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Vier Söhne, ein Flüchtling, kein Plan – aber jede Menge Herz!
Die Berichte in den Nachrichten, die vielen Bilder. So viele Flüchtlinge, und keiner weiß, wohin mit ihnen. Bei vier Söhnen, einer 90-jährigen Großmutter, Kater und Hund kommt es auf einen Jungen mehr auch nicht an, denkt die alleinerziehende Mutter und Journalistin Adrienne Friedlaender – und wenig später zieht der 22-jährige Moaaz aus Syrien bei ihr und ihren Söhnen ein. In amüsanten Episoden erzählt sie vom Multikulti-Mix unterm Reihenhausdach, von fröhlichen, irritierenden und bewegenden Begegnungen. So einfach kann Integration sein?
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Buch
Die Berichte in den Nachrichten, die vielen Bilder. So viele Flüchtlinge, und keiner weiß, wohin mit ihnen. Bei vier Söhnen, einer 90-jährigen Großmutter, Kater und Hund kommt es auf einen Jungen mehr auch nicht an, denkt die alleinerziehende Mutter und Journalistin Adrienne Friedlaender – und wenig später zieht der 22-jährige Moaaz aus Syrien bei ihr und ihren Söhnen ein. In amüsanten Episoden erzählt sie vom Multikulti-Mix unterm Reihenhausdach, von fröhlichen, irritierenden und bewegenden Begegnungen. So einfach kann Integration sein?
Autorin
Adrienne Friedlaender, Jahrgang 1962, ist freie Journalistin. Seit mehr als zehn Jahren schreibt sie Porträts, Kurzgeschichten, Interviews und Reisereportagen aus aller Welt für Tageszeitungen, Magazine und Online-Medien. Sie lebt mit drei ihrer vier Söhne im Alter von neun bis 21 Jahren in Hamburg.
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Adrienne Friedlaender
Meine Familie, ein Flüchtling und kein Plan
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© 2017 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Redaktion: Angela Kuepper Umschlaggestaltung: semper smile, München Umschlagmotiv: Shutterstock.com (© Lemberg Vector studio; © CatyArte; © JOAT; © Dora Zett; © Igor Iakovlev; © Alina G) WR · Herstellung: sam Satz: Uhl + Massopust, Aalen ISBN 978-3-641-21404-3 V002 www.blanvalet.de
Inhalt
1 – Wir holen »unseren Flüchtling« ab
Die Kinder wecken mein Gewissen. Wir fahren in die Erstaufnahme für Flüchtlinge, um einen Eindruck zu bekommen, uns umzuschauen, und merken sofort: Das hier ist kein Tierheim. Moaaz muss da sofort raus.
2 – Moaaz: ein Geschenk Allahs für die Oma
Handküsse und Ehrfurcht – Achtung vor dem Alter ist selbstverständlich für Moaaz. Das genießt unsere Großmutter in vollen Zügen. Küchen-Gedanken über das Frauenbild im Islam.
3 – Interview zum Asylverfahren
Bloß nicht wieder ohne Heimat! Schon Tage vor dem Besuch der Ausländerbehörde plagen Moaaz Angstattacken und schlaflose Nächte. Ein nervenaufreibender Behördentermin.
4 – Weihnachten im Wohnzimmer
Sieben syrische Männer sitzen auf dem Sofa vor dem Weihnachtsbaum und genießen freies WLAN statt Weihnachtsdekoration.
5 – Moaaz erzählt seine Geschichte – oder auch nicht
»Ein Messer unter dem Kopfkissen vertreibt die Albträume«, sagt Moaaz. Es ist nicht einfach, mit ihm über die Erlebnisse in der Heimat und auf der Flucht zu sprechen.
6 – Begegnungen der dritten Art …
… sind einige Erlebnisse auf der Stadtteilschule für Moaaz: Mädchen tragen »wenig Kleidung« und kuscheln Arm in Arm miteinander, Schüler knutschen im Schulflur. Und ich muss das alles erklären.
7 – Der Bart muss ab! Muss er?
Körperpflege lassen Jungs gern mal entspannt angehen. Als Jungsmutter bin ich Diskussionen darüber gewohnt. Aber wie spricht man mit einem fremden jungen Mann über dieses sensible Thema? Gedanken zum Hygienetalk von Mama zu Mann.
8 – Erziehungspflichten oder: Willkommen im ganz normalen Familienleben
Eigentlich ist es nicht mein Plan gewesen, noch einen weiteren Jungen zu erziehen. Ich lerne aber schnell, dass für eine erfolgreiche Integration neben Schutz und Geborgenheit auch die Vermittlung von Werten, Regeln und üblichen Umgangsformen unseres Lebens dazugehört – eben das ganze Erziehungsprogramm. Und das funktioniert nicht immer im Weichspülgang …
9 – Maybe und because …
Arztbesuche, Verabredungen, Pünktlichkeit und das syrische Zeitmanagement – eine Lebensauffassung und nicht immer einfach zu verstehen.
10 – Botox und Beziehungen
Vier Söhne und ein Hund seien genug Arbeit für eine geschiedene Frau, meint Moaaz. Und: Ein wenig Botox würde mir gut zu Gesicht stehen. Schließlich möchte er nur das Beste für seine deutsche Ziehmutter.
11 – Strip-Poker und Partys – Schampus oder Shisha
Junge Mädchen gehen bei uns aus und ein, meine Söhne feiern Partys und sind auch dem Alkohol keineswegs abgeneigt. Wie Alice im Wunderland lebt Moaaz unter meinen »freizügigen« Jungs. Leben und leben lassen, lautet das Geheimnis unseres Zusammenlebens – von Religion bis Sekt.
12 – Wie gefährlich ist ein Flüchtling?
Sexuelle Belästigungen in Köln, Übergriffe in der Silvesternacht in Hamburg. Was denkt Moaaz über diese Zwischenfälle? Und wie lebt ein junger Mann mit Vorurteilen in der Fremde?
13 – Sind Männer eigentlich immer klüger?
Die Frauenrolle ist auch heute noch überall auf der Welt ein Thema. Und keineswegs nur im Islam.
14 – Die Geschichte mit der Ernährung
Welche Lebensmittel – außer Marmeladentoast – sind eigentlich halal: erlaubt? Wie und was isst mein Ziehsohn am liebsten, und wo gibt es das überhaupt? Wir gehen einkaufen und kochen – Geschmäcker und Esskulturen treffen aufeinander.
15 – Moaaz erobert die Herzen, zuerst die der Nachbarn
»Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen«, so heißt es in einem afrikanischen Sprichwort. Auch Moaaz braucht mehr Menschen als uns, die ihn unterstützen in seinem neuen Leben. Und die finden sich im Nu. Liebenswürdig erobert er die Herzen seiner Helfer.
16 – Pauken, Popcorn und Projekte
»Nicht für die Schule, sondern fürs Leben (in Deutschland) lernen wir«: Wie Heidemarie und Ayse das Moaaz-Unterstützungsteam bereichern, und was Popcorn mit Integration zu tun hat.
17 – Die gute Fee
Kunsttherapeutin Marion ist nicht nur ein Segen für unsere Familie und Moaaz, sondern auch für viele andere Flüchtlinge.
18 – Oma meets Orient
Großmutter und der junge Mann aus dem Morgenland: Polittalk und Lebensweisheiten – die Seniorenresidenz wird zur unkonventionell-fröhlichen Fortbildungsstätte.
19 – Abschied, Neustart und eine neue Weltsicht
Wir haben alle voneinander gelernt: Ich überdenke unser Leben, Respekt, Familienzugehörigkeit und meinen Alltag.
Nachwort von Moaaz
Dankeschön
Adressen & Ideen zur Flüchtlingshilfe
Quellenverzeichnis
Ich habe einen Flüchtling at home. Und das bedeutet nicht nur, ihm ein Zimmer, Schutz und Geborgenheit zu geben, sondern auch, ihn mit Händen und Füßen, Herz und Verstand mit dem deutschen Alltag vertraut zu machen.
Manchmal geht das ganz einfach. Dann wieder macht man sich einfach zu viele Gedanken …
»Zum Pinkeln hinsetzen«, gab ich in den Google-Übersetzer ein. Auf der rechten Seite erschienen wunderschöne arabische Zeichen, deren Sinn sich meinem syrischen Ziehsohn allerdings nicht erschloss. Er blickte mich aufmerksam an und zuckte dann schüchtern mit den Schultern.
Ich versuchte es noch einmal und tippte: »Nicht im Stehen urinieren.« Aber das Übersetzungsprogramm war offenbar mit den Kloregeln überfordert. Moaaz’ Gesicht war ein einziges Fragezeichen.
Ich bat ihn, mir ins Badezimmer zu folgen, positionierte mich mit angewinkelten Beinen in eindeutiger Haltung vor dem Klo, hielt mit einer Hand meinen imaginären Schniedel Richtung Kloschüssel und pendelte mit dem Zeigefinger der anderen Hand: »We don’t like it this way in our house.« Dann drehte ich mich um und setzte mich auf die Brille. »It’s better like this.«
Moaaz sah mich verblüfft an, dann grinste er. »That’s normal«, antwortete er, während ich mir wie eine Vollidiotin vorkam.
Monate später ist mir klar: Es gab und gibt weniger Trennendes als Gemeinsames zwischen uns Menschen, egal, woher wir kommen. Wir alle haben unsere Ideen und Regeln, nach denen wir zu leben gewohnt sind, und wenn die mit denen anderer Kulturen zusammentreffen, kann es lustig werden, manchmal anstrengend und zum Haareraufen sein oder auch tief berührend … Immer aber ist es eine Chance, sich selbst neu zu sehen und zu hinterfragen. Und darüber hinaus ein ganz besonderes Abenteuer, von Mensch zu Mensch …
1
Wir holen »unseren Flüchtling« ab
Die Kinder wecken mein Gewissen. Wir fahren in die Erstaufnahme für Flüchtlinge, um einen Eindruck zu bekommen, uns umzuschauen, und merken sofort: Das hier ist kein Tierheim. Moaaz muss da sofort raus.
Und nun stand ich hier also im Matsch vor den Containern, die ich sonst nur von der A7 aus im Vorbeifahren gesehen hatte. Meine beiden jüngsten Söhne waren mitgekommen: der achtjährige Johann und der zwölfjährige Juri. Sie wollten sehen, wie die Flüchtlinge lebten, von denen alle Welt sprach, und vor allem natürlich dabei sein, wenn wir den jungen Mann kennenlernten, der ihr Ziehbruder auf Zeit werden könnte. Die beiden standen an der Schranke und sahen sich neugierig um. Es hatte seit Tagen geregnet, der Boden war vom Novemberregen aufgeweicht. Das dunkle Herbstwetter passte zur trostlosen Stimmung in der Flüchtlingsunterkunft. Dutzende junger Männer in Jogginghosen und mit Badelatschen standen überall herum, daddelten an ihren Handys, telefonierten, versuchten, Kontakt aufzunehmen zur Familie, zu Freunden, zu wem auch immer. Eine Handvoll Sicherheit. Die einzige Verbindung zur Heimat.
Wir waren in der Hamburger Erstaufnahmeeinrichtung Schnackenburgallee gelandet, weil meine Freundin Marion hier als Kunsttherapeutin mit Kindern arbeitete. Über die Wochen und Monate hatte sie einige Kontakte geknüpft, Freundschaften geschlossen und mir nun auch den Namen des jungen Mannes genannt, den wir hier gleich treffen wollten. Ich pfriemelte einen Papierschnipsel aus der Hosentasche und nannte dem Pförtner den fremd klingenden Namen. Ohne Einladung kam keiner hinein in die Containerstadt. Der Pförtner tauschte meinen Ausweis gegen einen Besucherschein, und wir durften die fremde Welt betreten.
Wie waren wir überhaupt hierhergekommen? Die Berichte in den Nachrichten, die vielen Bilder der Flüchtlinge in überfüllten Booten, vor hohen Zäunen campierend … So viele Menschen, und keiner wusste, wohin mit ihnen. Und dann fragte Juri eines Tages: »Warum nehmen wir eigentlich niemanden auf? Alle reden immer von Mitleid und wie schrecklich all das für die armen Flüchtlinge ist, aber keiner will sie ins Haus lassen. Finde ich eigentlich echt komisch.«
Auch ich hatte schon zigmal darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, einen Flüchtling in unserer Familie aufzunehmen. Wie es wohl wäre, mit einem fremden Menschen aus einer ganz anderen Kultur mit einer anderen Geschichte unter einem Dach zu leben. Frauenbild, Glaube, Essen, Kleidung – alles so fremd. Was wusste ich schon vom Nahen Osten, von arabischer Lebensweise? Ich sprach mit Freundinnen über die Idee.
»Hast du gar keine Bedenken, mit einem Muslim unter einem Dach zu leben? Wer weiß, ob du ihn jemals wieder loswirst? Was ist, wenn er unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet? Man hat doch schon so oft davon gehört, dass das zu unkontrollierten Wutausbrüchen und wer weiß was führen kann … Und was ist dann? Oder wenn irgendwelche anderen Probleme auftauchen? Hast du als Alleinerziehende mit deinen Söhnen nicht schon genug um die Ohren?«, fragten sie. Aber all die Skrupel und Vorbehalte gefielen mir nicht. Nicht in meinem Umfeld und noch weniger bei mir selbst. Jahrelang hatte ich mit meinen vier Jungs allein zusammengelebt und jede Menge Dinge erlebt, die mir als Frau ebenfalls mehr als fremd waren. Trotzphase, Fäkalsprache, Du-bist-so-peinlich-Phase, Pubertät – einer spann irgendwie immer bei uns im Haus … Und egal aus welchem Land, schließlich war auch ein junger Flüchtling nur ein Heranwachsender. Oder?
Ich fühlte mich ertappt von meinem Sohn mit all meinem Zögern, den Skrupeln und Vorbehalten. Ein paar Tage später erzählte mir meine Freundin Marion, dass sie Hussein, einen vierundzwanzigjährigen Juristen, bei sich aufgenommen habe. Sie hatte ihn angesprochen, als er im »Kunstzelt« der Erstaufnahmeeinrichtung gesessen und Klavier gespielt hatte. Ein paar Tage später hatte Marion dann mit und bei einer deutschen Freundin einen syrischen Abend organisiert. Hussein war dabei gewesen. »Wir haben zusammen syrisch gekocht und einen schönen, fröhlichen und sehr persönlichen Abend verbracht. Und es hat mich wahnsinnig traurig gemacht, Hussein und meine anderen syrischen Freunde danach wieder in die Schnackenburgallee zurückzubringen«, schilderte Marion mir ihre Gefühle. »Die halbe Nacht habe ich wach gelegen und gegrübelt. Dann habe ich meine Familie am nächsten Morgen gefragt, was sie davon halten, Hussein bei uns aufzunehmen. Alle waren sofort einverstanden.«
Ein Gästezimmer gab es in Marions Haus nicht. Aber ein Arbeitszimmer für ihre verschiedenen Kunstarbeiten und Projekte. Das räumte sie zwei Tage lang leer, holte Schrank und Bett aus dem Keller, richtete alles gemütlich her und holte Hussein ab.
Und plötzlich passte auch für mich alles zusammen. Meine Kinder waren aus dem Gröbsten raus, Justus, mein Ältester, bereits ausgezogen. Alles im Leben hat seine Zeit. Und ich hatte das Gefühl, dass jetzt für mich die Zeit gekommen war, einmal ein wenig zurückzugeben von unserem Glück. Denn Glück hatten wir tatsächlich. Glück, in einem Teil der Welt geboren worden zu sein und zu leben, in dem nicht jeden Tag das eigene Leben bedroht ist, in dem Sicherheit und Frieden selbstverständlich sind.
Ich hatte mir oft vorgestellt, wie es andersrum wäre. Wie es mir gehen würde, wenn mein Sohn fliehen müsste. Mit unbestimmtem Ziel und der Angst, ob er überhaupt irgendwo lebend ankäme. Wie dankbar wäre ich einer anderen Mutter am anderen Ende der Welt, die ihn aufnehmen würde.
Justus war einundzwanzig Jahre alt und nach Berlin gegangen, um Schauspiel zu studieren. Juri, der sich vorher mit Johann ein Zimmer teilen musste, hatte sein Zimmer übernommen. Aber das konnten wir vorübergehend natürlich auch wieder rückgängig machen. Vorausgesetzt, alle Kinder wären einverstanden, einen Flüchtling aufzunehmen. Denn für mich war klar: Nur gemeinsam, als ganze Familie, war so ein Projekt möglich.
Familienrat war angesagt. Im Gegensatz zu mir zerbrachen sich die Jungs nicht lange den Kopf, sondern waren sofort begeistert von der Idee zu helfen. Juri und Johann waren direkt bereit, sich wieder ein Zimmer zu teilen. »Und ich schlafe dann einfach auf dem Sofa, wenn ich am Wochenende nach Hause komme«, verkündete Justus. Meinem achtzehnjährigen Jonah lag vor allem am Herzen, dass wir auf gar keinen Fall eine junge Frau aufnähmen, sondern einen Jungen, damit er gut in unseren »Männerhaushalt« passte. Ich hatte insgeheim sehr mit einem Mädchen geliebäugelt. Was für eine schöne Idee, einmal ein weibliches Wesen um mich herum zu haben. Aber mir war klar, dass ein Junge einfacher zu integrieren sein würde. Und dann waren wir uns alle sehr schnell einig: Auch wenn unser Haus nicht riesig war, so war es doch groß genug, um einen Menschen mehr unterzubringen. Alles andere würden wir dann schon hinkriegen. Auf einen Jungen mehr im Haus kam es jetzt irgendwie auch nicht an.
In der Erstaufnahmeeinrichtung sahen Juri und Johann sich mit großen Augen um. Bislang hatten sie nichts Ähnliches gesehen in ihrer kleinen heilen Welt.
»Besser als im Krieg, aber nicht gerade ein schöner Ort zum Leben, oder, Mami?«, meinte Juri und blickte mich unglücklich an. Besser konnte man es nicht sagen. Sicherheitspersonal patrouillierte durch die Gänge zwischen den Containern. Kinder liefen mit Greifzangen umher und sammelten offensichtlich in Eigeninitiative Müll auf. Die jungen Männer, die bei winterlichen Temperaturen mit Flip-Flops im Nieselregen vor dem Container standen, waren zwar dem Krieg entkommen und mussten nicht mehr täglich um ihr Leben bangen, aber die Angst um die Zurückgebliebenen und die Traurigkeit über den Verlust der Familie standen in ihren Gesichtern geschrieben.
Ich nahm meine Söhne links und rechts an die Hand, und wir fragten uns durch zur Kantine, wo wir meine Freundin und den einundzwanzigjährigen Moaaz treffen sollten. Neugierige Blicke verfolgten uns. Hier in der kleinen Flüchtlingsstadt waren wir diejenigen, die anders aussahen. Mit unseren hellen Haaren und blassen Gesichtern waren wir die Fremden. Ein sonderbares Gefühl.
Dann entdeckten wir im Versorgungszelt, inmitten des Gewusels von Menschen, die bei der Essensausgabe anstanden, an langen Tischen Tee tranken und Kinder fütterten, Marion. Neben ihr wartete ein junger Mann, viel zu schmal und mit viel zu traurigen Augen. Er musterte uns schüchtern, während Marion ihn uns vorstellte.
Wir setzten uns auf die einfachen Holzbänke. Moaaz brachte mir einen Kaffee. Wie zuvorkommend! – Er selbst trank nichts. Seine Hände zitterten, als er mir den Pappbecher überreichte. Vor Aufregung, vermutete ich. Dann saßen wir uns erst einmal wortlos gegenüber. Juri und Johann musterten den jungen Mann, der seine Cap verkehrt herum auf dem Kopf trug und abgesehen vom Bart und dem etwas dunkleren Teint eigentlich genauso aussah wie andere große Jungs auch.
Ich hatte mir vorgestellt, wir würden miteinander plaudern, uns kennenlernen und dann in weiteren Treffen ein Gefühl dafür entwickeln, ob wir zueinander passten. Ob die Jungs und ich uns vorstellen könnten, den jungen Flüchtling über den Winter in unser Haus aufzunehmen, und umgekehrt: ob Moaaz sich vorstellen konnte, zu einer fremden Familie zu ziehen. Was für ein naiver Quatsch! Dies war kein Besuch im Tierheim nach dem Motto: Wenn dieser uns heute nicht gefällt, kommen wir nächste Woche wieder und sehen uns vielleicht noch einen anderen an … In Moaaz’ Blick lagen so viel Traurigkeit und Hoffnung – aus dieser Nummer käme ich emotional nie mehr raus. Mir wurde schlagartig klar, dass unsere Begegnung kein unverbindliches Treffen mit offenem Ende war. Ich war für Moaaz die einzige Chance, das Lager zu verlassen, ein neues Zuhause zu finden – seine Eintrittskarte in ein neues, halbwegs normales Leben. Und obwohl ich lange über meinen Entschluss nachgedacht hatte, wurde mir nun plötzlich doch ein wenig mulmig.
Juri zog meinen Kopf herunter und flüsterte mir ins Ohr: »Können wir ihn bitte jetzt sofort mitnehmen, Mami? Bitte!«
»Könntest du dir vorstellen, bei uns in der Familie zu wohnen?«, fragte ich Moaaz auf Englisch. Moaaz guckte mich fragend an. Er sprach nicht fließend Englisch, und ich konnte ihm ansehen, dass er nicht sicher war, ob er die Worte richtig verstanden hatte. »Wenn du jetzt gleich mit zu uns nach Hause kommen möchtest, warten wir hier so lange, bis du deine Sachen gepackt hast«, versuchte ich es noch mal. Moaaz sah mich ein paar Sekunden ungläubig an. Dann sprang er auf und sauste los. Eine halbe Stunde später saß er mit drei Plastiktüten neben Juri und Johann auf dem Rücksitz unseres Nissans. Keine Anträge, keine Formulare, keine Bürokratie. Die Erstaufnahmeeinrichtungen waren voll, die Mitarbeiter überlastet. Wir hinterließen einfach unsere Adresse und Telefonnummer – das war’s. Residenzpflicht oder andere Auflagen gab es zu diesem Zeitpunkt nicht.
»Habt ihr ein Haustier gehabt?«, fragte Juri, als wir schon fast zu Hause angekommen waren. »Dort, wo du gewohnt hast, meine ich.« Ojeee. Was ich nicht bedacht hatte, war, Moaaz zu erzählen, dass zu unserer Familie nicht nur vier Jungs, sondern auch ein großer Hund und ein Kater gehörten. »Wir haben einen Hund. Carlo heißt er«, erklärte Juri.
»Juri, sag ihm, dass er groß und wild ist und manchmal auch ein bisschen durchgeknallt«, fügte Johann kichernd hinzu. Zum Glück war Juri nicht in der Lage, »wild« und »durchgeknallt« zu übersetzen. Trotzdem konnte ich im Rückspiegel beobachten, wie Moaaz’ große braune Augen noch größer wurden.
»Phobia – catphobia«, flüsterte er.
Ich hatte mir über alle möglichen Dinge Sorgen gemacht, aber nicht über unseren alten Kater. Was eine Katzenphobie bedeutete, wusste ich allerdings von meiner Exschwiegermutter. Damit war keineswegs zu spaßen. Oma Marietta erstarrte bereits zur Salzsäule, wenn unser armer Kater, der ohnehin schon vor jedem Omabesuch aus dem Haus verbannt wurde, auch nur durch die Fensterscheibe spähte. Und ganz sicher würde ich es mir nicht antun, rund um die Uhr dafür zu sorgen, dass Junge und Kater sich nicht begegneten. Und jetzt erinnerte ich mich auch noch, irgendwo gelesen zu haben, dass Hunde im Islam sogar noch schlechter abschnitten als Katzen. So grotesk es für mich wäre, eine Burka zu tragen, so absurd sollte es einem Muslim erscheinen, mit einem Hund unter einem Dach zu leben. Aber bei allem Enthusiasmus zu helfen – von unseren Tieren würden wir uns nicht trennen. Hätte ich mich intensiver mit dem islamischen Glauben auseinandergesetzt, hätte ich es gewusst. Anfängerfehler! Mein Fuß wechselte automatisch vom Gas zur Bremse.
»Möchtest du, dass ich dich zurückbringe, Moaaz?«, fragte ich vorsichtig. »Es tut mir leid!«
Moaaz schüttelte den Kopf. Umkehren und zurück in den Container gehen kam für ihn nicht mehr infrage. Genau wie wir war er wohl bereit, sich auf neue Erfahrungen einzulassen.
Unser Carlo zeigte sich dann auch gleich von der allerbesten Seite. Er tobte wie ein Wahnsinniger, als wir mit Moaaz nach Hause kamen. Carlo ist der lustigste, kuscheligste und freundlichste Hund unter dem Hundehimmel, aber leider auch der ängstlichste. Ich glaube, wenn man ihn seiner ursprünglichen Berufung, der Jagd, zugeführt hätte, wäre er beim ersten Gewehrknall an Herzversagen gestorben. Seine Angst zeigt er leider durch hysterisches Knurren und Bellen. Dabei geht er gleichzeitig rückwärts Richtung Kellertreppe, um sich in Sicherheit bringen zu können. Aber wen interessieren schon Carlos Beweggründe? Für Fremde zählt das Ergebnis, und das sieht erst mal gefährlich aus.
Juri nahm Carlo beiseite und versuchte, ihn zu beruhigen. Ich schimpfte und versuchte, ihn mit strengem Ton zur Ruhe zu bringen. Was für ein gastfreundlicher Empfang. Und wie auf Bestellung tauchte nun auch der Kater auf. Aber er guckte keineswegs nur bescheiden durchs Fenster, sondern strich vorwurfsvoll miauend um unsere Beine. Er hatte mit seinen siebzehn Jahren bereits die übliche Katzenlebenserwartung überschritten, war zwar noch recht fit, wurde aber langsam wunderlich. Dazu funktionierte seine Verdauung nicht mehr richtig, was zur Folge hatte, dass er von morgens bis abends, vor und nach dem Fressen, lautstark Nahrung forderte. Ich kannte viele vorgefertigte Meinungen über Araber und Muslime. Aber jetzt erfüllten wir erst einmal das Klischee, dass Europäer unrein sind und mit unfreundlichem Viehzeug unter einem Dach leben.
Moaaz stand einfach nur da. Ohne etwas zu sagen, ohne sich zu bewegen. Er hatte gewiss größere Katastrophen erlebt in den letzten Monaten als bellende Hunde und wartete geduldig ab, wie sich die Situation entwickelte.
Johann flitzte in sein Kinderzimmer, packte schnell Lego, Kuscheltiere und ein paar Bücher zusammen und räumte seine übrigen Spielsachen in die Schubladen.
»Wenn ich meine Autos oder meine Kuscheltiere brauche, darf ich doch schon mal ab und zu in mein Zimmer gehen, oder, Mami?«
Ich bezog das Bett, gab Moaaz Handtücher. Was brauchte unser neues Familienmitglied noch für die erste Nacht?
...Ende der Leseprobe