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Im Sommer 1964 hat der junge Ich-Erzähler Moritz Schoppe in dem oberfränkischen Städtchen Wunsiedel zehn leidvolle Wochen zugebracht - sein Engagement bei den dort alljährlich stattfindenden Luisenburg-Festspielen geriet zum Fiasko. 44 Jahre später stellt sich der einstige »Verfinsterungsort« für Schoppe anders dar. Zwar hat der Ich-Erzähler anfangs Schwierigkeiten, sich zurecht zu finden, doch es gefällt ihm auf Anhieb in der würzigen Luft des Fichtelgebirges, er unternimmt romantische Wanderungen in die fränkische Vergangenheit, forscht nach den Gräbern seiner Wirtsleute, seines alten Intendanten, und steht unerwartet vor dem Grab von Rudolf Heß. Auch den Hauptort frühen Unglücks, die Naturbühne der Luisenburg, sucht er auf, doch das einst so geliebte Theater ist ihm gänzlich fremd geworden, der Theaterrock endgültig zerschlissen. Im Gehen und Beobachten liegt die Chance eines Neuanfangs.
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Seitenzahl: 211
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Lektorat: Angelika Andruchowicz
© 2011 Verlag Das Wunderhorn GmbHRohrbacher Straße 18D-69115 Heidelbergwww.wunderhorn.de
Alle Rechte vorbehaltenSatz: Cyan, HeidelbergUmschlagfoto: © 2011 Isolde OhlbaumISBN: 978-3-88423-390-0
Michael Buselmeier
Theaterroman
»Man spricht viel vom Theater, aber wer nicht selbst darauf war, kann sich keine Vorstellung davon machen. Wie völlig diese Menschen mit sich selbst unbekannt sind, wie sie ihr Geschäft ohne Nachdenken treiben, wie ihre Anforderungen ohne Grenzen sind, davon hat man keinen Begriff.«
(Johann Wolfgang Goethe, »Wilhelm Meisters Lehrjahre«)
»Mir ist in meiner eignen Haut nimmer wohl. Ich will mir weismachen, dass ich sie abstreife, indem ich von mir tue, was bisher unzertrennlich von meinem Wesen schien, vor allem den Theaterrock.«
(Eduard Mörike, »Maler Nolten«)
Vierundvierzig Jahre oder ein Tag sind vergangen, seit ich – ein unerfahrener junger Mensch – den Bummelzug bestieg, der mich über Würzburg, Nürnberg und Bayreuth in die oberfränkische Kleinstadt Wunsiedel bringen sollte, damals eine etwa achtstündige Reise ins Unbekannte. Ich war aufgeregt, denn noch nie war ich längere Zeit allein von zu Hause fort gewesen. Aus dem Zugfenster sah ich die Mutter mit Tränen in den Augen am Bahnsteig stehen, im Davonfahren kleiner und kleiner werdend. Sie winkte mir mit der einen Hand, während sie mit der anderen den Dakkelhund wie zum Trost an sich drückte.
Es war ein Hochsommertag des Jahres 1964, hellstes Juniwetter, doch ich fühlte mich, als der Zug endlich abfuhr, alles andere als befreit. Ich war todtraurig, sobald ich das Neckartal hinter mir wusste. Am liebsten wäre ich sofort wieder umgekehrt. Ich versuchte mich auf die Sportseite der Lokalzeitung zu konzentrieren, aber die Buchstaben verschwammen mir vor den Augen und die Gedanken schweiften zurück. Eine kleinteilige Landschaft, hügelig und etwas bizarr, rüttelte im Fensterausschnitt vorbei, ein Flickenteppich aus Wiesen, Weizenfeldern, Waldstücken und vereinzelten Bauernhöfen. Birnen- und Apfelbäume am Feldrand, die Früchte blinkten wie gelbrote Lampions. Manchmal wuchsen die Bäume so dicht an den Bahndamm heran, dass es schien, als würden sie erst im letzten Moment vor der Lokomotive zur Seite weichen. Wenn der Zug langsam fuhr, konnte ich in die Täler, die Straßen der Ortschaften und selbst in einzelne Häuser hineinschauen. Ein weißes Kruzifix, ein Bildstock, flatternde Wäsche. Ein ganz mit Wein überwachsenes Bahnwärterhaus. Ein Sägewerk, ein Kalkwerk in einem versteckten Tal. Auf einem Grasweg eine alte Frau, die mit einem Stecken auf eine weiße Ziege einschlug; sie trug ein weißes Kopftuch, auch die Strümpfe weiß und die Beine dünn und krumm unter den Röcken. Andere Frauen auf Äckern über die Ernte gebückt oder im Hausgarten harkend, wieder andere in Kittelschürzen, vielleicht Arbeiterinnen einer nahen Zigarrenfabrik, redend und lachend vor einem ländlichen Bahnhof. Schon Feierabend in Franken… Eine Spatzenversammlung huschte wie trockenes Laub über den Erdboden, als sei ein Windstoß dreingefahren. Wohin denn unterwegs all die Vögel, die Frauen mit ihren Einkaufstaschen; die fränkischen Bauernhäuser am Wegrand, ernst auf den Abend zu mit immer längeren Schatten, Männer auf Fahrrädern oder zu Fuß, mit Körben und Werkzeugen beladen, auch die Alten mit glänzenden Milchkannen auf dem Heimweg, Kinder barfuß im Hof hockend zwischen Hühnern und Hunden.
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