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Anna erzählt von ihrem Weg, der vor 10 Jahren mit der Idee begann, nach Irland auszuwandern. Verknüpft mit familiären Konflikten, Liebe und Stolpersteinen beschreibt sie mal humorvoll, mal sentimental von der Idee bis zur Realisierung des Traumes, wie sie ihr neues Leben in Irland begann.
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2020
Anne Adam
Willkommen im Eagle's Nest
Die Geschichte eines Neuanfangs in Irland
© 2020 Anne Adam
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-02939-2
Hardcover:
978-3-347-02940-8
e-Book:
978-3-347-02941-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Der erwähnte Song Home of Donegal (The Lights of London) von Patsy Cavanagh auf Seite 90 wurde freundlicherweise genehmigt von Bardis Music Co. Ltd.
Prolog
Schon wieder stürmt es draußen. Ich liebe es, wenn die Gweebarra Bay aufgepeitscht und wütend tobt. Es ist Nacht und ich liege in meinem warmen Bett und kuschele mich etwas tiefer unter die Decke.
Der Regen prallt mit voller Wucht gegen die Fensterscheiben meines Schlafzimmers. Es war ein sehr regenreicher Herbst und Winter bisher. Es wird Zeit für etwas Sonne.
Sonne - im Nordwesten von Irland ein sehr geschätztes Phänomen. Sobald sie sich mal blicken lässt, stürzen Mensch und Tier ins Freie, um sie zu genießen. Aber kein Grund zum Jammern - ich habe mir diesen Ort ja schließlich vor genau 10 Jahren selbst ausgesucht. 10 Jahre - wie die Zeit vergeht.
Mein Enkel Brian liegt neben mir. Es ist einfach nur schön ihn neben mir in Opa Ralfs Bett zu haben. - Dieser flüchtet freiwillig auf das Sofa im Wohnzimmer, um den unangenehmen Erfahrungen mit blauen Flecken und Tritten in die Magengegend durch unkoordinierte 180 Grad Drehungen des Nachts zu entgehen. Ich lerne dann wie das neuste Super-Mario Spiel funktioniert und er schaut sich mit mir eine weitere Episode von Jane the Virgin an. Diese Oma-Enkel Zeit ist cool - so beschreibt Brian es und ich sehe das genauso…
Das Haus ist bis auf die Geräusche, die der Sturm verursacht ruhig. Wir haben zurzeit keine Gäste, es ist erst Ende Februar und die Bed und Breakfast Saison hat noch nicht richtig begonnen.
Unser Hahn Brutus schläft mit seinen Damen - noch - im Sommer kommt es schon mal vor, dass er morgens um 3 beschließt, den kommenden Morgen 30 bis 40 Minuten kräftig krähend zu begrüßen. Bob unser Pony antwortet mit beherzten Tritten gegen die Stalltür, um zu verkünden, dass er auch schon wach ist und nichts gegen ein Frühstück einzuwenden hätte…
Wenn ich genau hinhöre, kann ich meinen Mann entspannt vor dem laufenden Fernseher schnarchen hören, was er darauf angesprochen, morgen vehement dementieren wird. Balou, unser neun jähriger Collie/DackelMix grunzt zufrieden neben meinem Bett in seinem Korb. Er erholt sich von seiner täglichen, selbst auferlegten Aufgabe, alle Autos zu jagen, die es wagen unserem Grundstück zu nah zu kommen.
Ich liebe mein Leben hier, trotz aller Bedenken, habe ich diese Entscheidung nie bereut. Plagt mich auch heute noch das schlechte Gewissen und das beklemmende Gefühl meine Familie im Stich gelassen zu haben. Sie haben mir den Schritt meinen Traum zu leben ermöglicht, wofür ich meinen Eltern und meinen Kindern ewig dankbar sein werde.
Die letzten 10 Jahre waren spannend, erlebnisreich, witzig, tragisch, traurig aber bestimmt niemals langweilig.
Auf der Suche nach einer Lösung aus einer unglücklichen Lebenssituation wurde die Idee geboren:
Wir gehen nach Irland
und eröffnen ein Bed und Breakfast
1. Kapitel
Bitch
Eigentlich wollte ich es von Kind an, jedem Recht machen und geliebt werden. Leider ist mir das in meinen verkorksten Ehen nie wirklich gelungen.
Nach dem Scheitern meiner dritten Ehe und der absoluten Gewissheit, dass mein guter Ruf als ehrbare Frau nicht mehr zu retten war, kaufte ich kurzentschlossen eine Doppelhaus-Hälfte am Stadtrand von Hanau, schnappte meine zwei Töchter und meinen damaligen Hund und wollte - mal wieder - ganz von vorne beginnen.
Merle, meine Jüngste, sah die Hundehütte im Garten und hat für uns alle entschieden, das Haus ist es. Wir liebten es von Anfang an. Es folgten Hühner, Hasen und eine Katze. Ich dachte: yepp - das ist das Leben, das ich will.
Ich arbeitete von zu Hause aus als Prokuristin in der Hausverwaltung eines Geschäftspartners meiner Eltern, konnte somit für meine Kinder da sein. Es war alles perfekt, eigentlich zu schön, um wahr zu sein….
*
Das Telefon klingelte, ich schreckte aus dem Tiefschlaf und schaute auf den Wecker, 1.45h - wer zur Hölle ist das? Natürlich wusste ich es genau - das kann nur „er“ sein.
„Hallo?“, stellte ich mich unwissend.
„Hallluuuu“, kam es leicht angetrunken, vergeblich versuchend verführerisch zu klingen, aus der Leitung.
Alle meine Kraft zusammennehmend, um ihm zu sagen, dass er mich mal kann, und außerdem tief Luft holend, um ihm alle Schimpfworte der Welt an den Kopf zu werfen, war ich tatsächlich nur in der Lage auf seine Frage, ob ich Zeit hätte, zu antworten:
„Wo?“
Ich sprang aus dem Bett, zog mir drüber was mir gerade in die Hände viel, sprang ins Auto und fuhr ein paar Kilometer, um nur 10 Minuten später auf einem Parkplatz am Mainufer neben seinem Wagen zu parken.
Ich schlüpfte neben ihn auf den Beifahrersitz und er sah mich mit seinen strahlend blauen Augen an:
„Hallluuuuuu.“
Alle guten Vorsätze waren vergessen. Ich wusste genau, dass ich morgen früh wieder am Boden zerstört sein würde, wie ein Alkoholabhängiger, der am nächsten Tag den erneuten Griff zur Flasche bereut, aber meine Sucht hieß Ralf:
„Ich habe es nicht mehr ausgehalten, ich vermisse dich so sehr, ich liebe dich…“
Worte die wie Balsam auf meiner Seele waren, obwohl ich wusste, auch wenn es vielleicht nur ein bisschen wahr sein sollte, es nichts an seiner Entscheidung, bei seiner Ehefrau zu bleiben, ändern würde.
Also war es wie immer, nach Liebesbezeugungen beiderseits, unbequemen Sex im Auto und Versprechungen seinerseits, alles würde irgendwann gut, fuhr ich wieder nach Hause in mein großes Wasserbett, das wir zusammen ausgesucht hatten, um einzuschlafen mit der Gewissheit, dass er sich für einige Tage oder Wochen nicht melden würde.
Am nächsten Morgen bekam ich unerwarteten Besuch von meinem besten Freund Rene, seinesgleichen Ralfs jüngerer Bruder: cool, gutaussehend, clever, selbstbewusst.
Er hatte nie mit seiner Meinung hinter dem Berg gehalten, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass alles gut werden könnte zwischen Ralf und mir.
„Gibt‘s nen Kaffee bei dir?“
Wir drückten uns herzlich und machten es uns in der Küche gemütlich. Er war seit einigen Monaten mit einer Freundin von mir liiert, eine sehr turbulente Beziehung, was immer enormen Gesprächsbedarf erforderte. „Diese Frau treibt mich zum Wahnsinn.“ Resigniert schüttelte Rene den Kopf.
„Ich liebe sie wirklich, aber manchmal glaube ich, wir sprechen zwei verschiedene Sprachen.“
Plötzlich fragt er mich: „Hast du mal wieder was von Ralf gehört?“
Ich weiß, Ralf will nicht, dass ich mit seinem Bruder über ihn rede, aber aus der Situation heraus erzählte ich ihm von meinem nächtlichen Ausflug.
„Glaubst du nicht es ist besser, wenn du das lässt?“ Er legte eine Hand auf meinen Arm und schaute mich besorgt an.
„Ich weiß, ich sollte ihn zum Teufel jagen, ich kann es nicht, Rene, ich kann es einfach nicht und es macht mich nach wie vor fertig.“
Wir redeten noch eine weitere halbe Stunde über Belanglosigkeiten dann verabschiedete er sich von mir.
Ich schlief die folgende Nacht nicht viel. Ich dachte darüber nach, dass es so wohl nicht weitergehen konnte und fasste einen Entschluss.
Am nächsten Tag rief ich ihn an:
„Wir müssen reden.“
Besorgt antwortete er: “Ist etwas passiert, ist etwas mit den Kindern?“
„Nein, komm einfach her, wenn ich dir wichtig bin“, gab ich zurück.
35 Minuten später parkte sein weißer VW Caddy vorm Haus und ich kam um vor Nervosität.
„Willste ein Kaffee?“, begann ich um Zeit zu gewinnen. Ich stellte den Kaffee vor ihm auf den Küchentisch und er schaute mich erwartungsvoll an und fragte:
„Was gibt‘s so Dringendes?“
„Ralf, ich kann das nicht mehr, wir müssen das beenden.“
Was dann kam von ihm hatte ich nicht erwartet:
„Ich werde es beenden und zwar mit meiner Frau, noch heute, ich werde mit Julia reden und alles wird gut.“
Alle guten Vorsätze waren mit einem Schlag vergessen, ich wollte ihm glauben, ich wollte es so sehr…
Julia - seine Tochter - war auch ein großer Match Maker in dem Desaster. Sie ist der wichtigste Mensch in seinem Leben. Julia war natürlich nicht gut auf mich zu sprechen, da sie der Überzeugung war, dass ich schuld bin an der Ehekrise ihrer Eltern. Mir war klar, ohne Julias Einverständnis würde es Ralf und Anna niemals geben.
Nach verliebtem Kuscheln auf dem Sofa im Wohnzimmer und romantischem Träumen von der gemeinsamen Zukunft, verabschiedete er sich von mir und hinterließ eine vor Glück und Zuversicht überschäumende, unverbesserliche Romantikerin.
„Rene, er wird sich trennen, heute noch wird er es ihr und Julia sagen!“
Überwältigt vor Freude teilte ich diese Neuigkeit Ralfs Bruder sofort am Telefon mit:
„Das freut mich für euch,“
Warum kam diese Reaktion so zögerlich? Aber egal, ich wollte die ganze Welt umarmen.
Am selben Abend bekam ich noch einen Anruf von Rene. Überrascht hob ich ab: „Rene, alles gut bei dir?“
„Bei mir schon“, antwortete er und ich merkte, er war etwas angespannt: „Ich habe eben Ralf getroffen…“
„Und?“, fragte ich hoffnungsvoll. Rene räusperte sich und ich spürte wie unangenehm ihm der folgende Satz war:
“Auf meine Frage, ob er denn Kontakt mit dir hat, antwortete er, dass er seit Monaten nichts mehr von dir gehört hat, es tut mir leid Anna, ich glaube du hast da etwas missverstanden.“
Ich kann mich an das Ende des Telefonats nicht mehr wirklich erinnern. Der weitere Schlag mitten ins Gesicht oder besser gesagt das Messer tief im Herzen hatte alles andere übertrumpft.
In dieser Nacht entschied ich, dass ich mein Leben wieder einmal grundlegend ändern musste, schon wieder….
Um eines klar zu stellen, obwohl ich das schwarze Schaf nicht nur von meiner Familie, sondern vom ganzen Landkreis war, hat mich wirklich niemand das richtig spüren lassen. Ok, einige Freundschaften und Bekanntschaften endeten mit dem Ende meiner Ehe oder verliefen im Sand, aber es gab niemals bis heute offene Feindschaft oder Ablehnung. Vielleicht auch deshalb, da es das kurioseste „Verhältnis“ war, das man sich vorstellen kann. Eigentlich wussten es alle. Meine Eltern, meine Kinder, seine Mutter, alle Freunde - später auch mein Mann.
Ich war die „Bitch“ nachdem die Bombe einige Monate später platzte und Ralfs Exfrau es doch erfuhr.
Ich hasste das Image einer Ehebrecherin, Grund für den Bruch einer weiteren Ehe und die Schmach, die ich meiner Familie ein weiteres Mal antat.
Ich wusste, das ganze Universum verurteilte mich hinter vorgehaltener Hand, ich konnte das Getuschel förmlich hören. Die folgenden Wochen waren die schlimmsten in meinem bisherigen Leben, das Schamgefühl brachte mich nahezu um - und das meine ich nicht nur imaginär.
In den nächsten Tagen leckte ich meine Wunden. Ich hatte bereits verschiedene Optionen ausprobiert. Online Dating war kläglich gescheitert, meine Töchter ziehen mich heute noch mit den präsentierten Prachtexemplaren auf. Eigentlich hatte ich auch kein wirkliches Interesse an einem anderen Mann.
Im Kroatien-Urlaub 2007 traf ich zufällig einen unserer Hausmeister unserer Mietshäuser, die kurze Liaison war im Nachhinein mit mehr als peinlich zu bewerten.
Ich wollte mir unbedingt beweisen, es geht ohne Ralf - nun offensichtlich ging es nicht und schon gar nicht wenn wir nur 20 Minuten voneinander entfernt lebten.
Ich saß in meinem Büro und surfte im Internet. Schon meinen Geburtstag im Januar verbrachte ich in Irland. Mehr aus Neugier als aus ernstem Interesse beschäftigte ich mich mit Häusern am Meer, die geeignet wären, um eine Frühstückspension zu eröffnen. Es war noch lange kein konkreter Plan, ich kann auch nicht mehr sagen, wann sich dieser Gedanke manifestiert hatte, aber plötzlich war es ein lieb gewonnenes Ritual, täglich ein paar Minuten die irische Immobilienseiten zu studieren.
IRLAND - das Land meiner (Auswanderungs-) Träume seit einigen Jahren.
*
Im Jahr 2003 befand ich mich in einer massiven Ehekrise. Alle Versuche, der Welt zu beweisen, ich bin eine gute, traditionsbewusste Mutter und Ehefrau, wurden durch das bereits seit zwei Jahren bestehende Verhältnis zu Ralf sehr in Frage gestellt.
Wir beide entschieden, dass wir unsere Familien nicht zerstören dürfen und trennten uns ca. 15 Mal, um uns nach einer Stunde per Sms zu gestehen, dass wir nicht voneinander lassen können.
Ich wollte für ein paar Tage raus aus dem Chaos und da ich einen romantischen, wenn ich ehrlich bin sehr kitschigen, Roman mit der Handlung in Irland gelesen hatte und dachte, das Land will ich kennenlernen, buchte ich kurzerhand einen Flug nach Kerry und mietete mir einen Leihwagen.
Ich fragte spontan eine Freundin ob sie mich begleiten wolle und wir buchten die Flüge. So machten sich zwei Mädels vom Dorf auf, um die grüne Insel zu entdecken.
Schon die Landung war spektakulär, ich dachte wirklich wir landen entweder auf dem Rücken eines grasenden Bullen oder gleich im Meer. Ich kann das Gefühl, das mich beim Verlassen des Flugzeuges mitten im “Nowhere-land“ überkam, nicht beschreiben, ohne hoffnungslos klischeehaft und kindisch zu klingen: Es war aber wirklich wie „heimkommen“.
Wir beiden Ausreißer, so fühlten wir uns zumindest, nahmen erwartungsvoll unseren Mietwagen in Empfang.
Linksverkehr - mache ich doch mit links …. Na ja - die erste Linkskurve war zu weit links, also der linke Reifen hat mir das schon übelgenommen, aber was soll’s, keiner hat die Delle an der Felge bei der Rückgabe bemängelt…
Irgendwie hatte ich immer einen Linksdrall, das bemerkte ich hauptsächlich durch das Zucken meiner Beifahrerin Paula, wenn ein weiterer Ast gegen ihre Seitenscheibe peitschte oder das Auto schlingerte, weil ich mal wieder fast im Graben landete.
Ich hatte einen straffen Plan ausgearbeitet, was ich alles sehen wollte. Paula war dankbar von dem Alltagstrott entfliehen zu können und akzeptierte alle Vorschläge, es waren vier unvergessliche, abenteuerliche Tage.
Wir wollten uns als erstes den berühmten Park in Killarney ansehen. Am Ortseingang fuhren wir auf einen größeren Kreisel zu. Die Beschilderung war in der Mitte des Kreisels aufgestellt. Der zweispurige Kreisel war gut befahren.
Das erste Mal links in einen Kreisel einbiegen kostet schon Überwindung, dann auf die innere Spur, dann noch Schilder schauen - zu viel für uns. „Paula, wo müssen wir raus?“, fragte ich nervös. „Keine Ahnung, warst zu schnell vorbei!“, erwiderte sie. Also drehten wir eine Ehrenrunde. „Wieder zu schnell“, rief Paula. Auch ich konnte nichts auf den Schildern erkennen. Nach dem dritten erfolglosen Umkreisen, kam ein Polizist quer über den Kreisel gelaufen, stoppte den ganzen Verkehr, blieb bei uns stehen und fragte: „Wo wollen sie denn hin?“ „In den Park“, gab ich unsicher zurück. Oh, war mir das peinlich. Er zeigte uns die Ausfahrt an, um danach den Verkehr wieder frei zu geben.
Wir fuhren zum Haupteingang des Parks. Davor warteten zwei Kutschen mit ihren Kutschern im strömenden Regen auf Kundschaft. Pferdeverrückt und lauffaul wie ich nun mal bin, fragte ich Paula: „Wollen wir ne Kutschfahrt machen?“
„Bei dem Wetter? Aber wenn du meinst, ich mache alles mit,“ erwiderte sie lachend.
Wir parkten den Wagen und liefen zu dem ersten Kutscher, der eingepackt in eine Decke, in sich gekauert auf dem Bock saß. „Wieviel kostet eine Fahrt?“, fragte ich den Rotschopf. Er blickte verwundert auf: „Äh, 50,00 Euro eine kurze Strecke, da es ja bald dunkel wird.“
Er hatte wohl nicht mehr mit Kundschaft gerechnet, einmal wegen des Regens und der Uhrzeit.
Wir stimmten zu und kletterten in den Gastraum des offenen Vehikels. Er wickelte uns in sehr streng duftende Decken, so dass nur noch unsere Augen raus lugten. Es muss ein Bild für die Götter gewesen sein.
Los ging’s. Er erzählte und erzählte bestimmt super interessante Stories über Land, Leute und Geschichte. Verstanden haben wir leider NIX. Einmal der Dialekt im Süden Irlands hat mit normalem Englisch nicht wirklich viel zu tun, und außerdem waren wir so eingepackt und der Regen so laut, dass wir eh nichts hören konnten.
Trotz aller Widrigkeiten war die Landschaft atemberaubend. Ja, Killarney ist eine Touristenstadt, völlig überlaufen und überteuert, aber ich mag sie trotzdem.
Plötzlich hielt das Pony an.
„So“, meinte er, „jetzt müsst ihr aussteigen.“ „Wie? Aussteigen?“, gaben wir verdattert zurück.
„Ja ihr müsst jetzt diesen Pfad da langgehen und dann seht ihr schon,“ erklärte er uns.
Mit mulmigem Gefühl stiegen wir aus der Kutsche und liefen den schmalen Weg, der durch eine Schlucht führte. Nach kurzer Wanderung standen wir vor einem spektakulären Wasserfall. Der Weg hatte sich gelohnt.
Wir beeilten uns jetzt aber doch wieder, schnell zu unserem Gefährt zu kommen aus Angst, unser Kutscher hätte die Schnauze voll und mit unseren Taschen, Geld und Papieren unter den Decken Feierabend gemacht. Schließlich wurde es jetzt auch schon ziemlich dunkel. Alles gut, lachend erwartete er uns. Er wusste wohl genau, was wir gedacht hatten. ….
.
Ich hatte keine Unterkunft gebucht, laut Reiseführer ist das in Irland nicht nötig, naja in der Vorsaison schon, da viele Bed und Breakfast während des Winters geschlossen sind. So waren wir oft stundenlang von B and B zu B and B unterwegs, um ein Kissen für unsere müden Häupter zu finden. Aber letztendlich fanden wir immer eine nette Gastgeberin, die uns bereitwillig ihr eiskaltes Gästezimmer heizte oder eine Familie, die das unerwartete Einkommen gerne mitnahm.
Eine Eigentümerin hatte leider keine Möglichkeit ihr Zimmer zu vermieten, sie rief eine Bekannte an und - supi - sie war bereit uns zu beherbergen. Die nette Dame wollte jetzt beginnen, uns den Weg zu unserer Unterkunft zu beschreiben. Nachdem sie bemerkte, vier verzweifelte Augen starrten sie verwirrt und hoffnungslos überfordert an, zog sie sich kurzerhand einen Mantel über ihren Jogginganzug und meinte:
„Just follow me, I guide you“.
Dankbar fuhren wir hinter der so netten Irin her. Wir beide waren uns einig: Niemals - also n i e m a l s. hätten wir dieses, in einem Wald gelegenen Bed and Breakfast gefunden. Mich interessiert bis heute, wie erfolgreich ihr Business war. Vielleicht für Abenteurer die eine „off track“ Unterkunft suchen?
Egal - wir verabschiedeten uns herzlich von der so netten „Adventure-Track-Guide(in)“, bedankten uns mehrmals für die enorme Freundlichkeit und folgten der älteren Dame ins Haus. Haus? Nein das wäre zu oberflächlich beschrieben. Es war ein uraltes Cottage, weiße Außenfarbe mit roter Tür und Fensterumrandung sowie Sockel. Liebevolle Rosen und weitere Blumenarrangements waren um das ganze Haus gepflanzt, es war eine absolute Postkartenidylle. Wir waren begeistert und fühlten uns gleich am Eingang erneut wie „heimkommen“.
„My name is Rosemary, welcome in my home”, begrüßte sie uns herzlich, „I switch on the kettle, so we first have a nice tea together, won’t we?“
Dieser Satz begleitet mich seit 10 Jahren, es ist eine grundsätzliche Lebensphilosophie in Irland. Ob ein Kind geboren wird, eine Totenwache stattfindet, eine Pause während einer Fest- oder Tanzveranstaltung ist oder einfach nur ein Besuch eines Freundes - als erstes wird die kettle (Heißwasser-Kocher) angemacht, um einen Tee zu trinken. Das ist Gesetz und das wird hoffentlich noch lange Gesetz bleiben.
Das Haus war unbeschreiblich gemütlich. Nichts passte zusammen, total zusammen gewürfelte Wohnstile, aber der Stove (Torf-Ofen) brannte vor sich hin und verströmte eine heimelige Wärme und das Gesamtbild war einfach nur perfekt. Nach einer Tasse Tee - ich kann mir nicht helfen, ich versuche seit Jahren den Tee so gut wie ihn die Iren machen können hin zu bekommen, vergeblich… - und einem selbst gebackenen Scone, ein sehr typisch irisches Gebäck, das mit Butter und Marmelade einfach nur lecker ist, zeigte Sie uns unser Zimmer und wir mussten dann wirklich schmunzeln. Wie im tiefsten Bayern, Unterdecken und Überdecken in rotem Karo. Waschbecken im Zimmer, Toilette auf dem Flur. Dusche? Wir haben zumindest keine gesehen.
Das Zimmer war eisig, sie erklärte uns sie fahre uns jetzt ins Dorf, denn wir müssten ja schließlich was essen und wir hätten Glück, es bestehe durchaus die Möglichkeit, dass sich heute ein paar einheimische Musiker zur Saison treffen und wenn wir dann zurückkommen, wird der Raum schön warm sein. Der Backboiler sei halt schon alt und es dauert… versuchte sie sich zu entschuldigen, was aber unsererseits gar nicht nötig war.
Wir fanden uns nicht wirklich überrumpelt von der Bestimmtheit Rosemarys, eher wie zwei Enkelkinder, die der Oma gehorchen, die weiß wo es lang geht.
Wir stiegen in ihr Auto, der nicht ehrlich gemeinte Einwand, wir könnten das doch nicht annehmen und selber fahren, wurde mit einer Handbewegung vom Tisch gefegt:
„Don’t be silly, you can’t drink and drive and you will never find it back anyway“.
Recht hatte sie ja, wir wollten uns nicht wirklich betrinken, aber ein paar Guiness würden schon schmecken und ob betrunken oder nüchtern, diesen Ort würden wir niemals in der Nacht wiederfinden.
So kamen wir nach ca. 15 Minuten Fahrt in einem kleinen Dorf an und sie stürmte vor uns in den Pub. Sie redete kurz mit dem hinter dem Tresen stehenden Wirt und meinte dann zu uns:
„Wenn ihr heim wollt, sagt ihm Bescheid, er ruft mich an und ich hole euch dann ab. Egal zu welcher Zeit, ich gehe eh nicht früh ins Bett“.
Ohne auf eine Antwort unsererseits zu warten, stürmte sie wieder aus dem Pub und lies uns völlig perplex stehen.
Es wurde ein unvergesslicher Abend, es war unser erster mit musizierenden und singenden Einheimischen zusammen an einem Tisch. Das Torffeuer im Kamin der Gaststube verströmte den typischen Geruch und wir fühlten uns nicht wie Touristen, sondern wie bei einem geselligen Abend mit Freunden.
Wie viele wunderschöne Abende ich in den nächsten 15 Jahren auch erlebt habe, dieser erste hat mich geprägt und wird immer in meiner Erinnerung bleiben.
Dieses Cottage, die Atmosphäre und die Art, wie unsere Gastgeberin uns betreute, habe ich versucht zu übernehmen. Ich kann Rosemary und ihr kleines Paradies nicht annähernd kopieren, aber es hatte immer eine Vorbildfunktion und vielleicht wurde damals schon die Idee geboren, das würde mir auch gefallen…
Es folgten in den nächsten Jahren viele Irlandurlaube, ich wurde regelrecht süchtig. Wir verbrachten 10 Tage mit Paula, ihrem und meinem Mann auf dem Shannon mit dem Hausboot. Dann erneut mit anderen Freunden eine Woche auf dem Shannon, ich flog mehrmals mit ihr, ein andermal mit meiner Mutter und den Kindern für einen Kurzurlaub auf die grüne Insel.
Es fiel mir immer schwerer die Rückreise anzutreten und irgendwann war ich mir sicher: Früher oder später will ich hier leben. Hier fühlte ich mich irgendwie frei… Der Einklang von Natur, Kultur und unbeschreiblichen Herzlichkeit der Menschen gaben mir ein Gefühl von Geborgenheit und ehrliche Akzeptanz, die ich natürlich selbstverschuldet in Deutschland wohl nicht mehr erwarten konnte.
2. Kapitel
Go for it!
Natürlich besprach ich die Irland-Idee mit meinen Kindern. Ohne deren Einverständnis, hätte ich niemals weiter darüber nachgedacht.
Katharina war fast 18 und wollte auf jeden Fall ihr Fachabitur in Deutschland machen, bevor sie darüber nachdachte, ob sie mir nach Irland folgt.
Merle war erst 13, noch viel zu klein, um die meiste Zeit im Jahr alleine in Deutschland mit ihrer Schwester zu leben. Also musste ich wissen, ob sie denn mit mir nach Irland übersiedeln würde.
Die Idee war spannend, neu, aufregend, meine Kinder waren begeistert, heute weiß ich, es war wohl eine Begeisterung aus Verzweiflung, dass ihre Mama wieder krank werden könnte und bevor sie sie ganz verlieren, war das eine mögliche Option. Sie waren bereit den Preis zu zahlen, ohne die tatsächlichen Konsequenzen auch nur im Entferntesten zu erahnen. Das galt natürlich auch für mich.
Die Finanzierung einer Immobilie in Irland hatte ich mir mit dem Verkauf meines Mietshauses in Zellhausen vorgestellt. Meine Doppelhaus-Hälfte wollte ich behalten und vermieten, als Rück-Versicherung, falls etwas schieflaufen würde.
Meine Eltern waren nicht begeistert von dem Gedanken das geerbte Haus meiner Großeltern zu verschleudern, aber die Angst um mich machte alle um mich sehr weich und man stimmte mir zu, ohne vielleicht wirklich dafür zu sein.
Meine Eltern sahen es auch als wirkliche Chance für mich neu anzufangen und wenn ich weg von der Stätte der Schmach wäre, würde es vielleicht auch leichter für alle Beteiligten.
Während meines Irlandurlaubs im Januar 2008 war ich ständig auf der Pirsch nach Häusern mit Meerblick in südlich gelegenen Highlights, wie Ring of Kerry und Dingle, Orte wie Kenmare hatten es mir angetan. Die Enttäuschung kam recht schnell.
Bei einem kleinen Anwesen, mit genug Zimmern, um eine Frühstückspension zu realisieren und Meerblick lagen die Preise bei 800.000,00 Euro aufwärts. Der Celtic Tiger, das irische Wirtschaftswunder in den 90ern, lag zwar in den letzten Zügen, aber der Preisverfall griff erst ein Jahr später, Pech für mich. Diese Preisklasse war für mich absolut nicht realisierbar. Also weiter in Richtung Galway, Conemara, meine zweitliebste Gegend.
Hier waren die Preise schon moderater aber unter 600.000,00 war auch nichts zu machen. Aber Meerblick war ein absolutes „Must have“. Die weit billigere Option im Landesinnern kam für mich nicht in Frage.
Das Bild in meinen Träumen war ein Haus am Meer mit Boot in der Bucht und ein grasendes Pony nebenan, Hund, Hühner und Katzen springen um mich herum, wenn ich meine Gäste begrüße…
Also flog ich zurück in mein deutsches Idyll, ohne wirklich einen Schritt weiter zu sein.
Durch Zufall traf ich meine Cousine Anke ein paar Wochen später auf einer Geburtstagsfeier. Sie lebte mit ihrem Mann ein paar Jahre in Dublin und teilte meine Irlandbegeisterung. Ich erzählte ihr von meiner enttäuschenden Recherche.
„Warst du schon mal in Donegal?“, fragte sie mich.
„Donegal? Nee- da schießen sie doch noch“, antwortete ich.
„Quatsch, das ist doch nicht Nord-Irland und schießen tun sie da auch schon lange nicht mehr. Ich war mit Dirk für drei Tage da im Kurzurlaub und wir waren uns sicher, das ist der schönste County, sehr ursprünglich, noch nicht so überlaufen wie der Süden und Südwesten, super nette Leute und die Landschaft ist atemberaubend“.
„Hm“, gab ich zurück mit der Gewissheit, heute Abend werde ich mal das Internet über Donegal erforschen.
Meine Reisen waren immer nur auf den Süden, Südwesten, Dublin und das Inland entlang des Shannon und Erne Waterway fokussiert. Ich kam nie auf die Idee den nördlichen Teil Irlands zu bereisen.
Neugierig und erwartungsvoll setzte ich mich am Abend an den Computer und gab in Google ein: Properties for sale in Donegal…
Ja - das Preisniveau war doch vielversprechend….
Eine Stunde später traf ich auf ein Bild, es zeigte eine Bucht - mehr wie ein norwegischer Fjord. Am rechten Rand des Bildes konnte man die offene See erkennen, Berge im Hintergrund, kleine Inselchen auf dem blautürkisen Wasser, kleine Boote an einer Pier und grasende Rinder auf der am Strand angrenzenden Wiese. Es war kein Haus zu sehen, nur eben der Blick von dem Haus. Ich war wie gebannt. Ja- das ist exakt das Bild von meinem Traum….
Ich klickte auf den Link: 6 Schlafzimmer Haus, 3 Bäder, 630.000,00 Euro. Enttäuscht war mir klar, das ist zu teuer. Schade.
Ich fand kein einziges weiteres Haus in dieser Preiskategorie, obwohl manche Häuser viel größer waren als das in der Offerte. Das lies mich hoffen, vielleicht gibt es ja günstigere Häuser in der Nähe mit ähnlichem Blick?
Kurzentschlossen rief ich Paula an: „Hast de Lust und Zeit? Ich fliege nach Irland und schaue mir Häuser an.“
„Immer dabei“, antwortete sie jubelnd. Sie liebte diese Kurztrips genauso wie ich, sie hat eh immer an mich geglaubt, dafür liebe ich sie sehr.
Ich öffnete erneut den Link zu meinem unbezahlbaren Traumhaus und schrieb an die angegebene EmailAdresse: I like to see the house….
Die Antwort kam 10 Minuten später. Mona hieß die Eigentümerin. Sie lobpreiste das Haus und die Gegend und erzählte mir, dass sie zwar in Spanien lebte, aber eine Freundin von ihr damit beauftragt war, das Haus zu zeigen. Ich solle ihr nur das Ankunftsdatum sagen, dann würde sie einen Termin vereinbaren.
Ich war aufgeregt. Ja- ich wusste schon von vorn herein - das Haus wird es nicht werden - aber ich hatte einen Anfang gemacht und ich wollte das Haus sehen und vor allem die Aussicht!
Nach Absprache mit den Kindern war schnell ein Flug gebucht. YEAHHHHH … nächste Woche … I am so excited….
Ich googelte weiter und fand bei Kaufobjekten in der Nähe der Gweebarra Bay, so hieß die Bucht, in die ich mich so verliebt hatte, in Ebay ein Angebot einer Kate in der Nähe des nächstgelegenen Ortes Dungloe. Es sah romantisch aus und ich kontaktierte den deutschen Eigentümer.
Er hieß Heinz und kam aus Köln. Er rief mich unvermittelt an und bot mir an, doch in der Zeit in Irland in dem Haus zu wohnen, er mache mir auch einen guten Preis, danach könne man ja weitersehen, ob das Objekt in Frage käme. Auf meine Frage, ob das Haus denn Meerblick habe, sagte er oh ja du kannst das Meer sehen… Da ich noch keine Unterkunft für die zwei Nächte hatte, why not? Also war das gebongt. Wow - das ging aber alles sehr schnell…
Noch in dieser Nacht schrieb ich einen Makler in Dungloe per Email an, der mir am nächsten Tag prompt antwortete und wir vereinbarten für die Zeit in Irland einen Termin, er wolle mir mehrere interessante Objekte zeigen….
In der Zwischenzeit hatte ich ein reges hin und her per Mail mit Mona. Ich erzählte ihr von meiner Idee ein Bed and Breakfast zu eröffnen.
Sie schickte mir unzählige Bilder, zählte mir auf was für super Sehenswürdigkeiten in der Gegend wären, wie super geeignet dieses Haus und der Ort sei und das es hier noch kein einziges Gästehaus gäbe, also ein Riesenpotential. Ich dachte mir nur: Wow das ist eine Businesswoman… Wie recht ich damit hatte, bekomme ich bis heute zu spüren…
Wir landeten spät nachmittags in Dublin und fuhren mit einem ausgedruckten Routenplan in Richtung Norden. Recht schnell wurde es dunkel. Es war immer noch Winter, die Tage sind kurz in dieser Jahreszeit. Leider konnten wir die schöne Landschaft so nicht sehen, aber wir waren voller positiver Aufgeregtheit. Die Straßen wurden von Stunde zu Stunde schlechter. Schmal - also sehr schmal für deutsche Verhältnisse, auf der Breite eines besseren Fahrradweges begegneten uns Schwerlaster und Busse mit schwindelerregender Geschwindigkeit, ich war schweißgebadet.
Paula ist ein genialer Beifahrer, sie redete mir Mut zu und so kamen wir durch Nord-Irland endlich nach Belleek und danach in den County Donegal. Ab hier stimmte aber leider mein Routenplaner nicht mehr. Die beschriebene Straße endete in einem Feldweg.
„Und jetzt?“, fragte Paula zögerlich sich an mich wendend.
„Keine Ahnung“… gab ich resigniert zurück und drehte mit 35 Zügen den Wagen, um nicht im Graben zu landen und kam zurück auf den (Haupt-)Fahrradweg.
„Hier - eine Tankstelle“, freudig machte mich Paula auf eine typisch irische Tankstelle aufmerksam, die meistens einen kleinen Shop und Take-away nebenan beherbergen.
Wir entschieden uns spontan einen Stopp einzulegen und eine Straßenkarte von Donegal käuflich zu erwerben.
Während wir kauend Fish und Chips verdrückten studierten wir die Karte, verglichen mit unserem Routenplaner und stellten fest, so falsch waren wir gar nicht. Wir kauften noch Lebensmittel für das Frühstück für die nächsten Tage und auf ging es weiter in Richtung Dungloe.
Mit Hilfe der Neuerwerbung und einige Stunden später als geplant, riefen wir die Nummer an, die uns Heinz gemailt hatte und die wir anrufen sollten, sobald wir in der Nähe der Tankstelle vor Dungloe eintreffen, dort würden wir abgeholt werden.
Eine nette Holländerin, die sich um das Haus kümmert während Heinz in Deutschland ist, holte uns nur einige Minuten später vom Treffpunkt ab und wir folgten ihrem Auto. Wir kamen durch Dungloe und folgten der N56 noch einige Kilometer. Völlig unerwartet setzte die Vorausfahrende den Blinker nach links.
„Hier?“ Überrascht folgte ich dem Wagen auf einen völlig aufgeweichten verschlammten Feldweg. Ich hatte Angst mit meinem Kleinwagen stecken zu bleiben.
Es regnete in Strömen und war stockdunkel, schon etwas gruselig. Ich konnte an Paulas Gesichtsausdruck sehen, sie starb vor Angst, aber sie wollte mich nicht noch mehr beunruhigen, also weiter!
Nach einem Kilometer konnten wir schemenhaft ein Haus erkennen. Das Auto vor uns stoppte und die Fahrerin stieg aus, um uns einen Platz neben ihr im Schlamm anzuweisen. Wir stiegen aus und folgten ihr, durch den Matsch rennend, um dem heftigen Regen zu entkommen, ins Cottage.
Ich habe Asthma, aber seitdem ich in Irland lebe ist es so gut wie geheilt, ich nehme nur noch prophylaktisch ein Spray. Ich trat ein und fing auch gleich an zu japsen. Fäulnisgeruch sprang mich an und der vor der Tür liegende Teppich triefte vor Nässe.
Dana, so stellte sich die Holländerin vor, meinte achselzuckend, die Tür sei nicht dicht und bei Regen liefe das Wasser rein. Super … das fing ja toll an.
Mag sein, das Cottage war alt, aber das war eine bessere Ruine, schlecht renoviert, Feuchtigkeit in allen Räumen und sehr hässlich eingerichtet. Der auf dem Bild im Internet so anheimelnd erscheinende Kamin mit Natursteinen war fake: Tapete in Steinoptik mit schwarzen Schimmelflecken verziert. Das Waschbecken und die Dusche in Plastik, wie man sie in Wohnwagen sieht. Die Küche ein Loch, wow, nach stundenlanger Irrfahrt im Regen und abenteuerlicher Anreise ins Cottage war ich fertig.
Ich hätte heulen können. Der für mich so positiv erschienene Verkaufspreis von 250.000 Euro kam mir vor wie ein Witz - ein schlechter Witz.
Was soll’s. 200 Euro wollte Heinz für zwei Nächte. Das war unverschämt, aber wir entschieden, wir machen das Beste draus, verabschiedeten Dana und machten uns dran den Ofen anzuheizen, um etwas Wärme und Gemütlichkeit zu erlangen.
Wir überzogen die Betten mit dem mitgebrachten Bettzeug, das war mit Heinz für den Schnäppchenpreis so vereinbart. Wir ließen uns komplett angezogen und zusätzlich mit den Jacken am Leib fielen wir ins Bett und schliefen tot müde ein.
Am nächsten Morgen wurde ich wach und meine Lungen pfiffen wie eine Lokomotive. Ich hatte ja immer mein Notfall-Spray dabei, also wird schon gehen …
Paula hatte auch gut geschlafen und die Laune war bedeutend besser. Das Feuer war mittlerweile natürlich wieder aus und wir bibberten vor Kälte. Also feuerten wir erneut den Ofen an und erkundeten das Haus. Wir lachten über die katastrophalen Geschmacksverirrungen und lästerten über den überall vorzufindenden Schimmel und Verfall.
„Frühstück?“ Gutgelaunt ging Paula in die Küche und stellte den Wasserkocher an, um Instantkaffee zu kochen. Wir machten es uns auf dem Boden vor dem Ofen gemütlich und frühstückten.
Die Körperreinigung reduzierten wir auf Zähneputzen und Katzenwäsche am Waschbecken. Wir hatten mit Heinz vereinbart selbst Bettwäsche mitzubringen, über Handtücher wurde nicht gesprochen. Da war natürlich KEIN Handtuch. Kurzerhand benutzten wir den Duschvorleger aus Frottee, besser ohne ihn genauer anzusehen….
Wir starteten auch gleich los, der Termin mit Monas Freundin stand um 11.00 Uhr an und ich konnte es kaum erwarten.
Beim Verlassen des Cottage wollten wir wenigstens den versprochenen Meerblick genießen, aber wo war das Meer? Alles was wir sehen konnten war wildes, mit Felsgestein durchzogenes Torf-Land, kein Meer. Oh Heinz….
Ausgestattet mit unserer Karte und der ausgedruckten Wegbeschreibung von Mona ging es los in Richtung Lettermacaward, so hieß der Ort wo das Traumobjekt zu finden war.
