Wolfgang Kohlhaase - Bastienne Voss - E-Book

Wolfgang Kohlhaase E-Book

Bastienne Voss

0,0
19,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Berlin – Ecke Schönhauser,Solo Sunny,Die Stille nach dem Schuss,Sommer vorm Balkon– wer kennt sie nicht, diese großen Filme.

Hinter allen steckt ein Mann: Wolfgang Kohlhaase – einer der wichtigsten Drehbuchautoren der deutschen Filmgeschichte. Sein eigenes Leben ist dabei mindestens so spannend wie seine Geschichten: 1931 hineingeboren in die taumelnde Weimarer Republik, aufgewachsen in der Nazi-Zeit, vier Jahrzehnte DDR und zwei im wiedervereinten Deutschland. Berühmt im Osten wie im Westen.
In ihrer persönlichen Annäherung an Leben und Werk erzählt Bastienne Voss dieses bewegte und bewegende Jahrhundertleben entlang von Kohlhaases Filmen, mit vielen Zeitzeugen-Stimmen und autobiographischen Dokumenten.

»Kennt die deutsche Filmgeschichte und Literatur einen anderen Autor, der so pointiert und menschenklug, so sparsam in den Mitteln und so vollkommen selbst in den Auslassungen erzählen konnte? Ich wüsste keinen.« Judith Schalansky.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Cover for EPUB

Über das Buch

Wolfgang Kohlhaase gilt als einer der besten Drehbuchautoren Deutschlands und wurde von Regisseuren wie Schauspielern für seine  Detailgenauigkeit, seine Lakonie, seinen Sprachwitz verehrt und geliebt. Seine Stoffe fand er meist »vor der eigenen Haustür« und die war zeitlebens in Ost-Berlin. Und wovon erzählten seine Geschichten? »Ein gutes Drehbuch, sagte Kohlhaase, sollte von Liebe, Tod und Wetter handeln.« Denn wie in seinen Filmen, liebte er auch im echten Leben die Pointe. Die große Welt im Kleinen zu zeigen, lag ihm am Herzen. Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit, Alltag und Utopie in der DDR, Leben im wiedervereinten Deutschland, Gaunereien, Träumereien, Nachtleben, Boxen – das waren seine Themen. 

Bastienne Voss hat sich auf die Spuren Wolfgang Kohlhaases begeben, die seines Lebens und die seines Werkes. Entstanden ist dabei ein persönliches Porträt, das zeigt, auf welch einzigartige Weise Film und Wirklichkeit ineinander verwoben sein können.

Über Bastienne Voss

Bastienne Voss ist Schauspielerin und Schriftstellerin. In »Drei Irre unterm Flachdach« (2007) erzählt sie die Geschichte ihrer Kindheit in Ost-Berlin. Es folgte ihr Roman »Mann für Mann« (2010). 2015 veröffentlichte sie »Glaubt mir kein Wort«, die nachgelassenen satirischen Texte Peter Ensikats. 2019 erschien der Wenderoman »Grünauge sieht dich«. Sie lebt in Berlin.

ABONNIEREN SIE DEN NEWSLETTERDER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehr

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlage.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Bastienne Voss

Wolfgang Kohlhaase

Von Solo Sunny bis Sommer vorm Balkon − ein Leben wie ein Film

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Volker Schlöndorff: Vorwort

Diese Weite, ungeheuer — Prolog

Mach mal

Das gute Ende darf nicht leicht verweigert werden

Man muss neugierig bleiben

Denken ist wie Licht, es geht in jede Richtung

Poesie und Gebrauchsanweisung

Ich höre auf, aber ich bin nicht fertig

Mama, ich lebe

Solo Sunny oder: Deine Füße sehen so zufrieden aus

Der Aufenthalt

Die Zeit, die bleibt

Der Bruch oder: Der Vogel bleibt zwei Jahre und acht Monate

Die Stille nach dem Schuss oder: Gute Helden müssen sterben

Kohlhaase und der Sozialismus oder: Hinterher ist man immer klüger

Sommer vorm Balkon oder: Der Mensch ist eine Zwischengröße

Whisky mit Wodka oder: Es lohnt sich nur für alles, was man noch nicht hatte

I Phone You oder: Ausflug, der dritte

Emöke

Als wir träumten oder: Die Welt ist schon verkauft

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Ich war neunzig oder: Hör niemals auf, es hört von selber auf — Epilog

Fotos

Anmerkungen

Mach mal

Das gute Ende darf nicht leicht verweigert werden

Man muss neugierig bleiben

Denken ist wie Licht, es geht in jede Richtung

Poesie und Gebrauchsanweisung

Ich höre auf, aber ich bin nicht fertig

Mama, ich lebe

Solo Sunny oder: Deine Füße sehen so zufrieden aus

Der Aufenthalt

Die Zeit, die bleibt

Der Bruch oder: Der Vogel bleibt zwei Jahre und acht Monate

Die Stille nach dem Schuss oder: Gute Helden müssen sterben

Kohlhaase und der Sozialismus oder: Hinterher ist man immer klüger

Sommer vorm Balkon oder: Der Mensch ist eine Zwischengröße

Whisky mit Wodka oder: Es lohnt sich nur für alles, was man noch nicht hatte

I Phone You oder: Ausflug, der dritte

Als wir träumten oder: Die Welt ist schon verkauft

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Ich war neunzig oder: Hör niemals auf, es hört von selber auf. Epilog

Abbildungsnachweis

Dank

Impressum

4

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

100

101

102

103

104

105

106

107

108

109

110

111

112

113

114

115

116

117

118

119

120

121

122

123

124

125

126

127

128

129

130

131

132

133

134

135

136

137

138

139

140

141

142

143

144

145

146

147

148

149

150

151

152

153

154

155

156

157

158

159

160

161

162

163

164

165

166

167

168

169

170

171

172

173

174

175

176

177

178

179

180

181

182

183

184

185

186

187

188

189

190

191

192

193

194

195

196

197

198

199

200

201

202

203

204

205

206

207

208

209

210

211

212

213

214

215

216

217

218

219

220

221

222

223

224

225

226

227

228

229

230

231

232

233

234

235

236

237

238

239

240

241

242

243

244

245

246

247

248

249

250

251

252

253

254

255

256

257

258

261

262

263

264

265

266

267

268

269

271

Für Helmar

Vorwort

Volker Schlöndorff

Aus diesem Buch habe ich viel erfahren über meinen Freund Wolfgang Kohlhaase, den ich gut zu kennen glaubte, und noch mehr über das Umfeld, in dem er aufgewachsen ist, in dem er gearbeitet hat, das ihm seine Geschichten geliefert hat. Viel mir Neues auch über die DEFA und die DDR, die ich nach fast fünfunddreißig Jahren Leben »im Osten« gut zu kennen glaubte. Denn, sobald ich im August 1992 die Geschäftsleitung der DEFA-Studios in Babelsberg, nolens volens, übernommen hatte, suchte ich nach Kollegen, die mir das Land, in dem ich nun ankam, erklären konnten. Es waren Heiner Carow mit seiner Frau Evelyn Carow und Wolfgang Kohlhaase mit Emöke Pöstenyi. Wolfgang ging schnell auf meinen Vorschlag ein, gemeinsam einen Film zu machen, in den jeder seine völlig andere Erfahrung mit Deutschland einbringen könnte.

Wir suchten und fanden verschiedene »wiedervereinigungsbedingte« Kriminalfälle, die uns aber alle anekdotisch erschienen. Als ich ihn im November 1992 in seinem Haus in Reichenwalde aufsuchte, fragte er mich, ob ich auch von der kuriosen Geschichte der zehn westdeutschen RAF-Leute, die in der DDR untergetaucht waren, gehört hätte. Das wäre doch ein Film: Was konnte sie, diese freien anarchistischen Vögel, bewogen haben, das ganz normale »Leben der Arbeiterklasse« zu führen, und was konnte den vorsichtigen ostdeutschen Staat bewogen haben, ausgerechnet »Anarchisten« aufzunehmen?! Hatte nicht Lenin schon vor ihnen gewarnt? Ich zögerte kurz, wollte nicht noch eine Verlorene Ehre drehen und nicht noch einmal mich mit denen befassen, mit denen ich als »Sympathisant« schon Jahre verbracht hatte.

Doch Wolfgangs stille Begeisterung war ansteckend. Wir sollten es versuchen. So saß Wolfgang Kohlhaase also wieder in dem DEFA-Studio, in dem er über dreißig Jahre gearbeitet hatte. Er war als junger Mann, Anfang zwanzig, schon an diesen Ort gekommen, völlig unbeeindruckt von den »heiligen Hallen«, in denen vor Jahrzehnten Fritz Lang, F. W. Murnau, Lubitsch und Marlene Dietrich große Filme gemacht hatten, unbeeindruckt auch von dem Propagandaschund (Jud Süß, Kolberg), der unter Goebbels hier gedreht wurde.

Für Wolfgang begann in den Nachkriegsjahren eine neue, aufregende Zeit, nach den Nazis ein Staat, der Gerechtigkeit für alle verhieß, für ihn Arbeit in einem Filmstudio, das ein Schmelztiegel war, wohin »alte Hasen« aus der Emigration in der Sowjetunion zurückkamen und junge, ehrgeizige Leute aus Berlin starteten, wie er. Sie brauchten kein Manifest gegen Papas Kino, um gesellschaftlich relevante Stoffe zu behandeln, es war ihnen sogar vorgeschrieben. Fast zehn Jahre bevor wir im Westen Gegenwartsstoffe auf die Leinwand brachten, schrieb Kohlhaase, damals sechsundzwanzig, schon Berlin – Ecke Schönhauser. Und als der Junge Deutsche Film endlich geboren war, wurden 1966 junge DEFA-Filme von der SED wegen »Skeptizismus« unterdrückt, sie waren der Partei nicht genehm, also wurden sie nicht genehmigt. Ulbricht selbst beschied, die Regisseure und Autoren müssten »richtig sehen lernen«, nämlich so wie die Partei. Geschehen auf dem 11. Plenum des ZK der SED 1965, das ich in Paris so wenig wahrgenommen hatte wie meine Kollegen in München und Oberhausen.

Diese Auseinandersetzungen waren für mich so neu wie die Produktionsbedingungen in einem staatlichen Filmwesen. Ich wollte mehr darüber wissen, und was Wolfgang mir während der Arbeit nicht erzählt hat, erfahre ich nun aus diesem Buch, dessen Autorin die Zeit und die Umstände, Leben und Tod Wolfgang Kohlhaases miterlebt hat. Das ist besonders spannend für uns aus dem Westen und für alle Nachgeborenen, die sich nicht mehr vorstellen können, »wie es damals war«.

Es war so, dass praktisch die Arbeit von mehreren Jahren nicht in die Kinos kam. Wolfgang Kohlhaase denkt sich seinen Teil, ist ein Arbeiterkind, das gelernt hat im Umgang mit Mächtigen listig zu sein. Was hätte er tun können? Auf die Straße gehen? Lautstark protestieren? Sit-ins abhalten, wie die Studenten auf der anderen Seite der Mauer? Ausgeschlossen, siehe Budapest und Prag zwei Jahre später. Wie alle anderen war er empört, dass jede Diskussion im Lande unterdrückt wurde. Konrad Wolf schrieb einen Brief an die Parteileitung. Christa Wolf bezog Stellung im Schriftstellerverband. Die meisten schwiegen. Wolfgang Kohlhaase kann drei Jahre lang nicht arbeiten. Im Westen passiert so etwas, wenn man einen Flop hat. Er aber kann keinen Film mehr schreiben, weil die wunderbaren Filme, die er in den Jahren des Aufbruchs geschrieben hatte, zwar Erfolg, aber die falsche Sichtweise hatten.

In einer Art innerer Emigration schreibt er wunderbare Novellen, die später zum Teil verfilmt werden. Weil er nicht »zum Märtyrer taugte, kein Fanatiker war und keine Parteizentrale abfackeln wollte, wie Michael Kohlhaas die Burgen der Feudalherren«, erzählte er mir, blieb ihm der Kontakt mit der Stasi, mit der Justiz, mit dem Knast erspart. Vielleicht hatte er mangels dieser Erfahrung einen milderen Blick auf erstere Institution und wunderte sich, warum sie nach der Wende so »dämonisiert« wurde. Aus seiner Meinung hat er nie einen Hehl gemacht, aber statt sie in offenen Briefen zu artikulieren, legte er sie seinen Rollen in den Mund. Der Stasi-Mann fragt die in einem Textilkombinat untergetauchte »Terroristin«:

»Siehst du Westfernsehen?«

»Warum?«

»Da halten Frauen ihre Kinder hoch, wenn sie in Prag in die westdeutsche Botschaft klettern. (Pause) Und siehst du davon was im Ostfernsehen? Siehst du. Manche Leute schlafen in diesem Land, das ist meine Sorge im Moment. Na ja, wir kriegen es wieder hin, wir haben es immer wieder hingekriegt.«

So nutzte er auch Die Stille nach dem Schuss, um einiges klarzustellen. Es war gerade das Widersprüchliche des Geheimdienstes, der »Anarchisten« Zuflucht bot, das ihn reizte. Er las bergeweise Akten, die er wohl aus dem Umfeld des letzten Innenministers erhalten hatte, sprach mit den Führungsoffizieren, an die er durch persönliche Verbindungen gekommen war und besuchte Susanne Albrecht, die Nichte des Bankiers Erich Ponto, dessen Leben sie auf dem Gewissen hatte, im Knast in Hannover. Eine gebrochene, tragische Existenz, für die er Sympathie hatte und die nun nach so vielen Jahren »Gefängnis DDR«, auf ihren Prozess wartete.

Wolfgang wollte mit den wirklichen Personen sprechen, um Gesichtspunkte für fiktionale Personen zu finden. Er wollte etwas finden, um etwas erfinden zu können. Denn der Film sollte auf keinen Fall eine Dokumentation sein, sondern eine romanhafte Erzählung. So arbeiteten wir an einem Drehbuch über die Eine, die das Leben in der DDR als eine lange Qual empfunden hatte. Im März 1994 war es fertig – und keiner wollte es, weder das Fernsehen noch die Filmbranche. Von der RAF und diesen fanatischen Terroristen wollte niemand mehr etwas wissen. Noch weniger von verwöhnten Bürgerkindern, denen das Exil in der DDR nicht gut genug war. Und schon gar nicht von der Stasi so kurz nach der Wende. (Das Leben der Anderen kam erst zwölf Jahre später.) Nach vielen Recherchen, nach vielen Begegnungen und trotz eines wunderbar lakonischen Drehbuchs war das Projekt gescheitert.

Vier Jahre später fuhr ich wieder zu Wolfgang mit der Erkenntnis, dass wir uns vielleicht für die falsche Hauptperson entschieden hatten, für die Passive, die Unglückliche. Es gab da noch die Andere, die Entführerin des Berliner CDU-Politikers Lorenz. Sie war es, die den Deal mit der Stasi gemacht hatte, um ihren Genossen und sich selbst zu erlauben, aus der Spirale der Gewalt »auszusteigen«, ohne sich jedoch der Polizei in der verhassten Bundesrepublik zu stellen. Der Stasi-Mann sagt ihr:

»Rita, ich finde es mutig, dass du hiergeblieben bist, wo du so ein freifliegender Vogel bist. Du wirst sehen, dass wir die Leute manchmal zu ihrem Glück zwingen. Das müsstest Du ja eigentlich verstehen. Wir sind für die Leute und deshalb sind wir gegen sie. Scheißdialektik, aber ich glaube, es geht nicht anders. Du wirst den Sozialismus schon mit den richtigen Augen sehen.«

Und er fügt hinzu:

»Denk nur nicht, du triffst hier auf lauter Kommunisten. Erwarte kein politisches Bewusstsein, wie du es hast. Vierzig Jahre sind nicht viel, um was zu erreichen, aber genug, um eine Menge Fehler zu machen.«

Wolfgang Kohlhaase hatte eine Wahlverwandtschaft zwischen alten Antifaschisten und jungen Terroristen entdeckt. Es war aber auch seine eigene Überzeugung: »Revolution und Romantik«, etwas von einem solchen Traum hatte sich in der DDR erhalten, erklärte er mir, gerade auch bei denen, die für den Sozialismus gekämpft und gelitten hatten. Sie kamen aus dem spanischen Bürgerkrieg, aus dem Widerstand gegen Hitler, aus dem Exil in Moskau.

Unsere »Heldin« Rita, wie wir sie genannt haben, war im Gegensatz zu der Hamburger Bankiersnichte glücklich in der DDR. Beide hatten unter neuen Identitäten sehr unterschiedliche Leben und Lieben erlebt, ohne dass ihre Partner je wussten, »wer sie eigentlich waren«. Als die Wende kommt und sie enttarnt werden, lässt Wolfgang seine Heldin eine eindringliche Rede an ihre Mitarbeiter im Textilkombinat Gera halten:

»Ihr wisst nicht, was ihr verlieren werdet. Weil euch nicht einfällt, was ihr habt. Weil ihr das einfach vergesst im Moment. Es ist vieles beschissen im Leben, hier wie anderswo, aber ihr könnt hier nicht rausfliegen, nicht aus der Arbeit, nicht aus der Wohnung, ihr könnt nicht rausfliegen, weil das hier ein Versuch ist, so zu leben, dass das Geld nicht alle Dinge regelt. Ein unerhörter Versuch, der wahrscheinlich gerade schiefgeht. Der Versuch, ein Produkt herzustellen, das Gerechtigkeit heißt. Bald wirst du die richtige Hose anhaben, die kannst du dir vielleicht leisten, aber keinen Arsch mehr in der Hose, den kannst du dir nicht leisten.«

Selten hat Kohlhaase eine so lange »Rede« geschrieben, sie scheint sein Abgesang auf die DDR. Er hatte eine »Sympathie für diese romantischen jungen Leute, die wenigstens einmal im Leben das Unmögliche versuchen wollten«. Einen General ließ er sagen: »Ich träume immer noch, es ist doch nichts fertig.« Darin lag Melancholie und die stille Frage, ob die Sache – Geschichte – überhaupt jemals fertig werden wird. Doch solche allgemeinen philosophischen Betrachtungen waren eigentlich Wolfgangs Sache nicht und sind auch nicht der Schwerpunkt dieses Buches. Hier geht es konkret um Situationen und Stationen seines Lebens und seiner Arbeit, um viele wunderbare Anekdoten aus dem Mund von Weggefährten und um Zitate, die insgesamt eine Fibel zum Filmemachen ergeben, die Fibel, die er leider nie geschrieben hat.

Diese Weite, ungeheuer

Prolog

Gelb-goldene Blätter auf den Bürgersteigen, es weht ein leichter Wind, die Nachmittagssonne bescheint die Dachfirste der Häuser im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Am 4. Oktober 2022 ist der Sommer noch einmal kurz zurückgekehrt. Und hier, in diesem langsam hinter den roten Ziegeldächern verschwindenden Licht, steht Wolfgang Kohlhaase. Er steht in der Raumer Straße vor einem charmant-räudigen Raucherlokal, das Speiches Rock & Blues Kneipe heißt. Er hält ein Weinglas in der Hand und ist gut gelaunt mit Leuten im Gespräch, die er von früher kennt, die er nicht kennt, die ihn ansprechen, die Fragen haben. Seit zwei Jahren sind Wolfgang Kohlhaase, die Schauspielerin Inés Burdow und ich gemeinsam unterwegs. Wir lesen aus seinem Erzählband »Erfindung einer Sprache« und aus dem Buch »Um die Ecke in die Welt. Über Filme und Freunde«. Immer liest Wolfgang auch selbst eine seiner Geschichten, und immer gibt es hinterher ein Publikumsgespräch. Unsere Lesetouren machen ihm Spaß. Unsere Truppe nennt er den »kleinen Wanderzirkus«, unsere Auftritte »Spätlese«. In ein paar Minuten wird er, drinnen, in der kleinen dunklen Kneipe, nur ein paar Schritte entfernt von »Berlin – Ecke Schönhauser«, auf der Bühne sitzen und ein Interview für einen Radiosender geben.

Es dauert zwei Stunden. Kohlhaase redet über sein Leben, über die Anfänge bei der DEFA, über Drehbücher, Menschen, Filme, über die vielen Jahre, die vergangen sind. Der Moderator und ich haben kaum eine Chance, dazwischen zu kommen. So lebendig, so farbig und pointiert, so in sich geschlossen ist, was Kohlhaase erzählt. Das Lokal ist zum Bersten voll, und der Abend endet mit einem Applaus, der überhaupt nicht aufhören will. Dann steht man noch ein bisschen herum, es gibt immer noch Fragen. Und Kohlhaase gefällt der Musikschuppen mit dem alten Sofa in der Ecke, den kleckernden Kerzen auf den zerschrammten Holztischen, den Schwarz-Weiß-Fotos von berühmten Ostrockbands an den Wänden, dem Tresen, über dem der Himmel voller Gitarren hängt. Hierher will er wiederkommen. Hier will er Geschichten über den Arbeiterschriftsteller Ludwig Turek erzählen, den er gut gekannt hat. Die Atmosphäre ist dafür genau die richtige. Der Termin wird in den nächsten Tagen gemacht, so die Verabredung.

Dann gehen wir in ein Restaurant, schräg gegenüber in der Pappelallee, und sitzen an einer langen Tafel. Es wird viel und gut gegessen, getrunken, geredet, gelacht. Emöke Pöstenyi, Kohlhaases Frau, ist dabei. Irgendwann möchte sie aufbrechen, nach Hause, nach Reichenwalde zu den Katzen. Ein ewiges Thema zwischen den beiden. Wolfgang hat ein Glas zu viel getrunken, um noch fahren zu können. Emöke allerdings auch. Man beschließt, in Berlin zu bleiben. Überhaupt möchte Kohlhaase noch bleiben. Zu schön ist der Abend, und das Schnitzel – gefühlt von der Größe Wiens – schmeckt ihm ausgezeichnet. Lange nach Mitternacht wird ein Taxi bestellt, das Emöke und Wolfgang zu ihrer Berliner Wohnung in Mitte bringt. Wenig später klingelt mein Telefon, und Emöke sagt einen einzigen Satz: »Wolfgang ist gestorben.«

»Der wird hundert!«, das haben alle gedacht und gehofft, die Kohlhaase in den letzten Jahren nahe waren. Unsterblichkeit war ihm vorausgesagt. Es gab Termine, Pläne, heitere Aussichten und einen Stoff, den er seit Jahrzehnten im Kopf hatte. Da saß er doch gerade noch, er kann doch jetzt nicht einfach abtreten und uns zurücklassen, der Welt um die Ecke von »Berlin – Ecke Schönhauser« den Rücken kehren.

Wir sind sofort hingefahren, der Moderator des Abends Wolf Spors und ich, und haben den Rest der Nacht und den nächsten halben Tag mit Emöke an Wolfgangs Bett verbracht. Da lag einer, der friedlich aussah, der sogar ein bisschen lächelte, als wollte er sagen: »Wartet mal, das war’s noch nicht!«

Und kein Trost der Gedanke, dass der Mann, der einundneunzig Jahre alt geworden ist, der mehr als siebzig Jahre lang Filmgeschichte geschrieben hat und selber noch mindestens zehn Jahre leben wollte, vom Tod – gnädig zwar und beneidenswert – überrascht wurde wie von einem unerwünschten Gast.

Der Mann, der als Deutschlands bester Drehbuchautor gilt und von Regisseuren wie Schauspielern für seine Detailgenauigkeit, seine Lakonie, seinen Sprachwitz verehrt und geliebt wurde, hat das plötzliche Ende seiner eigenen Rolle nicht vorhergesehen.

Dieses Buch ist eine persönliche Annäherung an das künstlerische Lebenswerk Wolfgang Kohlhaases. Viele Geschichten aus seinem Leben, zahlreiche Anekdoten über Kollegen und Freunde sowie Gedanken über seine Arbeitsweise hat Wolfgang Kohlhaase meiner Kollegin Inés Burdow und mir in langen Nächten während unserer Lesetouren erzählt, und manches Gespräch haben wir mit Wolfgangs Einverständnis aufgezeichnet. Aus dieser Fülle entstand nach seinem Tod die Idee, sich dem Menschen und Künstler Wolfgang Kohlhaase noch einmal anders zu nähern, als es bisher geschehen ist. Nicht filmhistorischer Anspruch oder Vollständigkeit standen dabei im Vordergrund, sondern der Wunsch, Kohlhaase im Licht seines Schaffens und des Jahrhunderts, das sein Leben umspannt, sichtbar zu machen. Auf welche Weise fand er seine Stoffe? Wie blickte er auf die Gesellschaft, in der er lebte? Welche Themen haben ihn ein Leben lang begleitet? Diese und viele andere Fragen waren mir beim Schreiben dieses Buches wichtig. Ich habe seinen Nachlass gesichtet und mit Zeitgenossen, Arbeitskollegen und Weggefährten gesprochen, deren Aussagen über Wolfgang Kohlhaase ich in meinen Text habe einfließen lassen.

Über die Jahre haben sich zahlreiche Autorinnen und Autoren, Journalisten und Wissenschaftler mit Wolfgang Kohlhaase, seinem Leben und Werk beschäftigt. Besonders wichtig waren für meine Arbeit die Bücher von Günter Agde und Knut Elstermann sowie die Texte von Regine Sylvester. Die Ermutigung und Zugewandtheit von Emöke Pöstenyi war eine große Hilfe. Mehr noch: Ohne ihr Einverständnis wäre dieses Buch nicht entstanden. Dafür gilt ihr großer Dank.

Bastienne Voss, Berlin im November 2025

Mach mal

Zwei Jungen stehen auf dem Schulhof. Der eine von ihnen hält Zettel in der Hand, die mit einer Kordel zusammengebunden sind. Stolz zeigt er sie dem anderen und erklärt: »Das ist ein Kriminalroman. Den habe ich geschrieben.« Staunend, dass man Kriminalromane nicht nur lesen, sondern auch schreiben kann, geht dieser nach Hause und denkt sich: »Wenn der das machen kann, kann ich das auch.« Noch am selben Nachmittag setzt er sich hin und beginnt zu schreiben. Mit Feder und Tinte, auf kariertem Papier. Der Roman spielt in London und beginnt mit ungeheurem Glockenläuten.

»Nach vierzig Seiten«, erklärte Wolfgang Kohlhaase später einmal, »hatte ich zwei abgebrannte Häuser, sieben Tote und keine Handlung. Über Handlung hatte ich nicht nachgedacht. Ich dachte, indem man es hinschreibt, entsteht eine Handlung. Da verließ mich der Elan.«

Aber Kohlhaase macht weiter und notiert seine Kriegserlebnisse. Er will in jedem Fall schreiben, angefeuert durch den fertigen Roman seines Mitschülers. Also fängt er an und verwirft. Fängt an und verwirft, fängt an und verwirft und kommt jedes Mal über die magische Seitenzahl vierzig nicht hinaus. Er weiß von Erlebnissen anderer und beginnt, diese aufzuschreiben. Das tut er in der Ich-Form und fragt sich, ob man über Erlebnisse, bei denen man nicht dabei war, in der Ich-Form schreiben darf. Ist das erlaubt oder gelogen? Er entscheidet, dass es gelogen ist, und verwirft auch diese Versuche. Da ist er vierzehn. Daneben liest Wolfgang alles, was er kriegen kann und alles durcheinander. Bei einer Tante, die gemeinsam mit den Eltern öfter besucht wird, entdeckt er Wilhelm Busch und liest, vorzugsweise unter dem Küchentisch, die Bubenstreiche von Max und Moritz. Die Tante duldet das, fordert ihn aber auf, auch unter dem Küchentisch gerade zu sitzen. Nur geht das nicht, denn wenn man gerade sitzt, dann stößt man mit dem Kopf an die Tischplatte. Also sitzt der Junge krumm über Schneider Böck und erfährt, wie die beiden durchtriebenen Typen Max und Moritz dessen Holzsteg zersägen: »Ritzeratze! voller Tücke, In die Brücke eine Lücke.« Über ihm, am Küchentisch, unterhalten sich Mutter, Vater und Tante. Teilnehmen will das Kind unter dem Tisch nicht an den Gesprächen, aber zuhören, zuhören will es schon! Man muss mehr zuhören als normalerweise, wenn man Geschichten erfinden will. Zu dieser Erkenntnis ist Kohlhaase womöglich schon als Kind gekommen und hat sie sich für den Rest seines Lebens hinter die Ohren geschrieben.

Zu Hause gibt es keine Bücher, doch eines Tages findet Wolfgang ein in Packpapier eingewickeltes Buch: »Tom Sawyers Abenteuer«. Er liest es atemlos und denkt, dass es das beste Buch der Welt ist. Er liest es wieder und wieder, denn in diesem Buch steht für ihn alles, was man wissen muss. Er beschließt, dass er keine weiteren Bücher mehr braucht. Aber es dauert nicht lange, und er überlegt es sich doch wieder anders.

Wolfgang Kohlhaase, geboren 1931, wächst in Berlin-Adlershof auf. Als Einzelkind, Sohn einer Hausfrau und eines Maschinenschlossers. Vater Karl kam 1902 in Pasewalk zur Welt und wuchs dort zusammen mit zwei Brüdern in einer Einzimmerwohnung auf. Das Klo auf dem Hof, der Wasserhahn auf dem Flur. Draußen, in einem kleinen Holzstall, ein Schwein. Karl ging in Holzpantinen zur Schule, auch im Winter. Später wurde er Schlosser und verließ Pasewalk. In Stargard, das damals zu Pommern gehörte, lernte er Charlotte Lentzkow kennen. Auf einem Tanzboden. Sie hat sieben Geschwister, arbeitet als Kindermädchen und folgt ihm nach Berlin, als er dort eine Arbeit gefunden hat.

Als Wolfgang geboren wird, wechseln die Eltern aus der Dachkammer in der Genossenschaftsstraße 29 in Adlerhof in eine Zweizimmerwohnung ein paar Häuser weiter. Bis an ihr Lebensende werden sie Parterre in der Genossenschaftsstraße 43 wohnen. Es gibt einen kleinen Garten und im Hof Kaninchenställe. Wolfgang teilt sich die zwei Zimmer mit seinen Eltern, bis er zwanzig ist.

In Adlershof, das zum Stadtteil Treptow-Köpenick gehört, ist viel Industrie angesiedelt, und man kann sich vorstellen, wie Karl Kohlhaase, der als Maschinenschlosser im Schichtdienst in den Berliner Metallhüttenwerken Schöneweide arbeitet, mit Leuten seinesgleichen, Arbeitern, um sechs Uhr morgens, um zwei Uhr mittags, um zehn Uhr abends dieselben Wege geht. Nach dem Krieg noch einmal zwanzig Jahre lang.

Charlotte schmiert dem Sohn die Schulbrote, der fühlt sich geborgen in dem immer gleichlaufenden friedlichen Umfeld, das sein Zuhause ist. Es ist das Maß an Zuwendung und Wärme da, das ein Mensch braucht, um seine Kindheit später eine gute nennen zu können. Trotz der Enge in der kleinen Adlershofer Wohnung, trotz der harten Kriegsjahre, trotz der entbehrungsreichen Nachkriegsjahre, trotz der langen Abwesenheit des Vaters. Der wird 1943 in die Wehrmacht eingezogen und gerät im Mai 1945 in Kuldīga, Lettland, in sowjetische Gefangenschaft. Vier Jahre lang wird er in verschiedenen sowjetischen Kriegsgefangenenlagern interniert sein. Zunächst in Riga und Rēzekne, wo ihn eine am 5. September 1947 in Adlershof geschriebene Postkarte erreicht haben muss:

Mein lieber guter Karl! Herzlichste Grüße und alles Gute wünschen wir Dir. Bleib gesund! Uns geht es gut. Wolfgang fängt am 15. 9. in der Redaktion des Start als Volontär an. Er hat schon mehrere Geschichten für die Zeitung geschrieben. Viele Grüße und Küsse

Lotte und Wolfgang

Zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt verlegt man Karl Kohlhaase nach Deutschland und am 10. Oktober 1948 wird er an das Kriegsgefangenen- und Repatriierungslager Nummer 69 in Frankfurt an der Oder zur Entlassung aus der sowjetischen Gefangenschaft übergeben.1 Der Zufall will es, dass ein Exemplar der Jugendzeitschrift Start ausgerechnet in dem Lager landet, in dem Karl Kohlhaase zuletzt inhaftiert ist. Jemand blättert darin und wird auf den Namen des Verfassers einer Kurzgeschichte aufmerksam: Wolfgang Kohlhaase. So ist es überliefert. Und auch, dass Karl gefragt worden sei, ob das sein Sohn ist, und er geantwortet habe: Ja, das ist mein Sohn.

Vielleicht hat Wolfgang seinem Vater, wenn nicht das Leben gerettet, so doch erleichtert. Denn der erhält nach jener Begebenheit besseres Essen und muss weniger schwere Arbeit verrichten. Glücklicherweise hat Wolfgang Kohlhaase erst später begonnen, für Start unter dem Pseudonym Wolf Hase zu schreiben.

1949 wird der Vater aus der Haft entlassen, kommt nach sechs Jahren zurück in die Genossenschaftsstraße in Berlin-Adlershof und arbeitet wieder in den Metallhüttenwerken Schöneweide im Schichtdienst. Wolfgang ist achtzehn, als er ihn wiedersieht. Seit dem zwölften Lebensjahr ist er durch Krieg und Gefangenschaft ohne Vater aufgewachsen. Zu seiner Kindheit und Jugend befragt, sagte er: »Das war Nazideutschland, das war das Berlin der Nachkriegszeit und das vergeudete Leben meiner Eltern.«2

Seit 1936 ist Wolfgang mit Klaus Bläsing, einem Jungen aus der Nachbarschaft, befreundet. In einem der ersten Texte von Kohlhaase, einem Schulaufsatz, spielt Klaus eine entscheidende Rolle: »Als ich in diesem Jahre morgens aus dem Fenster sah, saß in unserem Garten ein Eichhörnchen. Es hatte an diesem Tage zum ersten Mal geschneit. Das Eichhörnchen suchte nach Futter. Im Schnee fand es eine Kastanie. Nun sprang es auf den Zaun, wedelte mit dem Schwanz und sprang auf den Baum. Ich ging nun schnell hinaus. Als mich das Eichhörnchen sah[,] sprang es fort. Ich legte nun jeden Tag Kastanien in den Garten. Jeden Morgen kam das Eichhörnchen und holte sie sich. Ich freute mich immer[,] wenn ich es sah. Als ich eines Morgens zur Schule ging[,] traf ich Klaus Bläsing. Er sagte mir, daß er ein Eichhörnchen geschossen hätte. Seitdem ist das Eichhörnchen nicht mehr gekommen.«3 Der Freundschaft der beiden scheint diese Begebenheit nicht geschadet zu haben. Sie gehen zusammen zur Schule, spielen Fußball und Handball im Arbeiterwohnviertel, später dann im zertrümmerten Arbeiterwohnviertel, nun zwischen Schutt und Staub. Zwei Jungen, die wie so viele andere auch, an den Endsieg geglaubt hatten.

Halbe Kinder noch immer, treffen Wolfgang und Klaus Mädchen und stellen die mit deren kicherndem Einverständnis kopfüber auf die Parkbank, denn es war ja eine Zeit, in der die Mädchen selten Hosen trugen und in der MeToo noch nicht im Wörterbuch der Gesellschaft stand. Ein, zwei Jahre später gehen die Jungs zusammen ins Kino, erst ohne Mädchen und dann mit Mädchen, die sie nun allerdings nicht mehr mit dem Kopf nach unten auf die Parkbank stellen. Für die Kinobesuche bekommt Wolfgang von seiner Mutter jeweils vierzig Pfennige, sein Freund Klaus und auch andere Jungen bekommen sechzig. Am Montag, wenn die Filme auf dem Schulhof besprochen werden, kann einer nur bedingt mitreden, weil er die zwanzig Pfennige für den zweiten Film nicht in der Hosentasche hatte. Wolfgang findet es schlimmer, dumm danebenzustehen, als den zweiten Film nicht gesehen zu haben.

In den ersten Kriegsjahren gehen die Jungs in Filme, in denen, so Kohlhaase, »immer drei gutaussehende Offiziere Urlaub hatten und noch schnell bei der Braut vorbeifuhren. Und sie sind auf dem Weg von der Westfront, wo sie siegten, an die Ostfront, wo sie auch siegten. Sie siegten immer und hatten kleine Katzen im Arm, die sie streichelten. Bis sie nicht mehr siegten.« In einen Film gehen Wolfgang und Klaus ganze sechs Mal, weil ständig Fliegeralarm ist und die Filmvorführung deshalb immer abgebrochen werden muss. Ihre Eintrittskarten werfen sie nicht weg, denn die behalten ihre Gültigkeit. So gelingt es ihnen beim sechsten Anlauf endlich, den Film in voller Länge zu sehen. Nun erfahren sie, dass der König – es handelt sich um ein preußisches Drama – Unrecht hat. Alleine dafür hatte es sich gelohnt. Und vielleicht noch für etwas anderes. Vielleicht war das Kino einer der wenigen Orte, wenn nicht gar der einzige Ort in der Stadt, an dem es nicht nach Krieg roch. Weil der Geruch den Kinosaal nicht erreichte, oder weil die Bilder auf der Leinwand von ihm ablenkten.

Wolfgang fühlt sich zu Klaus und seinen Eltern hingezogen, dort sieht er das andere, das nicht vergeudete Leben. Beide Eltern sind da und weder durch Krieg noch Gefangenschaft getrennt, während Karl mit Helm und Gewehr nach Russland zieht und später inhaftiert wird. »Wie sehr würde ich ihm das Märchen gönnen, meiner Mutter und ihm, dass man einmal zur Probe leben könnte und dann noch mal richtig«, schreibt Kohlhaase einmal über seine Eltern.4 Anfang der Fünfziger gehen die Eltern von Klaus in den Westen nach Frankfurt am Main. Ihr Sohn bleibt in der Adlershofer Wohnung, sie besuchen ihn regelmäßig, meistens zur Weihnachtszeit. Dann ziehen die immer noch befreundeten Familien von der einen Wohnung zur anderen Wohnung und wünschen sich einen schönen Heiligen Abend. Hier ein Schnaps, da ein Glas Wein, da ein Glas Wein, hier ein Schnaps, so geht es bis früh halb fünf. Geredet wird über den neuen sozialistischen Staat namens Deutsche Demokratische Republik und über den kapitalistischen Staat namens Bundesrepublik Deutschland. Ein heiteres Hin und Her zwischen Utopie und Wirtschaftswunder. Und die Mütter von Wolfgang und Klaus machen die Gegensätze anschaulich. Hier schlichtes Kleid und Arbeitshände, da Petticoat und lackierte Fingernägel. Für Wolfgang geht eine Faszination von der anderen Welt aus, die er aber, wie er später betonte, niemals hätte eintauschen wollen gegen das, was an Neuem in der DDR versucht wurde.

Um fünf macht sich Klaus’ katholische Mutter dann zurecht für die Morgenandacht in Adlershof und wird von ihrem Gatten mit den Worten entlassen: »Geh nicht zu dicht an den Pfarrer ran. Du hast eine ungeheure Fahne.«5

Trinkfreudig im Übrigen sind nicht nur die Mütter und Väter, trinkfreudig sind nicht nur Wolfgang und Klaus, trinkfreudig war auch Karl Kohlhaase der Erste, Wolfgangs Großvater. Der allerdings soll in seiner Trinkfreudigkeit ziemlich unschlagbar gewesen sein und galt darüber hinaus als ortsbekannter Krakeeler und Rabauke. Das erzählt Egon Lentzkow, ein zweiundneunzigjähriger Cousin von Wolfgang Kohlhaase, der in einem kleinen Dorf in Mecklenburg lebt. Karl Kohlhaase der Erste sei an keiner Kneipe vorbeigekommen, habe auf diese Weise Haus und Hof versoffen und bei passender Gelegenheit im Vollrausch den Dorfpolizisten über ein Brückengeländer in den Fluss geworfen, weil dieser ihn fälschlich der Mittäterschaft an einem Diebstahl bezichtigt habe. Wolfgang habe sich mit seinem Großvater bestens verstanden, und der Dorfpolizist habe den Brückensturz überlebt. Der Angriff auf die Staatsgewalt blieb ohne nachhaltige Folgen. »Der hat intelligent gesoffen, nicht etwa den ganzen Tag, und hat sich niemals von irgendwem was sagen lassen«, so Lentzkow. »Und mutig war er auch. Denn er war dann, nachdem er seine Wirtschaft durchgebracht hatte, Rausschmeißer in einem Tanzlokal.«

Von Kindesbeinen an miteinander befreundet, beide Jahrgang 1931, besucht Wolfgang Cousin Egon regelmäßig auf dem Land, auch während der Kriegsjahre. »Der hat sich schon mit sieben von niemandem was sagen lassen. Der hat immer aufbegehrt. Der wusste alles besser. Der war der King. Aber wir haben ihn alle gemocht und sind ihm hinterhergelaufen, weil er es eben besser wusste, ohne dabei anzugeben«, erinnert sich Lentzkow. Die Verbindung zwischen den Cousins bleibt, ebenso wie die zwischen Kohlhaase und Schulfreund Klaus, ein Leben lang bestehen.

Anfang der fünfziger Jahre, als Wolfgang mit dem Drehbuchschreiben erstes Geld verdient, kauft er sich einen IFA F9, einen schicken, im VEB Kraftfahrzeugwerk Audi Zwickau gebauten Wagen, der unter diesem Namen nur drei Jahre vom Band läuft. Flink, der Kohlhaase. Und mit diesem IFA F9 fährt er nun zu Cousin Egon und bugsiert das schöne neue Auto, nachdem die beiden ordentlich einen »abgebissen« haben, wie Egon es nennt, schon mal in einen Holzhaufen anstatt in die Garage.

Seine Tante, Wolfgangs Mutter Charlotte, beschreibt Lentzkow als ausgesprochen intelligent. Bildung scheint ihr wichtig gewesen zu sein, denn 1946 beschließt sie, dass ihr Sohn eine höhere Schule besuchen soll. Er ist in der zehnten Klasse und soll das Abitur machen. Andere Möglichkeiten, bessere Aussichten, leichteres Leben. Die Schule ist aber nicht um die Ecke, sondern in einem anderen Stadtteil Berlins. Der Mutter zum Gefallen besucht Wolfgang die neue Schule nach den Sommerferien auch brav, allerdings nur etwa vierzehn Tage, dann bricht er ab. Die Begründung: Er mag nicht jeden Morgen mit fremden Leuten Bus fahren, und Latein lernen wolle er auch nicht, und schon gar nicht wolle er weiterhin zum Mathematikunterricht gehen. Warum solle er nach Lösungen suchen, die es längst schon gibt? Im Umfeld von Cousin Lentzkow hieß es denn auch über Wolfgang: »Er besitzt die Intelligenz der Mutter und die Beredsamkeit des Vaters.« Gute Mischung.

Auf seinem Entlassungszeugnis der zehnten Klasse heißt es in der allgemeinen Beurteilung, er stehe »literarisch über dem Durchschnitt der Klasse – seine Intelligenz und seine Urteilskraft wurde von seinen Mitschülern durch die Wahl zum Vertrauensmann der Schule anerkannt«.6

Anstatt also das Abitur zu machen, macht Kohlhaase weiterhin das, was er schon immer gerne gemacht hat, er geht ins Kino. »So also war ich ausgerüstet, als ich, wie eine ganze Generation von Kindern meines Alters, ankam bei dem letzten großen Nazi-Film Kolberg. Da sollte die Stadt nicht an die Franzosen übergeben werden, gemeint war aber: Es sollte überhaupt nicht kapituliert werden, und das zielte auf die Sechzehn-, Siebzehnjährigen, war sozusagen die Auffrischung einer Moral, die es eigentlich nicht mehr gab. Denn irgendwas stimmte nicht. Es stimmte im Leben nicht, im Krieg nicht und stimmte auch im Kino nicht mehr. Irgendwann verloren die Dinge ihren Glanz.«

Mit Kriegsende kommt dann etwas ganz anderes in die Berliner Kinos. Die vier Besatzungsmächte bringen ihre eigenen Filme mit. Für Kohlhaase eine kleine Sensation. Er sieht sich alles an, was es anzusehen gibt, und entdeckt eine andere, eine neue Welt. Die sowjetischen Filme spielen in den dreißiger Jahren, in der frühen Stalinzeit. Auf Handwagengestelle montierte Maschinengewehre fahren durch das Bild, begleitet von einer bisher nie gehörten, ungestümen Musik. Die Engländer bringen Filme in der Art von Boulevardkomödien, und die Amerikaner lassen es richtig krachen, sparen nicht mit wilden Schießereien und gewaltigen Autocrashs. Und Kohlhaase denkt, dass es um die Autos, die da von hohen Brücken stürzen, doch eigentlich schade ist. Eines Abends sieht er Kinder des Olymp, einen französischen Film, der über drei Stunden dauert, und hält ihn für den schönsten Film, den er je gesehen hat. Später erfährt er den Grund für die drei Stunden und zehn Minuten Filmlänge: Kinder des Olymp wurde während des Kriegs in den Studios La Victorine in Nizza gedreht, was damals in der sogenannten freien Zone lag und trotzdem unter deutscher Kontrolle war. Der Film wird länger und länger, weil die Autoren Szene für Szene ergänzen, um Beleuchter, Schauspieler, Kameramänner vor dem Arbeitslager zu bewahren. Ein Drehbuch des Überlebens. In Die Mörder sind unter uns erlebt Wolfgang Kohlhaase zum ersten Mal Hildegard Knef auf der Leinwand. Er sieht sie »durch diesen Film schweben«, der in den Trümmern der Stadt Berlin spielt, und fragt sich später, wie es überhaupt möglich war, ausgestattet mit so viel Schönheit unbemerkt einem Haftlager zu entkommen. Knef war 1945 die Flucht aus sowjetischer Gefangenschaft gelungen, und der Junge aus Adlershof wird sich noch lange an das leuchtende Kinogesicht erinnern, das für ihn mit dem Anbruch einer neuen Zeit verbunden war.

Überhaupt beschreibt Kohlhaase es als großes Glück, zum Ende des Zweiten Weltkriegs ausgerechnet in der Pubertät gewesen zu sein. Es habe ja immer geheißen: Wenn Deutschland verliert, ist Schluss, das sei der Weltuntergang. »Aber als die Russen da waren«, erinnert er sich viele Jahre später, »und es diesen ungeheuren Einbruch einer anderen Realität in meine Berliner Vorortwelt gab, merkten wir alle: Hier fängt etwas an. Und ich fühlte mich zu der heiteren Annahme verführt, dass es meinetwegen geschieht: Ich fing ja auch an!«7

Als der Krieg vorbei ist, umweht den Vierzehnjährigen aus erleuchteten, zur Straße hin geöffneten Fenstern, ein bisher unbekannter Duft. Der Duft von Frauen. Er steht vor einem wieder in Betrieb genommenen Tanzlokal, sieht, wie sich Stoff an Stoff reibt und Haut an Haut, und denkt, dass er ja gar nicht tanzen kann. Aber die Jungs da drinnen können es! Er kennt sie, aus der Schule und vom Fußball. Sie haben ältere Schwestern, die ihnen das Tanzen beigebracht haben. Aber er, er ist ja ein Einzelkind. Dass das ein Nachteil sein kann, darüber hatte er bisher noch gar nicht nachgedacht. Auch Mädchen sieht er miteinander tanzen. Da denkt er, dass er das Tanzen wohl lernen muss, weil ihm sonst in Zukunft etwas Entscheidendes fehlen wird. Ohne Foxtrott keine Mädchen, was für ein Unglück! Überhaupt wird ihm schlagartig klar, dass er von enorm vielen Frauen umgeben ist, geradezu umzingelt. Frauen, die die Stadt von den Trümmern befreien, sogenannte Trümmerfrauen, die helfen, Berlin wieder aufzubauen. Die Männer fehlen, kriegsbedingt. Und er? Er ist jetzt bald ein Mann, eigentlich ist er schon einer. Na hör mal, ich bin vierzehn!, mag er sich gedacht haben. Und ist gesund im Kopf und im Besitz aller Gliedmaßen.

Irgendwann lernt Kohlhaase tanzen und wird – über zwanzig Jahre nach dem Anblick der Tänzer in dem Adlershofer Lokal – auf einem Faschingsball der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee seiner späteren Frau begegnen. Sie ist zu diesem Zeitpunkt Solistin beim Fernsehballett und in der Tanzwelt berühmt. Sie ist Ungarin, umwerfend schön, hat die längsten Beine der Deutschen Demokratischen Republik und heißt Emöke Pöstenyi. Später wird sie zur bedeutendsten Choreografin der gesamtdeutschen Showbranche avancieren, aber das alles ahnt Kohlhaase an jenem Abend kurz nach Kriegsende natürlich noch nicht.

Vorerst hat er keinerlei Idee, was er werden will. Er liest sich täglich durch die Berliner Presse und schreibt, animiert durch einen amerikanischen Autor, der »Short Storys schrieb, die zumeist auf eine Pointe zuliefen«, weiter kleine Geschichten. Die magische Seitenzahl vierzig ist vergessen, es geht auch drunter. Drei, vier Seiten pro Geschichte, im amerikanischen Stil und möglichst mit Pointe, müssen doch zu machen sein, denkt sich Kohlhaase, wenn er nicht gerade Fußball spielt, und tippt die Geschichten in eine Schreibmaschine, die er sich von den Eltern eines Mitschülers ausgeliehen hat. Die Texte schickt er an verschiedene Zeitungen, und die Jugendzeitschrift Start druckt schließlich eine davon ab, allerdings mit einer den Triumph schmälernden Vorbemerkung: Diese Geschichte schickte uns der erst fünfzehnjährige Wolfgang Kohlhaase. Das, so sagte er später lächelnd, sei doch nicht nötig gewesen. Oft erzählte er diese Episode im Zusammenhang mit einer anderen: Als er Jahrzehnte später das Drehbuch zu Sommer vorm Balkon geschrieben hatte und der Film in den Kinos zum Hit wurde, erschien laut Kohlhaase in der Berliner Zeitung ein lobender Artikel. In diesem Fall mit der Nachbemerkung: Das Drehbuch zu diesem wunderbaren Film, der vom Durchkommen zweier junger Frauen in der Großstadt handelt, schrieb der bereits vierundsiebzigjährige Wolfgang Kohlhaase. Auch dieser Hinweis, sagte er dann, ebenfalls lächelnd, sei doch nicht nötig gewesen.

Nach dem Abdruck einer seiner Short Storys bewirbt sich Kohlhaase bei verschiedenen Berliner Zeitungen, unter anderem auch beim Start. Irgendwo hatte er zuvor das Wort Volontär aufgeschnappt und schreibt es in seine Bewerbungen, allerdings mit ö: Volontör. »Ich dachte, es kommt von Frisör.« Die Leute vom Start scheint es nicht gestört zu haben.

Die Zeitschrift war 1946 gegründet worden, und ihr Name war Programm. Der Krieg ist vorbei. Der Geruch von Zerstörung mischt sich in Berlin mit einem anderen, mit dem von Aufbruch, von Aufbau, mit dem Atem des Anfangs. Wolfgang Kohlhaase beschreibt das Nachkriegslebensgefühl später einmal so: »Die zertrümmerte Stadt war dunkel und kalt, aber unsere Wege lagen im Morgenlicht. Vor uns dehnte sich unendlicher Raum.«8

Bevor er angestellt wird, soll Kohlhaase eine Probereportage schreiben. Um sich vorzubereiten, liest er ein paar Reportagen in verschiedenen Zeitungen. Dann fährt er in den Bezirk Spandau, wo Berliner Stadtkinder für die Landwirtschaft ausgebildet werden. Darüber will er schreiben. Der Titel: Fünfzig Mädchen im Garten. Der Artikel gefällt. Nun ist er Zeitungsvolontär. Zunächst muss er für einen Fortsetzungsroman den Inhalt der bisher erschienenen Teile zusammenfassen. Der Roman heißt: Kolja – ein junger Russe. »Das hat geschult. Man hat begriffen, was eine Handlung, was wesentlich, was Ornament war.«9

Kohlhaase lernt schnell. Er ist jetzt sechzehn und kann sich alles vorstellen, selbst eine Großstadt zu regieren. »Sagt mir, was ich machen muss, dann werde ich Oberbürgermeister.«10

So viele sind im Krieg umgekommen oder haben überlebt und sind verrückt geworden oder sind noch in Gefangenschaft, für ihn aber, den Adlershofer Hobbyfußballer, kommt zu diesem Neubeginn nach Kriegsende noch etwas hinzu: Sein Horizont weitet sich enorm. Und dieses Gefühl der jungen Jahre, das Gefühl, eigentlich alles zu können, ist ihm ein Leben lang erhalten geblieben, hat ihn ein Leben lang motiviert. Das hat er immer wieder betont.

Ende der Leseprobe