891-0 (Hardcover)978-3-7469-5892-7 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Warum schrieb ich dieses Buch?

Wieso war meine Geburt ein Jahrhundert-Ereignis?

Kindergarten

Meine Schulzeit und viele neue Erfahrungen

Pfadfinderzeit

Lehrzeit

Meine ersten Jobs

Autounfall

Wieso machte ich meine Erfahrungen im Gastgewerbe?

Mein Tal und sein Fluss

Rolf der Marktfahrer

Das Leben im Dorf

Der Kegelklub

Klassenzusammenkunft

Schützenvereine

Badeanstalten

Warum haben die Beizen einen Stammtisch?

In der Linde

Warum sind meine neuen Arbeitsplätze Bars und Clubs?

Wo die Tänzerinnen wohnen

Madeleine

Warum freut sich jedermann

Ferien in Thailand mit Karl Wagner

Neuseeland

Warum wieder Ferien in Thailand?

Jass-Ferien

Kleider machen Leute

Ausflug mit Maya und Petra

Wieso noch eine Reise nach Bulgarien?

Das kann jedem passieren

Warum schrieb ich dieses Buch?

Die Runde in der Stammbeiz besteht heute aus 6 Männern und zwei Frauen, die meisten sind älter als fünfzig, jüngere Menschen zeigen sich kaum an einem Stammtisch. Die Gespräche sind angeregt, die Stimmung ist aufgelockert – ab und zu ist ein Lacher zu hören, ausgelöst durch einen mehr oder weniger stubenreinen Witz. In dieser Runde ist man per „DU“, dies verlangt ein ungeschriebenes Stammtisch-Gesetz. Wem dies nicht passt, setzt sich nach Schweizer Manier allein an einen Tisch und liest die Tageszeitung. Aus dem kleinen, aber gut klingenden Lautsprecher rieselt ein Mix aus Schlagern. Momentan läuft die CD „mir fahred schön langsam hei“ von Louis Menard, dem Glarner Liedermacher. Die neuen Sparlampen an der Decke spenden ein warmweisses, leicht schummriges Licht. Diese Beleuchtung wirkt ganz individuell, bei den Männern verschwinden Bartstoppeln und Tränensäcke, bei den Frauen die Fältchen und Falten. Man könnte natürlich mit dem Dimmer-Schalter das Licht etwas heller machen, aber das wäre gegen das Sparprinzip, die Stromrechnung könnte ein wenig teurer werden.

Weltbewegende Dinge werden da meist nicht diskutiert, aber wenn eine Abstimmung fällig ist, oder wenn gewisse Politiker ihre Richtung wie eine Windfahne wechseln, kann es schon sehr laut werden. Besonders heiss wird es, wenn der Alkoholpegel über die Einpromillegrenze gestiegen ist. Dann können Bemerkungen fallen, die im nüchternen Zustand nicht möglich wären. Probleme werden nun lautstark und bestimmt gelöst – aber eben nur hier am Stammtisch. Ein gewählter Politiker aus Bern würde die Runde schon nach kurzer Zeit verlassen und verschwinden, denn momentan geht es hier zu wie im Bundestag in einem Nachbarland.

Ganz oben am langen rechteckigen Tisch sitzt der alte, langjährige Beizer Bert, bei seinem Bier. Normalerweise ist er politisch leicht rechtslastig, aber heute Abend sind seine Ansichten sogar extrem rechts! Früher hatte er verschiedene Jobs, er war so ein richtiger Allrounder. Heute führt er mit seiner Frau Martina die „Rose“, die Dorfbeiz dort unten am Bach. Er möchte den gesamten unfähigen Bundesrat am liebsten sofort absetzen, denn dieses höchste Gremium mache alles verkehrt oder schlecht, vor allem estimiere es den Volkswillen ganz und gar nicht. Die Abstimmungsergebnisse würden zwar zur Kenntnis genommen, und die Resultate analisiert, aber dann werde im Bundeshaus alles auf die lange Bank geschoben. Wenn dann der Versuch unternommen wird, den Volkswillen umzusetzen, wird alles verwässert und so zurechtgebogen, dass das Resultat nicht mehr viel mit dem Sinn der Initiative zu tun hat. In den letzten Jahren wurden viele eidgenössische Werte einfach ausgelöscht, das Bankgeheimnis wurde dank gewissen Politikern einfach liquidiert, Gerichtsurteile wurden, wenn die EU reklamierte, dem Niveau des europäischen Gerichtshofes angepasst, wenn Amerika etwas verlangte, zitterte die ganze Regierung, machte ängstlich Bücklinge und gab nach. Grössenwahnsinnige Unternehmen werden vom Staat gerettet, aber die Leute, die den Schaden anrichteten, müssen mit keinen Strafen rechnen, im Gegenteil, sie werden noch belohnt und dürfen ungestraft weiter wursteln. Wenn dann einmal ein Bundesrat aus der Reihe tanzt und etwas Ordnung in die Regierung bringen will, entsetzt sich der ganze Verein und wählt den Übeltäter ab. Die unfähigsten Räte bleiben uns am längsten erhalten, wahrscheinlich weil sie niemandem auf die Zehen treten und nichts bewegen, weil sie leicht zu manipulieren sind. Es scheint fast, als wäre die Schweiz etwas vom Schlechtesten und müsste möglichst schnell liquidiert werden. Die EU möchte scheinbar sogar die direkte Demokratie abschaffen, denn es passt jenen Politikern gar nicht, dass das Schweizer Volk ein Referendum ergreifen, darüber abstimmen und so Beschlüsse zu Fall bringen kann. In der Runde gibt’s kein „aber“, alle sind mit den Äusserungen von Bert einverstanden. Dieser greift nach der Flasche, schenkt sich ein neues Bier ein und nimmt einen herzhaften Schluck. Neben ihm sitzt Pierre, er ist Chauffeur und Traxführer von Beruf und trinkt genüsslich sein Halbeli Barbera. Seine Frau Anita sitzt neben ihm und nippt an ihrem heissen Pfefferminztee. Sie trinkt selten einen Schluck Alkohol, sie will schliesslich ihren Mann sicher heim chauffieren, damit er seinen Ausweis aus Promillegründen nicht abgeben muss. Falls dies doch einmal passieren sollte, wäre es eine Katastrophe für die beiden. Der Job wäre für längere Zeit weg und die Ferienfahrten in den Süden müssten ebenfalls, wenigstens für dieses Jahr gestrichen werden.

Neben den beiden sitzt der frühere Vorarbeiter auf dem Bau, der Polier Alberto. Er ist ein italienischer „Secondo“ schon lange pensioniert. Mit seiner Frau aus Apulien lebt er in einem schmucken, gepflegten Haus. Zusammen machen sie mit ihrem Auto Reisen ins nahe Ausland. Dieser Wagen hat es in sich: Es ist ein alter grüner „Fiat Ardita“, mit glänzenden, verchromten Stossstangen und mit einigen ausgebesserten Lackschäden. Aber sonst ist das Auto mit seinem Zweilitermotor sehr gepflegt und übersteht die periodische Prüfung in der Motorfahrzeugkontrolle immer problemlos. Zudem hat sich Alberto im Lauf der Jahre an die Karre gewöhnt und kommt mit den kleinen Tücken gut zurecht. Aufgebrochen oder gar entwendet wurde der Wagen noch nie. Ohne Katalysator, ohne Navigationsgerät, ohne Radio und all diesem modernen Schnickschnack fährt Alberto all die Jahre unfallfrei durch die Gegend. Letztes Jahr fuhr das Paar mit ihrem Oldie nach Apulien und besuchte dort die Verwandten und Freunde seiner Frau Isabella. Alberto ist der lebende Beweis dafür, dass alte Autofahrer mindestens so sicher und so gut unterwegs sind wie die jungen Lenker, vielleicht sogar noch besser als mancher Chauffeur mit seinem geleasten und getunten Mercedes, Audi oder BMW. In Diskussionen mischt er gerne mit. Sein Schweizerdeutsch ist mit italienisch klingenden Worten durchsetzt und tönt dann etwa so: „In Italia isch es viele besser sit de Berlusconi ische in Regierig. No nie isch e Regierig so langi gsi bliibe an die Macht. Aber naturlig hesch au do molto, molto Korruption! Aber eschi das jo überall eso“.

Sein Freund der glücklich geschiedene Max sitzt daneben. Er ist Chemiker in einem florierenden Betrieb und wohnt jetzt allein in seiner gemütlichen Wohnung. Mit seiner Ex hat er ein gutes Verhältnis. Wenn er sich im Haushalt nicht zurechtfindet hilft sie ihm gerne aus. Waschen, bügeln, Betten neu beziehen war nie seine Stärke, und in der Küche war er nie ein Riese, darum nimmt er die Ratschläge und die Hilfe seiner ehemaligen Frau dankbar an. Ich finde dieses Verhältnis bewundernswert: Man ist geschieden und bleibt trotzdem befreundet und hilft sich gegenseitig. Ein ganz klein wenig trauert er aber doch seinem früheren Leben nach. Gerne erzählt er von seinen Ferien die er einst mit seiner Frau und den beiden Kindern im Wohnwagen an der Nordsee verbrachte. Weil dort deutsch gesprochen wurde war dies jahrelang ihr Ferienziel.

Neben Max sitzt der pensionierte Kari. Er war früher Polier in einem kleineren Hoch-und Tiefbaubetrieb. Jetzt hilft er gelegentlich einem Kollegen aus, wenn er nicht gerade in seinem Garten werkelt. In jenem Betrieb erlebte er noch die goldene Zeit nach dem Krieg, als die besten Maurer aus Italien, Spanien und Portugal in der Schweiz arbeiteten. Die Schweizer Wirtschaft boomte und gute Arbeiter und Arbeiterinnen aus jenen südlichen Ländern waren gesucht. Sie verdienten gutes Geld durch ihre gute Arbeit, bauten dann im Herkunftsland ein Haus mit der Absicht, den Lebensabend im Heimatland zu verbringen. Viele Arbeiter aus jener Zeit sind als voll integrierte, gern gesehene Menschen, bis heute in der Schweiz geblieben. Es waren jene Leute, die damals einen grossen Beitrag an den Wohlstand der Schweiz beisteuerten. Kari erzählt oft aus jener Zeit, von den vielen noch heute lebenden Freunden und der guten damaligen Zusammenarbeit. Er erzählt auch von jenen jungen Italienerinnen, die Schweizer Burschen heirateten. Viele der damals geschlossenen Ehen sind noch heute intakt und die Kinder jener Leute sind natürlich heute voll integriert. Mit einem seiner alten Freunde, mit Antonio, hat er noch heute regen Kontakt. Antonio wohnt jetzt in den Dolomiten, macht aber jedes Jahr ein paar Reisen in die Schweiz. Er übernachtet jeweils bei seiner alten Freundin Vreni. In Ihrer Wohnung hat er ein Zimmer gemietet und hat so bei jedem Besuch garantiert eine Schlafgelegenheit.

Unten am Tisch sitzt Guido der Schreiner. Was er jetzt und heute tut ist nicht ganz klar, er restauriere ab und zu antike Möbel, wird erzählt. Kürzlich hat er sich eine Freundin geangelt und ist somit für die nächste Zeit glücklich versorgt, er ist vor allem jetzt mit einem funktionierenden Haushalt ausgerüstet. Guido ist ganz mit seinem Bier und mit Zuhören beschäftigt und gar nicht willens, sich an der Diskussion zu beteiligen.

Auf der gegenüber liegenden Seite hat sich Paul, der Geniesser in allen Lebenslagen, niedergelassen. Er ist wahrscheinlich mit seinen bald neunzig Jahren der älteste Stammtischler und interessiert sich gar nicht für Handys, PCs, und ähnliche moderne Dinge. Falls er in der Diskussion darauf angesprochen wird ist sein Kommentar lediglich “weiss I net, bruch i net”. Sein uralter, weisser Bentley mit den schwarzen Lederpolstern steht meist in der Garage und wartet auf schönes Wetter. So einen feinen Oldie fährt man schliesslich nicht bei Regenwetter oder gar im Winter auf Eis und Schnee. Normalerweise ist er mit seinem VW Golf unterwegs, aber wenn er dann grössere Strecken fahren muss, nimmt er mit Vorliebe seine englische Nobelkarosse aus dem Stall. Er hat eine beneidenswerte Gesundheit, bei seinen periodischen Arztbesuchen wurde noch nie ein Grund zur Besorgnis festgestellt. Alle in diesem Alter üblichen Medikamente wie Mittel gegen hohen Blutdruck, Rheuma, zu hohem Cholesterin und was es sonst noch alles gibt, kennt er nicht. „Diesen Minggis brauche ich nicht!“ ist seine Devise. Schlaftabletten findet er blöd, er trinkt lieber seinen Schlaftrunk, dieser besteht aus ein paar Einerli Rotwein, „Tschumpeli“ genannt. Seine Leberwerte sind trotz seiner Lebensweise beneidenswert gut. Den Führerausweis wird er sicher noch viele Jahre besitzen. Er hat in dieser Hinsicht ein gutes Vorbild, ein Freund von ihm kaufte mit sechsundachtzig Jahren einen neuen Mercedes, jetzt ist dieser vierundneunzig, fährt noch immer täglich im Auto in die „Linde“ an den Stamm im Nachbardorf, er macht Ausflüge, geht einkaufen und erwägt sogar die Anschaffung eines neuen Wagens. Es gibt noch Leute mit einem vitalen, bewundernswerten Lebensgeist.

Dann ist da noch die Mireille, heute sitzt sie bei einem Glas Rotwein, schaut ab und zu aufs Handy – es könnte ja eine Mitteilung der besonderen Art eingetroffen sein. Mireille ist eine gepflegte, etwas rundliche Erscheinung mit rot lackierten Finger-und Zehennägeln. Sie ist um die vierzig und ledig. Die Stammtischdiskussion interessiert sie nicht gross, das momentane Thema reizt sie nicht. Aber morgen hat sie frei und kann sich deshalb ein Glas mehr als sonst erlauben. Unter der Woche kommt dies selten vor, denn als Arztgehilfin sollte sie in der Praxis mit klarem Kopf und ohne Alkoholfahne arbeiten. An den Wochenenden passiert es doch ab und zu, aber dann kann sie am nächsten Morgen ausschlafen. Dann spielt es doch keine Rolle, wenn sie ein Glas zuviel konsumiert und dadurch die Zeit vergisst, zu Hause wartet ja niemand. Wenn sie dann merkt, dass sie unsicher wird, steht sie plötzlich auf, geht ans Büffet, zahlt dort ihre Zeche und verschwindet auf die französische Art. So entgeht sie gewissen anzüglichen Bemerkungen.

Ganz in der oberen Ecke sitzt Florian, der ehemalige Banker, meist sagt er nicht viel, hört nur interessiert zu. Wenn er sich aber in die Diskussion einmischt, haben seine Worte Gewicht. Er nippt wie gewohnt an seinem Glas Dôle, doch bald wird er zu seinem obligatorischen Café Crème wechseln, denn er hält sich genau an die Promille-Limite. Seine Wohnung drüben im andern Tal kann er nicht auf abgelegenen Ho-Chi-Minh-Pfaden erreichen und auf der Kantonsstrasse droht stets eine Kontrolle. Seit einigen Jahren hat er Gelenkprobleme und wenn er abends ein wenig unter die Leute will, ist er auf sein Auto angewiesen. Ohne Fahrausweis wäre er total isoliert. Ab und zu geniesst er eine Camel Filter und leistet damit seinen verdankenswerten Beitrag an die AHV und an die Qualität der sonst schon rauch- und Küchendampf geschwängerten Luft.

Irgendwo in der Mitte der Runde sitze ich bei meinem kühlen Bier. Ich wohne noch nicht lange im Dorf, deshalb bin ich für die Einheimischen „en fremde Fötzel“. Eine Stammbeiz die mir zusagt kenne ich eigentlich noch nicht, aber dieses Lokal könnte sich durchaus dazu eignen. Für mich ist die „Rose“ bequem zu Fuss erreichbar, wenn ich also auf ein zweites Glas oder auf einen Whisky Lust habe gibt’s für mich keine Probleme, ich lasse einfach den Wagen stehen und gehe oder wanke zu Fuss nach Hause.

Ab und zu wird, zur Auflockerung der Stimmung, ein Witz erzählt.

Pierre erzählt jenen vom Heiri, der mit Zahnweh zum Zahnarzt ging. Er musste sich also auf den Folterstuhl setzen und den Mund weit öffnen. Der Zahnarzt nimmt den kleinen runden Spiegel mit Stiel und schaut damit in den Mund des Patienten.

„Aber, guter Mann, sie haben ja Hämorrhoiden“ stellte er fest. In diesem Moment läutet das Telefon. Der Zahnarzt verschwindet aus der Praxis und kommt nach einigen Minuten wieder zurück. Er trifft seinen Patienten in einer ganz komischen Stellung an: Mit heruntergelassenen Hosen kauert er am Boden und hält einen Handspiegel unter seinen Allerwertesten.„Was machen sie denn da, was soll das geben“? fragt der Zahnarzt. „Ich wollte nur schauen, ob ich wirklich kein Loch im Zahn habe“, war die Antwort. Mit lautem, anhaltendem Gelächter wird der Witz verdankt.

„Kennt ihr den von den beiden Österreichern, die die Fahrprüfung machen wollten?“ fährt Pierre fort:

„Also der eine kommt soeben von der Prüfung zurück, sein Freund fragt ihn, ob er jetzt endlich, beim dritten Versuch, bestanden hätte. „Nein es klappte leider wieder nicht, ich musste durch einen Kreisel fahren und am Anfang war ein rundes Schild mit der Zahl dreissig. Ich bin also dreissig Mal rundum gefahren und deshalb hat mich der Experte durchfallen lassen“. „Warum denn“ fragte der Freund, „hast du dich verzählt, kannst du nicht auf dreissig zählen?“

Pierre holt den nächsten aus seinem Repertoire:

„Die andern zwei Freunde waren unterwegs in den Ferien. An jenem Tag war es unmöglich, zwei Einzelzimmer zu finden. Also entschlossen sie sich, zusammen das letzte noch freie Doppelzimmer zu nehmen. Am andern Morgen erwachte der erste, dehnte und streckte sich und sagte zu seinem Kollegen:

„Du ich habe die ganze Nacht geträumt, ich hätte stundenlang Erbsen vom Boden aufgelesen, es kam eine unglaubliche Menge zusammen.“

„Und, was hast du damit gemacht“? fragte der zweite interessiert.

„Oh ich nahm das Auto und fuhr damit in die Konservenfabrik Hero in Lenzburg. Dort habe ich sie abgeliefert.“

„Du, auch ich habe die ganze Nacht geträumt und zwar von vielen schönen, nackten Frauen im Paradies“ erzählte der zweite.

„Warum hast du mich nicht geweckt, das hätte ich auch gern gesehen!“

„Ging doch nicht, du warst ja zu dieser Zeit in der Hero“

Witze erzählen und Lachen, beides ist sehr ansteckend. Deshalb meldet sich Max mit dem Witz vom Carchauffeur:

Auf einem Altersausflug kommt bei einem kurzen Pipi-Halt ein altes, zahnloses Fraueli zum Chauffeur, in der linken Hand hat sie viele Haselnüsse, mit der rechten Hand stützt sie sich auf der nächsten Sessellehne ab. Sie fragt den Chauffeur:

„Lieben sie Haselnüsse? wenn ja können sie diese alle haben.“

„Klar, die sind doch wunderbar, ich werde sie gerne geniessen, danke schön!“

Dem Chauffeur passt die kleine Zwischenverpflegung, er isst alle Nüsse. Beim nächsten Halt geschieht dasselbe. Nach dem vierten Halt möchte der Chauffeur wissen, woher sie alle diese Haselnüsse nehme.

„Schauen sie, ich habe keine Zähne mehr, darum kann ich die Nüsse nicht beissen, aber die Schokolade rundum geniesse ich voll und ohne Probleme.“

Es ist also eine Stammtischrunde wie sie lustiger und interessanter nicht sein könnte: alle politischen und sozialen Lager sind vorhanden und der Gesprächsstoff geht niemals aus. Es wird eine weitere Runde spendiert. Diesmal bestelle ich mir einen Wodka mit Cola. Die Stimmung wird immer gelöster, die Worte werden nicht mehr in die in die Wagschale geworfen. Wenn ich mich als Stammtischler integrieren will, ist jetzt die Gelegenheit dazu. Man will doch wissen, mit wem man es zu tun hat, deshalb stelle ich mich kurz vor:

“Mein Name ist Horst. Es ist schon verrückt was einem im Leben so alles passiert: Eigentlich bin ich gelernter Maler und Gipser, lange führte ich diesen Beruf selbstständig aus. Später arbeitete ich sicher in zehn verschiedenen Firmen aber nicht als Maler, nein ich war in verschiedenen Berufen tätig, unter anderem als Koch, Kaminfeger, Schweisser, Chauffeur, und weiss der Himmel was noch. Komisch, fast jede Firma ist nach meinem Abgang Konkurs gegangen, warum ist mir in den meisten Fällen nicht klar, hoffentlich habe ich nicht dazu beigetragen“! Kurzes Gelächter und ungläubige Minen. Anita, die Frau des Traxführers Pierre ruft über den Tisch hinweg: “Das ist ja gar nicht möglich, so alt bist du noch gar nicht”! „Halt, halt“ erwiderte ich, „immerhin bin ich seit gut dreissig Jahren berufstätig. Momentan habe ich einen verantwortungsvollen Super-Job, ich arbeite vier Nächte durch, dann habe ich drei Tage ganz frei und kann in dieser Zeit mit meiner Frau das Leben geniessen, jetzt kann ich alles nachholen, was ich früher verpasste. Meine jetzige Frau kommt übrigens aus Ungarn und wir sind seit sechzehn Jahren verheiratet, vorher war ich schon kurze Zeit mit einer Schweizerin und dann mit einer Asiatin verheiratet. „So das war‘s“. Ich greife nach meinem Wodka und geniesse einen Schluck des eisgekühlten Getränks.

Die Diskussion geht weiter mit dem Problem der immer mehr verschwindenden Beizen. In der Gegend sind in den letzten Jahren etwa 20 verschiedene Kneipen verschwunden. Die paar verbliebenen florieren auch nicht alle bestens. Es werden Gründe gesucht. Die grosse Mehrheit findet, die seit einigen Jahren geltende Nullkommafünf-Promillegrenze sei schuld, andere finden, die Preise hier in der Gegend wären übertrieben hoch, im Ausland sind Speise und Trank zum Teil zu einem Viertel des hiesigen Preises zu haben, das Servierpersonal sei nicht überall freundlich und zuvorkommend. Passionierte Raucher geben natürlich die Schuld dem allgemeinen Rauchverbot, denn beim gemütlichen Beisammensein wäre doch eine Zigarre oder eine Zigarette etwas Wunderbares. Aber schnell die Runde verlassen und draussen auf dem Trottoir eine Zigarre oder eine Zigarette verbrennen, das ist nun nicht jedermanns Sache. Früher starben die Leute an Lungenkrebs, heute sterben viele an einer Lungenentzündung, ausgelöst durch eine Erkältung, weil sie draussen in der Kälte rauchen müssen. Spanier, Jugos, Italiener, Albaner und Deutsche, machen in unserer Gegend bald mehr als die Hälfte der Einwohner aus. Viele haben natürlich ihre eigenen Clubs und zeigen sich deshalb selten in einheimischen Beizen. Macht eigentlich nichts, denn viele dieser Gäste unterhalten sich meistens extrem laut miteinander, es tönt als müssten sie über Grenzen hinweg, ohne Telefon miteinander diskutieren. Ein blinder Zuhörer würde bestimmt glauben, der grösste Krach wäre in vollem Gange, dabei geht es wirklich nur um eine sachliche Diskussion unter Freunden.

In diesen ausländischen, meist nicht kontrollierten Clubs gelten alle Freiheiten: Scheinbar gibt es dort illegale Glücksspiele, man weiss es sogar ziemlich sicher. Schweizer Beizen werden genau auf alles Mögliche kontrolliert aber dort gibt es keine Polizeikontrolle, warum eigentlich nicht? In diesen Lokalen wird deshalb allerhand geraucht, es gibt keine Polizeistunde, es wird nach eigenen Rezepten gekocht und gegessen, zudem sind die verschiedenen Leute unter sich in einer Art Getto. In diesen Clubs verkehren nur Männer, Frauen haben in den Restaurants nichts zu suchen. Eine Ausnahme sind die Spanier und die Italiener, denn diese haben sich voll integriert, sie sitzen im Restaurant mit Schweizern zusammen an einem Tisch und nehmen an den Diskussionen teil. Aber ein Albaner oder ein Türke sucht seinesgleichen und separiert und isoliert sich.

Der Zeiger der Wanduhr rutscht wieder einmal in die senkrechte Stellung, also ist wieder eine Stunde vorüber und die Nacht wird immer kürzer, schon in wenigen Stunden wird mich der Wecker aus dem Schlaf läuten. Ich stehe auf und mit einem „gute Nacht und schlaft gut“ verlasse ich die Runde in der „Rose“.

Auf dem Heimweg habe ich Zeit und Gelegenheit, über mein bisheriges Leben nach zu denken. Ich könnte doch meine Memoiren schreiben und alles Erlebte schriftlich festhalten. Warum eigentlich nicht? andere tun es ja auch. Ich hatte ja viele nicht alltägliche, zum Teil unglaubliche Erlebnisse. Klar, ich werde es versuchen, ich werde alles wahrheitsgetreu aufschreiben. Jetzt zeigt sich aber schon das erste Problem: Wie würde ich meine Aufzeichnungen nennen? sind es Memoiren oder so schön auf englisch „Memories“? Ein Roman ist es auf keinen Fall, denn es werden die wahrheitsgetreuen, aber trotzdem spannenden Aufzeichnungen eines verrückten Zeitabschnittes meines Lebens sein. Aber mein momentaner Job verlangt absolute Diskretion, alle Namen müssen deshalb aus rechtlichen und menschlichen Gründen verändert werden, damit sich garantiert niemand betroffen fühlt! Es sind einfach „Erinnerungen“, deshalb werde ich mein Leben als „Memories“ erzählen. Ich habe also in diesem Moment einen Entschluss gefasst, zugegeben, mit viel Mut und nach einigen Drinks: die Idee mit dem Buch wird durchgesetzt! Basta!

Nur noch wenige Schritte trennen mich von meinem Haus. Der Sensor schaltet die Lampen im Garten an, das ganze Anwesen wird beleuchtet. Diese Einrichtung hat Vor-und Nachteile, Einbrecher scheuen das Licht und verzichten vielleicht auf Einbrüche, das ist ein Vorteil. Die Nachbarn können feststellen, wann und wie ich nach Hause komme, das ist ein kleiner Nachteil. Zudem sehe ich, dass der Rasen unbedingt gemäht werden sollte, noch zwei, drei Tage und der elektrische Rasenmäher schafft die Aufgabe nicht mehr, dann muss ich mit der Sense die Arbeit erledigen! Das stinkt mir. Also wird ein weiterer Entschluss gefasst: Morgen nach der Arbeit wird gemäht!

Am wichtigsten ist jetzt nur der Entschluss, meine Memories zu schreiben. Die Idee ist wirklich ganz neu, und noch weiss ich nicht, wie die Sache angepackt werden soll. Die zu beschreibenden Ereignisse haben sicher irgendwo stattgefunden, alle Namen werden garantiert frei erfunden sein, Ähnlichkeiten sind dann zufällig und nicht beabsichtigt. Wie heisst es in der Werbung? „Bei Problemen fragen sie den Fachmann und lesen sie die Packungsbeilage!“ Nebenwirkungen könnten sich nur beim Lesen zeigen: Es werden nämlich nicht nur schöne, liebe und nette Dinge erzählt und beschrieben, sondern eben Dinge und Situationen aus einem speziellen Leben, nicht filtriert und nicht geschönt. Die Wahl der Begebenheiten und Worte wird mir Probleme machen, denn es werden nicht immer Ausdrucksformen vom Feinsten sein, sie entsprechen aber eben der harten Realität. Wer es also nach dieser Warnung noch wagt, meine „Memories“ zu lesen, tut dies auf eigene Verantwortung und ist selber schuld!

In diesem Sinne wünsche ich dem Leser viel Vergnügen: Peter Hintermann

Wieso war meine Geburt ein Jahrhundert-Ereignis?

Weil irgendwo und irgendwann in den Siebzigern das dritte Kind meiner Eltern gewaltsam das Licht der Welt erblickte, voll ausgerüstet mit allem was zu einem gesunden Knaben gehört. Die Geburt, das Ereignis des Jahres, wickelte sich zum genau richtig berechneten Zeitpunkt im Gebärsaal des Spitals der nahen Stadt ab. Woher der Ausdruck „Das Licht der Welt erblicken“ kommt, ist mir schleierhaft. Ich selbst habe eigentlich keine Erinnerung an diesen natürlichen Vorgang. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass ich damals irgend etwas von der Geburt wahrgenommen haben sollte. Der einzige Fehler bei diesem natürlichen Vorgang war das Verhalten der Nabelschnur, sie hatte sich nämlich eng um meinen Hals gewickelt. Der daraus resultierende Sauerstoffmangel war der Grund für meinen blau-violetten Teint. Mein Hals wurde von der Geburtshelferin schnell von der strangulierenden Verbindung zu meiner Mutter befreit, meine Atmung setzte ein und die violette Gesichtsfarbe wich einem rosaroten, gesunden Farbton. Von der im zivilen Leben Lambretta fahrenden Hebamme erhielt ich den obligaten Klaps auf meinen Hintern. Die Wirkung dieses Schlages hat bei mir einiges bewegt: Unter anderem wurde mein schon vorhandenes Abwehr-und Verteidigungssystem aktiviert, den Schmerz habe ich mit einem lauten Geschrei bestätigt. Danach fasste ich scheinbar den ersten wichtigen Entschluss in meinem Leben: „das ist das erste und letzte Mal dass mich eine Frau geschlagen hat, das werde ich nie mehr erlauben!“ Kein Mensch ahnte damals, was für ein interessantes Wesen durch dieses Ereignis in die Welt gesetzt wurde.

Kindergarten

Wir wohnten am südlichen Rand des Dorfes in einem Zweifamilienhaus, gleich nach der grossen Kurve, hinter dem grauen Gebäude der Zigarrenfabrik. Meine Mutter arbeitete in dieser Fabrik als Zigarrenmacherin. Ihr Arbeitsplatz war ein riesiger Tisch mit vielen verschiedenen Geräten. Da lagen viele unterschiedliche, hölzerne Zigarren-Formen. Daneben ein scharfes Messer zum Ausschneiden der groben Rippen im Deckblatt und zum Kürzen der Zigarren auf die richtige Länge. Ein mit dunkler Brühe gefüllter Leimtopf, in dem ein Pinsel steckte, wirkte wie eine moderne Plastik. In der Mitte des Tisches, lag ein Berg von Deckblättern. Diese ausgesuchten, schönen Tabakblätter wurden zugeschnitten, mit dem Spezialleim bestrichen und um die fertig gerollten Zigarren geklebt. Sie bildeten dadurch den krönenden Abschluss der Arbeit der Zigarrenmacherin. Auf diesem Tisch lag einfach alles, was zur Fabrikation der von Hand gedrehten Zigarren, nötig war. Ein hölzerner Stuhl war die Sitzgelegenheit am Tisch hinter den grossen, fast blinden Fenstern. Meine Mutter fabrizierte Zigarren im Akkord. Sie war eine der Schnellsten und produzierte trotzdem am wenigsten Ausschuss. Mein Vater arbeitete in der Metallfabrik. Nebenbei züchtete er Kaninchen, in seinen Ställen lebten immer etwa dreihundert Tiere. Die Viecher vermehrten sich und er verkaufte diese dann und verbesserte mit diesem Handel sein Einkommen.

Er war übrigens ein grosser Waffennarr und ein grandioser Schütze. Er trug immer eine geladene Pistole oder einen Revolver auf sich. Von seinen Kollegen wurde er deshalb oft auf die Schippe genommen und einmal sogar gefragt, ob er überhaupt schiessen könne und ob er wirklich etwas treffen würde, er solle dies doch beweisen. Deshalb ging er eines Tages mit seinen Kollegen eine Wette ein, die lautete so: auf einer kurvigen Strecke mitten durchs Dorf musste er mit seinem Velo beim Eindunkeln, freihändig fahrend, zwei Kilometer zurücklegen und zugleich mit seiner Pistole alle Strassenlampen ausblasen, das heisst abschiessen. Es waren noch die alten gläsernen Lampenschirme mit den milchfarbenen Glühbirnen. Auf dieser Strecke musste er notgedrungen das Magazin der Pistole zweimal, immer fahrend nachladen, er musste also ständig „pedalen“ und durfte mit den Füssen den Boden nie berühren. Er ging die Wette ein und gewann. Der Lohn der gelungenen Wette: Einen Monat lang wurde ihm jede Woche eine Kiste Bier gratis ins Haus geliefert. Der Schaden der Schiesserei wurde damals durch den Dorfpolizisten, dem Krimi-Paul aufgenommen und durch die Beteiligten sofort beglichen. Eine Anzeige oder gar Busse gab es nicht, der Krimi-Paul meinte nur „so, habt ihr wieder einmal „Mist gmacht“! Damit war alles erledigt, es gab keinen Zeitungsbericht, keine Anzeige, keinen Gerichtsfall und im Radio und Fernsehen wurde auch nichts erwähnt.

Ganz in der Nähe unseres Hauses befand sich eine stinkende Kehrichtdeponie. Diese war damals ganz legal, der Kehricht wurde fast überall auf diese Art entsorgt, eine Verbrennungsanlage war erst geplant. Dank dieser Deponie war selten jemand in der Grube und so diente dieser Ort für uns als unbeaufsichtigter Spielplatz. Wenn unsere Eltern an ihrem Arbeitsplatz waren konnten wir dort ungestraft unsere Schiessübungen pflegen. Mit diesem Hobby waren wir schliesslich erblich belastet. Deshalb klauten wir aus dem Waffenschrank des Vaters das Luftgewehr und ballerten damit durch die Gegend.

Mein Vater wollte sich scheinbar eines Tages selbst beweisen dass er gut schiessen konnte. Ich erinnere mich an diese Begebenheit die mir noch heute einen Schauer über den Rücken jagt, wenn ich daran denke. „Horst komm mal zu mir, nimm diese fünf Wattestäbchen, stecke je eins in die Ohren, nimm eines in den Mund und je eines in die Hände. Entferne dich 10 Meter und drehe dich nach meinem Befehl“. Ich hob die Arme seitwärts – zwei Schüsse knallten kurz nacheinander und die Wattestäbchen waren nicht mehr zwischen Daumen und Zeigfinger. Es knallte wieder zweimal und die Ohren waren wieder ohne Stäbchen. Dann musste ich eine halbe Drehung nach links machen – ein Knall und das Stäbchen im Mund war weg. Diese „Kalberei“ haben der Vater und ich nie mehr wiederholt. Aber ein paar Jahre später, ich war etwa neun Jahre alt, wir spielten wieder in der Grube, habe ich diese Schiessübung mit meinem zwei Jahre jüngeren Bruder probiert. Er steckte sich auf meinen Befehl die Wattestäbchen ins Ohr, ich nahm das Luftgewehr, zielte und schoss. Das Wattestäbchen war weg aber dummerweise auch das halbe Ohrläppchen. Dieses wurde dann von der besorgten Mutter mit Heftpflaster fixiert und die Wunde heilte problemlos. Die darauf folgende Strafpredigt der Eltern ist laut und hart ausgefallen, aber es gab weder Schläge noch Ohrfeigen.

In jener Zeit ging ich in den Kindergarten. Auf dem Weg dahin sah ich viele Gärten und darin die herrlichen Karotten, die Kohlraben, die Erdbeeren und was sonst noch alles dort wuchs. Also klaute ich dort meine gartenfrische Zwischenverpflegung. Es gibt doch für Kinder nichts Besseres und Schöneres als geklaute Früchte wie Kirschen, oder die ersten Gravensteiner Äpfel, Erdbeeren oder eben Rüebli oder Kohlrabi. Erwischt wurde ich nie. Eine Strasse weiter, in der Nähe der Fabrik mit den vielen Fenstern war ein kleiner Laden, vollgestopft mit allen möglichen Artikeln: Wolle, Käse, Gemüse und Früchte und sogar tiefgekühlte Pizza. Wir Lausbuben hatten natürlich selten Geld im Sack. Dadurch wurde unser Unternehmergeist stark gefordert. Gewöhnlich waren wir zu viert. Zwei gingen in den Laden und lenkten den Inhaber einige Minuten ab, dann verliessen wir mit einer gekauften Kleinigkeit das Lokal. Unterdessen klauten die andern beiden Lausbuben auf der Rückseite des Geschäfts einige leere Coca-Cola-Flaschen. Das Depot für eine Flasche betrug damals fünfzig Rappen. Also brachten sie die Flaschen in den Laden und kassierten die fünfzig Rappen Depot pro Flasche und unsere Finanzen waren, ohne grosses Risiko, wieder einmal für einen Tag gerettet.

In jener Zeit, also im zarten Kindergartenalter hatte ich plötzlich ein Problem. Heute würde dieses wahrscheinlich durch einen Psychiater behandelt. Damals galten für solche Vergehen noch andere Regeln. Das Problem zeigte sich so: wenn ich eine Frau mit einem Rock oder Jupe sah, musste ich durch einen inneren Zwang diesen Jupe anheben, um zu sehen, was sich darunter befand. Dabei hatte ich eine raffinierte Methode entwickelt. Ich näherte mich der Frau ganz leise von hinten, erfasste schnell den Saum des Jupes und hob die Kleidung mit einem Ruck über die Hüften. Sofort reagierten die Opfer mit einem Aufschrei und versuchten, die entblössten Körperteile rasch wieder abzudecken. Erst wenn die Kleidung wieder in Ordnung gebracht war, versuchten mich die Frauen zu erwischen, aber die Schrecksekunden nützte ich für meine Flucht. Meist hatte ich genügend Vorsprung und kam ungeschoren davon. Als ich aber der Kindergärtnerin den Rock anhob gabs „Lämpen“. Die Lehrerin trug damals einen glockenförmigen Jupe und weite, mit Rüschen besetzte Unterhosen. Zudem hatten diese Unterhosen einen Schlitz und dadurch wurde ein ungewohnter, interessanter, faszinierender Einblick möglich. Ich fragte mich, was hat denn diese Frau dort? Die Kindergärtnerin hat mich dann bei meinen Eltern verpetzt und diese versuchten mich von dieser Manie zu heilen. Dies wurde zugleich mit einem Aufklärungsversuch verbunden. Kapiert habe ich trotz Bienchen und Kaninchen nicht viel, das Verständnis dafür kam aber später von selbst. Die Schulleitung mischte sich sogar ein und befand, es wäre besser, noch ein weiteres Jahr den Kindergarten zu besuchen. Für mich war dies ein harter Entscheid, alle meine Kameraden durften in die richtige Schule nur ich sollte noch ein Jahr im Kindergarten weitermachen, das fand ich echt Scheisse. Mein Vater versuchte mir mit dem Ausdruck „Elite-Kindergarten“ die Angelegenheit schmackhaft zu machen. Er wollte mir möglicherweise den eigentlichen Grund nicht sagen, so versuchte er es mit dem „Elite-Kindergarten“, und den gab es nur bei uns und sonst nirgends auf der ganzen Welt. Ich hatte mich also zu fügen und stolz zu sein.

Wenn der Vater zur Arbeit ging holte ich oft das Luftgewehr aus dem Schrank und übte. Kleine Flaschen, Dosen, Jasskarten, alles nur Mögliche musste dran glauben. Meine Zielsicherheit wurde immer besser. Die damalige Geschichte mit den Strassenlampen hatte ich natürlich mitbekommen. Ich fand sie verdammt gut und nachahmenswert. Darum habe ich oft zum Plausch einige Lampen auf diese Art ausgeblasen. Eines Tages erschien der Dorfpolizist, der Krimi-Paul bei uns. Er machte eine stattliche, respektable Figur in seiner grünen Uniform und flösste uns Jungen Respekt ein. Er fragte meinen Vater“ „Hans, die damalige Dummheit mit dem „Lampen auslöschen“ war doch eine einmalige Angelegenheit, oder irre ich mich? hast du vielleicht eine Ahnung, wer diesen Scherz wiederholt haben könnte?“ Vater meinte nur grimmig „sicher war das einmalig, aber ich habe eine Vermutung, ich werde der Angelegenheit nachgehen“. „Der Angelegenheit nachgehen“ war eine längere, persönliche, einseitige und laute Unterhaltung mit mir. Danach holte er einen Lederriemen aus dem Schrank und versohlte mir damit den Arsch – ich schrie wie am Spiess und sah „das Feuer im Elsass.“ Das Verrückte an der Geschichte danach war: die Schläge taten dem Vater noch mehr weh als mir.

Meine Schulzeit und viele neue Erfahrungen

Die Zeit im Kindergarten ging vorbei, ich besuchte brav wie alle andern Kameraden die Schule im Dorf. Eines Tages, ich ging in die sechste Klasse, trafen wir uns an unserem Treffpunkt, beim Kiosk neben der Schule, gleich um die Ecke. Die ausgestellten Zeitschriften und Heftchen mit den grossen bunten Titelseiten, zogen uns magisch an. Vor allem die Titelbilder mit den barbusigen Frauen faszinierten uns und regten die Fantasien an. Michael Borer, der Kioskinhaber hatte gar nichts dagegen, wenn wir in seiner Auslage blätterten. Da war der „Stern“, die „Bunte“, die “Quick“ mit ihren nackten Tatsachen auf der Titelseite, mit meist sehr schön und ästhetisch fotografierten Schauspielerinnen. Eine Reihe tiefer lagen die „Praline“ „Wochenend“, „Sankt Pauli“, und ähnliche Wochenzeitschriften, sie lagen nicht nur tiefer in der Auslage, auch das Niveau dieser Blätter war damals nicht sehr hoch. Halbverdeckt, fast versteckt wurde der „Playboy“ präsentiert. Dies war natürlich für uns der absolute Hit. Von den ganzseitigen, wunderschönen, auf Hochglanzpapier gedruckten Fotos konnten wir uns kaum trennen, aber die sechs Franken zum Kaufen der Zeitschrift waren in unserm Sackgeld nicht enthalten. Wenn dann ein Kunde nahte, mussten wir den Zeitungsstand blitzschnell verlassen, denn diese Blätter waren ja nicht jugendfrei und dürften eigentlich nicht in der Auslage gezeigt werden. Borer hätte vielleicht sogar mit einer Anzeige rechnen müssen, so hart waren damals die Zeiten. Gelegentlich rauchten wir dort sogar eine Zigarette. Diese Zigaretten kauften wir in seinem Kiosk für zehn Rappen das Stück, und fühlten uns dabei gross und stark. Ich erinnere mich noch genau an den Geschmack der ersten Zigarette, an den komischen, fast ekelhaften Geschmack, den der Rauch im Mund zurückliess. Ein klein wenig Rauch gelangte in meine Lungen und reizte mich zum Husten, diese Zigarette machte mir Kopfweh und ich kotzte nachher bogenweise. Aber das Rauchen gehörte damals zum guten Ton, es war im „Stumpenland“ ein Muss und sollte deshalb geübt werden.

Die Mädchen interessierten uns nach und nach immer mehr. Da war zum Beispiel die Petra. Ihre Mutter, Frau Merz, arbeitete in der Fabrik und Petra war meistens allein zu Hause. Ihr Vater war vor einiger Zeit ausgezogen und lebte mit einer anderen Frau zusammen im Nachbardorf. Petra war ein hübsches Kind mit langen dunklen Zöpfen. Wir spielten oft bei ihr im Haus. Damals kamen wir in die Pubertät und wollten wissen, was da alles los ist und was da alles abläuft. Wenn die Mutter in der Fabrik war, machten wir mit Petra die in diesem Alter üblichen Spiele: Doktor-und Versteckspiele, gelegentlich wurde sogar ein wenig geschmust. Dort stellten wir auch fest, dass die Mädchen anders gebaut sind als wir Knaben. Wir interessierten uns für das scheinbar verbotene Neue und wollten alles genau wissen. Jedenfalls hatten wir alle den Plausch an dieser Freizeitbeschäftigung. Das ging lange gut, so lange bis uns jemand verpetzte. Es wurde eine Untersuchung des Falles durch die Polizei angeordnet. Der Kriminal-Paul und sein Kollege Meier wussten, wo sie uns am schnellsten finden würden. Sie kamen zu Borers Kiosk und Paul rief: „Horst, komm mal her, wir müssen mit dir reden“. Ich würde doch Petra Merz kennen und wissen wo sie wohne. So wie er gehört habe wären wir oft dort und würden die Freizeit mit spielen verbringen. Er wollte jetzt genau wissen, was für Spiele wir da gemacht hätten und was sonst noch passiert sei. Er habe gehört, wir hätten Petra an den Busen und zwischen die Beine gegriffen, ob dies stimme? Ich erklärte, dieses Greifen sei von Petra zuerst begonnen worden, wir hätten den Plausch daran gehabt und es sei später gegenseitig passiert. Ob weiter ist nichts passiert sei wollten die beiden Polizisten wissen. „Ich weiss nicht, was sie damit meinen“, erwiderte ich. „Stell dich nicht so blöd, verdammt und zugenäht, du weisst genau, was bei solchen Spielchen alles passiert oder passieren kann“. Zwei Polizisten in Uniform und diese grimmige Fragerei, scheinbar mussten wir dort etwas Grauenhaftes angestellt haben. Das Gewissen regte sich, aber zugleich auch der Trotz. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, erwachsen, gross und stark zu sein. deshalb wollte ich eine erwachsene Antwort geben und die beiden möglichst schockieren. Den ganzen Mut nahm ich zusammen, blickte dem „Schroter“ in die Augen und sagte bestimmt: „Nein, gevögelt haben wir nicht, falls sie das meinen, dies sei wirklich nicht passiert“. „Eben genau das haben wir wissen wollen, du wirst noch von uns hören!“ Nach diesem Verhör verzogen sich die beiden Uniformierten und wir konnten uns wieder den Zeitschriften widmen.

Dann ging das Theater weiter, wir wurden von der Schulpflege vorgeladen. Diese Behörde war für uns das Schlimmste, das es während der Schulzeit gab. Vor diesen Männern und Frauen hatten wir einen ganz grossen Respekt, wenn nicht sogar Angst. Wir mussten am freien Mittwochnachmittag im Schulzimmer antraben und uns in einer Reihe in die vordersten Bänke setzen. Vor uns am Tisch sassen die fünf Frauen und Herren, sowie der Lehrer, alles Respektpersonen, alles sexlose Leute ohne Fehl und Tadel. Die Herren mit weissen Hemden, mit Kravatte und Hut, die Damen in dunklen, farblosen bis fast an die Knöchel reichenden Röcken. Sie stellten uns Missetätern Fragen zu unserem unanständigen, ja kriminellen Tun, sie wollten alles genau, bis ins Detail wissen, was da alles passiert sei. Ich glaube, die älteren Damen und Herren der Behörde haben sich damals beim Zuhören richtig aufgegeilt. Die alten Glüsteler geiferten richtig. Nach einer guten Stunde war die Fragerei zu Ende, wir wurden mit Ratschlägen und Verwarnungen in die Freiheit entlassen. Eines haben wir bei dem ganzen Theater gelernt: „Mach möglichst keinen Blödsinn, aber wenn es schon passieren sollte, lass dich ja nicht erwischen, sonst hast du Probleme mit den Behörden.“

Unsere Eltern wurden benachrichtigt und mein Vater hielt mir wieder einmal eine Standpauke und fragte: „Wird das eigentlich nie besser mit dir, Bueb? du bist immer dabei, wenn etwas Verbotenes passiert“. Ich glaubte, in seinem Gesicht ein spitzbübisches Lächeln aufblitzen zu sehen. Die Mutter hörte eine Weile zu und meinte dann schmunzelnd: “Der Kleine schlägt genau dir nach, du warst damals als Junge kein Bisschen besser! Auch du hattest deine Finger immer zwischen fremden Beinen“! Noch nie vorher hatte ich von meinen Eltern solch deutliche Worte gehört. Wenn dies der Vater, mein Vorbild, früher schon gemacht hat, kann es ja sicher nichts Schlimmes sein, dachte ich.

In der Bezirksschule lief für mich auch nicht ganz alles so, wie ich es gerne gehabt hätte. Das Schönste und Beste an der ganzen Schule waren die Pausenbrötchen. In der Pause wurden in der nahen Bäckerei die feinen, knusprigen Salzbrötchen gekauft. Die alten Säcke von Lehrern gönnten uns aber diese Pausenbrötchen nicht, sie verboten uns sogar, den Schulplatz in der Pause zu verlassen. Mit diesem Verbot kriminalisierten sie unsere Zwischenverpflegung, damit machten sie sich bei uns Schülern noch beliebter, als sie schon waren. Die Herren hockten in der Pause am Fenster und hatten nichts Besseres zu tun, als die Strasse zu beobachten. Trotz diesem Verbot versuchten wir auf kleinen Umwegen die Bäckerei zu erreichen. Gewöhnlich stellte sich ein Schüler zur Verfügung und kaufte die Brötchen für die halbe Klasse. Aber eben, in der Klasse findet sich immer ein Arschlecker, der seine Kameraden bei den Lehrern verpetzt. Mit der Zeit wusste man aber, wer dieser Spion war und die Rache war ihm dann sicher, er wurde von allen Schülern geächtet. Wenn wir aber erwischt wurden, gab es eine Stunde „Nachsitzen“. Logischerweise wurden uns die Lehrer dadurch immer sympathischer.

Der Älteste dieser Lehrer, er war zugleich Rektor, war ein ganz perfider Typ. Wenn in seiner Französisch-Stunde ein Schüler oder eine Schülerin eine Regel nicht ganz begriff, trat er ans Schülerpult, stemmte die Hände in die Hüften und sagte gemein und leise „nimmt deine Brille von der Nase“. Wenn dann die Brille entfernt war, knallte er dem Fehlbaren die flache Hand ins Gesicht. „Wenn es nicht anders geht, klopfe ich dir die Regeln von Hand ins Gehirn. Das waren noch echte Magistraten und Vorbilder! Aber unsere Rache folgte so sicher wie das Amen in der Kirche. Mit der Zeit kennt man die Vorlieben der verschiedenen Lehrer, und wir wussten bald, wie wir uns am besten an ihnen rächen konnten.

Dem Musiklehrer füllten wir das Klavier mit hunderten von Maikäfern. Wir hoben dazu den Deckel und liessen die Tierchen in das Innere des Klaviers frei. Das Resultat in der nächsten Musikstunde kann man sich ja vorstellen, kein anständiger Ton wurde dem Kasten entlockt, denn statt der Saiten trafen die Hämmer nur auf Käfer und diese quittierten die Aktion mit einem ganz speziellen, komischen Summen.

Der kreativste aller Bez-Lehrer war der Zeichnungslehrer. Er versuchte uns die Fächer Malen, Zeichnen und Handfertigkeit beizubringen. Bei vielen Schülern blieb es allerdings beim Versuch. Wer die Arbeit nicht begriff wurde einfach übergangen. Im Bastelraum stand ein grosser Trog mit einem riesigen Schleifstein. Mit einer Handkurbel konnte der Schleifstein gedreht werden. Die unteren paar Zentimeter des Steines reichten ins Wasser, dadurch wurde dieser dauernd befeuchtet. Messer und Scheren konnten so fachgerecht geschliffen werden. In der Pause pissten wir, einer nach dem andern, in diesen normalerweise mit Wasser gefüllten Trog. Das Aroma machte sich erst ein paar Tage später unangenehm bemerkbar und wieder war ein Racheakt zu unserer Zufriedenheit ausgeführt.