Wo Ist Die Zeit Geblieben? - Willi Meyer - E-Book

Wo Ist Die Zeit Geblieben? E-Book

Willi Meyer

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Beschreibung

Willi Meyer heißt der Junge aus dem Duisburg-Hamborner Arbeiter Milieu mit diesem erstaunlich abwechslungsreichen Lebensweg, auf den er den interessierten Leser hier gerne mitnimmt.Man erfährt so einiges. Dinge, die selbst manch guter Freund nicht kennt. Seine relativ harte Kindheit, die aufkeimende Liebe zur Musik mit eigenen gehaltvollen Texten in Deutsch und englisch. Seine Wirkung bei den Schönsten der Schönen. Doch die größte Liebe ist und bleibt seine Gitarre neben zehn bis zwanzig anderen Dingen, die das Leben interessant machen!Der Leser wird eingeladen, ihn zu begleiten. Von der Kindheit, über den langen Weg von seinen ersten eigenen Songs in einer Schülerband bis hin zur Teilnahme am Knokke-Musik Grand Prix.Er sang einen seiner Songs begleitet vom belgischen Rundfunkorchester und einen solo zur Gitarre. Auf Veranstaltungen aller Schattierungen, in Tonstudios, in Aufnahme- und Proberäumen, auf Großveranstaltungen und nicht zuletzt in diversen Rundfunk- und Fernsehsendungen spielte er seine Musik.Ungezählte Mitstreiter haben mit ihm musiziert, aus aller Herren Länder und aus Duisburg, denn die Heimat hat er nie verleugnet und durch seine über 35-jährige Leitung des Duisburg-Hamborner Kulturzentrums ' kulturiges ' bereichert.Man könnte hier noch viel schreiben, über seine Beziehungen zu bekannten Prominenten, seine Freundschaften, seine Gegner und Kritiker, seine Erfolge und Misserfolge, über körperliches und seelisches, heimliches und unheimliches doch das alles gehört ins Buch und ist wirklich echt lesenswert.

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Seitenzahl: 322

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Willi Meyer

Wo ist die Zeit geblieben?

Autobiografie

Impressum

© NIBE Media © Willi Meyer

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Created by NIBE Media

Coverbild: DERDEHMEL

Fotos: Privatarchiv Willi Meyer

NIBE Media

Broicher Straße 130

52146 Würselen

Telefon: +49 (0) 2405 4064447

www.nibe-media.de

E-Mail:[email protected]

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Die Kindheit

Siggi, die große Liebe

Konzert mit Champion Jack Dupree

Chez Henry

Maffay und ich

Konzert im Amphi Rouge Paris

Rothschilds Herberge oder so

Punkfestival im Schwarzwald

Stubu Bremen

Jazz & Art Galerie

Konzerte – Stadttheater Duisburg 1979 und 2008

Turm am Rhein

On Tour

Von Jürgen Drews bis zu den Les Humphries Singers

Willi Meyers Galerie

Das Howard Carpendale Abenteuer

Event beim Viehhändler

»… kulturiges …« – mein Herzensobjekt

Schimanski, die Film-, Musikwelt und ich

Helmuts Beerdigung

Der erste echte Crash

BBC-Film – recording Off-Voice Joseph Fiennes

2020 Corona rules the world

Wo ist die Zeit geblieben?

Man spricht so schnell von Ewigkeit

Und dann war’s nur ein Flügelschlag im Wind

Was gestern Zukunft war

Ist morgen Schnee vom letzten Jahr

Wenn die erste Einsamkeit beginnt

Willi Meyer

Foto: Urbschat

Einleitung

Als ich vor fast 20 Jahren begann aufzuschreiben, was ich so alles erleben durfte, war mir echt nicht klar, wie zeitintensiv es ist, ein Buch zu schreiben. Zum Glück beherrsche ich aus alten Tagen noch immer einigermaßen das 10-Finger-System auf der Schreibmaschine.

So konnte ich mich durchkämpfen, und es wurden immer mehr Seiten.

Ich hoffe, ihr verzeiht mir, dass ich einfach mal so drauf los geschrieben habe. Als ob ich euch an einem lauen Sommerabend auf der Terrasse etwas aus meinem Leben erzählen würde. So wie ich es früher oft bei meinen kleinen Konzerten in den Clubs gemacht habe.

Jedes Kapitel könnt ihr wie eine Kurzgeschichte auch allein lesen. Dahinter verbirgt sich der Gedanke, das Buch wie eine LP zu betrachten – ja ja ... aus alten Tagen – aber es gibt sie wieder.

Jeder Song spricht für sich und hier ist es eben jeder Artikel.

Sie greifen manchmal ineinander, überlappen sich, wiederholen sich auch mal, aber dann aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.

Ich konnte natürlich nicht alle wichtigen Menschen erwähnen, die mir in diesen 50 Jahren begegnet sind, doch vergessen habe ich niemanden – ... nur leider oft die Namen. Sorry, meine Freunde kennen diese Schwäche nur zu gut!

Viel Spaß beim Lesen und danke, dass ihr dieses Buch in der Hand haltet.

Euer Willi Meyer

Die Kindheit

»Gotta know«

Es ist ganz still und dunkel. Zum allerersten Mal kann ich sie sehen, – die Milky Way – die Milchstraße. Ein seltsames Gefühl. Die Berge von Randa erscheinen vom Dach wie kleine Hügel, die sie ja auch sind, und nie konnte ich vom Kloster aus, meine Finca sehen, obwohl man von hier aus das Kloster deutlich erkennen konnte.

Heute war ein schöner Tag und die Abendluft total klar. Ich war noch lange im Studio, wie immer, und dann bin ich auf das Dach gegangen. Der Sternenhimmel war wie ein Magnet.

Wenn man so nach oben schaut, glaubt man irgendeine Wölbung zu erkennen. Ich schloss meine Augen und öffnete sie wieder ganz schnell. Es war so, als ob sich die Sterne bewegen würden, und dann ganz plötzlich erkannte ich die Milchstraße, ich war mittendrin. Ich schloss meine Augen und hörte Schreie, plötzlich war ich wieder dort – in dem kleinen Zimmer … der kleine, ängstliche Junge und meine Gedanken zogen mich fort in meine Kindheit.

Es war dunkel und eigentlich ganz leise. Und trotzdem dröhnte es in meinem Kopf. Ich hatte mir beide Ohren mit den Händen fest zugehalten. Zum einen wollte ich nicht hören, was draußen geschah, und zum anderen liebte ich diesen spannenden, seltsamen Sound, der sich ergab, wenn man ganz fest die Hände gegen die Ohren drückte. Ich hatte das entdeckt und niemandem verraten.

Genauso wie das Geheimnis mit den Farbenspielen, die sich ergeben, wenn man ganz fest die Augen zusammendrückt. Auch meinen besten Freunden hatte ich dieses Geheimnis nicht preisgegeben. Seltsamerweise wussten es dann später doch alle.

Ich lag also in meinem Bett und so sehr ich auch auf die Ohren drückte, ich hörte das Geschrei aus dem Wohnzimmer.

Ich hatte Angst und wollte eigentlich weinen, aber es gelang mir nicht. Das letzte Mal hatte ich geweint, als ich bei Nebel zum Kindergarten allein gehen wollte, und plötzlich, als ich mich umdrehte, war unser Haus samt der ganzen schäbigen Siedlung weg, einfach verschwunden.

Ich hätte mich ja freuen können, aber egal wie schlecht es einem dort geht, wo man sein zu Hause vermutet, niemand will es wirklich verlieren. Ich rannte schreiend und weinend in die Richtung zurück, aus der ich gekommen war. Und plötzlich war alles wieder da – das Haus, die Siedlung – grausam und doch schön. Später schrieb ich mal in einem Song: Ganz schön kaputt – und doch ein Teil von mir – ganz schön kaputt – und trotzdem bleib ich hier.

Vielleicht habe ich schon damals so gedacht.

In dem Moment, in dem ich meine Geschichte beginnen will, wollte ich weinen und konnte es nicht. Wollte weg und traute mich nicht. Ich war ohnmächtig, eben ohne Macht. Ein grausames Gefühl.

Ich hörte, wie meine Mutter weinte, mein Vater schrie und Geschirr auf den Boden knallte.

Ich löste mich von meiner Soundwelt und den Farben in meinem Gehirn, indem ich die Hände von den Ohren nahm und die Augen ganz weit öffnete.

»Du blöde Hure, ich habe schon seit drei Tagen nichts mehr gegessen!« Ich wusste nicht genau, was Hure bedeutete, aber ich wusste, dass es meiner Mutter sehr weh tat. Und ich wusste auch, dass wenn Vater dieses Wort in den Mund nahm, es kurz vor dem GAU war.

Meine Mutter 1955

Mutter war dann so verletzt, dass sie sich nicht mehr zusammenreißen konnte. Eines hatte Vater wirklich nie gemacht, er hatte sie nie so richtig geschlagen, aber seine verbalen Angriffe, obwohl er nicht gerade ein Meister der Wortkunst war, die saßen. Und wenn es dann mal sein musste, gab es auch den einen oder anderen Tritt und mal ’ne Ohrfeige oder der Besenstiel, mit dem meine Mutter auf ihn einschlagen wollte, wurde ihr entwunden und zerbrach auf ihrem Rücken oder auf den Unterarmen, die sie schützend vor ihr Gesicht hielt. Meine Mutter war eine gute Beschützerin. Sie hatte es all die Jahre ausgehalten. Mit diesem Mann, – unserem Vater, – den ich über alles hasste, dem ich, solange ich denken konnte, den Tod gewünscht hatte. Nur einmal, ich war in so einer Kur für Kinder mit Untergewicht, gesponsert vom Bergbau und der Kirche, hatte ich Heimweh.

Die grausamen Schwestern zwangen mich, Käse zu essen, den ich damals verabscheute. Ich saß noch bis weit nach Sonnenuntergang allein im Speisesaal. Ich versuchte wirklich, den Käse zu essen, aber jeder Bissen kam mir hoch, ich würgte und das empfanden die Nonnen als persönlichen Angriff: »Der tut doch nur so. Bleibt er eben die ganze Nacht sitzen!« Ich litt fürchterlich und sah auch keine Lösung.

Die anderen hatten mitbekommen, dass ich den Käse nicht mochte und deshalb sitzen bleiben musste – es waren wohl Stunden, aber ich blieb hart.

Dann kam eine Putzfrau, glaube ich und nahm den Käse, warf ihn in ihren Abfalleimer und sagte: »Verschwinde!« Die kannte dieses Prozedere und die Nonnen wohl in- und auswendig.

Ich rannte in den Schlafsaal und heulte, – dann schrieb ich einen Brief, – ich sehnte mich nach Hause, – hier war die Hölle, – ich musste Käse essen. Ja, die Hölle wird manchmal auf seltsame Weise definiert.

Auf jeden Fall machte ich alle Liebeserklärungen der Welt an meine Eltern, nur damit sie mich holen sollten oder so – auch an meinen Vater.

Es klappte aber nicht. Ich hatte danach keinen leichten Stand bei den Nonnen, denn die Briefe wurden natürlich gelesen und gottesfürchtig, wie sie nun mal waren, sprachen sie mich darauf an. Sie hätten die Briefe nur gelesen, um mich vor unüberlegten Handlungen und Aussagen zu bewahren.

Na ja, auf jeden Fall haben meine Eltern den Brief bekommen. Besonders mein Vater war beeindruckt und hielt mir bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit vor, dass ich mal an den Brief denken sollte. »Ja, ja, da hast du nach mir geschrien und jetzt bist du wieder bockig!« Ich weiß nicht, warum, ich konnte schon damals nicht mit ihm reden.

Zurück zu den Nonnen. Erst als das Abschlussspiel der Kur eine Theatervorführung vor der Tür stand »Die sieben Schildbürger« oder so – die den Hasen erlegten, – erst als ich darin quasi die Hauptrolle übernahm, weil ich ja so schön singen konnte, wurde ich akzeptiert. Der Aufenthalt dauerte aber nur noch eine Woche und die blieb dann »käselos« für mich. Ich wollte auch nicht mehr nach Hause, – dort wollte ich noch nie sein und nun war ich wieder zurück. Vater drehte heute extrem auf. Das war immer dann so, wenn er bei seiner Familie, einer stadtbekannten wilden Horde, alles echte Meyers war, und sie den kleinen Willi, so nannten sie ihn, aufgehetzt hatten.

Ich glaube nicht, dass sie meine Mutter nicht mochten. Aber sie war ihnen unheimlich. Sie machte immer alles sauber, kochte jeden Tag, ganz egal was, trank nicht, rauchte nicht, vögelte nicht herum und verdiente mit ihrer Näherei sogar mehr als mein Vater, der, oh Wunder, zumindest regelmäßig arbeitete. Auf diese Tatsache wies er auch immer wieder hin, denn er war ja anders als die anderen seiner Familie.

Diese Anderen hatten ihm wohl diesmal wieder so richtig klargemacht, dass ein Mann ein Mann sein muss. Was immer das heißt. Komischerweise dachten auch die Frauen so. Mal ein blaues Auge – egal – die Hauptsache, man hatte einen Mann und zu dem musste man stehen. Der Alkohol spielte hier keine große Rolle. Niemand war davon abhängig, – natürlich nicht.

Die Mutter meines Vaters, also meine Oma, hatte da ihre eigenen Theorien.

Sie nannte es Medizin und trank morgens auch keinen Alkohol, sondern »Underberg«. Eine kleine Flasche in einer echten Flaschenform fast schon wie eine Wein- oder Schnapsflasche. Ich glaube, dass es dieses hochprozentige Kräuterzeug heute noch gibt. Das braune Papier, der Kopf der Papierpackung wurde mit einer professionellen Handbewegung abgedreht und lag dann auf der Kolpingstraße – in den Wohnungen dort fast in jeder Ecke.

Irgendwie sahen sie aus wie später die Weinflaschen, die man als kleines Hallo-Geschenk auf Partys und so mitnahm – nur eben viel kleiner. Darunter wurde dann der rote Drehverschluss sichtbar. Alkohol als Medizin getarnt! Und der half ihnen über den Morgen – aber nicht meinem Vater. Schnaps war für ihn tödlich oder aber für die anderen – es gab von Jahr zu Jahr auffallend weniger Meyer – auffallend!

Es wurde immer lauter. Ich stieg aus dem Bett und öffnete vorsichtig die Tür. Diese Tür, die Vater schon so oft eingetreten hatte, wenn wir uns im »Kinderzimmer« eingeschlossen hatten. Das Kinderzimmer war der kleinste Raum in der sechzig m² Wohnung. Erst viel später gingen die jungen Eltern dazu über, den Kindern das viel größere Schlafzimmer zu überlassen und selbst im sogenannten Kinderzimmer einzuziehen. Unser Kinderzimmer war genau zwei mal vier Meter groß.

Es hatte sich im Laufe der Zeit zu einer Festung entwickelt. Zwar sehr schwach, aber eben doch zu »unserer Festung«. Schon als meine älteren Brüder noch im Haus waren, aber noch stärker, als der Nachkömmling Willi allein zu Hause war. Es war schrecklich, aber Vater respektierte diesen Raum, wenn er durchdrehte. Aus demonstrativen Gründen trat er zwar immer wieder mal die Tür ein, erkannte diesen Raum aber als Hoheitsgebiet an.

Der Türrahmen, – die Tür ging nach innen auf, – sah dementsprechend aus. Immer wieder wurde er notdürftig repariert. So schlecht, dass die Tür nicht mehr zu verschließen war. Es war sogar schon schwierig, sie überhaupt zu schließen. Und trotzdem – einmal zu den Schlüssel umgedreht, schon war man für eine Zeit in Sicherheit.

Es war eine Angst, die mich damals oft lähmte. Sie begann mit wachen Stunden, immer auf Geräusche lauschend, die den besoffenen Vater ankündigten. So manches Gebet habe ich damals gesprochen. Bitte lass’ ihn diesmal nicht besoffen sein.

Wir wussten nämlich genau, wann etwas im Anmarsch war. Er hatte zuletzt fast nur Frühschicht auf der Kokerei – eigentlich war er dann schlecht gelaunt oder vielleicht auch nur traurig, aber wenigstens nüchtern und gegen 14.00 Uhr zu Hause. Wenn es 16 – 17 Uhr wurde und er noch nicht da war, konnten wir uns denken, was passiert war. Er hatte wahrscheinlich auf der Kokerei in der Kantine noch »Einen getrunken«, – so nannten sie es, und das konnte solch hart arbeitenden Männern ja wohl niemand verbieten, oder?

Diese Variante war aber die harmlose. Irgendwie fühlte er sich dabei immer wie »Einer«! Stark, nach hartem Männertalk und eben einer, der macht, was er will. Das kam nach der Kantine dann aber von innen heraus. Kam er aber von der Kolpingstraße, aufgestachelt, das ganze Elend dort im Blickfeld, mit der Erkenntnis, wie sinnlos es war, dort rumzuhängen und zu saufen, kam er gequält von seelischer Pein und brauchte ein Ventil – meine Mutter.

Ich hatte damals keine Angst vor körperlichen Schmerzen. Die harten Rangeleien waren eher seltener. Es war diese giftige Atmosphäre. Mutter, die immer hysterischer wurde und dieser krakeelende Mensch, der keine Grenzen mehr kannte. Er war im Wohnzimmer und brüllte ständig, dass er seit Wochen nichts mehr zu fressen bekommen hätte. Mutter stand vor ihm und sagte: »Nimm das zurück!«

Es ist kaum zu glauben, dieser Mann hatte ihr Leben mehr oder weniger zerstört, ihr fast alles kaputtgemacht, sie erniedrigt, geschlagen. Einmal war sogar ein Küchenmesser in ihrem Unterarm gelandet. Ich war damals noch nicht geboren, sie hatte damals ziemlich schwer verletzt die Wohnung verlassen und war zur Polizei gelaufen. Dort hatte man ihr schnell klargemacht, was es bedeuten würde, wenn sie diese Sache »den kleinen Familienstreit«, an dem eine Frau ja wohl in diesen schwierigen Zeiten nie ganz schuldlos sein konnte, so zu Protokoll geben würde. ER würde in den Knast kommen, die Kinder wohl ins Heim, ja und dann? Man müsste doch einen Mann auch verstehen – ein bisschen Alkohol, der Stress, die Arbeit, die Kinder – könnte sie es verantworten, den Vater ihrer Kinder in den Knast zu bringen?

Meine Mutter nahm die Anzeige zurück und verließ meinen Vater, was ihr später als mutwilliges Verlassen der Familie ausgelegt wurde, ohne den Messerwurf anzuzeigen, den sie ja mutig verschwieg und wurde SCHULDIG geschieden. Das bedeutete, dass ihm die Kinder, meine beiden großen Brüder, acht und zehn Jahre älter als ich, zu der Zeit fünf und drei Jahre alt, überlassen wurde. Eine schuldig Geschiedene, die die Familie verlässt, konnte diese Verantwortung wohl nicht übernehmen und meine Mutter hatte niemanden im Ruhrgebiet. Sie kam als wohlerzogene Mittelstandtochter aus Schlesien über Berlin an meinen Vater. Der erste Sex – geplatzter Pariser, mein Bruder Udo und die Heirat 1943 waren das Resultat. Dann kam zwei Jahre später Manfred auf die Welt, auf eine Welt, die nach dem Ende des 2. Weltkrieges noch schlimmer war als während der letzten Kriegsjahre und Monate.

Nichts mehr war zu bekommen. In dieser Zeit entwickelte sich ihre Ehe ohne Erfolgschancen und mein Vater bekam nichts auf die Reihe, konnte die Zeichen der Zeit nicht nutzen. Dann kamen der Messerstich und die Scheidung.

Zwei Jahre hielt Mutter das aus, dann ging sie, wahrscheinlich auch von den Versprechungen meines Vaters angelockt, zurück. Er wollte sich bessern und nicht mehr trinken. Alles sollte anders werden. Sie heirateten noch einmal und ein paar Jahre später, 1953, wurde ich geboren. Ich müsste lügen, wenn ich das den Beiden wirklich übelnehmen wollte. Sehr schnell vergaß mein Vater seine Versprechungen. Nun stand sie vor ihm und bestand darauf, dass er zurücknehmen sollte, schon seit Tagen nichts mehr gegessen zu haben.

Wie wichtig!

Sollte er doch seine Lügen einfach hinausschreien!

Meine Mutter war bekannt in der Nachbarschaft, es gab immer etwas zu essen, etwas Warmes, irgendetwas gab es immer und zuerst bekam immer mein Vater etwas … und außerdem sein Bier und die Zigaretten, das sollte ja wohl drin sein!

Ich konnte es einfach nicht verstehen.

»Lass ihn doch in Ruhe!«, brüllte ich. Aber sie rüttelte wie von Sinnen an ihm, als sie mich sahen, riefen beide: »Geh zurück in dein Zimmer.«

Ich zerrte an meiner Mutter und zwang sie quasi ins Kinderzimmer, in unsere Festung. Wenn ich sie auch oft nicht verstehen konnte, sie war meine Nummer eins. Ich liebte ihre künstlerische Ader. Sie konnte wunderbar malen, Kunsthandwerken und hat mir später auch meine erste Gitarre in einem An- und Verkaufsladen gekauft. Für 150 Mark, ihrem gesamten Ersparten von wohl einigen Jahren. Ich hatte immer Angst um sie, aber nicht, dass Vater ihr etwas antun würde, sondern Angst davor, dass sie ihn umbringen würde. Seit damals, als sie mich vollkommen kreideweiß nach oben rief. Ich musste bei ihr bleiben. Er war im Wohnzimmer, beleidigte sie fürchterlich und schlug ein bisschen Geschirr kaputt und wir hatten echt nicht viel davon. In ihrer verkrampften Hand hielt sie die große Zuschneide-Schere, denn nebenbei verdiente sie noch Geld für uns als Schneiderin für die Nachbarschaft – diese große Schere! Ich sollte bei ihr bleiben, damit sie ihm die Schere nicht in die Wampe haut.

Manchmal sprudelte es aus dieser zarten Frau heraus: Sie hatte die ordinären Wörter gelernt und wandte sie immer häufiger an.

Obwohl sie aus ihrem Mund eher lustig klangen, nicht echt, doch im Laufe der Jahre wurden sie immer echter, immer ehrlicher und mit ihren Worten wurde auch sie immer härter.

Ich hatte zwar Angst, war aber auch sauer, weil wir mitten in einem wichtigen Fußballspiel unten auf dem Hof waren, und das konnte man nun knicken. Trotz aller Anstrengung konnte ich die Schere nicht aus ihrer Hand bekommen, also musste ich bleiben. Sie hielt die Schere fest umklammert – ihre Fingerknöchel wurden ganz weiß dabei.

Meine kleine Mutter war so verletzt, so fertig, so entschlossen.

Ich konnte es in ihren Augen sehen, sie hätte ihn kaltgemacht, da war ich ganz sicher und davor hatte ich mehr Angst als vor seinem Gebrüll und den Drohungen.

Schon damals war mir klar, dass ich so schnell wie möglich abhauen würde. Abhauen, was immer das hieß, auf jeden Fall weg aus dieser Atmosphäre.

»I am standing here – my suitcase in my hand – i wonna leave – wonna go into another land – but I am not able to leave my friend.« Das schrieb ich viele Jahre später einmal … mein erster Streetblues.

Den ersten Versuch habe ich dann mit fünfzehn Jahren gestartet und es hat eigentlich auf Anhieb geklappt, im Großen und Ganzen zumindest. Ich bin immer wieder mal nach Hause zurückgekommen. Der Alte wurde immer schneller älter und ruhiger.

Zwischendurch gab es auch nette Zeiten, besonders wenn ich im Fußball von mir reden machte, aber so stellte ich mir das Verhältnis zwischen Vater und Sohn nicht vor.

Einmal kam ich dann mit einer Freundin, ich glaube, es war Vera Czapczyk, auf einen kleinen Besuch bei Mutter vorbei. Ich war wohl 18 oder 19 und ihn wollte ich wirklich nicht sehen und auch nicht hören.

Aber schon im Hausflur flossen mir seine zäh gesprochenen Worte wie giftige Lava entgegen – ein kleiner Ausbruch wie all die Jahre zuvor auch. Aber er sollte ungeahnte Folgen für uns alle haben. Ich wollte eigentlich sofort umdrehen, doch irgendetwas trieb mich die Treppen rauf. Vielleicht wusste irgendein verborgener Schaltkreis in meinem Gehirn, dass diesmal etwas geschehen würde. Ich kam in die Wohnung und es war ein echtes Déjà-vu Erlebnis.

Er saß auf dem Sofa, sie stand vor ihm und redetet auf ihn ein. Vera blieb total verstört im Flur stehen.

»Ich bin keine Hure, nimm das zurück. Ich bin keine Hure, – keine Hure, – keine Hure.«

Mit jedem Wort »Hure« schlug sie ihm ins Gesicht, nicht fest, aber total verbittert. Ihr Gesicht war versteinert. Ich glaubte, dass er sich amüsierte, er schien zu lachen. Gefährlich war nur, dass er seine Brille nicht mehr trug. Plötzlich griff er ihre Hand und zog Mutter runter auf den Boden, dann ging alles ganz schnell.

Ich nahm meine Mutter bei den Schultern und schubste sie in Richtung Vera. Jetzt erst hatte er wohl bemerkt, dass ich da war.

»Was willst du denn? Halt’ dich raus und verschwinde – sonst …«

»Sonst was? Was willst du kleiner Willi denn? Hä?«

Er hieß Willi, wie ich – nein Wilhelm, – ich sollte seinen Namen bekommen, sein dritter Sohn. Doch vollkommen besoffen wollte er beim Einwohnermeldeamt voller Stolz dem dritten Sohn seinen Namen geben. Meiner Mutter war es wohl egal.

Als der Beamte fragte, wie der Kleine denn heißen sollte, erwiderte er: »So wie ich – Willi!«, denn so hatte man ihn ja 33 Jahre lang gerufen.

Als ich ihn verächtlich »kleiner Willi« nannte, war er wohl schwer gekränkt: Er sprang auf und drängte mich Richtung Flur. Vera und Mutter waren an das Flurende geflüchtet und standen vor der Toilettentür. Es war eine ziemlich kurze Flucht, der Flur war nur drei Meter lang.

Vera, die Tochter eines Reviersteigers aus Walsum – aus einer »guten« Familie, – kannte diese Szenerie wohl nicht und das Entsetzen, ja Angst waren ihr anzusehen.

Und dann geschah es: Wie in einem billigen Gangsterfilm hatte ich seine wuchtige Bewegung in meine Richtung ausgependelt, indem ich zur Seite ging. Es war eine echte Meisterleistung. Herbert wäre stolz auf mich gewesen. Herbert war ein guter Freund, ein Nachbarsjunge, der schon mit 16 oder so den ersten Dan – den schwarzen Gurt – im Taekwondo hatte. Wohl der jüngste Dan-Träger in Deutschland, denke ich. Er half später oft bei den Aufbauten der Band-Technik und wann immer wir konnten, Klaus Gräfe war auch dabei, trainierten wir. Herbert war ein guter, aber harter Trainer.

Plötzlich stand Vater vor der geschlossenen Kinderzimmertür, sah mich mit seiner brillenlosen Fratze an und brabbelte irgendwelche Beleidigungen.

Ich schlug zu, ich weiß nicht mehr wie fest, aber er fiel Richtung Kinderzimmertür – in unsere »Festung« und er eroberte sie – allerdings als Verlierer. Die Festung KINDERZIMMER ergab sich fast widerstandslos, so als würde sie ihn schon kennen, als hätte sie nur darauf gewartet.

Der seit so vielen Jahren geschundene Türrahmen war es leid, er brach nicht an der üblichen Stelle, sondern fiel mitsamt der Tür und meinem Vater ins Kinderzimmer. Eigentlich war es ein witziges Bild und dennoch kam allgemeine Panik auf, allerdings ganz anders als vor dem gezielten Schlag. Es war endlich geschehen! Er lag hilflos auf der Tür, drohte mir noch, aber ich ignorierte ihn. Wirklich verletzt schien er nicht zu sein. Außer einer starken Rötung unter dem linken Auge. Über seine seelischen Verletzungen machte ich mir erst viele Jahre später Gedanken.

Ich wurde dann manchmal in meinem Turm am Rhein wach und suchte, ja, ich suchte nach meinem Vater, oder suchte ich nach einem Vater? Weil ich das Gefühl hatte, ihn irgendwo draußen vor dem Turm, auf der Treppe oder vielleicht sogar unten in der Wohnung einfach hilflos liegengelassen zu haben. Das ist einige Male passiert. Freud und die teuren Psychotherapeuten hätten ihre Freude an mir gehabt. Aber ich wusste ja, warum mir das passierte. Vor seinem Tod hatte ich manchmal das Gefühl, dass man auch mal hätte versuchen können, den armen alten Mann – der Krebs hatte ihn hilflos und schwach gemacht – zu verstehen.

Hatte jemals jemand mit ihm geredet? Ihn getröstet? Wir Söhne nicht – und Mutter? – auch nicht!

Ich bat meine Mutter, die Polizei zu holen, was sie nicht machte, und ging mit Vera wortlos aus der Wohnung, die ich danach lange nicht mehr betrat. Ich fühlte mich leer, aber befreit. Wie ein Held – doch machtlos.

Vera war eine wunderbare junge Frau. Sekretärin bei Thyssen und ich hatte mich damals für sie entschieden, obwohl »Siggi« immer noch in meinem Kopf war. Sie hatte wunderbare lange Haare, – she got the hair, – und das fand ich schon immer sehr anziehend und war so sinnlich, wie ich es bisher noch nicht erlebt hatte.

Auf einer Busfahrt nach Berlin fing alles an, natürlich im Schneckentempo durch die damalige DDR.

Sie interessierte sich für meine Musik – wow – und die war damals das wichtigste für mich. Und man sollte es kaum glauben, sie mochte meine Musik.

Natürlich habe ich ihr sofort ein Lied gewidmet. Der Titel? Genau! VERA!

Ich produzierte ihn dann in dem Zyklus der CD: »I had a dream«, die ich erstmals unter professionellen Bedingungen, ich glaube wohl 1973/75 bei Hermes produzierte. Dann zurück nach Berlin. Ich spielte auf dem Ku‘damm und es war irgendwie ganz anders als in Paris oder an der Côte d’Azur – kälter.

Aber nicht nur die Luft war kälter, auch die Herzen der Menschen.

Ich spielte und sang und Günter – schon damals oft dabei – sammelte schamvoll das Geld ein.

Vera hatte in dem Café gegenüber Platz genommen und ich spielte, wie später auch, bis so viel zusammen war, dass wir uns einen Kaffee leisten konnten. Aber es dauerte länger, als ich dachte – furchtbar lange.

Am Ende reichte es dann für zwei Kaffee, ein Stück Kuchen und einer Berliner Weiße – auch furchtbar. Die trank Vera allein – und war betrunken. Doch dabei war sie witzig und nett, sehr nett.

Ich nahm sie dann mit zu meinem ersten Studiobesuch, ein kleiner Raum hinter einer Musikschule in Moers. Komisch, obwohl für einen Hamborner Jung Moers in einer anderen Welt lag, hatte ich irgendwie schon immer Kontakt zu dieser Stadt. Später sollte ich dort mein erstes großes eigenes Studio haben auf über 300 m² mit der Werbeagentur »Smile«, die ich Anfang der Achtziger gründete, so etwas wie der Beginn meines Erfolges. Die Hingabe oder Aufgabe mit dem »running for success«?

Aber begonnen hat es wohl in diesem Raum hinter der Musikschule von Ruppel oder so. Aufgenommen – produziert hat damals der inzwischen verstorbene Erwin Kolibabka. Dort habe ich auch meinen alten Freund und Kritiker Walter kennengelernt, der außer Tastendrücken hervorragend Kreuzworträtsel lösen konnte. Was meine Vera übrigens sehr beeindruckte und ihn sehr erfreute!

Ich hatte nach der Schulband Rush Hour, vielleicht auch schon während der Zeit mit Michael und Helmut – Bass und Schlagzeug – erkannt, dass mir die Songs, die Texte und die Tatsache, dass Leute sie verstehen, wichtiger waren als der Sound. Fette Rhythmen – Okay, aber nicht auf Kosten von Emotionen und Aussagen. Darum habe ich mich dann in der Total-Disko-Tanz-Zeit ganz allein in die selbigen gesetzt und nur zur Gitarre trotzig meine Songs gespielt und meine Meinung vertreten. Unter technisch erbärmlichen Umständen, aber irgendwie echt – echt authentisch – und sie hörten mir sogar zu.

»Nur manchmal, wenn ich sing, dann spür’ ich, dass man mich versteht. Und geht auch manchmal ein Traum kaputt – Ich gebe lange noch nicht auf.«

Siggi, die große Liebe

»Wo ist die Zeit geblieben?«

Manfred war mit mir in einer Klasse, klein, muskulös, auf dem Fußballplatz ein echter Haudrauf. Ich spielte auf der rechten Seite – Mittelfeld hieß das damals noch. Und vom ersten Spiel an haben wir uns sehr gut verstanden. Ich galt als der Techniker, der extra von einem kleineren Verein, Westende Hamborn, abgeworben war und er war neben Christoph Daum, der später noch von sich reden machte, als einer der besten Fußballtrainer der Welt, als der

„Klopper“ mit Herz bekannt. Wir gingen schon gemeinsam zum Konfirmandenunterricht, also kannten wir uns schon ca. sieben Jahre. Alles war ganz easy, bis zu dem Tag, an dem Peter Bursch in unserer Schule spielte. Aber der Stress, die Aufregung, die dann begannen, hatte nichts mit Peter Bursch zu tun. Musikalisch wusste ich damals noch nicht, wo es lang gehen wird, und Peter war zu der Zeit schon der Gitarrenlehrer der Nation. Er unterrichtete an der Musikschule und arbeitete damals fleißig an dem Gitarrenbuch für jedermann, dass ihn später noch reicher und berühmter machen sollte. Aber bei dieser Fleißarbeit hatte er das auch verdient. Aber die Bröselmaschine – na ja.

Ich war, glaubte ich zumindest, cool gekleidet, 72 kg schwer – oder eher 68? – dort aufgetaucht, um die Brösels zu begutachten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie wirklich besser sein sollten als meine damalige Band Rush Hour.

Die Band Rush Hour war in der Realschule entstanden. Ein vollkommen durchgeknallter Religionslehrer – seinen Namen habe ich leider vergessen - es könnte Voss oder Vossen gewesen sein, hatte es sich in den Kopf gesetzt, eine Jazzband für einen Jazz-Gottesdienst im Xantener Dom zu gründen. Ja, genau, im Dom, kleiner ging es wohl nicht. Es sollte eine Band aus Laien sein, die dem Herrn schöne Jazzklänge vorspielte. Ziel war ein großer Jugendgottesdienst am Ende des Schuljahres. Ich spielte damals schon drei Griffe und traf mich oft mit Michael Lindner. Wir hielten noch geheim, dass wir eigentlich besser als die Beatles waren. Aber wir wussten, dass wir bald eine Band haben werden.

Uns fehlte nur noch der Drummer. Und daraus entstand dann eben Rush Hour, die erste Schulband in unserer Stadt. Zu unseren Proben kamen damals mehr Leute als später in den Achtzigern zu manchen Konzerten meiner anderen Projekte, obwohl oft bekannte Musiker mitspielten. Wieder zurück zu Manfred und dem Konzert der Bröselmaschine. Manfred, eher kein Musikfreund, dachte ich, kam mir auf dem Weg zur Aula, dort wurde immer gespielt, lachend entgegen, und im oder am Arm oder eigentlich lief er an ihrem Arm wie an einer Leine, aber er lächelte, war Siggi.

Was kann man zu so einer Frau sagen? Es waren die großen Augen, diese Lippen, ein Gesicht aus Augen und Lippen … und strahlend weiße Zähne … mehr sah ich nicht.

»Hey Manni auch hier?«

War ja ’ne blöde Frage, aber ich hatte zumindest etwas gesagt.

»Komm, wir gehen!«

Auch ihre Stimme war angenehm. Hatte sie mich eigentlich gesehen? War ich etwa Luft?

»Wer ist denn das?« Mit »das« meinte ich sie, die Frau. Manfred verstand sofort und sagte verklärt: »Siggi.«

»Komm, wir gehen«, sagte sie wieder und hatte mich immer noch nicht angesehen.

Musste sie für ihre Schönheit damit bezahlen, dass sie nur diesen Satz sagen konnte? Ich musste das herausfinden.

Wie selbstverständlich ging ich einfach mit den beiden mit. Quasi hypnotisiert.

Aber es war eine ungewohnte Rolle, so hinterherzulaufen.

Dann sah sie mich an, einmal nur – irgendwie sauer, aber es war geschehen, ich wollte als Playboy des Viertels immer vermeiden, festgelegt zu sein. Das hat sich dann auch später so erhalten, aber bei Siggi war es anders.

Eigentlich hätte ich sie einfach angesprochen, aber sie war eindeutig mit Manfred da, obwohl – er schien mir damals schon damit zufrieden zu sein, dass er sich mit ihr zeigen konnte, dachte ich zumindest, um mir einen Grund zu geben, sie ansprechen zu können. Die Freundin eines anderen, oh, ein echtes Kapitalverbrechen. Ich würde keinen Ball mehr von ihm bekommen und im Training würde er versuchen, mir voll in die Beine zu gehen. Oder er würde einfach nur nicht mehr mit mir sprechen und vielleicht wäre das ja sogar schlimmer gewesen.

Aber das war mir egal. Nur was sollte ich sagen? Wir hörten uns die Brösels an! Nicht schlecht, aber sie wollte weg, immer nur weg, wie später auch.

Und dann waren sie auch weg, ich hatte nur einen kleinen Augenblick weggeschaut – weg!

Die nächsten Tage waren grausam. Beim Training wollte ich fragen, wer denn die kleine Hübsche am Samstag nun wirklich gewesen ist, ein bisschen was erfahren, aber Manfred sagte nur: »Meine Freundin Siggi!« Und schon war er auf dem Platz verschwunden.

Ich hatte Siggi in der nächsten Zeit nicht vergessen, aber irgendwie aufgegeben.

Ich hatte einen älteren Freund, Wilfried. Ich war wohl 17 oder so, auf jeden Fall noch ohne Führerschein, er war 19 oder 20, damals ein irrsinniger Unterschied. Er hatte ein Auto, sah super aus, war Dekorateur, zu allem Übel hatte er auch noch Locken. Sein Auto war mein Traum. Ein Healey 3-Liter! Ich schaffte es später nur bis zu einem Spitfire. Seine Mutter wollte, dass Horst oder ich den Healey oder war es ein Morgan Plus 8, nehmen, nachdem er an einem Sommertag in einem toten Rheinarm ertrunken war. Einfach so war er plötzlich nicht mehr da. Ich habe es abgelehnt, wie die Jubiläumsuhr meines Vaters. Auf jeden Fall hatte Wilfried eine Freundin, die aus Meiderich kam. Übles Pflaster, aber eben auch die Geburtsstätte vom MSV, und dieses Mädchen war so geil. Wilfried brachte sie manchmal mit ins Bell und an diesem Tag spielte ich dort ein paar meiner Songs. Es waren noch die 60er, glaube ich, und alles war offen und sehr frei. Und Gitarre spielen, Songs schreiben, galt als sehr schick. Er kam an diesem Tag mit seiner Freundin und die hatte im Schlepptau diese Augen mit den Lippen – Siggi.

Sie sah mich kurz an. So traurig, wie ich es später oft erlebte, wenn sie über die Welt nachdachte, aber dann lächelte sie. Wilfried war eigentlich sauer auf mich, denn ich hatte eine minutiös geplante Tour nach Paris kurzfristig wegen eines internationalen Fußballturniers abgesagt. Wir hatten uns einige Tage nicht mehr gesehen, ich glaube, wir hatten Krach und jetzt kam er einfach so mehr oder weniger mit Siggi. Mein erster Gedanke war: „Ob er sie beide vögelt?“ Mir wurde bei dem Gedanken ganz schlecht. Horst hatte mir gesagt, dass Wilfried über 20 Zentimeter vorzuweisen hatte, und selbst wenn ich das Lineal oberhalb meines Kleinen voll in den Bauch rammte, um zu messen, kamen, leicht gemogelt, höchstens 19 na ja, 17, aber auf jeden Fall keine 20 cm raus und das war damals ein beliebtes Thema. Was sollte ich nur machen? Und dazu noch diese Sexbombe, die später die feste Freundin eines superbekannten Disco-Besitzers wurde. Sie war echt nett, ganz natürlich, aber die hatte es drauf und war scheinbar Siggis Freundin, also war Siggi wahrscheinlich genauso erfahren, genauso drauf, mein Interesse wuchs mit jeder Verklärung meiner Fantasie. Ich wollte diesmal keinen noch so kleinen Augenblick wegschauen. Ich beendete den Song und ging direkt auf Siggi zu. »Na?« Ja, ich sagte: »Na?«

Und was hätte sie anderes sagen sollen als: »Wie na?«

»Äh, hast du morgen mal Lust mit mir nach Duisburg zu fahren?«

Duisburg war für uns die Stadt, ein erstrebsames Ziel und echt weit weg, wenn man kein Auto hatte. Danach kam dann direkt Düsseldorf. Aber das war dann schon so richtig weit weg.

»Und - was sollen wir machen?«

»Wir können ja was essen gehen.«

»Okay«, sie hatte Okay gehaucht. Nicht gesagt, nein, gehaucht. Und schon übernahm sie die Initiative.

»16 Uhr an der Haltestelle Beeck Denkmal, ich muss jetzt auch weg.«

Sie war immer auf dem Sprung, nur später, einmal in Düsseldorf, war sie ruhig, kurz vor dem tragischen Ereignis. Ganz entspannt und voller Liebe, da hätte ich sofort mit ihr zusammenziehen können – sollen – müssen – vielleicht wäre dann alles anders geworden.

Aber da hatte ich wohl schon die gleiche Angst, die mich später immer wieder weitertrieb. Weiter weg, immer nur weg – auf der Suche nach mir selbst, wie ich dann später mal schrieb.

Im Laufe der Zeit hatte ich mir angeeignet, dass man nie wirklich zu spät kommen, aber auch nicht unbedingt der Erste sein sollte. Bei allen Gelegenheiten. Auch bei den Treffs mit den Mädchen, damals oft noch an Haltestellen, vor Kinos, Cafés, Kaufhäusern, immer darauf bedacht, dass es nicht in dem Viertel war, aus dem das Mädchen kam. Das sahen die Typen aus dem Stadtteil nicht so gern und das ging dann oft nicht ohne Ärger ab.

Bisher hatte ich immer Glück gehabt, irgendwie kannte ich in jedem Stadtteil jemanden oder besser: Jemand kannte mich. Sei es durch die Musik oder den Fußball.

»Ach der Meyer, der spielt doch bei 07.«

Oder später auch beim MSV, oder, und das ging dann runter wie Öl: »Der ist doch von Rush Hour, die sind geil.«

Zumindest kann ich mich einfach an keine andere Beurteilung erinnern.

Bei Siggi war von Anfang an alles anders, sie bestimmte Ort und Zeit.

In diesem Fall, supergefährlich, direkt Beeck Denkmal, quasi ein Dreieck von Beeck, Beeckerwerth und Bruckhausen.

In Beeckerwerth hatten wir noch in der letzten Woche ein Freundschaftsspiel, die Stars aus der Niederrheingruppe gegen die Jungs aus Beeckerwerth, dass es zweistellig wurde, haben die uns nicht verziehen. Zum Glück waren wir mit einem Bus da und so bekam komischerweise nur einer unserer Betreuer was ab. Aber damals war es dann auch nur ein blaues Auge und er durfte wieder aufs Fahrrad und war in Sicherheit. Komisch, damals hielt ich es für normal, wir im Bus, der Betreuer mit dem Fahrrad, na ja.

Siggi with Cello

Und genau in diesem Dreieck wollte sie mich treffen. Als ich mich dahin auf den Weg machte, war mir total mulmig. Irgendwas Komisches geschieht heute, dachte ich, die kommt doch sowieso nicht, oder irgendwelche Typen warten auf dich. Aber wer sollte das schon sein? Manfred wohnte auf dem Weg von Beeck nach Beeckerwerth. Niemandsland, und er war bisher immer in Ruhe gelassen worden. Als ich ankam, da ist direkt eine Kirche am Beeck Denkmal, ein Denkmal habe ich nie gesehen, war es drei Uhr, aber war ja egal, ’ne Stunde früher kann ja nicht schaden. Ich stellte mich so auf, dass ich beide Seiten gut überblicken konnte. Es war eine große Kreuzung. In die eine Richtung ging es nach Ruhrort, auf der vierspurigen Straße, in der Mitte fuhr ’ne Straßenbahn, in die andere nach Marxloh. Ich war aus Hamborn gekommen, ganz mutig über Ostacker, und weiter geradeaus ging es nach Beeckerwerth, ich wollte mir ein paar Pommes kaufen, bis genau eine Minute nach 16 Uhr warten und dann erhobenen Hauptes weg, würde ja keiner gesehen haben, hoffte ich, aber dann geschah etwas total Unvorhersehbares. Ich sah auf der gegenüberliegenden Seite einen Schatten in einem Hauseingang.

Es war auch gleichzeitig der Eingang zu einem Geschäft, Spielwaren oder so glaube ich. Damals hatte ich wohl noch 160 % Sehkraft und echt, sie war es, Siggi. Um drei Uhr. Warum war sie schon da? Hatte sie mich schon gesehen?

Alles in mir sagte, versteck dich, beobachte sie und warte bis vier Uhr. Aber ich konnte nicht, ich rannte über die Straße, dieser Idiot hupte, und ich musste – geschickt oder vielleicht auch nicht – zur Seite springen.

Siggi muss es gesehen haben, denn als ich auf sie zuging, lachte sie. Sie lachte mich an:

»Auch schon hier?«

»Ja, ich dachte …«

»Ich auch, lass uns gehen.«

Sie nahm meine Hand und ging vor und plötzlich verstand ich, warum Manfred so strahlte, als er von ihr abgeführt wurde. Manfred? Sie war hier – ich völlig verknallt, ich musste einfach fragen. »Was ist eigentlich mit …?«