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Manche Narben sieht man, andere trage ich unsichtbar unter der Haut. Dieses Buch erzählt von beiden. Ich schreibe über das Leben mit Borderline, Depressionen und Essstörung, über das Überleben, die Rückschläge, die kleinen Fortschritte und die Suche nach Identität. Über das Gefühl, anders zu sein, und den Druck, in eine Rolle zu passen, die nicht die eigene ist. Es ist kein Ratgeber, sondern ein ehrlicher Einblick in meine Gedanken, Ängste und Kämpfe. Ich erzähle von Klinikaufenthalten, Therapien und dem ständigen Versuch, mich selbst zu verstehen und vom Mut, weiterzugehen, auch wenn der Weg manchmal im Dunkeln liegt. Dieses Buch soll nicht nur Einblick geben, sondern Mut machen. Mut, sich den eigenen Gefühlen zu stellen, Hilfe anzunehmen und den eigenen Weg zu finden. Ergänzt wird meine Geschichte durch Texte von Menschen, die mich begleiten. Ihre Worte zeigen, wie unterschiedlich Wahrnehmung sein kann und wie wichtig es ist, über psychische Gesundheit zu sprechen. Ein Buch für alle, die selbst betroffen sind, für Angehörige und für alle, die verstehen wollen.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Clara Schumann wurde 1999 in Mönchengladbach geboren und fand schon früh in Worten einen sicheren Ort.
Was zunächst ein Ventil war, wurde mit der Zeit zu einer Art Kompass – einem Weg, Gefühle zu sortieren, Dinge sichtbar zu machen und anderen Mut zu geben. Mit ihrem Schreiben möchte sie dazu beitragen, offener über psychische Gesundheit zu sprechen und die Scham, die viele Betroffene empfinden, ein Stück kleiner zu machen. Sie arbeitet bereits an weiteren Projekten, die zeigen sollen, dass Verletzlichkeit und Stärke sich nicht ausschließen.
Für wen ich dieses Buch geschrieben habe
Warum ich dieses Buch schreibe
Teil 1: Im Schatten – Vom Nicht-Genug-Sein und innerem Kampf
„Ich bin nicht krank genug“ – über Scham, Schuld und die Angst, nicht ernst genommen zu werden
Die Depression in mir – Wie alles begann
Wenn Angst den Körper übernimmt – Meine Erfahrungen mit Panikattacken
Medikamente – Hilfe oder Betäubung
Schule als Bühne – Zwischen Leistungsdruck und Perfektionsdrang
Lichtblicke im Klassenzimmer – Wenn Schule auch guttut
Ein Ort, der bleibt – Erinnerungen, die nicht loslassen
Zwischen Zweifel und Vertrauen – Mein Weg mit dem Glauben
Ich passe nicht in mich – Körper, Identität und das Gefühl vom Fremdsein
Teil 2: In der Tiefe– Kliniken, Therapie, Begegnungen
Therapieplatz gesucht – Von Hürden, Hotlines und Hoffnung
Klinikalltag – Zwischen Rückschlägen und kleinen Siegen
Ein Brief von Monica– wie Klinik verbindet
Der Freak und die Elfe– Eine Freundschaft fürs Leben
Freiheit auf vier Rädern – Ein Weg zu mir Selbst?!
Ein Brief von Sabine– Worte die bleiben
Zwischen Freiheit und Fall – Warum ich nach Spanien zurück in die Klinik musste
Zurück in die Klinik – Ich kann nicht mehr
Wenn das Leben schwer wird – Gedanken an den Tod
Fünf Wochen Reha als Wendepunkt
Wenn Nähe nur von einer Seite kommt – Über enttäuschte Beziehungen
Ein Moment, in dem ich nicht mehr machtlos war
Tag der offenen Tür – Ein Ort der alte Wunden aufreißt
Ein Blick von der anderen Seite – Ein Beitrag einer ehemaligen Lehrerin
Geht es dir gut? – Wenn die Worte fehlen
Rückschläge – Wenn alles wieder kippt
Emotionen verstehen – mein Weg zur Selbsthilfe
Alles anders – Ein Text von meinen Eltern
Teil 3: Zwischen Licht und Leben – Hoffnung, Heilung und Weitergehen
Meine Skills – Werkzeuge für schwere Zeiten
Ich gebe noch nicht auf– Weil ich mehr will als nur überleben
Schreiben als Therapie – Worte als Ausweg
Mein Berufsweg mit Borderline – Schritt für Schritt
Wenn Eltern begleiten – Eine Mutter erzählt
Was ich damals gebraucht hätte – Und heute weitergeben darf
Meine Katze – Leise Nähe in dunklen Zeiten
Nicht lieben müssen, um verbunden zu sein – Der Versuch, Freundschaft neu zu denken
Es gibt Hoffnung – Auch wenn man sie manchmal nicht sieht
Was ich gelernt habe – Und was ich anderen mitgeben möchte
Besser geht auch anders – Ein ehrlicher Blick auf meine eigenen Grenzen
Anlaufstellen
Dieses Buch ist in erster Linie für mich selbst entstanden.
Es war– und ist – ein selbsttherapeutisches Projekt.
Ein Weg, meine Gedanken zu sortieren, Erlebtes greifbar zu machen und mir selbst näherzukommen.
Aber es ist auch für die Menschen in meinem Leben: Meine Familie, Freund:innen und Bekannten.
Ich habe oft gemerkt, wie schwer es ist, über psychische Erkrankungen zusprechen – und wie befreiend es sein kann, wenn ich es doch tue.
Offenheit schafft Verständnis. Und Verständnis nimmt den Druck, mich ständig erklären zu müssen. Durch Gespräche über meine Texte habe ich erlebt, dass mein Umfeld mir anders begegnen – vorsichtiger viel leicht, aber auch ehrlicher.
Und ich fühle mich dadurch besser verstanden.
Daher ist dieses Buch nicht nur für mich geschrieben, sondern auch für alle, die mich besser verstehen wollen.
Und wenn es darüber hinaus jemandem Mut macht, sich Hilfe zu suchen, über eigene Gedanken zu sprechen oder sich selbst ein Stück mehr anzunehmen – dann ist das mehr, als ich je erwartet hätte.
Psychische Erkrankungen sind oft unsichtbar.
Man erkennt sie nicht auf den ersten Blick – und doch können sie das gesamte Leben beeinflussen.
In diesem Buch teile ich meine persönlichen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen: wie sie sich in meiner Kindheit und Jugend gezeigt haben, wie sie mich geprägt haben und wie ich heute mit ihnen umgehe.
Ich erzähle von Klinikaufenthalten, von Momenten der Hoffnung und Verzweiflung und davon, wie mir Therapie geholfen hat, mich und meine Erkrankung besser zu verstehen.
Ich weiß, wie schwer es sein kann, sich jemandem anzuvertrauen.
Über psychische Erkrankungen zu sprechen, kostet Überwindung – nicht nur für Betroffene, sondern auch für ihr Umfeld.
Oft fehlen die richtigen Worte, oder die Angst vor Ablehnung ist zu groß.
Mir selbst fiel es lange Zeit schwer, meine Gedanken und Gefühle auszusprechen.
Doch das Schreiben war für mich immer eine Möglichkeit, Ordnung in das Chaos in meinem Kopf zu bringen.
Dieses Buch ist deshalb nicht nur meine persönliche Geschichte, sondern auch eine Einladung zum offenen Austausch.
Ich möchte Mut machen – Mut, sich Hilfe zu suchen, Mut, sich mit den eigenen Gedanken auseinanderzusetzen, und Mut, über psychische Gesundheit zu sprechen, ohne Angst vor Stigmatisierung.
Ich erzähle nicht nur von meinen Diagnosen, sondern davon, was sie für mich bedeuten und wie sie mein Leben beeinflusst haben.
Doch dieses Buch ist mehr als meine
Krankheitsgeschichte. Ich nehme dich mit in meine Jugend, in Klinikaufenthalte und Therapiegespräche – aber auch in die Momente des Zweifelns, der Hoffnung und der kleinen Erfolge.
Es geht um Ängste und Unsicherheiten, aber auch um Entwicklung und Erkenntnis.
Darum, was es bedeutet, sich Hilfe zu holen, und warum das manchmal schwerer ist, als es sein sollte.
Ich möchte zeigen, wie sehr sich psychische Erkrankungen auf den Alltag auswirken können – auf Freundschaften, Beziehungen, Schule und Arbeit.
Und gleichzeitig will ich Mut machen. Denn so schwierig dieser Weg auch ist: Es gibt immer Möglichkeiten, ihn weiterzugehen.
Manchmal ganz kleine, kaum sichtbare Schritte – aber jeder von ihnen zählt.
Dieses Buch ist kein Ratgeber und keine wissenschaftliche Abhandlung.
Ich erzähle meine Geschichte subjektiv und ehrlich, weil ich weiß, wie wertvoll es sein kann, sich in den Gedanken und Gefühlen eines anderen Menschen wiederzufinden – oder darin vielleicht eine neue Perspektive zu gewinnen.
Wenn ich versuche, zu erklären, was meine Diagnosen für mich bedeuten, dann nicht, um sie zu rechtfertigen, sondern um verständlich zumachen, wie sie sich anfühlen.
Ich habe über die Jahre verschiedene Diagnosen erhalten: Borderline-Persönlichkeitsstörung, Depression, soziale Phobie, Essstörung.
Jede von ihnen beschreibt einen bestimmten Aspekt meiner Erfahrungen und Schwierigkeiten – aber keine von ihnen definiert mich vollständig als Person.
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) ist für mich vor allem das Gefühl, Emotionen intensiver zu erleben als andere. Freude kann sich überwältigend anfühlen – genauso wie Schmerz, Wut oder Angst.
Oft ist es daher für mich schwer, meine Gefühle zu regulieren, was bei mir zu impulsivem Verhalten oder starken Selbstzweifeln führen kann.
Depressionen bedeuten für mich nicht nur Traurigkeit, sondern auch emotionale Taubheit: Zeiten, in denen nichts mehr Sinn ergibt, in denen selbst die kleinsten Aufgaben unüberwindbar scheinen. Ein Gefühl von Leere – als Gegenpol zu der Intensität der BPS – und das Erleben, keine Kontrolle mehr über mein eigenes Empfinden zu haben.
Die soziale Phobie zeigt sich bei mir als extreme Angst vor Bewertung durch andere. Schon eine harmlose Unterhaltung kann sich anfühlen wie eine Prüfung, bei der jeder Satz überdacht werden muss. Das hat oft dazu geführt, dass ich mich zurückgezogen habe, um unangenehme Situationen zu vermeiden.
Die Essstörung war für mich lange ein Versuch, Kontrolle zu behalten – in Momenten, in denen ich das Gefühl hatte, sie über alles andere zu verlieren.
Meine Diagnosen helfen mir, meine Muster und Verhaltensweisen besser zu verstehen und einzuordnen.
Aber sie sind nicht das, was mich ausmacht.
Ich bin mehr als die Summe meiner Symptome – und genau das möchte ich mit diesem Buch zeigen.
In diesem Buch thematisiere ich unter anderem Selbstverletzung, Suizidgedanken und belastende Erlebnisse aus meinen Klinikaufenthalten.
Mir ist bewusst, dass solche Themen schwierig sein können.
Bitte achte gut auf dich und deine Gefühle.
Es ist völlig in Ordnung, einzelne Kapitel zu überspringen, wenn sie sich für dich nicht gut anfühlen.
Das Wichtigste ist: Du musst da nicht alleine durch.
Du wirst im Buch immer wieder auf Passagen in dieser Schriftart stoßen. Dabei handelt es sowohl um Tagebucheinträge aus meiner Jugendzeit, aber auch um Texte, die von Wegbegleitern für dieses Buch geschrieben wurden. Die geänderte Schriftart soll dir dabei helfen, diese Texte besser zu erkennen.
Es beginnt oft leise. Ein Gefühl, das nicht greifbar ist. Ein Zweifel, der sich langsam ausbreitet. Ein Gedanke, der sich in alles schiebt: „Ich bin nicht gut genug.“
In diesem ersten Teil erzähle ich von den frühen Phasen meiner Erkrankung – von der Zeit, in der ich selbst nicht wusste, was mit mir geschieht. Ich spreche über Scham und Schuld, über den Druck, funktionieren zu müssen, über das tiefe Bedürfnis, einfach „normal“ zu sein. Es geht um Schule als Ort der Überforderung, um meinen Glauben, der manchmal Halt war und manchmal nur Fragezeichen hinterließ, und um meinen Körper, mit dem ich mich fremd fühlte.
Hier entstehen die ersten Risse. Und gleichzeitig die ersten Versuche, sie zu überdecken.
Dieser Teil ist roh, manchmal widersprüchlich, aber immer ehrlich. Vielleicht findest du dich in einem Gedanken wieder. Oder in einem Gefühl. Vielleicht zeigt er dir auch: Du bist nicht allein mit dem, was du spürst.
Wenn ich an meine ersten bewussten Begegnungen mit meiner Erkrankung zurückdenke, dann war da vor allem eines: Scham.
Scham, weil ich dachte, ich übertreibe. Weil ich glaubte, es ginge anderen viel schlechter.
Und genau da beginnt meine Geschichte.
Als ich mit 13 Jahren das erste Mal über den Tod als möglichen Ausweg aus der Depression nachdachte, war es für mich unvorstellbar, meine Gedanken und Gefühle als etwas Reales anzuerkennen. Ich machte sie klein, schob sie weg, erklärte sie für unwichtig.
Stattdessen stellte ich mir vor, wie es wäre, eine „echte“ Krankheit zu haben – etwas, das man sieht. Ein gebrochenes Bein vielleicht. Oder eine Grippe, so stark, dass man im Bett bleiben muss. Nicht weil ich Schmerzen wollte, sondern weil ich mir Erlaubnis wünschte: zur Ruhe, zur Sorge um mich.
Ich wollte nicht sagen müssen: „Ich kann nicht mehr.“ Ich wollte, dass jemand anderes das für mich tut – damit es nicht an mir liegt. Damit ich keine Verantwortung dafür tragen muss, Hilfe zu brauchen.
Damals habe ich solche Gedanken in mein Tagebuch geschrieben. Ich wusste, dass ich Hilfe brauchte, aber ich wartete darauf, dass jemand anderes den ersten Schritt für mich machte.
Wie gerne würde ich eine Therapie machen, wie gerne würde ich mir Hilfe suchen, aber ich kann nicht. Mein Stolz ist zu groß, als dass ich meine Krankheit offen eingestehen könnte.
Lieber warte ich darauf, dass mich jemand anders zum Arzt bringt, mich bei der Therapeutensuche unterstützt und berät. Aber da kann ich auf niemanden zählen.
Diese Haltung – dass ich nicht „krank genug“ sei, um Hilfe zu verdienen – blieb viele Jahre bestehen. Ich hatte Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen. Wenn ich um Hilfe bitte, wenn ich Therapie will, und es dann nicht hilft – dann wäre es mein Fehler. Dann hätte ich versagt. Und wenn andere dadurch belastet oder besorgt sind, dann wäre das meine Schuld.
Diese Gedanken haben mich lange davon abgehalten, mir Unterstützung zu suchen.
Erst fast zehn Jahre später, im Alter von 22, fand ich den Mut, tatsächlich in Therapie zu gehen. Doch auch dieser Schritt war von Schuldgefühlen begleitet.
Hier eine kurze zeitliche und räumliche Einordnung. Ich habe vor3 Jahren die Schule beendet und mich entschieden, im Anschluss eine Kochausbildung zu beginnen. Dafür bin ich 2020 nach Oberbayern in meine erste eigene Wohnung gezogen.
Als ich meinen Eltern dann am Telefon erzählte, dass ich Therapie brauche und in eine Klinik gehen würde, kamen die beiden direkt zu mir nach Bayern, um für mich da zu sein. Sie haben sich große Sorgen gemacht und ich hatte das Gefühl, ihr Leben komplett durcheinandergebracht zu haben.
Ich hatte in diesem Moment nicht das Gefühl, krank zu sein – ich hatte das Gefühl, versagt zu haben.
Und dann war da noch die Scham. Scham meiner Familie gegenüber, weil ich nicht gleich über alles reden konnte. Scham, weil ich so viele Jahre geschwiegen hatte. Und keine richtige Erklärung dafür geben konnte – außer vielleicht: Ich hatte Angst, nicht mehr so gesehen zu werden wie früher.
Ich war die, die funktioniert. Die alles schafft. Die sich kümmert.
Was passiert, wenn man das nicht mehr ist?
Die Antwort bekam ich indirekt nach meinem Klinikaufenthalt – von meinem damaligen Chef.
Schon vor der Klinik bat ich um Entlastung, um Rücksichtnahme. Das funktionierte zunächst gut, und ich war dankbar dafür.
Doch als ich aus der Klinik zurückkam, hatte ich das Gefühl, mir wurde kaum noch etwas zugetraut. Ich bekam nur wenige Aufgaben. Sicherlich war das gut gemeint – aus Vorsicht, vielleicht auch aus Fürsorge. Doch für mich fühlte es sich an, als wäre ich nicht mehr gut genug.
Als läge das Stigma „psychisch krank“ wie ein Schatten auf mir. Nicht weil ich unfähig war– sondern weil ich nicht mehr planbar war.
Für mich war das damals die Bestätigung all meiner Ängste:
Die Angst, mit dem Schritt in die Therapie einen Fehler gemacht zu haben, weil ich danach nicht mehr funktioniere.
Und doch: Heute weiß ich, wie wichtig es war, dass ich selbst den Schritt in die Therapie gegangen bin. Dass ich nicht gewartet habe, bis andere mich retten. Dass ich mir selbst erlaubt habe, mir helfen zu lassen.
Ich glaube, diese Entscheidung – auch wenn sie spät kam – ist ein Grundpfeiler meines heutigen Selbstbewusstseins.
Sie hat mir die Grundlage gegeben, so offen über meine Erkrankung zu sprechen wie heute.
Natürlich gibt es immer noch Menschen, die Vorbehalte haben. In meinem engen Umfeld glücklicherweise kaum. Vielleicht auch, weil ich so offen über meine Gedanken und Gefühle spreche, dass ich kaum Raum lasse für Spekulationen.
Aber bei neuen Kontakten spüre ich es manchmal: die Zurückhaltung. Das vorsichtige Interesse, das schnell wieder verschwindet, sobald das Wort Therapie fällt.
Es ist ein Wort, das abschreckt. Weil Menschen damit etwas verbinden, das ihnen Angst macht – oder das sie nicht verstehen.
Ich wünsche mir, dass das irgendwann anders ist.
Dass man sagen kann: „Ich bin in Therapie“ – und niemand mehr fragt, ob man gefährlich oder gefährdet ist.
Dass man sagen kann: „Ich habe eine psychische Erkrankung“ – und nicht automatisch als labil, unzuverlässig oder zu sensibel abgestempelt wird.
Denn krank zu sein ist nicht meine Schuld. Sich Hilfe zu suchen, ist kein Makel. Und sich zu zeigen – auch mit den dunklen Anteilen – ist eine Form von Stärke, die mir heute keiner mehr nehmen kann.
Dieses Gefühl, nicht genug zu sein, begleitete mich auch in meiner ersten Klinikzeit.
Als ich zum ersten Mal dort war, kam sofort ein Gedanke, der mich innerlich auffraß:
„Bin ich überhaupt krank genug, um hier zu sein?“
Ich schaute mich um, hörte die Diagnosen der anderen, spürte ihre Geschichten, ihre Narben, ihre Abgründe – und begann, mich zu vergleichen.
Plötzlich entstand in mir ein stiller Wettbewerb um Schmerz. Um Tiefe. Um das schlimmste Erleben.
So paradox es klingt: Ich begann, mich absichtlich stärker zu verletzen. Nicht weil ich Aufmerksamkeit wollte.
Nicht weil ich es mir bewusst vorgenommen hatte. Sondern aus einem tiefen, unbewussten Bedürfnis heraus, mir selbst und anderen zu beweisen: „Ich habe ein Recht auf Hilfe.“
Ich machte mich – nicht mit Worten, aber mit Verhalten – kränker, als ich vielleicht war. Nicht aus Täuschung, sondern aus Angst, sonst nicht ernst genommen zu werden.
Ich glaubte, dass nur tiefes Leid Hilfe verdient. Dass ich „interessant genug“ für Therapie sein müsse.
Heute sehe ich das anders. Ich weiß: Hilfe ist kein Preis für besonders großes Leid. Sie ist kein Wettbewerb, keine Bewertung, kein Bewerbungsprozess.
Es geht nicht darum, wer am schlimmsten leidet – sondern wer Hilfe braucht.
Ich habe gelernt: Therapeut:innen suchen nicht den „interessantesten Fall“. Sie schauen, ob sie mit mir arbeiten können, ob Vertrauen entstehen kann.
Und ich habe gelernt: Ich darf Hilfe bekommen – einfach, weil ich darum bitte.
Das war vielleicht die größte Veränderung in meinem Denken:
Nicht erst zusammenzubrechen, um ernst genommen zu werden.
Nicht mehr leisten zu müssen, um mir selbst Erlaubnis für Therapie zu geben.
Sondern zu sagen: „Es geht mir schlecht – und das reicht.“
Mit 14 Jahren – kurz vor meinem ersten Suizidversuch – schrieb ich folgenden Text über meine frühen Erfahrungen mit Depression.
Damals hatte ich noch nicht die Worte, um das zu benennen, was in mir vorging. Die Dunkelheit, die mich umhüllte, die Leere und die lähmende Kraft der Selbstzweifel, die mich zu ersticken drohten, konnte ich nur in dieser metaphorischen Form ausdrücken.
Ich hatte nie gelernt, wie man über Gefühle spricht – wie man ausdrückt, was einen innerlich zerreißt.
Dieser Text war mein erster Versuch, das Chaos in meinem Inneren greifbar zu machen.
Heute bin ich dankbar, dass ich passende Worte finde, um mich auszudrücken. Aber auch wenn sich vieles verändert hat, gibt es Tage, an denen ich mich noch genauso fühle wie damals.
In solchen Momenten erinnere ich mich an diese Zeit – und an die Wege, die ich in mir selbst gefunden habe, um mit diesen Gefühlen umzugehen.
Ich habe den folgenden Text bewusst etwas gekürzt. Trotzdem, finde ich, bleibt spürbar, wie ich mich damals gefühlt habe.
„Ich habe dich niemals gebeten, hier einzuziehen! Verdammt, wann gehst du wieder?
Und immer diese Unordnung – ich halte das einfach nicht mehr aus.
Als du damals zu mir kamst, war ich froh, nicht mehr allein zu sein. Endlich jemanden zum Reden zu haben. Aber ich brauche dich nicht mehr. Ich komme auch allein klar!“
Ich schreie ihn an, doch als Antwort kommen nur ein dreckiges Lachen und die Worte:
„Du wirst es niemals allein schaffen. Dafür bist du einfach nicht gut genug.“
Ich knalle die Tür hinter mir zu und fange wieder an zu weinen.
Er hat recht, denke ich. Ich bin nicht gut genug. Allen nur eine Last. Und allein kriege ich ohnehin nichts hin.
Die Selbstzweifel fressen mich von innen auf.
Gedanken kreisen um alles Mögliche, ohne zu einem klaren Schluss zu kommen.
Bevor ich mich weiter darin verliere, klopft es an meine Zimmertür.
„Hey, das eben war nicht so gemeint. Du weißt doch, dass ich dich nur aufbauen will. Motivation und so, du verstehst?“
Ich erkenne das Muster. Wieder eine Masche, um mich zu täuschen.
Trotzdem raffe ich mich auf und öffne die Tür. Er steht direkt vor mir. Ich spüre seinen Atem im Gesicht.
Er ist größer, stärker, besser. Ich bekomme Angst.
Sein Lächeln verwandelt sich in ein gehässiges Grinsen.
Dann trifft mich der Schlag. Ich sinke zu Boden.
Die Tritte fühlen sich an, als würde mich eine Herde überrennen.
„Was bist du doch nur für ein nutzloses Stück Scheiße. Es wäre doch für alle das Beste, wenn du dich endlich umbringst. Aber dafür bist du wahrscheinlich auch zu blöd.“
Er dreht sich um und geht. Ich bleibe liegen, Tränen auf den Wangen, der Körper zittert.
Jetzt bin ich wieder allein. Ich liege lange da, bleischwer, unfähig mich zu bewegen.
Nach einer Ewigkeit und drei Litern Tränen schleppe ich mich schließlich ins Bett.
Ich starre die Decke an, bis ich irgendwann einschlafe.
Am nächsten Morgen weckt mich die Sonne durch die Jalousie.
Ich lausche, ob er da ist. Als ich Stille höre, atme ich auf.
Energiegeladen stelle ich mich unter die heiße Dusche – und merke, dass ich damit schon meine Tagesration an Kraft verbraucht habe.
Trotzdem gehe ich nach draußen. Zum ersten Mal seit Langem.
Die Luft ist frisch, der Wind fährt durch mein Haar.
Endlich frei. Endlich kein Zwang mehr.
Langsam kehren die Farben zurück: das Blau des Himmels, das Grün der Bäume, das Rot der Blumen.
Ich bleibe in einem kleinen Waldstück stehen. Diese Stille. Dieser Frieden.
Ich schließe die Augen. Doch plötzlich zieht wieder dieser graue Nebel auf.
Die Farben verblassen. Die Leere kehrt zurück.
Und dann höre ich wieder seine Stimme:
„Du kannst nicht vor mir weglaufen. Ich finde dich– egal, wo du dich versteckst.“
Ich renne los, blind, einfach weg.
Irgendwann bekomme ich Seitenstiche, falle zu Boden.
Mein Kopf dröhnt, alles dreht sich. Ich will liegen bleiben, einfach verschwinden.
Ich höre Schritte.
Er steht über mir, spuckt mir ins Gesicht. „So schnell wirst du mich nicht los. Es sei denn...“
Er hält mir Tabletten hin. Ich erkenne sie sofort – sie stammen aus meiner Schreibtischschublade.
„Es ist ganz einfach. Oder traust du dich nicht?“
Sein Lachen hallt in meinem Kopf wider.
Voller Verzweiflung reiße ich ihm die Packung aus der Hand.
Schon oft war ich an diesem Punkt – doch diesmal fühle ich, dass ich keine Kraft mehr habe.
„ICH HASSE DICH!“
Es klingt eher wie ein Flüstern.
Mit zitternden Fingern öffne ich die Wasserflasche und gebe mich dem Tablettenrausch hin.
Wenn ich diesen Text heute lese, erinnere ich mich an die überwältigenden Gefühle von damals – diese Wand aus Schwere, gegen die ich nicht ankam.
