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Geschichte wiederholt sich nicht. Oder doch? 1992 ein blutiger Sprachenkrieg unter den Schlachtrufen "Für ein einheitliches Moldawien" am südlichen Rand der zerfallenen Sowjetunion. Fünfundzwanzig Jahre später der ukrainische Krieg unter der Forderung "Ukraine für die Ukrainer". Das Muster ist gleich, das Gift des Nationalismus, der ethnischen und der kulturellen Säuberungen, das in den durch den Zerfall der Sowjetunion frei gewordenen Vielvölkerraum nördlich des Schwarzen Meeres eindringt. Jefim Berschins Bericht lässt den transnistrisch-moldauischen Sprachenkrieg als Präzedenzfall einer Region erkennen, die sich nach dem Verfall der Sowjetunion heute wieder in das "Wilde Feld" zu verwandeln droht, das sie als ethnischer, kultureller und politischer Durchgangsraum über Jahrhunderte war. Was 1992 mit Transnistrien begann, sich mit Ossetien, Berg-Karabach und anderen Konflikten fortsetzte, steigert sich heute im ukrainischen Krieg. Wer die Geschichte dieses Raumes, die Triebkräfte seiner Konflikte, die Dimension des Kulturbruchs verstehen will, in das Völker am Ende der systemgeteilten Welt geschleudert wurden und immer noch werden, findet in Berschins Bericht ein bewegendes, höchst aktuelles Zeugnis.
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Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Die erschossenen 10 Gebote
Vorwort zur Ausgabe
Am Anfang war die Zeit
Die Apokalypse beginnt in den Köpfen
Ein verspätetes Vorwort
Krieg der Plätze
„Du sollst nicht töten!“
Tod eines Pioniers
Der Duft der Jahrhunderte
Die Rückkehr
Zwischen Polen und Türkei
Die Erschaffung Babylons
Unter rumänischer Fahne
Staaten und Phantome
Zur Aufführung nicht empfohlen
Erinnerung aus Blut
Theater der Unabhängigkeit
Die mitgiftlose Braut
Der Staat – das sind wir
Die Demokratieerfahrung
Die Geburt der Republik
Die Segnung zum Blutvergießen
Auf der Suche nach dem rumänischen Geist
Der Feldzug auf Budzhak
Die Metamorphosen der Liebe
Die ersten Opfer
Ein Maler stellte es uns dar...
Russland, das es nicht gab
Die Erschaffung der Armee
Die Wissenschaft zurückgeben
Nach den Gesetzen des Windes
No Dubossaran!
Ein Ausnahmezustand
Informationen zum Denken
Tote und Tote
Die Landschaft im Hintergrund der Schlacht
Mit der Aussicht auf den Krieg
Der Weg zu Kotschiery
Porozhan
Die Kosaken
Die Hitze
Kostjasch
Das trojanische Pferd
Benderysche Guernica
Der General und seine Armee
Alexander Lebed
„An ihren Werken werdet ihr sie erkennen...“
Odessa
Der Wahnsinn
Die Brücke
Die außerehelich Geborenen
(Statt eines Nachwortes)
Grigorij Pomeranz
Das sind wir, oh Herr
Geschichte wiederholt sich nicht. Und wenn sie sich doch wiederholt, dann nur als Farce, wie wir heute zu sagen gewohnt sind. Manches Mal offenbaren sich die Ereignisse von gestern allerdings auch als die embryonalform nachfolgender Kataklysmen.
So ist es mit dem moldauischen Sprachenkrieg, über den der Moskauer Schriftsteller und Poet, Jefim Berschin, der als Korrespondent der „Literaturnaja Gazeta“ direkt in die Geschehnisse hineingezogen wurde, in seiner dokumentarischen Erzählung Zeugnis ablegt.
Mit Gewalt versuchte eine moldauisch sprechende Mehrheit, der nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion soeben in die Unabhängigkeit taumelnden sozialistischen Sowjetrepublik Moldau, im Sommer 1992 der Bevölkerung des seit Jahrhunderten vielsprachigen Moldauer Raumes im Namen einer nationalen Einigung die moldauische Sprache als einzige aufzuzwingen.
Der Versuch führte zu einem eruptiven Gemetzel, kurz, aber extrem brutal und blutig, das mehr als 1500 Menschen das Leben kostete. Eine Einigung wurde nicht gefunden. Die jenseits des Dnjestr lebenden Teile der Bevölkerung Transnistriens, die die gewaltsame Verengung ihrer Vielvölkerkultur auf das Moldauische nicht akzeptieren wollten, erklärten sich zur unabhängigen Republik. Völkerrechtlich wurde sie bis heute von niemandem anerkannt. Die unentschiedene Beziehung zwischen Moldau und der Dnjester-Republik schwelt, um es paradox zu formulieren, heute als einer der „eingefrorenen Konflikte“ im Spannungsfeld zwischen Russland und dem Westen. Russland unterhält dort eine Friedenstruppe von ca. 1000 Mann.
Was damals in einer kurzen Eruption geschah, wiederholt sich mehr als 20 Jahre später in einem um Vieles erweiterten Maßstab im ukrainischen Krieg, in dem wieder versucht wird in diesem extrem pluralistischen Raum des süd-östlichen Europa, zudem in unmittelbarer Nachbarschaft zum moldauischen Schauplatz von 1992 eine nationale Einheit, diesmal die ukrainische mit Gewalt gegen sprachliche und kulturelle Minderheiten zu erzwingen. Mindestens 10.000 Menschen fanden bei diesem gnadenlosen Schlachten bisher den Tod, nicht gerechnet die ungezählten die Opfer von Unterernährung, von Krankheit und die mehr als eine Million Flüchtlinge, die Zerstörung der Potenzen eines von Natur aus reichen Landes, die die Bevölkerung ins Elend gestürzt hat.
Der ukrainische Krieg erscheint wie ein in überdimensionales aufgeblasenes Déjà vue des Moldauer Sprachenkrieges. Hieß es 1992 ‚Moldawisch für ein einheitliches Moldawien‘, heißt es fünfundzwanzig Jahre danach ‚Ukrainisch für eine einheitliche Ukraine‘. Im Namen europäischer Werte, die für sich den Anspruch erheben eine totalitäre Vergangenheit durch Solidarität, Menschenrechte, Selbstbestimmung und Toleranz anders Denkenden und anders Lebenden gegenüber zu überwinden, tobt sich ein bestialischer, menschenverachtender national-istischer Terror aus.1
Und so wenig der Konflikt im moldawischen Raum beigelegt, eben nur “eingefroren“ ist, so wenig ist es bisher auch der in der Ukraine zurzeit tobende, auch wenn gegenwärtig wenig geschossen wird.
Mehr noch, im Juni 2015 trat der Ukrainische Präsident Poroschenko in Absprache mit den Präsidenten Rumäniens, Klaus Johannis sowie dem Moldaus, Nikolae Timofti zusammen mit dem kurz davor zum Gouverneur von Odessa im Süd-Osten der Ukraine ernannten ehemaligen Georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili mit der Ankündigung in die Öffentlichkeit, den „eingefrorenen Konflikt“ zwischen Transnistrien, wie sie die Dnjesterrepublik nennen, und der Moldauischen Republik „auftauen“ zu wollen, damit, wie sie erklärten, ein unabhängiges Moldawien seine territoriale Integrität und nationale Einheit wieder erlangen könne. Die Ankündigung dieser Absicht wurde bis heute nicht zurückgenommen.
Die Dnjesterrepublik zwischen Moldawien/Rumänien und der Ukraine.
Man vergegenwärtige sich die Lage der Dnjesterrepublik als schmalen Landstreifen am östlichen Ufer des Dnjestr, eingeklemmt zwischen der südlichen Ukraine und der auf Revision dringenden Republik Moldau, unterstützt durch rumänische Expansionsgelüste und man ersetze in Ergänzung zu den genannten moldauischen Konfliktparteien die Dnjesterrepublik durch die Republiken Donezk und Lugansk in der Ost-Ukraine sowie Moldau durch die Kiewer Ukraine, dann hat man das mögliche Szenario eines solchen „Auftauens“ klar vor Augen – die Gefahr einer Wiederentfachung der 1992 am Dnjestr und soeben im ukrainischen Raum vorläufig einge-dämmten nationalistischen Exzesse zu einem den gesamten Raum erfassenden Flächenbrand.
Es ist klar, dass eine solche Entwicklung Russland als unmittel-baren Nachbarn auf den Plan rufen müsste. Eine geopolitische Konfrontation, die neben dem transnistrischen und dem ukrainischen auch andere „eingefrorene Konflikte“ des Raumes wie Berg Karabach, Abchasien oder Ossetien mitreißt, ist in dieser Konstellation angelegt – und sie kann jederzeit durch neue
Provokationen aktiviert werden, wenn es den hinter dem Vorstoß vom Juni 2015 stehenden strategischen Kräften nützlich erscheint. Der „eingefrorene“ Konflikt am Djnestr eignet sich vorzüglich zum Zündeln.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die dokumentarische Erzählung Jefim Berschins, die sich nicht auf die Schilderung des Krieges beschränkt, sondern die historisch gewachsene Gemengelage des Durchgangsraumes nördlich des Schwarzen Meeres - Bessarabien, Novorossija, kaukasische Sowjetunion – insgesamt sichtbar macht, beißende politische Aktualität. Hier gilt wieder einmal: der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.
Noch nicht benannt ist dabei das Entsetzen, das der Bericht angesichts einer Gesellschaft vermittelt, die von einem Tag auf den nächsten von einer gewachsenen Sprachen- und Kulturgemeinschaft unterschiedlicher Völker in eine Masse hemmungsloser Folterer, Vergewaltiger und Mörder auseinanderbricht. Diesen Kulturbruch im Detail zu beschreiben und Fragen dazu zu stellen, wollen wir nunmehr dem Autor überlassen.
Nur eins vielleicht noch: Selbst der wütendste nationalistische Terror, von wem auch immer benutzt, kann die Tatsache nicht verdecken, das heute unter den Bedingungen der Globalisierung immer mehr Menschen und Völker nach Selbstbestimmung und Autonomie, gebunden an Toleranz verlangen. Dieses Verlangen wächst nicht zuletzt gerade aus dem Entsetzen über die Abgründe, die sich auftun, wo diese Werte fehlen oder ihre Verwirklichung niedergeschlagen werden soll. Eine globale Katharsis kündigt sich an, die den Menschen über den Wahn des Nationalismus hinausführt. Jefim Berschins Bericht ist ein Zeugnis dieser möglichen Katharsis.
Kai Ehlers 15.05.2016
1Mehr zum Ukrainischen Krieg in den Sammelbänden „Das Spiel mit dem Feuer“ und „Ukraine im Visier“ siehe Literaturanhang S.275
Man kam um sie zu töten.
Sie zu töten für Ihre Muttersprache, die sie nicht verleugnen wollten. Sie dafür zu töten, dass sie zu dem neuen Nationalismus „Nein“ gesagt haben. Sie letztlich dafür zu töten, dass sie einfach anders sind. Die bastelten daraufhin aus einem Kipplaster einen Panzer-wagen, fuhren ihn auf das hohe Dnjestr-Ufer. Auf die Seiten dieses merkwürdigen Kampffahrzeugs malten sie in riesigen weißen Lettern vier Worte: „Du sollst nicht töten!“
„Du sollst nicht töten“ ist die tragende Idee dieses Buches über den transnistrischen Krieg. Eine Idee, die mir die Verteidiger Transnistriens schenkten. Damals, als ich dieses Buch schrieb, und ganz gewiss auch dann, als ich in der Rolle eines Korrespondenten der „Literaturnaja Gazeta“ (Literatur-Zeitung) mich in den Gräben des transnistrisch-moldawischen Krieges wiederfand, habe ich vieles nicht verstanden. „Es scheint mir nur natürlich, dass der Hass der Liebe weichen müsste“, schrieb ich damals. „Aber ein Hass löste den anderen ab.“ Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts schien mir, die ideologische Unversöhnlichkeit der sowjetischen Epoche und des von ihr genährten Hasses müssten unweigerlich durch Respekt und Nächstenliebe abgelöst werden. Aber es erwies sich alles als sehr viel komplizierter. Und meine Illusionen aus dieser Zeit verglühten mit dem ausklingenden Jahrhundert.
Die Illusionen verglühten, aber die Fakten blieben. Der Krieg blieb. Es blieben die zerschossenen Städte. Es blieben die Friedhöfe. Und es blieben die Überlebenden, die sich an alles erinnerten und die weder vergessen wollen noch können. Das kann man nicht unter den Teppich kehren.
Ich beginne zu ahnen, dass dem Menschen etwas inne wohnt, was ihn zwingt, die Geschichte zu vergessen, die eigenen Verbrechen zu vergessen und neue zu begehen. Die transnistrischen Steppen und moldawischen Anhöhen erinnern sich noch gut an den deutschen und den rumänischen Nationalismus. Sie erinnern sich an die Massenbombardierungen, an die Erschießungen und die massenhafte Vernichtung von Menschen bestimmter Nationalitäten. Und genau dort, auf denselben Straßen, auf den Ufern desselben Dnjestr entbrannte im Sommer 1992 ein erneutes Gemetzel. Warum?
Wir wissen nicht, was in der Vorsehung liegt. Vielleicht musste es so sein. Vielleicht kommt einfach die Zeit, in welcher der Mensch, obwohl er alles versteht, keine Kontrolle mehr über sich hat, und es zieht ihn unaufhaltsam zum Krieg, zur Zerstörung, zur Tötung Seinesgleichen. Die Ursachen sind dann nicht mehr so wichtig, weil dieser Drang absolut irrational ist.
Man muss übrigens nicht glauben, dass die Menschen alles in ihrer Gewalt hätten. Ein Mensch, der dabei ist, den Verstand zu verlieren, hat keine Gewalt mehr über sich selbst. „Wir leben in einer Zeit modernisierter Schamanen“, schrieb Grigorij Pomeranz im Nachwort zu diesem Buch, „die Fakten verwirren, verblüffen, bringen die Menschen auf die falsche Fährte und berauben sie ihres Gerechtigkeitssinnes. Sie möchten sich aber gerecht fühlen, möchten den modernen Leitsätzen folgen. Sie merken kaum, wie schnell diese Leitsätze wechseln, wie schnell die Bewertung ein und desselben Ereignisses, ein und desselben Namens wechseln...“ Seit dieser Zeit erreichten die Technologien zur Steuerung der Massenmeinung eine solche Höhe, dass es schon unangebracht ist, von Schamanen, wenn auch modernisierten, zu sprechen. Eine Lawine konstruierter, sich gegenseitig ausschließender Information, zu deren kritischer Aufnahme das menschliche Gehirn nicht imstande ist, macht die Menschen tatsächlich verrückt. Zumal die oben erwähnten Technologien bereits nicht nur die moralischen Maßstäbe schamlos manipulieren, sondern die ganze Grundlage der menschlichen Existenz.
Einmal in Paris, der damalige Krieg war schon vorbei, verirrten sich mein Bekannter und ich in ein russisches Restaurant. In Wirklichkeit stellte es sich dann als griechisch heraus, aber nicht deshalb blieb es mir in Erinnerung. In Erinnerung blieb es, weil an den Wänden des Restaurants zahlreiche Masken hingen. Masken nach jedem Geschmack. Der fürsorgliche Gastwirt funkelte uns mit einem Lächeln an und schlug vor, sich sofort in jemand anderen zu verwandeln. Zum Beispiel in einen Dakota-Indianer, einen bekannten Schauspieler oder einen einflussreichen Politiker. Viele machten das auch und die Betretenheit des Moments überwältigte sie. Da verstand ich, dass die Maske nicht nur zum Symbol sondern zum Wesen der modernen Welt geworden ist.
Die Welt ist nicht mehr die Welt, sie ist die Maske der Welt.
Statt der realen Welt bekommen wir eine Maske untergeschoben. Eine Maske der Religionen, eine Maske der Demokratie, die Maske des Patriotismus, die Maske eines Landes. Sogar eine Gottesmaske. Der moderne Nationalismus ist deshalb so schrecklich, weil er versucht, sich die Maske der Menschenliebe überzuziehen, die Maske der Legalität und der Demokratie. Viele aufrichtige, hilfsbereite und sogar intelligente Menschen werden später sagen, dass sie nichts geahnt, nichts vom Geschehen verstanden hätten. Muss man denn viel wissen, um endlich damit aufzuhören, das Töten von Menschen zu entschuldigen? Muss man viel wissen, um nicht zu stehlen und nicht zu lügen? Manchmal scheint es, dass die Menschheit abermals durch die Wüste schreitet. Aber nicht dorthin, wo aus dem brennenden Busch die Zehn Gebote erschienen, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Und sogar die Wüste ist eine andere.
Ja, es wird mit jedem Tag schwieriger, die Realität hinter den Masken zu erkennen. Aber es gibt sie doch, diese Realität! Und all die raffinierten Lügenanhäufungen, all die modernen Stereotypen der heutigen Konsumwelt zerfallen zu Staub, wenn man sieht, wie unbewaffnete Menschen auf Maschinengewehre losgehen, nur um ihr Recht auf die eigene Muttersprache zu verteidigen! Um nach ihren Traditionen und ihrem Verständnis von Gut und Böse zu leben. Das ist irrational und unvernünftig, werden die Verfechter des globalen Liberalismus und der internationalen Massenkultur sagen. Vielleicht. Aber das ist die Realität. Das ist die echte Realität. Das ist genau die Realität, die heute niemand mehr respektiert. Aber es gibt sie. Sie zerfetzt jede Maske. Weil es nur menschlich ist, seiner menschlichen Natur treu zu bleiben.
Deshalb glaube ich, dass dieses Buch keinesfalls veraltet ist und aktuell bleiben wird. Schon deshalb, weil inmitten des zivilisierten und durch und durch demokratischen Europa nach wie vor ein kleiner, von niemandem anerkannter Staat Transnistrien mit seinen von niemandem anerkannten Bürgern um sein Überleben kämpft. Dieselben Menschen, die in ihrem Kampf mit dem Nationalismus ihre Vielvölkerkultur verteidigten.
Oder vielleicht noch deshalb, weil das vergossene menschliche Blut immer aktuell bleibt. Es hat kein Verfallsdatum.
Egal, wie viel Zeit vergeht.
Jefim Berschin, 2014
Es krachte, vermutlich 20 Meter links von uns. Brocken aus Lehm und Schwarzerde beschrieben in der Luft einen komplizierten Bogen und ließen sich fächerartig auf den Schützen-graben nieder. Sie schlugen dabei etwa fünf Soldaten und einen melancholischen älteren Hauptmann zu Boden. Dem Hauptmann war anzusehen, dass er schon länger keine ordentliche Uniform mehr trug. Kaum schüttelten wir die Erde ab und konnten uns umsehen, wie die Luft vom herz-zerreißenden Pfeifen einer Mine zerrissen wurde – da haute sie direkt in den Schützengraben hinein, diesmal aber wesentlich weiter rechts. Nach dieser Explosion hörte ich zum ersten Mal, wie die Stille klirrt. Sie klirrte abgemessen und ruckartig, wie das Signal einer präzisen Zeit. Sie zählte die Minuten und Sekunden bis zur nächsten Explosion ab. Sie teilte unerbittlich mit, dass die nächste Explosion die letzte sein wird.
„Die Gabel!“ schrie plötzlich der Hauptmann: „Die Gabel!“
Weder ich, noch die jungen, von den Explosionen betäubten, Kerle der Landwehr verstanden irgendetwas. Dann versetzte der Hauptmann dem nächsten von ihnen einen Rippenstoß und schrie mit einer furchterregenden und heiseren Stimme: „Mir nach! … zum Teufel!“ und lief zu dem Platz, an dem gerade eben die Mine explodiert war.
Wir begriffen nichts, liefen im Graben hinter ihm her, stolperten und rissen uns die Seiten an den Erdausbuchtungen auf. Als wir bei dem Erdloch ankamen, stolperten wir unverzüglich übereinander hinein. Und just in diesem Moment erschütterte ein fürchterliches Gedröhne die vorderste Linie. Der Himmel entlud sich in Ballen von Erde und Lehm, die uns fast ganz begruben. Ich grub mich aus und hob den Kopf – über mir auf dem Erdaufwurf saß schon, schwer atmend, der Hauptmann.
„Vorbei, kommt raus, wir hatten Glück“, krächzte er und wischte sich den Dreck aus der von Erde geschwärzten Stirn. „Genau das ist eine Gabel, erst links, dann rechts – und dann aber genau ins Zentrum.“ Der Hauptmann zeigte mit dem Finger auf die Stelle, von der wir gerade hergelaufen waren.
Ich sah mich um. Von der Stelle, an der wir noch vor einigen zehn Sekunden standen, stieg eine Rauchsäule auf. Es war nicht schwer zu erraten, dass die Mine die Munitionskisten erwischt hatte. Die leeren Kisten wurden von den Soldaten als Stühle, Tische und sogar als Betten benutzt. Im Schützengraben war alles gut genug für etwas Behaglichkeit. Jetzt brannten diese geölten Kisten und stießen pechschwarzen Rauch in die Luft. Ich begriff, dass dieser finstere und unrasierte Arbeiter, der vor langer Zeit wirklich ein Hauptmann war, uns das Leben gerettet hatte.
Ich fiel auf den Erdaufwurf, mit den Augen auf den inzwischen stillen Himmel gerichtet. Und dieser Himmel diktierte langsam:
„Zuerst war die Zeit. Wir hatten Zeit. Und die Zeit waren wir.
Wir flossen, wie der Dnjestr, bedächtig und erhaben, stolperten nur selten an den kleinen Wasserwirbeln, die sich als Kreisel in die Trichter einschraubten, die uns vom Gedächtnis über den Krieg blieben. Aber wir flossen gleichmäßig und ruhig, umschifften Gärten und Felder, umschifften Sandstrände und den wie immer durchsichtigen Kazaner Wald.
Wir hatten Zeit. Und wir waren die Zeit.
Dann schwappten die Dnjestr-Gewässer die Zeit heraus, wie ein ungeliebtes Kind, auf die steile Küste des Dubassar-Ufers. Mit viel Mühe erreichte sie den steilen sandigen Abhang, schleppte sich weiter, blind und hilflos, wie die Stille vor der Explosion.
Dann die Explosion. Wir hatten eine Explosion. Wir wurden zur Explosion. Die Welt spiegelte sich in der explodierten Zeit, wie in einem zerborstenen Spiegel. Sie hörte auf Eins zu sein, weil die wegfliegenden Scherben die Bruchteile der sich in ihnen spiegelnden Welt in alle Richtungen trugen.“
„Ich verstehe das nicht“, wird später Mary am Telefon sagen, bevor sie sich auf die Reise wagt. „Das ist schön, aber ich verstehe das nicht. Was hat das mit Scherben zu tun? Warum denkst du, das alles schon explodiert ist, und wir fliegen in alle Richtungen? Ich empfinde es gar nicht so. Ihr Russen habt eine merkwürdige Beziehung zu der Welt, ihr denkt ständig an die Apokalypse. Frag doch mal einen Passanten an der Rheinpromenade – so etwas fühlt er nicht. Die Welt ist nicht so, wie du dir sie vorstellst.“
„Aber vielleicht leben wir in unterschiedlichen Welten?“
„Ach, was sagst du da. Die Welt ist Eins. Es kann nicht ein Teil der Welt explodieren, und der andere Teil weiter existieren, als ob nichts wäre.“
„Ja, das ist treffend. Sie kann nicht. Aber sie existiert. Oder sie versucht zumindest zu existieren. Für einen Menschen ist das Denken wenn auch menschlich, so doch nicht wünschenswert. Schädlich. Es stört die etablierte Lebensordnung. Deshalb kommen alle Katastrophen unerwartet, plötzlich. Obwohl man unschwer darauf kommen kann, dass, wenn an einem Ende der Welt ein Feuer zu lodern beginnt, der Wind es ganz gewiss auch an das andere Ende tragen wird.
Die Welt ist nämlich wirklich Eins. So war es zumindest bis vor kurzem. Es spielt keine Rolle, wo die Apokalypse beginnt, an der Rhein-Promenade oder an dem Dnjestr-Ufer, wenn sie ohnehin zuallererst in den Köpfen der Menschen beginnt.“
(Aus einem Brief an Martin)
„…Ich schreibe über den Krieg. Nein, nicht über den Krieg. Ich schreibe über die Zeit, die sich nach einer Explosion in Scherben verwandelt und ihre Linearität vollständig verliert. Deswegen geraten alle Ereignisse durcheinander, sie streben danach, sich gegenseitig den Weg abzuschneiden. Manchmal kommt es mir so vor, dass es die Zeit gar nicht mehr gibt, dass nur ein Symbol davon übrig geblieben ist, das wie ein Wecker auf meinem Schreibtisch tickt.
Ich schreibe nicht über den Krieg. Ich schreibe über die Menschen im Kriegshintergrund und über die Natur der menschlichen Grausamkeit. Es hat sich herausgestellt, dass es gar nicht so schwer ist, den Menschen einzureden, dass das Töten legitim und sogar notwendig sei. Man muss nur eine passende Idee erfinden, die alle Verbote aufhebt und obendrein das Gewissen unberührt lässt. In der Tat, später werden die Menschen darauf verweisen, dass sie so vieles nicht wussten. Besonders amüsant wird es aus dem Mund der gebildeten Intelligenzschicht klingen: „Oh, wir wussten nicht!“ Wie viel muss man denn wissen, um wenigstens das Töten nicht zu rechtfertigen?
Ich schreibe nicht über den Krieg. Ich schreibe über meine Gedanken zum Kriegshintergrund. Das Leben im Krieg wird manchmal in einen Sekundenbruchteil gepresst. Das, was man im Alltag verstecken kann, tritt im Krieg in vollem Ausmaß zutage. Weil das Leben im Krieg ein Leben an der Schwelle zum Tod ist. An der Todesschwelle ist es zu spät, noch irgendetwas zu verstecken. Und völlig unnötig. Weil ein Geschoss im Anflug kann, kaum schlechter als ein Geistlicher, die Beichte abnehmen und das Abendmahl geben.
Gerade im Krieg kommt mehr als alles andere das heimliche Streben der Menschen zum Vorschein, sich von jedem zügelnden Mechanismus frei zu machen. Von der Moral zum Beispiel. Von den Gesetzen des Zusammenlebens. Von allem, was den tierischen Instinkt, der tief in fast jedem von uns schlummert, zurückhält. Ein Mensch mit Moral im Krieg ist eine Entdeckung, eine Offenbarung, er ruft einen Schock und … eine Freude hervor. Wie ein unerwartetes Licht, wie ein Zeugnis dessen, dass noch nicht alles verloren ist.
Ich schreibe darüber, dass man nicht töten darf. Man darf keinen Menschen töten, unabhängig davon, wer er ist und wo er lebt. Dies umso weniger, weil weder im Westen noch im Osten kaum jemand weiß, wo dieses Transnistrien liegt. Sogar bei uns, in Russland, wissen es die wenigsten. Bis heute. Wir hatten ein so großes Land, dass wir es nicht geschafft haben, es ganz kennen zu lernen. Inzwischen gibt es das Land nicht mehr.
Also, Transnistrien ist das schmale Stück Land, das sich zwischen der Nord-Bukowina und dem Dnjestr-Haff erstreckt, das im Schwarzen Meer mündet. Ich darf daran erinnern, dass der Dnjestr seinen Anfang in dem Karpaten-Gebirge nimmt und im Schwarzen Meer mündet. Folglich ist Transnistrien zwischen dem Fluss vom Westen und der ukrainischen Grenze vom Osten her eingeklemmt. Wenn man möchte, kann man es leicht auf der Karte Zentraleuropas finden.
Obwohl, das alles ist gar nicht so wichtig. Ist es nicht gleich, wo die Menschen leben und ist es nicht gleich, wo sie getötet werden? Ist es nicht so?
Übrigens, ich lebe jetzt in Paris. Es hat mich für eine kurze Zeit hierhin verschlagen. Ich streife über die Champ Elysees und rauche am Teich im Luxemburger Garten. So, als ob es tatsächlich so sein müsste. Als ob nichts gewesen ist. Als ob die explodierte Zeit in ihr gewohntes Bett zurückgefunden hätte. Aber sie hat nicht zurückgefunden. Sie ist in Stücke zerfallen.
So wie wir auch.
Sei gegrüßt, Jefim.“
Im März 1992, war der Dnjestr-Bogen gespannt wie die Sehne einer Armbrust. Dubossary selbst und die Verteidigungslinie standen systematisch unter dem Beschuss der Schwerartillerie vom rechten Dnjestrufer. Sogar vom linken Ufer, von den benachbarten Kochiery, die von moldawischen Militäreinheiten eingenommen wurden, feuerten die Granatwerfer täglich zwischen sieben und acht Uhr. Die wichtigsten Feuerpunkte wurden auf dem Dach des Sanatoriums eingerichtet, das sich behaglich direkt ans Wasser schmiegte. Die Gegner wurden nur durch eine Handvoll Dorfhäuschen und ein von Unkraut und Kamillenblüten überwuchertes Feld getrennt. Kaum zu glauben, dass dieses Feld noch vor kurzem gemeinsam von denen beackert wurde, die sich nun ausschließlich durch die Visiere der Kalaschnikows ansahen.
Im Prinzip war es nachvollziehbar, weshalb die moldawische Armee für ihren Angriff genau diese Richtung wählte. Für Transnistrien, das sich als dünne geschlängelte Linie entlang des Dnjestr zieht, ist dies der wundeste Punkt. Der Fluss leckt das Territorium fast auf und nähert sich ganz der ukrainischen Grenze. Genau hier wäre es am leichtesten die aufständische Republik in zwei Stücke zu teilen, um Dubossary, Rybniza und andere Ortschaften im Norden von dem im Süden liegenden Tiraspol abzuschneiden. Danach hätte man sie einzeln vernichten und aus zwei oder sogar drei Richtungen gleichzeitig angreifen können. Aber niemand hat erwartet, dass die aus freiwilligen Arbeitern und Kosaken auf die Schnelle zusammengestellten Verteidigungstruppen einen derart beharrlichen Widerstand leisten würden.
„Schau, was da los ist!“, sagte ein Freiwilliger, der sich gerade mit mir vor einem Mineneinschlag rettete. Er lugte bis zur Taille aus dem Schützengraben und verdeckte mit seinem Körper den halben Himmel. Er deutete mit der Hand irgendwohin ins Feld.
Als ich hinausschaute, verstand und sah ich nichts. Nur einen hellen Fleck, der sich aus Richtung Dnjestr bewegte. Als der Fleck näher kam, sahen wir, dass es eine Frau war – gänzlich nackt und blendend, unnatürlich weiß. Sie hielt ihren Kopf wie wahnsinnig hoch, langsam und entrückt ging sie über das Gras auf unsere Schützengräben zu. Ihre an den Handgelenken zusammengebundenen Hände lagen willenlos auf ihrem riesigen Bauch. Es war offensichtlich, dass sie schwanger war. Die Wehrmänner ließen sie nicht aus den Augen. Und sie ging und ging genau auf sie zu, so als ob sie von ihren Blicken hypnotisiert sei. Als sie noch etwa zwanzig Meter von uns entfernt war, erblickte ich auf dem groben, um ihren Hals herumgeworfenen Seil, etwas tiefer als ihre bereits mit Milch gefüllten Brustwarzen, einen schwarzen herunterbaumelnden Gegenstand.
„Eine Granate!“, hauchte jemand aus. „Es knallt gleich!“
Ich hörte das schon bekannte Ticken der Luft. Das Geräusch kam von irgendwo oben, vom Himmel. Stärker werdend, ließ es alles herum erbeben. In einem Moment schien es, dass das Feld, der Fluss, der Wald und diese nackte Frau mit der Granate um den Hals und auch wir zu Details eines riesigen, flachgedrückten in den letzten Wehen vergehenden Weckers wurden, der sich darauf vorbereitete, uns auf ewig zu wecken.
Die Frau näherte sich, wie ein Uhrzeiger der Zwölf.
Ich war die Zwölf.
Wir waren die Splitter der Zeit.
Und die Zeit war – Fünf vor.
„Es ist schon Fünf vor“, drängte mich Martin, „wir müssen jetzt gehen.“ Aber ich konnte nirgends mehr hingehen. Ich winkte dem verdutzten Martin ab und starrte weiter angespannt auf den Fernsehbildschirm.
Zuvor überwand ich über Zweitausend Kilometer und erreichte das gemütliche Basel in der Schweiz. Das gemächliche, höfliche Basel war eine Stadt aus einer anderen Welt. Es tauchte unwillig sein Abbild in das gepflegte Rheinwasser, in einen dichten Kaffee- und Bierduft, der von den Tischen der Straßencafés und Restaurants aufstieg und, wie es schien, den Raum zwischen der Rheinpromenade und den leichten und faulen Wolken erfüllte, die über dem Rathaus und dem satten Marktplatz hingen. Dieser Duft machte schläfrig. Man bekam Lust lange, tief und ohne zu träumen zu schlafen. Man wünschte sich diesen, auf eine erstaunliche Art bequem eingerichteten, Alltag langsam in sich aufnehmen.
Damals, 1989 war es für mich eine völlig andere Welt – die Welt des sauber gewaschenen Asphalts und der glänzenden Vitrinen. Die Welt des blendenden Lächelns und hinter ihnen mir verborgenen unverständlichen Entfremdung. Nach der Dunkelheit Moskaus, der Schlangen, des wechselhaften Kaleidoskops bösartiger Gerüchte, der allgemeinen Gereiztheit, der politischen Raserei schien Basel eine Insel aus einer fremden Galaxie zu sein. Nach dem überquellenden Moskauer Manege-Platz erstaunte besonders das Leben auf dem Marktplatz. Hier fand ein Spiel statt, das an ein Maskenkarneval erinnerte. Am frühen Morgen zog der Platz die Maske des Marktes an. Dicht gestellt mit Verkaufstheken, pulsierte er buchstäblich mit den ins Auge springenden Orangen, grünen Kräutern, der Grellheit des augenscheinlich unechten Fleisches, der Beile der gesprächigen Verkäufer und der weißen Schmetterlinge ihrer Mützen, die sich aus einem fast vergessenen Kindermärchen hierher verirrten. Aber schon am Nachmittag veränderte sich der Platz rasant. Die Theken verschwanden spurlos, der frisch gewaschene, mit Wasser abgespritzte Asphalt spiegelte matt die an dem Platz klebenden pittoresken Häuser, die man passender in einem Museum für mittelalterliche Geschichte hätte ausstellen können. Nichts erinnerte mehr an den Markt. Das Fest wurde von Schläfrigkeit abgelöst, um am nächsten Morgen wieder den Überfluss an Leckereien der Stadt zu präsentieren.
Mehr nicht. Nichts beunruhigte die satte Einbildungskraft der Bewohner. Deshalb verstand Martin mich nicht. Und ich verstand Martin nicht.
Nun, über den Rhein zog der zähflüssige August 1989.
Derselbe August zog über den Dnjestr. Er verdichtete seine honigsüße Schwere über dem Baseler Marktplatz. Und über zwei weiteren Plätzen, die mich aus der Unendlichkeit bis hierher nach Basel verfolgten und buchstäblich aus dem Fernsehbildschirm herausquollen: der langsam verrückt werdende Platz des Sieges in Kischenev und der mit Menschen vollgestopfte, hellhörige Platz der Verfassung in Tiraspol. Mich erstaunten nicht so sehr die Plätze, sondern viel mehr die Gesichter – fremde Gesichter dieser Plätze. Diese Gesichter kannte ich früher so gut. Aber so habe ich sie noch nie gesehen. So fremd. In eine einzige Kehle zusammenfließend, schrie der Kischenever Platz: „Zhos!“ Und als ob der Tiraspoler Platz es auf Russisch übersetzte: „Weg mit euch!“ Gespannt arbeitete ich mich durch die Rede des Moderators und verstand, dass das Irreparable schon passiert war, dass der große Brocken sich vom Fels löste und auf dem Weg in den Abgrund war.
Abends schaute Mary bei Martin vorbei, eine Journalistin des örtlichen Fernsehsenders. Sie war neugierig, denn sich frei durch Westeuropa bewegende Sowjetjournalisten waren damals noch eine Seltenheit. Wenn sie mich irgendwo in einem Café ihren Bekannten vorstellte, bekamen diese runde Augen. In der ersten halben Stunde blieben sie besonders auf der Hut, boten mir Wodka an und wunderten sich sehr, wenn ich ablehnte. Dann wurde die Argwohn von Neugier oder sogar Verwunderung abgelöst: na sowas, ein Mensch aus dem Land des Komplett-kommunismus und der betrunkenen Bären unterhält sich ganz locker auf Deutsch, und das zu jedem Thema. Damit wurde ich übrigens auch später oft konfrontiert.
Eines Tages nach meinem Vortrag in Hamburg kam eine unbekannte junge Frau zu mir und lud mich zu sich nach Hause ein. Sie wollte mich unbedingt ihrem Mann vorstellen, der, wie sie sagte, es ihr sonst nie glauben würde. Was er nicht glauben würde, hatte ich nicht ganz verstanden. Später stellte es sich heraus, dass ihr Ehemann ein Baulöwe war, der noch nie einen Russen aus der Nähe gesehen hatte. Wir kamen. Wir saßen mit den Gläsern jeder in einer der vier Ecken des riesigen Esszimmers. So saßen wir und drückten ab und zu ein paar Worte heraus. Am Ende sammelte sich der Ehemann und stellte eine einzige Frage, die nach seiner Meinung wohl für den Moment die passendste war: Stimme das denn, dass man bei uns noch immer die Deutschen hasse? Ich sagte ganz ehrlich, dass das nicht wahr sei und versuchte, das Gespräch auf Literatur zu lenken. Es interessierte mich, ob Rilke, den ich über alles liebte, in Deutschland noch populär sei.
„Wer ist das?“, drehte sich der Baulöwe zu seiner Frau. Sie zuckte mit den Schultern.
Ich sprach einige Zeilen aus dem Gedächtnis, die den Hausherrn aufhorchen ließen. Er rief sofort irgendwohin an und gab Anweisungen, ihm am nächsten Tag Rilke zu bringen. Ich habe es nicht ganz verstanden: vielleicht dachte er, dass Rilke noch immer lebt und man ihn genauso einladen könnte wie mich?
Damals lachte ich innerlich über meinen unbeholfenen Gsprächspartner. Ich hätte lieber darüber geweint. Aber wie konnte ich ahnen, dass nur zehn Jahre später die russischen Schüler aufhören werden Puschkin von Njekrassow, und Njekrassov von Jessenin zu unterscheiden – genauso wenig, wie die Deutschen Rilke von Novalis unterscheiden können. Ich konnte nicht ahnen, dass die Kultur sich mit nur einem Ziel aus den ideologischen Zangen der Sowjetmacht losreißt, um ganz von der Erdoberfläche zu verschwinden. Um der totalen Flegelei und neandertalischer Unwissenheit Platz zu machen.
Damals, 1989 habe ich vieles an der westlichen Welt nicht verstanden. Wir hatten völlig unterschiedliche Wertvorstellungen. Das war verständlich. Das war interessant. Umso mehr, als ihre Werte schon sehr schnell unsere Grenzen überwanden. Und unsere begannen still zu sterben, unnütz für den Westen und nun auch für ihr Zuhause.
Ins Auge fiel sofort eine gewisse Herablassung und Ungeduld. Aus letzter Kraft wartete man, dass wir uns von unserer Vergangenheit lossagen. Wie ich später verstand – nicht nur von der sowjetischen. Außerdem zeigte man deutlich Hilfsbereitschaft uns gegenüber. Wenn wir es nicht schafften – würde man uns helfen, ganz gleich was es kostete. Später sah ich diese „Hilfe“, als die moldawische Regierung jeden ihrer Schritte mit den westlichen Beratern abstimmte.
Aber das alles hatte gar nichts mit Mary zu tun. Sie interessierte sich für absolut alles – von der Literatur bis zur Politik. Deshalb fuhren wir zum Anbruch der Nacht zu irgendwelchen merkwürdigen Schlössern, um dort in einem gemütlichen Café am Flussufer bis zum Morgen über die Weltprobleme zu diskutieren.
Die Probleme meiner Welt jedoch wurden immer schmaler.
Bis sie auf die Größe eines Geschosses zusammenschrumpften.
Nachdem im August 1989 das Projekt „Das Gesetz über die Funktionalität der Sprachen auf dem Territorium der Moldawischen Sowjetrepublik“ gedruckt wurde, explodierte das gemächliche Leben am linken Dnjestr-Ufer. Die Vielvölkerregion Transnistrien mit ihrer ganzen Haut spürte die Gefahr und stallte alle seine Stacheln auf. Auf den ersten Blick gab es in dem Gesetz nichts, was es von den anderen unterschied, die obligat die „Souveränitäts-Parade“ begleiteten. Die moldawische Sprache wurde zur Staatssprache ausgerufen. Zur deren Erlernung räumte man fünf Jahre ein, wonach man plante, alle Beziehungen innerhalb der Republik in die Sprache der „Ursprungsbevölkerung“ zu übertragen. Das Gesetz war, wie die meisten Gesetze dieser Art, verworren und man konnte seine Paragraphen deuten, wie man wollte. Aber das Volk wurde unruhig nicht wegen seiner Paragraphen, sondern weil das Gesetz das Licht der Welt erblickte. Weil man wusste: noch nie lebte man in dieser Gegend nach Gesetzen. Man lebte mit dem Wind. Und der Wind wehte eindeutig in eine andere Richtung.
Die Befürchtungen bewahrheiteten sich rasch. Das „Ursprungs-Moldawisch“ bezeichnete man alsbald allerorts in Kischenev als „Ursprungs-Rumänisch“ und übertrug es in die lateinische Schrift, der moldawischen Bevölkerung selbst unbekannt. Auf eine solche Wendung war die Republik offensichtlich nicht vorbereitet. Natürlich, für die Intelligenz, insbesondere die Humanmediziner unter ihnen, bereitete die lateinische Schrift keine Probleme. Der Literaturaustausch zwischen Moldawien und Rumänien existierte in fast allen Jahren der Sowjetmacht, wenn man den Stalinismus nicht einrechnet. In den Schulen und Universitäten gab es weder Lehrmaterial noch Fachpersonal, die in der kürzesten Zeit vermocht hätten, die ganze Bildung in lateinische Buchstaben zu übersetzen. Mehr noch, moldawische Sprache ist eine Dorfsprache. Die Städte waren von alters her, noch lange vor der Sowjetzeit, russischsprachig. Deshalb wurde der Großteil der moldawischen Bauern, mit deren Hilfe die moldawische Sprache am Leben blieb, gleichzeitig zu Analphabeten.
Aber wie es sich herausstellte, interessierten sich die Gesetzgeber in erster Linie weder für das Latein noch für die Sprache selbst. Zum Beispiel meine gute Bekannte Svetlana Kalinina beherrschte die rumänische Sprache glänzend und übertrug als erste Redakteurin ihre Zeitung ins Lateinische. Es rettete sie nicht – sie wurde gekündigt. Weil sie Russin war. Unter der Deckung der Reformen und des Wechsels der Staatsordnung fand eine Säuberung nach nationalem Merkmal statt. Es ging bis zu Tragikomödien. Den Gründer und unersetzlichen Leiter des kischenever Zirkus Aleksandr Syrenin kündigte man dafür, dass er nicht genügend Mittel in der kürzesten Zeit sammeln konnte, um den Neonlicht-Aushang von „Zirkus“ in „Chirkul“ in lateinischer Transskription zu ändern.
Ich besuchte die berühmte moldawische Zirkusartistin, eine Repräsentantin einer ganzen Zirkusdynastie, Rita Breda. Sie war finsterer als eine Gewitterwolke.
„Es geht zu Ende mit unserem Zirkus“, sagte sie immer wieder. „Ohne Syrenin werden alle entlassen und alles wird gestohlen.“
„Aber du bist eine Moldawierin, der Stolz der Nation“, versuchte ich einen Widerspruch. „Wer soll dich entlassen?“
„Diese da“, Rita deutete mit dem Kopf Richtung Fenster„brauchen so einen Stolz nicht, wie ich und mein Vater es sind.
Der Vater tut mir leid. Er wird das nicht überleben.“
Rita's Vater, der sein halbes Leben unter der Zirkuskuppel herum flog, saß mit gekrümmten Rücken in der Ecke und schimpfte leise auf moldawisch. Und Rita erwies sich als eine Prophetin: es wurde alles gestohlen.
Wen interessierte damals freilich der Aushang „Zirkus“ oder „Chirkul“, wenn zu dieser Zeit in der Stadt ganz andere Aushänge auftauchten. Die Oberleitungsbusse trugen Aushänge mit folgendem Inhalt: „Wir geben euch fünf Jahre Zeit, damit ihr nicht die Sprache lernt, sondern von hier verschwindet.“ Auf dem Gebäude des Obersten Staatsrates glänzte es in meterhohen russischen Buchstaben: „Russen – hinter den Dnjestr! Juden – in den Dnjestr!“
Vor diesem Hintergrund begannen zwei Produktionshallen der tiraspoler Maschinenbaufabrik „Tochlitmasch“ einen Streik und schickten Boten zu dem benachbarten „Elektromasch“. Die Boten kamen direkt zu dem stellvertretenden Direktor oder zum Produktionsleiter Vladimir Ryljakov, der sich der Organisation des Streikes sofort anschloss. Nach einem Tag streikte ganz Tiraspol. Nach zwei Tagen – das ganze linke Ufer. Nach drei Tagen – der größte Teil aller Industriebetriebe des rechten Dnjestrufers. Bendery, Belzy, Jedinzy, Kischenew, Orgejev unterstützten damals in ihrer Mehrzahl die streikenden Tiraspoler. An dem Streik beteiligte sich auch der landwirtschaftliche Süden Gagausiens. Die Bewohner der Budzhaksteppe, die nach Stalins Willen zwischen Moldawien und der Ukraine zweigeteilt wurde, hegten schon lange den Wunsch einer eigenen kulturellen Autonomie mit Komrat als Zentrum. Ihre Beteiligung an dem Streik war leicht nachvollziehbar. Letztendlich umfasste die Streibewegung im August-September 1989 die ganze Republik Moldawien, an ihr beteiligten sich mehr als 400 Betriebe.
Der Streik in Transnistrien selbst verlief erstaunlich organisiert. Extra dafür zugeteilte Freiwillige beaufsichtigten die öffentliche Ordnung und die Einhaltung des für die Zeit des Streiks eingeführten sogenannten „trockenen Gesetzes“, des Alkoholverbots. Zu ihren Aufgaben gehörte es, Provokationen aller Art zu unterbinden. Eine solche Organisation konnte die zu diesem Zeitpunkt sterbende Sowjetmacht mit ihren willenlosen Eliten nicht mehr bewältigen. Die erschrockene Parteiführung der Stadt mit dem damaligen ersten Vorsitzenden des Stadtkommitees Leonid Zurkan an der Spitze, war außerstande, die Wahl zwischen dem „warmen“ Führungssessel und den Forderungen des Volkes zu machen, zog sich aus dem Problem zurück und wurde faktisch gestürzt. Somit wurde Tiraspol die erste Stadt auf dem Gebiet der UdSSR, in der die Sowjetmacht niedergelegt wurde und seit August 1989 in die Hände des Vereinigten Rates der arbeitenden Kollektive (VRAK) überging. In der ersten Zeit führte diesen der Leiter einer der Produktionshallen von „Elektromasch“ Boris Stefan. Ryljakov und ein paar Andere wurden zu seinen Stellvertretern.
Zwei nicht enden wollende Proteste, zwei Plätze steckten sich sozusagen gegenseitig mit der Energie der Unversöhnlichkeit an. Die Tiraspoler schauten früh morgens die Reportagen des moldawischen Fernsehers über das Geschehen auf dem Kischenever Platz des Sieges und gingen anschließend auf ihren eigenen Platz, um dort ihren Emotionen freien Lauf zu lassen und eine Antwort zu formulieren. Die Gemüter erhitzten sich und heizten die Stimmung in der Stadt an. Aus Kischenev kamen moldawische Führer und versuchten, die Menschen zu beruhigen. Man ließ sie sprechen, glaubte ihnen jedoch kein Wort. Weil sie etwas ganz Anderes sagten, als der Kischenever Platz verlangte. Dort verlangte man eine Wiedervereinigung mit Rumänien. Dort verlangte man, das moldawische Gebiet von den „Okkupanten“ zu säubern. Dort traten Emissäre aus ebendiesem Rumänien und aus dem Baltikum auf. Ganz offen wurde Propaganda betrieben. Und die Tiraspoler konnten alles am Bildschirm verfolgen. Und man hat sich selbst auch gleich gesehen – im moldawischen Fernsehen. Und hörte, wie die Kommentare zu den Protesten auf den Tiraspoler Platz immer märchenhaftere Ausschmückungen bekamen und sich durch wachsendes Unverständnis hervortaten, dass in Hass überging.
Verständlich, dass die tiraspoler Ingenieure und Arbeiter, die den Vereinigten Rat der Arbeitskollektive (VRAK) nun führten, sich zu diesem Zeitpunkt kaum durch die Auserlesenheit ihres politischen Gebarens auszeichneten. Es gab in der Stadt keine politischen Hochschulen. Wenn man das verschwundene Stadtkomitee nicht mitzählt. Deshalb mussten die Tiraspoler Führer „learning by doing“ betreiben. Sie lernten schnell. Und den Paragraphen der schnell entstehenden neuen moldawischen Ideologie stellten sie ihre eigenen entgegen:
Die Aufspaltung des Landes – die Bewahrung der Einheit.
Dem Nationalismus – den Internationalismus.
Der Einführung einer Staatsprache – die Mehrsprachigkeit.
In Transnistrien, in einem historischen Schmelztiegel, in dem mehrere Dutzend Nationen verdaut wurden, lernten die Menschen, sich ohne Dolmetscher zu verständigen. Sie lernten das Wichtigste – sich spüren. Und sie spürten, dass ihre Vielvölker-Gemeinschaft lebensgefährlich bedroht wurde. Und deshalb wurde dem Vorzug der Rechte einer einzelnen Nation der Vorzug der Menschenrechte entgegengestellt.
Der Widerstand der Plätze und der Massenstreik, der der Kremlführung damals möglicherweise als eine harmlose Laune eschien, legten in Wahrheit den Grundstein für den späteren transnist-rischen Staat, dessen wichtigstes Ziel es war, seine Bevölkerung vor den Kataklysmen des nahenden Auseinanderfalles der Sowjetunion zu schützen. Im Laufe des Streiks fühlten die Menschen die schon etwas vergessene Gemeinschaft und rückten näher zusammen. Es gelang ihnen, die Informationsblockade zu durchbrechen und eigene Zeitungs-Ausgaben herzustellen, unabhängig von der KpdSU. Die KpdSU selbst stellte in ihren Augen inzwischen eine Organisation dar, die ihr eigenes Volk verraten hatte, und wurde deshalb der Macht praktisch enthoben.
Mehr noch, im Verlauf des Streiks begann die erst noch instinktive Vereinigung der Städte und Bezirke des zukünftigen Transnistriens auf der Basis der völligen Ablehnung jedweder Form des Nationalismus. Aber das war zu wenig. Die Tiraspoler Führer begriffen im Laufe des Streiks, dass sie nach einer theoretischen und historischen Basis für ihre Bewegung suchen mussten. Sie wurde damals gefunden. Genauer gesagt: man hat sich wieder an sie erinnert. Man hat sich erinnert, dass Transnistrien vor gar nicht allzu langer Zeit seine eigene Staatlichkeit besaß – es stellte den größten Teil der Moldauischen autonomen Republik, die 1940 abgeschafft wurde. An die eigene historische Zugehörigkeit zu Novorossija (Neurussland), erinnerte man sich in der ersten Zeit nicht. Der Begriff selbst war zu Zeiten der Sowjetmacht eigentlich verboten.
Es wurden zwei Organisationen gegründet und praktisch erprobt, der Rat der Direktoren der Industriebetriebe unter der Leitung von Anatolij Bolschakov, und der Vereinigte Rat der Arbeiterkollektive, der, wie bereits gesagt, anfänglich von Boris Stefan geleitet wurde. Die erste Organisation wurde, was natürlich für eine Industrieregion ist, zum Gehirn der Bewegung. Die zweite – zu der unmittelbar vereinigenden Kraft.
In der zweiten Septemberhälfte beruhigte sich der Widerstand der Plätze. Die Transnistrier nahmen ihre Arbeit auf. Die ganze Region lauerte aber gespannt in Erwartung neuer, noch schrecklicherer Provokationen.
„Das verstehe ich nicht!“ rief Martin zum wiederholten Mal aus. „Du lebst in Moskau und die Proteste finden anderthalb Tausend Kilometer weiter statt. Was genau hat deine Aufmerksamkeit so erregt? Bei uns gibt es, übrigens, auch regelmäßig Protestaktionen. Und niemand misst ihnen eine solche Bedeutung zu.
„Es misst ihnen keiner eine solche Bedeutung zu, weil sie üblich sind. Aber sieh dir diese Gesichter an. Diese Menschen haben noch nie im Leben eine Aktion gemacht. Und auf den Platz sind sie auch nicht wegen einer Gehaltserhöhung gegangen. Noch sind sie keine Geiseln eines knauserigen Unternehmers. Sie sind Geiseln der Geschichte.
„Wieder verstehe ich nichts!“ flehte Martin, „was hat das mit der Geschichte zu tun? Bei euch ist alles anders. Weshalb kann man nicht eine zweite Sprache lernen? Meine Muttersprache ist zum Beispiel Deutsch, aber ich habe noch Englisch gelernt. Zwei Sprachen zu beherrschen – das ist sogar ein Vorteil.“
„Einverstanden. Aber Transnistrien hat viele Muttersprachen. Die Bulgaren – die bulgarische, die Deutschen – die deutsche, die Juden – Jiddisch, die Ukrainer – die ukrainische Sprache. Darüber hinaus beherrschen sie Russisch und die Kinder lernen in den Schulen Englisch oder Deutsch. Die moldawische Sprache wird übrigens auch gelernt. Aber man kann doch nicht allen Ernstes darauf hoffen, dass jeder Bauer und Arbeiter ein Sprachgenie wird. Und genau genommen, geht es hier gar nicht um die Sprache.
„Wie – es geht gar nicht um die Sprache?“ jetzt war Martin völlig ratlos. „Weshalb dann das alles?“
Ich versuchte mit aller Kraft ihm etwas zu erklären, aber je länger wir sprachen, umso deutlicher sah ich, dass ich ihm gar nichts erklären konnte, weil es tatsächlich gar nicht um die Sprachen ging. Es geht um die verborgenen Tiefen des Bewusstseins, um die Instinkte, um die Reflexe, die ein Außenstehender nicht imstande ist zu verstehen. Es ging darum, dass die aktuellen Geschehnisse auf den ersten Blick der Logik völlig entbehrten. Wenn das Land auseinander fallen sollte, dann würde es auseinander fallen, und das winzige Transnistrien wäre außerstande, es zu verhindern. Viel einfacher wäre es, alles als gegeben anzunehmen. Bequemer. Vorteilhafter. Sinnvoller. Aber nicht der Sinn und Verstand regierten auf den beiden Seiten des Dnjestrs. Nicht der Verstand. Der Verstand war außen vor, weil die Menschen tatsächlich zu Geiseln der Geschichte wurden, zu blinden Werkzeugen der Vorsehung. Sie siedelte sie an den Ufern des sonderbaren, gewundenen Flusses, der sich bei der Nach-prüfung nicht mal als Fluss, sondern als ein unüberwindbarer Abgrund, eine Grenze zwischen zwei Zivilisationen, als monströser Bruch erwies, dem es noch bevorstand, in seinen Tiefen tausende Leben zu begraben. Ich erkannte in diesen Gesichtern das, was Martin und Mary nicht imstande waren zu sehen: ich erkannte die Entschlossenheit, durch Blut zu gehen.
„Gut“ sagte Martin. „Wir wollen nicht streiten. Du hast einen weiten Weg hinter dir, du hast das Recht, dich auszuruhen und zumindest für eine Zeitlang zu vergessen, was dort bei euch geschieht.“ Aber da wusste ich schon, dass ich in den kommenden Jahren nicht zu Ruhe kommen würde.
Und was den Weg betrifft: der Weg beginnt erst.
Der Weg begann ganz nahe, etwas weiter rechts von uns, hinter den Bäumen und Sträuchern, aber die Frau sah ihn nicht. Sie sah gar nichts. Sie ging über das Feld mit weit aufgerissenen Augen, in denen sich rein gar nichts spiegelte. Nicht einmal Schmerz. Sie war jenseits des Schmerzes. „Wenn sie stolpert, ist das das Ende!“, holte uns der Hauptmann aus der Starre. „Es zerreißt uns in Stücke. Die Schnur ist an dem Granatenauslöser befestigt.“
Man schoss ihr nicht in den Rücken. Offensichtlich wartete man, bis sie zu unserem Graben gelangte. Und dann würde man mit einem Schlag uns und sie… Wir mussten schnell entscheiden. Entweder weglaufen oder etwas unternehmen. Und der Hauptmann entschied sich. Als bis zu dem Graben etwa fünf Meter blieben, sprang er heraus und befand sich mit einem Sprung neben der Frau. Mit der linken Hand presste er den Auslöser, mit der rechten riss er die Schwangere zu Boden. Sofort erklang ein Schuss, aber das Geschoss pfiff nur über den Köpfen hinweg. Vorsichtig zog er die Schnur ab und warf die Granate weit von sich, die Frau zog er hinter die Aufschüttung. Sie wehrte sich nicht, schaute nur mit denselben weit aufgerissenen Augen, die nichts verstanden.
Später stellte sich heraus, dass sie hinter der Stadtgrenze von Bewaffneten ergriffen worden war, an deren Mützen die Schwänze irgendeines pelzigen Tieres befestigt waren. Es gab viele Gerüchte über diese Banditen. Jemand behauptete, dass sie die leitende bewaffnete Truppe der moldawischen Nationalfront waren. Andere sagten, dass die „Streifenhörnchen“ und „Skorpione“ nur für sich selbst kämpften, sie unternahmen ihre Überfälle, nutzten einfach das allgemeine Durcheinander aus. Aber es lag viel eher an einer ganz anderen Tatsache: als die bewaffnete Auseinandersetzung begann, rief man in Moldawien die Amnestie für Schwerverbrecher aus und schickte sie in den Kampf. Und so kämpften sie nach ihrem eigenen Verständnis: entführten friedliche Menschen und amüsierten sich aus vollem Herzen. Wie auch immer, diese Kämpfer zeichneten sich durch eine besondere Grausamkeit aus und es war besser, wenn sie einen nicht in die Hände bekamen.
„Hast du gesehen?“ fragte der Hauptmann, “die Scharfschützin hat danebengeschossen.“
„Warum ausgerechnet Scharfschützin?“
„Bei denen arbeiten Frauen als Scharfschützen. Es heißt, sie sind Meisterinnen in Sportschießen.
Das war eine weitere Legende aus dieser Zeit. Die Scharfschützinnen aus dem Baltikum nannte man „weiße Strümpfe“. In Wahrheit traf ich keinen einzigen Menschen, der sie selbst persönlich gesehen hätte. Alle Geschichten verwiesen auf dritte Personen; obwohl die Armeespäher später bestätigten, dass die Scharfschützen aus Litauen und Lettland fast ausschließlich Frauen waren. So oder anders, das ganze Territorium in der Gegend des Dubossarer Hydroeektrizitätswerks stand durch und durch unter dem Beschuss der Scharfschützen. Die „Feuernester“ wurden offensichtlich auf der anderen Seite des Wasserspeicherbeckens, im früheren Sanatorium des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Moldawiens, gebaut. Deshalb sollte man auf dem Territorium, das genau gegenüber lag, der Erholungszone „Sonnenufer“, besser nicht auftauchen. Es stand von zwei Seiten kreuz und quer unter Beschuss, vom Dnjestr aus und vom Dorf Kotschijery, das am gleichen Ufer noch an Dubossary grenzte. Einmal versuchten wir hinzukriechen, konnten jedoch nicht mal den Kopf anheben. Wahrheitsgemäß hatte Sascha Chartschenko, der TASS-Korrespondent (seinerzeit Verlautbarungszeitung der Regierung), mich als Schuldigen ausgemacht. Ich prunkte mit einer damals modernen Baseballkappe mit der Aufschrift „BOSS“, genau auf sie verwies er.
„Wenn sie deine Aufschrift sehen, denken sie sogleich, dass du der Oberbefehlshaber bist und fangen zu schießen an. Dir macht das nichts“, sagte er und maß mit seinen Blicken erneut meine dürre Figur. „Wenn du dich seitlich stellst, trifft dich kein Scharfschütze. Aber normale Menschen“, er streichelte über seinen tüchtig vorstehenden Bauch, „müssen für dich einspringen“.
Alle Fenster und Türen in den Datschen (Gartenhäuschen) der Erholungszone waren von Geschossen und Granatensplittern durchschlagen. Wo, wenn nicht hier, schien es, auf einem Territorium, das zur Ruhe gedacht war, sollte kein Krieg sein. Aber er war da. Freilich, was war schon eine Erholungszone? Die moldawische Artillerie schoss aus allen Rohren auf das Elektrizitätswerk, und einige der Transformatoren waren bereits zerstört. Aus ihnen floss in den Dnjestr ein echtes Gift – die Transformatorenflüssigkeit. Und das war Oberwahnsinn. Das konnte ich nicht verstehen. Es ging gar nicht darum, dass dieses Wasserelektrizitätswerk nicht nur die transnistrische Region, sondern ganz Moldawien mit Strom versorgte. Wenn der Staudamm dem Beschuss nicht standhalten würde, würden mehrere Dutzend Orte zwischen Dubossary und Odessa von den Millionen Tonnen Wasser vom Erdboden heruntergespült worden.
Oben, auf der Anhöhe, gegenüber dem Staudamm richtete sich der Stab der Verteidigung ein, gleich neben ihm – der Stolz der transnistrischen Verteidigung, das sogenannte „Panzerfahrzeug“. Die hiesigen Handwerker hatten einen Kipper des Werkes KRAZ kurzerhand mit zwei Schichten Stahlblättern versehen, nannten ihn „Aurora“ (er hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit dem berühmten Kreuzer der russischen Revolutionszeit) und hielten diese Panzerung für undurchschlagbar. Ob es tatsächlich so war, konnte man meines Wissens nicht herausfinden – der Panzerwagen war an keinen ernsthaften Gefechten beteiligt. Er stand einfach auf der Anhöhe zur Abschreckung des Feindes.
Nicht der Panzerwagen erstaunte einen, sondern die Aufschrift, die auf seiner Seite mit weißer Farbe angebracht wurde: „Du sollst nicht töten!“ Sie wirkte pervers in den Händen von Räubern und Mördern. So etwas gab es in keinem anderen Krieg. So etwas kannte die Geschichte nicht. Sie verkehrte die Bedeutung von Krieg. Sie zeigte genau an, wer hier das Opfer war. Aber man sah sie vom anderen Ufer nicht.
Aus einem Gespräch mit Mary:
