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Andrea Hejlskov ist sich sicher: So kann es nicht weitergehen. Sie und ihr Mann sehen in den täglichen Mühen der Arbeit keinen Sinn mehr, die Kinder sitzen nur noch in ihren Zimmern vor den Computern, wirkliche Unterhaltungen finden kaum noch statt. Ihnen ist klar: Das ist nicht das Leben, das sie führen wollen. Sie entscheiden sich, alles grundlegend zu ändern und nach dem zu suchen, was wirklich zählt. Und sie wollen sie raus in die Natur, weg von der Zivilisation mit ihren Anforderungen und Eingrenzungen. Als ihnen eine Hütte in einem Waldstück in Schweden angeboten wird, wird auf einmal alles sehr real. Doch die Familie muss die grundlegendsten Dinge des täglichen Lebens neu lernen, etwa wie man Holz hackt, eine Blockhütte baut, im Freien kocht, wie man sich verhält, wenn jemand sich verletzt oder krank wird. Manchmal sind die Probleme kaum zu bewältigen, manchmal denken die Eltern ans Aufgeben, manchmal machen die Abenteuer auch großen Spaß. Mit bemerkenswerter Ehrlichkeit berichtet die dänische Autorin Andrea Hejlskov von einem radikalen Entschluss – einem wahnwitzigen Aufbruch ins Grüne, aber eben auch ins Ungewisse. Es ist die Geschichte einer Familie, die ihr Leben radikal verändert – und dadurch ganz neu zusammenfindet.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
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Wir hier draussen
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Über die Autorin
Impressum
Übersetzt von
ROBERTA SCHNEIDER
Es war ein sonniger Tag. Ich glaube, man versteht die wahre Bedeutung von Sonnenschein nicht, bis man versucht hat, draußen zu leben. Draußen. In der Sonne.
An Tagen mit Sonnenschein singt die Welt dir Wiegenlieder. Alles glitzert, als hätte es seine Freude daran. Der Fluss wird dir zur Schlagader, das Blut strömt, der Wind trägt dich, er trocknet die Tränen, Düfte wecken Erinnerungen, deine Seele wird geheilt und Gott liebt dich.
An sonnigen Tagen. Draußen. In der Natur.
Aber nicht an diesem einen Tag.
An diesem einen Tag reflektierte der Bildschirm das Sonnenlicht und ich musste die Augen zusammenkneifen, um zu schreiben. Und das war noch nicht alles. Ich musste meinen Körper unbequem recken, einen Arm hoch in die Luft gestreckt, den Computer in der Hand, und ganz still halten. Ich versuchte, eine Internetverbindung zu bekommen. Um etwas hochzuladen.
Was passiert, wenn eine moderne Familie die moderne Gesellschaft verlässt und in den Wald zieht? (Um ein freieres und einfacheres Leben zu leben, wollte ich noch hinzufügen, doch ich tat es nicht. Vielleicht eine Vorahnung.)
Es hat Vorteile, ein Blog anzufangen. Zum Beispiel, wenn man nicht mehr weiterweiß. Wenn man nicht mehr weiterweiß, kann einem ein Blog dabei helfen, eine zusammenhängende Geschichte zu erzeugen, bis alles wieder einen Sinn ergibt, und wenn es wieder Sinn ergibt, weiß man, wie es weitergeht. Es ist ein Rettungsring.
Es hat natürlich auch gewisse Nachteile. Die Leute könnten einen hassen, einem sagen, man sei eine schlechte Mutter, ein schlechter Mensch, ein schlechter Bürger, ein schlechter Erzähler. Man vertraut ihnen zu viel an, man vertraut ihnen zu wenig an. Es gibt eine Menge Dinge, die einem die Leute sagen, wenn sie es einem nicht ins Gesicht sagen müssen.
Es ist besser, sich zu verstecken. Stillzuhalten. Sich tot zu stellen. Weil die Leute gefährlich sind. Gefährliche Raubtiere. Ich würde eigentlich lieber nichts mit ihnen zu tun haben, darum weiß ich nicht, warum ich eigentlich hier sitze. Ich weiß nicht, ob die Vorteile die Nachteile überwiegen.
Um mich selbst zu überzeugen, fing ich an zu reden.
»Ich«, sagte ich. »Ich habe etwas zu sagen, und es ist wichtig, dass es gesagt wird.« Und ich redete weiter. »Du musst etwas riskieren, du musst in die Arena steigen, dich den Löwen stellen und kämpfen. Sei mutig. Sonst bist du verloren.«
Man kann in den Wald fliehen, um sich zu verstecken. Viele machen das, mehr, als man denken würde, aber wir haben es nicht getan, um uns zu verstecken.
Wir sind in den Wald geflohen, um uns selbst zu finden.
Um einander zu finden. Und den Sinn des Lebens.
Es war nicht so, dass ich eine sanfte Umarmung erwartet hätte oder dass wir auf einer Blumenwiese herumtanzen würden. Ich wusste, dass das Leben in der wilden Natur hart sein würde. Ich wusste, dass wir uns entfremdet fühlen würden und dass sich die Natur überhaupt nicht natürlich anfühlen würde. Aber auf das hier war ich nicht vorbereitet gewesen: Auf einem Felsbrocken zu sitzen, die Sonne in den Augen, den Arm in die Luft gereckt, als könne ich den Himmel erreichen und ihn berühren. Wie ein Idiot.
Dann kam der Adler. Ich hörte seine lang gezogenen Rufe, und sie weckten – wie immer – eine sonderbare Sehnsucht in mir. Hoch über dem Tal flog er, der Adler, und ich folgte ihm mit meinen zusammengekniffenen Augen.
Um mich herum lagen riesige umgestürzte Bäume. Von Stürmen überwältigt lagen sie einfach da. Ihre Wurzeln, verworren und mit Gestein verflochten, sahen aus wie die Schatten von Trollen.
Die Trolle sahen mich an, mich in meiner Arena; ihre Blicke bohrten sich in meinen Nacken.
Was willst du hier?, flüsterten sie.
Die Sonne wärmte den Stein, auf dem ich saß, und die süßen Düfte von Waldboden, Moos, Anemonen, Preiselbeeren, Quellwasser und verrottenden Blättern beruhigten mich nicht wirklich.
Das Internet beruhigte mich. Die Gesellschaft beruhigte mich. Das kannte ich. Ich kannte die Regeln. Kannte die Sprache. Nur konnte ich es kaum sehen, all das Zeug, das ich so gut kannte – wegen des verdammten Sonnenlichts.
Bla, bla, bla.
Der Klang meiner Tastatur beim Tippen meiner Worte.
Klack. Klack. Klack.
Es klang wie eine einzelne Hühnerfeder, die sich in tausend plappernde Papageien verwandelte; das war es – der Klang von Struktur.
So ist es.
So waren wir.
Das haben wir gemacht.
Ich habe darüber geschrieben, wie wir uns vorher gefühlt hatten.
Dass es sich angefühlt hatte, als hätten wir die Kontrolle über und das Eigentum an unserem Leben verloren, darüber, wie die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, einfach verschwunden war. Wir hatten uns nicht ausgesucht, dass es war, wie es war; es war einfach passiert, unbewusste Entscheidungen, Zufälle.
Dieses nagende Unbehagen. Das war es nicht, was wir gewollt hatten, als wir jung waren. Das unausgesprochene Gefühl, die eigenen Kinder verraten zu haben. Wie hilflos sie sein würden – wie würden sie damit klarkommen, wenn alles zusammenbrach, das Finanzsystem, das Sozialsystem, das Klima, wenn die Gesellschaft zusammenbrach?
Diese stärker werdende Ahnung, dass etwas falsch läuft, richtig falsch, dass etwas kommt, wenn auch vielleicht nicht der Jüngste Tag. Dieses beunruhigende Gefühl, dabei zuzusehen, wie die Welt, wie wir sie kennen, vor unseren Augen zerbröckelt.
Ich sah auf und ließ meinen Blick über das Tal schweifen. Selbst wenn es nicht so exotisch war wie beim ersten Mal, als ich es gesehen habe, war es noch immer fremd. Ein fremdes Tal.
Zu meiner Linken waren der Wasserfall und die großen Felsen, die der Fluss so gewaltsam passierte wie ein Kamel ein Nadelöhr.
Die Kinder gingen gern zum Wasserfall. Wir stellten uns vor, dass wir uns im Sommer in die kleinen Felstümpel setzen und uns vorkommen würden, als würden wir in einem Whirlpool sitzen und die Sonne aufsaugen. Wie reiche Leute.
Der dunkle Fichtenwald links davon war undurchdringlich, doch wenn man den Fluss entlangging, öffnete sich der Wald ganz sanft. Auf der anderen Seite des Tals, zu meiner Rechten, war der See. Sehr. Blauer. See. Die Flussmündung ist ein gefährlicher Ort, mit großen Löchern im Ufergras, ein tiefer Sumpf, aber ein schmaler Pfad führt hindurch, und man kann trockenen Fußes dorthin gelangen, um zu baden oder zu angeln, man muss nur an dem umgestürzten Baum vorbei auf das kleine Inselchen mit den drei Birken, ein großer Satz und man ist dort.
Ein schönes Plätzchen mit Sandstrand. Ich wusste genau, wie kalt sich das Wasser an meinen nackten Zehen anfühlen würde. Mein Blick wanderte zurück, den Fluss entlang, am Biberdamm vorbei und landete schließlich in der Mitte. Dort lebten wir. Wir lebten in der Mitte.
Eine kleine Schotterstraße wand sich den Berg hinunter, bis zum Fluss, und endete in einer Wendeschleife. Von der Wendeschleife aus führte ein kleiner Pfad zu einer Brücke hinunter. Über die Brücke, rauf zu der Hütte, und da .. . ist es. Da ist es. Das ist, wer wir waren. Eine alte Säterstuga, sechzehn Quadratmeter.
Früher haben die Bauern ihre Kühe im Sommer zum Grasen in den Wald gebracht und auf dem fruchtbaren Boden in der Nähe ihres Hauses Nutzpflanzen angebaut, während die Magd mit den Tieren im Wald gelebt und Käse, Butter und Sahne gemacht hat. Jede Woche ist ein Bursche von der Farm gekommen, um ihr Brot zu bringen und Milch zu holen. Es war ein richtiges System, und diese winzigen Hütten, die Säterstugas, sind noch immer im Wald verstreut wie einsame Pilze, manche morscher als andere.
Unsere Säterstuga heißt Svensäter. Innen und von außen haben Leute ihre Namen auf die alten Balken geschrieben. Im Krieg. In den 1980ern. Die älteste Inschrift ist von 1852, fein säuberlich in den kleinen Lüftungsschacht im kälteren Raum eingemeißelt, und es gibt eine Rune an der Südwand, genau dort, wo die Morgensonne zuerst auftrifft. Fehu. Altnordische Schriftzeichen: ein Alphabet, das aussieht wie auf dem Boden verstreute Stöckchen. Sie haben magische Bedeutungen, die Runen. Fehu bedeutet Vieh, bedeutet Reichtum, bedeutet Besitz, Erfolg bei Unternehmungen, bedeutet Glück. Ein Zeichen für Hoffnung und Fülle. Aber – typisch skandinavisch – auch ein Zeichen für Verlust, Misserfolg, Feigheit und Erschöpfung. Weil es das eine nicht ohne das andere gibt.
Vor die Hütte hatten wir ein großes Tipi aus astlosen Bäumen gebaut, eine Plane darumgespannt, eine Feuerstelle darin errichtet und Kissen, Matratzen und Decken dort ausgelegt. Das Tipi war unsere Küche, unser Wohnraum, unser Aufenthaltsraum – in Svensäter schliefen wir nur.
Svensäter hatte eine Feuerstelle, ein Fenster und eine Tür und war in zwei Räume aufgeteilt: einen kalten Raum nach Norden raus (eigentlich eher eine Art Vorratskammer) und einen wärmeren nach Süden. Oben gab es einen ungenutzten Raum mit niedriger Decke.
Die Kinder schliefen in dem nördlichen Zimmer, in das eine gute Seele vor vielen Jahren ein paar Schlafkojen eingebaut hatte. Jeppe und ich schliefen im anderen Zimmer auf zwei dünnen Matratzen.
Ich sah sie da unten herumlaufen.
Jeppe baute einen Holzschuppen. Sein erstes Bauwerk. Sein Holzschuppen sah aus wie eine Baracke in Soweto, ein paar Latten, ein paar Dachplatten. Sigurd krabbelte ihm um die Beine.
Ich sah Silas auf der Böschung des Flusses stehen, wo er kleine Bäume mit der Axt fällte, die wir ihm vor ein paar Wochen zum Geburtstag geschenkt hatten. Ich sah Sebastian und Victoria in den Wald gehen und mit schweren schwarzen Eimern voll Erde und Elchmist wieder herauskommen. Der Kapitän lief herum und harkte Zweige und Laub zu kleinen Haufen zusammen. Die kleinen Bäume, die Silas fällte, würden als Begrenzung für unser Beet dienen, die Zweige und das Laub würden als Basismaterial dienen, und darauf würden wir die Erde schütten, die die Zwillinge herangeschafft hatten.
Unser erstes Beet. Ein Beet ist wichtig, wenn man Selbstversorger werden will. Das Beet und der Holzschuppen waren unsere ersten Projekte – um Brennholz zu trocknen und um Samen zu pflanzen. Zu unserem großen Erstaunen hatten wir schnell gemerkt, dass man nicht einfach Samen auf die Erde werfen und auf das Beste hoffen kann, nein, der Waldboden ist sauer und voller Steine.
Es war der Kapitän, dieser Fremde, der uns die Prinzipien der Hügelkultur oder Täckodling, wie er es nannte, beigebracht hatte. »So baut man Nutzpflanzen im Wald an«, sagte er, und wie alles, was er sagte, sagte er es mit Überzeugung.
Es war gut, dass er da war, dachte ich, als ich da auf meinem Internetstein saß und ihnen zusah. Wie hart arbeitende Ameisen marschierten sie im Takt der Familie.
»Dein Eimer ist nur halb voll«, rief einer.
»Dein Eimer ist nur halb leer«, rief der andere zurück.
Ich blinzelte und beugte mich über den Computer. Und ich schrieb:
Ich kann darüber schreiben, natürlich kann ich das!
Ich kann darüber schreiben, wie wir unsere Jobs gekündigt, unseren ganzen Kram auf die Müllkippe geworfen, die Kinder von der Schule genommen haben und ins Auto gesprungen sind.
Wir sind einfach weggefahren. Yippie-kay-yay mothafuckas.
Es war Rock ’n’ Roll. Es war Bonnie und Clyde … aber wir saßen völlig still im Auto, wie ferngesteuert folgten wir der Autobahn bis dorthin, wo sie endete: im Meer.
Auf der Fähre blieben wir in der Nähe der Spielecke. Wir saßen auf den dicken Kissen und sahen die anderen an; wir wussten, dass wir nicht mehr wie sie waren. Wir machten keinen Urlaub, wir waren auf der Flucht, wir waren Auswanderer, wir segelten auf der Freiheitsfähre weg von Armut, Krieg und Unterwerfung – des Geistes, ja, aber das war nicht minder gefährlich. Es ist gefährlich, die Macht über sich selbst zu verlieren. Und seine Ehre.
Jeppe hatte unser Portemonnaie auf dem Autodach vergessen, als wir eine Kaffeepause gemacht hatten. Unser Portemonnaie lag nun irgendwo im Graben, genau wie unsere Sachen auf der Müllkippe lagen. Wir hatten keine Papiere, kein Geld, keine Ausweise. Wir hatten keinerlei Wertsachen mehr.
Die äußeren Umstände entsprachen zu guter Letzt den inneren – doch unsere Nomadenkinder weinten nicht, als Dänemark am Horizont verschwand, während die Spielautomaten blinkten und die Passagiere einander anschrien.
Es war aufregend. Es war ein Abenteuer.
»Können wir das machen?«
»Ist das überhaupt erlaubt?«
Diese Fragen wiederholten sich ununterbrochen in meinem Kopf, als ich den letzten Rest Schokolade aß. Sie tun es noch immer.
Ich kann davon erzählen, wie wir in den Wald gezogen sind, ich kann davon erzählen, welche Fertigkeiten wir erlangt haben. Ich kann vom Zusammenhalten erzählen und davon, wie die Wölfe nachts geheult haben. Ich kann vom Schwimmen im See erzählen, von Fichtensirup und Rewilding. Von Permakultur, Natural Building, Bushcraft, Survival, Off-Grid und dem handfesten Bedürfnis danach, eine andere Weise zu finden, das menschliche Potenzial umzusetzen, eine Alternative zu finden. Wir waren Pioniere. Nur, dass wir nicht in ein fremdes Land vordrangen, sondern in wohlbekanntes Territorium.
Ich kann ohne Probleme behaupten, dass es das Beste war, was wir je gemacht haben.
Ich kann davon erzählen, wie wir ohne Elektrizität leben, wie wir Wasser aus dem Fluss holen und unsere Wäsche darin waschen, selbst für unsere Nahrung sorgen, unser Brennholz selbst schlagen, uns selbst einrichten, wie wir uns verändern.
Ich kann erzählen, wie es vorher war.
Beeilung, Beeilung, Arbeit, Kinder abholen, Essen zubereiten, fernsehen. Gemeinsame Zeit verbringen wir nur im Auto. Und dann die ganzen anderen Katastrophen, all die Kriege, die nicht enden wollende Serie von Skandalen, die verzweifelten Menschen, dass alle so tun müssen, als sei alles normal, dass unsere Kultur implodiert, dass die Strukturen, an die wir geglaubt hatten, ausgehöhlt waren, leer und kurz davor, in sich zusammenzufallen.
All die Dinge, die wir für selbstverständlich gehalten hatten. Die Dinge, an die wir geglaubt hatten. Unsere Vorfahren hatten für diese Strukturen gekämpft, waren für sie gestorben, und jetzt sitzen wir hier mit unserer ironischen Distanz und küssen der Apathie die Wange.
Wisst ihr, wie sich das anfühlt? Kennt ihr diesen Kummer?
Ich kann davon erzählen, wie wir im Bett lagen und er flüsterte: »Der größte Verrat ist es, wenn einem etwas klar wird und man keine Konsequenzen daraus zieht.« Pause. Er fuhr fort: »Es ist, als würde man innerlich sterben. Man weiß, dass etwas nicht stimmt, man weiß es einfach, aber man kann nicht … man tut nichts … das frisst einen auf.«
»Ich würde auch gern etwas tun«, sagte ich. »Es ist nur … was sollen wir machen, wie soll es weitergehen?«
»Ich glaube, dass Nichtstun das Allergefährlichste ist.«
Und dann haben wir einfach etwas gemacht, und natürlich kann ich davon erzählen!
Ich kann von unserem großen Ausbruch erzählen und davon, wie wir unser Glück gesucht haben. Ich kann von unserem Pionierleben erzählen, von unserem Alltag tief im dunklen Wald, ich kann immer wieder sagen, dass jeder das Recht hat, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, und dass niemand das Recht hat, es einem zu nehmen. Ich kann es alles erzählen. Ich kann.
Ich denke, dass ich mir etwas vorgemacht habe.
Ich glaube, dass ich versucht habe, einen auf cool zu machen, weil ich natürlich nicht darüber schreiben konnte. Ich konnte mich kaum an die letzten Monate erinnern; sie waren in meinem Gedächtnis so diffus und fast nonexistent geworden, wie unser Tal es auf der Netzabdeckungskarte der Telefongesellschaft war. Ein Leben im Unbemerkten. Wir waren außer Reichweite. Es gab nur unsere nacheinander ausgestreckten Arme … den Zusammenhalt.
Ich klappte meinen Computer zu, erhob mich und stand eine Weile als Antenne da.
Ich kannte meinen Hotspot inzwischen ganz gut. Die alte knorrige Kiefer, der große Felsbrocken, der aus dem Berg herausragte. Ich fühlte mich sicher auf dem Felsbrocken. Ich wusste, dass ich dort Netz hatte. Dort existierte ich. Dort war die Realität.
Alles andere kam mir vor wie ein Traum.
Können wir das machen?
Ist das überhaupt erlaubt?
Da waren sie wieder, diese Fragen. Ich weiß, dass ich sie mir immer wieder stellte, als ich den Berg hinunterkletterte, runter zu meiner Meute, runter zu meinem Waldgarten, runter zu dem Tipi, runter zu meiner Hütte und zum Brei. Ich musste mich beeilen, die Sonne stand bereits hinter dem See, und das bedeutete, dass wir bald Hunger bekommen würden. Der rote Topf, der über der Feuerstelle hin und her schwang, rief mich wie eine Kirchenglocke.
Es waren erst wenige Wochen vergangen, seitdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Er litt noch immer unter klinischer Depression.
Es war alles so furchterregend. Er backte die ganze Zeit Kuchen; der Kuchen musste spongy werden, sagte er, dann streute er Zimt und Zucker darauf und ließ das Ganze im Ofen backen, bis es an der Oberfläche karamellisierte.
Wir gingen fast jeden Tag mit dem Kinderwagen spazieren. Dann waren wir zusammen.
Meistens gingen wir zum Fjord runter, ich zog den Kinderwagen rückwärts durch den Sand, so nah am Wasser wie möglich. Ich war sicher, dass es gut für das Baby war, den Geruch des Meeres und all diese Stoffe einzuatmen, die es nur da gibt, wo frischer Wind weht. Jeden Tag bestand ich darauf, dass wir hingingen, und so stapften wir drauflos, der Widerstand war in den Beinen, im schweren Schritt im Sand und in diesem vagen Willen … auf Sand zu laufen, nicht auf Asphalt.
Er sagte nichts. Manchmal, wenn ich zu tief seufzte, nahm er den Kinderwagen, dann war er derjenige, der den Wagen rückwärtsgehend zog.
Wir waren die, die rückwärtsgingen.
Sogar unsere Kinder gingen rückwärts.
Sebastian war fünfzehn und wusste noch nicht, was er aus seinem Leben machen will.
Victoria war fünfzehn und wollte um die Welt reisen.
Silas war zehn und wollte einfach nur normal sein. Sigurd war neun Monate alt und wollte nicht in seinem eigenen Bett schlafen.
Ich hatte fast jeden Tag Kopfschmerzen. Die Kopfschmerzen waren zum Dauerzustand geworden und ich hatte mich daran gewöhnt, aber zusätzlich hatte ich diese … Anfälle.
Es fing an den Rändern meines Gesichtsfeldes an; alles begann zu flackern, die Atome selbst wurden für meine Augen sichtbar und schienen wie aus ihrer Umgebung herausgelöst. Es war ein flackernder Nebel, ein verschwommenes Sehen, es breitete sich von den Rändern her auf mein gesamtes Gesichtsfeld aus, und dann war ich plötzlich blind. Zum Glück nur auf einem Auge. Das andere brauchte ich, um auf Jeppe aufzupassen. Es ging ihm nicht so gut.
Ich konnte mir diese Gesichtsfeldausfälle nicht erklären. Ich fragte meinen Arzt, ob es eine seltene Erkrankung sei, doch der Arzt sagte »nein, das ist keine seltene Krankheit«, was mich traurig machte. Ich wäre gern etwas Besonderes gewesen.
Die frische Luft half gegen die Kopfschmerzen. An den Tagen, an denen wir spazieren gingen, bekam ich nur selten Attacken; sie kamen meistens drinnen, vor dem Bildschirm, oder im Stau auf dem Weg zur Arbeit.
Wenn ich reglos inmitten einer endlosen Schlange von Leuten jeden Tag denselben Strecken folgte, hin und zurück; wenn ich dasaß, zum Fjord sah, der stets als glänzende schwarze Schlange in der Landschaft präsent war, fingen BÄM! diese visuellen Erscheinungen an, ich schaffte es kaum nach Hause, hatte Angst, in jemanden hineinzufahren, ich konnte nichts sehen, ich umklammerte das Lenkrad so fest, dass meine Fingerknöchel weiß wurden; das Atmen fiel mir schwer. Sobald ich zu Hause war, übernahm das andere Auge, das, mit dem ich auf Jeppe aufpasste, und wir aßen Kuchen.
Ich hatte damals als Kinderpsychologin bei der Behörde oder als Projektmanagerin in der ländlichen Entwicklung gearbeitet, ich weiß es nicht mehr genau; die Zeit vorher vermischt sich, die Zeit vorher ist ein Strom von nicht miteinander verbundenen Punkten und Erinnerungen, ein Wust aus Verzweiflung, nur ab und zu unterbrochen von Glück; von diesem Glück muss ich erzählen.
Glück existierte nur im Sommer, wenn wir alles hinter uns ließen und alle zusammen am Strand schliefen. Jeppe und die Kinder fischten Krabben, wir grillten Gemüse über dem Lagerfeuer und aßen Wassermelonen. Glück war, wenn wir nicht zu Hause waren. Dann ging es uns gut.
Dann zeigte Jeppe Eigeninitiative, wie man so schön sagt, und die Kinder hockten nicht in ihren Zimmern. Es war wundervoll, ich war glücklich, aber es war nur eine Illusion, nur eine kurze Auszeit.
Alltag war: Jeppe, kuchenbackend, im Sand laufen, im Stau stecken, mit pochendem Herzen und eingeschränktem Gesichtsfeld.
Alltag war, dass die Kinder, wenn sie von der Schule nach Hause kamen, direkt in ihre Zimmer gingen, Alltag war Bildschirme, war nie genug Geld haben, nie, nie, nie genug Zeit haben, keiner von uns hatte Lust zu kochen, also aßen wir Pommes, Nuggets und Tiefkühlpizza. Im Supermarkt habe ich die Einkäufe aufs Band geworfen, als würde ich mich nicht dafür schämen.
»Bring noch einen Zitronenkuchen mit«, rief ich Jeppe zu; er hing immer in der Süßwarenabteilung herum, es war sein Job, die Sachen zu holen, die wir vergessen hatten.
Er konnte das Einkaufen nämlich nicht ertragen. Das war Teil seiner Krankheit.
Wenn er mal allein einkaufen gewesen war, war er immer blass und mit wildem Blick zurückgekommen. War weinend in der Küche auf und ab gelaufen. »Ich schaff das verdammt noch mal nicht«, hatte er geschrien oder mit der Faust auf unseren großen, weißen, teuren Kühlschrank eingedroschen, der inzwischen so verbeult war, dass man ihn wahrscheinlich nicht einmal mehr per Kleinanzeige verkaufen konnte.
Wenn er sich abgeregt hatte, tröstete ich ihn. Er hing über mir wie eine Leiche und flüsterte mir ins Ohr. Er erzählte mir, wie er vor einem Regal stehen geblieben war und sich nicht zwischen den achthundert Varianten desselben Produkts hatte entscheiden können.
»Ich krieg das einfach nicht hin«, hatte er geschnieft. Und ja, damals dachte ich, er sei schwach.
Wie konnte es sein, dass man nicht in der Lage war, einzukaufen? Das war etwas, das getan werden musste. Man musste einfach nur etwas aus dem Regal nehmen und fertig, aber er sagte, es läge nicht an den Produkten an sich, sondern am Licht, an der Musik und den Hintergrundgeräuschen, es war der kalte Geruch von Stahl und in Plastik verpacktem Essen, der Geruch des Parfüms anderer Menschen, der Hundegeruch und der Geruch von den Frikadellen, der aus der Feinkostabteilung herüberwehte. Das sei zu viel, sagte er, und ich streichelte ihm übers Haar.
Wir waren die Hilflosen. Wir waren die Verlorenen. Wir haben nie den richtigen Durchbruch als Künstler geschafft, waren nie wirklich unser eigener Chef. Wir waren Versager. Wir konnten eigentlich gar nichts und hatten das Gefühl, man müsse alles können.
Wir hatten es wirklich versucht, haben so lange gekämpft, und ich war müde.
Wenn ich bei der Arbeit war, kümmerte er sich um das Baby. Glückspille haben wir den Kleinen genannt. Jeppe hat Fische mit Buntstiften gemalt, sie ausgeschnitten und sie neben der Babydecke an die Wand gehängt. Oder er hat riesige asymmetrische Löcher in den Vorgarten gegraben, tiefe Löcher, während das Baby im Kinderwagen lag und nach oben sah. Mit verdreckten Stiefeln und verkniffenem Gesicht hat er den ganzen Tag Löcher gebuddelt. »Das sind Beete«, hat er gesagt. »Organisch geformte Beete.«
Der Vermieter hat sich beschwert, dass wir die Hecke nicht gerade genug schneiden. Ich habe mir Sorgen darüber gemacht, was er zu unseren organisch geformten Beeten sagen würde.
»Was machen wir denn mit den Beeten?«, fragte ich Jeppe.
»Es kann sein, dass wir uns nie einen Bauernhof werden leisten und das Leben leben können, das wir gern leben würden. Also müssen wir uns mit dem begnügen, was wir haben«, sagte er mit verbissenem Gesicht und auf den Spaten gestützt, der in seinen Händen zu einer Waffe geworden war.
Er setzte sein Werk fort und grub ein zweites Beet auf der anderen Seite der Hecke, zur Straße hin. »Hier pflanzen wir die hässlichsten Spießerblumen hin, die wir kriegen können«, erklärte er, »als Statement!«
Es war ein milder Winter, und wir lebten auf Mors, einer Insel im Limfjord, die vor allem zur Schweinehaltung genutzt wurde. Alles war quadratisch und die großen, fruchtbaren Felder lagen wie braune Wüsten in der Winterkälte. Es ging ein starker Westwind. Hier und da standen ein paar Windräder auf den Feldern, die inmitten von all dem Braun und Grau wie strahlende Leuchttürme wirkten mit ihrem industriellen Weiß.
Es war die schönste Gegend, die wir im ganzen Land hatten finden können. Ein paar Hügel und der Fjord, ja, der Fjord. Und der Nationalpark Thy gleich nebenan. Es ist nur so, dass diese schönen Plätzchen kaum mehr waren als Oasen inmitten all der industriellen Landwirtschaft, der braunen und grauen Felder.
Aber man gewöhnt sich daran. Man hört auf, mehr zu erwarten.
Als wir jung waren, hatten wir von der Revolution geträumt, von einem wilden Leben irgendwo in der großen weiten Welt, damals standen uns alle Möglichkeiten offen. Wir haben geglaubt, dass wir uns nie anpassen würden, dass wir nie aufgeben würden, anders als unsere Eltern. Dass wir für das, woran wir glaubten, kämpfen würden. Dass wir die Welt verbessern würden.
Ich dachte manchmal daran. Daran, wie ich mir die Zukunft vorgestellt hatte.
Ich möchte etwas von Mors erzählen. Es war erst zwei Jahre her gewesen, dass wir die Stadt verlassen hatten und aufs Land gezogen waren. »Wir erobern das Land unserer Kindheit zurück!«, hatten wir erklärt und waren nach Westen gezogen, in dieses Land unserer Kindheit, wir erinnerten uns beide gern daran, wie wir auf den Holzstegen gelegen und uns von der Sonne hatten aufheizen lassen, während wir aufs Wasser hinausgesehen hatten. Oder an die Augen der Kühe, daran, wie wir in die Baumkronen hinaufgeklettert waren, bis der Baum sich bog und es sich anfühlte, als würde man fliegen. »Wir wollen es zurück«, hatten wir gesagt, »wir lassen uns nicht länger in die Stadt jagen, wir wollen nicht mehr mit unseren Rechnern in Cafés sitzen! Wir haben keine Angst vor der Provinz! Wir haben keine Angst vor den Alten mit ihren mürrischen Blicken!«
Aber man kann sich nicht einfach eine Komposttonne kaufen, sein eigenes Brot backen, mehr Zeit mit der Familie verbringen, ein einfaches Leben führen … denn man ist immer noch von den Strukturen umgeben, und die Strukturen ersticken einen, die Desillusionierung ist tödlich, also sind wir untergegangen.
Mehr gibt es darüber wirklich nicht zu sagen.
Wir haben es versucht und sind gescheitert.
Wir hatten uns festgefahren, im Sand oder im Matsch, das nimmt sich nichts, wir sind komplett gescheitert. Jeppe ist krank geworden. Dann wurde er ins Krankenhaus eingewiesen und aß Marabou Tropical im Krankenhausbett, zwei oder drei Tafeln am Tag.
Ich habe YouTube-Videos gesehen, in denen er auf der großen Bühne auf dem Rathausplatz in Kopenhagen Orgel spielt. Ich habe YouTube-Videos von ihm an Bord einer Luxusjacht gesehen, auf denen er Rauch im Mundwinkel hat, picobello gekleidet ist und seine Schiebermütze aufhat. Ich habe ihn auf den Festivals zwischen den Berühmtheiten gesehen, ich habe ihn im Fernsehen gesehen. Aber das war vorher. Bevor er mich kennengelernt hat. Bevor wir aufs Land gezogen waren, bevor wir glaubten, dass wir uns irgendetwas zurückholen könnten, was wir verloren hatten.
Inzwischen hatte er dreißig Kilo zugenommen und zog seine Fleecejacke nie aus. Die war bereits stinkig und fleckig, doch er sagte, er fühle sich darin wie in einer Rüstung. Man konnte nichts dagegen ausrichten, er zog die Fleecejacke nie aus und wir sprachen nie miteinander, ich hatte Gesichtsfeldausfälle, die Kinder saßen in ihren Zimmern, wir hatten riesige Löcher im Vorgarten, wir aßen Biskuitkuchen, wir warteten auf die nächste Verschnaufpause, auf einen winzigen güldenen Moment. Ist das denn zu viel verlangt?
So sah sie aus, die Wahrheit.
Ich glaube nicht, dass jemand tun wird, was wir getan haben, wenn er die Verzweiflung nicht kennengelernt hat. Die Frustration. Es ist nichts, was man tut, wenn es einem gut geht, es ist etwas, das man tut, wenn man nichts mehr zu verlieren hat.
Man lässt nicht einfach alles hinter sich, fängt ganz von vorn an, man ändert sich nicht einfach so, wenn man keine dringlichen Gründe dafür hat.
Kann sein, dass ich mich irre, aber ich glaube, dass es so ist.
Eines Tages sagte er: »Was, wenn es nicht an uns liegt?« Pause. »Was, wenn es an den Strukturen um uns herum liegt?«
Ich sah die Hecke an, die nicht gerade genug geschnitten war, die Löcher, die er gegraben hatte, die braunen Felder und den Dungstreuer, der darauf fuhr, die kleine Reihe Bäume am Fjord, die kurvige Straße, die Ikea-Lampe auf dem Fensterbrett, sie war orange und aus irgendeinem natürlich wirkenden Material gemacht und sah aus wie ein Feuer. Ich sah die alte Couch an, ein großes, eckiges Sofa, die Babydecke mit ihren skandinavischen Streifen (ich hatte ihn angelogen und ihm gesagt, sie hätte nur zweihundert Kronen gekostet), ich sah den Biskuitkuchen an und ich sah ihn an und ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
»Vielleicht müssen wir nicht über alles Bescheid wissen, sondern einfach etwas tun.« Er sah mich eindringlich an. »Andrea, warum tun wir nicht einfach etwas? Vielleicht finden wir die Lösung auf dem Weg?«
Ich war nie die Art Mutter gewesen, die darauf achtet, dass die Socken farblich passen, und die sich an alle Briefe von der Schule erinnert, alles in Ordnern abheftet, nein, so eine Mutter war ich nicht, obwohl ich mein ganzes Erwachsenenleben lang versucht habe, es zu sein. Und ich bin nie reich und berühmt gewesen – jedenfalls nicht genug. Habe nie viel Geld verdient – jedenfalls nicht genug. Bin nie glücklich genug und nie witzig genug gewesen. Ich wusste, was er meinte; irgendwann ist es an der Zeit, das Handtuch zu werfen und alles hinter sich zu lassen. Vielleicht war der Zeitpunkt jetzt gekommen. Ich erinnere mich an den Horror; ich hatte mich regelrecht ausgeknockt gefühlt und kaum noch atmen können.
»Ja«, sagte ich. »Vielleicht ist es nicht unsere Schuld. Vielleicht liegt der Fehler nicht bei uns.«
So hatte es angefangen. Es hatte an einem Nullpunkt angefangen, oder am Siedepunkt, wie man es nimmt. Es fing mit einer Frage an.
Die folgenden Tage und Nächte bestanden aus intensiven Gesprächen. Die Kinder fingen fast unmerklich an, aus ihren Zimmern herauszukommen und in unserer Nähe herumzuschleichen. Victoria setzte sich zu uns an den Esstisch, Silas saß oben auf der Treppe und beschäftigte sich dort mit irgendetwas, Sebastian kam ab und zu aus seinem Zimmer, um sich etwas Kleines zu essen oder ein Glas Milch zu holen, und wenn die Unterhaltung offen wirkte und Victoria ebenfalls da war, setzte auch er sich dazu.
Wir sprachen über Träume.
Wir sprachen nicht über die Wirklichkeit. Wir sprachen über das, was wir gern tun würden. Was wir tun würden, wenn wir völlig frei wären. Was wir tun würden, wenn wir aus unserem Leben machen könnten, was wir wollten. Wenn nicht andere darüber entscheiden würden.
Wenn die Kinder nicht dabei waren, änderten sich die Themen.
Was, wenn wir in der Matrix lebten? Was, wenn die Finanzkrise tief greifender war, als man uns wissen ließ? Was, wenn die Medien logen? Was, wenn der Klimawandel extreme Ausmaße annähme, was, wenn alle sozialen Systeme zusammenbrächen? Und durften wir einfach vor unseren Schulden weglaufen?
Das Finanzielle. Dem konnten wir uns nicht entziehen. Das war es, was uns unfrei machte. Wir vermieden es, über ökonomische Fragen zu reden; wir hatten eine stille Übereinkunft getroffen, nicht darüber zu sprechen, hatten wortlos den Beschluss gefasst, uns eine Auszeit zu geben, nur für ein Weilchen. Für ein Jahr vielleicht. Durften wir uns nicht ein Jahr Zeit für uns selbst nehmen?
Wir kamen überein, dass wir es durften.
»Wenn das Jahr um ist, sehen wir, was die Erfahrung mit uns gemacht hat. Dann können wir eine längerfristige Entscheidung treffen«, sagte Jeppe.
Das war unsere Übereinkunft. Unser Pakt.
Als wir erst mal angefangen hatten zu suchen, entdeckten wir eine Menge. Kleine Selbstversorgerdörfer in Dänemark, Communities in Neuseeland, die Aussteigersiedlungen in Spanien, die Doomsday Preppers in Amerika. Es kam einem fast vor wie ein ganzer Wirtschaftszweig und wirkte von außen sehr ideologisch. Als müsse man dazu bestimmte Kleidung tragen. An bestimmte Götter glauben. Die Hecken wurden kreativ geschnitten, doch die äußere Veränderung bedeutete nicht, dass man auch die innere Haltung änderte. Und man musste auf jeden Fall eine Survivaltasche kaufen, vollgepackt mit teuren, unverzichtbaren Survivalprodukten. Wir lasen über Strohballenarchitektur und Earthships, über Rewilding, Permakultur und nachhaltiges Bauen, und das alles war sehr interessant, aber es ließ uns etwas hilflos zurück, wir hatten das Gefühl, dass man jahrelang studieren musste, um sich unabhängig zu machen. Und dass einem schon wieder jeder irgendetwas verkaufen wollte.
Wir beschlossen, eine Kote zu bauen. Eine Kote ist eine einfache Konstruktion, und die Samen haben sie seit Tausenden von Jahren genutzt. Sie ist an unser Klima angepasst und kann binnen weniger Wochen gebaut werden – aus in der Natur vorkommenden Materialien.
Eine Kote ähnelt einem Tipi, hat aber einen gezimmerten Boden und ist zur Isolierung mit Erde bedeckt.
Das war machbar. Das würden wir hinbekommen, also waren wir optimistisch.
Übers Internet haben wir Kontakt zu einem Mann aufgenommen, der sich selbst Kapitän nannte, zehn Jahre in einem Tipi in Värmland in Schweden gewohnt und von selbst angebautem Roggen gelebt hatte. Er sprach lebendig und voller Liebe über den Wald, den er sehr vermisste.
Folgendes war passiert: Er hatte eine Frau kennengelernt, die ihn aus dem Wald in ein Haus geholt, ihm Arbeit gesucht und ein paar Kinder geschenkt hatte. Sie hatte ihn »domestiziert«, wie er sagte, doch dann hatten sie sich scheiden lassen. Jetzt lebte er in einer Einzimmerwohnung bei Stockholm und starb »einen langsamen Tod«.
Wir korrespondierten per E-Mail; es war sonderbar, sich auf diese Weise mit jemandem zu unterhalten, der tatsächlich in der freien Natur gelebt hatte.
»Als ich im Wald gelebt habe, war ich wie ein Tier«, schrieb er. »Ich bin komplett in der Umgebung aufgegangen. Mein Ego ist verschwunden, meine Sinne waren geschärft. Es war unglaublich, aber auch einsam. Sehr einsam.«
Wir schrieben uns wochenlang und lernten einander kennen. Eines Tages wurden unsere Pläne konkreter.
An jenem Tag schrieb der Kapitän, dass er es nicht mehr aushielte. Die Stadt machte ihn krank und er musste da raus. Durch die Korrespondenz mit uns sei ihm klar geworden, wie sehr er den Wald vermisste. Also hatte er einen Mann kontaktiert, der in dem Wald, in dem er gelebt hatte, Land besaß. Der Grundbesitzer hatte gesagt, dass zwei Hütten leer stünden, eine für den Kapitän und eine für uns, beide ohne Strom und Wasser, dafür aber für nur tausend Kronen Miete im Jahr. Das war tatsächlich machbar.
Außerdem hatte der Grundbesitzer, Svenn, gesagt, dass wir so viele Bäume fällen dürften, wie wir für den Bau einer Kote bräuchten, und dass er nichts dagegen hätte, wenn wir eine kleine Gemeinde gründeten, solange keine Drogen im Spiel waren.
Der Kapitän schickte uns die Adresse und die Google-Maps-Koordinaten. Er selbst hatte schon seine Sachen gepackt, er hielt es nicht mehr aus und musste aufbrechen. Morgen. Wir würden ihn nicht mehr erreichen können, es gab dort draußen kein Internet, aber wir seien willkommen, einfach dazuzustoßen, zum Beispiel in den Winterferien. »Ich hoffe, ihr kommt.«
Frösteln. Gänsehaut.
Wir lagen die ganze Nacht wach und redeten. Ja, wir könnten weiterhin die Möglichkeiten durchgehen und verwerfen, weil sie nicht hundertprozentig passten. Aber wie lange konnte man das machen, bis man sich in all den Möglichkeiten verlor? Die Tage mit Gesprächen über etwas verbringen, das nicht existierte? Genauso gut konnten wir diese Gelegenheit beim Schopf packen. Klar, es war kein Schloss in Frankreich, aber andererseits – würden wir je ein bezahlbares Schloss in Frankreich finden?
In jener Nacht wiederholte Jeppe seine Worte: »Der größte Verrat ist es, wenn einem etwas klar wird und man keine Konsequenzen daraus zieht.«
Im Nachhinein denke ich, dass wir uns in jener Nacht entschieden haben. Genau weiß ich es nicht mehr, wie gesagt – meine Erinnerung an die Zeit vorher ist ein wenig verschwommen.
»Kinder! Kommt ihr mal?«
Auf dem Kaffeetisch standen süße Brötchen und Butter, in der Teekanne war Earl Grey, und das Baby spielte auf der gestreiften Decke.
»Wir müssten mal über etwas sprechen.«
Sie waren nervös, das merkte ich sofort. Kein Wunder, sie hatten das schon einmal erlebt, als mein Exmann und ich uns hatten scheiden lassen, es war schmutzig und erschreckend und sie hatten sehr darunter gelitten; sie sahen ihn nicht mehr.
»Lasst ihr euch scheiden?«, fragte Sebastian lächelnd. So lächelte er immer, wenn etwas wirklich Ernstes passierte, vielleicht, weil er verunsichert war oder weil er es genoß. Ich habe dieses Lächeln nie ganz verstanden; ich verstehe ihn nicht wirklich. Er war so schlaksig und linkisch und jungenhaft.
»Nein«, antwortete ich.
»Nein, verdammt, wie kommst du darauf?«, fragte Jeppe und wartete nicht auf eine Antwort. »Also, hört zu. Ihr habt sicher mitbekommen, dass es uns hier nicht besonders gut geht.«
Sie sahen in alle möglichen Richtungen.
»Mit meiner Krankheit und eurer Mutter und dass wir alle nicht mehr richtig was zusammen machen und so.«
Sebastian rang die Hände, spähte unter seinem Pony hervor und lächelte dieses Lächeln. Victoria starrte aus dem Fenster in die Ferne, Silas trank mit konzentrierter Miene seinen Tee.
»Ich fühle mich ein bisschen, als hätten wir einander verloren«, sagte ich.
Schweigen.
Schweigen.
»Fühlt ihr euch auch so?«
»Seit wann?«, fragte Victoria, drehte ihren Kopf und sah mich an. Sie war nicht selbstbewusst genug, um mir in die Augen zu sehen, und zu trotzig, um weiter wegzusehen.
»Ich weiß es nicht. Schon eine ganze Weile lang.« Ich erwiderte ihren trotzigen Blick. »Als ihr klein wart, habe ich eine starke Verbindung zu euch gespürt, aber die ist mit der Zeit schwächer geworden wegen all dieser … alltäglichen Umstände. Wir waren jeden Tag zusammen, und ich wusste, was in eurem Leben passiert. Jetzt habe ich das Gefühl, euch kaum noch zu kennen. Ich will für euch da sein, weiß aber nicht, wie. Und jetzt, wo ihr größer seid, merke ich auf einmal, dass es irgendwann vorbei sein wird damit, mit eurer Kindheit, meine ich, und ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich euch das Beste gegeben habe, das, woran ich wirklich geglaubt habe, das Leben zieht einfach an einem vorbei, und …«
Schweigen.
»Und ich habe das Gefühl, euch verraten zu haben.«
Victoria guckte weg. Silas stellte irritiert seine Tasse auf den Tisch.
»Ja, okay, aber was heißt das? Was gibt es da zu besprechen?«
»Etwas läuft falsch in der Welt«, sagte Jeppe. »So richtig falsch. Die Dinge sind aus dem Gleichgewicht geraten. Es sind gefährliche Zeiten.«
»Aah! Du redest ja schon wie diese Weltuntergangstypen!« Silas senkte den Kopf und stützte ihn auf die Hände, die Ellenbogen auf den Knien.
»Im Ernst. Etwas läuft falsch«, sagte Jeppe bestimmt. In letzter Zeit hatte er nie besonders überzeugt geklungen, doch nun hatte seine Stimme einen anderen Tonfall.
»Und was hat das mit uns zu tun?«, fragte Sebastian, der Rationale, der Vernünftige; jetzt lächelte er nicht mehr. »Was sollen wir dagegen machen?«
»Wir denken darüber nach, ein Jahr Pause von diesem Leben zu machen. Um Abstand zu gewinnen und über alles nachzudenken.«
»Wie das?«
Jeppe fuhr fort. »Wir dachten, dass wir ein Haus im Wald bauen könnten … oder eine Kote. Wir könnten ganz von null anfangen und herausfinden, was man als Mensch können muss. Die ganz grundlegenden Dinge. Wie man Feuer macht, wie man eine Behausung baut … wir könnten uns all das beibringen, was wir verlernt haben und …«
»Ohne Computer?« Silas versuchte nicht, seine Wut zu unterdrücken.
Ich versuchte, ihn zu beruhigen. »Also … ja, das war schon so gedacht, aber wir können die Computer auch mitnehmen.« Ich sah Jeppe an.
Jeppe zuckte mit den Schultern. »Es geht darum, etwas zu tun. Zusammen. Als Familie. Es geht darum, etwas zu lernen, die Sachen, die man in der Schule nicht lernt.«
Sebastian, ganz Ohr: »So wie Jagen und Angeln und so?«
»Ja.«
»Bekomme ich dann ein Gewehr?«
»Na ja … ja, vielleicht.«
»Wenn ich ein Gewehr bekomme, bin ich dabei«, sagte er und sah mich an; er testete mich aus.
»Ja.«
»Wir haben Kontakt zu einem Mann aufgenommen, der zehn Jahre lang im Wald in einem Tipi gelebt hat, und wir überlegen, ihn in den Winterferien zu besuchen«, erklärte ich.
»In diesen Winterferien?«
»Und was ist das für einer?«
»Einfach ein Mann, der in einem Tipi im Wald gelebt hat. Wir wissen auch nicht so viel darüber, aber es wäre cool, hinzufahren, um ihn zu besuchen und einen Eindruck davon zu bekommen, wie es ist, im Wald zu leben. Um einfach etwas zu tun … nur für ein Jahr, erst mal«, sagte ich.
Jetzt mischte sich Victoria wieder ein. »Können wir nicht nach China? Ich meine, wenn es nur darum geht, ein Jahr lang etwas anderes auszuprobieren.«
»Das haben wir auch überlegt, aber es ist teuer, nach China zu kommen, und dann müsste einer von uns arbeiten und es wäre eigentlich so wie hier, und wir würden all die praktischen Sachen nicht lernen; es wäre eher eine Art Reise«, sagte Jeppe.
»Aber es wäre trotzdem super«, sagte sie voller Hoffnung.
»Das Gute an dem Wald wäre, dass es realistisch ist. Es ist machbar, erst recht, nachdem wir den Kapitän kennengelernt haben«, sagte ich.
»Heißt der wirklich so?«
»Nein, ich glaube nicht. Aber er war Kapitän und ist viel herumgesegelt.«
»Also: Ihr lasst euch nicht scheiden, wir machen im Winter Urlaub in Schweden und ihr wollt, dass wir mehr gemeinsam unternehmen«, fasste Silas zusammen.
»Ja.«
»Warum können wir nicht einfach hier etwas machen?«, fragte er.
»Das haben wir ja versucht! Das war der Grund dafür, dass wir nach Mors gezogen sind – um zu sehen, ob man etwas anders machen kann. Aber guck, jetzt sind wir genau da, wo wir waren – wir müssen Unmengen an Geld ranschaffen, um einen gewissen Standard zu halten, um den Job zu behalten und machen zu können, was alle machen. Das ist verdammt frustrierend.«
Ich bezog die Kinder mit ein. Aktiv. Ich sah uns, wie wir hier auf den Sofas saßen und über den Wald redeten. Es sah verrückt aus.
Jeppe stand auf, stellte sich in die Küchentür und zündete sich eine Zigarette an.
Jetzt kam das schlechte Gewissen, jetzt kamen die Zweifel. Ja, es war wahr; wir waren oft umgezogen, zu oft, ich war etwas hinterhergejagt, das ich nie gefunden hatte. Die armen Kinder.
Ich erinnerte mich an die Worte meines Onkels. »Wir sind die blauäugigen Nomaden.« Ich weiß, dass er recht hat. Auch meine Großmutter hat mir davon erzählt, von dem Nomadenblut, sie hat gesagt, wir seien Nachfahren einer ägyptischen Nomadenprinzessin. Ich habe mich immer dafür geschämt, dass ich es nicht lange an einem Ort aushalte, es ist nicht gut für die Kinder. Das Umziehen ist traumatisch für sie, man sollte nichts ändern, dort bleiben, wo man ist, die gleiche Arbeit haben, den gleichen Mann. Ich habe es wirklich versucht, ich habe mich wirklich angestrengt, aber am Ende bin ich nicht die Mutter, die darauf achtet, dass die Socken farblich passen. Das bin ich einfach nicht.
Victoria: »Okay, ich bin dabei. Ich habe eh keine Lust mehr auf die Schule. Wenn wir in den Wald ziehen, sind wir wie Eingeborene.« Sie sah wieder aus dem Fenster. Und träumte. Ich machte mir Sorgen um sie. All diese unrealistischen und naiven Träume, all diese Dinge, die sie tun zu können glaubte.
Meine innere Stimme flüsterte mir zu, dass wir es mit dem Wald versuchen sollten. Das würde ihr die Augen öffnen: Wenn sie merkte, dass sie nicht alles tun konnte, was sie wollte, blickte sie vielleicht etwas realistischer in die Zukunft.
Damals war mir nicht klar, wie abwegig es war, dass ich mir in dieser Situation solche Gedanken machte.
»Also …« Sebastian räusperte sich. Er räuspert sich immer, bevor er etwas sagte. Ich wusste nicht, ob er das in der Schule auch machte; aber ich hoffte, dass er es nicht tat. Ich hoffte, dass er laut und deutlich sprach, ich hoffte, dass er selbstbewusst war, aber ich wusste es nicht.
»Es könnte etwas Wahres daran sein, dass es hier nicht so toll ist …« Er räusperte sich wieder. »Vielleicht wäre es nicht schlecht, etwas anderes auszuprobieren.« Er sah aus dem Fenster wie seine Zwillingsschwester, bevor er weitersprach. »Auf alle Fälle stimmt es, dass wir zu viel Zeit in unseren Zimmern vor dem Computer verbringen.«
»Genau, Sebastian, ein junger Mann wie du sollte eine Axt schwingen oder in den Bäumen herumspringen!« Jeppe blies Rauch in die Küche und wendete sich uns zu.
»Wenn ich ein Gewehr bekomme, bin ich dabei.« Sebastian sah mich an, ich nickte.
»Ich finde auch, dass es ziemlich cool klingt«, sagte Victoria. »Ich kann altmodische Sachen anziehen und Kräuter sammeln und so.«
»Ich würde gern hier wohnen bleiben«, platzte Silas laut heraus.
Jetzt meldete sich meine innere Stimme wieder, meine Selbstverachtung. Wenn ich doch nur normal wäre, dann hätten meine Kinder es besser.
Vielleicht hörte Silas mich mit seinem sechsten Sinn, manchmal war es, als könne er meine Gedanken lesen. »Warum können wir nicht sein wie eine normale Familie?«, schrie er.
»Ich mag dieses Haus auch«, sagte ich, »aber überleg doch mal, wie cool es wäre, wenn wir unsere eigene Kote bauen würden!«
»Was ist eine Kote?«, fragte er.
»So etwas wie ein Tipi, aber mit festem Fußboden und Fenster und so.«
»Und mit Computer?«
Schweigen.
»Ja doch, ja«, sagte Jeppe und aschte ins Spülbecken. »Wenn es dir so wichtig ist. Aber es geht nicht so weiter wie hier, wo du den ganzen Tag lang daddelst«, fügte er hinzu.
»Hä? Wie sollen wir denn da Computer benutzen? Gibt es denn da überhaupt Strom?« Sebastian. Mit seinem Lächeln.
»Das sehen wir dann«, antwortete Jeppe.
»Na gut, wenn es euch so wichtig ist«, schnappte Silas. »Kann ich jetzt wieder in mein Zimmer?«
Später, nachdem alle in ihr Zimmer gegangen waren und das Baby eingeschlafen war und Jeppe vom blauen Strahlen seines Bildschirms absorbiert wurde, nachdem die Dunkelheit in die verstecktesten Winkel des Hauses vorgedrungen war, lag ich mit offenen Augen allein im Bett und hielt mir einen Vortrag.
