Wo die Welt schreit - Andrea Wegener - E-Book

Wo die Welt schreit E-Book

Andrea Wegener

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Beschreibung

Von Wundern, Wagnissen und Wegbegleitern am Rande Europas Katastrophale Zustände, verheerende sanitäre Verhältnisse, traumatisierte Menschen aus vielen Krisengebieten der Welt: Und das auf allerengstem Raum – Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos erlangt für all das traurige Berühmtheit. Genau dorthin, so hat Andrea Wegener den Eindruck, schickt Gott sie. Wie kann es aussehen, inmitten von Chaos und Hoffnungslosigkeit und mit sehr begrenzten Mitteln Gottes Liebe weiterzugeben? Und wie kommt man selbst zurecht? Was macht das mit einem? Berührend, warmherzig und liebevoll hat Andrea ihre Erlebnisse zu Papier gebracht. Ihre Erfahrungen machen das Herz und den Horizont weit. Andrea beobachtet scharf und schreibt mit den Worten einer bewegten Frau. Und mitten unter den Gestrandeten am Rande Europas begegnet sie nicht nur wunderbaren Menschen, sondern auch Gott – und das in einer Tiefe und Fülle, die auch für sie ganz neu ist. Als einzige Deutsche, die längerfristig im Camp Moria arbeitet, will sie ganz bewusst "dort, wo die Welt am meisten schreit, Hand und Mund Christi sein." Und das ist sie! Andrea Wegener investiert sich mit Leben, Leib und Seele in diese noch ganz unbewältigte Flüchtlingskrisen-Situation, von der Angela Merkel einst sagte: "Wir schaffen das!" Wenn wir es schaffen sollten, dann nur dank Menschen wie Andrea, die vor Ort sind und sich voll einsetzen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Andrea Wegener Wo die Welt schreit

Zur Information: Alle Namen von Geflüchteten wurden, wenn nicht ausdrücklich anders vermerkt,

Andrea Wegener

Wo die Welt schreit

Wunder und Wagnisse im Camp der Vergessenen am Rande Europas

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2019 by Fontis-Verlag, Basel

Die Bibelstellen wurden, soweit nicht anders angegeben, folgender Übersetzung entnommen:

«Hoffnung für alle» © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®, hrsg. vom Fontis-Verlag, Basel

Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns, und René Graf, Fontis-Verlag, Basel Karten-Skizzen: Andrea Wegener und InnoSet AG, Basel Fotos im Bildteil und auf dem Cover: © by Andrea Wegener und Silas Zindel, GAiN Schweiz, sowie Claudia Dewald, GAiN Deutschland (Irak-Fotos) E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

Inhalt

Vorwort: Das Herz am rechten Fleck

Inselgedanken: Sie dachten

Vorgeschmack: Ankunft in Moria

1. Vorbereitung

2. Kleidchen tragen

3. Willkommen in Griechenland

4. Tiny Homes

5. Zählung

6. Überlebende

7. Regenzeit

8. Omi-Windeln

9. Ausgerichtet

10. Warm und trocken

11. Advent

12. Global Village

13. Achthundertundsiebzig

14. Warenlager-Blues

15. Danke, Moria!

16. Persönlich: Adnan

17. Weihnachtsgeschenke

18. Als Frau im Camp

19. Camptag

20. Krätzepäckchen

21. Kälte

22. Ein Vorgeschmack der Herrlichkeit

23. Ausnahms-Normalzustand

24. Elend, krank und müde

25. Eine Blume im Frühling

26. Persönlich: Lucas

27. Glück ist …

28. Zwölf Quadratmeter

29. Persönlich: Nooria

30. Vier Afrikaner

31. Genau wie wir

32. Hollywood meets Moria

33. Matratzen

34. Katzenleben

35. Persönlich: Aziz

36. Wohnungs-Upgrade

37. Mit anderen Augen

38. Lost in Ostern

39. Persönlich: David

40. Windeln für Afghanistan

41. Abschied von der Insel

42. Kein Ende

Anmerkungen

Von der Autorin bisher erschienen

Vorwort: Das Herz am rechten Fleck

Um gar nicht lange drum herum zu reden: Ich mag Andrea Wegener. Diese Frau hat einfach das Herz am rechten Fleck. Sie ist einer von diesen Menschen, die nicht wegschauen, wenn andere Menschen in Krisen geraten. Im Gegenteil: Wenn sie eine Not sieht, dann schaut sie erst recht hin, genau hin, fragt, was zu tun ist, und packt mit an. Das Hilfswerk GAiN (Global Aid Network) bietet den idealen Rahmen dafür.

Andreas Horizont ist nicht weniger als die Welt. Eine humanitäre Katastrophe in Haiti? Andrea Wegener fliegt hin, hilft den Menschen – und schreibt ein Buch darüber. Verfolgte Christen im Kreuzfeuer des IS im Nordirak? Andrea macht sich auf den Weg, organisiert praktische Hilfe – und schreibt ein Buch. Flüchtlinge stranden in Lesbos? Andrea lässt im wohligen Gießen den Schreibtisch Schreibtisch sein und macht sich auf den Weg ins Lager Moria, um vor Ort Menschen willkommen zu heißen oder Matratzen in die Container zu schleppen – und wieder ist ein Buch entstanden.

Andrea ist tatkräftig, und gleichzeitig hat sie diese unglaubliche Begabung, mit leichter Hand über Schweres zu berichten. Sie führt Tagebuch und wird damit zur Chronistin dessen, was sie sieht und miterlebt. Sie kann schwerste Schicksale so beschreiben, dass du nicht unter dem Elend zusammenbrichst, sondern dir das Herz aufgeht. Wer ihre Texte liest, ist getroffen – aber nicht frustriert. Im Gegenteil: Man schöpft immer wieder Mut, man bekommt einen Schub, sich selber zu engagieren.

Der trotzige Optimismus, die authentische Fröhlichkeit, der zupackende Glaube, die Andrea als Mensch ausstrahlt, die dich anstecken, wenn du ihr persönlich begegnest, die transportiert sie auch in ihren Büchern. Sie schreibt unprätentiös und gradlinig, dabei sehr präzise und anschaulich. Sie erzählt Geschichten, die man riechen und schmecken kann. Geschichten von Menschen. Von Hilfsbedürftigen und Helfenden, von ausweglosen Notlagen – und überraschenden Wendungen.

In diesem Buch schreibt Andrea Wegener über Flüchtlinge. Über Menschen, die an den Grenzen Europas gelandet sind. Sie schreibt über die Zustände im Camp Moria auf Lesbos. Über Männer, Frauen und Kinder, über Junge und Alte, über Lebensumstände und Lebenswege. Sie malt uns sehr anschaulich ein Bild vor Augen, das wir immer häufiger ausblenden, wenn wir von «Flüchtlingskrise» sprechen.

Die Welle der Hilfsbereitschaft von 2015 ist abgeebbt, die allgemeine Stimmung ist gekippt. «Die» Flüchtlinge, oft pauschal als «Wirtschaftsflüchtlinge» und Schlimmeres abgestempelt, seien es, die uns wohlsituierte Europäer in die Krise stürzen. Globale Zusammenhänge werden ausgeblendet, einzelne Schicksale ignoriert.

Andrea Wegeners Buch erinnert uns an die Menschen, die wirklich in der Krise sind. Menschen, für die eine Flucht die einzige Option war. Menschen, die unter erbarmungswürdigen Umständen zusammengepfercht leben. Menschen, die im Warteraum der Zukunft, im Niemandsland, gestrandet sind. Die nicht wissen, wann, ja nicht einmal, ob es eine Zukunft für sie gibt.

Insofern ist es ein politisches Buch. Ein wichtiges Buch. Ein Buch zur rechten Zeit.

Uwe Heimowski Politischer Beauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz in Berlin

Die Insel Lesbos mit dem Camp Moria

Inselgedanken

Sie dachten Sie dachten, er würde in einem Palast geboren werden. Aber er kam in einem Stall zur Welt. Der König kam als Diener.

Sie dachten, er würde sie aus der Gewalt der Besatzer befreien. Aber von denen ließ er sich zu Tode foltern. Sein Reich ist nicht von dieser Welt.

Sie dachten, er würde ihnen ihre Leiden nehmen. Aber er erinnerte sie an seine Gnade. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Der Löwe lässt sich als Lamm schlachten. Der Schatz wohnt in zerbrechlichen Gefäßen.

Wir dachten, wir könnten seine Liebe sichtbar machen in dem, was wir bringen: Gaben, Licht und Wärme. Aber durch verwinkelte, rissige, verstopfte Leitungen dringt wenig von dem, was wir weiterzugeben hofften, durch in ein Fass ohne Boden.

Vorgeschmack: Ankunft in Moria

Der widerliche Gestank der Dixi-Klos weht mit jedem Windhauch durch den Bereich der «New Arrivals». Wenn kein Wind geht, ist die schwere Hitze erst recht unerträglich. Das Thermometer zeigt 36 Grad.

Zwischen der Nische mit den Klos und dem Tor, an dem ich heute für etwas Ordnung zu sorgen versuche, haben sich auf einer acht Quadratmeter großen Fläche auf dem Boden zwei afghanische Familien mit insgesamt fünf kleinen Kindern niedergelassen. Sie haben in dem überfüllten Bereich gestern keinen besseren Platz mehr finden können und sitzen seitdem dort; die Kinder dösen auf dem Schoß der Mütter vor sich hin, die Väter versuchen mit Decken und Planen etwas Schatten zu schaffen.

Viele der Leute, die in den letzten Tagen in diesem Bereich übernachten mussten, haben nicht einmal einen solchen Platz am Zaun bekommen: Jeder freie halbe Quadratmeter ist besetzt, und man steigt ständig über die erschöpften Körper hinweg.

Das vielleicht 10 mal 15 Meter große Zelt, das den größten Teil von «New Arrivals» einnimmt, ist schon längst überfüllt. Insgesamt hat der New-Arrivals-Käfig – er ist eher ein «Gehege», mit festem Draht und Metalltüren vom übrigen Lager abgetrennt, und der NATO-Draht an der Oberseite lässt sich nicht überklettern – vielleicht 250 Quadratmeter; dass 400 oder mehr Leute hier übernachten, ist keine Seltenheit.

Im Moment kommen fast täglich wieder viele dazu. Gestern sind es 80 gewesen, heute sollen es noch einmal 62 sein. «Frontex»1 hat sie bisher nur kurz befragt; ihr erstes offizielles Quartier wird hier in Moria sein, und je nachdem, woher sie kommen und wie ihre Bleibe-Aussichten sind, werden sie monate-, vielleicht auch jahrelang hier festsitzen.

Durch das Gewühl drängen sich gegen neun Uhr einige Polizisten und «Frontex»-Mitarbeiter: «Der Bus kommt!» Ich werde mitzählen, wie viele Männer, Frauen und Kinder wir heute aufnehmen, und der Kollegin Bescheid geben. Wir hoffen, dass wir für alle etwas zum Frühstücken da haben. «Einige von denen sind schon seit drei Tagen hier und haben noch nichts zu essen bekommen», gibt einer der «Frontex»-Übersetzer schnell noch durch.

Und dann steigen sie aus dem Bus: verwirrte, erschöpfte Gestalten aus dem Kongo, aus Afghanistan, Sierra Leone und Syrien, dem Irak und Nigeria, die mit dem Boot die paar Kilometer zwischen der Türkei und Lesbos2 zurückgelegt haben, ohne von der türkischen Küstenwache aufgegriffen zu werden.

Das Elend der ganzen Welt: Es findet sich als Substrat in diesem Menschenhäuflein neben einem griechischen Reisebus. Viele wissen noch gar nicht, dass sie hier auf einer Insel gelandet sind. Und in einer Sackgasse.

«Welches Land?» – «Wie viele Kinder?» – «Go! Go!» – «Arabisch oder Farsi?» – «Wie alt?» – «Wait!» – «Gehört das Kind zu dir?» – «Go! Go!» – kein Wunder, dass die Ärmsten, desorientiert wie sie sind, nicht einmal mehr auf Rufe in ihrer Muttersprache reagieren. Ich versuche ihnen allen wenigstens freundlich zuzulächeln, wenn sie an mir vorbei durch das Tor stolpern. Zu sagen fällt mir nichts ein – «Welcome!» würde mir zynisch vorkommen.

Ein kleines Mädchen, vielleicht sieben oder acht, steht verloren herum, einigen Frauen haben wir ihre Männer noch nicht zuordnen können, aber 62 Leute haben wir doch schon gezählt? «Es kommt noch ein Bus!»

Es sind noch einmal 53 Leute, und die Croissants in Plastikverpackung, die wir zum Frühstück verteilen, reichen nicht für alle. Die POCs («Persons of Concern» klingt wohl besser als «Flüchtlinge») bleiben erstaunlich ruhig; vielleicht ist «resigniert» das bessere Wort. Sie bekommen bei der Polizeistelle hinter einem anderen Zaun ihre ersten Papiere und treten dann nach und nach wieder in unseren New-Arrivals-Käfig ein.

Das fassungslose Erschrecken im Gesicht eines jungen Vaters – ein Kleinkind an der Hand, ein Baby im Arm – verfolgt mich bis in meine Träume. Ja, hier werden er, seine Frau und die fünf Kinder auf einer dünnen Plastikmatte im Gewühl auf dem Betonboden die Nacht verbringen. Und nein, es wird nicht besser, wenn sie nach einer Zeitspanne von einem halben Tag bis zu drei Tagen den New-Arrivals-Bereich verlassen.

Privatsphäre gibt es in Moria genauso wenig wie Platz oder Hygiene. Das Lager ist so hoffnungslos überfüllt, «dass man sich nicht einmal ungestört umbringen kann», wie ein Kollege es ausdrückt. Eine Hilfsorganisation spricht von bis zu 15 Suizidversuchen am Tag; dass die wenigsten gelingen, liegt schlicht daran, dass überall, überall, überall Menschen sind, die es mitbekommen und einschreiten.

Das eigentliche Lager fasst theoretisch zweitausend Leute; inzwischen sind aber etwa achttausend in Moria. Und obwohl jeder verfügbare Quadratmeter – am Wegrand, halb unter Regenrinnen, im Eingangsbereich von Wohncontainern – mit Campingzelten oder selbstgebastelten Konstrukten aus Seilen und Planen besetzt ist, haben mehrere Hundert Familien nur noch in einem Olivenhain hinter dem Lagerzaun einen Platz gefunden.

Der Hain, auch «Der Dschungel» genannt, ist halb-offiziell: Auf ein Dixi-Klo kommen hier weit mehr Leute als die durchschnittlichen 75, es gibt Schlangen und anderes Getier, weniger Wasser und keine Polizei, die im Lager im Notfall Streitende auseinandertreiben oder junge Mädchen auf dem Weg zu den Sanitäranlagen beschützen kann.

Ich vermag mir nicht auszumalen, wie es hier im November sein wird, wenn der Regen beginnt: unter den meisten Zelten befindet sich nicht einmal die Europalette, die eigentlich zum Mindeststandard in der humanitären Hilfe gehört.

Inzwischen sind viele der Neuen im New-Arrivals-Käfig angekommen, und ich leiste am Tor vollen Körpereinsatz: Die Neuankömmlinge wollen raus, um das Camp zu erkunden; die alteingesessenen POCs wollen rein, Freunde besuchen und Geschäfte machen. Unbegleitete minderjährige Jungs, die hier nichts zu suchen, aber ansonsten nichts Sinnvolles zu tun haben, versuchen sich wahlweise an mir vorbei zu schäkern oder zu schubsen. Es wird eng, und im Gewirr der Sprachen und lautstarken Forderungen die Nerven zu behalten, fordert Kraft.

Die afghanische Familie zu meinen Füßen hat Chai besorgt – woher eigentlich? Es ist beeindruckend, mit welcher Schnelligkeit sich die Leute hier organisieren! – und die junge Frau bietet mir schüchtern eine Papptasse an. Zum Glück habe ich gestern gelernt, was «Danke» auf Dari heißt.

Bevor ich mich's recht versehe, hat sich der geschäftstüchtige Syrer vom Kaffeestand gegenüber an mir vorbeigemogelt («My friend! Just one minute!») und verkauft SIM-Karten an die Neuankömmlinge. Ich beobachte sie aus den Augenwinkeln: Die Irakerin, die leise in ihr Telefon weint und sich anschließend verschämt mit dem Zipfel ihres Kopftuchs die Augen wischt. Den offenbar geistig behinderten kleinen Jungen, der sich zwischen all den Menschen verläuft und von seinen Geschwistern liebevoll immer wieder eingesammelt wird. Die vollverschleierte Syrerin, die irgendwann mitten im Getümmel ihr Baby zu stillen beginnt. Die Männer, die ihren Familien mit Pappdeckeln, die sie aus einem der überquellenden Müllcontainer gefischt haben, etwas Luft zufächeln.

Sie alle haben sich Europa anders vorgestellt.

Und ich bin selbst auch bedrückt.

Ich bringe das nicht zusammen, sage ich an diesem Abend zu Gott, als ich bei gutem griechischen Essen auf die Bucht von Mytilini hinausschaue: Hier ist so viel jahrtausendealte Hochkultur. Hier ist so viel Schönheit, dass man weinen möchte. Hier bin ich mit meinem Reichtum und all meinen Vorrechten, bloß weil ich zufällig in Deutschland geboren bin. Und wenige Kilometer von hier sitzen Menschen im Dreck, die eh schon alles zurückgelassen und für die Zukunft keine echte Perspektive haben. Ist dir das egal? Hast du die weniger lieb als mich, Gott? Nein, ich bringe diese völlig verschiedenen Welten nicht zusammen!

Und dann wird mir bewusst, dass Gott diese beiden Welten schon längst zusammengebracht hat: Meine Kollegen und ich sind die Verbindungsstücke. Die Männer, Frauen und Kinder in Moria sind nicht ganz allein gelassen. Und wir – wir haben all unsere Privilegien auch nicht für uns alleine bekommen, sondern um mit offenen Händen und Herzen auf die Menschen in Moria zuzugehen.

Ich weiß noch nicht, wie es auf Dauer gelingen soll, in all dem Elend immer wieder ein wenig von der Güte, Menschenliebe und Freundlichkeit Gottes weiterzugeben. Aber eine ehrenvollere Aufgabe kann ich mir im Moment nicht vorstellen.

Kapitel 1

März 2018

Vorbereitung

Wann hat dieses verrückte Abenteuer eigentlich angefangen? Vielleicht 1997, als ich mit Anfang zwanzig nach meiner Germanistik-Zwischenprüfung für ein halbes Jahr nach Kenia ging und die Idee einer Uni-Karriere, mit der ich mein Studium eigentlich begonnen hatte, zunehmend fader fand?

Oder 2007, als ich bei «Campus für Christus»3 einstieg und bei jährlichen Kurzzeiteinsätzen in verschiedenen Ländern weitere Erfahrungen im Ausland sammelte?

War es 2010, als ich nach dem Erdbeben in Haiti mithalf und mir meine Gedanken darüber zu machen begann, wie praktische Hilfe und das Evangelium zusammenspielen?

Oder 2014, als ich bei einem Katastropheneinsatz im Irak hautnah die Folgen des IS-Terrors mitbekam?

All diese Erlebnisse haben mich geprägt und mein Herz weich werden lassen für Menschen in Not. Gleichzeitig waren sie Ausnahmeerfahrungen: «Eigentlich» hatte ich ja einen Job am Schreibtisch – als Chefassistentin, Organisatorin einer größeren Konferenz in Estland, dann sechs Jahre lang als Leiterin unserer Öffentlichkeitsarbeit. Ich hatte ein tolles Team, eine erfüllende und abwechslungsreiche Arbeit «im Auftrag des Herrn» und trotz popeligem Missionarsgehalt ein ganz schön bequemes Leben.

Und doch: Die paar Wochen jedes Jahr, in denen ich ganz praktisch in Projekten von «Campus für Christus» und GAiN4 mit anpackte, waren besonders. Sie hielten mich lebendig für den Rest des Jahres und rückten mir immer wieder die Perspektive auf das Leben und meinen Glauben zurecht: Ja, da draußen ist eine sehr reale Welt, die mit meiner Wirklichkeit in Deutschland nur sehr wenig zu tun hat. In dieser Welt gibt es unendliches Leid – und gleichzeitig ist Gott auch und gerade dort erfahrbar.

Mein eigener Glaube und mein Wissen von Gott ist in diesen Erfahrungen viel weiter, weniger schwarz-weiß und gleichzeitig «robuster» geworden, wie man es im Englischen ausdrücken würde.

Im Sommer 2017 durfte ich nach zehn Jahren im Dienst bei «Campus für Christus» eine dreimonatige Weiterbildungs- und Orientierungszeit machen. Ich lebte sechs Wochen in einer christlichen Kommunität in Israel mit und lief anschließend noch fünf Wochen lang den Jakobsweg quer durch Spanien nach Santiago de Compostela. Es war eine gute Gelegenheit, jenseits der üblichen Verpflichtungen den Kopf freizubekommen und viel Zeit mit Gott zu verbringen.

Ich lernte den Philipperbrief neu auswendig, mit dem ich mich in meiner Studienzeit intensiv beschäftigt hatte, und was ich da in mein Hirn einzuhämmern versuchte, traf mich tief: Hier wurde Jesus als Vorbild dargestellt, wie er um der Menschen willen alles hinter sich ließ und zum Diener wurde. Und der Brief war geschrieben von Paulus, der dasselbe von sich behauptete: dass er allen Status und alle Bequemlichkeit aufzugeben bereit war, «um Christus zu gewinnen» und ihn immer besser kennen zu lernen, indem er ihm immer ähnlicher wurde.

Das alles war mir immer für den Hausgebrauch ein bisschen zu abgehoben vorgekommen, aber schließlich schrieb Paulus seinen Brief an ganz normale Menschen. Wie konnte das, was er beschrieb, in meinem Leben aussehen?

Ich hatte, als ich seinerzeit für die Leitung unserer Öffentlichkeitsarbeit angefragt wurde, für drei bis fünf Jahre zugesagt; anschließend wollte ich frei sein «für was ganz anderes» – was auch immer das dann sein würde.

Fünf Jahre waren nun vorbei. «Wie lange soll ich das denn jetzt noch machen?», fragte ich Jesus auf dem Jakobsweg.

Ich hatte den Eindruck, dass er sagte: «Du wirst merken, wenn es Zeit ist zu gehen.»

Als ich ein halbes Jahr später mit unserer Leitung die nächsten Schritte für meinen Bereich besprach und innerlich ganz unruhig wurde, hatte ich ein leises «Siehste?!» im Ohr. Ohne dass es ein konkretes Problem gegeben hätte, war mir plötzlich klar: Ich höre auf, sobald es vertretbar ist. Wir einigten uns auf Herbst, was uns Zeit gab, meine Nachfolge zu regeln und den Bereich zu übergeben.

Aber was würde als Nächstes kommen?

Nun ist die Karwoche 2018. Ich habe mir einige Tage frei genommen und bin spontan nach Erfurt gefahren, um den Kopf freizubekommen, zu beten und nachzudenken. Was will ich mit meinem Leben eigentlich noch erreichen? Es ist ungefähr Halbzeit in meinem «Arbeitsleben»: Seit dem Abitur habe ich 24 Jahre hinter mir und bis zur Rente noch 24 Jahre vor mir. Da kann man die Weichen schon noch mal neu stellen!

Irgendwann setze ich mich in meiner Aufgewühltheit für ein Stündchen in eine Kirche. Hinter mir auf der Empore proben zwei Frauen mit wunderbaren Solostimmen einige Stücke für die Karfreitagsandacht, und ich merke, wie mein Herz in all den wilden Fragen zur Ruhe kommt. Der Altar vorne ist verborgen hinter einem großen Bild in freundlich-hellen Farben, auf dem Christus mit weit ausgebreiteten Armen eine Zuflucht für eine Menschenmenge bildet. Und ich denke wieder an den Philipperbrief und an Jesus, der zum Diener in einer verlorenen Welt wird und sich in ihr sogar zerbrechen lässt. Wie kann ich diesem Vorbild folgen? Wo kann Gott mich so, wie ich bin, am besten brauchen?

Eine kleine innere Bestandsaufnahme ergibt: Ich finde mich schnell in neuen Situationen zurecht, bin ungebunden, körperlich und emotional stabil und, in den Worten einer Kollegin, «abgeklärt genug, nicht mehr die Welt retten zu müssen». Mein deutscher Pass lässt mich leichter überall hinkommen als Menschen aus den meisten anderen Ländern. Vielleicht steckt in all dem ja eine Berufung, die über den gelegentlichen Auslandseinsatz hinausgeht?

«Ich möchte mein Leben da einsetzen, wo die Welt schreit», ist mir plötzlich klar, und dieser Satz wird in den nächsten Monaten zu einer Art Motto. Ich möchte Menschen zur Seite stehen, die sonst vergessen werden. Und ich möchte in dem Schweren, das das sicher mit sich bringen wird, Jesus besser kennen lernen, so wie Paulus es schreibt.

Das Verrückte ist: Vor ein paar Tagen habe ich eine Mail von meinen Katastrophenteam-Kollegen bekommen, in der über die Flüchtlingssituation auf Lesbos berichtet wurde. Eine Partnerorganisation von uns arbeitet dort im berüchtigten Camp Moria5, und man kann ehrenamtlich ein paar Wochen, gerne auch mehrere Monate, mithelfen.

Ich hatte die E-Mail schon gelöscht, als mir plötzlich bewusst wird: Genau da möchte ich hin! Dort «schreit die Welt» – wir hören nur nicht mehr hin!

Was die total abgefahrene Idee zu einer ernsthaften Option macht: Mein Dienst wird ohnehin schon durch einen Kreis von Missionspartnern finanziert, und ich bin angestellt bei einem Werk, das weltweit aktiv ist und mich im Prinzip überallhin schicken kann.

Um es kurz zu machen: Ich strecke die Fühler aus und frage an, ob man mich in Lesbos für einige Monate bis zu einem Jahr brauchen kann (Ja!). Und ich frage meine Chefs, ob man mich über GAiN offiziell dorthin entsenden würde (Ja!). Wie es danach weitergehen würde, ist in diesem Moment noch offen.

Kapitel 2

Juli 2018

Kleidchen tragen

Ich muss hier raus! Am besten sofort, bevor mich irgendjemand anspricht!

Es ist Juli, und in der Schweiz trifft sich bei herrlichstem Wetter fünf Tage lang die gesamte europäische Campus-Mitarbeiterschaft. Das tut so gut!

Wir hören, was in den unterschiedlichen Ländern passiert, haben viel Zeit zum Austausch, beten miteinander und singen viel. In den Liedern, die wir heute im Plenum zusammen singen, loben wir gemeinsam Gott. Wir erinnern einander – und vielleicht auch ein Stück weit uns selbst – an das, was uns alle verbindet: der Glaube an Gott, den Schöpfer der ganzen Welt, der über allen Dingen steht. Der es wert ist, dass wir ihn anbeten. Der uns zutiefst kennt und trotzdem (!) unendlich lieb hat. Den wir in seiner ganzen Freundlichkeit kennen lernen, wenn wir Jesus anschauen.

Die einzig logische Antwort auf seine Liebe ist die, ihm unser ganzes Leben zur Verfügung zu stellen: ihn zurückzulieben mit ganzer Kraft, mit ganzer Seele, aus ganzem Herzen – und den Nächsten wie uns selbst.

Was ja auch alles stimmt. Irgendwie. Theoretisch. Nur wird mir gerade bewusst, was es im nächsten Jahr konkret bedeuten wird, mein Leben Gott zur Verfügung zu stellen und mich in praktischer Nächstenliebe zu üben.

Die letzten Monate waren mit all den Absprachen und Planungen, der Übergabe meines Bereichs, all den großen und kleinen Formalitäten so ausgefüllt, dass kaum Raum war für die andere, die «emotionale Seite» meiner Entscheidung. Ich bin ohnehin der Typ, der auf die Frage «Wie geht's dir denn damit?» nicht sofort eine Antwort weiß. Ich «mache» immer erst einmal – meine Gefühle stolpern hinterher. Sie finden ihren Weg schon irgendwann an die Oberfläche, wenn auch manchmal etwas verspätet.

Wie zum Beispiel jetzt. Beim letzten Lied habe ich die Tränen nicht mehr zurückhalten können. Ja, Jesus ist wunderbar – aber ist er «wunderbar genug» fürs nächste Jahr? Auf was lasse ich mich hier eigentlich ein? Was wird mich das alles kosten?

Ich bahne mir meinen Weg aus dem großen Zelt, in dem unsere Morgenveranstaltung gerade endet, und flüchte mich in den Gebetsraum. Der ist am Rand des weitläufigen Geländes sehr liebevoll und kreativ eingerichtet, und ich setze mich mit Blatt und Stift in eine Ecke. Ich werde ganz spontan eine Liste machen mit Dingen, die ich vermissen werde, beschließe ich. Und dann werde ich diese Liste einfach mit Gott durchgehen und mein Ja dazu finden. (Man beachte das kleine Wörtchen «einfach»!)

Ganz oben auf der Liste – sie soll ja spontan sein – steht: Kleidchen tragen! Ich finde es ziemlich doof, zur Arbeit keine Blümchenkleider, Röckchen und Schuhe mit Absätzen mehr zu tragen, sondern praktische Trekkinghosen und flache Schuhe. Ganz abgesehen davon, dass ich nur ein, zwei Koffer mitnehmen werde.

Ich werde meine Wohnung und die Hausgemeinschaft vermissen. Seit elf Jahren wohne ich im selben Haus wie die Familie meines Chefs, mit der ich mich gut verstehe, und auch jede Menge interessanten Besuch bekomme ich dadurch mit. Der unkomplizierte Familienanschluss hat mich vor mancher Einsamkeit bewahrt, von der mir Single-Freunde berichten.

Mein Öffentlichkeitsarbeits-Team. Die Arbeit an kreativen Projekten. Das Immer-miteinander-im-Gespräch-Sein im gemeinsamen Büro. Das viele laute Lachen, das ein bisschen das Markenzeichen unseres Teams ist. Die engagierten Diskussionen und herzhaften Streitgespräche in den Redaktionssitzungen unserer Hauszeitschrift.

Mein Status. Wie wird es sein, nicht mehr Chefin zu sein, sondern einzusteigen als eine Ehrenamtliche unter vielen – die meisten davon Anfang, Mitte zwanzig? Nicht mehr als Bereichsleiterin «fürs Ganze» zu denken, sondern im Kleinen an der Basis zu dienen? Kann ich das überhaupt – dienen??

Meine Gemeinde in Marburg. Der vierstimmige Gesang und die kernigen Predigten. Gottesdienste in meiner Sprache. Einfach so viele Freunde, die man aus den Augen verlieren wird. Mein Klavier. Mein Tanzkurs der letzten acht Jahre.

Das ungesunde Umfeld kann mich meine Gesundheit kosten – kurzfristig oder auf Dauer. Die latente Gewalt im Camp kann auch mich «erwischen»; die Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendetwas Traumatisches erlebe und für den Rest meines Lebens einen Psycho-Schaden habe, ist in Moria deutlich höher als in Deutschland.

Meine Zeit auf Lesbos wird mich mit ziemlicher Sicherheit schneller altern lassen, und ich werde vermutlich wenig Zeit oder Leidenschaft für Schönheitspflege haben. Sage ich Ja zu den graueren Haaren und den tieferen Fältchen?

Die Liste wird immer länger.

Bei manchen Dingen muss ich selbst lächeln und hake sie schnell ab. An anderen kaue ich unter Tränen herum, bis ich wenigstens ein vorsichtiges «Ja, mit Gottes Hilfe» finde.

Wie wird dieses Jahr mich verändern? Werde ich bitter, zynisch oder biestig, und mag ich mich am Ende überhaupt noch selber leiden? Ich kann mir Ansprechpartner suchen, mir meine Erfahrungen von der Seele schreiben und das zu tun versuchen, was man Mitarbeitern in aufreibenden Umfeldern sonst noch so zum Thema «Psychohygiene» empfiehlt. Aber ich habe es nur bis zu einem gewissen Grad in der Hand, was die Arbeit in Moria mit mir machen wird.

Ich glaube, ich leiste heute ein bisschen prophylaktische Trauerarbeit. Ja, es wird nicht einfach werden. Ja, ich werde manches hinter mir lassen.

Aber am Ende weiß ich doch: Ich gehe gerne. Gottes Liebe macht es möglich.

Kapitel 3

Freitag, 2. November

Willkommen in Griechenland

Willkommen in der Türkei.

Willkommen in Griechenland.

Willkommen in der Türkei …

Schon auf den paar Kilometern zwischen dem kleinen Flughafen südlich von Mytilene und meinem neuen Zuhause in Pamfila ist mir schnell bewusst geworden, dass ich hier wirklich am Rand Europas gelandet bin: Die Straße führt an der Ostküste der Insel entlang zwanzig Minuten in Richtung Norden, und schon auf dieser kurzen Strecke begrüßt mich mein Handy gleich viermal in der Türkei und fünfmal in Griechenland.

In der Türkei ist es schon eine Stunde früher. Mein Handy und meinen Laptop stelle ich schnell manuell auf «Athen-Zeit», weil beide sonst orientierungslos zwischen den verschiedenen Zeitzonen hin- und herspringen und mich völlig verwirren.

Ich merke schnell, dass sich mein Leben auf Lesbos in einem recht überschaubaren Umfeld abspielen wird. Da ist die Hauptstadt Mytilene mit der Festung auf einem Hügel; hierhin fährt man zum Einkaufen und am Wochenende gerne auch mal zum Auswärts-Essen.

Da ist Panagiouda mit dem hübschen Hafen; in diesem Dörfchen haben sich so viele Mitarbeiter von Hilfsorganisationen angesiedelt oder eingemietet, dass man in den diversen Cafés und Tavernen immer Bekannte trifft.

Ein Stück die Straße hinauf befindet sich Pamfila, ein verschlafenes kleines Dörfchen ohne entsprechende Cafés und Tavernen.

In Panagiouda und Pamfila hat «EuroRelief»6, die Organisation, unter der ich arbeite, einige Wohnungen für Ehrenamtliche angemietet, und ich komme in Pamfila in einer modernen Zweiraumwohnung mit großzügiger Wohnküche unter. Weil ich deutlich älter bin als die meisten Ehrenamtlichen und auch langfristig hier sein werde, habe ich ein selten gewährtes Einzelzimmer bekommen; das andere bewohnt Lornie aus England, die schon über sechzig ist und von unserer Wohnung aus auch ihre Arbeit erledigt.

Lornie koordiniert die Ehrenamtlichen, die aus aller Welt mal für zwei Wochen, mal für drei Monate kommen, die mal eine Unterkunft brauchen und sich mal selbst ein Hotelzimmer suchen, die vom Flughafen oder von der Fähre abgeholt werden möchten und überhaupt auch jede Menge Fragen haben. All das lässt sich gut im Homeoffice erledigen; Lornie hilft im Camp mit, wenn es zu wenige Helfer gibt, ansonsten ist die Arbeit dort zu anstrengend für «ältere Semester».

Zwischen Mytilene und Panagiouda gibt es einige Einkaufsmöglichkeiten (zum Beispiel den einzigen Insel-Lidl, dessen Sonderangebote praktischerweise oft in Deutsch beschriftet sind), einige Projekte für Flüchtlinge (einen Kostenlos-Shop, Sprach- und Malkurse, Musikunterricht), das kleine Familien-Camp Kara Tepe mit ungefähr 1000 Bewohnern und nicht zuletzt die Teestube «Oasis», die von der Mennoniten-Hilfsorganisation i58 betrieben und sonntags zum Gemeinderaum umfunktioniert wird.7 Die meisten Ehrenamtlichen gehen zum Gottesdienst hierher, lasse ich mir sagen; der Gesang ist auf Englisch, Gebete und die Predigt werden in Arabisch, Farsi und Französisch übersetzt – je nachdem, was gerade gebraucht wird.

Wenn man von Panagiouda oder Pamfila aus drei, vier Kilometer in Richtung Westen und Inland fährt, kommt man zum Camp Moria – nicht zu verwechseln mit dem Dörfchen Moria, das dem Camp seinen Namen gab und etwas abseits von der Hauptstraße liegt.

Das Camp selbst liegt an einer Durchgangsstraße zwischen dem Osten und dem Westen der Insel und dient als natürlicher «Entschleuniger»: Um den Haupteingang herum ist ein solches Gewusel an Menschen und Autos, dass man tagsüber nur im Schritttempo durchkommt – und dass man auch abends besser nur im Schritttempo fahren sollte, denn die Bewohner des Camps sind bis in die Dunkelheit hinein, oft genug in dunkler Kleidung, zu Fuß auf der Straße unterwegs und nutzen gerne die halbe Straßenbreite aus.

Ich bin am späten Nachmittag in meiner neuen Bleibe angekommen und habe mir in einem der kleinen «Mini-Markets», die es an jeder Straßenecke gibt, ein bisschen Gemüse, Joghurt und Nudeln gekauft. Lornie hat mir ein paar Orientierungspunkte in den verwinkelten Gässchen gezeigt und die Tankstelle, an der wir Ehrenamtlichen in einem heruntergekommenen Kleinbus zur Schicht im Camp abgeholt werden.

Mein Zimmer war schnell bezogen, und so sitze ich nun in der einbrechenden Dunkelheit im Wohnzimmer und schaue aufs Meer, das nur 200 Meter entfernt ist. Dahinter liegt am Horizont in etwa 17 Kilometern Entfernung die Türkei.