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Gudrun Paula Andres, Jahrgang 1942, ist geboren und aufgewachsen in der Südpfalz. Obwohl oder gerade weil ihr die Ärzte bereits im Teenageralter das nahende Ende prophezeiten, hat sie sich die Verantwortung für ihr Leben nie aus der Hand nehmen lassen. Aller Prognosen zum Trotz gründete sie eine Familie und ist heute stolze Großmutter. Ihr soziales Engagement gehörte drei Jahrzehnte lang denen, deren Leben vom Vergessen geprägt ist: Menschen mit Demenz. Sie gründete die Alzheimer Gesellschaft Rheinland-Pfalz und wurde dafür mit dem Landesverdienstorden ausgezeichnet.
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Prolog
Heimathafen
Kindertage
Lautrach
Walter
Neues Leben
Unfall
Ehrenamt
Privates
„Walter, die musst du mal totschlagen, wenn du sie loswerden willst.“ Mit diesen durchaus liebenswert gemeinten Worten trat meine Schwägerin Inge in unser Wohnzimmer, wo ich zur Genesung auf dem Sofa lag. Nach meinem zweiten schweren Autounfall. Den ersten hatte ich Jahre zuvor nur knapp überlebt.
Dass ich überhaupt diesen Unfall Nummer eins hatte, war wiederum nur möglich gewesen, weil zehn Jahre davor die Prognose meiner Ärzte nicht eingetreten war. Denn eigentlich hatten sie mir schon mit 17 Jahren mein nahendes Ende prophezeit.
Hat mir meine innere Stärke geholfen, durch eine Palette an Unfällen und Krankheiten durchzukommen? Oder hat jemand „von oben“ mich geleitet? War es einfach Glück? Oder ist doch was dran, wenn es heißt: Unkraut vergeht nicht? Ganz sicher aber hat es mir geholfen, dass ich immer auf mich selbst vertraut habe – auch wenn mich die Ärzte eigentlich schon aufgegeben hatten. Wo wäre ich also ohne mich?
Gudrun Paula Andres, März 2022
Was weiß ich über meine Geburt? Was wurde mir über meine Geburt erzählt? Nichts, nichts, nichts! Es war der 3. Mai 1942. Ein Jahr also, in dem das Leben für die Menschen schwierig, traurig und von Verlust geprägt war. Es tobte der Zweite Weltkrieg, an den ich wenig bis gar keine Erinnerungen habe. Und wenn doch, dann sind es Bilder, die durch Erzählungen von den unterschiedlichsten Menschen entstanden. Somit glaubte ich, mich an die ersten Jahre meiner Kindheit zu erinnern. Allerdings gab es zwischen dem Zweiten Weltkrieg und meinem Elternhaus einen gravierenden Unterschied. Während die Feindschaft der Weltmächte 1945 beendet wurde, blieben wir von diesem Friedensereignis abgekapselt. Es gab weiterhin Risse und Verletzungen in unseren familiären Seelen. Frieden, der ja in der Familie anfangen sollte, den habe ich leider in unserem vom Krieg äußerlich unversehrten Wohnhaus nie erlebt.
Doch das hat mein Leben nicht blockiert. Es hat mich nicht klein und lebensunfähig gemacht, sondern mich spüren lassen, dass ich einen anderen Lebensweg einschlagen möchte und mir im richtigen Moment immer die Menschen ausgesucht, die es mir ermöglichten, auf die Spur einer anderen Lebensweise zu gelangen. Dafür war und bin ich sehr dankbar. Es war vermutlich der Vorteil meines roten Haarschopfes, dass mein Schöpfer die Hilfe suchende Gudrun stets gleich fand und die geeigneten Lehrmeister zu mir auf den Weg schickte.
Wieso weiß ich so gut wie nichts über meine Geburt? Hat sie mich nie interessiert? Diese Frage, hatte sich für mich nie gestellt. Denn ich lernte als Kind sehr rasch, keine Fragen zu stellen. Fragen, das könnte peinlich werden. Mit Fragen könnten Gefühle, Empfindungen, Wünsche entstehen. So etwas gab es nicht in meinem Elternhaus. Ich spürte schon als Kind genau: Fragen sind bei uns mit Peinlichkeiten verbunden. Gute Gefühle gehörten da nicht hin. Der Alltag bestand, solange ich mich erinnern konnte, aus Intrigen und Streit zwischen unseren Eltern. Fragen, die mich beschäftigten, Fragen, die unsere Familie betrafen, stellte ich nicht. Denn noch bevor ich mich entschloss, nach Erklärungen zu forschen, befürchtete ich bereits, dass es ungut, unerfreulich und heikel werden könnte. Es wurde uns nichts zu unserer Abstammung, zu Tanten und Onkels beziehungsweise zu Omas oder Opas erzählt. Einmal hatte ich es gewagt, eine persönliche Frage zu formulieren. Ich war noch klein, wurde auf einem Stuhl stehend von meiner Mutter angezogen und wollte von ihr wissen:
„Wann bekomme ich denn Haare unter den Armen?“
Die Antwort meiner Mutter war kurz und einprägsam.
„So etwas fragt man nicht!“
Ich hatte gelernt, keine Fragen zu stellen und mich zukünftig auch daran gehalten.
Wieso hatte mich der liebe Gott in diese Familie geschickt?
Vermutlich war ich als kleines Kind bei einem Ehepaar als Pflegekind untergebracht. Es gab eine freundliche Bekannte, bei der ich mich als Kleinkind zu Hause glaubte und fühlte. Frau Ernst und ihr stets krank wirkender Ehemann waren kinderlos und bewohnten am Stadtrand eine Baracke. Das war ein flaches, lang gezogenes Haus, in dem nebeneinander mehrere Familien untergebracht waren, vermutlich eine soziale Einrichtung meiner Heimatstadt. Bis heute ist mir noch die Wohnungseinteilung vertraut, genau wie der dazugehörige Duft. Ein anheimelnder, behaglicher Geruch. Wenn sich dieses Aroma um mich herum ausbreitete, wusste ich mich in Sicherheit und Geborgenheit. Auch wenn es damals wirtschaftlich sicherlich sehr schwierig für die beiden war, hatten sie Barmherzigkeit und Nächstenliebe immer ausreichend vorrätig.
Meine Erinnerungen sind nur sehr vage, doch meiner Auffassung nach war ich in diesem fürsorglichen Zuhause nur in meinen ersten Lebensjahren untergebracht, denn das einzige Babybild, das von mir existiert, wurde von diesem Ehepaar aufgenommen. Meine eigene Vorstellung lässt mich zusammenreimen, dass ich wohl als Kindergartenkind an meine eigene Familie wieder „angedockt“ wurde. Ohne zu wissen, ob ich je einen Kindergarten besuchte, geschweige denn, ob es ein solches Angebot am Kriegsende Mitte der 1940er-Jahre überhaupt gab.
Unerklärlicherweise hatte ich dieses ehemals behagliche Nest später nicht zu einem meiner Auffangstationen gemacht. Wenn ich heute gedanklich dorthin zurückkehre, erhalte ich auf meine zweifelnden Fragen keine Antwort. Warum gehörten diese liebenswerten Menschen später nicht zum Kreis meiner emotionalen Haltestellen? Hatten sie doch in puncto Zuwendung bei mir Entwicklungsarbeit geleistet und mein Leben mitgeprägt. Ich habe es nie gewagt, Erkundigungen zu dieser Zeit und über die Familie Ernst einzuholen, denn mein kindlicher Spürsinn hatte mich gewarnt: keine Fragen!
Wieso hatte mich der liebe Gott in diese Familie geschickt? Das war meine ganz persönliche Frage. Diese Familie war mir also zugeteilt worden. Und außer Vater und Mutter gab es in meinem sehr speziellen Heimathafen noch drei Geschwister. Unsere Eltern hatten wenig Gemeinsamkeiten und Streit gehörte zur Tagesordnung. Lediglich die Selbstständigkeit unserer Eltern mit ihrem Metzgereibetrieb gab hin und wieder Anlass, ein paar geschäftliche Worte miteinander auszutauschen. Auch wir Kinder hatten wenig Verbindung zueinander. Wir hatten uns offensichtlich am Eltern-Modell orientiert, das heißt, jeder lebte sein eigenes Leben. Zu meinem älteren Bruder Georg, genannt Schorsch, genauso wie zu meinem jüngeren Bruder Winfried gab es nur wenige Berührungspunkte. Da war meine 16 Monate ältere Schwester Hiltrud als Reibungspunkt viel geeigneter.
Körperlich war ich nicht als Kraftpaket ausgestattet worden. Dafür hatte ich immer stabile Fingernägel. Wann immer es im Wortgefecht mit meiner Schwester nötig war, setzte ich nicht auf Prügelei. Nein, ich hatte da andere Mittel und fuhr meine zuverlässigen Krallen aus. Somit blieb es mir nicht erspart, dass ich von Hiltrud und meiner Mutter den unschönen Beinamen „Kratzbürste“ bekam, denn sie, die erstgeborene Tochter, hatte eine bessere mütterliche Verbindung als ich. Während mich mein Vater und älterer Bruder, wenn sie positiv gestimmt waren, „Bärbel“ nannten. Ein Name, den ich sehr liebte. Diese Namensgebung war zurückzuführen auf unsere ehemalige Hausangestellte Ella, die mich als kleines Kind erlebt hatte und der Meinung war, dass dieser Rufname schöner für mich sei als meine offizielle Benennung.
Die Verteidigungsstrategie der kratzenden Fingernägel änderte sich im Laufe der Zeit, da mein Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe stärker wurde. Ich hatte keine großen Erwartungen an mein Elternhaus. Doch unterdrückte Vorwürfe hatte ich auch nicht, sondern lebte oft in der Vorstellung, dass ich in eine andere Familie kommen sollte und vermutlich nur verwechselt worden war. Ich wohnte zwar in einer emotionalen Ruine, doch ich besaß ein eigenes Bett und Nahrung war ausreichend vorhanden. Im Gegensatz zu vielen anderen Kindern dieser Zeit kannte ich das Wort Hunger nicht und hatte in den Kriegs- und Nachkriegsjahren allen Grund zur Dankbarkeit. Wenn ich damals emotional auch ausgehungert war, so klebt trotzdem auf meiner Erinnerungskiste das Etikett mit dem Wort „Vergebung“. Denn aus der Distanz der Jahre heraus kann ich die Dinge heute ganz anders beurteilen. Ich vermute, dass meine Eltern in ihrer eigenen Kindheit sicherlich auch wenig Zuneigung erfahren hatten. Hinzu kam eine unglückliche Ehe. Wie sollte es ihnen da möglich sein, uns eine Anleitung für Liebe und Verbundenheit mit auf den Weg zu geben?
Kupferdach
Die Natur hatte mir kein Aussehen geschenkt, wie ich es mir als Kind gewünscht hätte. Aussehen wollte ich wie die anderen Mädchen und kein Sondermodell sein. Ich war zwar gesund, aber das war bedeutungslos für mich als Kind. Die Vorteile dieser Kreation lernte ich erst mit reiferen Jahren schätzen. Nämlich dann, wenn dringend Hilfe notwendig war. Da bewährte sich mein Typ. Offenbar konnte mein Schöpfer mich in der Menschenmasse sehr viel leichter finden. So überstand ich ein liebloses Elternhaus, Krankheiten, Unfälle, medizinisch Unschönes, Vermutungen, Behauptungen und lernte, getragen zu werden und auf Hilfe und mich selbst zu vertrauen.
Ich war rothaarig. Mit vielen dicken Sommersprossen. Sobald ich irgendwo mein Spiegelbild entdeckte, fing meine Problemanalyse an: Ich fühlte mich minderwertig. In der Konsequenz zog ich mich in eine selbstgewählte Isolation zurück. Dieses Trauma wurde ständig genährt durch meine große Angst, abgelehnt zu werden. Dabei war ich selbst mein größter Gegner und bevorzugte das Eremitenleben, durch das nur wenige Kameradschaften entstehen konnten.
Ich hatte mich anhand meines Selbstporträts aus eigener Hand verurteilt. Da auch zu Hause nie ein einziges Wort über mein ausgefallenes Erscheinungsbild fiel und ich mit meinen fragenden Gedanken alleine war, kam mir mein Aussehen wie ein „Behindertenstatus“ vor. Wie hilfreich hätten ein paar nette oder auch lustige Bemerkungen über mein Aussehen sein können. Damit wäre mir meine gedankliche Blockierung erspart geblieben. Doch stattdessen erhielt mein Handikap noch Verstärkung: aufgrund der Auswahl meiner Kleider durch meine Mutter.
Braun, Gelb und Rot war ein Verbot
Meine Bekleidung bestand ausschließlich aus den Tönen Grün und Blau, da die modische Vorstellung meiner Mutter darin bestand, dass das die einzigen Farben seien, die ich zu meinem „Kupferdach“ tragen könne. Meine Abneigung gegen dieses eintönige Farbprogramm wuchs von Jahr zu Jahr. Ebenso mein Wunsch, diesen inhaltsleeren Malkasten mit einem provozierenden Knallrot zu ergänzen. Der erste durchschlagende Erfolg in meinen Kinderjahren bestand, nach einem gewagten Aufschrei, aus einer rosafarbenen Bluse und einem selbstgestrickten Pullover in ähnlicher Nuancierung.
Zum selben Zeitpunkt brauchte ich einen neuen Wintermantel und unser kleinstädtisches Bekleidungshaus wurde unwissentlich zu meinem Komplizen. Tatsache war: Es gab nur einen einzigen Wintermantel in meiner Größe. Und der war kariert. Für mich ein Kunstobjekt auf einem Kleiderbügel. Allerdings: Dieses Meisterwerk durfte ich nur an Sonn- und Feiertagen tragen. So war das in meiner Kindheit. Neue Kleidungsstücke durften lediglich zum sonntäglichen Gottesdienst oder zum gesitteten Spaziergang ausgeführt werden. Was ein Ärgernis!
Erst als – dank meiner natürlichen körperlichen Entwicklung – meine Proportionen nicht mehr zum Mantel passten, wurde er von meiner Elternschaft für alltagstauglich erklärt. Doch mit diesem alternden Modell, das inzwischen in seiner gesamten Länge sowie an den Ärmeln an Stoffmangel litt, war dann weiß Gott kein Staat mehr zu machen.
Um mein Erscheinungsbild zu komplettieren, muss ich erwähnen, dass ich ein ernster Typ von großer, schlanker Gestalt war. Ich aß während der schweigsamen Mahlzeiten an unserem langen Mittagstisch am liebsten nur trockene Kartoffeln. Zum Leidwesen meiner Mutter mit ihren ständigen Ermahnungen. Dabei war das Nahrungsangebot bei uns stets reichhaltig und Fleisch stand immer auf dem Tisch. Mit meinen kräftigen Zähnen hätte ich gute Voraussetzungen besessen, ordentlich zubeißen zu können.
Ich hatte schöne, gleichmäßige, wohlgeformte weiße Zähne, die bei der Mutter meiner Schulfreundin Rebecca immer Anlass waren, ihrer Tochter einen Vorwurf zu machen. Für meine Freundin war das Zähneputzen eine Pflichtübung mit Seltenheitswert und fand nur statt, wenn entsprechende Repressalien angedroht wurden. Bei einer dieser Vorwurfattacken von Rebeccas nörgelnder Mutter bemerkte ich zum ersten Mal, dass es an mir ganz offenbar auch etwas Schönes gab. Meine Selbstwahrnehmung war erwacht.
Dank dieses wohlgestalteten Gebisses witterte ich eine Chance, von meinem sonstigen Äußeren abzulenken. Ich wollte spüren, dass sich Menschen freuten, wenn ich kam und mein Einsiedlerdasein verändern. So suchte ich mir Plätze und warf meinen Anker dorthin, wo ich Anerkennung wahrnahm. Ich hielt Ausschau nach Mentoren, die mir guttaten und mir durch ihre freundliche Art Wertschätzung entgegengebrachten und mentale Anleitung gaben. Mein hilfreiches „gewisses Etwas“ zeigte mir Alternativen und Menschen, bei denen ich lernen konnte, wie friedvolles Leben aussah. Heute, als erwachsene Frau, bin ich rückblickend beeindruckt, welche Nischen ich mir als Kind geschaffen hatte, die mir Unterbrechungen der häuslichen Feindseligkeit ermöglichten. So gelangte ich zu meiner inneren Einkehr und konnte unbeschadet überleben.
Auffangstationen
Ich hatte mehrere Menschen für mich gefunden. Menschen, die mir Interesse entgegenbrachten und eine positive Stimmung vermittelten. Das waren Erfahrungen, die mich spüren ließen, dass es da auch noch andere und feinere Lebensarten gab als die, die ich als Kind zu Hause erfuhr.
Am liebsten suchte ich ältere Menschen auf. Hier war Ruhe und Stille anzutreffen. Da gab es zunächst ein paar Häuser weiter eine betagte Frau. Frau Engel war Kundin in unserem elterlichen Metzgereigeschäft und sehr liebenswürdig. Ich habe, wenn ich den Versuch mache, mich an sie zu erinnern, immer folgendes Bild vor Augen: Ich sitze neben einer älteren Frau, die freundlich, bescheiden und wohlwollend auf mich wirkte. Wir beide sitzen in der Küche von Frau Engel auf dem Chaiselongue und unterhalten uns. Nicht allzu viel, aber immerhin. Wenn ich sie besuchte, hatte ich das Gefühl, vollkommen zu sein. Was mir besonders in ihrer Wohnung gefiel, war die Tatsache, dass ich ohne Unterbrechung das Ticken ihrer Wanduhr hören konnte. Sonst war da nichts. Nur Stille und eine wohltuende Empfindung.
In einer anderen Straße in der Nähe meines Elternhauses gab es eine weitere altehrwürdige Dame, zu der ich ganz besonders gerne ging. Es war Frau Weinberg. Sie wohnte etwas versteckt im Hinterhof einer bürgerlichen Gaststube und war eine weitläufige Verwandte von Mitarbeitern meiner Eltern, die eine Filiale unserer Metzgerei führten. Frau Weinberg war eine große, stattliche Frau, die ich meistens in ihrem Ledersessel antraf. Sie saß mit Wolle und einem klappernden Nadelspiel, umrahmt von großen, beeindruckenden Möbelstücken, bei zurückgezogener Gardine am Fenster. Ein recht informativer Sitzplatz. Von hier aus hatte sie einen günstigen Blick, um das Treiben in unserer Kleinstadt zu verfolgen. Mit ihrem Strickstrumpf in der Hand freute sie sich über meinen Besuch und war neugierig zu hören, wie es mir ging und wie es in der Schule lief. Dieses Interesse an mir war eine ungewohnte Erfahrung.
Frau Weinberg hatte dicke, dunkelgraue Haare, die zu einem großen Knoten geflochten waren. Fast immer trug sie dunkle, bodenlange Kleider, die mit einer hellen Halbschürze vervollständigt wurden. Ein zuverlässiger Anblick. Ihr schön geformtes, aber schlecht sitzendes Gebiss war nicht zu übersehen, da sie viel lachte und sehr herzlich war. Mein Blick ließ ihre strickenden Hände nie los. Sie wirkten auf mich als Kind natürlich sehr alt, denn sie waren dünnhäutig mit hervorstehenden Adern. Das Schönste an ihren Händen aber war, dass sie über und über mit großen, braunen Flecken bedeckt waren. Sehr sympathisch. Als ich älter wurde, erfuhr ich, dass diese Hautveränderung landläufig „Altersflecken“ genannt werden. Etwas, worauf ich mich dann später als junge Frau schon freute, sie selbst einmal vorweisen zu können. Noch Jahrzehnte später löste die sympathische Frau Weinberg dieses Faible für „befleckte Hände“ bei mir aus. Ihre ansprechende und angenehme Art und ihr Interesse an mir hinterließen bei mir tiefe Spuren.
Dann gab es am Rande unseres Städtchens noch ein älteres Ehepaar in einem Häuschen mit anliegendem Garten. Ich erinnere mich heute, nach sieben Jahrzehnten, noch daran, wo die rosafarbenen, gut riechenden Rosen standen. Auch wie erfreut die Hausfrau war, wenn ich beim Betreten ihres Grundstücks erst einmal eine Nase voll dieses wunderbaren Duftes nahm. Denn diese Blütenpracht war ihr ganzer Stolz. Was mich an diesem Ehepaar, das ebenfalls zur Kundschaft meiner Eltern gehörte, faszinierte, war die Tatsache, dass im Wohnzimmer der Familie Hornig ein Klavier stand. Etwas ganz Besonderes für mich. Zumal ich seit Ewigkeiten von einer eigenen Blockflöte träumte und das zunächst nur ein Traum blieb. Diese Eheleute wirkten auf mich sehr gebildet und hinterließen nach meinen Besuchen einen besonderen Eindruck.
Diese drei Anlaufstellen waren meine Rückzugsräume gewesen, die mir Ruhe, Stille, Anerkennung und Ablenkung verschafften.
Ersatzfamilien
Meine Schulfreundin Rebecca war ein Einzelkind und ich eine Art „angenommene Zweittochter“ der Familie und bei deren Unternehmungen immer dabei. Gemeinsame Aktivitäten durch meine eigene Familie hingegen waren Fehlanzeige.
Auch Herr Seitz, eine Aushilfskraft meiner Eltern, ermöglichte mir hin und wieder die Teilnahme an Familienausflügen mit dem Fahrrad oder an einem sonntäglichen Picknick. Herr Seitz war ja nett und freundlich, doch seine Ehefrau und die mit in die Ehe gebrachte Tochter fand ich unmöglich. Frau Seitz, eine kleine, untersetzte Frau mit kräftigen O-Beinen, war eine starke Raucherin mit einer schrillen Stimme. Doch noch unangenehmer fand ich Tochter Rosa. Sie war eine richtige Göre und zwei Jahre älter als ich. Sie hatte ein sehr vorlautes und freches Wesen, weshalb sie mit ihrer Mutter ständig im Clinch lag. Wir Mädchen sprachen wenig miteinander oder planten nie gemeinsame Unternehmungen. Deshalb nahm ich die Einladungen von Herrn Seitz nicht immer mit viel Begeisterung an. Ich glaube, ich tat es mehr aus Höflichkeit, um ihm keine Absage zu erteilen. Vermutlich meinte es dieser Mann einfach nur gut mit mir und wollte mich aus dieser feindseligen häuslichen Stimmung holen, die er bei uns erlebte.
Auch die Nachbarschaftsfamilie Mahl lud mich gelegentlich zu ihren Sonntagsspaziergängen an den Rhein ein, was ich als kleine Auszeichnung empfand und gerne annahm. Ihre drei Kinder, Gerda, Gerald und Rudolf, waren hin und wieder unsere Spielkameraden und besuchten die höhere Schule. Es war für mich jedes Mal erneut ein besonderes Erlebnis, in so einen harmonischen Familienverband mit einem freundlichen Vater eingebettet zu sein.
Etwas lebendiger wurde mein Leben mit zehn Jahren, als ein junger Vikar unserer Kirchengemeinde mit Frau und Kind einige Zimmer in unserem geräumigen Haus mietete. Die Frau des Vikars interessierte sich für mich und erteilte mir Unterricht für Sopranflöte. Zu einem späteren Zeitpunkt sogar für die wesentlich größere Altflöte. Denn inzwischen hatte es das wundersame Ereignis gegeben, dass ich zum Geburtstag den lang gehegten Wunsch einer Blockflöte erfüllt bekommen hatte. Frau Jahn, die Ehefrau des Vikars, hörte mich eines Tages auf der Flöte herumheulen und bot an, mir Unterricht zu erteilen. Das war toll und so hatte sich meine Einstellung, dass wir zu Hause nur gefordert aber nicht gefördert werden, zum Guten verändert. Der Einzug der kleinen Familie war eine weitere Bereicherung für mich in puncto Anerkennung. Ich durfte, wenn es die Zeit erlaubte, auf ihre kleine Tochter Angelika aufpassen. So konnte ich die Familie aufsuchen und freundliche Begegnungen mit Menschen erleben, die etwas zu meiner Weiterbildung beitrugen.
Dank Angelika sowie einer Tochter von ehemaligen Nachbarn hatte ich mir eine Beschäftigung als Babysitterin zugelegt. Besonders erpicht aber war ich darauf, den Sohn unseres Bäckers zu hüten. Frau Mai, die Mutter des Kindes, wirkte auf mich wie eine feine und gebildete Frau und sie zahlte den Lohn für Kinderbetreuung in süßen Gebäckteilchen. Der Haken an diesem Job war, dass auch meine Schwester Hiltrud von dem lukrativen Arbeitsangebot erfahren hatte und in ihrer Habsucht nach Süßigkeiten mir mitunter zuvorkam.
Elternhaus
Wenn ich mein Elternhaus betreten wollte, hatte ich zwei Möglichkeiten. Ich konnte mich entscheiden zwischen unserer Ladeneingangstür oder einem großen, hölzernen Hoftor, das durch eine breite Einfahrt in den Innenhof des Gemäuers führte. Durch den Hof gelangte ich durch unsere kleine Kochküche in das angrenzende Esszimmer, dem meist belebten und beliebten Aufenthaltsort unserer Familie. Das Besondere in dem Raum war eine gusseiserne Wendeltreppe, die in den oberen Stock mit unseren Schlafzimmern, einem modernen, grün gefliesten Badezimmer und unserem Feiertagswohnzimmer führte. Die obersten Stufen der Wendeltreppe wurden von meinem jüngeren Bruder und mir gerne als Sitzplatz benutzt, da man von hieraus seine Beine in das Esszimmer baumeln lassen konnte.
Im Anschluss an den Essbereich kam das Zimmer, dessen Funktion nicht so ganz geklärt war. War es mit seinem beeindruckenden Schreibtisch das Büro meines Vaters? Oder war es unser Alltagswohnzimmer? Der Raum führte in den Verkaufsraum der Metzgerei. Hier befand sich auf Vaters Schreibtisch das Telefon, das geschäftlich immer wieder bedient werden musste. Auch stand hier der große, gelbe Kachelofen zum wunderbaren „Ganzkörperaufwärmen“, bevor es wieder raus in das kalte Ladengeschäft ging. Den Geruch zu Hause fand ich als Kind weder heimelig noch verführerisch. Er war geprägt von Fleisch und Wurstwaren. Ein Duft, der sich durch unser ganzes Haus zog. Am schlimmsten und intensivsten wurde das Metzgereiaroma, wenn Flomen, also das Bauch- und Nierenfett des Schweins, zu Schmalz ausgelassen wurde.
Das Gute an meinem Heimathafen wiederum war, dass dieses große Haus mehrere Rückzugsmöglichkeiten bot, sodass ich mich diesen Gerüchen etwas entziehen konnte. Unser Haus hatte außer Küche und Bad zwölf Zimmer. Davon hatten meine Eltern mitunter zwei, manches Mal auch drei oder vier Räume vermietet. Je nachdem, wie groß der Bedarf des Mieters war.
Zu meinen Lieblingszufluchtsorten zählte unser Wohnzimmer, das nur zu bestimmten Feiertagen oder Anlässen bewohnt wurde. Oder aber, ich zog mich im oberen Stockwerk auf unsere Veranda zurück, die über die Länge des gesamten Hauses ging und durch die lange Fensterfront ein wärmender und heller Ort war. Ganz besonders liebte ich dort die durch zwei Treppenstufen abgesetzte Nische. Einen großen Nachteil hatte diese gemütliche Ecke allerdings. Sie war aufgrund der Verglasung vom Innenhof aus einsehbar. So kam es immer wieder vor, dass mich entweder mein Vater oder meine Mutter in meiner selbst gewählten Isolation entdeckten und ich nach unten beordert wurde, um im Anschluss einen Arbeitsauftrag zu erhalten. Dann war es vorbei mit meiner Einsiedelei und meiner Wohlfühloase. Dann setzte die emotionale Umweltbelastung wieder ein und ich musste, wie so oft, meinen Seelenaufbau und die Inneneinrichtung meines Herzens vertagen.
