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Der Eisenbahnbau macht eine kleine Stadt zum Brennpunkt der Ereignisse. In ihr wimmelt es von Abenteurern und gerissenen Spekulanten. Sie alle profitieren vom Bau der Union Pacific und hoffen, dass dieser ewig dauern möge. Unter ihnen ist Leo G. Carter, ein gefährlicher Gunman, dessen Pläne auf den Widerstand eines allmächtigen "Trusts" stoßen. Während die Spannungen zunehmen, häufen sich Überfälle an den Schienen, für die man rasch die Indianer verantwortlich macht. Mitten in diesem Chaos taucht General Grant auf. Er bringt den Scout Tom Sullivan mit, der wieder für Recht und Ordnung sorgen soll ...
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Anschlag auf die Union Pacific
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Von Bill Murphy
Sie standen Schulter an Schulter. Whit Strong schluckte, obwohl er sich inmitten seiner Revolvermänner befand.
Edward Colwell lächelte schmal. Seine Hand lag auf dem Colt.
Patt Thomsons Gesicht zeigte nur Härte, sonst nichts.
Hinten an der Wand stieß jemand einen krächzenden Laut aus. Doch niemand sah sich nach ihm um. Aller Blicke blieben auf Forrest Lowe gerichtet, der ebenfalls inmitten seiner Männer verharrte. Doch Forrest Lowe schluckte nicht. Er hatte Whit Strong ganz klar herausgefordert, und Whit Strong musste nun ziehen. Er oder seine Männer!
Aus Whit Strongs Augen blickte die nackte Furcht. Sein Gesicht war so weiß wie eine frischgekalkte Wand. Er war ohne Waffe. Jeder wusste das in Sidney. Es war auch für Forrest Lowe kein Geheimnis. Irgendwie wuchs Whit Strong deshalb über sich hinaus, als er gepresst sagte: »Ich beuge mich nicht, Lowe. Niemand kann so etwas von mir fordern. Das ist das eine.« Er wollte noch etwas sagen. Doch er musste erst einmal schlucken.
»Und das andere?«, fragte Forrest Lowe schnell und zynisch.
Whit Strong nickte langsam. »Miss Corrie Pound ist in Sidney für jeden tabu. Jedenfalls so lange ich atme.«
Da nickte Forrest Lowe. Jeder erwartete, dass er Whit Strong etwas erwidern würde. Doch Forrest Lowe zog und schoss.
Niemand hatte eine Chance.
Whit Strong fiel tot um. Patt Thomsons Colthand wurde zurückgerissen, und Edward Colwell versuchte es gar nicht erst.
Obwohl die Detonationen dieser beiden Schüsse in aller Ohren dröhnten, ging ein verhaltenes Raunen durch die Inn. Alle schauten auf Forrest Lowes rauchenden Colt. Es war bekannt, dass er schneller war als jeder andere. Doch so etwas hatte in Sidney seit Jahr und Tag noch keiner gesehen. Forrest Lowe zog und schoss schneller, als ein Mann atmen konnte. Bis zu diesem Augenblick war es nur ein Gerücht. Nun wussten sie es in Sidney. Sie spürten, dass es in ihrer Stadt kälter geworden war.
Diese Kälte kam aus Forrest Lowes Augen. Genauso kalt war sein Lachen, als er den Colt um den Zeigefinger kreisen ließ, sodass die Konturen der Waffe kaum zu erkennen waren. Dann schob er das Eisen ins Holster. Alle seine Bewegungen waren glatt und schnell.
Es war noch so still, dass sie alle die Tür über dem Tresen hörten. Seide rauschte. Dann klapperten Corrie Pounds Absätze auf den blankgebohnerten Stufen der Treppe. Sie blieb neben dem Podium stehen und blickte auf Whit Strong. Sicher konnte auch sie sofort erkennen, dass er tot war. Ihr hübsches Gesicht zeigte keinerlei Regung. Erst als sie auf Patt Thomsons blutenden Arm schaute, verzog sie den Mund ein wenig.
Corrie Pound war hübsch. Vielleicht mehr als das. Sie war schlank. Sie hatte grüne Augen. Und ihr Haar, diese langen, wallenden Wogen, war so schwarz wie die Samtschleife, die sie ständig um den langen, elfenbeinfarbenen Hals trug. Sie bevorzugte dunkelrote Kleider.
Langsam ging sie zu Whit Strong hinüber. Sie neigte sich etwas vor, sah ihn müde an und wandte sich dann Forrest zu. »Warum gleich so etwas, Forrest?«, fragte sie dunkel.
Die drei Männer an Forrest Lowes Seite sahen auf ihre Stiefel.
Forrest Lowes Gesicht blieb unbeweglich. Er zuckte kurz mit den Schultern. »Er wollte es nicht anders, Corrie.«
Corrie Pounds müder Ausdruck schwand. Er machte einem verstehenden Lächeln Platz. »Du willst, dass ich bei euch singe, nicht wahr?«
Einige Männer waren erschüttert. In Sidney wusste schließlich jeder, dass sie Whit Strongs große Liebe gewesen war.
Forrest Lowe nickte. »Es wäre gescheit von dir, Corrie.«
»Wir werden darüber sprechen, Forrest«, sagte sie in einem Ton, der sofort viele bezweifeln ließ, dass Whit Strong nur einem Machtkampf zum Opfer gefallen war.
Forrest Lowe nickte ihr zu. Einen Augenblick lang war die Kälte aus seinem Blick verschwunden. »Morgen Vormittag.«
»Es ist okay, Forrest«, sagte sie. »Sage nur ...«
Sie verstummte, blickte an Forrest Lowe vorbei zur Tür.
Niemand hatte den Eintritt des Mannes bemerkt. Erst als Corrie Pound ihn entdeckte, sahen ihn auch die anderen. Bis auf Forrest Lowe und dessen Männer, denn diese standen mit dem Rücken zur Tür.
Es war Leo G. Carter. Der Neue! Der Besitzer des Imperial Star. Er war groß und schlank, schwarz von oben bis unten. Der Stetson, das Haar, die Augen, das Hemd, die Jacke und Hose, das Lederzeug und die beiden großkalibrigen Colts – alles war dunkel, war schwarz an ihm. Auch seine Seele, wie einige in Sidney beschwören wollten, obwohl er erst einige Tage in der Stadt war. Weiß war nur die Schleife am Hals. Er fixierte Corrie Pound, sah sie beinahe verzehrend an und sagte: »Sie singen bei mir, Corrie! Für vierhundert Dollar im Monat. Der Vertrag ist fertig. Sie brauchen nur zu unterzeichnen. – Sie, Lowe, Sie können sich nun mit mir versuchen.«
In der Inn hielten die Männer den Atem an. Irgendeiner war hier ein Narr. Sie wussten auch schon, wer. Für die Bürger von Sidney, die eben Forrest Lowes schnelle Hand beobachtet hatten, war vollkommen klar, wer dieser Narr war.
Forrest Lowe atmete gepresst aus. Zu aller Verwunderung sagte er: »Ich passe, Carter. Auch wenn es Ihnen lustig vorkommt.«
»Genauso ist es«, sagte Leo G. Carter.
»Trotzdem«, erwiderte Forrest Lowe.
Corrie Pound sah ihn irritiert an. »Er hat den Vertrag fertig, Forrest«, sagte sie, nicht ohne Vorwurf.
Forrest Lowe ließ sich nicht aus der Fassung bringen. »Unterschreib nur, Corrie! Singen wirst du bei uns.«
»Sie verkennen die neuen Machtverhältnisse in dieser Stadt«, sagte Leo G. Carter eisig.
Doch Forrest Lowe lächelte nur. Es war ein sicheres und überlegenes Lächeln. Viele Männer fragten sich, warum er diesem schwarzen Gentleman nicht die Grenzen aufzeigte. Es war keiner im Bau, der auch nur zu glauben wagte, dass es einen Mann im Westen gäbe, der Forrest Lowe im Ziehen das Wasser reichen konnte. Deshalb war den Leuten Forrest Lowes Haltung unverständlich.
Leo G. Carter setzte sich unvermittelt in Bewegung. Er ging zwischen Lowes Männern hindurch bis zum Tresen und legte dort ein Schriftstück hin. Er bot nun seinen Rücken Forrest Lowe und dessen Revolvermännern geradezu an. Einigen Männern kamen die ersten Zweifel. War Leo G. Carter ein Narr, oder war er tatsächlich schneller als Forrest Lowe und nicht einmal von hinten zu schlagen? Vielen kam das plötzlich so vor, als der lange und etwas schmächtige Mann am Tresen lehnte und seinen Rücken als Zielscheibe für Forrest Lowe und dessen Coltmänner präsentierte.
Noch einmal beherrschte die Spannung den Raum, hielt jedermann in Atem und Bann. Doch Forrest Lowe enttäuschte die Leute. Er sagte auch nichts, als Leo G. Carter einen Bleistift hinlegte und sagte: »Unterschreiben Sie den Vertrag mit dem Imperial Star, Corrie!«
Corrie Pound blickte von einem zum anderen. Forrest Lowe nickte ihr aufmunternd zu. »Unterschreibe nur, Corrie! Tu ihm den Gefallen!«
Corrie Pound zog einen Schmollmund. Vielleicht wurde ihr klar, dass sie wie eine Ware hin- und hergeschoben wurde. Sie ging zum Tresen, lachte Leo G. Carter zu und unterschrieb.
Leo G. Carter sah ihr zu. Auf diesen Augenblick hatten Forrest Lowe und seine Coltmänner wohl gewartet. »Zur Seite, Corrie!«, schrie er scharf, zog und ...
Forrest Lowe kam nicht mehr zum Schuss.
Der schwarze Mann am Tresen ruckte herum und ließ aus beiden Colts Blei, Feuer und Tod speien. Wieder und wieder bleckten die Mündungslichter an den Colts.
Er schoss, bis Forrest Lowes Rudel zerbrochen war. Zwei von Lowes Männern kamen zum Schuss. Doch ihre Kugeln fegten in das Regal. Glas splitterte, Flaschen fielen zu Boden und zerplatzten dort mit sattem Klirren.
Leo G. Carter stand geduckt da. Breitbeinig. Die rauchenden Colts in den Fäusten. Ein makabres Lächeln auf den Lippen, blickte er über die Szene hinweg. Dann sagte er ruhig: »Unterschreiben Sie nun, Corrie! Es wird Sie niemand mehr stören. Ich bin mir sicher.«
Corrie Pound unterschrieb.
Ringsherum hub zögerndes Raunen an. Viele fuhren sich über die Augen, blinzelten und schüttelten ungläubig und verständnislos die Köpfe. Um Leo G. Carters Lippen stand ein zufriedenes Lächeln. Als Corrie den Stift ein wenig verwirrt auf den Tresen legte, nickte er und sagte: »Packen Sie zusammen, Corrie. Ich lasse Sie und Ihr Gepäck in einer halben Stunde abholen. In einer Stunde kommen die Bahnleute in die Stadt. Es sind in der Mehrzahl Emigranten aus Irland. Sie werden einige irische Weisen singen. Heimweh ist besser als Salz auf das Brot. Schließlich sollen diese Leute Durst bekommen. Ich kann nicht verlangen oder erwarten, dass sie ihn mitbringen. – Es war mir eine Ehre, Madam.«
Er verneigte sich und ging. Dabei stieg er über Forrest Lowe hinweg. Diese Geste machte die Dinge noch schlimmer. Viele glaubten das jedenfalls. Auf diese Art würde er niemals zum Ziele kommen. Niemals.
Forrest Lowe hob den Kopf. Er winkte einen Mann heran. Mehrere kamen gleichzeitig. »Wir bringen Sie zum Doc«, sagte einer.
Doch davon wollte Forrest Lowe gar nichts wissen. Schwer angeschossen, wie er war, schüttelte er den Kopf. »Bringt mich aufs Pferd!«, befahl er schroff.
Sie trugen ihn hinaus, hoben ihn in den Sattel und sahen ihn dann tatsächlich davonreiten. Einige kratzten sich recht beklommen die Schädel. »Guter Himmel!«, stieß einer krächzend hervor. »Habt ihr so etwas schon einmal gesehen? Lowe hat die Nase noch immer nicht voll.«
»Forrest Lowe ist nicht allein«, gab ein anderer zu bedenken.
Sein Nachbar nickte zustimmend.
»Das war zu viel«, bestätigte er. »Leo G. Carter wird den Sonnenaufgang nicht überleben. Gegen den Trust hat noch niemand ungestraft gespuckt. Ich habe das drüben in Ogallala erlebt. Es waren dort die gleichen Leute. Auch Forrest Lowe. Die haben jeden zerbrochen, der gegen sie aufgestanden ist. Leo G. Carter hat keine Chance. Genauso wenig wie Whit Strong.«
»Du guter Himmel«, sagte der erste Mann wieder. »Was soll aus unserer Stadt werden? Der verdammte Bahnbau!«
Ein anderer nickte bekümmert. »Nicht nur das, Leute! Auch die verdammten Rothäute werden uns auf den Hals kommen. Julesburg ist von ihnen niedergemacht worden.«
»Grants Kavallerie ist hier«, beruhigte ein anderer und winkte verächtlich ab. »Außerdem, wenn die Schienen gelegt sind, wird sich alles wieder normalisieren. Dieses Theater hält nur so lange an, wie die Arbeiterkolonnen in der Nähe sind. Jeder will, dass man bei ihm den Whisky trinkt. Darum geht es, Gents. Nur darum.«
»Für Leo G. Carter trotzdem keinen Cent! Nicht einen halben!«, rief ein alter Schnauzbart hitzköpfig. »Wenn die Sonne aufgeht, ist er ein toter Mann. Lasst euch das gesagt sein. Corrie Pound sollte man den Hals umdrehen. – Gute Nacht!«
»Gute Nacht!«, riefen sie dem Oldtimer ringsum nach. Sie nickten, denn sie ahnten, wie recht er hatte.
Vor Whit Strongs Inn zog sich noch ein verwundeter Mann in den Sattel. Es war Jim Durant, der schon drüben in Julesburg und in Ogallala zur Revolvermannschaft des Trusts gehörte. Sie sahen ihm nach. Alle hatten den gleichen Gedanken im Schädel. Der Trust wird das nicht hinnehmen. Leo G. Carter war einsam und gegen die vielen Wölfe des Trusts ohne Chance. Nur ein Narr konnte versuchen, sich als Einzelgänger zu behaupten. Dass er ein Einzelgänger war, bezweifelte niemand.
Es war stockdunkle Nacht. Hacken und Schaufeln lagen auf einem großen Haufen beisammen. Die Pferde standen in den Seilkorrals. Nur unten im Camp brannten Lichter. Verhaltenes Stimmengewirr drang zum Hügel herauf. Vorne am Küchenzelt konnten sie einen betrunkenen Chinesen herumtorkeln sehen und singen hören. Sie lachten. George McAuliffe blickte dann zur Stadt hinüber, deren Lichter am Horizont wie ferne Sterne blinkten. »Für einen Whisky würde ich mich jetzt glatt aus dem Sattel schlagen lassen«, brummte er verdrossen.
»Sieben Dollar für eine Nachtwache sind auch nicht zu verachten«, meinte Lester O'Hara fröhlich und gab seinem Maultier die Sporen.
»Richtig!«, schnappte Earl McMullen. »Du sagst es, Seemann! Und für die sieben Dollar stellen wir Sidney morgen auf den Kopf.« Er lachte voll gespannter Erwartung.
Lesters Maultier war endlich in Gang. Sie folgten ihm zum Bahndamm hinunter. Der Lodgepole Creek reflektierte das Mondlicht. Sie ritten dann am Ufer entlang bis zum Wald.
Die Posten riefen sie an, noch ehe sie die Silhouetten der Dynamitschuppen sehen konnten.
George rief brummig seinen Namen und riet dann: »Packt zusammen und verschwindet, Jungs! Die Stadt wartet. Das Camp ist nahezu leer. Ihr werdet heute Abend kaum ein Girl für einen anständigen Tanz bekommen. Die Schienenleger haben wir nun auch auf dem Hals, seitdem die Rothäute Julesburg niedermachten. Gestern Abend haben sie in der Sidney Bar die Schwellenleger jämmerlich verprügelt. Wenn diese Hundesöhne von Schienenlegern sich heute wieder mausig machen, dann heizt ihnen ein.«
Die Posten führten ihre schon zum Abritt gesattelten Pferde heran.
»Du kannst beruhigt sein, George!«, rief ein junger Bursche. »Wir schlagen diese hochnäsigen Schienenleger heute Abend so zusammen, dass sie morgen früh keinen Finger mehr krumm machen können. Harrow Chalton wird sie alle feuern. Verlass dich nur auf uns.«
Lester O'Hara lachte. »Pass nur auf, dass du nicht unter ihre Fäuste kommst!«, warnte er voll Spott. »Ich hab mal einen kleinen Jungen gesehen, der einem rothaarigen Schienenleger ins Auge spucken wollte. Ich kann euch sagen, Jungs, da war ...«
»Wie kann ein Mann nur ein Maultier reiten?«, unterbrach ihn der Junge schnell und scharf.
Lester O'Hara stieg langsam von seinem Maultier und knurrte dabei drohend: »Ich habe den Eindruck, dass du deine letzte Löhnung von der Union Pacific schon erhalten hast.«
Der Junge lachte. »Willst du mich etwa entlassen, Seemann?«
Lester O'Hara ging auf den Jungen zu. »Niemand wird dich entlassen, Churley, dich kleinen lausigen Texaner wird einfach niemand mehr entlassen können, weil ich dich jetzt unangespitzt in den Waldboden rammen werde. Du kleine, verdammte lausige Kröte, du!«
»Wartet! Wartet!«, rief Larry Miel verhalten. »Prügelt euch nachher! Dort drüben ist jemand.«
Sie waren sofort still und blickten sich um. George und Earl McMullen stiegen aus den Sätteln. »Wo und wer?«, fragte Earl. »Du siehst Gespenster! Wer soll dort ...«
Lester O'Hara spähte angestrengt in die gewiesene Richtung. Doch er sah niemanden. Unter den Bäumen war es trotz des Mondlichtes einfach zu dunkel. Irgendwie war ihm die Sache jedoch plötzlich nicht geheuer.
In diesem Augenblick sagte der Junge leise: »Dort drüben ist auch einer. Da! Jetzt geht er durch das Mondlicht.«
»Indianer!«, zischte George McAuliffe plötzlich, und sie hörten alle, wie er schluckte.
Auch Lester O'Hara musste den Speichel hinunterwürgen. Er spürte die Gänsehaut, die sich unvermittelt über dem Rücken ausbreitete. Daraufhin wurde ihm kalt.
Dann hielten sie alle ihre Waffen in den Händen. Sie lauschten und spähten scharfen Blickes in die Runde. Doch es blieb still.
»Mensch, Rothäute!«, sagte McMullen nach einer Weile fast atemlos. »Das sind rote Kameraden. Ich habe mal in ...«
»Schnauze, Earl!«, zischte Larry Miel verdrossen. »Rothäute, du spinnst! Anderthalb Meilen von hier liegt eine ganze Schwadron vom vierundzwanzigsten Kavallerie-Regiment. Vor einer Stunde ist ein ganzer Zug hier vorübergeritten. Dreht nicht durch, Leute! Indianer sind in der Nacht viel zu feige.«
Lester O'Hara schnaufte. Wieder spürte er die Gänsehaut über den Rücken ziehen. Er wünschte sich auf ein Schiff und verfluchte den Einfall, der ihn bei der Union Pacific anheuern ließ. Da knuffte ihn Larry Miel auch schon in die Seite und raunte: »Komm mit, Matrose! Sehen wir nach!«
Sie waren kaum zwanzig Schritte in den Wald gegangen, als Larry ihn am Ärmel packte und zu Boden zog. »Da drüben ist er!«, zischte er ihm zu.
Lester hörte, wie er das Gewehr anlegte. Er hielt den Atem an. Er sah nichts, so sehr er sich auch anstrengte. Er sah nur die Schuppen, in denen dieses höllische Dynamit gelagert war, und er fragte sich, warum die Gesellschaft so viel davon hatte anfahren lassen.
»Ob ich ihn noch einmal an ...«, sagte Larry und brach mitten im Satz ab.
Der Ruf eines Vogels ertönte direkt vor ihnen.
Sofort gab ein anderer hinter den Schuppen die Antwort. So laut und deutlich, dass selbst der unerfahrene Lester O'Hara erkannte, dass da keine Vögel riefen.
Larry Miels Gewehr donnerte. Lester warf sich zu Boden. Er presste sich die Hände auf die Ohren. Als Larry Miel zusammensank, begriff er, dass nicht nur Larry Miel geschossen hatte.
Von allen Seiten krachten Gewehre. Lester sah die roten Mündungslichter zwischen den Stämmen zucken und hörte seine Partner schreien. Er wollte schießen. Doch sein Instinkt warnte ihn, auch nur einen Schuss abzugeben. Er presste sich an den Boden und grub das Gesicht in die Hände, weil er Larry Miels Stöhnen und Fluchen hörte. Als er dann den Kopf hob und in die Runde spähte, sah er die Schatten vieler Männer. Befehle wurden geschrien. Er hörte Pferde wiehern. Dazwischen krachte es immer wieder. Irgendwie befreit konnte er an den Stimmen erkennen, dass es keine Rothäute waren. Er atmete tief durch und kroch dann einfach vorwärts, weiter in den Wald hinein. Er dachte nur an Flucht. Viel zu spät schenkte er den Dingen vor den Schuppen Beachtung.
»Die Schnur brennt! Alles auf die Pferde!«, schrie eine scharfe Stimme, nur wenige Yards von ihm entfernt.
Lester O'Hara packte das Grauen. Klar und scharf erkannte er die Vorgänge. Er wollte sich erheben und laufen.
Nur fort!, dachte er.
Doch da kamen sie angeritten. Er blieb liegen und presste sich wieder an den Boden. Dicht bei dicht galoppierten sie an ihm vorüber. Ein Reiter kam so nah, dass er befürchtete, von den Hufen des Pferdes getreten zu werden.
Dann sprang er auf und rannte ihnen nach. Er begriff, dass er um sein Leben lief.
Du guter Himmel, hilf!, dachte er. Sie sprengen die ganze Erde in die Luft.
Ein blauroter Blitz nagelte ihn förmlich fest. Er warf sich herum. Voll Entsetzen sah er im Licht dieses Blitzes den mittleren Schuppen förmlich zwischen den Bäumen emporwachsen. Dann warf ihn der Luftdruck zu Boden. Eine ungeheure Detonation, der sofort eine zweite und eine dritte folgten, zerriss ihm die Trommelfelle. Es prasselte und krachte, donnerte und toste. Das Feuer stach ihm in die Augen.
Dann drückte ihm etwas auf den Leib, presste ihm die Luft aus den Lungen und ließ ihn helles Licht und Sterne sehen, obwohl es ringsherum längst wieder finster geworden war. Er wollte sich erheben. Verbissen versuchte er, die Beine an den Leib zu ziehen. Doch da war etwas, das ihn festhielt. Er schrie und jammerte, rief nach den Partnern und fluchte. Erschöpft ließ er sich zurückfallen.
Dann drang Hufschlag an Lester O'Haras Ohren.
Sie kommen!, dachte er voller Hoffnung.
Dann suchte er in Richtung des Camps. Plötzlich war es still. Das Rudel kam zurückgejagt. Der gewaltige Schreck verschloss ihm den Mund, obwohl die Schmerzen unerträglich wurden.
Wieder ritten sie an ihm vorüber. Die Pferde sprangen über ihn hinweg. Da erst erkannte er, dass er unter einem Baumstamm lag. Übelkeit erfasste ihn. Schweiß drang ihm aus allen Poren. Es war kalter Schweiß, und dann hatte er nur noch Angst.
»Sean!«, hörte er einen der Männer rufen. »Sean, verdammt, wo steckst du?«
Lester O'Hara hob den Kopf. Sie hatten direkt hinter ihm angehalten. Einer der Männer stieg aus dem Sattel. Es war ein großer und schlanker Bursche.
»Sean!«, hörte er ihn rufen. »Sean!«
Die lange Gestalt lief suchend umher. »Los, seht nach!«, hörte ihn Lester scharf rufen. »Seht nach! Wir können keinen zurücklassen, verdammt! Bringt ihn her, und wenn ihr ihn tot bringt. Aber schafft ihn ran!«
