Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der Hoffnungslosigkeit begegnen. Das war das wichtigste Ziel für Markus und Katharina, als sie sich als junges Ehepaar von Gott rufen ließen, aus einem der reichsten Länder der Welt an einen der ärmsten Orte zu ziehen: in den indischen Slum von Kolkata (vorher: Kalkutta). Wo sie hinsahen, sahen sie Jesus in diesen Geringsten ihrer Brüder und Schwestern. Inständig beteten sie für eine "Person des Friedens", die ihnen die Tür zu den Herzen der Menschen öffnen würde. Gott erhörte ihr Gebet, wenn auch auf andere Weise als gedacht - und Markus und Katharina erleben, was es heißt, Jesus dort zu finden, wo Menschen ihn brauchen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Markus & Katharina Freudiger setzen sich seit mehr als zwei Jahrzehnten für Menschen in extremer Armut ein und lebten rund sieben Jahre am Rande eines Slums im indischen Kolkata. Die beiden haben zwei Kinder. Markus führt heute als Geschäftsleiter die Lepra-Mission in der Schweiz und engagiert sich im Vorstand von Interaction, dem Dachverband christlicher Hilfswerke.
Daniel Gerber ist freischaffender Journalist und Autor. Er arbeitet unter anderem für die Schweizer Lepra-Mission und für livenet.ch sowie als Sport-Journalist. Bei Hänssler erschien aus seiner Feder »Der Discokönig« mit Andreas Schutti und »Ungezähmt für Jesus« mit Stephan Maag. Er ist verheiratet mit Guilene und Vater von drei Töchtern.
Eine inspirierende Einladung, mutig zu lieben und Hoffnung zu bringen
Als Markus und Katharina alles hinter sich lassen, um in den Slums von Kolkata (früher: Kalkutta) zu leben, wollen sie vor allem eines: Menschen Hoffnung schenken, die keine Perspektive haben. Sie beten für eine »Person des Friedens« – und Gott antwortet überraschend. Nicht ein einflussreicher Lokalpolitiker, sondern ein siebzehnjähriges Mädchen wird zur Schlüsselperson. Gemeinsam mit ihr entsteht mitten im Slum ein Ausbildungsbetrieb, der Leben verändert. Dieses Buch erzählt von unerwarteten Wendungen, tiefem Glauben und der Erfahrung: Jesus finden wir dort, wo wir mit seinen Augen sehen – und handeln.
»Zwei junge Schweizer verlassen ihre Wohlstandsinsel und setzen alles auf ›Liebe in Aktion‹. In den Slums von Kolkata teilen sie Freude und Leid mit den Bewohnern und berichten ehrlich darüber. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz und einer kurzen Sinnkrise beginnt ihr Weg erst richtig. Authentisch und packend.«
Christian Schneider, Aktivist, Jesus-Nachfolger und Autor »Himmel und Strassenstaub«
»Das Ehepaar Freudiger entwirft mit literarischer Unterstützung von Daniel Gerber packende Bilder ihres Lebens und ihrer Arbeit in den Slums von Kolkata, die man aus ihren Augen miterlebt. Ein wunderbares Zeugnis zweier Menschen, die Gottes Ruf gefolgt und Jesus in den Ärmsten der Armen begegnet sind!«
Claudia DahindenAutorin und Pastorin in Ausbildung
»Meine Kindheit in Indien ließ mich die sogenannte Hilfsindustrie hautnah miterleben. Ich bin begeistert zu sehen, wie Freudigers es anders machten. Sie lernten die Lebensweise der Einheimischen kennen und erhielten ein tiefes Verständnis für eine andere Kultur. Ein inspirierendes Beispiel einer Familie, die für mehr lebt als nur für sich selbst.«
Prabhu GuptaraUnternehmensberater und Verleger; Visiting Fellow, Judge Business School, Universität Cambridge
Markus & Katharina Freudiger
mit Daniel Gerber
WO JESUSBARFUSSGEHT
Unser Leben mit den Menschenin den Slums von Kolkata
Für Jaya, unsere Frau des Friedens
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
ISBN 978-3-7751-7683-5 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-6307-1 (lieferbare Buchausgabe)
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
© 2026 Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
haenssler.de
Die Bibelverse sind folgenden Ausgaben entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.
Hoffnung für alle ®, © 1983,1996, 2002 by Biblica Inc.™, hrsg. von Fontis – Brunnen, Basel (HFA)
Lektorat: Christina Bachmann
Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart
Titelbild und Innenseiten: istockphoto Swapnil Patil
Bilder im Bildteil: © privat
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Über die Autoren
Über das Buch
Stimmen zum Buch
Warum zwei Schweizer in einen Slum nach Kolkata ziehen
Baracken und Menschen des Friedens
Jayas traurige Odyssee ins Leben
Markus – Im Herzen Papua-Neuguineas
Katharina – Abenteuer in Afrika
Lernen im Kiwi-Land und der Weg zur eigenen Perspektive
Auf zu neuen Ufern: Große Pläne im engen Slum
Ein Hindu-Mädchen aus dem Slum als Schlüsselperson
Jayas Rückkehr und ein Hollywood-Auftritt
Zweifel an der Berufung
Vom Slum ins reichste Land der Welt
Jaya – ein schwerer Kampf beginnt
Jayas Leben hinterlässt Spuren
Durchsichtig am unsichtbaren Fluss
Lepra, wo ist dein Stachel – Tod, wo ist dein Sieg?
Epilog
Nachwort
Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Zumindest nicht vorläufig. Mit rund neunhundert Sachen auf dem Geschwindigkeitsmesser rast Indien auf uns, Katharina und Markus, zu. Städte und Länder ziehen unter uns vorbei, während wir in einem gut gefüllten Passagier-Jet der »Air India« sitzen und elegant-geschmeidig über die Wolken und endlose Landstriche gleiten.
Gespannt, aber auch ein wenig nervös unterhalten wir uns über das, was uns bald erwarten könnte. Dabei lassen wir uns die Bord-Mahlzeit schmecken, die uns schon ein wenig auf die neue Heimat vorbereitet. Doch plötzlich werde ich, Markus, wieder ins Hier und Jetzt katapultiert, als ich in eine vermeintliche grüne Bohne beiße, die sich als superscharfer Chili entpuppt und mir den Atem raubt. Die indische Küche scheint es ernst mit unseren Gaumen zu meinen.
Wir haben große Pläne im neuen Millennium, das vor wenigen Monaten begonnen hat. Und gleichzeitig wissen wir noch nicht, was wir genau tun werden. Das mag paradox klingen, hat aber einen nachvollziehbaren Grund. Wir wollen einen Unterschied im Leben der Menschen machen, die ganz unten sind: die Unberührbaren im Slum. Unsere Zukunft sehen wir weder auf dem Finanzplatz Zürich, wo Millionen und Milliarden den Besitzer wechseln und Kaviarschalen und gekühlter Champagner serviert werden, noch hoch oben in Davos, wo sich die Weltelite trifft. Uns zieht es auch nicht wie Tausende von Auswanderern nach Kanada, um eine endlos-gigantische Farm zu bewirtschaften. Oder – etwas naheliegender – eine Schreinerei in der Schweiz zu eröffnen oder eine Schule zu leiten. Wir fliegen weit von unserer Heimat weg, nach Südasien, um uns in einem Slum in Kolkata, dem früheren Kalkutta, niederzulassen. Mit nur je einem zwanzig Kilogramm schweren Koffer machen wir uns auf den Weg in ein neues Leben. Und das nicht etwa aus Abenteuerlust oder um aus der westlichen Gesellschaft auszusteigen.
Als wir aus dem angenehm klimatisierten Flugzeug hinaustreten, umfängt uns eine erbarmungslose, schwüle Hitze. In der überschaubaren Ankunftshalle surren die mächtigen Propeller der Ventilatoren von der Decke und kühlen uns etwas ab. Nun geht es zum grimmig dreinschauenden »Immigration Officer«. Hoffentlich landen wir nicht in einem Verhör. Wir haben zwar ein Einreisevisum im Pass, wissen aber nicht so genau, was wir in dieser Millionenstadt machen wollen, und können darüber kaum Auskunft geben, sollte der Beamte zu eindringlich nachbohren. Doch die Sorge verfliegt im Nu: Er lässt uns hinein, das weiße Kreuz auf dem Pass, das uns als Schweizer ausweist, scheint zu helfen.
Vor dem Flughafenterminal wartet eine große und laute Menschenmenge auf die Ankommenden. Taxis, Hotels und Touren werden uns auf den ersten Metern angeboten. »Would you like a taxi, very good price for you, Sir!«, schallt es lautstark in unseren Ohren. Die ersten Eindrücke überwältigen uns fast.
Wenigstens werden wir in Kolkata nicht allein starten. Wir werden bei einem neuseeländischen Ehepaar einziehen, das wir bereits von früher kennen. In den nächsten Jahren wollen wir mit diesem Paar von der Südhalbkugel der Erde zusammenleben, um den Menschen im Slum zu dienen. Das war für uns ein wichtiger Punkt gewesen: dass wir eine gute Einführung und Begleitung haben und unter kompetenter Anleitung die Menschen und ihre Kultur in dem uns fremden Land kennenlernen können. Wir sind froh, dass wir Teil eines Teams sein werden und in den nächsten Monaten einen sanften Start auf diesem neuen »Planeten« im Slum erleben dürfen.
In der wartenden Menge erkennen wir Greg. Als einziger Weißer fällt er uns sofort auf. Er empfängt uns herzlich auf dem indischen Subkontinent. Seine Frau Sal und sein einjähriger Sohn Toby erwarten uns zu Hause. Wir verstehen schnell, warum die beiden nicht auf die anstrengende zweistündige Fahrt zum Flughafen mitgekommen sind. Greg hat schon etwas Bengali gelernt und verhandelt geschickt den Preis mit den Taxifahrern. Und dann geht es los. Wir sitzen in einem der alten Ambassador-Taxis, die einst von »Hindustan Motors« gebaut wurden und zum indischen Kultwagen avancierten.
Doch gleich zu Beginn der Fahrt, kurz nachdem wir die mächtigen Türen des geräumigen Taxis hinter uns zugezogen haben, kommt die emotionale Vollbremsung. Der ernüchternde Schock sucht uns gleich in den ersten Minuten in Indien heim. Unser Freund aus Neuseeland verkündet uns mit tiefem Bedauern, dass sie es in Kolkata schlicht nicht mehr aushalten und baldmöglichst nach Hause zurückkehren wollen. Dabei waren sie erst vor ungefähr einem Dreivierteljahr und voller Pläne in der gigantischen Mega-City angekommen. Seitdem hatten sie sich eine Unterkunft im Slum gesucht und Freundschaften geschlossen. Greg spielte täglich mit den Jungs aus dem Slum Fußball, Cricket und Kabaddi, einen traditionellen, körperbetonten Mannschaftssport. Als wir Greg und Sal während unseres Theologiestudiums in Neuseeland kennengelernt hatten, hatten wir bald festgestellt, dass wir die gleiche Berufung teilten – sie dachten damals an rund zehn Jahre …
Diesen Tiefschlag müssen wir erst mal verdauen, während wir den fünftgrößten Flughafen Indiens hinter uns lassen. Für uns war völlig klar gewesen, nicht allein in diesen neuen Lebensabschnitt starten zu müssen. Doch nun treffen wir auf eine Familie, die bereits auf mehr oder weniger gepackten Koffern sitzt.
Vor dem Fenster unseres Taxis ziehen die Straßenzüge vorbei und wir tauchen ein in das heillose Durcheinander von Autos, die keine Abgasnormen kennen, wuseligen Tuk-Tuks und Fahrrad-Rikschas. Um uns herum wogt ein unüberschaubares Menschenmeer, das sich mit nichts vergleichen lässt, was uns bekannt wäre. Es ist, als würde die Luft vibrieren, als wäre sie statisch aufgeladen. Nun sind wir also nach Jahren der Vorbereitung am Ort unserer Bestimmung angekommen. Ja, wir waren bereits einmal auf unserer Hochzeitsreise für eine Woche in Kolkata. Doch nun als Einwohner dieser Millionenstadt einzureisen, ist noch einmal eine ganz andere Liga.
Dann erreichen wir »unseren« Slum – es gibt in Kolkata ja insgesamt nicht wenige davon. An einer Straßenecke hält das träge Ambassador-Mutterschiff von einem Taxi. Aufgrund der engen Gassen verkehren weiter innen im Slum kaum Autos.
Wir machen uns zu Fuß auf den Weg zu unserer neuen Bleibe. Wir sind begeistert vom bunten Treiben um uns herum. Kleider, die das ganze Farbspektrum abdecken, werden vor den winzigen Slumhütten in verlotterten Billig-Plastikeimern mit nicht gerade sauberem Wasser gewaschen und dann an Leinen über den Gehwegen zum Trocknen aufgehängt. Rote, unverputzte Backsteine tragen Dächer mit verwitterten Ziegeln. Da und dort wühlen magere Hunde mit ihren Schnauzen im Müll, der achtlos weggeworfen wird.
»What is your name, Auntie?«, fragt ein etwa achtjähriges, dünnes Mädchen in einem einfachen, schmutzigen Kleid.
»Ich heiße Katharina und das ist mein Mann Markus. Und wie heißt du?«, frage ich zurück.
»Ich heiße Pinkey, und das ist meine Schwester Dalia. Wir wohnen hier«, entgegnet das Mädchen und zeigt auf eine Behausung aus Wellblech, Bambus, Stoff und Papierfetzen.
Die Armut hier ist greifbar und bitterste Realität. Eisenschwere Schatten lasten über diesem bunten, aber geistlich finsteren Ort, in dem Tausende Menschen ausharren. Doch genau hier wenden wir uns nicht ab, sondern exakt für diese Menschen wollen wir einen Unterschied machen: An diesem herzzerreißenden Ort wollen wir da sein für die Ärmsten der Armen. Für die Kastenlosen, für die »Unberührbaren«.
Wir schleppen also unsere beiden Koffer quer durch den Slum, überwältigt von den Eindrücken, den Farben, die fast in den Augen schmerzen. Schaut man versehentlich in eine andere Richtung, klatschen einem die aufgehängten Kleider und Tücher ins Gesicht. Da und dort thronen die sonderbarsten Götzenfiguren, und alle möglichen (und unmöglichen) Gerüche von frisch zubereitetem Essen dringen in unsere Nasen – wir finden uns schlicht im pulsierenden Leben wieder.
Viele Leute tummeln sich in einem unüberschaubaren Durcheinander auf den engen Straßen und Gassen. Unzählige, neugierige Augenpaare folgen uns. Manche mögen denken, dass wir Touristen sind, die sich verirrt haben. Denn weiße Menschen sind hier kaum zu sehen. Es gibt natürlich Sal und Greg, bei denen wir einziehen … wenn nun auch lediglich für eine äußerst kurze Zeit.
Dann erreichen wir unser Ziel. Unsere neuen vier Wände wären nichts für den durchschnittlichen Westeuropäer (und auch nichts für den durchschnittlichen Osteuropäer). Wir beziehen eine dunkle, muffige Wohnung im Erdgeschoss, die direkt an »unseren« Slum angrenzt. Die Überlegung, ob solche Wohnverhältnisse zumutbar sind, stellt sich hier nicht. Es ist, wie es ist.
Wir selbst zweifeln nicht an unserer Berufung, wenn wir auch die Schocknachricht noch nicht verdaut haben. Nun erfahren wir noch etwas mehr über den Hintergrund der baldigen Abreise. Die chaotische Großstadt erschöpfte die junge Familie. Über allem lastete die Ungewissheit bezüglich ihrer Aufenthaltsgenehmigung, die sich zu einer täglich nagenden Sorge entwickelte.
Doch wir lassen uns von dieser neuen Voraussetzung nicht aus der Bahn werfen. Zumindest können uns Sal und Greg in den nächsten Wochen noch etwas helfen, Fuß zu fassen. Außerdem sind wir nicht komplett auf uns allein gestellt (bei zu diesem Zeitpunkt rund 13,1 Millionen Stadtbewohnern droht ohnehin nicht eine allzu große Einsamkeit). Mit Greg, Sal und einem lokalen Pastorenehepaar sind wir ein kleines Team der internationalen Organisation Servants. Diese investiert sich in die Slums in den asiatischen Großstädten, um den Ärmsten der Armen Gottes Liebe weiterzugeben. So treffen wir Gleichgesinnte zum Austausch. Außerdem finden wir bald Anschluss in einer lokalen christlichen Gemeinde.
Wenn wir im Slum unterwegs sind, sticht besonders ein riesiges altes Gemäuer ins Auge, das so gar nicht in diese Gegend passen will. Es überragt die umliegenden, einfachen Backstein-Hütten um drei Stockwerke. Es handelt sich um einen Sultanspalast aus einer ruhmreichen Epoche. Das Schloss muss einst malerisch erstrahlt sein, doch längst sind viele der einst leuchtend roten Backsteine vom Zahn der Zeit, Ruß und anderen Abgasen dunkel gefärbt worden.
Auch wenn die Zeit der Sultane weit zurückliegt: Verglichen mit der Blütezeit dieses Prachtbaus dürften nie so viele Menschen in diesen antiken Mauern gelebt haben wie heute. Denn der Palast ist integraler Bestandteil des Slums. Wo einst reiche Herrscher in weitläufigen Sälen wandelten und sich an üppigen Tafeln mit erlesenen Speisen stärkten, drängen sich heute über tausend Slumbewohner in winzigen Zimmern. Der Glanz ist verblasst, geblieben ist der tägliche Kampf ums Überleben in unzähligen kleinen Kleinstbleiben. Wer zur gefährlichen, rutschigen Steintreppe gelangen will, die auf das Dach führt, muss mehrere »Wohnzimmer« durchqueren – was im Übrigen problemlos gewährt wird. So platzt man beim Gang zur Steige in jedem Raum mitten ins Familienleben, und wenn man die glitschigen Stufen gemeistert hat, steht man auf der geländerlosen Überdachung und schaut über die verwitterten Ziegel- und Wellblechdächer des Slums. Da und dort sind löchrige Überdachungen zusätzlich auch mit Plastikplanen bedeckt, damit die teilweise heftigen Regenfälle nicht die wenige Habe im Haus zerstören.
Noch ahnen wir nicht, dass wir eines Tages ein unglaubliches Wunder im Palast erleben werden …
Der Schock, der uns bei unserer Ankunft vor drei Tagen mit voller Wucht getroffen hat, ist noch lange nicht verdaut. Unsere Freude ist in den letzten Stunden wie Schaum verflogen. Wie betäubt hängen wir in den Seilen. Haben wir Gott wirklich richtig verstanden? Tief in uns beginnt ein Gedanke zu nagen, den wir versuchen abzuwehren: Sollen wir Kolkata am besten gleich wieder verlassen? Immerhin heißt es, die drittgrößte Stadt Indiens sei ein Grab für christlich motivierte Helfer. Und genau das haben wir gerade erlebt.
Die Hitze im Slum ist erdrückend. Nach wenigen Metern beginnen die Shirts an uns zu kleben, wir gehen, wann immer möglich, im Schatten der Häuser und Bäume. Ich, Katharina, kann meine langen Haare nicht mehr offen tragen, weil es mir im Nacken zu heiß wird. Ich binde sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Zum Glück schminke ich mich kaum, die hohe Luftfeuchtigkeit würde dem Make-up übel zusetzen. Obwohl das Viertel einladend und malerisch »Lake Gardens« heißt, verirrt sich kein Tourist in diesen Teil der einstigen Hauptstadt des Landes.
Um unsere neue Heimat besser kennenzulernen, lassen wir uns ziellos durch die faszinierenden, chaotischen Straßen und Gassen treiben. An jeder Ecke werden halbe Ziegen, Hühner und Fische angeboten, die für die Kunden auf die richtige Größe zurechtgehackt werden. Unzählige Straßenläden und Garküchen säumen die Häuserschluchten. Zerknitterte, ächzende Tuk-Tuks und verschwitzte, ausgemergelte Rikschafahrer quälen sich in Rudeln über den holprigen Asphalt zwischen Sammeltaxis, die in elefantenähnlichen Herden durch die staubige Stadt brummen. Durch den Teer schlägt einem die Hitze der Sonne auch von unten entgegen.
Es ist sicherlich nicht der beste Ort für einen Spaziergang, aber das Gewitter in unseren Köpfen übertönt das Getöse der Hupen der Könige der Straße. Haben wir Gott wirklich richtig verstanden?
Dabei haben wir uns mit schweizerischer Präzision auf die doch so unverzichtbare Tätigkeit im Slum vorbereitet. Wir haben im Vorfeld Abenteuer an der Elfenbeinküste, in Neuseeland und Papua-Neuguinea erlebt. Wir haben so viele packende Erlebnisse durchlaufen, dass wir dachten, Kolkata könne uns nichts anhaben. Aber nun, nachdem unsere neuseeländischen Partner dabei sind, Knall auf Fall abzureisen, starten wir nicht auf Feld eins, sondern gefühlt irgendwo zurückgeworfen auf Position minus einhundert.
Katharina zieht mich, Markus, zur Seite und ein im Zickzack fahrendes Tuk-Tuk verfehlt mich nur knapp. Die Fahrer reißen das Lenkrad herum, um Schlaglöchern auszuweichen, aber nicht Menschen.
Wir stammen aus den behüteten Dörfern Thunstetten (3000 Einwohner) und Wiedlisbach (2200 Einwohner) – beide Ortschaften haben keine Verkehrsampel – und sind in eine unübersichtliche, vollgepackte 13,1-Millionenstadt gezogen. In die ärmste Stadt des Landes, in einen der ärmsten Stadtteile. Es ist ein Schock, Menschen zu sehen, die obdachlos am Straßenrand in Staub und Dreck schlafen. Menschen, die bildlich gesprochen von Samsara, dem unerbittlichen hinduistischen Rad der Wiedergeburt, überrollt wurden. Aufgrund des angeblichen Karmas ist ihnen dieser Weg vermeintlich vorbestimmt, entsprechend gering ist die Bereitschaft, den Armen und Elenden aus der Unterschicht in irgendeiner Weise zu helfen.
Kolkata, wie die Stadt seit 2001 wieder heißt, klingt wie Golgatha, die »Schädelstätte« aus der Bibel, wo Jesus Christus einst gekreuzigt wurde. Auch Kolkata ist dem Tod geweiht: Die Stadt ist der dunklen Göttin Kali verschrieben, der unumschränkten Herrscherin über Tod und Zerstörung. Das färbt auf die Stadt ab. Wir sehen viele Tempel, in denen Menschen prunkvollen Gottheiten Brandopfer und Opfergaben darbringen. Es passiert etwas mit einer Stadt, wenn Tag für Tag dunklen Mächten gehuldigt wird. Es macht offenbar auch etwas mit den Menschen. Im Laufe der Jahre kamen viele Christen nach Kolkata, aber nur wenige blieben länger als ein Jahr. Oft kehrten sie mit psychischen Problemen nach Hause zurück. Sind wir wirklich am richtigen Ort?
Als wir vor drei Tagen mit dem Taxi ankamen, sahen wir zuerst Mittelklassehäuser und viele arme Menschen am Straßenrand, aber auf den ersten Blick nirgendwo typische Slums, wie man sie kennt. Doch wenn man an der richtigen Stelle abbiegt, ist man mittendrin. Der unübersichtliche Slum liegt zwischen den Häusern und zieht sich dann direkt an der Bahnlinie entlang. Die Hütten vibrieren leicht, wenn die schweren indischen Züge vorbeidonnern. Schätzungsweise jeder dritte Bewohner von Kolkata lebt in einem Slum, von denen es rund 3500 in der Stadt und den Vororten gibt. Neugierige Blicke verfolgen uns auf Schritt und Tritt. Diese ungeteilte Aufmerksamkeit ist uns unangenehm und tief im Innern schon fast peinlich. Zwei junge, weiße Menschen – Katharina ist zudem blond – fallen hier eben völlig aus dem Rahmen.
Wir sind überwältigt von den Eindrücken und Gerüchen, die sich uns von allen Seiten aufdrängen. Da es in den einfachen Baracken weder fließendes Wasser noch sanitäre Anlagen gibt, stehen hier und da rudimentäre Wasserpumpen. Dort stehen alle Schlange, um Wasser in ihre Kessel und Eimer zu pumpen. Andere waschen sich halbnackt vor ihrer Hütte, wo auch sonst? Ihre Slumbehausungen bestehen meist aus einem einzigen Raum und, wenn es gut läuft, einem Vorraum von der Größe einer Besenkammer. Einige kochen direkt auf einer der verwinkelten Gassen, während andere nebenan das schmutzige Wasser einfach auf den Boden schütten. Etwa hundert Menschen teilen sich eine behelfsmäßige Toilette, die die Regierung zur Verfügung gestellt hat. Oft ist es nur ein Loch im Boden mit einem Abfluss. Wohl fast jeder westliche Besucher würde sich angeekelt abwenden.
Armut. Slums. Dreck. Elend. Doch in mir, Markus, keimt zusehends ein komplett gegenteiliges Gefühl: Ich merke, dass ich Jesus in den Ärmsten der Armen sehe. Es ist mir fast so, als würde ich Jesus persönlich begegnen. Wenn ich durch diese engen Gassen gehe, spüre ich seine Gegenwart, wenn ich diese armen, zerlumpten Menschen sehe. Es ist eigenartig, aber auch sehr schön – wie eine tiefe Bestätigung, dass wir genau am richtigen Ort sind.
Obwohl wir Aufmerksamkeit erregen und man hier kaum einen Weißen sieht, werden wir nicht angebettelt. Manche denken vielleicht, dass wir die neuseeländische Familie besuchen. Aber wir sind gekommen, um zu bleiben. Wir sind die neuen Nachbarn, denn unser Haus grenzt direkt an das Slumgebiet. Im Moment wohnen die beiden mit ihrem einjährigen Sohn noch für kurze Zeit mit uns zusammen. Zu fünft teilen wir uns eine einfache Zweizimmerwohnung. Immerhin gibt es eine Toilette, eine typisch indische mit einem Loch im Boden, wo man kauernd (und im Idealfall treffsicher) sein Geschäft verrichtet. Die Privatsphäre beschränkt sich auf eng gesteckte, überschaubare Grenzen.
Die Organisation Servants, mit der wir uns verbunden haben, vertritt den Ansatz, nicht einfach irgendwo ein paar Projekte zu starten. Sondern anzukommen, sein Leben mit den Armen zu teilen und selbst unter bescheidenen Bedingungen unter ihnen zu leben. Als Schweizer sind wir es gewohnt, etwas aufzubauen. Umso eigenartiger mag unser Plan einem durchstrukturierten, westlichen Denken scheinen: kein Projekt im ersten Jahr! Nichts. Sondern wir wollen hier ankommen, hier leben und lernen. Wir wollen sehen, wie die Einheimischen von A nach B kommen, wie sie einkaufen, was sie arbeiten. Nicht wenige haben irgendwo einen Billigjob oder bieten sich als Tagelöhner an, um ein paar Rupien zu verdienen. Fertigprodukte gibt es hier um die Jahrtausendwende noch nicht, alles »Rohmaterial«, wirklich alles, wird woanders gekauft. An einem Stand in der einen Ecke kauft man Reis, am nächsten Gemüse und wieder woanders Gewürze. Vor einem weiteren Straßenladen lässt man sich passende Fleischstücke hacken.
In einer Sprachschule in Neuseeland haben wir bereits ein paar Brocken Bengali gelernt. Immerhin steht die Sprache weltweit an siebter Stelle, Deutsch kommt »nur« auf Platz zwölf. Das reicht aber noch nicht, um uns im Alltag geschmeidig zu bewegen, deshalb wollen wir uns in den ersten Monaten auf das Erlernen dieser fröhlich klingenden, singenden Sprache konzentrieren. Trotz unserer Vorkenntnisse belegen wir einen Sprachkurs, der viermal in der Woche stattfindet, denn Bengali ist die Brücke zu den Herzen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, die Armen hier sprechen kein Englisch. Etwas erschwerend für uns ist, dass wir das Bengalische via Englisch lernen müssen, da es keinen Leselehrgang in deutscher Sprache gibt. Akribisch lernen wir das ganze Alphabet sowohl lesen als auch schreiben. In der deutschen Sprache kennen wir sechsundzwanzig Buchstaben – demgegenüber existieren im Bengalischen wesentlich mehr. Zumindest gibt es die gleichen Vokale, flankiert von zwei zusätzlichen namens »Ai« und »Ou«. Aber auch im Alltag lernen wir mit der Zeit viele neue Wörter, besonders durch die vielen Kinder, die von morgens bis abends zu uns kommen. Die kleinen Besucher verbessern unsere Umgangssprache wesentlich.
Während wir in diesen ersten drei Tagen gedankenverloren, aber voller Eindrücke und auch Inspirationen sind, kommt uns wieder in den Sinn, was uns einer unserer Dozenten an der theologischen Ausbildungsstätte in Neuseeland empfohlen hat: »Betet für einen Mann oder eine Frau des Friedens. Das ist eine Schlüsselperson, die euch vor Ort helfen wird.«
Er selbst hatte lange Zeit in einem Slum in Manila gelebt. Damals wurde viel für die Unerreichten gebetet, die in abgelegenen Gebieten lebten. Aber – so der Ansatz von Servants – was ist mit all den Menschen, die in den Slums inmitten der Megastädte Asiens in Armut leben? Auch die muss jemand erreichen. Wer geht statt in den abenteuerlichen, von Regenwald umgebenen Busch in einen stickigen, elenden Slum, um den selbst die Einheimischen einen großen Bogen machen? Wer lebt direkt dort, statt nur punktuell hineinzugehen, um ein bisschen zu helfen und ein bisschen von Jesus zu erzählen? Da kann man auch Suaheli statt Bengali sprechen, es würde ganz einfach nicht verstanden. Es geht uns darum, dass wir nicht die großen, gelehrten, studierten Weißen sind, die schon alles wissen und ein NGO-Reißbrett-konformes WASH-Programm (Wasser, Sanitärversorgung, Hygiene) hinknallen und uns dann auf die Schulter klopfen. Sondern wir wollen unter den Menschen leben und sehen, was fehlt und wie wir wirklich helfen können.
Wir beten regelmäßig darum, dass wir der Person des Friedens begegnen mögen. Jemandem wie ein Eingangstor zur Nachbarschaft oder Gemeinschaft. Die biblischen Geschichten über solche Menschen ermutigen uns. Der römische Hauptmann, der Jesus vertraute (Lukas 7,1-10), die Frau am Brunnen (Johannes 4,1-30) oder Lydia in der Apostelgeschichte (16,14-15).
Wir merken schnell, dass wir nicht einfach in die Slums gehen und sagen können: »Gott liebt euch, aber kehrt um, sonst kommt ihr in die Hölle!« Die Menschen dort kämpfen täglich ums Überleben und innere Nöte nagen an ihnen. Sie leben ja schon in der Hölle. Aber es ist nicht Gottes Wille, dass sie so vegetieren müssen, zu diesem Schluss kommen wir. Er hat Mann und Frau nach seinem Ebenbild geschaffen. Je länger wir durch den Slum von Lake Gardens gehen, desto mehr werden unsere Zweifel Schicht um Schicht abgetragen. Wir haben Gott richtig gehört. Hier gehören wir hin.
Die Minuten werden zu Stunden und die Stunden reihen sich zu Tagen aneinander. Nach drei Tagen haben wir uns immer noch nicht an das bunte Chaos aus unordentlichen Hütten, Baracken, herumwuselnden Kindern und Erwachsenen gewöhnt. Das Leben spielt sich auf der Straße ab, die Menschen sitzen nicht gern den ganzen Tag in ihren wenigen Quadratmetern.
Inmitten dieses Durcheinanders versuche ich, Katharina, mich mit einer Slumbewohnerin zu unterhalten. Doch das Gespräch kommt nicht in Gang, weil wir uns sprachlich einfach nicht verstehen. Plötzlich gesellt sich eine Teenagerin zu uns. Wir stehen an der Weggabelung zwischen ihrer Slumhütte und dem örtlichen Kiosk, wo ich ein paar Lebensmittel einkaufen will. Gut gelaunt spricht mich das Mädchen auf Englisch an. Sie heißt Jaya (sprich Tschoja) und fragt mich, was ich kaufen möchte. Dann nennt sie mir auf Bengali alles, was ich aufgezählt habe. Jaya wirkt aufgeweckt und neugierig. Sie ist ein hübsches Mädchen, ihr langes schwarzes Haar ist im Gegensatz zu den meisten anderen gewellt. Sie trägt einen farbenfrohen Salwar Kameez. Das ist ein traditionelles indisches Kleidungsstück, das aus einer Hose und einem langen Rock besteht. Dazu trägt sie ein Dupatta, ein breites Tuch, das links und rechts über die Schultern gefaltet ist. Verheiratete Frauen tragen einen Sari. Ein fünf Meter langes Stück Stoff, das kunstvoll um den Körper geschwungen wird. Ich staune immer wieder, wie sich diese armen Frauen und Mädchen aus den Slums so schön kleiden. Diese Gewänder sind nicht teuer. Aber durch die bunten Farben sehen sie sehr schön und wertvoll aus. Ich weiß nicht, ob ich es jemals schaffen werde, mich richtig in einen Sari zu hüllen. Im Moment trage ich einen Salwar Kameez und tauche so in die bunte Welt ein.
Nur wenig später stehe ich vor dem Geschäft, nicht größer als ein Kiosk bei uns in der Schweiz. Ich wiederhole die Begriffe, die Jaya mir soeben genannt hat. Und tatsächlich: Emsig sucht der Betreiber des Schuppens die genannten Lebensmittel von den wackeligen Regalen und steckt alles in eine Tüte aus Zeitungspapier. Meine erste Bengali-Stunde im Slum ist zu einem vollen Erfolg geworden. Lächelnd und beschwingt mache ich mich auf den Weg zu unserem neuen Zuhause und denke an Jaya, die mir fröhlich diese praktischen Auskünfte gegeben hat.
Einige Tage nach unserem ersten Treffen kommt Jaya mit ihrer guten Freundin Tanushree zu uns. Und immer wieder treffen wir uns in den engen Gassen des Slums. Regelmäßig klopft es an unserer Tür und sie kommt zu Besuch. Ihr gut erlerntes Englisch setzt sie gern ein. Langsam entsteht eine Freundschaft. Schließlich besuchen auch wir Jaya in ihrer Hütte in der engen Gasse. Auf dem Weg dorthin müssen wir immer wieder aufpassen, dass uns kein heißes Öl an die Beine spritzt, wenn gerade jemand ein Curryhuhn über glühenden Kohlen brät, oder dass sich nicht das schmutzige Wasser über uns ergießt, das nach dem Wäschewaschen einfach vor die Tür gekippt wird.
Jaya lebt in einer typischen kleinen Hütte. Man zwängt sich durch eine schmale Tür, hinter der ein oder zwei winzige Räume zum Vorschein kommen, kleiner als bei uns in Westeuropa die Abstellkammer. Den größten Teil einer solchen Slumwohnung – und so ist es auch bei Jaya – nimmt ein einziges Bett ein. Darunter werden die wenigen Habseligkeiten verstaut. Trotz dieser ärmlichen Verhältnisse merken wir schnell, dass Jaya etwas ganz Besonderes ist. Sie ist jung, klug und geschickt. In einer anderen Welt hätte sie eine vielversprechende Zukunft vor sich. Doch hier im Slum scheint sie einem unheilvollen Kreislauf unterworfen zu sein.
Die Armut und das Leid, denen wir nun Stunde für Stunde, Tag für Tag im Slum begegnen und in die wir durch Jaya einen viel tieferen Einblick bekommen, bewegen uns zutiefst. Wir denken, dass wir letztlich nur einen Tropfen auf den heißen Stein geben können. Und gleichzeitig sehen wir das Potenzial in all diesen Menschen. Wir sind voller Tatendrang, auch wenn wir noch nicht genau wissen, was wir tun sollen. Den Menschen hier fehlt es an allem, an Grundnahrungsmitteln, an Arbeit und Hoffnung.
Gern sitzen wir unter dem Deckenventilator, der eine angenehme Brise verbreitet, und lassen alles, was wir sehen, Revue passieren. Heute ist – wie so oft – allerdings gerade der Strom weg und die ansonsten emsigen Blätter des Ventilators ruhen unbeweglich an der Decke. Wie lange wird es wohl diesmal dauern, bis der Stromausfall ausgesessen ist? Es kann sich um wenige Minuten bis zu mehreren Stunden handeln. Wenn der Strom und damit die Lichter und Ventilatoren dann wieder angehen, gibt es jeweils lauten Jubel von unseren Slumnachbarn. Aber jetzt sitzen wir bei Kerzenlicht und reden über all das, dem wir im Slum begegnen. Gott sei Dank haben wir einander und können diese für uns so neuen und fremden, manchmal auch verstörenden Eindrücke gemeinsam verarbeiten.
