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DIE OFFIZIELLE VORGESCHICHTE ZU WORLD OF WARCRAFT: MIDNIGHT. Schon mehrfach haben die Dämonenhorden der Brennenden Legion verucht, die Lande Azeroths an sich zu reißen. Doch bislang gelang es den Champions von Allianz und Horde stets, die Gefahr in letzter Sekunde abzuwenden, nicht zuletzt dank legendärer Helden wie Hochexarch Turalyon und Alleria Windläufer, die dem Wohl der Welt alles untergeordnet haben - auch ihren eigenen Sohn Arator. Mittlerweile selbst ein Paladin wie sein Vater, trägt der junge Arator nicht bloß schwer an der Entfremdung von seinen Eltern, sondern gleichermaßen an der Bürde seines Vermächtnisses. Als sich in der Scherbenwelt Meldungen über vermeintliche Teufelsmagie- Vorfälle häufen, sieht Arator seine Chance gekommen, sich zu beweisen. Anfangs glaubt niemand wirklich, dass mehr hinter den Berichten steckt, doch bald gibt es in der Gegend rings um die Teufelsseelenbastion immer mehr Opfer zu beklagen. Wer ist der Dämon, der die Seelenmaschine in der alten Festung wieder zum Laufen bringen will? Warum ist er Arator, Turalyon und Alleria stets drei Schritte voraus? Droht womöglich sogar eine neue Invasion der Legion? Bei dem Versuch, den Geschehnissen auf den Grund zu gehen, kommen Arator und seine Eltern einem Geheimnis auf die Spur, das nicht bloß ihre Familie bedroht, sondern ganz Azeroth.
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Seitenzahl: 600
Veröffentlichungsjahr: 2026
AUSSERDEM VON PANINI ERHÄLTLICH:
WORLD OF WARCRAFT: Midnight – Blutsbande
Christie Golden, ISBN 978-3-8332-4711-8
WORLD OF WARCRAFT: Dragonflight – Krieg der Schuppengeborenen
Courtney Alameda, ISBN 978-3-8332-4342-4
WORLD OF WARCRAFT: Shadowlands – Aufstieg der Schatten
Madeleine Roux, ISBN 978-3-8332-3954-0
WORLD OF WARCRAFT: Illidan
William King, ISBN 978-3-8332-3265-7
WORLD OF WARCRAFT: Vor dem Sturm
Christie Golden, ISBN 978-3-8332-3537-5
WORLD OF WARCRAFT: Sylvanas
Christie Golden, ISBN 978-3-8332-4189-5
WORLD OF WARCRAFT: Krieg der Ahnen I – Die Quelle der Ewigkeit
Richard A. Knaak, ISBN 978-3-8332-3534-4
WORLD OF WARCRAFT: Krieg der Ahnen II – Die Dämonenseele
Richard A. Knaak, ISBN 978-3-8332-3535-1
WORLD OF WARCRAFT: Krieg der Ahnen III – Das Erwachen
Richard A. Knaak, ISBN 978-3-8332-3536-8
WORLD OF WARCRAFT: Der Tag des Drachen
Richard A. Knaak, ISBN 978-3-8332-4188-8
WORLD OF WARCRAFT: Die Nacht des Drachen
Richard A. Knaak, ISBN 978-3-8332-3953-3
WORLD OF WARCRAFT: Der Lord der Clans
Christie Golden, ISBN 978-3-8332-3444-6
WORLD OF WARCRAFT: Der letzte Wächter
Jeff Grubb, ISBN 978-3-8332-3445-3
WORLD OF WARCRAFT: Aufstieg der Horde
Christie Golden, ISBN 978-3-8332-3446-0
WORLD OF WARCRAFT: Kriegsverbrechen
Christie Golden, ISBN 978-3-8332-4023-2
WORLD OF WARCRAFT: Vol’jin – Schatten der Horde
Michael A. Stackpole, ISBN 978-3-8332-4088-1
Weitere Titel und Infos unter www.paninibooks.de
BLUTSBANDE
ROMAN
von CHRISTIE GOLDEN
Ins Deutsche übertragen von Andreas Kasprzak
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Englische Originalausgabe: »World of Warcraft: Midnight – Blood ties« by Christie Golden published in the US by Random House Worlds, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC, New York, 2025.
Copyright © 2026 Blizzard Entertainment, Inc. Alle Rechte vorbehalten.
Deutsche Ausgabe: Panini Verlags GmbH, Schloßstr. 76, 70176 Stuttgart.
Geschäftsführer: Hermann Paul
Head of Editorial: Jo Löffler
Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: [email protected])
Presse & PR: Steffen Volkmer
Übersetzung: Andreas Kasprzak für Grinning Cat GmbH
Lektorat: Katja Böhm
Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart
Book design by Anne Metsch
Satz und E-Books: Greiner & Reichel, Köln
YDWCTP024E
ISBN 978-3-7569-9944-6
Gedruckte Ausgabe:
ISBN 978-3-8332-4711-8
1. Auflage, Januar 2026
Findet uns im Netz:
www.panini.de
PaniniDE
Dieses Buch ist meiner Mutter gewidmet: Elizabeth Colson Golden (25. März 1925 – 22. Juli 2024)
Meine Mutter vermittelte mir die Liebe zum Lesen und den Respekt vor dem Schreiben, verurteilte mich nie dafür, wenn ich um lieb gewonnene Charaktere weinte, und verlor nie ihre Neugierde auf die Welt.
Ich liebe dich, du fehlst mir, und ich wünschte, du könntest das hier lesen.
PROLOG
Ruinen der Teufelsseelenbastion, Suramar
DIE VERHEERTEN INSELN
»Du hast Bedenken.«
»Nein, habe ich nicht«, log Dionaar. Er zuckte innerlich zusammen, als er hörte, wie seine Stimme bebte. »Ich denke nur … Vielleicht strapazieren wir unser Glück ein wenig zu sehr. Nichts weiter.«
Der junge Nachtgeborene reckte den Hals, um zu dem Bauwerk hinaufzusehen, von dem nur noch eine Ruine übrig war, die Folge einer lange zurückliegenden Schlacht gegen einen lange besiegten Feind. Dionaar wusste, dass die Ruine eigentlich nichts weiter als eine Erinnerung an die Vergangenheit sein sollte – eine Erinnerung an einen großen Sieg.
Aber die Geschichten darüber, was hier geschehen war, ließen sich nicht so ohne Weiteres vergessen, und genau das erfüllte ihn mit Unbehagen.
»Bist du dir sicher, dass uns niemand gefolgt ist?« Corentyn richtete sich ein bisschen weiter auf. Er war größer als Dionaar, schlank, fast knochig. Er besaß die geballte Rücksichtslosigkeit, die man von einem Siebzehnjährigen erwartete, und eine Selbstsicherheit, von der Dionaar nur träumen konnte. Das flackernde orangefarbene Licht der Fackeln spielte über seine scharf geschnittenen Gesichtszüge und zauberte tanzende Schatten auf sein Profil.
Selbstbewusst und clever, dachte Dionaar, aber nicht besonders weise. Vor zwei Wochen hatte Corentyn in einem Akt der Rebellion eine Schutzglyphe in seinen Handrücken geritzt und damit vor allen Studenten geprahlt, die gewillt waren zuzuhören. Hätte er auch nur einen Bruchteil seiner Zeit mit Lernen verbracht, hätte sich sein Draufgängertum vielleicht sogar ausgezahlt. Doch so, wie die Dinge lagen, hatte er es – wenig überraschend – vermasselt, und jetzt bedeutete das Symbol, das er sich in die Haut geritzt hatte, nicht das Geringste. Als seine Eltern es entdeckten, wurden sie stinksauer und hatten ihm klargemacht, dass er wohl oder übel damit würde leben müssen, bis er selbst genügend Geld verdient hatte, um es entfernen zu lassen.
Alles nur Gerede, dachte Dionaar, doch das änderte nichts daran, dass sich sein Magen nervös zusammenkrampfte. Er nickte nachdrücklich. »Also, ich habe niemanden gesehen, aber … gut möglich, dass eine Patrouille hier vorbeikommt. Irgendwann.«
Corentyn zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Dann verstecken wir uns einfach und warten, bis sie vorüber ist.«
»Wenn man uns bemerkt …«
Corentyn piekte ihn lachend mit einem Zeigefinger gegen die Brust. »Dann schubse ich dich einfach vor mir her und du nimmst alle Schuld auf dich. Alles klar?«
Dionaar senkte den Blick und schwieg. Das war nicht fair. Corentyn drängte sich immer in den Mittelpunkt und spielte den großen Macker. Dionaar war bloß sein Lakai; seine Aufgabe war es, spektakuläre Geschichten über all die großartigen Dinge zu erzählen, die Corentyn geleistet hatte, oder über die gruseligen, verlassenen Orte, die sie zusammen erkundet hatten. Selbst jetzt wurde von ihm erwartet, dass er die anderen davon überzeugte, dass sie sich davonschlichen, um sich zu vergewissern, ob die Schrecken, vor denen Corentyn sie gewarnt hatte, wirklich real waren.
Corentyn klopfte ihm auf die Schulter. »Ach komm schon. Kopf hoch. Wenn du von deinen Eltern Hausarrest kriegst, hol ich dich da schon wieder raus. Aber heute Abend brauche ich dich in Bestform, denn ich habe etwas ganz Besonderes vor.« Er stieß mit dem Fuß gegen den großen Sack, den er mitgebracht hatte. Die Beule darin bewegte sich ein wenig, aber Dionaar hatte nicht die geringste Ahnung, was das sein mochte.
»Was ist das?«
»Ich fürchte, den Trick, wie das funktioniert, kann ich dir nicht verraten.« Er grinste. »Aber du brauchst keine Angst zu haben, denn immerhin weißt du im Gegensatz zu allen anderen, dass alles bloß getürkt ist.«
Obwohl Dionaar in jeden von Corentyns Streichen eingeweiht war, jagten ihm die Späße seines Freundes manchmal trotzdem einen Schauder über den Rücken. »Sicher, dass du das wirklich machen willst? Vanaur und die Mystralin-Mädchen kommen vorbei, und ihr Onkel gehört zur Dämmerwacht. Was, wenn sie ihm davon erzählen –«
»Das tun sie nicht, denn dann kriegen sie genauso Ärger.« Corentyn verdrehte die Augen. »Sei nicht so ein Weichei. Los, geh weiter. Oh, warte … Sag ihnen, bevor sie kommen, dass Orc-Hexenmeister ihren eigenen Kindern mit Teufelsmagie Jahre ihres Lebens geraubt haben, damit sie alt genug waren, um zu kämpfen!«
»Was?« Davon hatte Dionaar noch nie gehört. »Das hast du dir bloß ausgedacht, Cor. Und nein, das sage ich ihnen mit Sicherheit nicht.«
* * *
»Die haben was getan?« Renaes Stimme war ein entsetztes Flüstern.
»Sie haben ihnen mit Teufelsmagie das Leben ausgesaugt«, wiederholte Dionaar mit ernster Miene, »sodass sie in Sekundenschnelle um Jahre gealtert sind!«
»Also, ich wäre gern älter«, sagte Julyan.
»Aber nicht so«, sagte Vanaur.
Alle Jugendlichen trugen eine Fackel, außer der Jüngsten, die sich fest an den Arm ihrer Schwester klammerte. »Denkt daran«, sagte Dionaar, »wir müssen ganz leise sein! Nicht sprechen, nicht mal flüstern. Dämonen haben ein gutes Gehör.«
Sie sahen mit weit aufgerissenen Augen zu ihm auf und nickten. »Ich bringe euch dorthin, wo ich die Teufelsmagie zuletzt gesehen habe, aber wir müssen vorsichtig sein, damit wir keine Aufmerksamkeit erregen. Denn wenn sie uns finden …«
»… fressen sie uns«, flüsterte Renae.
»Nein«, sagte Vanaur und verdrehte die Augen. »Hast du nicht zugehört? Sie saugen euch das Leben aus und machen euch alt!«
»Vielleicht fressen sie einen ja hinterher«, sagte Dionaar. »Aber wir sollten lieber nicht hierbleiben, um das rauszufinden, oder?«
Alle schüttelten energisch die Köpfe. »Und noch etwas. Ihr dürft keinem erzählen, was ihr hier gesehen habt. Kein Wort zu niemandem. Niemals.«
»Aber sollten wir nicht … Ich meine, wenn in diesen Ruinen wirklich ein Dämon lauert …«
»Ich habe die, ähm, Dämmerwacht bereits alarmiert«, log Dionaar. »Dies ist unsere letzte Chance, uns hier umzusehen, bevor die Dämmerwächter sich darum kümmern.«
Sie pflichteten ihm stillschweigend bei, und Dionaar hob seine Fackel und trat in die Dunkelheit.
Der Weg war kurz und einfach. Dionaar kannte ihn mittlerweile ziemlich gut. Er keuchte theatralisch und zeigte auf eine Pfütze mit »Dämonenblut« (mit leuchtenden Pilzlamellen versehenes Wasser), einen »Opferknochen« (den Corentyn bei einer Geburtstagsfeier erbeutet hatte, bei der Hirschbraten serviert wurde) und ein »Dämonenhorn« (das ebenfalls dem unglücklichen Hirsch gehört hatte).
Die Mystralin-Schwestern waren angemessen verängstigt, doch Vanaur wurde allmählich langweilig. »Du hast uns Teufelsmagie versprochen!«
»Teufelsmagie gibt’s nur, wenn die Maschine mit den Seelen Unschuldiger gespeist wird«, entgegnete Dionaar.
Das war eigentlich Corentyns Stichwort – aber nichts geschah.
»Und wenn wir das sehen, sind wir schon zu lange hier«, sagte Dionaar, lauter diesmal. »Und das wollen wir NICHT!«
Nichts.
Was ist hier los? Corentyn hatte etwas von einer Überraschung gesagt, aber vielleicht ging seine List nicht auf. Wäre nicht das erste Mal gewesen, dass einer seiner Streiche nach hinten losging. Trotzdem hätte er mittlerweile zumindest die Grünglaslampe entzünden und den Rauch entfachen müssen …
»Ich wusste es!«, sagte Vanaur. »Du und Corentyn … Ist alles nur wieder einer eurer dummen Scherze. Ihr solltet euch wirklich –«
Dann brach er unversehens mit einem erstickten Laut ab. Sein Mund stand offen, und er starrte zu einer Stelle hinter Dionaar, der erleichtert aufatmete. Den Göttern sei Dank. Das Publikum war jetzt in das vertraute unheimliche Grün des gefilterten Lichts getaucht. Aber dieser Geruch …
Es roch nach faulen Eiern. Angeblich roch Teufelsmagie nach faulen Eiern! Das war also die Überraschung!
In diesem Moment überkam Dionaar ein so mächtiger Anflug von Furcht, dass seine Knie nachgaben. Die anderen schrien auf, ihr Versprechen, still zu sein, schlagartig vergessend, und rannten denselben Weg zurück, den sie eben gekommen waren, während die wild tanzenden orangefarbenen Flammen ihrer Fackeln immer kleiner wurden, bis die Dunkelheit sie schließlich verschluckte.
Dionaar hatte seine eigene Fackel fallen lassen und machte keine Anstalten, sie wieder aufzuheben. Er hielt den Atem an, vergrub seinen Kopf in den Händen und rollte sich zu einer kleinen Kugel zusammen. Er versuchte, Luft in seine Lungen zu saugen, aber da war dieser grässliche Gestank – und dann war da noch ein anderer Geruch, der sich mit dem von faulen Eiern vermischte, ein Geruch, der nichts Gutes verhieß. Der Geruch von etwas Totem.
Dann ertönte der Schrei.
Er kam direkt von hinter dem Felsen, hoch und schrill und voller Entsetzen, ein Laut, wie Dionaar ihn noch nie aus Corentyns Kehle vernommen hatte, der aber unverkennbar von ihm stammte. Dionaar kniff die Augen zusammen, um das grüne Leuchten auszusperren, doch es war, als würde es seine Haut durchdringen. Seine Kehle tat ihm weh, fühlte sich ganz rau an, und dann wurde ihm klar, dass das daran lag, dass er schrie, dass er schrie, so laut er konnte, wie um Cor zu übertönen, überzeugt davon, dass sein Freund da drüben gerade starb, dass er starb und –
Und dann war mit einem Mal alles still, abgesehen von Dionaars krampfhaftem Keuchen und dem Pochen seines wild hämmernden Herzens.
»Alles in Ordnung, Dio? Sieht aus, als hätte ich dir mehr Angst eingejagt als denen!«
Das war die Stimme von Corentyn. Er klang … normal. Sogar aufgeregt.
Dionaar zitterte am ganzen Körper, doch als er langsam den Kopf hob, sah er seinen Freund, der grinsend auf ihn herabblickte. »Ziemlich guter Streich, was?«
Ein Schwall unterschiedlichster Gefühle spülte über Dionaar hinweg: Erleichterung, Wut, Verwirrung. Aber vor allem Freude. Er rappelte sich auf und umarmte seinen Freund.
»Schon gut«, sagte Corentyn und erwiderte die Umarmung unbeholfen. »Mir geht’s gut. Mir geht’s gut!«
Dionaar löste sich von ihm, wich einen Schritt zurück – und dann holte er aus und schlug nach Corentyn, während er ihn mit den wüstesten Schimpfwörtern belegte, die ihm einfielen. Doch der junge Mann duckte sich bloß lachend und wehrte Dionaars »Angriff« ohne Mühe ab. Als Dionaars Adrenalin schließlich so weit abgeebbt war, dass er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, erklärte Corentyn ihm, wie der Streich abgelaufen war. Er hatte die Eier und das Fleisch eine ganze Weile verrotten lassen und seinen Schrei mehrmals an der Küste geübt, wo seine Stimme von den Wellen übertönt wurde.
»Ich fürchte allerdings, ich habe meine Sache zu gut gemacht«, sagte er und entzündete Dionaars Fackel mit seiner. »Ich vermute, die Mystralin-Mädchen laufen geradewegs zu Onkel Dämmerwacht, um ihm zu erzählen, dass sie hier unten Teufelsmagie gesehen haben.« Er grinste. »Die Party ist vorbei, aber zumindest bin ich mit einem Knall abgetreten – oder besser: mit einem Kreischen!«
»Wir sollten unseren Eltern dasselbe sagen«, schlug Dionaar vor. »Damit sie uns nicht die Schuld dafür geben.«
»Gute Idee. Jetzt lass uns verschwinden. Aber vorher … Musst du vielleicht deine Hosen wechseln?«
»Ach, halt die Klappe!« Jetzt, wo Corentyn den Streich quasi offiziell beendet hatte, konnte Dionaar über alles lachen. Selbst wenn seine Eltern irgendwie rausfinden sollten, dass sie dahintersteckten, war er einfach froh, dass das Ganze bloß ein dummer Scherz gewesen war.
Corentyn legte seinem Freund eine Hand auf die Schulter und begann, ihn sanft zu sich herumzudrehen. Doch dann erstarrte Dionaar.
Hinter dem Felsbrocken ragte eine Hand hervor.
Eine Hand, in die eine halb verheilte, falsch geschriebene Rune eingeritzt war.
Corentyn folgte dem Blick seines Freundes und lachte. »Sieht ziemlich echt aus, oder? Eigentlich hatte ich vor, damit rumzuwedeln, als würde ich versuchen, aus meinem Versteck hervorzukommen. Aber diese Kinder sind weggerannt, bevor ich dazu gekommen bin! Was für eine Verschwendung!«
»J-ja«, murmelte Dionaar und starrte die Hand an. »Verschwendung …«
»Jetzt komm«, sagte Corentyn. »Lass uns hier verschwinden.« Sie waren noch nicht einmal beim Ausgang angelangt, als er bereits darüber sprach, was für einen Streich sie als Nächstes in Angriff nehmen könnten.
Doch als Dionaar noch einmal über die Schulter nach hinten schaute, zu dem grünen, unnatürlichen Leuchten, hätte er schwören können, dass die Hand sich bewegte.
1. KAPITEL
Kapelle des hoffnungsvollen Lichts, Östliche Pestländer
DIE ÖSTLICHEN KÖNIGREICHE
Klang! Klang! Klang!
Das Geräusch von Hammer auf Stahl war vor der Kapelle des hoffnungsvollen Lichts allgemein vertraut. Doch diesmal war Meisterhandwerker Wilhelm – der für gewöhnlich die Waffen und Rüstungen der Ritter der Silbernen Hand reparierte – nicht derjenige, der das Werkzeug schwang. Stattdessen hatte es sich der bärbeißige Zwerg auf dem kleinen, grasbewachsenen Hügel neben seiner Werkstatt bequem gemacht, blickte zum braungrauen Himmel der Östlichen Pestländer auf und schmetterte zwischen zwei Schlucken Donnerbräu-Lagerbier ein Schmiedelied. Er hielt gerade lange genug inne, um dem Halbelfen-Champion, der ihm angeboten hatte, vorübergehend seinen Platz am Amboss einzunehmen, eine Frage zu stellen.
»Wie lange hält dein dürres, kleines Ärmchen das noch durch, Jungchen?«, brummte Wilhelm mit funkelnden Augen, sein üppiger Schnurrbart voller Bierschaum. Das »Jungchen«, Arator der Erlöser, bedachte den Zwerg mit einem breiten Grinsen, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte.
»Einmal mehr bedaure ich, dass ich nicht über die Muskulatur eines Zwergs verfüge«, sagte er mit einem übertriebenen Seufzen.
Wilhelm lachte laut. »Ach, na ja, wir können nun mal nicht alle so viel Glück haben.«
Obgleich Arators Arm der Aufgabe durchaus gewachsen war, war es in der Schmiede brütend heiß, und weder sein Menschen- noch sein Elfenblut verschaffte ihm die angeborene Gabe der Zwerge, der Hitze des Schmiedefeuers übermäßig lange standzuhalten. Er nahm seine Oberkörperrüstung ab und legte sie beiseite, woraufhin auf seinen muskulösen Oberarmen zwei Drachentätowierungen zum Vorschein kamen. Vom Stil her waren die Drachen identisch, beide mit einer goldenen Umrandung, doch die Füllfarben unterschieden sich: Während einer so hell und strahlend war wie der Mond der Weißen Dame, war der andere schwarz wie Kohle.
Neben ihm saß ein etwa zehn Jahre alter Menschenjunge namens Winthrop. Winthrop war der neueste Knappe des berühmten Paladins Lord Grayson Schattenbruch – eine Stellung, die Arator selbst innegehabt hatte, als er neu im Orden gewesen war. Die Aufgabe des Jungen bestand darin, die Rüstung seines ehrwürdigen Herrn zu reinigen und die Beulen aus dem Metall zu hämmern, worin Arator ihn gerade nach besten Kräften unterstützte. Heute stattete der junge Winthrop der Kapelle des hoffnungsvollen Lichts zum allerersten Mal einen Besuch ab, und er war viel zu geblendet von der elitären Gesellschaft, in der er sich befand, als dass er bei der Reparatur des Gambesons von Lord Schattenbruch nennenswerte Fortschritte zu verzeichnen gehabt hätte.
»Unglaublich, dass Ihr Euch die Mühe macht, mir zu helfen«, sagte er zu Arator. »Ich meine … Ihr seid der Sohn von Hochexarch Turalyon und Lady Alleria Windläufer! Ihre Statuen stehen im Tal der Helden! Über sie werden Lieder gesungen! Ihr wurdet praktisch schon berühmt geboren!«
Arator hatte all das schon unzählige Male gehört und war solcher Worte schon seit Jahren überdrüssig. Doch das war schwerlich Wins Schuld; der Junge meinte es nur gut. Obgleich Arator um einiges älter war als Winthrop, konnten die Jahre eines Halbelfen nicht mit denen eines Menschen mithalten. Das war eine der vielen Herausforderungen, die mit seiner einzigartigen Abstammung einherging. Ungeachtet all der Erfahrungen, die er gemacht, und allem, was er gesehen hatte, fühlte Arator sich dem neuen Knappen in vielerlei Hinsicht näher als seinem Ritterfürsten.
Arator schenkte dem Jungen ein Lächeln. »Wie schon gesagt, ich helfe gern.« Arator erinnerte sich noch gut daran, wie viele Pflichten ihm während seiner Zeit als Graysons Knappe zugewiesen worden waren. Natürlich war es wichtig, Fertigkeiten wie die Reparatur von Rüstungen zu erlernen, aber der junge Win schien vor lauter alltäglicher Aufgaben kaum mehr zu wissen, wo ihm der Kopf stand. Arator war der Meinung, dass keine Tätigkeit unter seiner Würde war, solange er jemandem dadurch helfen konnte, dass er sie ihm abnahm.
Winthrop kniff die braunen Augen zu Schlitzen zusammen und schaute zu der Stelle hinüber, wo Lord Grayson und ein anderer seiner ehemaligen Knappen ins Gespräch vertieft waren. »Ich hoffe, er ist deswegen nicht wütend auf uns«, murmelte Winthrop.
Arator konnte dem Jungen seine Besorgnis nicht verübeln. Lord Grayson war groß, muskulös und hatte vor langer Zeit in der Schlacht sein rechtes Auge verloren. Selbst ohne Rüstung und bei einer ungezwungenen Unterhaltung konnte er ausgesprochen Furcht einflößend wirken. Als einer der herausragendsten Paladine von Sturmwind hatte er viele aus ihren Reihen ausgebildet und Arator sogar ein- oder zweimal mitgenommen, wenn ihr Orden Kriegsrat hielt. Es war schwer, ihn nicht ebenso beeindruckend wie einschüchternd zu finden – fraglos ein Gegner, dem Arator nicht im Kampf begegnen wollte. Allein das bloße Sparring mit dem Mann war schon anstrengend genug. Doch Grayson hatte sich anderen Angehörigen des Ordens gegenüber verpflichtet und diente dem Licht länger als die meisten.
»Keine Sorge«, beschwichtigte Arator den Jungen. »Er wird wissen, dass es meine Idee war, nicht deine. Vertrau mir.«
»Ich will auch nicht, dass Ihr Ärger bekommt.«
»Das werde ich nicht.«
Winthrop seufzte. »Alle sagen, ich habe Glück, dass er mich ausgewählt hat, aber …« Der Junge senkte den Blick. »Er ist so … stark und selbstbewusst, und beim Sparring liege ich jedes Mal binnen Sekunden am Boden. Ich habe so viele Geschichten über ihn gehört – er ist ein richtiger Held! Und er ist nicht bloß ein Ritter, sondern ein Lord! Ich darf ihn auf keinen Fall enttäuschen.« Während er sprach, griff Winthrop nach dem Gambeson und machte sich mit neuem Eifer daran, ihn zu flicken.
Arator spürte, wie sein Lächeln ein wenig verblasste. Auch wenn er der Sohn zweier Legenden sein mochte, war er, um es mit Winthrops unschuldigen Worten auszudrücken, letzten Endes bloß ein Ritter der Silbernen Hand. Viele würden sagen, das sei Ehre genug, aber Winthrops leichtfertige Abwertung seines Standes spiegelte nur Arators eigene Gedanken wider. Er hatte diesen Rang schon vor langer Zeit erworben, ja, man hatte ihm sogar einen Titel verliehen. Von Zeit zu Zeit schenkte das Licht einem Paladin Wissen über das Schicksal anderer. Arators eigener Vater war von dem, was das Licht ihm gezeigt hatte, so bewegt gewesen, dass er dem legendären Uther seinen Beinamen verliehen hatte: »der Lichtbringer«. Arator indes wurde »der Erlöser« genannt. Aber wen oder was genau er eines Tages erlösen würde, vermochte er nicht zu sagen. Und bis es so weit war, schien der Orden damit zufrieden zu sein, ihn nach Ehrungen eifern zu lassen, die er dann doch nicht erhielt.
Er versuchte zwar, sich davon nicht beirren zu lassen, aber andere, die jünger waren als er, waren für ihre Taten auf dem Schlachtfeld befördert worden, noch keuchend und blutüberströmt vom Kampf. Ihre Kameraden, erschöpft, aber beflügelt vom Sieg, hatten ihnen mit heiseren Stimmen zugejubelt. Wenn ihn sonst solche Gedanken überkamen, tadelte Arator sich für gewöhnlich selbst, so, wie er es auch jetzt tat, weil ihn Neid und Missgunst plagten – und vielleicht auch eine allzu blühende Fantasie. Er hatte sich den Rittern der Silbernen Hand angeschlossen, um seine Kräfte in den Dienst einer würdigen Sache zu stellen, und obgleich es schön war, dass seine Bemühungen Anerkennung fanden, brauchte er dergleichen nicht, um weiter seinem Pfad zu folgen.
Arator hatte bereits in mehreren Kriegen gut und tapfer gekämpft, doch seine Mühen in der Schlacht hatten nicht genügt, um nennenswerte Aufmerksamkeit zu erregen. Zumindest, so dachte er reumütig, keine positive Aufmerksamkeit. Der Orden schien ein endloses Maß an Regeln und Vorschriften zu besitzen – und die meisten davon hatte Arator, wenn schon nicht vollends gebrochen, so doch bis zur Belastungsgrenze gebeugt. Er hatte sich zu sehr für die Belange der hiesigen Bevölkerung eingesetzt, hatte hier gezögert und dort Informationen aus zweifelhaften Quellen eingeholt. Seine Methoden waren in den Reihen des Ordens seit jeher ein Gesprächsthema, auch wenn Arator aufgefallen war, dass niemand die Ergebnisse seines – wenn auch bisweilen etwas unkonventionellen – Vorgehens infrage stellte. Einige hatten ihm – entweder indirekt oder ganz unverblümt – zu verstehen gegeben, dass seine Missachtung von Protokoll und Regularien seinem Ansehen im Orden eines Tages schaden würde, aber Arator war anderer Meinung. Soweit es ihn betraf, war die Sache ganz simpel: Wenn er nicht die Welt verändern und das Leben der einfachen Leute zum Besseren wenden konnte, welchen Nutzen hatte dann ein Ritter der Silbernen Hand?
In Wahrheit war es mehr als bloße Hilfsbereitschaft gewesen, die Arator dazu veranlasst hatte, dem jungen Winthrop zu helfen. Lord Maxwell Tyrosus, einer der mächtigsten Anführer des Ordens, hatte Arator zur Kapelle beordert. Jedermann wusste, dass Lord Tyrosus ein außerordentlich viel beschäftigter Mann war, und obgleich Arator nicht überrascht darüber war, dass seine Audienz auf sich warten ließ, brauchte er etwas, um sich abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen, bis es so weit war. Arator wusste genau, warum er heute herbestellt worden war. Was er nicht wusste, war, wie die Unterredung ausgehen würde.
Mit einem Mal sprang Winthrop auf und ließ den Gambeson fallen. »Lord Tyrosus!«, rief er; vor Aufregung und Freude kletterte seine Stimme unwillkürlich eine halbe Oktave höher.
Arator hingegen verspürte nur schneidende Enttäuschung, als er den Ausdruck auf dem wettergegerbten Gesicht des Ritters sah – ein unheilvoller Hinweis auf den Ton der bevorstehenden Unterhaltung. Dennoch tat Arator sein Bestes, um seine Züge unter Kontrolle zu behalten, allein schon, damit Lord Tyrosus ihm nicht ansehen konnte, wie hart ihn dieser Schlag getroffen hatte. Er erhob sich und legte Lord Graysons Rüstung neben Winthrop, der noch immer mit großen Augen zu Tyrosus aufblickte.
Lord Tyrosus nahm die Fortschritte des Jungen in Augenschein. »Gute Arbeit, junger Mann! Aber du solltest dich besser ein wenig sputen.«
Winthrop schluckte und nickte heftig, außerstande, etwas darauf zu erwidern.
Zu Arator sagte Tyrosus nur: »Kommt! Lasst uns gemeinsam unseren Respekt erweisen.«
Seite an Seite gingen sie zur Kapelle und stiegen zum Sanktum des Lichts hinab, umfangen vom Geruch von feuchtem Gestein und der Kühle des uralten Gewölbes. Seit der Invasion der Brennenden Legion war dies das Hauptquartier der Ritter der Silbernen Hand; dementsprechend gut kannte Arator sich hier aus. Er war schon oft in offizieller Funktion hier gewesen, wenn es um Belange der Silbernen Hand ging, doch fast genauso häufig hatte er das Sanktum allein aus dem Grund besucht, um dem Licht nahe zu sein, um sich davon motivieren zu lassen, anderen dabei zuzusehen, wie sie ihre Fähigkeiten perfektionierten, und um all jener zu gedenken, die vor ihnen gegangen waren.
Beim Grabmal des legendären Tirion Fordring verharrten sie. Tirion war einer der fünf ursprünglichen Paladine gewesen – der allerersten in der Geschichte von Azeroth. Erzbischof Alonsus Faol hatte diese fünf vor langer Zeit berufen, um den Orden anzuführen. Faol hatte die Vision, die Barmherzigkeit des Lichts mit der Kraft des Hammers zu verbinden, um eine neue Art von Rittern zu erschaffen, die gleichermaßen Priester wie Krieger waren. Doch obgleich das Licht zu Ordnung und Strenge neigte, wusste Tirion, dass es zugleich auch gütig und anpassungsfähig war. Er sah den Einfluss des Lichts in allem, was ihm begegnete, war bekannt für sein Mitgefühl – selbst für seine ehemaligen Feinde – und scheute sich dennoch nie, Hammer oder Schwert zu erheben, um der Ungerechtigkeit zu trotzen, wo immer sie ihm unterkam … selbst wenn das bedeutete, sich gegen seine Mitpaladine zu stellen. Selbst wenn sein Tun die Verbannung aus seiner Heimat und den Ausschluss aus diesem Orden bedeutete.
Es war die größte Ehre in Arators Leben gewesen, in der Schlacht um die Verheerte Küste an Tirions Seite zu kämpfen, in einem brutalen, unerbittlichen Gefecht, das katastrophale Verluste für sie bedeutet hatte, darunter den von Tirion selbst. Der Ritter war so gestorben, wie er gelebt hatte: Bis zu seinem letzten Atemzug hatte er dem Volk von Azeroth gedient. Das war die Art von Vermächtnis, die auch Arator hinterlassen wollte. Keine Liste von Siegen, die durch die strikte Einhaltung veralteter Konventionen errungen wurden, vielmehr ein prachtvoller Wandteppich der Dienste, die er seiner Welt geleistet hatte, jeder Faden eine Tat, ein Wort, ein Gedanke.
»Heldenmut war niemals weitverbreitet, doch existiert hat er immer, zu allen Zeiten, an allen Orten«, sagte Lord Tyrosus leise, fast so, als würde er Arators Gedanken laut aussprechen. »Auch wenn er in der Geschichte unerwähnt bleibt, lebt er in den Herzen aller guten Wesen weiter. Einige sind für den Krieg geboren. Andere sind einfache Leute, die ihn in ihrer Seele entdecken und sich der Herausforderung stellen, wenn Heldenmut verlangt wird. Fordring hat uns gelehrt, dass Heldentaten nicht auf das Schlachtfeld beschränkt sind. Man findet Heldenmut genauso darin, dass man unbeirrt an seinem Glauben und seinen Idealen festhält, selbst wenn man den höchsten Preis dafür zahlen muss.«
»Ich kenne alle Geschichten über Tirion«, sagte Arator. »Er hat stets für den Frieden gekämpft. Ich bin froh, dass er vor seinem Tod noch erleben durfte, wie Horde und Allianz zusammengearbeitet haben, wie flüchtig auch immer.«
Lord Tyrosus nickte. »In die Schlacht zu stürmen, erfordert weit weniger Mut, als ein solches Maß an Verlust zu erdulden, nur um das Richtige zu tun. Ich denke, das ist unsere bewundernswerteste – und seltenste – Eigenschaft. Mitgefühl, ein wahres Verständnis für Gerechtigkeit, Tapferkeit … All diese Dinge machen einen Paladin aus. Doch Heldenmut steht selbst noch darüber.«
Arators Herz sackte tiefer. Tyrosus’ Worte klangen zusehends wie der Auftakt zu schlechten Nachrichten. Er wandte sich um, ohne Lord Tyrosus anzusehen, seine Miene gänzlich ausdruckslos, seine Hände leicht hinter dem Rücken verschränkt. Ein Teil von ihm – wahrscheinlich das Blut seiner Mutter – sehnte sich danach, ihn einfach zu unterbrechen und das Gespräch zu beenden, um es hinter sich zu bringen. Aber er hielt seine Zunge in Schach.
Sein Vorgesetzter fuhr fort: »In den letzten Jahren haben Paladine und Champions ihr Bestes getan, um den Anforderungen des Ordens gerecht zu werden. Viele haben Außergewöhnliches geleistet. Und dennoch haben sich nur wenige das Recht auf Weihen jenseits des Ritterstands verdient.«
Mit ungewöhnlicher Vertraulichkeit legte Tyrosus Arator eine Hand auf die Schulter und drehte den jüngeren Mann zu sich herum. »Wir verfolgen Euer Wirken schon eine ganze Weile, Arator. Wie könnten wir auch nicht, angesichts Eurer Abstammung? Ihr zeichnet Euch nicht bloß durch Euer Können auf dem Schlachtfeld aus, sondern ebenso auch durch die sanftmütigeren Aspekte, die ein Paladin verkörpern sollte. Wie beispielsweise, dass Ihr Euch heute die Zeit genommen habt, dem jungen Winthrop zur Hand zu gehen. Doch bislang sahen wir Euch nicht zuwahrhaft heroischen Höhen emporsteigen. Aus diesem Grund können wir Euch für eine Lordschaft gegenwärtig leider nicht in Betracht ziehen.«
Arator nickte. »Wie Ihr meint, Lord Tyrosus. Ich werde mich weiterhin bemühen, besser zu werden, damit ich denen, die zu schützen ich geschworen habe, noch mehr zu Diensten sein kann.«
Tyrosus drückte kurz seine Schulter. »Daran zweifle ich nicht für eine Sekunde. Ich hoffe, dabei zu sein, wenn sich die Bedeutung Eures Titels offenbart. Ich weiß, dass Ihr uns alle in Erstaunen versetzen werdet.«
Arator spürte die aufrichtige Herzlichkeit, die in den Worten seines Vorgesetzten lag. Doch dann fuhr Lord Tyrosus fort: »Schließlich fließt das Blut von Hochexarch Turalyon und der legendären Alleria Windläufer durch Eure Adern. Ihr seid praktisch zum Heldentum geboren.«
Da war sie wieder – die Bürde, die unweigerlich in jedem Gespräch aufkam, das er mit jemandem führte, der derselben Berufung nachhing wie er. Der Vergleich, dem er niemals entkommen konnte. Er reagierte darauf mit seiner üblichen, einstudierten Erwiderung. »Ich danke Euch, Mylord. Dieser Bestimmung gerecht zu werden, ist Ehre und Verantwortung zugleich, und ich werde mein Bestes tun, um meinen Eltern und allem, wofür sie stehen, Ehre zu erweisen.«
Der ältere Mann schien damit zufrieden zu sein. »Ihr könnt gehen, falls Ihr Euch wieder zu eurem jungen Bewunderer draußen gesellen möchtet.«
»Ich denke, Winthrop sollte seine Aufmerksamkeit lieber Lord Graysons Gambeson schenken«, entgegnete Arator. Tyrosus lachte leise. »Wenn es Euch nichts ausmacht, würde ich es vorziehen, lieber noch eine Weile hierzubleiben und über das nachdenken, was wir gerade besprochen haben.«
»Natürlich. Es gibt einiges zu überdenken – und zum Grübeln gibt es keinen besseren Ort als diesen.«
Arator lauschte, bis Lord Tyrosus’ Stiefelschritte verklungen waren, ehe er sich umwandte, um eine weitere in Steiß gemeißelte Figur zu betrachten: Hochexarch Turalyon.
Denn wie Tirion war auch Arators Vater einer der ursprünglichen fünf Paladine gewesen.
Ihr seid praktisch zum Heldentum geboren, hatte Tyrosus voller Überzeugung gesagt.
Bin ich das?, fragte sich Arator. Bin ich das wirklich?
Seit er alt genug war, um zu verstehen, was damit gemeint war, wurde er als »der Sohn von Turalyon und Alleria« vorgestellt. So sprach man über ihn. Er hatte nie um irgendetwas gebeten – noch etwas angenommen –, das den Anschein erweckte, als würde es ihm allein aus Gefälligkeit aufgrund seiner Abstammung zuteilwerden. Aber das legendäre Paar war in Azeroth so bekannt, dass es Arator unmöglich war, seine Identität unter seinen Kameraden zu verbergen. Lord Tyrosus’ Ablehnung schmerzte teilweise deshalb so sehr, weil Arator zwar härter als die meisten anderen schuftete, um seinen Wert und seine Fähigkeiten zu beweisen, seine Leistungen jedoch immer mit denen seiner berühmten Eltern verglichen und fast zwangsläufig davon in den Schatten gestellt wurden.
Alleria und Turalyon hatten außergewöhnliche Zeiten durchlebt. Auch Arators Leben war voller Gefahren gewesen, von Dämonen über Untote bis hin zur Zersplitterung von Azeroth selbst. So viele hatten den Mut gefasst, in diese Schlachten zu ziehen, Angehörige von Horde und Allianz gleichermaßen, die mit Geschick, Hingabe und Leidenschaft gekämpft hatten. Doch Taten und Leistungen, die in früheren Tagen bemerkenswert gewesen waren, galten nicht mehr länger als heroisch genug, um entsprechend gewürdigt zu werden, und obgleich Arator froh war, dass seine Kameraden auf dem Schlachtfeld meisterhaft in dem waren, was sie taten, konnte er nicht umhin, an das zu denken, was seine Eltern so lange und so konsequent vollbracht hatten, nicht bloß auf Azeroth, sondern auch in anderen Welten.
Obgleich er von Mensch und Elf abstammte, hatte Arator immer stärker das Gefühl, dass er nicht zu beiden dieser Welten gehörte – sondern zu keiner davon. Die heutige Ablehnung hatte ihm auch noch andere unliebsame Wahrheiten ins Gedächtnis zurückgerufen, die er zu verdrängen versuchte, andere innere Kämpfe, die er focht. Er war schon lange vor der Rückkehr seiner Eltern erwachsen gewesen, eine eigenständige Persönlichkeit. In vielerlei Hinsicht war er nach wie vor dabei, sie kennenzulernen, auch wenn sein Leben unauslöschlich von ihrem Vermächtnis geprägt war – von der Vorstellung, die er von ihnen hatte. Nachdem sie so lange fort gewesen waren, wünschte Arator sich nichts sehnlicher, als mit ihnen zusammen zu sein und von ihnen zu lernen … doch gleichzeitig strebte er ebenso danach, sich von ihnen abzugrenzen, seinen eigenen Beitrag zu leisten und nicht nach ihren Maßstäben beurteilt zu werden.
Wie lange er dort im Schatten der Statue seines Vaters kniete und nachdachte, vermochte Arator nicht zu sagen, aber als er schließlich aufstand, waren seine Beine steif und sein Herz vielleicht noch schwerer als zuvor.
Blinzelnd trat er ins Tageslicht hinaus.
»Perfektes Timing«, sagte eine freundliche, wohlvertraute Stimme. »Ich warte erst seit ein paar Sekunden.«
»Liadrin!«, rief Arator, und seine Überraschung vertrieb vorübergehend die düsteren Wolken, die seine Stimmung trübten. »Was machst du denn hier?«
»Ich habe eine besondere Lieferung.« Sie deutete auf das kleine, in Stoff gewickelte Päckchen, das sie bei sich trug.
Lady Liadrin war die Anführerin der Sin’dorei-Paladine, die sich die Blutritter nannten. Sie war die Erste ihres Ordens gewesen, eine ehemalige Priesterin, die sich den Waffen zugewandt hatte, um für ihr Volk zu kämpfen. Obwohl Liadrin und sein Vater in vielerlei Hinsicht nicht unterschiedlicher sein konnten, hatte Turalyon seinerzeit dasselbe getan.
Nachdem seine Eltern jenseits des Dunklen Portals verschollen gewesen waren, war Arator von seiner Tante Vereesa und den vielen Freunden großgezogen worden, die seine Eltern geliebt hatten. Da seine Tante Sylvanas mit ihren Pflichten als Waldläufergeneralin vollauf beschäftigt gewesen war, hatte ihre »rechte Hand« Lor’themar Theron Arator unter seine Fittiche genommen.
Nachdem die Geißel Quel’Thalas zerstört hatte, führten Lor’themar und Liadrin den Feldzug zur Rückeroberung des Königreichs an. Doch sie hatten Arator nicht vergessen. Von Jugendbeinen an hatte Lor’themar Arator in den Traditionen der Weltenwanderer unterwiesen. Und Liadrin war eine seiner engsten Vertrauten gewesen, jemand, mit dem er gut reden konnte, der seine Freundschaft zu schätzen wusste, seine Geheimnisse bewahrte und ihm mit Zuspruch und Ehrlichkeit begegnete, wann immer eins von beiden nötig war. Er war ihr all die Jahre über zugetan geblieben und würde ihr für das, was sie für ihn getan hatte, für alle Zeiten dankbar sein.
»Du bist schwer einzuholen«, fuhr sie fort. Sie runzelte die Stirn, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. »Sag mir nicht, du musstest dir eine Standpauke anhören.«
»Nein«, entgegnete er hastig. »Alles bestens.«
»Verstehe«, sagte Liadrin, doch ihr Tonfall verriet, dass sie nur zu gut wusste, dass nicht alles bestens war. »Vielleicht hellt das deine Laune ein wenig auf.« Sie hielt ihm das Päckchen hin und löste die Schnur, die das Tuch zusammenhielt. Arator erkannte den Inhalt sofort: Honig aus der Windblüten-Imkerei. Er nahm das Glas entgegen und verstaute es in seinem Beutel.
»Danke.«
»Du hast nicht einmal gefragt, welcher der Zwillinge dir dieses Präsent schickt.« Als Arator nur teilnahmslos mit den Schultern zuckte, seufzte sie. »Ach komm schon. Mach nicht so ein betrübtes Gesicht. Ich habe auch eine Flasche Sonnentropfen-Wein dabei!«
* * *
Liadrin und Arator saßen im trockenen gelben Gras eines Hügels, einen kurzen Ritt von der Kapelle des hoffnungsvollen Lichts entfernt. Sein Blick ruhte auf der Kirche, während er – ohne nennenswerte Eleganz – einen Schluck von dem ausgezeichneten Jahrgang nahm. Dann berichtete er der Anführerin der Blutritter mit leiser, monotoner Stimme, was Lord Tyrosus gesagt hatte.
Liadrin verzog mitfühlend das Gesicht und streckte die Hand nach der Flasche aus.
»Ich verstehe sein Argument«, fuhr Arator fort. »Aber ich gebe zu, ich war … frustriert. Enttäuscht.«
»Entmutigt?«
»Ja, das auch.«
Liadrin nahm einen Schluck Wein und reichte ihm dann die Flasche. »Und jetzt?«
Seine Lippen umspielte ein Lächeln, das nichts mit Humor zu tun hatte. »Frustriert, enttäuscht und entmutigt.«
Sie lachte leise. »Würde es dich überraschen, wenn ich dir sage, dass ich mit all diesen Gefühlen bestens vertraut bin?«
Das tat es tatsächlich. Liadrin war ihm immer so selbstbewusst und unerschrocken vorgekommen. Sie führte die Blutritter mit Leidenschaft und stachelte sie zu Höchstleistungen an, indem sie ihnen mit ihrem Vorbild an Exzellenz und Mut voranging – eine Kommandantin, so strahlend wie das Licht, das sie schwang. Umso mehr verblüfften ihn ihre nächsten Worte.
»Wie du weißt, war mein Weg in den Ritterstand mit einigen Rückschlägen verbunden. Doch wenn ich jetzt darauf zurückblicke, bin ich dankbar für die Fehlstarts, die Sackgassen und die Missverständnisse. Denn ohne all das hätte ich nicht die Stärken entwickelt, die mich letztlich dorthin gebracht haben, wo ich heute bin. Du bist auf deiner eigenen Reise, Arator, und sie ist so einzigartig wie du selbst.«
»Keine Abkürzung durch die Felder, hm?«
»Ich fürchte, nein. Du musst jeden Schritt dieses Weges gehen, selbst wenn er dich an Orte führt, an denen du nicht sein möchtest.«
»Für eine Priesterin verstehst du dich ziemlich schlecht darauf, mich aufzumuntern.«
»Diese Berufung habe ich schon vor langer Zeit aufgegeben. Ich sage dir bloß, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, um dir auszumalen, was wohl eines Tages auf der Gedenktafel am Fuß deiner Statue stehen könnte.«
Er dachte daran, was er getan hatte, bevor Liadrin aufgetaucht war, und musste lachen. »Nun, wie wär’s mit: ›Der größte Reinfall zweier großer Völker‹?« Arator hob grimmig die Flasche an seine Lippen, aber Liadrin legte ihm die Hand auf den Arm.
»Arator«, sagte sie leise. »Sieh mich an.« Widerwillig kam er der Aufforderung nach. Ihr Blick war fest und freundlich. »Ich kenne dich nun schon seit vielen Jahren. Ich habe gesehen, wie du zu einem starken, gütigen, aufrichtigen Mann herangewachsen bist. Lord Tyrosus’ Ablehnung ist noch lange nicht das Ende deiner Geschichte. Mit der Zeit wird der Orden erkennen, wie außergewöhnlich du bist. Oder …«
Liadrin hielt inne und schien die Worte, die ihr auf der Zunge lagen, noch einmal zu überdenken.
»Oder …?«
Sie schwieg noch einen Moment länger, um ihre Worte mit Bedacht zu wählen. »Gestern habe ich mich mit dem Lordregenten und der Ersten Arkanistin getroffen«, erklärte sie. »Thalyssra liegen Berichte über mögliche Dämonenaktivitäten in der Nähe der Ruinen der Teufelsseelenbastion vor.«
Arator hob eine Augenbraue. Er hatte gehört, dass der Dämon Azoran die Bastion während Azeroths jüngster Schlacht gegen die Brennende Legion zu seinem Hauptquartier gemacht hatte. Dort befand sich eine Seelenmaschine, ein Gerät, mit dem Seelen gesammelt und in Teufelsmagie umgewandelt werden konnten. Azoran hatte vorgehabt, sich die Maschine zunutze zu machen, um mit der gewonnenen Teufelsmagie sein Kommandoschiff zu betreiben, das er gegen die Streitkräfte von Azeroth einsetzen wollte. Doch bevor es dazu kommen konnte, wurde Azoran getötet und der Angriff glücklicherweise vereitelt. »Ich dachte, die Nachtgeborenen hätten sichergestellt, dass alle Seelenmaschinen der Legion deaktiviert wurden?«
»Das haben sie. Und das waren sie auch. Zumindest … dachten sie das«, entgegnete Liadrin. »Aber Einheimische berichten, sie hätten in diesem Gebiet etwas gesehen, das sie als ›Teufelsmagieleuchten‹ beschreiben.«
»Das ist … beunruhigend.«
»In der Tat. Thalyssra hat eine kleine Schar Blutritter angefordert, um nach dem Rechten zu sehen und ihr Meldung zu machen. Doch ich denke, du bist mehr als fähig, diese Aufgabe auch allein zu bewältigen.«
Arator runzelte die Stirn. »Nur … aufklären und Bericht erstatten? Das könnte ebenso gut Winthrop übernehmen. Na ja«, fügte er dann hinzu, »fast jedenfalls.«
»Arator.« Liadrin setzte sich aufrecht hin und schaute ihm in die Augen. »Denk doch mal darüber nach. Wenn du nach Suramar gehst und dich freiwillig für diesen Auftrag meldest, zeigst du Engagement und Einsatzbereitschaft – ganz zu schweigen davon, dass du etwas zu tun hättest. Dann müsstest du nicht länger hier herumlungern in der Hoffnung, dass die Silberne Hand irgendwann mal irgendeine Aufgabe für dich hat. Und … dies würde dich in direkten Kontakt mit der Ersten Arkanistin von Suramar und sehr wahrscheinlich auch mit dem Lordregenten von Quel’Thalas bringen. Sei versichert, dass die beiden über wichtige Dinge vollkommen anders denken als die Silberne Hand. Natürlich kann ich dir nichts versprechen, aber wenn du gute Arbeit leistest, sind sie womöglich geneigt, dem Orden in einem positiven Licht über dich zu berichten. Mir scheint, die Silberne Hand betrachtet dich als Selbstverständlichkeit. Ich denke, es kann nicht schaden, wenn andere Anführer sie daran erinnern, wie glücklich sie sich schätzen können, dich zu haben.«
»Danke«, sagte Arator, ehrlich bewegt. »Das weiß ich zu schätzen.«
»Würde ich es nicht so sehen, würde ich es nicht sagen.«
Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass das stimmte. »Glaubst du wirklich, sie lässt sich darauf ein?«
Liadrin streckte die Hand nach der Flasche aus und nahm einen letzten Schluck. »Nun«, sagte sie, »es gibt nur einen Weg, das rauszufinden.«
2. KAPITEL
Die Nachtfestung, Suramar-Stadt
DIE VERHEERTEN INSELN
Seit ihrer Kindheit hatte Alleria Windläufer sich danach gesehnt, ihren eigenen Weg in der Welt zu gehen. Es dauerte nicht lange, bis sie erkannte, dass diese Sehnsucht ihr die Tür zu einem Leben voller Unerwartetem öffnen würde, und der heutige Abend bildete da keine Ausnahme.
Beinah ihr ganzes Leben lang war das Land Suramar der Stoff für Legenden gewesen. Sein geheimnisvoller magischer Schutzschild hatte Suramar über zehntausend Jahre von der Außenwelt abgeschirmt. Als diese selbst auferlegte Isolation während der letzten Invasion der Legion schließlich ihr Ende fand, erfuhr die Welt, dass sich die Bewohner im Laufe der Jahrtausende verändert hatten, bis sie schließlich zu den Nachtgeborenen geworden waren. Früher hätte Alleria sich nicht einmal vorzustellen gewagt, jemals einen Fuß auf Suramars Boden zu setzen, ganz zu schweigen davon, Freundschaft mit der Anführerin der Nachtgeborenen zu schließen, ihrer Ersten Arkanistin. Und doch saß Alleria jetzt hier und speiste mit Thalyssra und ihrem Gemahl. Dass dieser Gemahl kein Geringerer als Lordregent Lor’themar Theron war, hätte sie sich ebenfalls nie träumen lassen.
Einst war Lor’themar einer von Allerias besten Freunden gewesen und zweifellos war er ihr ältester. Sie erinnerte sich an viele sonnige Morgen in ihrem Elternhaus, dem Windläuferturm, wo Lor’themar regelmäßig vorbeigekommen war, um ihre Mutter, die Waldläufergeneralin, über irgendwelche Weltenwanderer-Angelegenheiten zu unterrichten. Lor’themar, der stets das Vertrauen ihrer Mutter genoss und später zum Stellvertreter ihrer Schwester ernannt wurde, wusste sehr wohl, unter welchem Druck Alleria als widerwillige Nachfolgerin im Amt der Waldläufergeneralin stand.
Schließlich jedoch hatte Alleria Quel’Thalas den Rücken gekehrt, um ihrer eigenen Mission zu folgen. Nachdem sie im Wirbelnden Nether tausend Jahre lang gegen Dämonen gekämpft und dabei von all den Prüfungen, Veränderungen und Umwälzungen gehört hatte, die Azeroth während ihrer Abwesenheit geprägt hatten, war sie dankbar gewesen, als sie erfuhr, dass zumindest Lor’themar Theron noch lebte. Dass er ihren Sohn mit ruhiger Hand ausgebildet und dazu beigetragen hatte, Quel’Thalas von der Geißel zurückzuerobern, um nun ihr Volk zu führen, war eine höchst willkommene Nachricht.
Und dann hatte die Leere einmal mehr alles auf den Kopf gestellt, wie so oft in ihrem Leben. Während eines Besuchs beim Sonnenbrunnen – dem Zentrum des Heiligen Lichts und der arkanen Macht ihres Volkes – hatte Allerias bloße Anwesenheit Leerenkreaturen heraufbeschworen. Zwar konnte eine Katastrophe gerade noch abgewendet werden, doch ihre Torheit hatte einen hohen Preis: die Verbannung aus ihrer Heimat und die Entfremdung von ihrem Volk, einschließlich Lor’themar.
Dann, Jahre später, erhielt sie unversehens eine Einladung – zur Hochzeit des Lordregenten und der Ersten Arkanistin. Das war ein erster Schritt in Richtung Versöhnung, und obgleich Alleria unlängst mehr Zeit allein verbrachte als jemals zuvor, sehnte sich ein Teil von ihr immer noch nach Lor’themars Freundschaft. Wie sie hatte er so vieles miterlebt, was nur wenige in ihrem Umfeld nachvollziehen konnten. Obwohl Alleria enttäuscht über das war, was sich in den Tiefen zugetragen hatte – dass Xal’atath ihr erneut entkommen war –, schien ihr flüchtiger Triumph über das Dunkle Herz vielen zu bestätigen, dass Alleria imstande war, die Leere zu kontrollieren. Und obgleich man ihr die Rückkehr nach Silbermond nach wie vor verwehrte, hatte Thalyssra Alleria und ihren Gemahl freundlicherweise zum Abendessen eingeladen.
Ihren Gemahl … Auch das war etwas, wo die Leere ihnen in die Quere gekommen war: Sie und Turalyon hatten nie offiziell den Bund der Ehe geschlossen.
In dem Jahrtausend, das sie miteinander verbracht hatten, hatten sie zahlreiche Hürden überwunden, aber ihre Kräfte zu meistern und die Leerengeschöpfe zu bekämpfen, die weiterhin in ihrer Welt lauerten … diese Dinge würden für sie immer an erster Stelle stehen, sogar noch vor ihm. Turalyon wusste das. Dennoch spürte sie jedes Mal seinen Schmerz, wenn sie sich von ihm zurückzog. Sie fragte sich, wie lange sie wohl noch so weitermachen konnten, wie lange sie es wohl noch ertragen konnte, dass sie sich mit jedem Tag ein Stückchen mehr von dem Mann entfremdete, den sie einst mit aller Leidenschaft geliebt hatte, die ihr im Leben und in der Schlacht ihre Kraft gegeben hatte.
In Wahrheit tobte in Alleria ob dieses Abendessens ein innerer Kampf. Die Wiederherstellung ihrer Beziehung zu Lor’themar forderte ihren Preis: eine unangenehme, formelle Mahlzeit von der Art, wie sie sie seit jeher verabscheute. Dass sie und Turalyon im Zuge dessen gezwungen sein würden, über Dinge zu sprechen, die über die jüngsten Krisen hinausgingen – dass sie lachen, liebevolle Blicke tauschen, so tun mussten, als wäre ihre Verbindung zueinander stark und unbeschwert –, verstärkte ihre Anspannung nur noch. Doch irgendwann wurde ihr klar, dass sie ihre Zusage zu der Einladung so lange hinausgezögert hatte, dass die Gefahr bestand, dass sie zurückgezogen wurde. Und so saßen sie nun hier.
Alleria konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart, als Ehrengast eines Abendessens im allerengsten Kreis. Das Mahl wurde draußen serviert, in einem der offenen, eleganten Innenhöfe, an einem niedrigen Tisch, an dem die Gäste auf Kissen statt auf Stühlen Platz nahmen. Da sie und Turalyon die einzigen Gäste waren, zeigten sich die beiden mächtigen Anführer ganz anders, als ihr Volk sie für gewöhnlich zu Gesicht bekam. Thalyssra und Lor’themar hatten ihre Rüstungen abgelegt, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne, zumindest in ihrem Verhalten zueinander. Obgleich Lor’themar die Gäste freundlich begrüßte, spürte Alleria, die ihn so gut kannte, seine Zurückhaltung. Thalyssra hingegen war vom ersten Moment an so herzlich und aufrichtig, dass sich sogar Turalyon, der selbst unter den besten Umständen eher steif wirkte, so wohlfühlte, wie man es unter den gegebenen Umständen nur erwarten konnte.
»Ich bewundere noch immer eure Bereitschaft, Angehörige der Allianz als Gäste zu empfangen«, sagte Turalyon und nahm einen Schluck Arkwein.
»Ich glaube, dass es dem Waffenstillstand zwischen Horde und Allianz am dienlichsten ist, wenn wir uns hin und wieder auch zu anderem zusammensetzen, als irgendwelche politischen oder strategischen Dinge zu besprechen. Das ist auch einer der Gründe, warum wir uns entschlossen haben, beide Seiten zu unserer Hochzeit einzuladen«, erklärte Thalyssra. »Auch wenn es bei Hochzeiten immer irgendwelche Ablenkungen zu geben scheint.«
Lor’themar nickte. »Wohl wahr«, sagte er. »In dieser Hinsicht hatten wir mehr Glück als Thrall und Aggra. Zumindest hat unser Disruptor mit Furorion bloß harsche Worte gewechselt.«
»Dafür hast du’s bei der Torte vermasselt«, gab Alleria staubtrocken zu bedenken. »Das war eine Tragödie.«
»Das hätte es sein können, hätten wir nicht von vornherein mehr als genug für alle vorbereitet gehabt.«
Turalyon blickte etwas verlegen drein. »Ich gestehe, ich habe mir Nachschlag genommen.«
»Den hatte mein Gemahl auch«, sagte Thalyssra neckisch. »Und das mehr als einmal.«
»Die Stücke waren aber auch winzig«, wandte Lor’themar im selben ausgelassenen Tonfall ein.
Alleria lächelte knapp. Die beiden blühten auf, wenn sie zusammen waren, als würden sie das Beste aneinander noch verstärken, ohne dass zugleich etwas von dem abhandenkam, das sie als Persönlichkeiten ausmachte. Lor’themars Witz war um einiges weniger bissig, als Alleria es aus ihrer Kindheit in Silbermond in Erinnerung hatte, und in dieser ungezwungenen Umgebung sorgten Thalyssras scharfer Verstand und ihre grenzenlose Neugier dafür, dass die Unterhaltung nie ins Stocken geriet.
Die Wärme ihrer aufrichtigen Liebe und ihres Respekts füreinander wie auch die Wirkung des trügerisch süffigen Arkweins lösten Allerias Zunge. Sie hörte sich selbst sagen: »Ihr seid schon eine ganze Weile aus den Flitterwochen zurück, aber vorbei scheinen sie trotzdem noch nicht zu sein. Wie macht ihr das?«
»Durch Portale«, witzelte Lor’themar, fügte dann aber ernster hinzu: »Und dadurch, Prioritäten zu setzen.«
»Und mit Poesie!«, erinnerte ihn Thalyssra. »Allerdings muss ich sagen, dass wir vor unserer Begegnung eher mit unseren Pflichten verheiratet waren. Das war … ein Problem, das auch nach unserem Ehegelübde fortbestand.«
Lor’themar griff schweigend nach ihrer Hand, während sie sprach.
Sie schloss ihre Finger um seine und fuhr fort: »Wir waren so darauf bedacht, unsere Pflichten zu erfüllen, dass wir den eigentlichen Grund für ebendiese Pflichten aus den Augen verloren: damit unser Volk in Wohlstand und Frieden leben kann. Die Sin’dorei und die Shal’dorei brauchen nicht bloß Schutz und Nahrung – sie verdienen die Möglichkeit, Zeit mit ihren Lieben zu verbringen, schöne Erlebnisse zu teilen. All die Dinge zu tun, die die Seele nähren.«
Eine Erinnerung kam Alleria in den Sinn, lieblich und angenehm. Sie dachte an die vielen ungezwungenen Stunden, die sie mit ihren Schwestern zugebracht hatte, während ihr geliebter kleiner Bruder auf seiner Laute spielte und für sie sang. Wie sehr hatte die Familie diese Momente des Friedens genossen, gemeinsam in ihrem heimeligen Zuhause. Natürlich war es unmöglich, für immer in diesen Augenblicken zu verweilen, aber in Gedanken kehrte Alleria oft dorthin zurück. Derweil musterte Lor’themar sie aufmerksam, und seine verschlossene Miene wurde ein wenig sanfter, als er den Anflug von Kummer bemerkte, der über ihre Gesichtszüge huschte. Als er sprach, war es, als hätte ihr alter Freund ihre Gedanken gelesen.
»Wir haben Opfer gebracht, damit andere es nicht mussten. Damit unser Volk so unberührt von Schmerz und Verlust bleiben konnte wie nur irgend möglich. Wir haben auf dauerhafte Freundschaften, Seelenfrieden und Liebe verzichtet, alles im Namen der Pflicht …« Er seufzte. »Doch irgendwann vergisst man die Kraft, die einem solche Dinge eigentlich schenken sollen, die neue Energie. Eines Tages wird die Liebe öde und das Zuhause ist bloß noch ein Gebäude anstatt ein Zufluchtsort.«
Alleria mühte sich um eine neutrale Miene, damit der scharfsinnige Lordregent nicht sah, wie tief seine unschuldigen Worte sie trafen. Sie und Turalyon waren von Schlacht zu Schlacht gezogen, in Liebe vereint, ja, aber mehr noch vielleicht im Kampf. Krieg und Gewalt hatten sie zusammengebracht, hatten sie verbunden, während sie genügend Blut vergossen hatten, um einen Ozean zu füllen. Dämonen ruhten nicht und so ruhten sie ebenfalls nicht. Ihnen war kaum Zeit für Essen oder Schlaf geblieben, geschweige denn für Zärtlichkeit oder einfach nur dafür, im grünen Gras zu liegen und zum Blau des Himmels aufzuschauen.
Oder doch? Auch die beiden Anführer, die vor ihr saßen, hatten schreckliche, tragische Ereignisse erlebt. Ihr Volk hatte schwer gelitten. Aber sie hatten Zeit füreinander gefunden. Oder … hatten sie sich mit derselben Entschlossenheit genommen, mit der sie kämpften und für jene sorgten, die ihrer Verantwortung unterstanden. Alleria kam der trostlose Gedanke, dass zwar alle vier, die hier heute Abend versammelt waren, für ihr Volk Krieg geführt hatten, doch nur ihre Gastgeber waren auch für sich selbst in die Schlacht gezogen – gegen all die großen und die kleinen Dinge, die immer mehr und mehr zu werden schienen, bis sie ein ganzes Leben ausfüllten.
»Wie überheblich von uns«, unterbrach Thalyssra Allerias Grübelei, »euch beiden Ratschläge zu erteilen. Ihr seid seit tausend Jahren verheiratet! Wir sollten lieber euch um Rat fragen!«
Alleria erstarrte. Abgesehen davon, dass sie und Turalyon nie den Bund der Ehe geschlossen hatten, gab es nichts, was sie diesbezüglich an Weisheiten mit anderen hätte teilen können. Warum sich Zeit für Lieder oder Poesie oder das Betrachten der Sterne nehmen, wenn Dämonen sich ihren Weg durch die Großen Dunklen Weiten brannten, auf der Suche nach deiner Welt, nach deinem Kind? Warum ein paar Stunden mit ruhigen Gesprächen verbringen, wenn man diese Zeit ebenso gut zum Schlafen, Schmieden oder Essen nutzen konnte?
Selbst jetzt, in einer Zeit relativen Friedens, beschäftigten sie und Turalyon sich mit den Belangen des Kampfes statt mit denen der Ehe. Gewiss, sie hatten darüber gesprochen, wie die Dinge sein könnten, hin und wieder, in den seltenen Momenten, in denen sie ein wenig zu Atem kommen konnten. Sobald wir zurückgekehrt sind. Nach dem Krieg. Wenn sich die Lage beruhigt hat. Doch selbst dann gab es immer etwas Wichtigeres als eine Hochzeit, das nach ihrer Aufmerksamkeit verlangte. Und jetzt bewegten sie sich in getrennten Sphären, begegneten einander nur selten und nahmen sich noch weniger Zeit für innige Zweisamkeit als je zuvor. War er damit zufrieden?
War sie selbst es?
»Oh, ich finde, ihr macht das großartig«, sagte Alleria leichthin.
»In der Tat«, pflichtete Turalyon ihr bei. »Allerdings glaube ich nicht, dass ihr uns bloß hergebeten habt, um einen Abend voll gutem Essen, exquisitem Wein und angenehmen Gesprächen zu genießen.«
»Nun, das haben wir ja schon einmal versucht«, merkte Thalyssra – nur halb im Scherz – an. »Doch das Einzige, womit wir euch dazu bewegen konnten, unsere Einladung anzunehmen, war die Aussicht darauf, über gewisse Aktivitäten zu reden in Zusammenhang mit –«
»Teufelsmagie«, sagte eine andere Stimme.
Beim Klang dieser Stimme schlug Allerias Herz unwillkürlich schneller, und sie versuchte gar nicht erst, ihre Freude zu verbergen. Sie erhob sich sogleich von den bequemen violetten Kissen, um ihren Sohn in die Arme zu nehmen. Turalyon stand ebenfalls auf und legte Arator die Hand auf die Schulter. Alleria wandte sich ihren Gastgebern zu und zum ersten Mal an diesem Abend war ihr Lächeln vollends aufrichtig.
»Danke«, sagte sie. »Das ist wirklich eine großartige Überraschung!«
Die beiden wechselten einen Blick.
»Ich fürchte, das Lob dafür gebührt nicht uns«, sagte Thalyssra.
»Arator!«, sagte Lor’themar. »Deine Anwesenheit ist für uns alle eine willkommene Abwechslung!«
»Ja, bitte, setz dich zu uns!«, lud seine Gemahlin Arator ein. »Wir sind gerade beim ersten Gang. Wie schön, dass die ganze Familie zum Abendessen da ist!«
Arator verneigte sich. »Erste Arkanistin, Lordregent, ich bitte vielmals um Verzeihung für die Störung. Ich fürchte, ich bin in amtlicher Funktion hier. Ich habe heute Nachmittag mit Lady Liadrin gesprochen, die mir mitgeteilt hat, dass ihre Blutritter von Euch mit einer Mission betraut worden sind. Ich biete Euch hiermit demütig meine Dienste an, um diese Aufgabe an ihrer statt zu übernehmen, sofern Ihr damit einverstanden seid.«
Lor’themar und Thalyssra schüttelten lachend die Köpfe. »Du bist wahrlich der Sohn deiner Eltern«, sagte Thalyssra. »Wir wollten gerade mit ihnen über ebendiese Berichte sprechen. Bitte, setz dich, dann bringen wir euch auf den neuesten Stand … euch alle.«
Alleria hörte nur mit halbem Ohr zu, als Thalyssra die Sichtungen schilderte. Die Erste Arkanistin schien begeistert über die Aussicht zu sein, Liadrins Vorschlag zu folgen und die Aufgabe statt den Blutrittern Arator zu übertragen. Und obgleich die Befehlsgewalt in dieser Sache bei seiner Gemahlin lag, wirkte auch Lor’themar sichtlich erfreut, dass Arator Interesse daran zeigte, Suramar beizustehen.
Die Mission wirkte nicht sonderlich komplex: eine routinemäßiger Erkundungsauftrag, um den Gerüchten auf den Grund zu gehen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt erforderte dieses Vorhaben, das Arator ohne Weiteres allein bewältigen konnte, weder die Zeit noch die Aufmerksamkeit mehrerer Blutritter, die andernorts dringender gebraucht wurden.
Und doch … gab die Angelegenheit seiner Mutter zu denken. Sie hatte das Flüstern der Leere in ihrem Geist besiegt. In diesen Tagen machten ihr die kaum verhüllten Manipulationsversuche der Leere nur noch selten zu schaffen. Doch Alleria hatte ein Jahrtausend im Wirbelnden Nether zugebracht, bisweilen gehetzt von Dämonen, die danach trachteten, ihr, ihrem Liebsten oder sogar ihrem Sohn zu schaden. Die Leere konnte ihr jede Menge grässliche Tode einflüstern, die Arator auf dieser Mission erwarten mochten. Doch da war noch etwas anderes, das ihr Herz mit Angst erfüllte, etwas, das an ihr nagte und dank der jüngsten Unterredung und des unerwarteten Auftauchens ihres Sohnes mit Macht in den Vordergrund drängte.
Die meisten Eltern brachten Opfer für ihre Kinder, in der Hoffnung, ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Das hatten sie und Turalyon ebenfalls getan – sie hatten nicht bloß ihren Körper, sondern ebenso ihr Herz, ihre Seele und ihre Ideale geopfert. Ihre Hoffnungen. Ihre Unschuld. Dinge, die ihnen entweder entrissen wurden oder die sie selbst ganz bewusst hintangestellt hatten, um ihre Pflicht zu erfüllen.
Sie hatten das alles geopfert, damit ihr Sohn es nicht tun musste.
Doch trotz ihrer Bemühungen hatte Arators Entscheidung, Paladin zu werden, ihn auf denselben Pfad geführt.
Vielleicht kann man seinen Weg noch ändern, dachte Alleria. Lor’themar, Thalyssra …Die beiden haben eine Möglichkeit gefunden, ihren Pflichten nachzukommen und trotzdem Raum für Freude und Liebe zu schaffen.
»Angesichts des Umstands, dass wir diesbezüglich schon seit Jahren nichts mehr gesehen oder gehört haben, sollten wir diese vermeintlichen Vorfälle mit Vorsicht genießen«, hörte Alleria sich selbst sagen.
Turalyon reagierte nicht. Er musterte Arator, als würde er in den Augen seines Sohnes nach der Antwort auf eine Frage suchen, die nur er kannte.
Da Alleria vor Thalyssra und Lor’themar nicht das aussprechen konnte, was sie wirklich dachte, erhob sie sich, und ungeachtet des Sturms der Gefühle, die in ihr tobten, sagte sie mit leiser, ruhiger Stimme: »Kann ich dich kurz sprechen, Turalyon?«
Sie entfernte sich einige Schritte. Er folgte ihr, und Alleria beeilte sich, das Wort zu ergreifen, ehe er ihr zuvorkommen konnte. »Alles, was wir haben, sind ein paar Berichte – ebenso gut könnte er geradewegs in eine Falle tappen. Unser Sohn mag schon gegen Dämonen gekämpft haben, aber er kennt sie nicht. Nicht so wie wir. Das tut niemand, weder in dieser noch in irgendeiner anderen Welt.«
Turalyon wirkte nachdenklich. »Arator ist ein erwachsener Mann. Kein Kind mehr. Aber …«
Alleria beäugte ihren Liebsten von Kopf bis Fuß. Irgendetwas stimmte nicht. »Was weißt du, das ich nicht weiß?«
»Arator strebt seit Jahren danach, in den Reihen des Ordens aufzusteigen. Er hatte heute eine Zusammenkunft mit Lord Tyrosus. Und obgleich ich es nicht mit Gewissheit sagen kann, glaube ich, das Gespräch ist nicht so verlaufen, wie er es sich gewünscht hat.«
Alleria drehte sich um und sah zu Arator hinüber. Er unterhielt sich freundlich mit ihren Gastgebern, doch nun glaubte sie, in seiner Körpersprache einen Hauch von Enttäuschung zu erkennen. Alleria dachte an ihren eigenen Kampf, sich zu beweisen, damals, als sie jünger war als ihr Sohn jetzt, und bemüht, gegen den Willen ihrer Mutter ihren eigenen Weg zu gehen.
»Unser Sohn ist ein hervorragender Schwertkämpfer«, fuhr Turalyon fort. »Das Licht in ihm ist stark. Und er ist ein guter, gütiger Mensch. Ich denke, das Einzige, was ihm im Wege steht, ist seine Bereitschaft, falls nötig die Regeln zu beugen und das Protokoll zu missachten. Was er übrigens gerade wieder getan hat, indem er erst mit Liadrin gesprochen und sich dann direkt an Thalyssra gewandt hat.«
Alleria sträubte sich unmerklich. »Hätte ich mich seinerzeit an das Protokoll gehalten, wären wir einander nie begegnet.«
»Oh, wir wären einander begegnet«, sagte Turalyon mit der felsenfesten Gewissheit, die er immer ausstrahlte, wenn es um ihre Bande zueinander ging. Und für einen Moment ließ sie zu, dass der Gedanke daran, dass es ihm tatsächlich ernst damit war, ihr Herz wärmte.
»Arator hat sich entschieden, sich der Silbernen Hand anzuschließen, obwohl er wusste, dass der Orden großen Wert darauf legt, dass seine Mitglieder seine etablierten, allgemein respektierten Methoden befolgen«, sagte Turalyon. »Ich für meinen Teil würde gern wissen, wie er sich bei einer echten Mission schlägt. Sehen, wie er vorgeht; auf welcher Basis er seine Entscheidungen trifft; welche Maßnahmen er ergreift. Ihn vielleicht ein wenig anleiten.«
»Womöglich möchte er nicht von seinem Vater analysiert werden«, sagte Alleria.
»Womöglich möchte er auch nicht von seiner Mutter bevormundet werden«, gab Turalyon zu bedenken.
Alleria legte ihm seufzend eine Hand auf seinen Arm. »Vielleicht hat er in mancherlei Hinsicht nicht übermäßig viel für seine Eltern übrig«, sagte sie. »Aber … er braucht Verbündete.«
Ihr Liebster lächelte sanft. »Ich denke, dasselbe gilt auch für uns. Fragen wir ihn doch.«
Sie kehrten zu den anderen zurück. »Jetzt, wo Thalyssra die ganze Familie über die Vorkommnisse informiert hat«, begann Turalyon, »fragen Alleria und ich uns, ob es womöglich klug wäre, wenn auch die ganze Familie der Sache nachgeht. Was meinst du dazu, Arator?«
Arator wirkte ein wenig verblüfft. »Wir alle?«, sagte er mit einem leichten Stirnrunzeln. »Das … scheint mir ein wenig übertrieben.«
Turalyon schaute ihn unsicher an, doch Alleria presste die Lippen zusammen, um nicht zu lächeln. »Vollkommen unnötig«, sagte sie.
»Regelrechte Ressourcenverschwendung«, stimmte Arator zu. »Ich bin dabei.«
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