Wilhelm Flitner, ein Humanist in bewegten Zeiten - Gerhard Jürs - E-Book

Wilhelm Flitner, ein Humanist in bewegten Zeiten E-Book

Gerhard Jürs

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Beschreibung

Gerhard Jürs, letzter wissenschaftlicher Assistent bei Prof. Wilhelm Flitner an der Universität Hamburg (1962-1965), hat sich in seinem Ruhestand verstärkt der Aufarbeitung der Geschichte Wilhelm Flitners gewidmet. Jürs’ (08.08.1931) » bewegte Zeiten« begannen mit der Kindheit in Hamburg-Eimsbüttel. Er studierte Erziehungswissenschaft und Theologie (nach zwei Semestern Mathematik) an der Universität Hamburg und schloss sein Studium am 15. Dezember 1954 mit der Ersten Lehrerprüfung bei Professor Flitner ab. Von 1955 bis 1962 arbeitete Jürs zunächst als Lehrer an der Haupt- und Realschule Steinadlerweg in Hamburg-Billstedt, absolvierte im Februar 1959 sein zweites Staatsexamen und wurde 1962 Assistent und Doktorand bei Prof. Flitner. Es folgte von 1967 bis 1993 die Lehrtätigkeit als Seminarleiter am „Staatlichen Studienseminar Hamburg” mit Abordnungen an das »Institut für Lehrerfortbildung« (1979-1987), an das „Gymnasium St. Georg” (1979-1987) und an die „Erich Kästner-Gesamtschule” (1987-1991). Seine Arbeitsschwerpunkte waren Versuche zur Unterrichtsreform bei den Themen »Offener Unterricht« und »Projektunterricht«. Diese Versuche führten 1979 zur Einrichtung des „Beratungsdienstes für den Projektunterricht” am „Institut für Lehrerfortbildung” in Hamburg. Seit 2008 arbeitete Gerhard Jürs mit Unterstützung der »Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte« und ihres damaligen Leiters Eckart Krause an der Biografie Wilhelm Flitners.

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Gerhard Jürs

Wilhelm Flitner,ein Humanist in wechselvollen Zeiten

Illusionen, Kampf und Resistenz

Copyright: © 2018: Gerhard Jürs

Umschlag & Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Titelbild: Familie Flitner

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

978-3-7469-0780-2 (Paperback)

978-3-7469-0781-9 (Hardcover)

978-3-7469-0782-6 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

„Humanität sei unser ewig Ziel”

Johann Wolfgang von Goethe1

Inhalt

Begegnungen

Einleitung

1 Wilhelm Flitner 1933 — eine Apologie

1.1 „Die deutsche Erziehungslage nach dem 5. März 1933” von Wilhelm Flitner

1.2 Flitners Sicht auf die sozial-politische Lage

1.3 Sein Wandel in der Beurteilung des Nationalsozialismus

1.4 Wilhelm Flitner und der Verlag Quelle & Meyer

2 Der historisch-pädagogische Ansatz

2.1 Die „reformpädagogische Bewegung”

2.2 Humanität

2.2.1 Der Gedanke der Humanität

2.2.2 Ein Humanist

2.3 Die am Gemeinwesen orientierte Pädagogik

2.4 Die „hermeneutisch-pragmatische” Pädagogik.

3 Flitners „politisches” Handeln

3.1 Die „mitbürgerliche Grundbildung”

3.2 Zur politisch-sozialen Lage 1929-1934

3.3 Die Festrede zur Verfassungsfeier des Hamburger Senats 1930

3.4 „Politische” Konferenzen (1931- 1933) – Flitners Aufruf zur „politischen” Tat

3.4.1 Einleitung

3.4.2 Vorgeschichte

3.4.3 Zusammenkünfte

3.4.4 Gefährten

3.4.5 Das Gemeinsame der Gefährten

3.4.6 Humane Gesinnung

4 Zusammenfassung und Bewertung

4.1 Wilhelm Flitners Beharren

4.2 Die „hermeneutisch-pragmatische” Methode

4.3 Ein „starker Staat” und der „Feind”

4.4 „Politische” Bildung

4.5 Wilhelm Flitner, ein europäischer Denker

Nachwort

Dank

Anlagen

A 1. Abkürzungsverzeichnis

A 2. Quellen

A 2.1 Das „Altonaer Bekenntnis” (Zusammenfassung)

A 2.2 Rundschreiben vom 23.10.1931

A 2.3 Wilhelm Flitners Festrede

A 2.4 Der Hohenrodter Bund

A 2.5 Literatur und Quellen

A 3. Literatur

Begegnungen

Wilhelm Flitner – Hans-Jochen Gamm

Warum macht Wilhelm Flitner einen so großen Eindruck auf Sie, Herr Professor Gamm2?

Hans-Jochen Gamm antwortete:

Flitner konnte als lehrender Pädagoge, als Professor, durch die Art seiner Vorlesungen, besonders durch seinen Vorlesungsstil begreiflich machen, wie einzelne Gedanken geschichtlicher Art sich zu einer Theorie zusammenfügen. „Vorlesungen sind Selbstgespräche vor Zeugen,” war sein Leitspruch.

Er vermittelte den Eindruck eines anspruchsvollen und zugleich bescheidenen Gelehrten, wie wir uns die Gestalt Wilhelm von Humboldts vorstellen. Er fühlte sich der klassischen Humanitätsidee verpflichtet. Sie wurde von Flitner vertreten und erweitert dadurch, dass er namentlich dazu beigetragen hat, den ersten Weltkrieg zu entzaubern.

Flitner war Künstler im Sinne einer ästhetischen Abfassung seiner Schriften. Er ist ein ästhetisches Phänomen. Er war vor allem ein Sprachkünstler. Auch spielte er gern Klavier, und er wäre sicherlich ein guter Dirigent geworden. Seine Eltern hatten auf seine musische Erziehung großen Wert gelegt.

Flitner war ein Praktiker, der allen neuen Entwicklungen gegenüber offen war. Was er sah, fügte er in sein bisheriges Erkenntnisspektrum ein. Er war ein praktischer Pädagoge in bildungstheoretischer Perspektive.

Nach Entlassung aus polnischer Kriegsgefangenschaft und Flucht aus Rostock nahm Hans-Jochen Gamm in Hamburg das Studium der Pädagogik, Geschichte und der Theologie wieder auf. Er legte 1953 die „Erste Lehrerprüfung für das Lehramt an Grundschulen, Praktischen und Technischen Oberschulen” ab und erhielt durch Vermittlung von Prof. Walter Jeziorsky eine Lehrerstelle an der Grundschule für Mädchen in der Bogenstraße 36.3 Bereits 1956 konnte Hans-Jochen Gamm ein erstes theologisches Fakultätsexamen mit dem Schwerpunkt Kirchengeschichte an der neu eingerichteten Theologischen Fakultät der Universität Hamburg absolvieren.

Auf den Rat von Dr. Uhsadel4 hin: „Gehen Sie doch zu Wilhelm Flitner, um bei ihm zu promovieren!” erhielt Gamm Kontakt mit Professor Wilhelm Flitner. Auch Dr. Uhsadel war bei Wilhelm Flitner Mitte der 30er Jahre mit dem Thema „Die Kirche im Erziehungswerk” promoviert worden.

So ging Hans-Jochen Gamm zu Wilhelm Flitner und sagte:

„Ich möchte bei Ihnen promovieren, und zwar über etwas zwischen Kirchengeschichte und Pädagogik. Er habe das Theologische Abschlussexamen als erster Kandidat an der neugegründeten Theologischen Fakultät der hiesigen Universität abgelegt. Damit hätte ich meinen Beruf wechseln, also Pfarrer werden können. Mein Interesse aber galt der Pädagogik, und darum möchte ich in Pädagogik promovieren. Mein Interesse fokussiert sich in dem Problem des Zusammenhanges der protestantischen Konfessionen, Luthertum gegen Calvinismus.“

„Ja”, so Wilhelm Flitner, „da könnte man etwas machen – von seltener Art!”

Er nannte F. W. Dörpfeld, der in dieser Richtung wegweisend geworden und der immer Volksschullehrer geblieben sei. Keiner kenne ihn heute noch, den bedeutendsten Volksschullehrer des 19. Jahrhunderts. Gamm machte einen Formulierungsvorschlag: „Individuum und Gemeinschaft im pädagogischen Werk F. W. Dörpfelds”. Flitner sagte: „Jawohl, das ist in Ordnung.“

Der Konflikt mit Wilhelm Flitner entstand durch meine ersten Veröffentlichungen, „Das Elend der spätbürgerlichen Pädagogik”, „Kritische Schule” und „Erziehung in der Klassengesellschaft”, die Anfang der siebziger Jahre erschienen. Mein Engagement, das ich politisch links ansiedelte, kommt in diesen Schriften zum Ausdruck. Wilhelm Flitner antwortete dezent. Eine vertrauliche Mitteilung von Herwig Blankertz aus dem Munde von Wilhelm Flitner lautete: „Ich bedaure seine politische Entwicklung, kann ihm aber meine Anerkennung nicht ganz versagen.”

Wilhelm Flitner zeigte sich hier als Politiker, als politisch urteilsfähig. Sein Bedauern war nicht als eine allgemeine Ablehnung meines politischen Engagements gemeint; aber was aus dem Marxismus politisch real in der Sowjetunion geworden war, musste er ablehnen. Er hielt stattdessen an der Humanitätsidee fest, bzw. an der unverkürzten Humanitätsidee im Sinne von Wilhelm von Humboldt. Gamm betonte, dass Flitner die ehrliche politische Stellungnahme schätzte, sie für ihn ein zentrales Moment der Humanitätsidee hielt und dazu Humboldt zitierte: „Das Wahrhaftige ist immer das Erstrebenswerte”.

Hans-Jochen Gamm erinnerte sich an zwei grundlegende Aussagen Wilhelm Flitners, und zwar zur Frage der Religion: „Wer die Ehrfurcht vor dem Leben nicht zu buchstabieren vermag, hat gar nichts,” und zur Pädagogik – im Rückgriff auf Schleiermacher – „Die junge Generation soll fähig gemacht werden, im Gegenwärtigen zuzugreifen, und wo sich Besseres anzeigt, mitzuwirken.” Hamburg, den 1. März 2009.

Gerhard Jürs

„Dieser Text ist mir vorgelegt worden, und ich bin mit dieser Fassung einverstanden.”

Gez. Hans-Jochen Gamm

Wilhelm Flitner – Werner Nitt

Werner Nitt5 wurde am 27. Oktober 1931 geboren, wuchs im „Dritten Reich” auf, besuchte ab 1942 in Hamburg die „Oberschule für Jungen in Eimsbüttel” und erlebte im Zuge der Kinderlandverschickung Geborgenheit in Gößweinstein in der Fränkischen Schweiz. Er erhielt im Frühjahr 1951 das Reifezeugnis dieser Oberschule. Anschließend begann er auf Wunsch seiner Eltern eine Banklehre; aber sein Wunsch war es, „zu studieren, mindestens zwanzig Jahre lang”, wie er sich erinnerte. Die Banklehre schloss er 1957 ab.

Werner Nitt konnte schließlich seinen Wunsch erfüllen und studierte ab dem Sommersemester 1954 an der Hamburger Universität Erziehungswissenschaft mit dem Wahlfach Französisch und schloss 1958 sein Studium bei Wilhelm Flitner mit dem Ersten Staatsexamen im Wintersemester 1958/59 „sehr gut” ab.

Werner Nitt erhielt 1962 ein Lehramt am Hansa Kolleg6 mit den Fakultas in Französisch, Englisch, Philosophie und Soziologie. An diesem Kolleg werden Menschen mit Berufs- und Lebenserfahrung unterrichtet, welche die mittlere Reife, das Abitur oder die Fachschulreife erwerben wollen. Sie können hier in allen Fächern der gymnasialen Oberstufe unterrichtet werden.

Um den Kollegiatinnen und Kollegiaten zur Seite zu stehen, bot Werner Nitt Arbeitsgruppen an, die wöchentlich abends in seiner Wohnung in der Wachtelstraße7 tagten, auch nach Eintritt in den Ruhestand bis zu seinem letzten Lebensjahr.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Juli 2009 starb Werner Nitt. Seine Schülerin Esther Clodius sprach die Totenrede auf der Trauerfeier am 17. Juli 2009:8

„Werner Nitt war ein Mensch, der uns eine Welt eröffnete, die vielen von uns verschlossen geblieben wäre, hätten wir ihn nicht gekannt. Ich spreche von der Welt des Geistes, in die er uns als Lehrer geführt hat, die er vor unseren Augen lebendig entfaltet hat. Seine Liebe galt dem Leben. Das Leben ist kein factum brutum, es ist Möglichkeit. Er entfaltete alles auf seine Möglichkeiten hin. Wir haben bei ihm nicht Philosophie gelernt, sondern das Leben geistig zu erfahren. Er hat uns das Denken gelehrt. In seiner Entfaltung eines philosophischen Werkes wurde der geistige Gehalt dieser Werke und seiner Schöpfer lebendig. Er hat uns nicht geschont, nie versucht das Schwierige leicht zu machen, uns in Strenge und Liebe geleitet. Verfestigtes Denken ist Mimesis ans Tote. So müssen Werke, die ohne Abschluss nicht sein können, immer wieder ins Leben gebracht werden. (…)“

Über seinen Lehrer Professor Wilhelm Flitner sprach Werner Nitt in verschiedenen Sitzungen seiner Arbeitsgruppen, besonders in den Jahren 2007 bis 2009:

„Meine Position“, so Werner Nitt, „mit der ich in das Studium ging, war gekennzeichnet durch die Entscheidung für den Kommunismus. Im SDS hatte ich die Option für diese politische Richtung kennengelernt.“

„In meinem Bekanntenkreis an der Hamburger Universität empfahl man mir als Prüfer für das Erste Staatsexamen Professor Wilhelm Flitner. Er wurde mir als ein anregender, ernsthafter, an der Sache orientierter Pädagoge und Philosoph vorgestellt, ganz im Unterschied zu den anderen in Frage kommenden Pädagogen der Philosophischen Fakultät. Die Prüfung verlief spannend und für mich sehr positiv. Wilhelm Flitner ließ mich meine Gedanken frei entfalten: Ich entwickelte mein vorgeschlagenes Thema „Das Problem der Metaphysik” von Martin Heidegger aus und ging auf die markantesten Stationen der Philosophiegeschichte zurück. Der Prüfungsvorsitzende OSR Wagner verhielt sich sehr zurückhaltend. Erst gegen Ende meldete er sich zu Wort: „Aber Herr Professor, Sie haben ja den zweiten Teil der Prüfung noch nicht angesprochen!” Wilhelm Flitner stellte daraufhin noch eine Frage zu Theodor Litts pädagogischer Theorie und die Prüfungszeit war abgelaufen.“ Werner Nitt hob zwei Eindrücke aus der Begegnung mit Wilhelm Flitner besonders hervor:

„Erstens, die Prüfung verlief für mich positiv. Mir war sehr sympathisch, dass Professor Flitner seine pädagogischen Ausführungen stets philosophisch einkleidete, dass er also handelte.

Zweitens sehe ich heute, dass er aber seine Gedankengänge häufig nicht eigentlich thematisch auf bestimmte Aspekte zuschnitt, die zu neuen Interpretationen der Vergangenheit und zu neuen Ausblicken für die Zukunft führen könnten, was eigentlich das Philosophische eines Vortrages ausmacht. Er modalisierte nicht, würden Niclas Luhmann und Gotthard Günther sagen, d. h. er stellte seine Gedanken weniger als neue mögliche Sichtweisen auf die Vergangenheit und auf die Zukunft dar, er thematisierte seine Sache, seine Gedanken nicht genügend auf Möglichkeiten hin, die eine Sache, ein Thema in der philosophischen Reflexion ermöglichen.“

Hamburg, den 26 August 2009          Gerhard Jürs

Einleitung

Wilhelm Flitner musste sich als Gelehrter und Pädagoge in sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen zurechtfinden:

Im „kaiserlichen Obrigkeitsstaat” in Thüringen, in der er 1889 in Berka bei Weimar geboren wurde, das Realgymnasium – die „Erste Bürgerschule” – dort besuchte und erfolgreich abschloss und danach sein Studium in Jena für das Lehramt an Gymnasien9 aufnehmen konnte. Aber schon bald – im Jahre 1914 – fühlte sich Flitner verpflichtet, als Freiwilliger an die „Westfront” zu gehen.

In der „demokratischen Republik”, in der Weimarer Republik, in der er 1919 mit Herman Nohl die erste Volkshochschule in Thüringen gründete, als Lehrer vielseitig tätig wurde, Kontakte mit Gleichgesinnten aufnahm und Pläne für den Umbau des deutschen Bildungswesens erarbeitete. Am Ende erlebte er den schrittweisen Untergang der Republik.

Im „Dritten Reich” wurde ihm die Position als Direktor des Pädagogischen Instituts der Universität Hamburg genommen.

Als Flitner mit seiner Familie nicht emigrieren konnte, blieb er in Hamburg und ging in die absolute Distanz zum nationalsozialistischen Einheitsstaat. In der nun frei gewählten „inneren Emigration” entstanden entscheidende Vorarbeiten zu seinen Hauptwerken, u. a. zu „Goethe im Spätwerk” und zur „Europäischen Gesittung”, die er später zu „Der Geschichte der abendländischen Lebensformen” ausbaute. Auch „Die vier Quellen des Volksschulgedankens” erschien bereits in dieser Zeit.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erhielt er als ordentlicher Professor der philosophischen Fakultät der Universität Hamburg endlich die Freiheit, die universitäre Ausbildung der Lehrer an der Universität nach seiner Vorstellung entscheidend mitzugestalten. Er erhielt die Leitung des Erziehungswissenschaftlichen Seminars und wurde Direktor des Pädagogischen Instituts der Universität Hamburg. Was durchgehend Flitners Denken und Wirken kennzeichnet, kann als sein pädagogisches Ethos bezeichnet werden, das in jeder dieser Phasen jeweils an Intensität und inhaltlicher Ausrichtung wuchs, geprägt auch jeweils von der gegebenen gesellschaftlichen Lage.

Im Folgenden lasse ich mich ein auf meinen Hochschullehrer Professor Wilhelm Flitner, auf einen der bedeutenden Pädagogen und Gelehrten des letzten Jahrhunderts.

Nach meiner ersten Veröffentlichung im Jahre 2007 zu dem Thema „Wilhelm Flitners politische Sorgen am Ende der Weimarer Republik” befasse ich mich nunmehr mit einer weiterführenden Studie über ihn, die sein Leben und Wirken besonders in den Jahren 1929 bis 1934 in den Mittelpunkt stellt.

Dabei versuche ich mich nicht daran, eine umfassende Biographie Flitners zu verfassen, also das Gesamtwerk Wilhelm Flitners zum Gegenstand meiner Untersuchung zu machen. Vielmehr geht es mir vorrangig darum, mich – aus meiner eigenen Sicht – dem Leben und Werk Flitners dieser Jahre zu nähern, es zu interpretieren und mich selber in dieser Rolle mit zu bedenken. Dabei werde ich in seinem Denken und Wirken die Nähe zur pädagogischen Praxis besonders hervorheben. Dafür sehe ich drei Gründe:

Erstens: Ich habe Wilhelm Flitner kennen gelernt während des Studiums der Erziehungswissenschaft an der Hamburger Universität und in der „Ersten Lehrerprüfung”10, dann als Doktorand und sein Assistent – zusammen mit Manfred Schiesches und Heinz Semel – und schließlich als Teilnehmer an seinen Veranstaltungen im Pädagogischen Institut.

Als Flitner nach Tübingen umgezogen war, traf sich der Flitner-Kreis, nun als „Arbeitskreis für Erziehungswissenschaft”, an verschiedenen Orten in Hamburg, so zum Beispiel 1974 im Elsa-Brandström-Haus in Hamburg-Blankenese. An diesen Treffen nahm Flitner regelmäßig teil.

Zweitens: Ich habe Wilhelm Flitners Nähe zur pädagogischen Praxis in vielfältiger Weise erfahren, sehr eindrucksvoll bei seinem Besuch meines Klassenraumes an der Haupt- und Realschule Schule Steinadlerweg in Hamburg Billstedt im Spätherbst 1960.11 Er wünschte die dort ausgestellte Präsentation des „Betriebspraktikums für Schüler” der 8. Klasse zu sehen. Das Betriebspraktikum hatte ich als Klassenlehrer organisiert, vorbereitet und durchgeführt.12

Der Besuch der Schule kam nach dem Oberseminar im Pädagogischen Institut der Universität Hamburg noch am späten Abend gegen 19 Uhr zustande. Flitner betrachtete intensiv die Ausstellung, insbesondere die Schülerarbeiten und die ausgestellten Berichte der Schülerinnen und Schüler über die Erfahrungen in der Arbeitswelt.

Drittens: Ich bin davon überzeugt, dass die renommierten Pädagogen und Soziologen, von Karl C. Lingelbach (1970) über Adalbert Rang (1989) und Wolfgang Keim (1995 und 1997) bis zu Wolfgang Klafki (2002) und Winfried Mogge (2013), die Wilhelm Flitner und seine Veröffentlichungen 1933/34 in eine gewisse Nähe zum Hitler-Regime stellen, zumindest ihn verdächtigen, im Unrecht sind. Unrecht tun Wilhelm Flitner auch diejenigen, die seinen Namen und seine Verdienste – hier beispielhaft die Gründung der Volkshochschulen 1919 in Jena und Thüringen, die ein Werk von Wilhelm Flitner waren, oder die Gründung der Theologischen Fakultät, die von Flitner wesentlich unterstützt wurde – schlicht unterschlagen. So verfährt zum Beispiel Ludwig A. Pongratz mit dem Beitrag „Erwachsenenbildung” im „Handbuch kritische Pädagogik”.13

Ich werde im Folgenden aus meiner Sicht schreiben, ohne zu beanspruchen, dass meine Sicht auf Wilhelm Flitners Leben und Werk zwingend und zweifelsfrei sei. Aber auch die gegenteiligen Sichtweisen auf Wilhelm Flitner, zum Beispiel jene, die ihn und seine Beiträge 1931 bis 1934 in die Nähe des Hitler-Regimes stellen, können einen solchen Anspruch nicht erheben.

Um meine Untersuchungen zu führen, beziehe ich mich im Wesentlichen auf Wilhelm Flitners Beiträge in der pädagogischen Zeitschrift „Die Erziehung” 1933, auf Wilhelm Flitners „Gesammelte Schriften” Band 1-14, auf das Interview14 seiner Tochter Anne Hennig in der Werkstatt der Erinnerung, auf die Korrespondenzen, die er 1930 bis 1934 mit seinen Gefährten in den Politischen Konferenzen 1931 bis 1933 führte15, die Forschungsstelle für Zeitgeschichte

Hamburg und auf die Flitner-Akte der „Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte”16, und nicht zuletzt auf meine eigenen Erinnerungen an Wilhelm Flitner.

Der Aufbau der Untersuchung setzt den Ansatz und den Schwerpunkt auf die Beiträge, die Flitner 1933 für die pädagogische Zeitschrift „Die Erziehung” schrieb. Meine Interpretation – wie angedeutet – zeigt auf, dass sich Flitners Denken und Tun in jener Zeit – wie auch in der gesamten NS-Epoche – in keine Nähe zu dem NS-Regime und seine Ideologie führen lässt. Die folgenden Kapitel meiner Studie in Teil 1 bis Teil 4 haben dann die Aufgabe, diese Apologie zu belegen und zu sichern. Dabei soll die Flitners Denken und Handeln kennzeichnende Gesinnung, die humane Gesinnung, besonders hervortreten.

Das gedruckte „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat” vom 12. November 1933 ist mir bekannt, auch, dass der Name Wilhelm Flitner unter den ”Zustimmungserklärungen” steht. Ich bin aber nicht überzeugt davon, dass Wilhelm Flitner seine Zustimmungserklärung tatsächlich gegeben hatte. Seine persönliche Unterschrift ist nicht belegt.17

1 Wilhelm Flitner 1933 — eine Apologie

Wilhelm Flitner lebte mit seiner Familie seit 1929 in Klein-Flottbek in Altona vor den Toren Hamburgs. Er lehrte als Professor in der Philosophischen Fakultät mit dem Schwerpunkt Erziehungswissenschaft an der Hamburger Universität und wurde bereits 1931 zum Dekan dieser Fakultät gewählt. Außerdem leitete er als Direktor das Pädagogische Institut der Universität. Daneben arbeitete er als Schriftleiter der angesehenen pädagogischen Zeitschrift „Die Erziehung”.18

Die Zeitschrift „Die Erziehung” wurde auf Betreiben von Wilhelm Flitner und Eduard Spranger 1926 im Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig gegründet und erschien mit ihrem ersten Jahrgang schon im selben Jahr. Als Herausgeber zeichneten: Alois Fischer, Theodor Litt, Herman Nohl und Eduard Spranger und ihr Schriftleiter Wilhelm Flitner.

Nach den Reichstagswahlen am 5. März 193319 drängte der Verlag die Herausgeber und den Schriftleiter, Beiträge zur neuen nationalen Lage für die „Erziehung” zu liefern. Im Aprilheft 1933 erschienen daraufhin zwei Artikel, die in jener Zeit für Verwunderung sorgten und bis in die Gegenwart hinein zu kontroversen, auch heftigen Diskussionen bei ihren Lesern geführt haben, die Aufsätze „März 1933” von Eduard Spranger20 und, direkt anschließend, „Die deutsche Erziehungslage nach dem 5. März 1933” von Wilhelm Flitner.21Im Folgenden geht es um den zweiten dieser Texte.

1.1 „Die deutsche Erziehungslage nach dem 5. März 1933 von Wilhelm Flitner”

Die Interpretation dieses „Beitrags 1933” möchte ich in folgende Abschnitte gliedern, wobei abschließend kritische Stimmen zu diesem Text folgen sollen:

●Die Eröffnung des „Beitrags 1933”

●Die Problemstellung

●Die Grundlage einer neuen Erziehungspolitik

●Die Aufgabe des neuen deutschen Erziehungssystems

●Das neue „System der Nationalbildung”

●Kritische Stimmen zum „Beitrag 1933”.

Die Eröffnung

Wilhelm Flitner eröffnete seinen Beitrag mit einer Kennzeichnung der Situation und mit kritischen Fragen an die neuen Machthaber und an die Pädagogen:

„Der deutsche Erzieher wird in diesen Tagen, teils mitgerissen durch die vaterländische Begeisterung, teils in der Beklommenheit, die jede schicksalhafte Entscheidung erweckt, mit sich zu Rate gehen und den Ort suchen, an dem das Erziehungswerk von den Vorgängen betroffen und zu neuer Anspannung aufgerufen ist.“22

Der Beitrag wandte sich dann an die neuen Machthaber und an die Pädagogen:

„Alte Hoffnungen der pädagogischen Bewegung werden aufgewühlt. Der Augenblick richtet an die neuen Machthaber die Frage, ob sie die Aufgaben deutscher Erziehung wirklichkeitsgetreu sehen, an die Pädagogen, ob sie die Situation erkennen.“23

Aus dieser Eröffnung des Beitrags spricht keine Begeisterung Flitners über den Machtantritt der Nationalsozialisten und deren Bestätigung am 5. März 1933, wohl aber eine erste Erleichterung darüber, dass die „staatenlose” Phase der Weimarer Republik nun ein Ende gefunden habe und dass ein neuer Anfang gemacht werden könne, die politisch-ökonomische Krise des Landes endlich zu meistern. Gleichzeitig wird bereits in diesen eröffnenden Zeilen seine Absicht deutlich, die neuen Machthaber zu täuschen. Er war sich sicher, dass seine Leserschaft seine Täuschungsstrategie durchschauen würde, wenngleich er sich hier auch selbst täuschte, wie die späteren Kritiken besonders am Ende des 20sten Jahrhunderts aufzeigen sollten. Der „Intention” entsprechend lassen sich drei Fragenkreise ausmachen, in denen die Gedanken Flitners sich bewegen und den Grundgedankengang des Beitrags entwerfen:

●Die Problemstellung: „Klagen und Forderungen”,

●Was bedeutet die neue politische Macht für die „Nationalbildung” und

●Welche Chance eröffnet diese Macht dem deutschen Erziehungssystem?

Die Problemstellung:

Nach einer kurzen Einleitung, in der Flitner den Bezug zur neuen Lage herstellt und die eigentliche Aufgabe einer wissenschaftlichen Zeitschrift herausstellt, entwickelt er die Problemstellung in Form eines Rückblicks auf die Anfänge der „deutschen pädagogischen Bewegung”.24 Dabei beruft er sich auf die grundlegende Kulturkritik des antisemitischen Orientalisten Paul de Lagarde,25 der als einer der ersten bereits im Jahre 1885 – neben Friedrich Nietzsche26 – eine fundamentale Kritik an den deutschen Zuständen, besonders in der Erziehung, formuliert habe und behauptete, „daß wir Deutschen keine Einheit des Ideals in der Erziehung besäßen, sondern einen ‚Harem der Ideale’.” Flitner fährt fort:

„(…) Höhere (wissenschaftliche Bildung) und volkstümliche Laienbildung klaffen bei uns auseinander, christliche und antikhumanistische Motive seien in der höheren Bildung nicht vereinigt; die volkstümliche Bildung sei nicht auf das tätige Leben des werktätigen Menschen bezogen; der Staat und das Volkstum bilden nicht die einheitliche Grundlage beider Erziehungswege; die führenden Schichten werden nicht zu Regenten, zu Männern der Tat und zu opferbereiten, ritterlichem Führertum erzogen; der Staat mache sich in der Erziehung nicht als Volksstaat geltend, der freie Männer bündisch und sittlich zusammenhält, sondern als zentralistischrationalistischer Untertanenstaat, der einen affektierten theoretischen ‚Patriotismus’ züchtet, (…): mit diesen Klagen und Forderungen hat jene Bewegung begonnen.“27

Flitner kennzeichnete in dieser Form – in der Sprache seiner Zeit – seine Wahrnehmung der gesellschaftlichen Zustände in dem Land und kehrte besonders die Zerrissenheit der deutschen Verhältnisse hervor. Er machte bereits in der Weimarer Republik immer wieder auf diese Zerrissenheit aufmerksam,

●auf die Kluft zwischen der Schicht der Reichen (der Besitzenden) und der ärmeren Schichten der Bevölkerung und

●die Spaltung der deutschen Gesellschaft durch ein dreigliedriges oder zweigliedriges Bildungssystem, das sich bis heute in einigen Ländern durchgängig halten konnte, außerdem durch große Bildungsunterschiede bei gleicher Schulausbildung,

●auf die politische Kluft unter den deutschen Ländern am Ende des 19. und 20. Jahrhunderts, besonders im Bereich der Erziehung und Bildung, und

●auf erhebliche Spannungen zwischen den Einheimischen und den aus europäischen Ländern – und anderen Völkern – zugezogenen Flüchtlingen, die auf eine neue Heimat hoffen.28

Die Grundlage einer neuen Erziehungspolitik

Sein Gedankengang setzt ein mit der Feststellung, dass nun politische Widerstände gegen eine „ineinandergreifende Nationalbildung” ausgeräumt wären, „wenn nicht ‚neue Weltanschauungen’ Ansprüche erheben und die Nation aufs neue spalten.”29

„Die Macht hat einer geistigen Auseinandersetzung ein Ende gemacht, deren Aussichtslosigkeit in der Volksbildungsbewegung wohl seit langem am deutlichsten erfahren war. Der Bolschewismus und die bloß gesellschaftliche Auffassung von Staat und Erziehung waren durch Diskussion und Lehre nicht zu überwinden, ihr Anspruch auf die öffentliche Erziehung ließ sich nur politisch vernichten. Der konsequente naturrechtliche Liberalismus als Staatsanschauung hat in Deutschland keine wirkliche Macht auf die Erziehung beansprucht und bietet keinen wirklichen Widerstand gegen einen einheitlichen Gedanken unserer öffentlichen Erziehung.“30

Flitner geht dazu über, diese Botschaft an die Adresse der Machthaber ausführlich zu begründen. Er eröffnet sie mit der Grundthese: In der Nationalerziehung sei die „Einheit des Ideals” die unbedingte Notwendigkeit:

„(…) die Einheit des Ideals, die in der öffentlichen Erziehung der Nation eine unbedingte Notwendigkeit ist, ist nicht das Produkt einer einheitlichen, programmatisch faßbaren "Weltanschauung" – sondern die Einheit einer Gesittung, die sich in der Bewältigung der einheitlichen nationalen Aufgabenwelt bewährt.“31

Diese Gesittung, so argumentiert Flitner weiter, könne nur aus dem Glauben kommen und der Glaube ließe sich nicht anordnen:

„Gesittung regeneriert sich nur durch den Glauben; der Glauben aber läßt sich nicht kommandieren, nicht züchten und nicht erziehen, der Geist weht, wo er will, der Glaube kommt durch den Geist.“32

„Wir Deutsche” aber seien auf die christliche Gläubigkeit, auf die protestantische und die katholische, angewiesen, und in ihr und außerhalb ihr bewege viele die Mystik, die sowohl auf „altgermanische Neigungen” zurückgehe als auch auf „platonisch-philosophische Spekulationen und jüdisch-christliche Überlieferungen”.33 Diese Gläubigkeit, so Flitner, sei in der Jugendbewegung wirksam gewesen und sei nun wieder in den „neuen politischen Bewegungen” mächtig geworden. Sie trage eine Kraft der Erneuerung in sich, die sich der „politischen Gesittung” zuwenden werde, – und das gelte besonders auch für den Neubau des Staates. Dafür sei das tapfere Bekenntnis der Altonaer Pastoren vom 11. Januar 1933 ein ermutigendes Zeichen.34

Aber diese Bewegungen, hebt Flitner hervor, die bei uns den Staat tragen könnten, müssten sich an den überlieferten Glaubensstellungen unserer Volksgeschichte begründen; diese aber seien durchaus nicht mit einer „einheitliche[n] programmatisch formulierbare[n] ‘Weltanschauung’” zu vereinbaren.35

Die Überwindung der Glaubenskämpfe sei in der Tat für „uns Deutsche” ein Fernziel, ein heißer Wunsch, der an die Hoffnungen großer deutscher Epochen erinnere:

„Aber keineswegs läßt sich die überlieferte Dreiteilung unserer Gläubigkeit von der Macht her überwinden, und sollte es versucht werden, dann würde das Herz Deutschlands bluten. Der Glaube kann nur von sich selbst her, durch den Geist genötigt werden.”36

Die politische Macht könnte nur die „Ungläubigkeit aus der Staatsträgerschaft” ausschalten wollen, und dass sie es vorhabe, sei der große Umschwung, den die Märztage gebracht hätten.37 Wir könnten auf die „alten Grundlagen unserer Gesittung” zurückkehren, wenn wir: erstens die „Verwirrung der Geister” aufgäben, die durch „Emanzipation des Individuums im 19. Jahrhundert” entstanden sei, und zweitens, wenn wir nicht einer „neuen Schwarmgeisterei” verfielen, die eine Vergötzung des „kollektivierten Menschen” an die Stelle der „Hybris des individualistischen” setzte.38

Die „alte deutsche Gesittung”, wie sie sich seit der Reformation gestaltet habe, beruhe auf „Ehe, Beruf, Eigentum und Selbstverantwortung in Stand und Familie” und – als Errungenschaft des 19. Jahrhunderts – auf der „nationalstaatlichen Mitverantwortung” des Volkes. Und Flitner führte weiter aus, dass diese Gesittungsgrundlage des Nationalstaates „eine zivile und eine militärische Seite” besäße. Zu jener gehöre die Fähigkeit des einzelnen, seine eigenen Aufgaben und Pflichten so zu ordnen, dass das Gemeinwohl über seinem Eigenwohl stehe, zu diesem gehöre die „soldatische Bereitschaft und die ritterliche Gesinnung, die allein dem Kriegsdienst seine volle Versittlichung gibt”.39

Die Aufgabe des neuen deutschen Erziehungssystems

Das neue Erziehungssystem soll auf dieser einheitlichen Grundlage der Gesittung gestaltet werden. Das hieße aber keineswegs einen Rückgang auf die Erziehungsinhalte der Vorkriegszeit, und zwar aus zwei Gründen:

Zum einen stand die alte Erziehung viel zu sehr unter dem Einfluss der „rationalistisch-intellektualistischen Pädagogik des 18. und 19. Jahrhunderts”. Zudem sei eine sittliche Bildung im Sinne des Nationalstaates gar nicht und eine zivile Nationalerziehung ernsthaft überhaupt nicht entwickelt worden. Heute ginge es um den Menschen des sozial, wirtschaftlich und politisch neugebauten Deutschlands.

Zum anderen gilt es ein Erziehungssystem zu schaffen, das nicht aus einer gesicherten, sondern – gemäß der Lage des neuen Deutschlands – aus einer „bedrohten Gesittung” hervorwachse. Heute ginge es, so hob Flitner hervor, „um den Menschen der europäischen Krise, des zerbröckelnden kapitalistischen Wirtschaftssystems und des politisch bedrohten Deutschlands.”40

„Wer diese Zeit bestehen und Träger des Staates werden soll, der muß anders durchgebildet werden als der Mensch der Vorkriegszeit, der sich auf eine stetig fortschreitende städtisch-kapitalistische Welt vorbereitete. Jetzt handelt es sich um den Menschen der europäischen Krisis, des politisch bedrohten Deutschlands, der zerfallenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung – um den Menschen, der eine neue und echte Volksordnung mitzutragen bereit und fähig ist.” 41

„Alte Gesittung in neuer Lage”, das sei die eindeutige Aufgabe der Nationalerziehung. Die Frage sei nur, so Flitner, ob die heute Regierenden diese eindeutigen Aufgaben der Nationalerziehung erkennen? Er gibt der Staatsmacht den notwendigen Hinweis: Sie habe sich schlicht der Erfahrung zu bedienen, die in der „pädagogischen Bewegung”42 bereits vorläge:

„Seit Lagardes Zeit ist im Erziehungsgebiet experimentiert und mit Enthusiasmus Neues versucht worden – die Öffentlichkeit hat mehr die Auswüchse und Irrwege dieses Experimentierens zur Kenntnis genommen als die tiefbegründeten Versuche. Langsam bereitete sich eine neue Front in Deutschland vor – wie in der Kirche und in der Politik so auch in der Erziehung. Angehörige beider Konfessionen, aller Parteien, aller Stände und Berufe haben in der bündischen Bewegung gefunden, daß sie keinen Klassen- oder Gruppenkampf untereinander führen dürfen, daß sie vielmehr eine Einheitsfront bilden, die das Deutschland einer wirklichen Volksordnung erkämpft gegen das Deutschland der kapitalistisch-liberalistischen Gesellschaft, das Deutschland der in der Programmatik zerteilten Parteiung. In der feldgrauen Frontkameradschaft hat man die militärische Bewährung dieser Einheitsfront erlebt, während die zivile von einer Elite im Vorkriegs-deutschland von der bündischen Jugend geahnt war.”43

Doch die alles entscheidende Aufgabe, neben dem sich schon regenden „militärische[n] Wehrwille[n]”, sei der Aufbau der „zivile[n] Front der neuen Volksordnung”, die schon die bündische Jugend im Vorkriegsdeutschland im Blick gehabt hätte. Sie wäre dann in der Lage, die Einheit des Ideals und mit ihm die Nationalerziehung zu tragen. Hier läge die schwere Aufgabe der neuen Staatsführung, vor der sie sich bewähren müsse, nämlich:

„Die Erziehung nicht aus einer willkürlichen Programmatik heraus, sondern aus der einheitlichen Gesittung dieser zivilen Staatsträgerschaft. Das ist die Aufgabe, vor der sich die neue Staatsführung bewähren muß.”44

Das neue „System der Nationalbildung”

Flitner geht dazu über, das neue Erziehungssystem, das „System der Nationalbildung”, zu entwerfen, indem er die grundlegenden Aufgaben des Systems und seine politischen Voraussetzungen skizziert, um dann zu zeigen, worauf es in dem neuen System im einzelnen ankäme, in der Sozialpädagogik, in der Grundschulerziehung, in der Jugendführung, womit die Oberstufe der Volksschule und die der Höheren Schulen gemeint sind, und in der Hochschule.

Das neue Erziehungssystem als ein Ganzes solle sich zum einen auf den Ertrag der „pädagogischen Bewegung” gründen, und es bedürfe zum anderen einer klaren staatlichen Führung, um Räume zu sichern, wo pädagogisches Leben frei und selbstverantwortlich sich entfalten könne.

Es solle vor allem „’auf das Leben vorbereiten’”, womit Flitner die alte Forderung der „pädagogischen Bewegung” zitiert:

„Das neue deutsche Erziehungssystem wird überall unmittelbar auf Volkstum, Staat, Nation, deutsch-christliche Gesittung zurückkehren und von da her auf das Leben vorbereiten.”45

Aber, so mahnt Flitner, Lebenstüchtigkeit dürfe nicht bloß gesellschaftlich verstanden werden, also nicht mehr die „bloße Berufserziehung” meinen. Lebenstüchtigkeit in „Haus, Hof und Arbeitsstelle” sei nur eine Seite der wirklichen Lebenstüchtigkeit; und wer allein auf seine Berufsarbeit poche, „könne heute sehr lebensuntüchtig” sein. Denn andererseits müsse Lebenstüchtigkeit vielmehr die „Fähigkeit des Volksdienstes und die Einordnung in Staat und Nation” betonen, also die Gesittung im Dienste des Volkes und zum Wohle der Nation.46

Flitner hob hier die Anpassungsfähigkeit besonders des jungen Menschen hervor, die angesichts der deutschen und europäischen Krise dringend erforderlich sei: „Er müsse in Zukunft ebenso bereit sein, in jungen Jahren in einfachen Verhältnissen zu leben wie der Frontsoldat und der Siedler, der Arbeitsdienstpflichtige und der Wehrwillige; er müsse aber auch die Fähigkeit zu einer „hochqualifizierten spezialen Berufsdurchbildung besitzen”.47

„Die deutsche Wirtschaft beruht auf dem Ineinander höchst verschiedenartiger Wirtschaftszweige, die gerade durch ihre Mannigfaltigkeit und das Beieinander ländlicher Ursprünglichkeit und höchster gewerblicher und wissenschaftlicher Verfeinerung ihre Festigkeit in der Weltkrise erweisen kann.”48

Jene Führung, die zu dem Staat wesensmäßig gehöre, und die Freiheit, welche den Pädagogen als unabdingbar eingeräumt werde müsse, um der ihr gemäßen „Liebe und Vertiefung in das Eigentümliche der Erziehungsarbeit” nachgehen zu können, widersprächen sich keineswegs. Nur in „Verbindung dieser beiden Dinge” käme man über das Flickwerk der bisherigen pädagogischen Reformarbeit hinaus.

Flitner benutzte mit diesen Formulierungen die pädagogische Dialektik im Sinne Schleiermachers: Je klarer die Führung, um so größer und sicherer die Freiheit des pädagogischen Tuns vor Eingriffen der staatlichen Macht.49