Wind - Stephen King - E-Book

Wind E-Book

Stephen King

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Beschreibung

Ein Sturm zieht auf

Roland Deschain, der letzte Revolvermann, und seine Gefährten haben den Grünen Palast hinter sich gelassen. Als sie auf dem Pfad des Balkens ins Land Donnerschlag unterwegs sind, zieht ein heftiger Sturm herauf, und sie finden Schutz in einer verlassenen Hütte. Dort erzählt Roland seinen Begleitern, was in seiner Jugend geschah, nachdem er unbeabsichtigt seine Mutter umgebracht hatte: Sein Vater schickte ihn zu einer entlegenen Ranch, wo grausame Morde stattfanden. Alle Anzeichen deuteten auf einen Gestaltwandler als Täter hin, und es gab nur einen Zeugen – einen kleinen Jungen, der jetzt seines Lebens nicht mehr sicher war.

Mit Wind legt Stephen King einen achten Roman seines großen Endzeitepos um den Dunklen Turm vor, bei dem es sich nach eigenem Bekunden um sein wichtigstes Werk handelt. Derzeit befindet sich eine Verfilmung des gesamten Zyklus in der Vorproduktion.

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Seitenzahl: 474

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STEPHEN KING

Wind

STEPHEN KING

Wind

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Wulf Bergner

Die Originalausgabe erschien unter dem TitelTHE WIND THROUGH THE KEYHOLEbei Scribner, New York

Copyright © 2012 by Stephen KingCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe byWilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHUmschlaggestaltung und Motive:Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, ZürichSatz: C. Schaber Datentechnik, WelsISBN: 978-3-641-08323-6

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VORWORT

Viele, die das Buch jetzt in Händen halten, haben die Abenteuer von Roland und seiner Bande – seinem Ka-Tet – über die Jahre hinweg verfolgt, manche vielleicht von Anfang an. Unter den hoffentlich vielen Lesern – sowohl den neuen als auch den getreuen – werden sich manche fragen, ob man es auch ohne Kenntnis der anderen Dunkler-Turm-Bücher mit Lustgewinn lesen kann. Meine Antwort lautet ja, wenn man ein paar Dinge im Auge behält.

Erstens: Mittwelt liegt nahe der unseren, es gibt sogar Überschneidungen. An bestimmten Stellen gibt es Durchgänge zwischen den beiden Welten, gelegentlich verschmelzen diese auch tatsächlich, wobei wir die Orte, an denen das geschieht, als dünnwandig und porös erfahren. Drei aus Rolands Ka-Tet – Eddie, Susannah und Jake – sind jeweils aus New York, wo sie ein schweres Leben hatten, in Rolands Mittwelt gezogen worden, um ihn bei seiner Suche zu begleiten. Der Vierte im Bunde der Wanderer ist ein Billy-Bumbler namens Oy, ein Tier mit goldgeränderten Augen, das nur in Mittwelt vorkommt. Mittwelt – eine sehr alte, dem Untergang geweihte Welt – steht unter dem Einfluss von Ungeheuern und nicht gerade vertrauenerweckender Magie.

Zweitens: Roland Deschain ist ein Revolvermann – einer aus einer kleinen Gruppe Aufrechter, die in einer zunehmend gesetzlosen Welt für Ordnung sorgen wollen. Wenn man sich die Revolvermänner von Gilead als eine seltsame Kombination aus fahrender Ritter des Mittelalters und U.S. Marshal des Wilden Westens denkt, kommt man der Sache sehr nahe. Nicht alle, aber die meisten entstammen der Ahnenreihe des alten Weißen Königs, einer Art König Artus, in Mittwelt auch als Arthur Eld bekannt (wie gesagt gibt es Überschneidungen).

Drittens: Rolands Leben steht unter einem schrecklichen Fluch. Er hat in jungen Jahren seine Mutter umgebracht, die – im Prinzip gegen ihren Willen, jedenfalls aber wider besseres Wissen – eine Affäre mit einem Kerl hatte, der uns auch in der vorliegenden Geschichte begegnet. Obwohl die Tat versehentlich geschah, hält sich Roland dafür verantwortlich, und der unglückliche Tod von Gabrielle Deschain verfolgt ihn von Jugend an. Die Ereignisse werden im Dunkler-Turm-Zyklus in aller Fülle dargelegt, für unseren jetzigen Zweck soll es damit aber sein Bewenden haben.

Langjährige Leser werden dieses Buch zwischen Glas und Wolfsmond einordnen … was es irgendwie zu Dunkler Turm 4.5 macht.

Was mich betrifft, so war ich entzückt, dass meine alten Freunde immer noch etwas zu sagen hatten. Es war ein großes Geschenk, sie wieder zu treffen, nachdem ich schon vor Jahren geglaubt hatte, ihre Geschichte sei vollständig erzählt.

Stephen King

14. September 2011

Stoßwind

1

In den Tagen nachdem sie den Grünen Palast verlassen hatten, der dann doch nicht Oz gewesen war – aber jetzt das Grab eines unangenehmen Zeitgenossen war, den Rolands Ka-Tet als den Ticktackmann kannte –, streifte der Junge Jake immer weiter vor Roland, Eddie und Susannah umher.

»Machst du dir keine Sorgen um ihn?«, fragte Susannah Roland. »Wenn er dort draußen allein unterwegs ist?«

»Er hat Oy bei sich«, sagte Eddie und meinte damit den Billy-Bumbler, der Jake als seinen speziellen Freund adoptiert hatte. »Mr. Oy kommt mit netten Leuten ja gut aus, aber er zeigt allen, die nicht so nett sind, scharfe Zähne. Wie der widerliche Gasher zu seinem Leidwesen erfahren musste.«

»Außerdem hat er die Pistole seines Vaters«, sagte Roland. »Und er weiß sie zu gebrauchen. Darauf versteht er sich sogar sehr gut. Und er wird den Pfad des Balkens nicht verlassen.« Er zeigte mit seiner verkrüppelten Hand gen Himmel. Die tief hängenden Wolken bewegten sich zwar kaum, zogen aber als ein einzelnes Wolkenband stetig nach Südosten. In Richtung des Landes Donnerschlag, wenn die für sie zurückgelassene Mitteilung des Mannes, der sich selbst mit RF betitelte, die Wahrheit gesagt hatte.

In Richtung Dunkler Turm.

»Aber warum …«, begann Susannah, und dann polterte ihr Rollstuhl durch ein Schlagloch. Sie sah sich nach Eddie um. »Pass auf, wohin du mich schiebst, Süßer.«

»Sorry«, sagte Eddie. »Das Straßenbauamt hat die Schnellstraße hier in letzter Zeit irgendwie vernachlässigt. Hat bestimmt ziemlich mit Haushaltskürzungen zu kämpfen.«

Es war keine Schnellstraße, aber immerhin eine Straße – oder einmal eine gewesen: zwei geisterhafte Fahrspuren, entlang denen ab und zu verfallene Hütten standen, die ihren Verlauf bezeichneten. Am Morgen waren sie sogar an einem aufgegebenen Laden mit einem kaum noch lesbaren Schild vorbeigekommen: TOOK’S GEMISCHTWARENHANDLUNG – AUSSENSTELLE. Sie hatten sich dort nach Vorräten umgesehen – Jake und Oy waren noch bei ihnen gewesen –, aber nichts außer Staub, uralten Spinnweben und einem Skelett gefunden, das vermutlich von einem großen Waschbären, einem kleinen Hund oder einem Billy-Bumbler stammte. Oy hatte es flüchtig beschnüffelt und dann auf die Knochen gepinkelt, bevor er aus dem Laden gelaufen war und sich mit seinem um die Pfoten gekringelten Ringelschwanz auf einen Hügel mitten auf der alten Straße gesetzt hatte. Dort hatte er die Schnauze in die Richtung gestreckt, aus der sie gekommen waren, und geschnüffelt.

Roland hatte den Bumbler schon mehrmals dabei beobachtet, dass er das tat, und sich darüber Gedanken gemacht, auch wenn er zunächst nichts gesagt hatte. Folgte ihnen jemand? Das glaubte er eigentlich nicht, aber die Haltung des Bumblers – Nase hochgereckt, Ohren gespitzt, Schwanz um die Pfoten gerollt – rief irgendeine alte Erinnerung oder Assoziation wach, die er sich nicht ganz ins Gedächtnis zurückrufen konnte.

»Warum will Jake allein sein?«, fragte Susannah.

»Findest du das beunruhigend, Susannah von New York?«, fragte Roland.

»Ja, Roland von Gilead, ich finde es beunruhigend.« Sie lächelte durchaus freundlich, aber in ihren Augen glitzerte wieder das alte boshafte Licht. Das war der Detta-Walker-Aspekt ihrer Persönlichkeit, vermutete Roland. Er würde nie ganz verschwinden, aber das bedauerte er nicht. Ohne dass die widersprüchliche Frau, die sie einst gewesen war, weiter wie ein Eissplitter in ihrem Herzen steckte, wäre sie nur eine attraktive Schwarze ohne Beine unterhalb der Knie gewesen. Mit ihr war sie jemand, mit dem man rechnen musste. Eine gefährliche Persönlichkeit. Ein Revolvermann.

»Er hat reichlich Stoff zum Nachdenken«, sagte Eddie ruhig. »Er hat viel durchgemacht. Nicht jedes Kind kehrt von den Toten zurück. Und Roland hat natürlich recht – wenn sich jemand mit ihm anlegt, dürfte dieser Jemand den Kürzeren ziehen.« Eddie hielt den Rollstuhl an, wischte sich mit dem Unterarm Schweiß von der Stirn und sah zu Roland hinüber. »Gibt’s in diesem speziellen Vorort von Nirgendwo überhaupt Jemande, Roland? Oder sind die alle weitergezogen?«

»Ein paar gibt es bestimmt, nehme ich an.«

Er nahm es nicht nur an; während sie weiter dem Pfad des Balkens folgten, waren sie mehrmals heimlich beobachtet worden. Einmal von einer Frau, die ihre Arme ängstlich um zwei Kinder gelegt hatte und in einem Wickeltuch einen Säugling trug. Einmal von einem alten Farmer – dem zuckenden Tentakel nach zu urteilen, der ihm von einem Mundwinkel herabhing, ein Halb-Mutie. Eddie und Susannah hatten keinen dieser Leute gesehen oder die anderen gespürt, die nach Rolands Überzeugung, in Hainen oder hohem Gras sicher versteckt, ihr Vorbeiziehen verfolgt hatten. Eddie und Susannah hatten noch viel zu lernen.

Zumindest schienen sie schon einiges Brauchbares gelernt zu haben, denn Eddie fragte jetzt: »Sind es die, die Oy ständig hinter uns wittert?«

»Das weiß ich nicht.« Roland überlegte, ob er hinzufügen solle, Oy gehe bestimmt etwas andres durch seinen merkwürdigen kleinen Bumblerkopf, entschied sich dann aber dagegen. Der Revolvermann hatte lange Jahre allein gelebt. Seine Gedanken für sich zu behalten war ihm zur Gewohnheit geworden. Wenn ihr Ka-Tet stark bleiben sollte, würde er sich das abgewöhnen müssen. Aber nicht jetzt, nicht zu dieser Stunde.

»Kommt, wir wollen weiter«, sagte er. »Bestimmt wartet Jake weiter vorn auf uns.«

2

Zwei Stunden später, kurz vor Mittag, erreichten sie einen Hügelrücken und machten dort halt. Sie blickten auf einen breiten, langsam dahinfließenden Fluss hinunter, der unter dem bewölkten Himmel zinngrau aussah. Am Nordwestufer – auf ihrer Seite des Flusses – stand ein scheunenartiges Gebäude, dessen grelles Grün in den trüben Tag hinausschrie. Die offene Giebelseite ragte auf Pfählen, die im selben grellen Grün gestrichen waren, übers Wasser hinaus. Dort lag, mit dicken Trossen an zwei Pfählen vertäut, ein mindestens 25 mal 25 Meter großes Floß. Es war gelb und rot gestreift. In der Mitte ragte eine hohe Holzstange auf, die eine Art Mast zu sein schien, aber das dazugehörige Segel war nirgends zu sehen. Dem Ufer zugewandt, standen mehrere Korbsessel davor. In einem davon saß Jake. Neben ihm saß ein alter Mann, der einen breitkrempigen Strohhut, weite grüne Hosen und hohe Schaftstiefel trug. Sein Oberkörper war lediglich mit einem dünnen weißen Kleidungsstück bedeckt – eine Art Trägerunterhemd, die Roland als Slinkum bezeichnete. Jake und der Alte aßen irgendwelche gefüllten Popkins. Roland lief das Wasser im Mund zusammen.

Oy saß hinter ihnen am Rand des zirkusartig bunten Fahrzeugs und starrte fasziniert sein Spiegelbild im Wasser an. Vielleicht auch das Spiegelbild des Drahtseils, das über ihnen den Fluss überspannte.

Susannah wandte sich an Roland. »Ist das der Whye?«

»Yar.«

Eddie grinste. »Du sagst Whye; ich sage Whye Not?« Er hob eine Hand und schwenkte sie über dem Kopf. »Jake! He, Jake! Oy!«

Jake winkte seinerseits. Der Fluss und das an seinem Ufer vertäute Floß waren noch ein paar Hundert Meter entfernt, aber alle hatten die gleichen scharfen Augen und konnten deshalb die Zähne des Jungen beim Lächeln weiß aufblitzen sehen.

Susannah legte beide Hände an den Mund. »Oy! Oy! Komm zu mir, Süßer! Komm zu deiner Mama!«

Mit einem schrillen Jaulen, das ein Bellen imitieren sollte, flitzte Oy über das Floß. Er verschwand in dem scheunenartigen Gebäude und kam auf ihrer Seite wieder zum Vorschein. Mit angelegten Ohren und glänzenden goldgeränderten Augen kam er den Weg heraufgerast.

»Langsamer, Schatz, sonst trifft dich der Schlag!«, rief Susannah lachend.

Oy schien das als Aufforderung zu verstehen, sein Tempo noch zu steigern. In weniger als zwei Minuten erreichte er Susannahs Rollstuhl und war mit einem Satz auf ihrem Schoß. Gleich darauf sprang er wieder zu Boden und sah vergnügt zu ihnen auf. »Olan! Ed! Suze!«

»Heil, Sir Throcken«, sagte Roland, der das alte Wort für Bumbler gebrauchte, das er erstmals gehört hatte, als seine Mutter ihm das Buch Der Throcken und der Drache vorgelesen hatte.

Oy hob ein Bein, bewässerte ein Grasbüschel, setzte sich dann wieder, blickte in die Richtung, aus der sie gekommen waren, schnüffelte in die Luft und ließ den Horizont nicht aus den Augen.

»Wieso macht er das dauernd, Roland?«, fragte Eddie.

»Weiß ich nicht.« Aber er wusste es beinahe. Stand da nicht etwas in irgendeiner alten Geschichte, nicht in Der Throcken und der Drache, aber in einer ziemlich ähnlichen? Roland war so. Er dachte flüchtig an grüne Augen, die aus dem Dunkel lugten, und empfand einen leichten Schauder – nicht direkt aus Angst (obwohl auch die eine Rolle spielen mochte), sondern einer Erinnerung wegen. Dann war der Augenblick vorüber.

Es wird Wasser geben, so Gott will, dachte er und merkte erst, dass er laut gesprochen hatte, als Eddie verständnislos »Hä?« sagte.

»Schon gut«, sagte Roland. »Ich schlage vor, wir halten mit Jakes neuem Freund ein kleines Palaver ab. Vielleicht hat er sogar ein paar Popkins übrig.«

Eddie, der ihr zähes Grundnahrungsmittel, das sie Revolvermann-Burritos nannten, satthatte, war sofort besser gelaunt. »Teufel, yeah«, sagte er und sah auf eine imaginäre Uhr an seinem gebräunten Handgelenk. »Du meine Güte, wie ich sehe, ist gerade Fresszeit.«

»Halt einfach die Klappe, und schieb, Schätzchen«, sagte Susannah.

Eddie hielt die Klappe und schob.

3

Der Alte hatte gesessen, als sie ins Bootshaus kamen, empfing sie aber stehend, als sie auf der anderen Seite auf den Steg hinaustraten. Er besah sich Rolands und Eddies Waffen – schwere Revolver mit Sandelholzgriffen – mit großen Augen. Er ließ sich auf ein Knie sinken. Es war so still, dass Roland tatsächlich die Gelenke des Alten knacken hörte.

»Heil, Revolvermann«, sagte er und legte eine von Arthritis geschwollene Hand an die Stirn. »Ich grüße dich.«

»Erhebe dich, Freund«, sagte Roland, der nur hoffen konnte, dass der Alte wirklich ein Freund war – Jake jedenfalls schien es zu glauben, und Roland hatte gelernt, auf dessen Instinkt zu vertrauen. Von dem des Billy-Bumblers ganz abgesehen. »Erhebe dich.«

Der Alte hatte beim Aufstehen Mühe, weshalb Eddie an Bord sprang und ihn unter dem Arm stützte.

»Dank dir, Sohn, dank dir. Bist du auch ein Revolvermann oder noch Lehrling?«

Eddie sah zu Roland hinüber. Als von Roland nichts kam, erwiderte er den Blick des Alten, zuckte die Achseln und grinste. »Irgendwie ein bisschen beides. Ich bin Eddie Dean von New York. Das hier ist meine Frau Susannah. Und das hier ist Roland Deschain. Von Gilead.«

Der alte Flößer riss die Augen noch weiter auf. »Aus dem Gilead von einst? Sagst du das?«

»Aus dem Gilead von einst«, bestätigte Roland und fühlte ungewohnten Kummer aus seinem Herzen aufsteigen. Die Zeit war ein Gesicht auf dem Wasser, und sie tat wie der Strom vor ihnen nichts, als zu fließen.

»Dann kommt an Bord. Und seid willkommen. Dieser junge Mann und ich sind schon gute Freunde, das sind wir.« Als Oy das große Floß betrat, beugte der Alte sich hinunter, um den hochgereckten Kopf des Bumblers zu streicheln. »Und das sind auch wir, nicht wahr, kleiner Kerl? Weißt du meinen Namen noch?«

»Bix!«, sagte Oy prompt, dann drehte er sich in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und hob die Schnauze. Seine goldgeränderten Augen starrten wie gebannt die Wolkenstraße an, die den Pfad des Balkens bezeichnete.

4

»Wollt ihr mithalten?«, fragte Bix sie. »Was ich habe, ist kümmerlich und bescheiden, aber ich will mein Weniges gern mit euch teilen.«

»Danke, gern«, sagte Susannah. Sie sah zu dem Drahtseil auf, das den Fluss schräg überspannte. »Das hier ist eine Fähre, oder?«

»Yeah«, sagte Jake. »Bix hat mir erzählt, dass drüben am anderen Ufer Leute wohnen. Nicht nahe, aber auch nicht weit entfernt. Er glaubt, dass sie Reisfarmer sind, allerdings kommen sie nicht oft hierher.«

Bix trat von dem großen Floß auf den Steg und verschwand im Bootshaus. Eddie wartete, bis sie den Alten herumkramen hörten, dann beugte er sich zu Jake hinüber und fragte ihn leise: »Ist er in Ordnung?«

»Ziemlich«, sagte Jake. »Freut sich darauf, jemand rüberbringen zu können. Das letzte Mal liegt Jahre zurück, sagt er.«

»Darauf würde ich wetten«, stimmte Eddie zu.

Bix kam mit einem Weidenkorb zurück, den Roland ihm sofort abnahm – sonst wäre der Alte womöglich damit ins Wasser geplumpst. Bald saßen sie alle in den Korbsesseln und mampften Popkins, die mit rosa Fischfleisch gefüllt waren. Es war gewürzt und schmeckte köstlich.

»Esst nach Herzenslust«, sagte Bix. »Der Fluss ist voller Shannies, und die meisten weisen keine Mutationen auf. Das gilt hier im Äußeren für fast alle Lebewesen. Die Muties werfe ich zurück. Früher waren wir angewiesen, die schlechten ans Ufer zu werfen, damit sie sich nicht weiter vermehren können, und ich hab’s auch eine Zeit lang getan, aber jetzt …« Er zuckte die Achseln. »Leben und leben lassen, sag ich mir. Als jemand, der selbst lange gelebt hat, find ich, dass ich das sagen darf.«

»Wie alt bist du denn?«, fragte Jake.

»Ich bin vor ziemlich langer Zeit hundertzwanzig geworden, aber seither bin ich beim Zählen durcheinandergeraten, das bin ich. Auf dieser Seite der Tür ist die Zeit kurz, müsst ihr wissen.«

Auf dieser Seite der Tür. Wieder zupfte die Erinnerung an irgendeine alte Geschichte an Roland, verschwand aber wieder genauso schnell.

»Folgt ihr dem da …?« Der Alte deutete auf das dahinziehende Wolkenband.

»Das tun wir.«

»Zu den Callas oder noch weiter?«

»Weiter.«

»Ins große Dunkel?« Bei dieser Vorstellung wirkte Bix besorgt und fasziniert zugleich.

»Wir gehen unseren Weg«, sagte Roland. »Was verlangst du fürs Übersetzen, Sai Fährmann?«

Bix lachte. Sein brüchiges Lachen klang vergnügt. »Geld nutzt nichts, wenn man es nicht ausgeben kann. Ihr habt kein Vieh, und dass ich mehr zu essen habe als ihr, ist klar wie der lichte Tag. Und ihr könntet eure Waffen ziehen und mich zwingen, euch überzusetzen.«

»Niemals!«, sagte Susannah sichtlich schockiert.

»Das weiß ich«, sagte Bix mit einer beruhigenden Handbewegung. »Verwüster täten’s vielleicht – und würden noch dazu meine Fähre verbrennen, sobald sie drüben wären –, aber wahre Revolvermänner niemals. Und ihre Frauen ebenfalls nicht. Du scheinst nicht bewaffnet zu sein, Missus, aber bei Frauen weiß man das ja nie.«

Susannah quittierte das mit einem schmallippigen Lächeln, ging aber sonst nicht weiter darauf ein.

Bix wandte sich an Roland. »Mir scheint, ihr kommt aus Lud. Erzählt mir, wie die Dinge dort stehen. Das war nämlich eine wundervolle Stadt, das war es. Schon damals heruntergekommen und immer befremdlicher, aber trotzdem herrlich.«

Die vier wechselten einen Blick, der als Ausdruck ihrer besonderen Telepathie völlig an-tet war. Zugleich verdüsterte ihn Shume – ein altes Wort aus Mittwelt, das Scham, aber auch Kummer bedeuten konnte.

»Was?«, fragte Bix. »Was hab ich gesagt? Wenn ich um was Ungehöriges gebeten habe, so erflehe ich eure Verzeihung.«

»Durchaus nicht«, sagte Roland. »Aber Lud …«

»Lud ist nichts als Staub im Wind«, sagte Susannah.

»Na ja«, sagte Eddie. »Nicht gerade Staub.«

»Asche«, sagte Jake. »Und zwar Asche, die im Dunkeln leuchtet.«

Bix wurde nachdenklich, schließlich nickte er bedächtig. »Ich möchte es trotzdem hören – oder wenigstens so viel, wie ihr in einer Stunde erzählen könnt. Ungefähr so lange dauert die Überfahrt.«

5

Bix wehrte ab, als sie sich erboten, ihm bei den Vorbereitungen zum Ablegen zu helfen. Das sei seine Arbeit, sagte er, und er könne sie durchaus noch tun – nur eben nicht mehr so schnell wie einst, als es auf beiden Ufern des Flusses Farmen und kleine Handelsniederlassungen gegeben habe.

Zu tun gab es ohnehin nicht allzu viel. Bix holte einen Hocker und einen großen Ringbolzen aus Eisenholz aus dem Bootshaus, stieg auf den Hocker, um den Ringbolzen am Mast zu befestigen, und hakte ihn dann über das Drahtseil. Er trug den Hocker wieder hinein und kam mit einer großen, z-förmigen Metallkurbel zurück. Diese legte er mit einer gewissen Feierlichkeit bei dem Holzkasten ab, der sich am Heck des Floßes befand.

»Dass mir die keiner von euch über Bord befördert, sonst komme ich nie mehr wieder nach Hause zurück«, sagte er.

Roland ging vor der Kurbel in die Hocke, um sie genauer zu betrachten. Dann winkte er Eddie und Jake zu sich heran. Er zeigte auf die Worte, die in den langen Mittelteil des Z geprägt waren. »Steht hier das, was ich glaube, dass es dort steht?«

»Yep«, sagte Eddie. »North Central Positronics. Unsere alten Freunde.«

»Seit wann hast du das Ding, Bix?«, fragte Susannah.

»Seit neunzig Jahren, würde ich sagen, oder sogar mehr. Da drüben gibt es so eine unterirdische Anlage.« Er wies ungefähr in Richtung Grüner Palast. »Sie erstreckt sich meilenweit und ist voller Dinge, alle perfekt erhalten, die den Alten gehört haben. Aus der Decke kommt seltsame Musik, eine, wie man sie noch nie gehört hat. Da klappern einem sozusagen die Zähne. Aber man sollte sich nicht zu lange dort aufhalten, sonst bekommt man Geschwüre und muss sich übergeben und fängt an, Zähne zu verlieren. Ich war nur ein einziges Mal dort. Mehr nicht. Eine Zeit lang hab ich gedacht, ich müsste sterben.«

»Hast du außer deinen Beißern auch die Haare verloren?«, fragte Eddie.

Bix wirkte überrascht, dann nickte er. »Stimmt, teilweise, aber die sind nachgewachsen. Diese Kurbel hier, die ist still, weißt du.«

Eddie überlegte einen Augenblick. Natürlich war sie still, sie war immerhin ein unbelebter Gegenstand. Dann wurde ihm klar, dass der Alte Stahl meinte.

»Seid ihr bereit?«, fragte Bix in die Runde. Seine Augen glänzten fast so hell wie die von Oy. »Soll ich ablegen?«

Eddie salutierte zackig. »Aye-aye, Käpt’n. Wir laufen zu den Schatzinseln aus, ha, das tun wir.«

»Komm, und hilf mir bei den Trossen hier, Roland von Gilead, ich bitte dich.«

Das tat Roland, und er tat es gern.

6

Das Floß bewegte sich in der trägen Strömung am diagonal gespannten Drahtseil entlang. Überall um sie herum sprangen Fische in die Höhe, während Rolands Ka-Tet sich darin abwechselte, dem Alten von der Stadt Lud und ihren dortigen Abenteuern zu erzählen. Oy, dessen Vorderpfoten auf dem flussaufwärts zeigenden Bordrand verankert waren, beobachtete eine Zeit lang interessiert die Fische. Dann wandte er sich ab, reckte die Schnauze in die Luft und sah wieder in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Bix grunzte, als er hörte, womit sie Lud verlassen hatten. »Blaine der Mono, sagt ihr. An den erinnere ich mich. Ein Luxuszug war das. Es hat noch einen anderen gegeben, nur fällt mir der Name gerade nicht ein …«

»Patricia«, sagte Susannah.

»Aye, das stimmt. Schöne Glasflanken hatte die. Und ihr sagt, dass die Stadt völlig zerstört ist?«

»Völlig«, bestätigte Jake.

Bix ließ den Kopf hängen. »Traurig.«

»Genau«, sagte Susannah. Sie ergriff seine Hand und drückte sie leicht. »Mittwelt ist ein trauriger Ort, obwohl es hier auch sehr schön sein kann.«

Sie waren in der Flussmitte angelangt, und eine leichte Brise, die überraschend warm war, zerzauste ihnen das Haar. Sie hatten alle die schwere Überkleidung abgelegt und es sich in den Korbsesseln bequem gemacht. Die Sessel hatten Rollen, vermutlich damit man die Blickrichtung wechseln konnte. Ein großer Fisch – möglicherweise einer von der Sorte, mit der sie sich zur Fresszeit den Magen gefüllt hatten – sprang auf das Floß und blieb zappelnd vor Oys Pfoten liegen. Obwohl der Bumbler sonst jedes kleine Lebewesen erlegte, das seinen Weg kreuzte, schien er den Fisch nicht einmal wahrzunehmen. Roland beförderte ihn mit einem Tritt seiner abgewetzten Stiefel ins Wasser zurück.

»Euer Throcken weiß, was kommt«, bemerkte Bix. Er musterte Roland. »Dem werdet ihr doch Beachtung schenken, aye?«

Im ersten Augenblick hatte Roland keine Ahnung, was das heißen sollte. Dann stieg aus seinem Unterbewusstsein ein deutliches Bild auf: einer von einem Dutzend handkolorierter Holzstiche aus einem alten Kinderbuch, das er sehr gemocht hatte. Sechs Bumbler, die unter einem Halbmond auf einem umgestürzten Baum saßen, alle mit hochgereckter Schnauze. Dieses Buch, Wundersame Geschichten vom Eld, hatte er als kleiner Junge mehr als alle anderen geliebt, wenn seine Mutter ihm in seinem Turmzimmer vor dem Einschlafen daraus vorgelesen hatte, während draußen ein Herbststurm sein tristes Lied heulte, als wollte er den Winter herbeirufen. »Der Wind durchs Schlüsselloch« lautete der Titel der Geschichte zu diesem Bild, und sie war beängstigend und wundervoll zugleich gewesen.

»Alle Götter auf den Hügeln!«, sagte er und schlug sich den Ballen seiner verstümmelten Rechten an die Stirn. »Da hätte ich sofort draufkommen müssen. Schon weil das Wetter in den letzten Tagen unnatürlich warm gewesen ist.«

»Soll das heißen, dass du’s nicht gemerkt hast?«, fragte Bix. »Obwohl du aus Innerwelt bist?« Er schnalzte missbilligend mit der Zunge.

»Roland?«, sagte Susannah. »Was bedeutet das?«

Roland ignorierte sie. Er sah von Bix zu Oy, dann wieder zu Bix hinüber. »Der Stoßwind kommt?«

Bix nickte. »Aye. Das sagt euer Throcken, und was den Stoßwind angeht, irren die Throcken sich nie. Außer dass sie ein bisschen sprechen können, ist das ihre Helle.«

»Welche Helle?«, fragte Eddie.

»Er meint ihre Begabung«, sagte Roland. »Bix, kennst du am anderen Ufer eine Unterkunft, in der wir uns verkriechen und ihn abwettern können?«

»Zufällig kenne ich eine.« Der Alte zeigte zu den bewaldeten Hügeln hinüber, die sanft zum Whye hinunter abfielen, wo ein weiterer Steg und ein weiteres Bootshaus – diesmal ungestrichen und weit weniger großartig – auf sie warteten. »Dort drüben findet ihr euren Weg, ein kleines Sträßchen, das früher eine richtige Straße war. Es folgt dem Pfad des Balkens.«

»Natürlich tut es das«, sagte Jake. »Alle Dinge dienen dem Balken.«

»Ganz recht, junger Mann, ganz recht. Was kennt ihr, Räder oder Meilen?«

»Beides«, sagte Eddie. »Aber für die meisten von uns sind Meilen besser.«

»Also gut. Folgt der alten Callastraße fünf Meilen weit, vielleicht sechs, dann erreicht ihr ein verlassenes Dorf. Die meisten Häuser sind aus Holz und für euch unbrauchbar, aber das Versammlungshaus ist solide aus Stein gebaut. Dort seid ihr sicher. Ich war schon drinnen und weiß, dass es einen schönen offenen Kamin hat. Ihr müsst natürlich den Abzug überprüfen, denn darin nisten gern Vögel, wenn keiner sie vertreibt, und ihr wollt doch, dass er in den drei, vier Tagen, die ihr dort ausharren müsst, gut zieht, oder? Als Brennholz könnt ihr die Reste der übrigen Häuser verwenden.«

»Was bedeutet Stoßwind?«, fragte Susannah. »Ist das ein ausgewachsener Sturm?«

»Ja«, sagte Roland. »Ich habe seit vielen, vielen Jahren keinen mehr erlebt. Nur gut, dass wir Oy bei uns haben. Obwohl es mir trotzdem nicht aufgegangen wäre, wenn Bix nicht gewesen wäre.« Er drückte die Schulter des Alten. »Ich sage dir meinen Dank. Wir alle sagen dir unseren Dank.«

7

Wie so viele Dinge in Mittwelt stand das Bootshaus am Südostufer des Flusses kurz vor dem Einsturz; Fledermäuse hingen mit dem Kopf nach unten an den Dachsparren, und dicke Spinnen liefen die Holzwände hinauf. Alle waren froh, als sie wieder draußen im Freien waren. Bix vertäute sein Floß und gesellte sich zu ihnen. Sie umarmten ihn nacheinander, wobei sie darauf achteten, ihn nicht so fest zu drücken, dass seine morschen Knochen lädiert wurden.

Nachdem alle an die Reihe gekommen waren, fuhr der Alte sich über seine feuchten Augen, dann beugte er sich hinunter und tätschelte Oy den Kopf. »Sorg dafür, dass ihnen nichts passiert, Sir Throcken.«

»Oy!«, antwortete der Billy-Bumbler. Dann: »Bix!«

Als der Alte sich aufrichtete, hörten sie wieder seine Gelenke knacken.

»Schaffst du’s allein zurück?«, fragte Eddie ihn.

»Oh, aye«, sagte Bix. »Wäre jetzt Frühling, vielleicht nicht – der Whye ist nicht so friedlich, wenn der Schnee schmilzt und der Regen kommt –, aber jetzt? Pissleicht. Ich kurble ein bisschen gegen die Strömung an, dann sichre ich den Bolzen, damit das Floß nicht zurücktreibt, während ich mich zwischendurch vom Kurbeln ausruhe. Das dauert möglicherweise vier Stunden statt nur einer, aber ich komme rüber. Bisher war das jedenfalls immer so. Ich wollte nur, ich hätte euch mehr Essen mitgeben können.«

»Wir kommen zurecht«, sagte Roland.

»Na gut. Schön.« Der Alte schien sich kaum von ihnen trennen zu können. Er sah von einem Gesicht zum anderen – ziemlich ernst – und grinste dann zahnlos. »Es war ein glückliches Zusammentreffen, nicht wahr?«

»Das können wir bestätigen«, sagte Roland.

»Und wenn ihr zurückkommt, müsst ihr den alten Bix besuchen. Ihm von euren Abenteuern erzählen.«

»Machen wir«, sagte Susannah, obwohl sie wusste, dass sie niemals wieder hier vorbeikommen würden. Das war etwas, was sie alle wussten.

»Und nehmt euch vor dem Stoßwind in Acht! Mit dem ist nicht zu spaßen. Aber euch bleibt noch ein Tag, vielleicht sind’s sogar zwei. Du drehst dich noch nicht im Kreis, nicht wahr, Oy?«

»Oy!«, antwortete der Bumbler.

Bix ließ einen schweren Seufzer hören. »Geht jetzt eures Weges«, sagte er. »Und ich gehe meinen. Bald werden wir uns alle verkriechen müssen.«

Roland und sein Tet machten sich daran, dem Sträßchen zu folgen.

»Noch was!«, rief Bix ihnen nach, worauf sich alle noch einmal umdrehten. »Wenn ihr den verfluchten Andy seht, sagt ihm, dass ich keine Lieder hören und erst recht kein gottverdammtes Horraskop gestellt kriegen will!«

»Wer ist Andy?«, rief Jake zurück.

»Ach, lass gut sein, wahrscheinlich begegnet ihr ihm sowieso nicht.«

Das waren die letzten Worte des Alten zu diesem Thema, und keiner von ihnen würde sich an sie erinnern, obwohl sie Andy später in der Landgemeinde Calla Bryn Sturgis begegnen würden. Später, nachdem der Sturm vorbei war.

8

Bis zu dem verlassenen Dorf waren es doch nur fünf Meilen, und sie erreichten es in weniger als einer Stunde, nachdem sie von Bord der Fähre gegangen waren. Noch weniger Zeit brauchte Roland, um ihnen vom Stoßwind zu erzählen.

»Früher ist er ein-, zweimal im Jahr durch den Großen Wald nördlich von Neu-Kanaan runtergekommen, obwohl wir in Gilead nie welchen hatten; er ist immer in die Höhe abgelenkt worden, bevor er so weit gekommen ist. Aber ich erinnere mich, auf der Landstraße nach Gilead einmal Karren gesehen zu haben, die mit steif gefrorenen Leichen beladen waren. Farmer und ihre Angehörigen, vermute ich. Wo ihre Throcken gewesen sind – ihre Billy-Bumbler –, weiß ich nicht. Vielleicht sind sie krank geworden und eingegangen. Ohne sie waren diese Leute jedenfalls ganz unvorbereitet. Der Stoßwind kommt sehr plötzlich auf, müsst ihr wissen. Eben noch fühlt man sich behaglich warm – weil das Wetter vor jedem dieser Stürme wärmer wird –, dann fällt er über einen her wie ein Wolf über eine Lämmerherde. Die einzige Vorwarnung ist das Geräusch, das die Bäume machen, wenn der Stoßwind über sie hinweggeht. Ein dumpfes Knacken wie das von Handgranaten, die im Schlamm detonieren. Wohl das Geräusch, das lebendes Holz macht, wenn es sich plötzlich zusammenzieht. Aber als das zu hören war, war es für die Menschen auf dem Feld längst zu spät.«

»Kalt also«, sagte Eddie nachdenklich. »Wie kalt?«

»Die Temperatur kann in weniger als einer Stunde auf bis zu vierzig Limbit unter null sinken«, sagte Roland tonlos. »Teiche frieren mit einem Knall, als durchschlüge eine Kugel eine Fensterscheibe, augenblicklich zu. Vögel erstarren im Flug zu Eis und fallen vom Himmel. Gras wird zu Glas.«

»Du übertreibst«, sagte Susannah. »Das muss übertrieben sein.«

»Kein bisschen. Aber die Kälte ist nicht alles. Der Wind erreicht Orkanstärke und bricht die gefrorenen Bäume wie Strohhalme ab. Solche Stürme können dreihundert Räder weit toben, bevor sie so plötzlich in den Himmel aufsteigen, wie sie hereingebrochen sind.«

»Wie kommt es, dass die Bumbler sie vorausahnen können?«, fragte Jake.

Roland schüttelte nur den Kopf. Das Warum der Dinge hatte ihn nie sonderlich interessiert.

9

Sie kamen an einem auf dem Sträßchen liegenden abgebrochenen Stück eines Wegweisers vorbei. Eddie hob es auf und las das Wort, das die verblassenden Buchstaben ergaben. »Eine perfekte Zusammenfassung von Mittwelt«, sagte er. »Rätselhaft, aber gleichzeitig irrsinnig schlitzäugig.« Er wandte sich ihnen mit dem vor der Brust gehaltenen Stück Holz zu. Auf dem abgebrochenen Teil des Wegweisers stand in großen, ungleichmäßigen Lettern GOOK.

»Ein Gook ist ein tiefer Brunnen«, sagte Roland. »Gemäß ungeschriebenem Gesetz darf sich jeder Reisende völlig ungehindert daraus bedienen.«

»Willkommen in Gook«, sagte Eddie und warf das Schild in die Büsche am Straßenrand. »Das gefällt mir. Ich will einen Autoaufkleber, auf dem ICH HAB DEN STOSSWIND IN GOOK ABGEWETTERT steht.«

Susannah lachte. Jake dagegen nicht. Er deutete nur auf Oy, der angefangen hatte, sich rasend schnell um sich selbst zu drehen, als machte er Jagd nach seinem Schwanz. Dann setzte er sich wieder, sah in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und reckte die Schnauze in die Luft.

»Wir sollten uns lieber beeilen«, sagte der Junge.

10

Der Wald wich etwas zurück, und der Weg verbreiterte sich zu etwas, was einst die Hauptstraße eines Dorfs gewesen war. Das Dorf selbst bestand aus einer traurigen Ansammlung von Ruinen, die sich ungefähr eine Viertelmeile weit auf beiden Straßenseiten hinzog. Bei den Gebäuden handelte es sich um Wohnhäuser und Geschäfte, aber inzwischen war es unmöglich, sie voneinander zu unterscheiden. Es waren nur noch windschiefe, verfallene Hülsen mit leeren Fensterhöhlen, die einmal verglast gewesen sein mochten. Die einzige Ausnahme stand am Südrand des Dorfes. Hier teilte sich die überwucherte Hauptstraße und führte um einen massiven rechteckigen Steinbau herum, der einem aus grauem Naturstein erbauten Blockhaus glich. Er stand in hüfthohem Buschwerk und war teilweise von Jungtannen verdeckt, die gewachsen sein mussten, seit Gook aufgegeben worden war; ihre Wurzeln hatten schon begonnen, in die Grundmauern des Versammlungshauses einzudringen. Im Lauf der Zeit würden sie es zum Einsturz bringen – und Zeit war etwas, was Mittwelt im Überfluss besaß.

»Was Holz betrifft, da hat Bix recht gehabt«, sagte Eddie. Er hob eine verwitterte Bohle auf und legte sie wie eine Tischplatte quer über die Armlehnen von Susannahs Rollstuhl. »Davon gibt’s hier reichlich.« Er beobachtete Jakes vierbeinigen Freund, der sich jetzt wieder rasch im Kreis drehte. »Das heißt, wenn uns die Zeit bleibt, es zu sammeln.«

»Damit fangen wir an, sobald wir uns vergewissert haben, dass wir das Steinhaus für uns haben«, sagte Roland. »Los, wir haben’s eilig!«

11

Das Versammlungshaus von Gook war feuchtkalt, und im ersten Stock hatten sich Vögel – Mauersegler für die New Yorker, Speicherhäher für Roland – eingenistet, aber sonst hatten sie das Haus für sich. Sobald Oy unter dem Dach war, schien der Zwang, nach Nordwesten zu wittern oder sich im Kreis zu drehen, von ihm abzufallen; er zeigte sofort wieder sein neugieriges Wesen und flitzte die wacklige Treppe zu dem sanften Flattern und Tschilpen hinauf. Er jaulte schrill auf, und kurz darauf sahen die vier Freunde, wie die Speicherhäher zu einsameren Gebieten von Mittwelt davonflogen. Falls Roland recht behielt, dachte Jake, würden die Vögel, die zum Whye flogen, nur allzu bald in Eiszapfen verwandelt werden.

Das Erdgeschoss bestand aus einem einzigen großen Raum. An den Wänden waren Tische und Bänke gestapelt. Roland, Eddie und Jake trugen sie zu den glaslosen Fenstern, die zum Glück nur klein waren, und verbarrikadierten die Öffnungen. Die nach Nordwesten zeigenden Fenster dichteten sie von außen ab, sodass der Sturm die Tische ans Mauerwerk drücken würde, statt sie in den Raum zu wehen.

Während sie damit beschäftigt waren, fuhr Susannah mit ihrem Rollstuhl in den offenen Kamin, wozu sie nicht einmal den Kopf einzuziehen brauchte. Sie sah nach oben, entdeckte einen Ring am Ende einer rostigen Kette und ruckte kräftig daran. Das löste ein metallisches Kreischen aus … danach folgte eine Pause … und dann plumpste eine gewaltige schwarze Rußwolke auf sie herab. Ihre lebhafte Reaktion kam augenblicklich und war ganz Detta Walker.

»Oh, küss meinen Arsch, und fahr gen Himmel, Wichser!«, schrie sie. »Sieh dir diesen Scheiß an, Motherfucker!«

Sie rollte rückwärts aus dem Kamin und wedelte mit beiden Händen vor ihrem Gesicht. Die Rollstuhlräder hinterließen im Ruß Spuren. Ein großer Haufen von dem Zeug lag auf ihrem Schoß. Sie schlug ihn mit kräftigen Schlägen weg, die fast Boxhiebe waren.

»Dreckiger alter Scheißkamin! Blöder alter Fotzenabzug! So ein gottverdammter, beschissener …«

Sie drehte sich um und sah Jake, der sie mit großen Augen und offenem Mund anstarrte. Oy, der hinter ihm auf der Treppe saß, erging es nicht anders.

»Sorry, Schätzchen«, sagte Susannah. »Bin ein bisschen ausgeflippt. Am meisten ärgere ich mich über mich selbst. Ich bin mit Öfen und offenen Kaminen aufgewachsen, also hätte ich’s besser wissen müssen.«

Im Tonfall höchsten Respekts sagte Jake: »Du kennst geilere Flüche als mein Vater. Ich hätte nicht geglaubt, dass irgendwer bessere Flüche kennt als mein Vater.«

Eddie kam herbeigeeilt und fing an, ihr Gesicht und Hals abzuwischen. Sie schob seine Hände weg. »Du verteilst das Zeug nur. Komm, wir suchen diesen Gook, was immer das ist. Vielleicht führt er ja noch Wasser.«

»Es wird Wasser geben, so Gott will«, sagte Roland.

Susannah wandte sich ihm zu und musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. »Kommst du mir frech, Roland? Mach das lieber nicht, solange ich hier wie Missus Teerbaby sitze.«

»Nein, Sai, wo denkst du hin?«, sagte Roland, aber sein linker Mundwinkel zuckte kaum merklich. »Eddie, sieh zu, dass du Gook-Wasser findest, damit Susannah sich waschen kann. Jake und ich fangen schon mal an, Brennholz zu sammeln. Beeil dich, damit du uns dann beim Sammeln helfen kannst. Hoffentlich hat unser Freund Bix es ans andere Ufer geschafft. Ich befürchte nämlich, dass uns weniger Zeit bleibt, als er vermutet hat.«

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