Wunderschöne Lebewesen - Lionel Magikowski - E-Book

Wunderschöne Lebewesen E-Book

Lionel Magikowski

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Beschreibung

Wunderschöne Lebewesen hat Marco in seinen letzten 25 Jahren kennengelernt. Er pionierte mit Shitkatapult und Giannie Vitello die Friedrichshainer Technoszene als VJ Frame mit minimaler Elektronik, klaute Aroma die Jacht auf Sunshine Acid. Bis Corona kam, war alles ein hedonistischer Traum.

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Seitenzahl: 27

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Wunderschöne Lebewesen

Wunderschöne LebewesenImpressum

Wunderschöne Lebewesen

Wunderschöne Lebewesen

von

Lionel Magikowski

copyright 2020

"Jim, komm her, ich muss dich was fragen."

Jim setzt sich zu Marco ans Bett und rollt eine Zigarette.

"Was willst du mich fragen?"

"Du wolltest sterben, weil du neugierig auf die andere Seite warst, richtig? Damals als du in Paris in der Badewanne lagst, hast du es nicht mehr ausgehalten. Der Drang war zu groß. Du wolltest es endlich wissen. Niemand konnte dir sagen, was dich dort erwartet."

"Nein, niemand. Ich wollte es sehen, ich wollte es spüren."

"Hattest du keine Angst?"

"Nein, ich hatte keine Angst, weil ich mich so darauf freute, es zu erfahren."

Marco wälzte sich im Bett hin und her. Er war fiebrig und dachte über seinen Traum nach. Was war es, was Jim Morrison so anzog?

Das Ungewisse, der Reiz in diesem intimen Moment, wirklich der Einzige zu sein, wo man doch sonst immer einer von vielen ist?

Jim wusste immer, dass er einer von vielen ist.

Das hat ihn nie gestört, es war ihm einfach bewusst.

Deswegen brauchte er nie arrogant zu sein.

1

Er fühlte sich frei, auch wohl er von der Illusion wusste, wirklich frei zu sein.

Von der wirklichen Freiheit war er nur einen Schritt weit entfernt.

Er war der lässigste und coolste einer, dem die Freiheit alles bedeutete, ohne zu wissen, wie sie wirklich ist.

In seiner Verwirrung, verwechselte er sie mit dem Tod.

Marco stand auf und ging ins Bad, um zwei Kapseln Grippostad C zu nehmen, die er mit einem Glas Wasser hinunter spülte.

Er schaute aus dem Fenster in den Weddinger Innenhof und sah Schneeflocken, die sich auf seiner Fensterbank hinab ließen.

1995, kurz vor Weihnachten.Dann legte er sich wieder ins Bett, in der Hoffnung seinen Traum mit Jim Morrison weiter träumen zu dürfen. Doch Jim kam noch nicht.

Stattdessen drängte es ihm ins Badezimmer.

Auf der anderen Seite im dritten Stock der alten Mietsmansarde, in der Bernhard Wicki das Spinnennetz drehte, um 1902 erbaut, ging das Licht an und eine junge, schwunghafte Frau zündete sich eine Zigarette an. Sie war vollkommen entblößt und ihre leicht hervor stehenden Brüste schwebten vor dem Schnee verblassten Fenster. Dann zog sie die Gardinen zu.

„Hatte sie mich etwa gesehen?, fragte er sich.

„Sie wird mich vielleicht nicht mehr grüssen, wenn ich sie unten treffe. Oder ich sprech sie mal an, ob sie auf einen Kaffee vorbei kommen will.“

2

Er legte sich wieder ins Bett und träumte, bis Jim wieder kam.

„Hör zu, der Tod ist das Leben und das Leben ist der Tod.“

Er schlief sanft ein, so als Jim Morrison ihm eine gute Nachtgeschichte erzählt. Als er morgens aufwachte, war es draußen grau in grau.

Er machte sich einen Kaffe, ging ins Bad und schaute in den Spiegel. Er war 21 Jahre jung, Student im Zweifel mit der Sinnhaftigkeit seiner Studienfächer.

Obwohl er Psychologie, Philosophie und Theaterwissenschaften mit Schwerpunkt Film studierte, war ihm nie so wirklich klar, warum er eigentlich studierte.

„Der Tod ist das Leben und das Leben ist der Tod. So sagte es Jim. Dann ist das hier mein Gesicht, das Leben und das hinter mir der Tod. Wenn meine Identität mit meiner Umgebung verschmilzt, dann ist beides eins.“

Er war ohne Zweifel nach der Suche, nach etwas was ihm Antworten auf seine Fragen geben könnte, nach so etwas, wie die Wahrheit.