Wohin du dich wünschst! - Anne Thomée - E-Book

Wohin du dich wünschst! E-Book

Anne Thomée

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Beschreibung

Wie das echte Leben: übermütig, verblüffend, hanebüchen und inspirierend! »Wohin du dich wünschst!« - Fennas Geschichte ist ein Genre-Mix aus den Zutaten, aus denen auch Fenna gemischt ist. Sie liest sich über Strecken wie ein Bericht äußerer und innerer Abenteuer, wie ein Besuch im Kuriositätenkabinett des Zeitgeistes und der Ländersitten, dann wie ein psychologisches Protokoll, bis sie zwischenzeitlich sogar zum Krimi wird. Fennas Weg geht über viele herkömmliche Grenzen hinweg, steckt voller ungewöhnlicher Deutungen und Entscheidungen, ist gespickt mit Wagnissen und Experimenten. Anne Thomée hat aufgepasst und frei heraus, hintergründig und witzig beschrieben, was Fenna anzettelte und bewältigte, bis zum vorläufigen Happy End.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 522

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Anne Thomée

Wohin du dich wünschst!

Fennas Geschichte

Copyright: © 2017: Anne Thomée

Umschlag & Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für »Mao« Marianne Brøndlund

Inhalt

1. Kapitel: Oben‘rum

II. Abschnitt: Der Zirkus ist aus

2. Kapitel: Der Zirkus ist aus

3. Kapitel: Hagalaz

4. Kapitel: Mein Wille geschehe!

5. Kapitel: Wohin du dich wünschst

6. Kapitel: Bossa Nova

I. Abschnitt: Der Zirkus

7. Kapitel: Rette sich, wer kann

8. Kapitel: Inseln im Getöse

9. Kapitel: Ein jähes Erwachen

10. Kapitel: Rien ne va plus

11. Kapitel: Zu Potte

12. Kapitel: Allerlei Brüche

13. Kapitel: Der gute Rutsch

14. Kapitel: »Wer ist das, die so weit geht?«

15. Kapitel: Die Sexte

16. Kapitel: Eine Schraube ohne Ende

17. Kapitel: In corpore sano

18. Kapitel: »Tabu. Es scheint gefährlich zu sein, was ich tu‘!«

19. Kapitel: Wo der Pfeffer wächst

20. Kapitel: Ein Schlag ins Kontor

21. Kapitel: »Dreh‘ dich nicht um nach fremden Schatten«

22. Kapitel: Aus dem Augenwinkel

23. Kapitel: Das Grauen von Oakland

24. Kapitel: Die Stewardess aus Dusseldorrf

25. Kapitel: Das Wüstenerlebnis

26. Kapitel: Ohne Rücksicht auf Verluste

27. Kapitel: Doch! Das geht!

28. Kapitel: »Spüren Sie,wie’s oben aufgeht?«

29. Kapitel: Richtig, falsch, und richtig falsch

30. Kapitel: Wege eines Traums

31. Kapitel: »Er gehört zu mir« – Der Sessel

32. Kapitel: Auf weiter Flur

33. Kapitel: Begnadete Psychologen

34. Kapitel: Das Bisschen, das ich erlebt habe?

35. Kapitel: Es muss aus einem Loch kommen

36. Kapitel: Unten’rum – Ein Epilog

1. Kapitel

Oben‘rum

Fenna starrte auf den Bildschirm, gespannt wie ein Bogen. Oops! Da steht doch »k r o« nebeneinander, also: Krug, Landgasthof auf Dänisch. Und schon sieht sie das Bild vor sich, das vom Låsby-Kro, in dem sie oft wohnte. Mist! Ich soll doch einfach nur schnell sein!

Was soll das denn da? Eine 3! Ihre Hand schoss nach vorn und hackte auf die Maus ein. Das kann ja heiter werden! Wegen solcher Fisimatenten kriege ich womöglich die Bestätigung meiner Fahrtüchtigkeit nicht, na prima! Aber es ist doch verrückt, das ist es doch! Als ob ich jemals in den 48 Jahren Autofahrens durch einen hellgrauen Forst von blassen xyz-Setzlingen gefahren wäre, und plötzlich sei eine mittelgraue 3 von rechts vor den Kühler gesprungen...!

Aber so war's. Sie hatte eine Schädeloperation hinter sich und saß in der Reha-Klinik, war beinahe durch mit den Maßnahmen und kurz vor ihrer Entlassung, und augenblicklich saß sie auf einem unbequemen Stuhl vor dem Bildschirm und ließ sich ablenken, von Wörtern und von der Psychologin, die diesen Test mit ihr durchführte. Die kramte in ihren Unterlagen, wischte ihr Smartphone und gab ab und zu »Phhhhh!« oder »Mmmh!« von sich. Konzentriert warsieanscheinend trotzdem – sie hobeinAuge, das andere blieb am Screen haften, und ließ »Ja!« hören, sobald Fenna endlich geklickt hatte.

Irgendwann war der Parcours durchgestanden, Fenna wartete mucksmäuschenstill und dachte nur:Ich ohne Auto, das ist undenkbar!»Also. Okay.« Das war die Entwarnung. »Die Allerschnellste sind Sie nicht. Aber es liegt alles im grünen Bereich!«

Erleichtert trat Fenna auf den Flur und las den schriftlichen Ausdruck des Urteils, sie las auch noch im Fahrstuhl abwärts, dochstieg im Erdgeschoss nicht aus, sondern fuhr gleich wieder hoch und klopfte energisch. Ebenso energisch öffnete die Psychologin die Tür – was denn sei? »Sie haben geschrieben.... hier....Hirnschaden nach Schädelverletzung.Ich hab‘ aber keinen Hirnschaden, weder jetzt noch vorher! Ich hatte ein Aneurysma, das ist zugeklammert worden. Ich war ja bloß hier, weil das die Versicherungen nach so einer Operation wollen.« »Das ist doch völlig egal. Das interessiert doch keinen!«

Abgesehen davon, dass es Fenna interessierte, und die war schließlich auch jemand, wusste man nicht, welche Wege derHirnschadeneines Tages noch gehen mochte. Nein, Fenna gab nicht nach; wohl oder übel änderte die Psychologin die Formulierung, druckte sie aus und überreichte Fenna das Papier, ist es so recht?!

Es war so recht. Fenna nickte, draußen allerdings schüttelte sie den Kopf, aber es war ihr zu wohlgemut zum Ärgern. Sie war eigentlich herzlich froh, hier zu sein, die Reha hatte ihr gut getan, wieder auf die Beine geholfen, wörtlich und im übertragenen Sinne. Und ihre betreuende Ärztin war so nett, dass sie sie ab morgen echt vermissen würde.

Dasmorgenkam, aber kein Vermissen, denn Fenna tappte gleich zur Beobachtungsfahrt bei der Spezial-Fahrschule, die auch noch ihren Senf dazu geben musste, damit sie wieder fahren konnte. Was heißtkonnte,sie konnte ja! Autofahren, namentlich gutes, war für Fenna ein Gesamtkunstwerk aus Sehen, Hören, Spüren, innerer Gelassenheit und äußerer Zeit. Dieses Kunstwerk hatte Fenna, die von all dem genügend besaß, die ganzen fünf Wochen täglich abgefeuert, wenn sie die vier Kilometer zur Reha gerollt war, was allerdings jemandem dort aufgefallen sein musste. »Wir petzen nicht«, sagte eine Ärztin, »aber Sie müssen schon wissen:Dürfendürfen Sie’s nicht!«

Der gute Fahrlehrer nun war ein Semester wie Fenna, analog bis in die Spitzen seiner langen silbernen Haare, die er zum Pferdeschwanz gebunden hatte. Na, denn, sagte er und machte es sich neben Fenna gemütlich. Fenna hingegen wurde es schon in Minute fünf ungemütlich. Da hatte sie nämlich eine rote Baustellenampel drei Meter überfahren; Au, machte Fenna und bremste endlich! Das Auto stand bequem zwischen Ampel und der Absperrung für die Fahrspur. Was für ein Mist. Fenna wurde warm und hellrot. »Die kannten Sie, was? Sie wohnen ja hier!« Jaja, antwortete sie wahrheitsgemäß, die kenne ich, und hier kann man auch wunderbar warten. Dabei hatte sie nur intensiv und unnötig überlegt, was theoretisch wäre, wenn gerade die Durchfahrt leer ist und dann ein Auto von der Seitenstraße auf die eine Spur einfährt...

Um Kopf und Kragen antworte ich mich gerade, dachte sie alarmiert. Aber nichts passierte: Die Autos hinter ihr setzten sich langsam in Bewegung, Fenna blinkte, man ließ sie einscheren. Die weitere Stunde verging unter vergnügtem Plaudern, diversen Pirouetten, langen Schulterblicken, Vollbremsung und einer grandiosen Einpark-Vorführung. Tags drauf schrieb der Fahrlehrer lobend in die Beurteilung: »Routiniert und sicher.«

Nun saß Fenna zuhause. Sie hätte fahren können, aber sie fuhr nicht, sondern saß ganz ruhig daheim, machte es sich gemütlich und ließ ihrem Körper und Geist alle Zeit der Welt, wieder eines zu werden. Sie hatte ja schon einige Operationen erlebt, doch die waren alle »unten'rum« gewesen, an den Hüften zum Beispiel. Diese war die erste »oben'rum« direkt in der Schaltzentrale, irgendwie direkt in Fenna. Sie hatte das Gefühl, als sei sie in viele einzelne Teile zersprengt worden, die alle noch nicht recht wieder zueinander gefunden hatten.

Ihre Freundin Irma hatte sie nur wenige Stunden nach der Operation auf der Intensivstation besucht, hatte sich auf eine Bank gesetzt und in einer Zeitschrift geblättert. Bei jedem »äh« von Fenna hatte sie aufgeblickt, bis Fenna sich drehte und sie sah: »Da bist... du ja.« Irma packte die Zeitschrift ein und setzte sich zu Fenna ans Bett. »Tut’s denn weh?« »Äh«, machte Fenna, und dann erstmal eine längere Pause. »Und tut es denn weh?« »Es geht so… Äh… Da bist du ja immer noch… Ich bin so unruhig.« Irma legte ihre Hand auf Fennas Solarplexus, und nun staunte sie. »Boh… das ist wirklich irre. Wie elektrisch.«

Das war Montag. Bis Mittwoch konnte Fenna weder essen noch trinken noch schlafen noch »sonst was«, sie lag einfach in dem Äh-Zustand vor sich hin. Dann gab sie sich einen Ruck – vielleicht war es auch jemand anderes, der ihr einen Schubs gab. Sie trank, sie aß (dann hätte sie wenigstens einen greifbaren Grund, warum ihr übel war, aber es wurde ihr nicht mehr übel), sie begann, langsam aus dem Bett zu steigen, sie machte »sonst was«. Man sah sie auf dem Flur, erst am Geländer entlang, dann mittig und schwankend, dann mittig und zielgerichtet zum kleinen Raum, in dem sie die Kühlungspäckchen für die Blutergüsse wusste und vor dem der Kaffee stand. Man sah: Sie machte sich!

Auf gewisse Weise liebte Fenna Krankenhäuser, nicht abstrakt, sondern sie war nicht ungern drin. Dort ist alles so echt. In denen entfaltet sich das ganze volle, pralle Leben. Da wird ja geliebt, gelitten, sich gefreut, gedankt, gebetet, gestorben, es wird offengelegt, gezeigt, geboten, geschenkt. Und Dinge wie Scham oder Konvention, die Fenna oft als Trennung unter den Menschen empfand, hielten sich dort kaum so wie draußen oder wie in den großen kühlen Facharztpraxen.

So eine Facharztpraxisgeschichte hatte sich auch zugetragen, als das Aneurysma gefunden wurde: eigentlich ein Drama, plötzlich eine Tragikomödie mit Thriller-Einlage, im Nachhinein das reine Glück!

An einem Sonntag Ende Oktober war es Fenna jäh schwindelig geworden. Sie war durch die Wohnung getaumelt, ein, zwei Mal hingefallen, hatte Irma erreicht, die bald kam, sie beruhigte und sogar auf Wunsch in ihr Auto setzte, um etwas herumzufahren – am Ende der Fahrt wollte Fenna einen Cappuccino und eine Zigarette mit Irma auf einer Straßenterrasse einnehmen, sie wollte Normalität.

Gleich montags begann Fenna, der Sache nachzugehen. Sie traf ihre goldige Hausärztin, dann einen freundlichen Wartesaal in einer Klinikambulanz, ein stundenlanges Rendezvous, hernach weitere Apparate und Fachärzte, die sich nicht einig waren, ob es nicht vielleicht einfach der krummen Halswirbelsäule geschuldet war oder, naja, ihren fünfundsechzig Jahren.

Bei einem Radiologen wurde der Schädel gescannt. Fenna ging nach Aufruf in ein dunkles Kabäuschen zu dem Arzt, der bei ihrem Eintreten kaum den Kopf hob. Vier Monitore hatte er zu besichtigen – was für ein Job, fand Fenna. Dann drehte er sich auf dem Stuhl, um den Bericht zu schreiben, klickte entschlossen und sagte in die Richtung, in der er Fenna wähnte: »Alles in Ordnung, kein Befund. Auf Wiedersehen.«

Sehenist gut, dachte Fenna. Sie gehörte nie zu den Renitenten dieser Welt, aber jetzt drängte sie etwas, zu renitieren. Sie blieb sitzen: »Das kann nicht sein. Da ist was.« Und sie erzählte sämtliche Auffälligkeiten der letzten zwei Jahre. Der Arzt fixierte Fenna im Düsteren für einen Augenblick ratlos, weil er sie nicht loswurde, obwohl bei guten Nachrichten die Leute schneller weglaufen, als man bis drei zählen kann. Fenna redete.

Wohl oder übel drehte der Arzt sich wieder zu den Monitoren, dann, »Aha... das da könnte ein ganz kleines Aneurysma sein...« So hatte Fenna das nicht gemeint, als sie ihn nötigte, sich weiter mit den Aufnahmen zu beschäftigen. Oder doch? Sie musste erneut in die Röhre, und nun holte der Arzt sie an der Tür ab. »Mein Verdacht hat sich bestätigt. Es ist ein Aneurysma.«

MeinVerdacht. Da muss man auch erstmal drauf kommen. Erst auf der Straße wurde ihr das Wort bewusst: Eine Aussackung an einem Blutgefäß im Kopf. Ein Beutel, mit Blut gefüllt. Von so was sterben Leute – wenn es platzt und ins Hirn hinein blutet. Aber ihres war gefunden worden, egal jetzt, wie. Das war doch ein Zeichen!

Fenna musste ein paar Tage lang tief durchatmen. Dann holte sie sich alle Informationen ein und bereitete die Operation vor, nachdem es ziemlich eindeutig so aussah: So klein war es gar nicht, es war sogar ziemlich groß und hatte Mickymaus-Ohren am eigentlichen Beutel. Zweitens: Entweder man geht mit einer Sonde durch die Leiste und stopft zu, was aber auf demselben Wege und in kurzen Abständen immer wieder kontrolliert werden müsste. Oder man geht gleich »oben'rum« und hat ein für alle Mal Ruhe. Und die wollte Fenna!

Es lebt sich anders ab dem Moment, wo man's weiß, das spürte sie. Grundsätzlich war sie ziemlich uninteressiert an dem, was man »Risiken« nennt, sie schaute sogar von oben herab auf die neue Religion der Vermeidung von Risiken, so war sie als Kind schon. Aber ihr lag sehr viel an innerer Freiheit – sich beispielsweise mit ihrem Autochen durch die mittleren Karpaten bewegen zu können ohne den Gedanken: Was tue ich denn, wenn es jetzt und hier passiert?

So entschloss sie sich zu »oben‘rum« und zum Vertrauen. Und so lebte sie auf diesen Termin hin, der, wie es dann so ist, zweimal im letzten Moment verschoben wurde. »Ach, Sie Arme! Das tut mir soo leid!«, sagte die liebe Sekretärin des Chefs, der selbst operieren wollte. Fenna überlegte: Termin Nummer drei war viel besser alsdie zwei gepatzten, denn nun lag er statt Freitags spätnachmittags am Montag Morgen – nach einem erholsamen Wochenende, für den Arzt wohlgemerkt! Sie beruhigte die Sekretärin und blieb weiterhin auf der Spur. Das wunderte ihre besten Freundinnen nicht wirklich, aber jede – ohne es zu sagen – dachte bei sich ein herzliches Gott-seidank-muss-ich-das-nicht.

Ruhig war sie nicht durchgehend, Nervosität kam in Wellen und wurde mit einem schmetternden Stoßgebet beantwortet, ging aber ebenso schnell wieder, wie sie kam. Derweil frönte die allein lebende Fenna ihren Hobbys: Sie sah fern, aß gut, trank Wein und rauchte dazu. Das wirkte immer! Zudem hatte sie es sich wirklich endlich zu eigen gemacht, vom Moment auszugehen: Der ist ja in der Regel tausendmal besser als jede Vorschau auf eine denkbare Zukunft. Mit solchen Denkbarkeiten hatte sie sich bestens ausgekannt, doch das war vorbei. Der Moment war gut, der Wein lecker, die Zigarette gemütlich – und, wie gesagt: Es war gefunden worden! Ein Segen.

Nun hatte sie es hinter sich, saß zuhause und erholte sich langsam. Vielleicht ging's ihr zu langsam? Sie wollte Radfahren und stieg in den Keller, um ihr Rad zu holen, es war ja Frühling. Sie wollte auch nicht warten, sehen, ob Licht an ist, klingeln und die zigste Bitte an ihre Nachbarinnen richten, die oft so spät und groggy heimkamen. Nun: Fenna war nicht kräftig genug, um es über den Stufen genügend anzuheben – das Vorderrad verkantete sich, der Lenker schlug herum und der Griff voll in die Stelle an der linken Schläfe hinein, an der man einenrunden Deckelausgesägt und nach dem Zuklammern wieder eingesetzt hatte. Hilfe! Am nächsten Morgen saß sie gleich in der Klinik, ich habe Mist gebaut, bitte fassen Sie doch mal hin, ob sich da was verschoben hat. »Nee«, meinte der Arzt, »das glaube ich nicht. So frisch war es ja nicht mehr.«

Fenna war beruhigt und ließ alles noch langsamer angehen. Sie sah lineares TV. Sie liebte es, nicht ständig nur auszusuchen, was sie von sich aus sehen wollte, sondern auch das, was sie nie im Leben gewählt hätte. Wie vieles hätte sie nie verstanden, hätte sie immer nur im eigenen Saft geschmort und gesehen, was sie sehen mochte!

Schon vor diesem Abenteuer war sie friedlich und glücklich gewesen, aber jetzt noch mehr: zum einen natürlich, weil alles gut gegangen war oder doch zumindest alles Wichtige. Zum anderen, weil sie einen Frieden in sich spürte, wie sie ihn noch niemals erlebt hatte, und ein Freiheitsgefühl.

Es war, als sei ein ganz langer Zyklus vollzogen. Keine inneren Konflikte, vor allem keine Beziehungskonflikte quälten sie mehr, sie fühlte sich trotz der körperlichen Einschränkungen neu, frisch, aber auf beruhigende Weise. Sie war mit allem einverstanden.

Vielleicht war es auch diese spezielle Hingabe, wenn man operiert wird? Man muss sich ja ergeben, wenn man auf dem Bett in den Operationssaal – Säle waren es ja Weiß Gott nicht mehr, eher dickere Flure – geschoben wird. Diesmal hatte sich eine vor sich hin kramende ältere Frau zu ihr gedreht und freundlich gerufen: »Daistsie ja, meine Frau Bonnet!« In Fenna rieselte es, so lieb fand siemeine,und sie war auch ihre jetzt! Es war nämlich die Anästhesistin. Sie sollte Fenna ja schön schlafen legen und wieder holen... Fenna gab sich hin. Natürlich bleibt einem in diesem Augenblick auch nichts anderes übrig, aber Fenna tat es mit Vertrauen und Ruhe.

Nicht herauskönnen aus einer Lage: Das hatte Fenna im Leben schon mehrmals gestärkt. Auch diesmal.

Sie fuhr nun auch wieder, rollte wie immer hierhin und dahin und besah sich die Welt Berlins vom hohen Sitz ihres süßen, wenn auchrecht hässlichen Micro-Vans aus, und dasselbe, auf dieselbe Weise, tat sie zuhause. Sie besah sich die Welt.

Genau genommen hatte sie noch nie etwas anderes getan. Es war ihre Lebensaufgabe, und sie tat sie von früh bis spät: Sie nahm Notiz – und das auch wörtlich. Seit vierzehn Jahren saß sie an ihrem Buch, das Notiz wiedergab und an ihrem persönlichen, exemplarischen Beispiel belegte. Sie hatte vier Versionen vollständig fertiggestellt und die auch angeboten – nun, sie waren zum Glück nicht genommen worden.

Da lag nun das Buch, oder seine vierte Fassung, und sah Fenna an.

Eines war ihr sofort klar, als sie zurückschaute: Dich, so wie du bist, gebe ich nicht heraus. Du kommst noch ein Mal, ein letztes Mal, in meine Mangel. Und dann bist du fertig, dann geht es ab... dann reicht's mir, ehrlich gesagt, auch. Ich will ja noch weiter!

Fertig. Fenna schauderte, denn damit näherte sie sich dem KnackpunktHerausgeben.Ich verkaufe nicht einmal Wasser in der Wüste, dachte sie von sich, aber es gibt gute Verkäufer! Die musste sie finden und wählen.

Warum sie immer wieder neu geschrieben hatte, das hatte mit Mao zu tun.

Oh, nicht Mao Zedong. Mit Mao, ihrer Mentorin-Lehrerin-Heilerin-Mutter-Schwester und dergleichen mehr. Die hatte ihr vor vielen Jahren bei Kaffee, Kuchen und Zigaretten an dem gemütlichen runden Sprechtisch im Erker ihrer dänischen Backsteinvilla, als Fenna wieder ungeduldig geworden war, gesagt: »Weißte, sag dir doch, wenn du unruhig wirst: Die ersten vier sind nur zum Üben! Und dann bist du beruhigt und machst nebendran weiter.«

Wie bitte? Vier Bücher, Arbeit, Herzblut, alles nur zum Üben? Das hatte Fenna nicht wirklich gern gehört, aber verstanden. »Naja«, fügte Mao hinzu, »für jeden Körper eines.« Aha. Fenna begann zu zählen: ein körperliches, ein psychisches, ein mentales, ein spirituell-geistiges. Und schon verstand sie nicht mehr, denn ihr Leben war doch immer ein Ganzes, so wie sie auch!

Kaum hatte Mao ihren Schreibeifer unterbrochen, fachte sie ihn schon wieder an, und dann wieder umgekehrt, so ging das immer mit ihr! »Aber... das ist so eine intensive Verbindung, Mao, du glaubst es nicht!« »Ha!«, lachte Mao auf. »Das glaube ich wohl! Es ist nämlich ganz eng mit deiner Entwicklung zusammen, das Buch, mit deinem Weg.«

Natürlich waren vier nur zum Üben gewesen, was sonst! Sie hatte nämlich die ersten vier von vorne begonnen, mit dem Kind. Aber wer will schon etwas von einem Kind wissen, wenn's weder das eigene ist noch später ein Promi wurde?! Wie dem auch sei: Es musste ein Fünftes werden, und das hatte sie entworfen, bevor der Schädel pfiff.

Na dann. Fenna griff zum Manuskript und musste gleich schmunzeln. Sie hatte eine wahre Beziehungs-Anekdote zum Einstieg gewählt, 2012 so passiert. Fenna setzte sich morgens an ihr Notebook und wollte am Buch arbeiten, als sie sah: Sämtliche Substantive waren ersetzt worden durch das Wort »Beziehung«. Das las sich dann so:Nein, sagte Beziehung, du hast deine Beziehung immer zum Beziehung der Beziehung gemacht, kein Beziehung, dass sie sauer wurde...Sie hatte dann zwischen Lachen und Heulen den ganzen Text korrigieren müssen – und Irma hatte sich gekugelt vor Lachen. »Dann musst du doch dein nächstes Buch über Beziehungen schreiben, das ist doch klar!«, rief sie, und Fenna fand: Nein, gleich in diesem hier.

Fenna blätterte und machte »mmh«. Damals war sie noch davon ausgegangen, was ja auch stimmte und nicht stimmte: dass Beziehungen, die Gesamtheit der Verhältnisse mit anderen Menschen, auch die täglichen, flüchtigen Verhältnisse mit Zugelaufenen, sich am zähesten den Veränderungen widersetzen.

Dessen war sie sich inzwischen nicht mehr sicher. Außerdem fühlte sich das Thema überholt an. Ach, grunzte sie und klappte die Seiten zu, ich kann das B-Wort nicht mehr hören, es hat seinen Dienst getan.

Was ich erzählen will, dachte sie, ist das Leben pur. Es ist eben tragisch. Komisch. Es ist absurd, nein, hanebüchen ist es manchmal. Und was ich erzähle, kann inspirieren, und das soll es nun endlich auch. Ich habe esfenniggenommen, auch krass ab und zu, aber es ist trotzdem exemplarisch.

Sie nahm das kleine Notebook auf ihre Knie und fing – ganz woanders an. Genau in dem Moment vor sieben Jahren, als es, wie Mao es einmal nannte, »ein bisschen enger« geworden war.

Hinter diesem Blatt

»Du musst bereit sein, alles abzuwerfen, wenn du dahin willst, wohin du dich wünschst. Wenn du aber da wirklich hin willst, ist nichts mehr da – sonst kannst du nicht in deiner Wirklichkeit stehen, und du kämest gar nicht hinein mit so viel Gepäck! Wenn das nicht abgefallen wäre, hättest du lauter alte Schnüre gehabt, die du mitziehst und neu anzubinden versuchst.

Du musstest dahin kommen, wo man alles fallenlassen kann und denkt, ich stehe hier nackt! Das tut keiner nur so zur Probe! Aber wenn es wirklich um die Wurst geht und da nichts mehr ist, dann stehst du vor dir, mit dir.

Was man aber als geborgen ansieht, das überhaupt keine Geborgenheit gibt, wenn es darauf ankommt – wenn das zersplittert, was bleibt dir dann? Das musste zu deiner Gewissheit werden: Es kann alles zersplittern, und trotzdem hast du es gut!

Du wurdest immer mehr eingeschränkt, bis du ein bisschen von deiner inneren Freiheit wahrgenommen hast und darin gewachsen bist, und sie wird dich wahnsinnig glücklich machen. Du wirst lernen, wie viele Depots du nie genutzt hast, weil du immer dachtest, die sind abhängig von der Form, der Stimmung, vom Ort, von ein paar Menschen,und dann geht es erst.Auf irgendeine Weise war das so verstrickt, aber auch so genau zurechtgelegt, dass du diese Zehntelsekunde noch erreichen konntest: Du entdecktest, dass du in der einen Zehntelsekunde in der Freiheit sein konntest. Du ließest das Ganze fallen, weil nichts mehr zu holen war.

Es steht noch viel mehr als das hinter diesem Blatt, du weißt es. Es hat dich verändert.«

Mao zu Fenna im Juni 2013

II. Abschnitt Der Zirkus ist aus

2. Kapitel

Der Zirkus ist aus

Im Oktober 2008 fuhr Fenna für drei Tage allein zu Mao nach Dänemark – allein bei ihr war sie lange nicht gewesen, obwohl Mao dem Gespann Fenna-Irma oft geraten hatte, immer mal wieder einzeln mit ihr zu reden, »damit ihr euch wieder auseinanderwickeln könnt und keine meint, sie sei nicht gut genug.« (Damit meint sie mich, dachte Fenna bei sich.) Irma sagte immer als Erste »Och, nö, von mir aus nicht!«, was Fenna freute und sie auch gleich abwinken ließ. »Nächstes Mal.«

Eigentlich kam sie, wie sie dachte, wegen ihrer körperlichen Beschwerden, aber schon nach 25 Minuten Gespräch kam der eigentliche Grund daher gebraust und hob das Dach hoch: Die aktuelle Finanzkrise kam aufs Tapet und schließlich auch ganz konkret Fennas Finanzen und Altersversorgung, mit der sie einen Großversicherer betraut hatte. Plötzlich, »Ach, du liebe Zeit! Das ist ja... Oh jemine!«, schlug Mao die Hände zusammen. Was war los? »In Versicherungen hast du alles? Da verlierst du doch. Ach je.« Fenna starrte Mao an, ihr Martinshorn ging los.

Sie hatte es geahnt… Denn Irma hatte ihr mehrfach die Stimmung vermiest, wenn sie mit leuchtenden Augen davon sprach, dass der ganze kranke Mist, die Ungerechtigkeit, die Gier aufhören und endlich die neue Zeit anbrechen müsse. Einmal wurde Fenna von Irmas revolutionärem Glühen buchstäblich übel; sie stand abrupt auf und ging vor die Tür des Restaurants, um zu rauchen. Irma feixte, als sie schaudernd wieder hereinkam.

Seitdem wusste Fenna, dass sie im Grunde, besser gesagt, im Untergrunde Bammel hatte: Als Alleinstehende musste sie ihre Entscheidungen allein und gut treffen, lukrative professionelle Karriere würde nicht mehr folgen, im Lotto gewann sie allenfalls den Einsatz. Und als bombensicher betrachtete sie ihr Einkommen in Gestalt einer Rente aus Vermächtnis nicht! Ab und zu drehte sich Fenna dann in Zukunftssorgen hinein, die Irma für einen Zukunfts-Rappel hielt. Denn Teil ihres revolutionären Glühens war, dass auch diese Illusion schwinden müsse, man könne sich vor den Veränderungen in Sicherheit bringen. Das gelte für alle, niemand sei ausgenommen!

Mag sein, dachte dann die doppelt frustrierte Fenna, aber du kennst Alleinsein nicht – oh, sie hörte Irma protestieren, wie oft, wie tief und wie völlig allein sie in ihrem Leben schon gewesen war, was ach stimmte, aber das war eine ganz andere Ebene. Irma hatte Mann Jochen, drei große Kinder und vier Enkel, außerdem einen Haufen Menschen um sich, von denen sie vielen wichtig war. Deren Hilfe würde sie allerdings nicht erbitten, weil sie selbst erledigen wollte und weil sie Familie hatte, da biss die Maus ja keinen Faden ab!

Fenna hatte keine. Eltern lange tot, große Schwester tot, die zwei Nichten irgendwie weit weg, der Schwager, den sie über Jahrzehnte beinahe wie einen Bruder empfunden hatte, sah sie nicht als seine Schwester, die Restfamilie bezog sich innig auf die eigene Kernfamilie. Und weiter: kein Netzwerk, jedenfalls kein »soziales«. Keine Beziehung oder Ehe. Die hatte sie auch nicht gewollt.

Und sie war in einem Körper, in dem es anstrengend zu leben war. Gerade weil sie viel Energie hatte und voller Leben war und eigentlich recht gesund, könnte sie womöglich alt werden. Viel besser würde ihr Körper – sein Gestell – nicht mehr werden, schlimmstenfalls sogar noch viel schlechter. Und dann?

Fenna konnte sich ganz gut sorgen und dabei Szenarien vorstellen, zum Beispiel: allein und krank, bankrott und krank, bankrott und Schmerzen, und zuletzt alles zusammen. Fing dann Irma nochmit Foppen oder dem Rappel an, kam auch noch die Variante »allein und unverstanden« dazu.

Sie wandte sich wieder Mao zu und sah sofort, dass Mao alles gesehen hatte, ach, sie kannte sie so gut, all ihre versteckten Sorgen. Mao ging behutsam vor und nahm sich viel Zeit, um Fenna die Sorge zu nehmen. »Du musst den Wert anderswo hinlegen, Fenna, nicht aufs Halten, sondern aufs Verwandeln. Du musst es in Bewegung bringen und etwas von einem echten Wert draus schaffen. Sonst guckst du in diesen Zeiten in die Röhre... wie alle anderen auch, die still stehen und festhalten.« So schloss sie tröstlich, aber Fenna spürte nur aufgelöst: Hinter diese Unterredung kann nicht mehr zurück, nur weiter!

Etwas von echtem Wert konnte nur ein Haus sein. Mao sagte das Wort zuerst, denn sie wusste, wie wichtig für Fenna ein Heim, ein Zuhause ist, kannte ihr Schielen auf jedes Haus bei jedem Ausflug, wie Häuser ihre Phantasie in Gang setzten, als Kind schon getan hatten, wenn sie die Steinchen auslegte für ein Dorf und sich den besten Wohnplatz aussuchte… Also – ein Haus?!

»Du tust, wie du meinst!«, sagte Mao. Was anderes sollte Fenna darauf antworten, als: »Na klar.«

Und noch mehr kam in Bewegung, am letzten Tag auf der Behandlungsliege! »Du, Mao, mein Nachname ist viel scheußlicher als ich!« Mao und Marion lachten hellauf. »Kommst du auch schon dahinter?!«, gluckste Mao. Nach einer stillen Weile meinte Marion: »Wieso heißt du so?« »Na, weil mein Vater so hieß!«, sagte Fenna verblüfft. »Nee«, Marion schaute hoch, »ich meine, wieso heißt du nicht wie deine Mutter? Wie hieß die überhaupt?« »Bonnet. Französisch. Hugenottisch!« Da lachte Mao: »Das ist doch hübsch! Dann nenn dich doch so!«

»Das geht nicht! Au weia. Da bricht ja meine Restfamilie zusammen.« Quatsch, meinte Mao belustigt, wieso? Ja, wieso... Frauen, die heiraten, tun das meistens, und lebe ich nicht ohnehin wie eine Geschiedene oder Witwe? Außerdem wird mein Verhältnis zu Schwager und Nichten gerade stimmiger und wärmer! Sie zeigen mir keinen Vogel!

»Darf man das überhaupt?« »Das finde doch mal heraus!«

Bevor sie sich, zurück in Frankfurt, in die Action stürzen konnte, bekam sie im November eine Wunderwoche geschenkt. Der Anlass war ein wenig herbe, da sie sich sonntags in der Notaufnahme der Uniklinik einer kleinen ambulanten Operation unterziehen musste. Auf dem Rückweg von der OP, hungrig, schmerzvoll und dehydriert, wurde sie in der Tram ohnmächtig. Während die Leute im Wagon wohl davon ausgingen, sie stünde unter Drogen oder sei besoffen, nahmen sich drei junge Leute ihrer an, die einander gar nicht kannten, wie Fenna dann erfuhr. Sie schleppten sie, während sie aus sämtlichen Körperöffnungen »tropfte« und vor Benommenheit bleischwer und kaum zu navigieren war, nachhause. Die drei Engel gaben ihr Wasser, öffneten das Fenster und riefen Irma an, bis zu deren Eintreffen sie Fenna auf dem Sofa im Arm hielten.

Auf dem Sofa blieb sie liegen. Ihre Nachbarin kaufte montags spät etwas Essen ein, brachte es in den Kühlschrank und saß noch auf eine Zigarette bei ihr; als sie fort war, der Fernseher lief, träumte Fenna – und konnte sich, was wirklich in ihrem Leben selten vorgekommen war, wundersam an jedes Detail des folgenden Traums erinnern:

Eine große Zirkusveranstaltung ist zu Ende, und alle Menschen begeben sich an den Ab- und Umbau des Gebäudes und des Geländes, während ich draußen, es ist Sommer, an einem Fluss mit sehr dünnem, brüchigem Eis stehe. Meine teure rote Jacke, die ich unterm Arm mitgenommen habe, liegt plötzlich leuchtend unter der Eisoberfläche, mein einziges Wertstück, unerreichbar geworden. Ich lasse sie, wo sie ist, gehe aufs Eis und laufe los – im T-Shirt! Vor mir ist nur ein Kind zu sehen, das genau wie ich auf dem Eis läuft, mir immer ein Stück voraus. Alle anderen Menschen jedoch kann ich am Ufer sehen, die schuften dort in Sachen Umbau.

Ab und zu drohe ich einzubrechen und gerate in Panik, aber es geht immer gut, weil mich zwei nur schemenhaft sichtbare Begleiter leicht untergehakt haben und beim Einsacken hochhalten. Nach einer Weile vertraue ich dem Lauf und den Begleitern und laufe mit zunehmender Freude in der Sonne. Der Fluss führt in eine Haarnadelkurve hinein, in deren Mitte ich ein romantisches altes Haus sehe und dabei denke: Huch, ich kriege die Kurve nicht. Doch ich kriege sie, bin zwar sehr nah an dem Haus, streife es fast, berühre die Geranien, die an den Fenstern hängen, doch ich lasse es hinter mir und laufe ohne weitere Vorkommnisse den anderen Flussarm zurück zum Anfang.

Dort nämlich sind nun alle Menschen versammelt, mit der Umbauarbeit sind sie fertig, und ich sehe noch ein letztes Mal die teure rote Jacke, immer noch tief im Eis fest, ich muss sie hinter mir lassen. Denn jetzt sollen alle Menschen über eine große steile Treppe zu einem höher gelegenen Untergrund-Bahnhof gehen, sie sollen alle eine Reise antreten. Auch ich tue das zusammen mit den vielen Leuten: Leichtfüßig zwei Stufen auf einmal nehmend renne ich die Treppe hinauf, obgleich ich merkwürdiges sperriges Gut unterm Arm trage.

Zwei Tage später, Obama war wundersam gewählt und Fenna genesen, erreichte sie die so gut wie nie erreichbare zuständige Dame der Versicherung, um dieselbe aufzulösen. Sie eröffnete Fenna, siehabe aber Glück, denn heute sei der letzte Tag, an dem die Auflösung ohne Einbußen möglich sei, weil morgen die letzte Marge eingezahlt würde, und fünf Jahre lang sei dann kaum oder nur mit großen Verlusten heranzukommen – und sie half ihr bei dem hektischen Hin- und Her per Fax und Mail. Abends um 20 Uhr war das gebundene Geld frei.

Am Samstag dieser sonderlichen Woche schließlich telefonierte Fenna mit Mao, die sich über den erinnerten Traum freute: »Wenn du im Traum nur bis hin kommst zum Haus, ist es eine Vision. Wenn du aber wieder zurück zum Anfang kommst, ist es eine Realität!« Beim Telefonieren stand Fenna am Fenster und guckte auf die Straße, hinter ihr im Zimmer hörte sie aus Richtung Schreibtisch ein lautes, dumpfes »Platsch«. Sie dachte, nur ein Stoß Papiere sei zu Boden gerutscht, und sah sich gar nicht um.

Als das Telefonat beendet war und sich Fenna endlich zum Schreibtisch umdrehte, sah sie neben ihm auf dem Boden eine ziemlich große exotische Fruchthälfte liegen, die sie noch nie gesehen, geschweige denn gekauft hatte, die sie auch niemanden hatte kaufen lassen. Die Nachbarin von oben war zuletzt vor zwei Tagen da gewesen und auch überhaupt nicht in dem Zimmer... Die Frucht war frisch angeschnitten und überzog sich in der gebührenden Zeit mit braunem Pelz.

Es war insbesondere diese Sharon Khaki Frucht, wie Fenna am Montag beim Obst-Türken feststellen ließ, die ihr sagte, dass geschehen kann, was eigentlich nicht möglich ist. Die drei »Engel« und die Frau von der Versicherung sagten ihr: Esistjemand da, der hilft. Mao hatte gesagt: Das kommt. Und schließlich war es ein Wunder, dass sie sich überhaupt an einen Traum so genau erinnern konnte, dass er in ihr Bewusstsein wollte. Vier Wunder. Das mit der verlorenen Jacke und, dass alle fortgehen mussten, vergaß sie.

Dann wollte sie auch mutig beginnen!

Eines war noch vorab zu klären. »London«! Vor einigen Jahren, Fenna wohnte noch auf Mallorca und war gerade auf Heimatbesuch in Hessen, hatte Irma eines Nachmittags im Vorbeigehen ganz nebenbei gesagt: »Ach ja. In drei Wochen ziehen wir vielleicht nach London.« Fenna erschrak zutiefst. »Um Himmels Willen!«, rutschte ihr heraus. Irma sah sie harmlos, zu harmlos an. »Wir können uns ja besuchen!« Wie bitte? »Das ist doch nicht dasselbe wie, sich im Alltag begleiten! Würde dir das denn gar nichts ausmachen, auf deine Freundinnen und... mich zu verzichten?« »Na, ja… «

An dieser Stelle käme man mit Irma nicht weiter, das wusste Fenna, aber bei nächster günstiger Gelegenheit sprach sie »London« an. Es traf Irma unvorbereitet. »Ja, aber, ich habe das keine Sekunde ernst genommen, genauso wenig wie Jochen (Irmas Mann), als er den Vorschlag machte. Der kam zu der Zeit alle paar Tage mit so einer Spinnerei daher.« Fenna war's nicht zufrieden! »Du hast genau gemerkt, dass ich es ernst nahm. Dann hast du doch mit mir gespielt?«

»Das habe ich nicht bedacht in dem Moment«, meinte Irma, noch immer überrumpelt. Das war ja der Punkt, der Fenna zwickte. »Warum eigentlich nicht? Du weißt genau, wie gern ich in deiner Nähe leben möchte! Ich habe es dir auch öfter gesagt. Und du hattest dich jedesmal gefreut… dachte ich.«

Irma hatte sich erholt – alle ihre Truppen rannten los. »Wir haben aber auch oft darüber gesprochen, dass es sehr wichtig ist, mein ganzes Leben zu verstehen: Ich bin zwar dem äußeren Anschein nach immer Jochen gefolgt, aber innerlich habe ich auch gelenkt und hat meine Seele diese Orte gewählt, genau wie den, wo wir jetzt gerade miteinander sitzen! Wenn wir nach London gezogen wären, dann wäre es auchmeinSeelenwunsch gewesen! Auch mein Recht! Genauso wie damals, als du nach Mallorca gingst: Da bin ich auch zurückgeblieben, könnte man sagen. Darüber hatte ich auch keineMacht! Es war wichtig für dich, Fenna! Man muss sich freilassen, wenn einer woandershin gehen möchte.«

Was war da noch zu sagen? Nichts. MitFreiheitkann man alles wegfegen... Jahre vergingen, ähnliche Intermezzi geschahen und vergingen auch. Was auch immer Fenna diese Freundschaft bedeutete, Irma bedeutete sie auch viel, aber nie und nimmer dasselbe. Eigentlich wusste Fenna das schon. Aber jetzt war der Moment für ein Update gekommen, immerhin war sie ja drauf und dran, sich selbst räumlich festzulegen – was sie so noch nie getan hatte und was ihr ohnehin schon schwer genug fiel. Am besten in einem der Lieblingsrestaurants bei der Zigarette davor.

»Du. Wenn ich hier kaufe oder baue, dann hoffe ich ja doch, dass du auch hier bist? Damit wir weitermachen können?« »Das will ich doch auch! Ich wäre ja doof, wenn ich das nicht auch wollte und auf unsere Gespräche verzichten würde!«, rief Irma etwas erstaunt. »Ich brauche dich auch als Gegenpol zur Familie und als Stütze für mein eigenes persönliches Leben, auch dafür, mein Seelenleben auszudrücken. Wie schon gesagt, hab‘ ich erst durch deine Hartnäckigkeit und Genauigkeit die Worte gefunden! Abgesehen davon finde ich es einfach urgemütlich, wenn wir zusammen sind.«

Jetzt, jetzt konnte es losgehen!

Es ging auch etwas los! Gerade, als die Gelddinge umgebaut waren, bekam Fenna den Noro-Virus, der damals grassierte und ihr ein geschlagenes Jahr lang immer wieder Durchfälle bescheren sollte. Trotzdem begab sie sich während des Winters auf Touren, anfangs nur ein wenig am Main entlang, der Flussromantik wegen, später zogen sich die Kreise weiter und weiter, denn sie fand nichts, das ihrem Haustraum von einem liebevollen Altbau entsprach und somit auch Maos Altbauten-Liebe getroffen hätte. Das meiste war eng unddunkel und klebte am Nachbarn, so ist das in Hessen, oder es war freistehend und hell, regte aber zu gar nichts an.

Vor allem war alles für Familien gebaut: unten Küche, Gästetoilette ganz wichtig, für die vielen Kinder, die zu Besuch kommen, Esszimmer für einen Riesentisch, der Rest in mehreren kleineren Zimmern treppauf – und treppauf auf dem Dorf und den Frankfurter Außenbezirken waren die Zimmer oft nur Kammern mit niedriger Decke.

Das war nun weder vom Wohngefühl noch als Investition ein Volltreffer. In Fennas Leben war Wohnen immer: Raum füllen bis in die letzte Ecke, mit sich, mit Energie, mit Beachtung, mit Gemütlichkeit. Also: mit Geborgenheit.

Was die Investition betraf, so wollte Fenna auch etwas Praktisches fürs Alter kaufen, was in ihrem Falle bedeutete: sie unten ohne Treppensteigen, oben etwas Kleines für jemanden, der ihr, wenn es nötig wird, zur Hand gehen kann. So etwas muss ich selbst bauen! Ach, du liebe Zeit!

Willichdas eigentlich? Willichstark genug ein Haus? Die Frage war nicht redlich gestellt: Ein Haus will ich immer, ich liebe Häuser. Aber traue ich mich, dort hinein mein Geld zu stecken?

Ich will auf keinen Fall in der Finanzkrise mein Geld verlieren! Und Geldgeschäfte, womöglich Spekulationen, kommen für mich nicht in Frage: Ich verstehe nichts davon und grause mich davor! Vom Bauen verstehe ich zwar auch nichts, aber dafür gibt es ja Männer überall in der Branche, die das tun – auch wenn man immer wieder hören und lesen kann: »Betrügerischer Immobilienfritze hat Leute um ihr Geld geprellt.« Überall lauern Gefahren! Aber danach habe ich nicht gelebt! Es ging doch bisher auch gut! Wie gut habe ich Ca‘n Jordi gekauft, geschafft, verkauft. Ca'n Jordi, Fennas Hof auf Mallorca.

Nein, Fenna machte es sich nicht einfach, sie ließ auch sich selbst nicht unverdächtigt. Tue ich vielleicht automatisch, was Mao mir vorschlägt? Weil sie mich durch und durch kennt, weil sie sehen kann, was meine Seele sich wünscht? Ich kann nur meine bewussten Wünsche sehen. Das sind Häuser und ihre Geschenke. Die größere Geborgenheit gibt mir der Himmel, aber hier unten brauche ich auch eine Sicherheit. Andererseits ich bin bestimmt zu jung für ein Altenteil, ich will auch noch einmal woanders und anders leben. Wenn ich damit Mao komme, sagt sie immer: »Es ist doch nur ein Nest, von wo du frei ausfliegen kannst.«

Aha. Ein Nest – das ist doch Geborgenheit. Die brauche ich! Ich baue.

Irma hatte unterdessen eine schwere Bronchitis bekommen, die sie nicht ordentlich ausheilte, ihr Kalender war so voll, und noch voller war ihre Lust, sich nicht durch einen schwächelnden Körper von schönen Dingen abhalten zu lassen. Noro hin, Bronchien her: Nachdem »London« besprochen war, mögliche Häuser und Gegenden schon betrachtet waren, flogen Fenna und Irma miteinander nach Teneriffa. Fenna wollte nur eine knappe Woche bleiben, Irma länger, sie hatte eine Kur gebucht, weil sie sich wieder aufpäppeln wollte.

Dieser Urlaub zählte zu den besten in Fennas Leben, es schien, als hätte sie einfach alles beisammen, was sie gern tat, wen sie gern hatte, wo sie gern war. Aus der Rückschau betrachtet war er so etwas wie ein Sahnehäubchen, bevor das Leben das ganze Gebälk rocken würde: Alles war noch einmal so intensiv, von der Gemütlichkeit über die Sinnenfreuden bis zu einer Botschaft hin, die sich die beiden von Fennas alter österreichischer Frau Doktor Edith abholten, mit der sie einen astrologischen Termin verabredet hatten. Dr. Edith kannte Fenna aus den Wintern, die sie – lang war's her – auf Teneriffa verbracht hatte.

Die Tür öffnete sich, und Edith erschien wie von einer anderen Welt, sie hielt sich am Türrahmen fest und stand wie auf zwei Streichhölzern, nur noch ein Schatten ihrer selbst. Doch der Schatten lächelte, bat herein und wienerte: »Na… so ganz umsonst geht sich das mit euch Zweien nicht aus... Da muss man schon arbeiten.« Was meint sie denn damit? (Irma), Allerdings (Fenna)! Sie hatten eine Art Partnerschaftslesung für sich bestellt, und nach einem Überblick der einzelnen konträren Prägungen kam die Chemie der beiden in den Fokus.

»Das fällt schon schnell auf, dass bei Ihnen, Irma, die drei Großen Irmas hier… genau gegenüber stehen von Fennas Mond. Sie wird auf einfach alles von Ihnen mit Inbrunst eingehen, egal, wie geballt es daher kommt. Sie erhalten Austausch, Kommunikation, Wohlgefühl und auch viel Ansporn und Impulse. Das haben Sie vielleicht noch bei niemandem in der Vielfalt, der Tiefe und diesem Angenommensein gefunden. Das Ganze passiert aber nicht, weil Fenna das will oder etwas tun muss dafür, sondern das ist ihre Natur, sich einzufühlen und in andere hineinzudenken. Nun… das kann der Fenna schon mal abgehen, dass die Partnerschaft hauptsächlich auf dem intellektuellen Austausch beruht und nicht so sehr auf der Gefühlsebene! Die Fenna versteckte aber ihre schutzbedürftige Seite auch oft zu sehr! Na ja. Sie kriegt aber durch Sie, Irma, auch viel Auftrieb, das auszuleben, was sie bewegt, sowohl die inneren Anliegen selbst werden angekurbelt als auch ihr Ausleben. Die Ideen von der Irma wirken einfach so, dass sie was herausholen und auch herausfordern aus der Fenna. Und Irmas Wärme sowieso. Ja, Fen-na?«

Edith lächelte fragend, Irma machte Aha? und Fenna nickte mit einem langen Phhhhh, bevor beide wieder draußen in Sonne und Wind standen und wussten, sie hatten Edith zum letzten Mal gesehen, die war im Begriff, nachhause zu gehen... Nichts wie in eine Bar am Meer auf Kaffee oder Tee und alles, das schöne Geschenk, durchsprechen – durchhecheln, nannte es Irma immer. Windböen pfiffen in die zugige Eisdiele, Kanarienvögel flatterten in ihren Käfigen, Automaten piepsten, Fernseher lärmten, die beiden brüllten sich vor den blinden Glastüren ihre Erkenntnisse zu, und Fenna war glücklich.

Noch während sich die Suche nach einem Haus hinzog, erfuhr Fenna, dass ihr neuer Name genehmigt worden war! Das hatte sie nämlich ganz schnell in die Wege geleitet, kaum, dass die Wunderwoche vergangen war; auch das war eigentlich ein Wunder, denn solange man nicht Hanswurst oder Hitler heißt, sieht es schlecht aus. Der Amtsinspektorin erklärte sie, dass der Name Gräul zu nahe am negativen Gräuel sei, abstoßend für alle potentiellen Kunden ihrer spirituellen Arbeiten. Sie zeigte Verständnis und gab dem Gesuch statt. Wenn das kein gutes Zeichen war?! Wieder stand sie am Main und freute sich: Möge es ein interessanter, aber auch beschützter neuer Lebensabschnitt werden! Prosit, Bonnet, es möge nützen!

Im Juli fand Fenna ein Grundstück neben einem schönen Kindergartenpark im vorderen Taunus, weit wirkend, sonnig, als wertbeständige Investition eine Wucht, energetisch voll in Ordnung! Binnen weniger Tage stand die Finanzierung, sie kaufte es und ließ sich vom Makler einen Bauträger empfehlen, einen sogenannten Generalübernehmer, der das Haus hinstellt und ihr den Schlüssel übergibt. »Wir haben mit dem nur die besten Erfahrungen gemacht und sogar extra eine Mitarbeiterin dafür abgestellt!« Wenn das so ein renommierter Makler sagt, und sie hatte auch keine eigene Alternative, also – warum nicht. Sie machte auch mit diesem den Vertrag.

Während sie mit dem Noro-Virus herumlaborierte, trat Irma eine schwere Reise an: Sie hatte im letzten Winter eine heftige Bronchitis nicht ausgeheilt, war geschwächt, ohne der Schwäche nachzugeben: Den ganzen Sommer lang war sie in der Weltgeschichte unterwegs gewesen. In den kurzen Aufenthalten daheim, wenn die beiden sich trafen, jubelte sie stolz wie Oskar, wie gut sie alles geschafft und wie viel Spaß sie gehabt hatte. An diesen zwischen den Reisen eingepferchten Nachmittagen stand als Motto Irmas Motto: Jetzt ist es so, wie es jetzt ist! Ich halte durch, halte du bitte Deines durch und sei zufrieden mit dem, was ich im Moment für uns erübrigen kann!

Das war Fenna aber nicht: zufrieden. Sie fühlte sie sich zu kurz gekommen, und zwar nicht zeitlich, sondern qualitativ! Sie empfand die Freundin als tough, kontrolliert und oberflächlich, in ihrem Durchhalte-Modus halt, den Fenna durchaus schon kannte. Doch diesmal war es anders, sie fühlte sich verletzt. Sie maulte, Irma wollte ihr weiterhelfen – in ihre Richtung – und das Problem im übrigen auch von der Backe haben. Sie wich keinen Zentimeter und übernahm die Deutung des Ganzen. Fenna folgte im Großen und Ganzen, doch innen fragte sie sich: Warum gibt Irma ein Communiqué? Warum sagt sie nichts?

Dann sagte Irma etwas, ganz nebenbei: »Ich glaube, die Zeit unserer intensiven Gespräche ist vorbei.« Wie bitte? Fenna erstarrte, siehörte:»Das mit uns ist vorbei.« Sie hatte die vielen Male vor sich, da sie davon gesprochen hatten: Irma meist so »Ich profitiere so davon!« Fenna meist so: »Was für ein Glück, das wir da erleben.« Irmas Ausdrucksweise mit dem Profitieren empfand sie jedesmal als kühl und enttäuschend, es stach sie ein bisschen. Ihr fehlte Gefühl.

Fenna fragte nach. »Na ja, die großen dramatischen Geschehen, die wir so intensiv durchkauen mussten, sind ja vorbei, wir sind inruhigen Gewässern.« Nein, das sindwirnicht! Für mich geht’s gerade erst los, dachte Fenna niedergeschmettert. Irma konnte sich überhaupt nicht hineinversetzen in Fennas Entsetzen; sie versuchte es mit Sprüchen, mit Weisheit und jeder Art von Überredung, erreichte aber nichts. Fenna kämpfte entschlossen dafür, dass Irma an ihrem Platz blieb, bezogen auf Fenna – doch sie erreichte auch nichts.

Fenna fühlte sich gegängelt, abgeschmettert, von der Pelle gehalten. Sie beging den Fehler zu glauben, dass alles, was von Irma ausging, ihr persönlich galt und bewusst war, anstatt aus einem Reflex heraus, einem automatischen, nicht kontrollierten, wie dem, die Truppen loszulassen! Diesen Fehler beging sie in allen Beziehungen, mit Irma allerdings am konsequentesten.

Ausgerechnet! Denn gerade weil sie alles von sich beschreiben konnte, doch nie im akuten Moment des Geschehens und schon gar nicht später in einem Tribunal irgendetwas einräumte, wurde sie unerreichbar für Fenna. Irma war frei genug, sich jeden Widerspruch zu gestatten. Fenna schwamm, ja, Dr. Edith: Sie fühlte und dachte sich in Irma hinein und fand dort einmal etwas anderes, als Irma sich verhielt und äußerte, dann wieder etwas so auf sich Bezogenes, was sie überhaupt nicht kapierte, denn Irma war ein liebevoller Mensch.

Wie funktionierte das – dass Irma manchmal doch auch in Fen-nas Welt gewesen war? Zum Beispiel in diesen genauen, diesen Forschergesprächen? Fenna durfte, so wie es Dr. Edith gesagt hatte, viel erleben, Irma lud sie in ihre Innenwelt ein. Dem kam Fenna liebend gern nach. In ihrer eigenen Welt war sie dann kaum, während Irma die Ihre kaum je verließ, auch nicht, wenn sie half und sprach und gab. Nur bei diesen genauen, diesen Forschergesprächen, war Irma auf Fennas Spielwiese gekommen.

Es war verwirrend, Irma war ihr dickstes Ei. Fenna dachte und fühlte fieberhaft hinterher, wenn Irma schon längst um die Kurve war. Wieso verhält sich Irma, als schütze sie sich vor mir? Ich habe doch so Schönes anzubieten. Und schützen... das tut man sich bei Angriffen. Ich greife sie doch nicht an. Oder?

Nun begann das große Diskutieren, scheußlich genug, denn beide benutzten in dieser Phase die Psychologie, um der anderen etwas nachzuweisen. Keine ließ natürlich auf sich sitzen, was die andere anmutete. Die beiden griffen ineinander wie die Zähne der Zahnradbahn in die Zahnstange des Gleises.

Es war unterdessen schon fast Winter geworden, da bekam Irma eine schwere, zuletzt lebensbedrohliche Lungenentzündung. Sie erlebte sie daheim im sonnendurchfluteten Zimmer und behandelte sie ausschließlich mit Maos sanften, aber tiefgehenden Mitteln (Jochen tobte, war aber machtlos), und sie erlebte dies alles wie in Liebe gebettet. Im hohen Fieber hatte sie auch Visionen, wie ihr Leben werden soll: leicht! Endlich leicht, so wie sie es sich immer ersehnt hatte, spielerisch, frei, voller Abenteuer. Sie würde die Ihren sowieso immer weiter tragen, das könnte die gute Seele nicht anders, aber sonst?! Sie träumte und wünschte sich einer neuen Lebensetappe entgegen.

Es tat ihr ein bisschen weh, dass Fenna sich anscheinend nicht einfühlen konnte in diese besondere Phase des Übergangs, dass sie nicht gespürt hatte, wie schwach sie das ganze Jahr hindurch gewesen war. Nein, das hatte Fenna nicht, alles andere als das, denn wenn jemand sich schwach fühlt, dann verhält er sich in Fennas Welt auch so, gibt Ruhe beispielsweise. Nun, jetzt war es unüberfühlbar, dass Irma sehr krank war. Fenna hielt durch, nahm sich zurück, und im Januar und Februar kämpften sie, dann waren sie wieder beieinander, weil sie einander wichtig waren und vertraut.

3. Kapitel

Hagalaz

»Ach, du liebe Zeit!« Fenna hatte bestürzt vom Begleitbuch aufgesehen und las vor: »Hagalaz: Radikale Veränderung, Hagel, kein Stein bleibt auf dem anderen. Ein selbst herbei gesehnter Angriff von Kraft, der das Gewebe des Bisherigen zerreißt.« Es war März 2010, sie hatten in Irmas Zimmer Runen gezogen. »Phhhhh. Das ist nicht von Pappe«, sagte Irma mit gerunzelter Stirn. »Ja. Eine Nummer kleiner hätt’s auch getan«, scherzte Fenna kleinlaut. Ihr war mulmig. Lief der vor ein paar Wochen begonnene Rohbau nicht durch?

Tag für Tag, Monat für Monat wurde klarer, was Hagalaz bedeutete. Um es kurz zu machen, so kurz wie nötig: Zunächst verschleppte die so hoch-empfohlene Firma, der Generalübernehmer des Baus, ihre Insolvenz und vertuschte den Unwillen, noch weiterzubauen und Fennas Geld an die Handwerker weiterzureichen. Diese ließen daraufhin den Hammer fallen. Architekt und Statiker waren ganz weg, der Bauleiter meist weg, in der Firma keiner zuständig oder jedes Mal ein anderer, der nichts mehr tat.

Den Bau verkaufen, noch bevor der Innenausbau gelungen war? Niemals. Ich muss ihn zu Ende kriegen, sonst verliere ich noch mehr!

Fenna zahlte, teils zum zweiten Male, damit sie zu Ende werkelten. Dabei pfuschten sie, was Fenna größtenteils entging – sie wohnte in Frankfurt und konnte nicht den ganzen Tag auf einem Klappstuhl dabei hocken oder nur warten, bis und ob jemand kommt, auch verstand sie nichts von der Sache. Nun: Sie verlor noch mehr! Ein Pfusch und ein Betrug reihte sich an den anderen, sie konnte zusehen, wie ihre Alters-Rücklagen in einer Lawine ausUnrat, Unmoral und Unkenntnis in einen Schlund rutschten, der sich einfach nicht füllen und schließen wollte.

Der Bauleiter, dem sie vertraut hatte, pfuschte noch mit am ärgsten. Andere hielten sich gar nicht erst mit Pfuschen auf, die logen und betrogen ganz dreist. Gute Ratschläge, nicht gefolgt von einer helfenden Handlung, garnierten den Weg, sie garnierten sogar den Zuweg zum Hause: Regelmäßig stand da jemand und wusste es besser, bevor er wieder verschwand.

Zu allem Überfluss schloss die Bank plötzlich »die Etage für den Kundenservice«. Weg von einem Tag auf den anderen war ihr Ansprechpartner für die Finanzierung, ersetzt durch ein Call-Center, mit über die ganze Republik verstreuten einzelnen und immer wieder neuen Telefonisten, die selbst nicht mehr entscheiden dürfen und eigens zum Abweisen geschult wurden. Fenna stand buchstäblich auf der Straße, im Regen...

Ebenso eisern wie erfolglos versuchte sie, Übersicht und Kontrolle zu behalten, die Männer sinnvoll zu vernetzen, effiziente Terminabfolgen mit ihnen zu vereinbaren. Um das zu schaffen, war sienett,was ihr aber womöglich mehr schadete, als es nützte, denn es schien zu besagen: »Mit der können wir's machen!« Wäre ein 1,90-Meter-Mann neben mir, dachte Fenna,dasnähmen sie ernster!

Beim Amt kannte man sie schon. So oft es ging, ging sie persönlich hin und sprach mit den Leuten, wie ihr der Schnabel gewachsen war, saß manchmal auf einem Stuhl wie festgewachsen, bis einer endlich zum Telefon griff. Wussten sie, dass Fenna den Karren allein durch den Dreck zog? Möglich. Aber sie mussten gegen Fenna vorgehen, als sie beim Amt von Nachbarn angeschwärzt wurde, da über ihren Kopf hinweg das Gelände zusammengeschoben wurde.

Sie schuftete wie eine Maschine, halb ohnmächtig, diesmal wirklich! Es war nachgerade ein Wunder, dass sie gesund blieb (HerrNoro war fort!) und jeden Abend in ihrer Wohnung bei Essen, Rauchen, Fernsehen, Wein, zwei Stunden Frieden genießen und sogar einschlafen konnte. Irma tröstete sie und hörte sich alles an. »Durchhalten!«, sagte sie. »Jetzt dies noch, dann bist du doch durch, dann ist das Ende abzusehen.« Irgendwann bat Fenna sie, das nicht mehr zu sagen, wurde es doch in immer kürzerem Takt widerlegt...

Absurd, grotesk, wie soll ich das sonst noch nennen, denkt Fenna! Ich sitze auf dem Stapel Styropor. Nebenan im Technik-Heizraum flucht ein Elektriker beim Telefonieren mit dem Heizungsinstallateur, der die Heizung falsch und teils gar nicht angeschlossen hat. Ich entnehme den Flüchen, dass sich der Installateur längst in Süddeutschland befindet und sich nicht mehr für zuständig hält. Es ist schon Oktober und ziemlich kalt. Ich bete zum Himmel und zum Elektriker: Stell doch wenigstens die Heizung wieder an, sonst trocknet doch nichts! Ein letzter Fluch, dann stürmt der Elektriker an mir vorbei. »Reißen Sie alles raus! Machen Sie alles neu! Außerdem: Was habe ich überhaupt damit zu tun?!«

»Bitte-bitte!« Ich renne ihm nach und zupfe an seinem Ärmel, bis er zurück geht und wenigstens wieder den Betriebsmodus einschaltet. Ich begleite ihn, überschwänglich dankend, zu seinem Auto, als drei Männer von der Stadt gerade einparken. »Ist der Telekom Mann noch nicht da?« »Er wollte…« »Ohne den können wir nichts machen. Der muss dabei sein, um das Kabel in der Zuleitungsgrube durch das Leerrohr zu schieben.« »Könnten Sie das nicht?« »Tja, können… Nee. Sie melden sich wieder?!« Moment, ich rufe ihn an, sage ich. Die Männer sind geladen, die Leitung belegt… Jetzt. Der Telekom-Mann schafft es heute nicht mehr. Sie zucken die Schultern und fahren fort.

Der Nachbar gesellt sich zu mir und meint: »Das hätten die doch selbst durchschieben können! Das ist doch kein Kunststück.« Ichsehe ihn an. »Also. Ich kann wirklich nicht, ich komme gar nicht hinunter in die Grube und wieder 'rauf schon gar nicht. Würden Sie das vielleicht gerade machen können?« »Ach...«, er sieht an seiner Kleidung herunter, »jetzt geht das nicht. Ich muss meinen Ältesten vom Sport abholen! Ich melde mich!« Ja. Das kenne ich.

Nach drei Wochen habe ich endlich die vier Musketiere gleichzeitig bei mir.

Sogar die Freundinnen aus dem Team von Mao kamen über ein Wochenende, um mit Fenna zusammen im Haus auf dem Estrich eine kleine Party zu feiern, das Haus zu segnen und mit Gesängen und hellen Gedanken zu heben. Denn Fenna konnte das Haus nicht lieben und sich nicht darauf freuen. Auch wütend auf die Täter, die sich als armes Opfer aufplusterten und es auf eine Art sogar waren, konnte Fenna nicht sein; sie war einfach fertig, klapprig und ausgezehrt. Das Einzige, was sie freute, war, dass nun allen das Maul gestopft war, die sie immer für nicht belastbar und mit dem Kopf irgendwo, nur nicht auf der Erde, gehalten hatten.

Ende November zog Fenna in den nicht völlig fertig gestellten Bau ein, und praktisch sofort brach ein Winter herein, der meterhohen Schnee auf den Krater rund ums Haus und die noch ungedämmte Dachterrasse fallen ließ, den sie kaum wegzuschippen vermochte. Trotzdem schrie sie in der Silvesternacht »Juchhu! Es kann nicht schlimmer werden! Also wird es besser!«

Doch, es kam noch schlimmer, jetzt kam's eigentlich am schlimmsten. Denn jetzt war sie in ihrem Haus, das kein Nest war, kein Zuhause, und das angelegt auf lange, lange Zeit… Sie riss sich zusammen, denn das Haus musste fertig werden – vielleicht dann? Jetzt wurde sie noch eklatanter betrogen von einem mit besonders hellen, klaren Augen, der den Pfusch des Ex-Bauleiters für vielGeld sanieren sollte und mit Schwung und Sachverstand begann – doch er verschwieg Fenna seine Offenbarungseide und tauchte ab. Denn allerletzten Rest, die Top-Energie-Heizung, eine Luftwärmepumpe mit kontrollierter Be- und Entlüftung – kriegte Fenna erst im kommenden Jahr in Ordnung.

Das Insolvenzverfahren der Firma wurde eröffnet, doch bei über hundert noch vor ihr rangierenden Kunden und Handwerksbetrieben auf der Liste war für Fenna keine Aussicht auf Erfolg. Sie schwieg.

Nur einmal flippte sie aus. Es klingelte, die Maklerin, die »extra abgestellt war, um diesen guten Bauträger einzufädeln«, klingelte an der Tür und erkundigte sich zwitschernd, ob's denn nun schön sei im eigenen Haus, ach sieh an, und der Garten... Als Fenna ihre zitternde Stimme erhob und mit jedem Satz lauter und fester sprach, wich sie rückwärts auf die Straße aus, streckte sie die Arme von sich, wie um sich vor dem Leibhaftigen zu schützen, rief »Nein! Nein! Nein!«, und stob zu ihrem Auto. Sie hat alles gewusst, dachte Fenna – oder auch nicht, was soll es noch. Als sich im Jahr darauf herausstellte, dass die feinen Makler sich vom Unternehmer hatten schmieren lassen, war's schon egal.

Da saß sie nun in ihrem Haus wie in einer Falle. Sie hatte etwas getan, hinter dem kein bewusster Wunsch gestanden hatte, nun bezahlte sie die Rechnung – zu allem anderen hinzu, das sie zahlte. Mist, Mist, Mist.

Fenna hatte durchaus mit Mao telefoniert, immer einmal zwischendurch. Sie konnte sich nicht verstellen in ihrer »Dunkelheit« und fragte, was sie denn falsch gemacht habe. Doch neben der allgemeinen Feststellung der Verwahrlosung der Sitten – »Diese Art von Pech hat eigentlich nichts mit dir zu tun.« – erhielt sie keine wirkliche Erklärung dessen, was sich zugetragen hatte. »Du hast nichts falsch gemacht!«, sagte Mao. »Und du wirst immer Hilfe kriegen, wenn du darum bittest.«

Ich. Bitten. Als hätte ich nicht gebeten, dachte Fenna bitter.

»Wo warst du?«, fragte sie Mao.

»Ichwarbei dir, jeden Abend! Du hast mich aber nicht gespürt. Das konntest du schon mal besser! In deiner tiefsten Einsamkeit damals suchtest du mich nicht nur physisch – da warst du offener... Ich habe es dir nicht direkt gesagt, denn ich sollte dich nicht so viel heben! Das muss aus dir kommen.«

Was sollte aus mir denn noch alles kommen? Fenna war enttäuscht und sauer und schämte sich dafür sofort, mein Gott, ich glaube es ja, dass sie mich fernbesucht hat, und die dänische Gruppe war auch weit gereist gekommen. Sie versuchte, ihren Sinn wieder zu heben, indem sie einräumte, dass vielleicht hinter allem ein noch verhüllter guter Grund stecke. Stattdessen plumpste sie senkrecht in eine tiefe Kuhle, eine »spirituelle Nacht«, ins wehe Gefühl, überhaupt keine Führung und Hilfe vom Himmel bekommen zu haben, keine Menschenkenntnis mehr zu haben, nichts mehr zu wissen, nicht einmal, ob sie irgendeinen Fehler gemacht hatte oder wenn ja, welchen.

Die »spirituelle Nacht« hatte ihr einen Knacks versetzt, und sie wusste nicht, wie sie den heilen kann, denn so einen Knacks hatte sie noch nie gehabt.

4. Kapitel

Mein Wille geschehe!

Im Juni fuhr sie mit Irma nach Dänemark, ganz ratlos. Die Kredite würde sie kaum lange mehr bedienen können. Was stand an? Aufgeben! Ich bin halt gescheitert, was man doch zugeben kann, angekommen bin ich dort überhaupt nicht und rechne nicht mehr damit, es ist wie vergiftet, dachte Fenna. Ihr Geld war so zusammengeschmolzen, dass sie sich nicht arm wohnen wollte: Vermieten hätte sie nicht mehr gekonnt, das hatte sie durchgerechnet, denn was hineinkäme, würde übertroffen von dem, was sie selbst zahlen müsste an Kreditkosten plus einer Miete irgendwo.

Ich möchte verkaufen, möchte hier weg, ich werd's mir überall schön machen!

Irma war kreuzunglücklich, als Fenna das sagte, so sonnendurchflutet, so hübsch eingerichtet war das Haus – aber Fennas Herz war zu, sie konnte sie nicht aufheitern, nicht einmal das plötzliche Geldgeschenk, das Fenna aus überraschender Ecke erhielt und mit dem sie die letzten Rechnungen für die Reparatur der Reparatur bezahlen konnte...

Nun saßen die beiden an Maos rundem Tisch. Ach herrje, wie wurde Fenna von ihr zusammengefaltet, als sie damit zu ihr kam – zu ihr, die nie etwas anderes als Hindernisse erlebt hatte, die in ihrem Rollstuhl von Werkern und Planern ständig nicht ernst genommen und betuppt worden war! Fenna wolle ihr Kind wegschmeißen, nur weil die Wehen zu lang und zu schmerzhaft gewesen seien, bevor es erst mal auf die Welt dürfe und sie es anschaue, sagte Mao streng. Das sei ja wie eine Abtreibung!

»Ich fühle mich aber so kraftlos, so niedergeschlagen und so entfernt vom Himmel wie in einer spirituellen Nacht, Mao!« »Umnachtung schon eher...«, brummte Mao. »Nee. Es wäre fatal, wenn du es so schnell wegwirfst nur wegen des ungewohnten WenigGeld-Gefühls. Du kennst die Realität noch gar nicht, dir fehlen auch noch Informationen!«

»Es ist zu spät!« »Ach, was. Hör mir zu! Abhilfe ist möglich, sagen sie im Himmel, der Soundso kann dir helfen, wenn du ihn auf die rechte Weise bittest! Dann kann es gehen!«

Fenna fuhr heim, bekam vom Soundso die Hilfe tatsächlich, konnte umschulden. Darüber hinaus entdeckte sie mehr Möglichkeiten und auch »die Realität«, nämlich eine eigene Schlamperei, die ihr während des Chaos passiert war, denn sie war so mürbe gewesen, dass sie das Alphabet nicht mehr beherrschte, hirnrissig ablegte und etwas Bedeutendes vergaß.

Binnen weniger Wochen war das krasseste Unheil abgewendet. Auf den Tag genau ein Jahr nach ihrem Einzug lief das Haus.