Wir trafen uns in einem Garten - Inga Humpe - E-Book

Wir trafen uns in einem Garten E-Book

Inga Humpe

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Beschreibung

Inga Humpe versammelt erstmals ihre preisgekrönten Texte und erzählt von ihren Anfängen. Punk, Neue Deutsche Welle, Techno und Elektropop: Inga Humpe ist seit Jahrzehnten eine der innovativsten Musikerinnen. Mit »2raumwohnung« entwickelt sie seit 20 Jahren, gemeinsam mit Tommi Eckart, immer wieder aufs Neue einen aufregend intensiven und zugleich lässigen Sound. Ihr erstes Buch nimmt uns mit in ihren Kosmos. In Songs wie »Wir trafen uns in einem Garten«, »Sexy Girl« oder »Ich und Elaine« erzählt Inga Humpe von der Sehnsucht nach Leben und Liebe, die das Lebensgefühl einer ganzen Generation prägt. Neben Songtexten und unveröffentlichten Fotos enthält dieses Buch eine Erzählung Inga Humpes über ihre Kindheit in einem kleinen Ort im Sauerland, aus dem sie später ins West-Berlin der 1980er-Jahre aufbrach. Helene Hegemann hat mit Inga Humpe zahlreiche Gespräch geführt und einen atmosphärisch dichten Text über die Anfangsjahre von »2raumwohnung« beigesteuert.

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Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inga Humpe

Wir trafen uns in einem Garten

Kurzübersicht

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Titelseite

Über Inga Humpe

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Über Inga Humpe

Inga Humpe, 1956 in Hagen geboren, ist Sängerin, Komponistin und Texterin. In Berlin gründete sie die Punkband Neonbabies, und gehörte mit DÖF (»Codo«: »Ich düse, düse, düse, düse im Sauseschritt«) und Humpe & Humpe zu den bekanntesten Musikerinnen der Neuen Deutschen Welle. Sie schrieb Songs für Kylie Minogue, arbeitete mit Udo Lindenberg und remixte Songs für Ennio Morricone und Herbert Grönemeyer. Mit Tommi Eckart bildet sie heute die Band 2raumwohnung. Inga Humpe erhielt als Mitglied von 2raumwohnung diverse Auszeichnungen, zum Beispiel mehrfach den Dance Music Award. 2005 bekam sie zusammen mit ihrer Schwester Annette Humpe für ihr Lebenswerk die 1 Live Krone. Im Mai 2018 wurde sie mit dem Fred-Jay-Preis für ihre Liedtexte ausgezeichnet.

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Über dieses Buch

Punk, Neue Deutsche Welle, Techno und Elektropop: Inga Humpe ist seit Jahrzehnten eine der innovativsten Musikerinnen. Mit 2raumwohnung entwickelt sie gemeinsam mit Tommi Eckart seit 20 Jahren immer wieder aufs Neue einen aufregend intensiven und zugleich lässigen Sound. Ihr erstes Buch nimmt uns mit in ihren Kosmos. In Songs wie »Wir trafen uns in einem Garten«, »Sexy Girl« oder »Ich und Elaine« berührt 2raumwohnung das Lebensgefühl einer ganzen Generation und hat einen neuen Musiktrend miterfunden. Neben Songtexten und bisher unveröffentlichten Fotos enthält dieses Buch eine Erzählung Inga Humpes über ihre Kindheit in einem kleinen Ort im Sauerland, aus dem sie später ins West-Berlin der 1980er-Jahre aufbrach. Helene Hegemann hat mit Inga Humpe zahlreiche Gespräch geführt und einen elektrisierenden Text über die Anfangsjahre von 2raumwohnung beigesteuert. Und warum Inga Humpes Texte so ganz besonders sind, das erklärt Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem Nachwort.

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Das Gewächs

Techno Tommi Terrorismus

Bildteil

Songs

Kommt zusammen

In Wirklich

Es wird Morgen

Melancholisch Schön

36 Grad

Lasso

Achtung fertig

Nacht & Tag

20 Jahre 2raumwohnung

Mädchen mit Plan

Songs nach Anfangszeile

Songs nach Titel

Danksagung

Quellenverzeichnis

Liedtexte

Danke, Tommi

Das Gewächs

Erzählung

 

 

 

 

Als ich um die Ecke in unsere Straße einbog, sah ich schon von Weitem, dass wieder etwas passiert war. Unser Haus hatte einen kleinen, leeren Vorbau aus Holz und Glas, der Veranda genannt wurde, obwohl eine Veranda bautechnisch gesehen etwas völlig anderes ist. In diesem Raum befanden sich zwei paradoxerweise nebeneinanderliegende Eingangstüren, die in einen ewig kalten Flur führten, sowie eine Bank, auf der nie jemand saß.

Jetzt war die Holztür zur Veranda herausgerissen, die Scheiben aus den Fenstern lagen in Scherben daneben.

Ich ging erst mal geradeaus weiter in die Habichtstraße, eine Sackgasse, und beobachtete vom Ende der Straße aus, durch den Garten der Nachbarn, wie sich ein kleines Feuer entlang der parkenden Autos vorm Haus meiner Eltern ausbreitete.

Mein Kopf war so leer wie die Veranda ohne Bank. Ich fühlte, wie sich die Angst als eine kleine, unförmige Kugel Blei in mich hineindrückte. Ich war ungefähr fünf und total gestresst. Drinnen im Haus war man beschäftigt. »Papa und ich haben einen Schrank von den Hannoveranern geholt …« Die Hannoveraner waren unsere reichen Verwandten. Sie schickten uns Kindern zu Weihnachten große Pakete mit getragenen Kleidern. »… und der Schrank ist uns in die Veranda gekracht«, sagte meine Mutter im Vorbeigehen.

Meine Mutter machte alles im Vorbeigehen, sie saß nur still, wenn sie weinte.

»Und was ist mit dem Feuer?«, rief ich hinter ihr her.

»Das kommt von dem kleinen ausgelaufenen Kanister«, schrie sie aus der Küche, »der war noch im Schrank gewesen. Jemand hat eine brennende Zigarette an den Straßenrand geworfen.« Ich hörte, wie meine Mutter die Kellertür öffnete, und sah durch das Wohnzimmerfenster, wie mein Vater mit einer alten Wolldecke auf die Straße und auf das Auto von Herrn Krusche einschlug.

Das war kein Grund zur Sorge, denn gleich gegenüber von unserem Haus stand das Gebäude der freiwilligen Feuerwehr mit vier riesigen rot glänzenden Magirus-Deutz-Feuerwehrwagen, die jeden Samstag herausgeholt und auf dem Hof davor geputzt wurden. An der Wand hatte ich zum ersten Mal das Wort »ficken« gelesen. Ich konnte schon mit vier lesen, weil ich fast platzte vor Neid auf meine rechnende, schreibende und lesende ältere Schwester.

Ich hatte zu der Zeit keinen Moment der Entspannung. Es gab praktisch keine ruhige Minute mehr, seitdem ich aus dem Schlafzimmer meiner Eltern ausgewiesen worden war, direkt in den uneingeschränkten Machtbereich meiner ungnädigen, immer schlecht gelaunten Großmutter. Ich schlief im Zimmer meines Feindes. Nachts betete ich verzweifelt vor dem Bild eines braun-weißen Jesus mit Schaf, wann meine wirklichen Eltern mich wohl endlich aus dieser fremden Familie herausholen würden.

Meine Großmutter zog abends im Schein einer kleinen Nachttischlampe ihr Nachthemd an und kratzte sich dabei in aller Seelenruhe den Rücken blutig, während meine Schwester und ich uns schlafend stellten und jedes Mal angeekelt und fasziniert zusahen.

Meine Schwester war der Liebling meiner Großmutter. Ihre alten verschwommenen Augen strahlten hinter der dicken verschmierten Brille, wenn meine Schwester nur furzte, und sie brummte dann auch mal etwas Unverständliches in ihren durchaus vorhandenen Bart, was die ganze Familie erfreute. Normalerweise sprach meine Großmutter nicht. Sie kriegte kaum die Zähne für ein »Guten Morgen oder »Danke« auseinander, und sie durfte sich alles erlauben in der Familie: erstens, weil ihr alles gehörte und zweitens, weil sie ein Gewächs im Bauch hatte. Dieses Gewächs war mein Freund, mein Vertrauter. Ich lobte und besprach es, indem ich tonlos die Lippen bewegte wie bei einem Gebet. Ich malte Blöcke voll mit dunkelbunten Sträuchern, um mir selbst dabei ein bisschen schöne Angst zu machen. Schöne Angst war die, die man abstellen konnte. Wenn meine Großmutter aß, starrte ich auf ihren dicken Bauch und stellte mir vor, dass das Gewächs wieder weiterwachsen würde.

»Wo ist denn der Schrank?« Meine Schwester, der normalerweise nicht zu trauen war, hatte einen besorgten Gesichtsausdruck. Sie war dreizehn und rauchte heimlich. Jetzt saß sie in der Küche und las Hörzu. Sie blätterte genervt um und schaute kurz und kalt in meine Richtung: »Ein Brett davon sehe ich jedenfalls vor deinem Kopf, Stumpen.« Ich hasste es, wenn sie mich Stumpen nannte. Das war ein Teil ihrer Rachestrategie, die sie entwickelt hatte, weil ich als Zweitgeborene sie um die Alleinaufmerksamkeit unserer Eltern gebracht hatte.

»Und wer hat die Zigarette da ins Benzin geworfen?« Ich las in ihren leicht gequälten Augen, dass sie in die Sache verwickelt war. »Ich kann ja mal sehen, ob ich die Kippe draußen finde, und dann werden wir ja wissen, ob du es warst, falls es eine milde Sorte ist.« Ich war eine gnadenlose Petze. Das war die einzige Möglichkeit, meine Schwester wenigstens für kurze Momente in Schach zu halten. Sie hob den Kopf und formte ihre blauen Augen, die wie meine ohne Wimpern zu sein schienen, weil sie weißblond waren, zu zwei zusammengezogenen länglichen Scharten und schoss eine Runde Hass auf mich ab.

»Dann schneid ich dir, wenn du schläfst, eine Glatze, Stumpen.« Das war ihr zuzutrauen. Sie hatte mir mal ein Kaugummi auf meinen Kopf geklebt, und danach musste ich meine von aller Welt bewunderten Locken abschneiden lassen und eine hässliche Kurzhaarfrisur tragen, die mich wie einen Jungen aussehen ließ. Ich nahm mir vor, bei der nächsten Gelegenheit ihren Tauschbilderkasten unnachweisbar zuzukleben. Um mich selbst zu trösten, ließ ich meinen Wellensittich Coco ein bisschen fliegen, schaltete das Radio ein und stellte mir vor, ich wär Astronautin in einem hellblauen Paillettenkleid und müsste ein Foto mit unserem Nachbarn, dem Fotografen Herrn Koppe, machen. Im Radio lief »These Boots are made for Walking«, was mich in gute Stimmung versetzte. Ich holte aus der Küchenschublade ein ausgeleiertes gehäkeltes Kränzchen, setzte es mir auf den Kopf und lockte Coco auf meine Schulter. In dem Moment ging die Tür auf, und herein kam ächzend mit einem Eimer Briketts unsere Großmutter. Sie stellte den Eimer mit einem Krachen auf den Ofen, Coco machte sich bereits ganz dünn auf meiner Schulter. Sie ging direkt auf das Fenster zu, öffnete es, und schon war Coco draußen. Ich heulte gleich los und wünschte meine Großmutter direkt in die Hölle, die knallte das Fenster zu und stellte sich mit dem Rücken so nah vor mein Gesicht, dass mir ihr Parfüm, ein Gemisch aus Mottenkugeln und Franzbranntwein, entgegenschlug und ich noch lauter heulte. Meine Mutter kam vorbei, und ich deutete auf den leeren Käfig und brüllte: »Oma hat Coco wegfliegen lassen!«

»Aber doch nicht mit Absicht!«, rief meine Schwester. Unsere Großmutter sagte wie immer nichts und schaute nur beleidigt auf den Boden.

Meine Mutter zog mich an der Hand nach draußen und versprach mir einen Hasen mit einem Reißverschluss und einer kleinen Tasche im Rücken, die sie mit Süßigkeiten füllen wollte. Es war nämlich bald Ostern. Ich schaute meine Mutter an. Sie hatte braune, schöne Augen, braune, lockige Haare und sah aus wie ein Bild aus meinem Dichterquartett. Plötzlich wusste ich, dass sie doch meine Mutter war, und ich fing vor Freude und Rührung wieder an zu heulen. »Jetzt ist aber Schluss!«, sagte meine Mutter streng. »So schlimm ist das nun auch wieder nicht. Du kannst dir doch zum Geburtstag einen neuen Wellensittich wünschen.« Das war ungefähr der zehnte Wellensittich, der unserer Familie weggeflogen war, und mein Geburtstag war erst im nächsten Januar. Coco blieb der letzte.

Mein Vater räumte mit meinem Onkel Friedel und seinem Sohn Friedemann die Scherben weg, und ich ging rüber zu Herrn Koppe, in einer Winterjacke von den Hannoveranern und mit dem labberigen Kränzchen, und ließ umsonst ein Passbild machen, das Herr Koppe in seinem Schaufenster ausstellte. Dieses Passbild habe ich noch heute. Es ist sehr gut ausgeleuchtet, ich lächle gekünstelt, und man sieht noch ein winziges bisschen Schnodder unter meiner Nase, vom Heulen vorher.

Wenn wir zu Weihnachten das Paket von den Hannoveranern bekamen, war unsere Mutter immer sauer. »Nicht mal ein Kaugummi für die Kinder«, schimpfte sie. »Das ist kein Weihnachtsgeschenk.« Wir fanden das Geschenk prima, weil es so riesig war, und die Kinderkleider sahen teuer und wie neu aus. Sie fasste die Sachen wie Putzlappen an und kümmerte sich nicht die Bohne darum. Ich ordnete alles in unsere Kinderkommode ein, und wir probierten die Kleider ausgiebig an und spielten dabei reiche Leute. Das sah so aus, dass meine Schwester die Gouvernante war, die mich streng unter Kontrolle hielt. Aber die Klamotten habe ich schon damals für uns beide ausgesucht. Diese Zeit erscheint mir heute wie ein Block harter, bitterer Schokolade. Irgendwann starb die Großmutter, wir zogen um, und meine Schwester kam in ein Internat. Ich wurde plötzlich Einzelkind, was das Leben nicht besser machte.

Ich begann, fürchterlich traurig zu werden. Mir wurde klar, dass ich niemanden in meiner Familie freiwillig liebte. Das war wohl der Moment, in dem die Pubertät anfing, die ich mit Kotzen und Selbstmordgedanken verbrachte. Kotzen, weil die hormonelle Umstellung mich total umhaute, und mein Testament machte ich damals, weil ich in meinem Herzen einfach nicht die Sonne hatte, die man sich gegenseitig in Poesiealben wünschte. In mir tobte eine Mördergrube, und ich beschloss, Terroristin zu werden.

Techno Tommi Terrorismus

Helene Hegemann

 

 

 

 

Im Sommer 2018 sitzt du barfuß auf eurer Terrasse, hast irgendwas Schwarzes an und sagst: »Ja, die drei Ts.«

Techno, Tommi, Terrorismus.

»Aber das ist die falsche Reihenfolge.« Dann denkst du zwei Minuten nach.

»Obwohl, doch. Die Reihenfolge stimmt. Aber Terrorismus war bei Techno schon vorbei. Lange.«

Und dazwischen waren die Achtziger.

Ich weiß nicht, was du im Sommer 1987 gemacht hast. Vergessen zu fragen. Wahrscheinlich warst du in London.

Im Sommer 1997 fährst du mit Tommi auf die unspektakulärste der Kanarischen Inseln, Lanzarote, ein Ort, an dem sich irgendeiner diffusen Legende nach zeigt, ob eine Zweierbeziehung Bestand haben kann oder nicht. Weil die Insel so karg ist, da gibt es kaum Bäume. Und wegen des Meeres und der Abgeschiedenheit und der unfassbaren, langweiligen Ruhe. Ab und zu lassen dort Staubwinde den Himmel in einem wirklichkeitsfremden Rotton erscheinen, man kann dann nur noch hundert Meter weit gucken. Was nicht so dramatisch ist, wie es klingt. Aber ganz gut. Ich bin im Kindergarten. Ihr seid vier Jahre zusammen. Tommi hat sich in deiner Charlottenburger Wohnung in dich verliebt, als du mal kiffend im Gegenlicht vor der Fensterfront gestanden hast. Mit verschränkten Armen und auf das rechte Bein verlagertem Gewicht, das linke war angewinkelt. Du hattest lange rote Haare, das sah nach Mangafigur aus, ich weiß das wegen des Fotos. Es gibt dieses Foto aus der Zeit, da sitzt du vor einem Bild von Wolfgang Tillmans und bist echt besorgniserregend dünn und hast so ein Schild um den Hals hängen, da steht drauf: Sit here.

Schwer zu identifizierender Alarm auf der Straße, irrer Krach, und als Tommi fragte, was das sein könnte, hast du mit den Schultern gezuckt und geantwortet:

»IRGENDWAS NERVIGES DRAUSSEN.« Das war 1993.

Es gibt Gründe dafür, dass ihr 1997 vier Monate lang auf Lanzarote abhängt. Die bleiben hier besser unerwähnt. Aber es gab welche. Zwei Zimmer jedenfalls, so Terrakottafliesen, supersimpel, klassisch eingerichtet. Kein Fernseher. Bungalow. So ein Ferienhaus. Und da waren andauernd Handwerker und so.

Spanisches Bett, in der Mitte ist ein Bad, rechts ist euer Studio, das ihr aus Berlin mitgenommen und provisorisch neben der Küchenzeile aufgebaut habt. Das Neumann-Mikro und ein Akai-Sampler, die offizielle Production Machine der Neunziger. Nord-Lead-Synthesizer, Mischpult, zwei mickrige JBL-Boxen, Control One, die später in allen Kneipen und Bars rumhängen werden. Und ein Mac mit kleinem Röhrenmonitor in Schwarz-Weiß, der immer abstürzt. Deshalb müsst ihr auf der Insel einen Netzstabilisator kaufen. Das Gerät macht so ratschende Geräusche. Ihr nennt es Ratte. Abends, wenn die Leute ihre Fernseher und Küchenöfen einschalten, wird die Ratte immer ganz hektisch. Das musste alles durch den Zoll, ihr habt tagelang auf das Equipment gewartet. Die Zollgebühren haben 200 Mark gekostet, weil ihr gesagt habt, das alles sei zusammen 2000 Mark wert.

(War aber 20000 wert.)

Tommi hat Jura zu Ende studiert und soll drei Monate später als Anwalt in einer Kanzlei anfangen. Er hat keinen Bock. Und du hast, wenn man von einer kurzen Unterbrechung absieht, zehn Jahre lang die Klappe gehalten und keinen Bock mehr auf Singen gehabt, jedenfalls nicht darauf, als Figur, die singt, auf einer Bühne zu stehen, du hast zehn Jahre lang nicht gesungen. Einer der hundert Gründe, aus denen du Techno gut findest. Da wird keine Geschichte erzählt, es gibt keine Texte. Es gibt immer nur eine Message: »Can you feel it?« ist die Message, und das reicht.

In diesem Zustand, auf den ihr, das sagst du mir jetzt, jahrelang unbewusst hingearbeitet habt, entsteht auf Lanzarote zum ersten Mal und ohne den geringsten Druck von außen etwas, das man als den singulären Sound eurer Band bezeichnen wird. Eure Band hat 1997 keinen Namen, weil es sie noch nicht gibt. Für den Sound gibt es kein Beispiel. Ihr werdet zwei Jahre später fast zufällig euren ersten Song veröffentlichen und damit was in die Welt setzen, das ich dir gegenüber jetzt als die exzessive Verbindung zwischen Technokultur und Zukunft bezeichnen würde. Die Basis dafür ist dieses beknackte Lanzarote, wahrscheinlich, weil es euch da aus Versehen echt nicht mehr um wie auch immer gearteten Erfolg, sondern nur noch um die selbstbestimmte Kreation von etwas Neuem ging.

Ihr schreibt Songs, nehmt sie auf, hört sie euch danach mit Kopfhörern auf mediterranen Sperrholzmöbeln an. Das, was euch beide in der kargen Einfalt des Geländes aufregt, ist euer eigener Sound. Die Entwicklung eines musikalischen Gefüges, das dich wieder anfangen lässt zu singen. Du trägst ein kotelettfarbenes Bambi-T-Shirt und versuchst dir einen Sommer lang die Frage zu beantworten, wie man eine schöne Melodie überhaupt aushalten kann – indem man sie bricht, also Stimme, Beat, Störgeräusche. Auf deiner Unterhose steht »I can fly«, man kann es lesen, weil deine Shorts durchsichtig sind. Du sitzt mit angezogenen Beinen auf einem Korbsessel und fängst hysterisch zu lachen an, weil du das, was du hörst, so gut findest. Und Tommi hat diese Akkorde von »Sexy Girl«, sind ja nur zwei Akkorde, die hat er jedenfalls, und dann singst du dadrauf die Zeilen, die du in eins deiner kleinen Hefte geschrieben hast, du hast zu dem Zeitpunkt massenweise kleine Hefte dabei und schreibst da IMMERALLES rein, und du hörst das und denkst: Ist das geil, irgendwie so komisch lesbisch und so, und so gut, so undurchsichtig, du kannst es nicht fassen. Das Lied ist das Gegenteil von allem, was du von Verlegern und Produzenten und Pseudohitmaschinen im Laufe deiner Karriere gelernt hast. Du hast gelernt, dass man eindeutig sein soll und plakativ, dass das beste Rezept für Erfolg angeblich darin besteht, etwas zu kopieren, das schon mal Erfolg hatte. Und plötzlich merkst du, das ist alles Quatsch, es ist anders, bei dir jedenfalls ist es anders, und dass es nur anders geht. Und dass du dieses andere jetzt gefunden hast. Du bist vierzig.

Es gibt einen Moment, einen extrem seltenen Moment, an dem einem egal wird, was andere Leute sagen. Klingt nach christlicher Erweckungsliteratur oder einem Motivationsspruch zur Drogenprävention, ist aber das Gegenteil von beidem und so was Ähnliches wie Verliebtheit – vielleicht noch deeper. In diesem Moment weißt du: Das hier ist meine Entwicklung.

»Sagen wir mal eher: Das ist mein nächster Schritt.«

Egal worauf der hinausläuft, egal was damit jetzt passiert.

 

Immer noch Lanzarote, ihr seid jetzt mit eurem Auto in so einen komischen Barranco geraten.

Ich frage: »Was ist ein Barranco?«

»Ähm, so Geröllberge. Eher eine Art Schlucht zwischen Geröllbergen. Weg für Ziegen und Schafe. Eben absolut keine Straße. Und wir dachten: Wir machen einen Ausflug, wir fahren jetzt mal diese Geröllberge rauf und runter auf Lanzarote. Wüstenartiges Wasteland. Aber das war mit diesem Auto im Grunde nicht möglich. Ganz kleines Auto. Und dann blieb das stehen und stundenlang in der Sonne, und dann mussten wir so mit Brettern das Auto da irgendwie wieder zum Laufen kriegen, ich kann dir nicht richtig erklären, wie wir das gemacht haben.«

Das war die Basis für »Mit viel Glück«. Für den Text. »Zwanzig Stunden lang gen Süden«. Leichte Panik, dass ihr das nicht schafft, denn wenn ihr das nicht geschafft hättet, hätte das bedeutet, acht Stunden oder so zurücklaufen zu müssen, ohne Wasser in mittlerweile glühender Hitze.

Warum zur Hölle seid ihr diese Geröllberge hoch- und runtergefahren? Weil du zu Tommi gesagt hast: »Ey, lass mal da lang.«

(Tommi hat inzwischen aufgehört, derartigen Forderungen von dir nachzukommen. Wenn du sagst: »Ey, lass mal da lang« oder »Ey, lass doch mal nen anderen Weg nehmen«, dann sagt er: »NEIN, NEIN, NEIN.«)

Als ihr im Herbst nach Berlin zurückkommt, kriegt er einen Anruf. Die Kanzlei, in der er anfangen soll, wird nicht eröffnet.

 

Du weißt noch, wie ihr eurem Verleger danach »Sexy Girl« vorgespielt habt, aber der war mit was anderem beschäftigt und immer nur auf der